Recycling Medeas, every day

Nizza, Brexit, Griechenland

Solch eine Trauer um die Opfer und ihre Angehörigen in Nizza. Der entfesselte Finanz-Kapitalismus gegen den Terrorismus, zwei Brüder im Geiste. Sie brauchen sich und nähren sich gegenseitig und gedeihen prächtig. Die Opfer: Wir alle, egal ob im Nahen Osten, in Europa oder anderswo. Das 21. ist ein dunkles Jahrhundert. Wir haben nichts aus dem 20. gelernt.

Einen Tag nach dem Brexit-Referendum veröffentlichte n-tv einen Artikel von Benjamin Konietzny unter der Überschrift: „Wer hat für den Brexit gestimmt? Arbeitslos, ungebildet, EU-Gegner. Rechtspopulismus hat Erfolgsrezepte, die auch in Großbritannien funktioniert haben.“

Die ignorante Diffamierung der Brexit-Befürworter als „arbeitslos, ungebildet, EU-Gegner“ und rechtspopulistisch – als wären das Bürger Zweiter Klasse – offenbart einen großen Realitätsverlust und öffnet Tür und Tor für neofaschistische Rattenfänger.

Vor ein paar Tagen sagte der britische Ex-Außenminister Lord David Owen über die EU: „Das Soziale wird völlig vergessen, die Märkte dominieren alles. Ich bin nicht mehr so überzeugt wie früher, dass in Europa der Gesellschaftsvertrag noch etwas bedeutet. Interessengruppen, Big Business – das ist alles, was zählt … Die EU ist dysfunktional, sie hat ihre Ideale verloren, sie stagniert …“

Es ist letztendlich das Verschulden der Sozialdemokratie in ihrer Funktion als linke Volkspartei, dass sie das „EU-Europa“ den „Banken“ übergeben und eine Politik gemacht hat, die sich gegen das Soziale und gegen den Bürger gerichtet hat – und die insgesamt als gescheitert angesehen werden kann. Griechenland ist das erste Opfer dieser Politik. Die Sozialdemokratie hat den Kampf um eine „gerechtere Gesellschaft“ den Rechtspopulisten überlassen. Das ist vielleicht die größte Schuld, die sie auf sich geladen hat.

Die Briten wollen sich nicht von Brüssler Eurokraten regieren lassen, und vielleicht ist der Grund eher der, dass diese – zusammen mit Cameron, Schäuble, Hollande etc. – eben kein Europa der Bürger, sondern ein „Europa der Märkte“ aufgebaut haben. Zum Zweiten könnte es sein, dass die Briten das Gefühl haben, mit den eigenen Politikern eher und direkter „fertig werden zu können“ als mit einer demokratisch nicht legitimierten EU-Kommission im fernen Brüssel, wo zudem die deutschen Wirtschafts-Interessen eine größere Rolle spielen als die britischen.

Der verpasste „GREXIT“

Melancholische Gedanken, ein Jahr nach dem OXI-Tag

24.6.
Heute vormittag – ich hatte gerade vom Brexit-Votum erfahren und trank darauf einen griechischen Kaffee – rief mich H. aus Paris an: „Sag mal, willst du nicht einen Artikel zum OXI-Tag am 5.7. schreiben?“ An diesem Tag vor genau einem Jahr stimmten 61% der Griechen mit NEIN/OXI gegen das EU-Spardiktat. Und obwohl der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras in den Wochen darauf aus dem NEIN ein JA machte und alles, was aus Brüssel und Berlin kam, unterschrieb und umsetzte – gegen seinen Willen, wie er immer wieder betont –, gingen Verarmung und Verelendung weiter, die Kindersterblichkeitsrate stieg noch mehr, die Arbeitslosigkeit ist immer noch bei 25%, die Jugendarbeitslosigkeit bei über 50%, die Renten werden weiter gekürzt, die Steuern extrem erhöht, Hunderttausende Griechen ohne Krankenversicherung. Ein fortwährender Niedergangsprozesses, und kein Ende in Sicht. Und das alles nach so vielen EU-„Rettungspaketen“, nach so vielen seit 2011 in Brüssel erlassenen „Reform-Gesetzen“.
Genutzt hat den Griechen das Votum vom 5.7.2015 nichts, obwohl es damals nicht um’s Geld ging. Die 61% NEIN-Stimmen waren das letzte Aufbäumen eines Volkes gegen so etwas wie eine neokoloniale Unterwerfung, die sich damals für die Griechen vor allem in einer Person manifestierte – in der des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble.
Ein alter Freund meines Vaters, ein Kriegs-Veteran, der im Zweiten Weltkrieg gegen die deutsche Wehrmacht gekämpft hatte, brachte die damals herrschende emotionale Agonie in den deutsch-griechischen Verhältnissen auf den Punkt: „Wir Griechen haben doch keinen Weltkrieg angezettelt. Wir haben keinen Genozid betrieben, keine KZs gebaut und die Welt nicht in Schutt und Asche gelegt. Wir haben doch nur uns selbst am meisten geschadet, sonst niemandem.“

27.6.
Die isländische Fußball-Mannschaft hat die englische besiegt und sie aus dem EM-Turnier geworfen. Wie bitter, drei Tage nur nach dem beschlossenen Brexit. Eine Journalistin, die mich heute aus Athen anrief, sagte: „Warum sind wir letztes Jahr nicht raus – zumindest aus dem Euro? Das OXI am 5.7. war doch so etwas wie ein „Grexit“-Referendum.“ Sie gab sich selbst die Antwort: „Tsipras und seine scheinlinke Partei hatten nicht den Mumm, den richtigen Weg zu gehen.“
Tsipras‘ Geschichte geht so: „Den Aufstand gegen die EU und Deutschland kann sich das kleine, verarmte und „depressive“ Griechenland nicht leisten. Der einzige Weg, um das zu tun, führt über einen Ausstieg aus dem Euro, aber dafür habe ich kein Mandat vom griechischen Volk, also musste ich das furchtbare Abkommen unterzeichnen, um einen noch furchtbareren Staatsbankrott und ein maßloses Elend zu vermeiden.“
Viele Griechen antworten inzwischen darauf: „Dann hättest du in der Opposition bleiben sollen.“

28.6.
Hab gerade mit einem Freund aus Thessaloniki telefoniert. Er meinte: „Sei nicht so negativ im Hinblick auf Tsipras. Wir Griechen wollten letztes Jahr nur eins: Die alte, marode, verbrecherische Politikerkaste, die Griechenland in die Katastrophe geführt hatte, endlich abwählen. Es gab doch nur Tsipras, der sich als Alternative anbot. Wir wollten endlich diese Clique Samaras-Mitsotakis- Venizelos-Karamanlis-Simitis weghaben. Das verstehen sie außerhalb Griechenlands nicht.“
Er hat recht. Hinzu kam die unheilige Allianz zwischen Brüssler und Berliner Administration mit diesen durch und durch korrupten Politikern von PASOK und Nea Demokratia, die in den letzten 40 Jahren ein ausgeklügeltes System der Vetternwirtschaft, Steuerhinterziehung und des Klientelismus aufgebaut haben. Durch diese Allianz wurde aus dem innergriechischen Kampf gegen ein kriminelles und reformresistentes Establishment ein Kampf gegen die EU und gegen Deutschland.

3.7.
Heute hat Island 2:5 gegen Frankreich verloren. Und mir fällt ein: Als die Isländer erkannt haben, wie Europa mit dem Mitgliedsstaat Griechenland umspringt, haben sie sofort ihren Antrag auf Aufnahme in die EU zurückgezogen; spielen seitdem einen tollen Fussball, und auch wenn sie verlieren: kein Zeichen einer „Depression“.
Heute ein langes Telefonat über den Brexit/Grexit mit Andonis. Er ist verzweifelt: „Wir haben mehrere Probleme in Griechenland. Das größte sind wir Griechen selbst und unsere nicht-existierende Zivilgesellschaft. Das zweite sind die korrupte und mafiöse Macht-Elite und die Oligarchen, die immer noch das Sagen haben, trotz der Tsipras-Regierung. Das dritte unsere niemals stattgefundene Vergangenheitsbewältigung. Und das vierte ist ein Europa, das weder die Interessen Griechenlands, noch die Interessen von uns Bürgern, sondern jene der „Märkte“ und des „Big Business“ im Fokus hat. Was sollen wir tun?“
Auf diese Frage müssen wir zweifellos antworten. Griechenland ist der größte Verlierer innerhalb der EU – und wird es auf Jahrzehnte hinaus bleiben.

4.7.
Deutschland ist der größte Gewinner innerhalb der Europäischen Union. Von deutschen Mitbürgern höre ich immer wieder zwei Aussagen zur griechischen humanitären Katastophe: 1) „Ihr Griechen seid selber schuld“ und 2) „Hauptsache, wir kriegen unser Geld wieder“. Die erste Aussage beruhigt das Gewissen, die zweite impliziert: „Egal, was ihr durchmachen müsst und egal, wie viele Menschen in Griechenland deswegen sterben. Denn ihr seid ja selber schuld.“ Ein Tanz der Erklärungen im Teufelskreis.
Diese dumme, zutiefst menschenverachtende Haltung offenbart mir, dass nicht nur wir Griechen ein existenzielles Riesenproblem haben, sondern auch Deutschland, das sich sehr verändert hat in den letzten Jahren, und auch diese Europäische Union, die offensichtlich keine Union für Menschen ist. Vielleicht hätte das OXI von vor einem Jahr zu einem GREXIT oder wenigstens zu einem Euro-Exit führen sollen. Dann hätten wir wenigstens eine kleine Chance auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit gehabt … wie die fröhlichen Isländer.

© Asteris Kutulas

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Rückkehr nach Berlin, 11.6.2016

Rhythmus und Klang

In einem Spiegel-Artikel lese ich gerade die Aussage einer Studentin: „Allein kann man viel mehr bewegen als mit einem störenden Apparat im Hintergrund“. Und weiter der Reporter: „Sie wolle sich eben nicht als Parteimitglied engagieren, sondern als Mensch… Die alten Feindbilder, die strengen Lagergrenzen zwischen links und rechts hätten ausgedient – und deswegen auch das Interesse, an Wahlen teilzunehmen…“ Mikis verhielt sich irgendwie immer „wie die Jugend von heute“.
Ich höre, es ist frisch in Chania. Aus Deutschland haben sich die Unwetter verzogen, die Europameisterschaft hat begonnen. Es wird Sommer. In ein paar Wochen hat Theodorakis wieder Geburtstag. Widerstand ist eine Sache von Rhythmus und Klang einer „Mantinada“. Das erfährt man, wenn man auf Kreta ist.

© Asteris Kutulas

Athen, 6.5.2016

Mosche Dajan in Griechenland

Ich besuchte heute nocheinmal Mikis nach unserer Rückkehr in Athen. Die Kreta-Reise hat ihn verjüngt. Er strahlt. Er spricht und spricht – wie früher:
„Es geht heute natürlich nicht um einen bewaffneten Widerstand, das ist absurd. Aber es geht um die innere Haltung der Menschen. Es geht um unsere nationale Souverenität, die wir längst verloren haben. Es sind neue Arten von Diktaturen, auf die wir uns jetzt einstellen müssen. Wie überlebt Demokratie unter solchen Umständen, denen wir jetzt ausgesetzt sind? Während der Diktatur zwischen 1967 und 174 waren die Dinge eindeutig. Als die Obristen am 21. April 1967 in Griechenland putschten, war das eine Militärdiktatur nach altem Muster, die errichtet wurde. Ich erinnere mich, dass Mosche Dajan, der damals in Athen war, einen Tag nach dem Putsch meine Frau aufsuchte und sie bat, ein Treffen mit mir möglich zu machen. Ich lebte in der Illegalität, war untergetaucht. Zwei Tage später kam es zu diesem Treffen, und Mosche Dajan (der einige Wochen später als Verteidigungsminister in Israel den Sechstagekrieg entscheiden sollte) sagte zu mir: ‘Mikis, lass uns zusammen den Widerstand gegen die Junta in Griechenland aufbauen! Du übernimmst die politische Arbeit, und ich werde den militärischen Flügel der Befreiungsorganisation PAM leiten.’ Ich erwiderte: ‘Mosche, das ist keine gute Idee. Wenn das bekannt wird, haben wir alle Geheimdienste der Welt am Hals. Ich bleibe hier in der Illegalität, und du gehst zurück nach Israel und machst Druck gegen die griechische Junta in der israelischen Öffentlichkeit und bei der Regierung.’ Damals waren die Dinge klarer. Das Feindbild war klarer. Heute gleiten wir in einer ‘verschwommenen Situation’ in die Diktatur hinein bzw. aus der Demokratie heraus.“

© Asteris Kutulas

KRETA-TAGEBUCH, 5.6.2016

Bürgerkriegsland
(Mit Mikis Theodorakis unterwegs in Kreta)

Im Auto, unterwegs zu einem großen Konzert zu Ehren von Theodorakis am Fuße des Weißen Gebirges, meinte Stathis: „Wir hier auf Kreta haben alles. Selbst der Menschenschlag ist ein anderer hier Wir könnten unser eigenes Ding machen.“ Giorgos widerspricht: „Quatsch! Wir sind Griechen. Wir gehören zu Griechenland.“ Und zu mir gewandt: „Das Problem, das viele Griechen mit Mikis haben, offenbart das ganze Dilemma Griechenlands. Er gehört seit den 50er Jahren zu den wenigen – und manchmal war er auch der Einzige –, die die Entzweiung unseres Volkes in die Bürgerkriegsparteien, in Linke und Rechte, niemals hinnehmen wollten. Parteigrenzen waren ihm egal. Er wollte, dass die Griechen sich vereinigen, unabhängig davon, ob sie links oder rechts sind, um ein demokratisches und unabhängiges Land aufzubauen. Aber das war über Jahrzehnte das Schlimmste, was man in Griechenland denken und äußern konnte. Griechenland ist bis heute ein Bürgerkriegsland geblieben.”

© Asteris Kutulas

KRETA-TAGEBUCH, 4.6.2016

Licht in dunklen Tagen
(Mit Mikis Theodorakis unterwegs in Kreta)

Das Theodorakis-Museum in Galatas ist noch lange nicht fertig. Heute zeigt sich, dass bisher nur die Arbeiten an der äußeren Hülle so weit fortgeschritten sind, dass man sagen kann: In Ordnung. Aber sowohl die Stadt Chania als auch der griechische Komponist wollen ein Zeichen setzen für die Zukunft. Der Bürgermeister von Chania erklärt: Wie Salzburg die Stadt Mozarts und Bayreuth die Stadt Richard Wagners ist, so soll Chania die Stadt Mikis Theodorakis’ werden. Chania legt am heutigen Tag ihrem berühmtesten Sohn alles zu Füßen, was sie hat: Ehrenbürgerschaften, Auszeichnungen der Präfektur, Auszeichnungen der Universitäten Kretas, Ehrendoktorwürde.

Mikis dankt mit einer Rede. Ganz langsam, Satz für Satz, liest er aus Perkikles’ (in Thukydides’ Geschichte des Peloponnesischen Krieges überlieferte) Gefallenenrede. Über Demokratie. Über Freiheit. Über Bürgerrechte. Zu jedem Absatz macht Mikis eine Anmerkung im Hinblick auf die gegenwärtige Situation. Bei dem Satz: „Männern, die sich durch ihre Taten ausgezeichnet haben, sollte man auch durch Taten die letzte Ehre erweisen“ hält er inne, und sagt: „Wir sind Kreter. Ich erzähle Euch etwas über meine Vorfahren… 1915, während des 1. Weltkriegs, versuchten mein Vater, der damals 15 war, und sein Bruder, der damals 17 war, an die Front zu kommen, heimlich, weil sie Angst hatten, mein Großvater hätte sie niemals gehen lassen. Der war ein Hüne, mit einem riesigen Schnauzbart. Die beiden kamen tatsächlich bis zum Hafen von Suda und versteckten sich im Laderaum eines Schiffes. Plötzlich stand ihr Vater an Deck, irgendwo über ihnen, schaute zu ihnen hinunter und rief ihnen zu: Hier, nehmt dieses Brot mit und auch diese Taler. Ihr werdet sie auf dem Weg an die Front brauchen. Und noch eins: Kämpft, und macht uns keine Schande!“

Das Publikum im übervollen Saal absolut still. Mikis fährt fort: „Als ich 1967 gefangen genommen wurde, hielt man mich 60 Tage in Einzelhaft fest, in der Sicherheitszentrale von Bouboulinas, und kurz vor dem Tribunal durfte ich meinen Vater sehen, wovon man sich erhoffte, dass er mich zur Raison bringen würde. Ich sollte mich ‘einsichtig’ zeigen und meinen Überzeugungen abschwören. Als man uns beide zusammenbrachte, sagte der zuständige Offizier zu meinem Vater: ‘Herr Theodorakis, Ihr Sohn wird angeklagt nach dem Paragraphen 447 des Kriegsrechts.’ Mein Vater: ‘Können Sie mir das bitte bringen?’ Er schlug die entsprechende Seite langsam auf, sah mich an und sagte: ‘Mein Sohn, das ist ein Kriegsrechtsgesetz, und es steht mit roter Tinte darunter: Kann zur Verurteilung zum Tode führen.’ Er schaute den Offizier an. Dann, wieder mir zugewandt: ‘Du hast meinen Segen.’“

Er sieht seinen Zuhörern in die Augen: „Haben wir heute Demokratie in unserem Land? Nein. Verhalten wir uns gastfreundlich gegenüber den Fremden? Nein.“ Mikis kommt zu einem Thema, das in ganz Europa so aktuell ist wie noch nie zuvor. Wie wehrhaft ist unsere Demokratie? Wie weit kann oder muss man gehen, um sie zu verteidigen? Und seine Botschaften an die Zuschauer im Saal sind zwei: “ Sie haben euch eure Unabhängigkeit genommen. Sie haben euch eure Demokratie genommen. Sie haben euch euer Geld genommen. Und was macht ihr? Ihr geht zum Strand, trinkt einen Kaffee und vergnügt euch.“ Und in Anlehnung an Perikles’ Aussagen, dass die Athener „Kampf und Tod für besser hielten als Unterwerfung und Leben“ sagt er: „Ich verfluche meine Beine, weil sie mich nicht mehr tragen können und weil ich keine ‘Kalaschnikow’ mehr halten kann, um mich zu verteidigen. Ihr müßt Widerstand leisten. Ihr müßt wieder das verbotene Wort Revolution denken.“ Im Saal wird es noch stiller. Vor genau 75 Jahren, Ende Mai 1941, fand die Luftlandeschlacht um Kreta statt. Wer auf Kreta lebt, lebt schon immer im Widerstand, vor 1941 und danach. Bevor deutsche Fallschirmjäger kamen und danach.
Nach etwa fünfzig Minuten beendet Theodorakis seine Rede. Im Saal braust Beifall auf, und die Kulturbeauftragte der Stadt Chania schluchzt ins Mikrophon: „Danke, Mikis, für dein Licht in diesen dunklen Tagen.“

© Asteris Kutulas

KRETA-TAGEBUCH, 3.6.2016

Kreta, eigentlich
(Mit Mikis Theodorakis unterwegs in Kreta)

Das Flugzeug von Athen nach Chania ist voll. Mein Sitznachbar zur Rechten, der ein offenbar großes Redebedürfnis hat, erklärt mir: „Kreta gehört eigentlich nicht zu Griechenland. Kreta ist das eigentliche Griechenland.“ Links neben mir sitzt Anastassia, eine griechische Lyrikerin, die aus dem selben Grund wie ich nach Kreta fliegt. Sie meint: „Vielleicht ist das seine letzte Reise. Da muss man dabei sein.“ Vorn in der ersten Reihe der fast 91jährige Mikis Theodorakis mit seiner Tochter Margarita und seiner Assistentin Rena. Das ist vielleicht tatsächlich seine letzte Reise. Am Telefon hatte er mir gesagt: „Ich muss checken, ob sie mein Grab richtig bemessen haben. Ich bin 1,97 groß, und ich will nicht, dass sich während meiner Beerdigung plötzlich herausstellt, dass das Grab zu kurz ist.“ Die griechische Ikone Theodorakis fliegt nach Kreta, in das Land seiner Vorfahren, um in Galatas, dem Vorort von Chania, das zukünftige Theodorakis-Museum zu besichtigen, das im Haus seiner Eltern eingerichtet wird.

Gleich nach meiner Ankunft besuchte ich Stelios Lainakis. Einer der bedeutendsten Erforscher kretischer Musik. Der Taxifahrer, der mich zu ihm hinbringt, fragt mich: „Kannst Du auf die Quittung verzichten? Dann verdiene ich wenigstens was. Die Mehrwertsteuer ist auf 24% erhöht worden, Benzin ist teurer geworden und auch die Wartung. Weisst Du, wieviel hängenbleibt bei mir als Fahrer von den 25 Euro? 3,50 Euro! Davon kann man nicht leben, nur langsam sterben, und hoffen, dass man nicht krank wird. Mit meinen 55 Jahren und bei der Arbeitslosigkeit habe ich keine Chance. Komme mir inzwischen wie ein Bettler vor. Die Krise frisst uns alle auf.“

Stelios Lainakis zeigte mir die Instrumente, die er entweder geerbt oder selbst gebaut hatte: Laute, Bouzouki, Saz, Bulgari, Gitarren. Dann holte er seinen Sohn Leonidas, der wie er Instrumentenbauer und Musiker ist, und sie spielten mir eine Mantinada, ein kretisches Volkslied, für Mikis vor. „Du nimmst das jetzt auf und spielst ihm das vor. Ist das klar?“ Als sie fertig waren, sagte er zu mir: „Diese Mantinada hat einer unserer Onkel geschrieben, der wie Mikis erst gegen die deutsche Wehrmacht und dann im Bürgerkrieg Ende der 40ern gegen die Engländer gekämpft hat. Also genau wie Mikis. Er wird jedes Wort des Liedtextes verstehen.“ Und dann voller Stolz: „Weißt du, was Mikis auf der Todes-Insel Makronisos seinen Folterern entgegnete, als er die Reueerklärung unterschreiben sollte? Er hat nicht gesagt: Ich unterschreibe nicht, weil ich Kommunist bin. Sondern er hat gesagt: Ich unterschreibe nicht, weil ich Kreter bin.“

© Asteris Kutulas

Hellas Filmbox Berlin – Strategie und Konzept

Interview mit Festivaldirektor Asteris Kutulas
Von Maria Brand

(November 2015)

Hellas Filmbox Berlin, First Edition: 21.1.-24.1.2016, Babylon
71 Filme, 36 Slots, 25 Q&As, 10 Nebenveranstaltungen
Webseite: www.hellasfilmbox.de
Facebook: www.facebook.com/hellasfilmbox

Maria Brand: Welche sind die wichtigsten Faktoren, die man Ihrer Meinung nach beachten muss, wenn man vorhat, ein Besucherfilmfestival auf die Beine zu stellen?

Asteris Kutulas: Es gibt wunderbare Festivals, die es sich leisten können, den rein künstlerischen (oder „avantgardistischen“) Aspekt in den Mittelpunkt zu rücken. Andere Festivals wollen eher ein breites Publikum erreichen, und das gelingt vor allem thematisch. Und dann gibt es die großen Festivals, die beides vereinen können.
Aber bei einem so genannten Publikumsfestival, wie wir es vorhaben, geht es immer darum, eine „Zielgruppe“ zu erreichen und um „Vermarktung“. Und natürlich darum, und vor allem darum, dass die Filme und das Publikum irgendwie „zusammenkommen“ sollten. Das muss man als Festival-Macher im Auge haben und ein strategisches Konzept dafür entwickeln. Es ist also nicht so sehr ein „künstlerischer“, sondern eher ein „kultur-politischer“ Fokus notwendig. Das kann man auch mit „Marketing“-Relevanz umschreiben oder damit, dass man dem Festival einen „Event-Charakter“ (was immer das heißen mag) geben muss.
Es ist wichtig zu begreifen, was das bedeutet: dass es in einer Stadt wie Berlin (und das gilt für andere Metropolen noch mehr) hunderte von Festivals gibt. Denn das wirft sofort die Frage auf: Warum noch eins mehr? Was muss man unternehmen, damit die Presse und das Publikum überhaupt auf dieses eigene, neue Festival reagieren? Von Bedeutung sind bereits im Vorfeld Gespräche mit Pressevertretern, Kulturpolitikern und eventuellen Sponsoren, um von vornherein Entscheidungen treffen und eine Struktur aufbauen zu können, die „Öffentlichkeit“ und Finanzierbarkeit überhaupt realistisch erscheinen lassen.
Und schließlich sollte man ein Team haben – verrückt genug, viel Zeit und Energie in das Projekt zu stecken – und das alles ohne Geld. Voraussetzung dafür ist, dass das Projekt den Machern Spaß macht, dass sie zu 100% hinter dem Projekt stehen und es unbedingt realisieren wollen. Durch diese Energie, das Durchhaltevermögen und zugleich die notwendige Professionalität bekommt das Ganze dann auch eine „Aura“ und eine „Message“ und dadurch wiederum jene Ausstrahlung, die es braucht, um Filmemacher, Journalisten und ein Publikum zu interessieren und schließlich zu begeistern.

Inwiefern kann Ihrer Meinung nach ein Filmfestival des zeitgenössischen griechischen Kinos in der deutschen Gesellschaft ein Umdenken und eine veränderte Auffassung über den „faulen und korrupten Griechen“ bewirken?

Für viele ist das Medium Film ein zugänglicheres und leichter zu konsumierendes Medium als das Buch, das Gedicht, die Bildende Kunst, das Theater oder anspruchsvollere Musik. Immerhin können an einem Wochenende Tausende von Menschen direkt (und weitere Zehntausende über Presse und Social Media) mit den Welten griechischer (verfilmter) Realität in Kontakt kommen. Unabhängig davon, ob diese als Komödie, Dokfilm, Krimi, Thriller oder Short auf der Bildfläche erscheint, ist diese filmische Realität doch immer ein sehr spezifischer Ausdruck griechischer Lebensweise, Denkungsart, aber auch des Alltags – und sei es, dass sie als eine vollkommen überspitzte Realität zu sehen ist. Das alles hat jedenfalls tatsächlich mit Griechenland und „den Griechen“ zu tun, und nichts mit deutschem Tagesjournalismus.

Sie sprechen über die anti-griechischen Kampagnen in der deutschen Presse?

Die Medien haben fünf Jahre lang ein Griechenlandbild vorgegeben, wie wenn man auf Griechenland durch einen sehr kleinen Rahmen schaut. Beim Fotografieren wäre das der Sucher, der einen begrenzten Bildausschnitt festlegt. Man hat sich auf das Negative konzentriert und das in den Fokus gerückt. HELLAS FILMBOX BERLIN macht den Rahmen des Suchers und damit den Bildausschnitt viel größer. Bei der „Bild“ z.B. heißt es: „Bild dir deine Meinung“. Es geht also interessanterweise tatsächlich um Bilder: Was haben wir vor dem Inneren Auge? Was haben wir im Blick, wenn wir an Griechenland denken? Ein Bild von etwas macht man sich. Das ist also etwas ganz Aktives. Wenn ich einerseits die Medien in Deutschland sehe, die einseitige Vor-Bilder geliefert haben, dann ist es andererseits die Sache von HELLAS FILMBOX BERLIN, mehr und andere Bilder anzubieten. Und wenn ich vorhin sagte, das Projekt muss den Machern Spaß machen, dann sind die vielen anderen Griechenland-Bilder, die wir zur Verfügung haben, genau das, was dem Team diesen Spaß beschert: ein reicher Fundus statt dieser beschränkte Bild-Ausschnitt.

Ist ein solches Projekt mit öffentlicher Förderung finanzierbar?

Wenn das Projekt aktuell „wichtig“ und ganz offensichtlich in irgendeiner Weise Ausdruck des „Zeitgeists“ ist, und wenn es von einem guten Team konzipiert und gemanagt wird, dann kann es sich auch finanziell über kurz oder lang „durchsetzen“. Egal, ob das mit öffentlicher Förderung, Sponsoring oder über den Ticketverkauf und/oder durch Selbstausbeutung erreicht wird.
Das Interessante an unserem HELLAS FILMBOX BERLIN-Projekt ist, dass wir sowohl sehr künstlerisch als auch sehr „politisch“-aktivistisch daherkommen, was eine Finanzierbarkeit sehr schwierig macht. Wir haben kein Geld und auch keinen Glamour, HELLAS FILMBOX BERLIN ist kein „Roter-Teppich-Event“, sondern ein „Schwarzer-Teppich-Event“.

Was muss ein Kulturmanager mitbringen, der so ein Projekt auf die Beine stellen will?

Ein Filmfestival kann eigentlich „jeder“ machen – oder eben nur ganz wenige … Je nachdem, wie man’s nimmt. Es ist ganz einfach: Man braucht „nur“ etwas Geld, man sucht sich ein Thema, ein Motto, man lässt sich ein paar Filme schicken, schaut sie sich an, stellt eine Auswahl zusammen, mietet für ein Wochenende ein Kino, verschickt eine Presserklärung und wartet ab, was passiert. So ungefähr – sehr überspitzt gesagt – werden viele Festivals „gemacht“. Das ist keine Negativ-Bewertung meinerseits, sondern ich will damit sagen: Jede „Liebhaberei“ entspringt einer Passion; und von einer Idee dahin zu kommen, dass das Festival tatsächlich stattfindet – das ist immer mit viel Arbeit und Energieaufwand verbunden. Ich habe davor in jedem Fall Respekt.
Neben solchen eher „privat“ motivierten Projekten gibt es die großen kommerziellen Festivals, quasi das Marketing-Instrument der (vor allem US-amerikanischen) Filmindustrie: Sundance, Cannes, Berlinale, Venedig etc. Dazu gehören ein Millionenbudget, große Namen und viel Glamour. Zwischen diesen beiden Polen gibt es Dutzende Arten von Festivals …
Ich denke, die Aufgabe eines Kulturmanagers besteht zuerst darin, seinem Projekt „Leben“ einzuhauchen, ihm ein „Herz“, einen „Puls“ zu geben. Dafür brauchst du eine „Message“, die allerdings eine essentielle und nicht nur eine „behauptete“ ist – und die du gut „verkaufen“ kannst. Zweitens muss ein Kuturmanager eine organisatorisch und finanziell stimmige Strategie erarbeiten und drittens ein gutes, motiviertes Team zusammenstellen können. Viertens braucht er das „Glück“ auf seiner Seite, das man mit viel Arbeit bis zu einem gewissen Grad durchaus heraufbeschwören kann.

Könnten Sie sich vorstellen, dass dieses Festival mit einem ähnlichen – auf dem gleichen Charakter basierenden – Festival zusammenwachsen kann? In einer Art Fusion, die die einzelnen Kräfte zu einem Katalysator der Schöpfungskraft und Kreativität zusammenführt? Unter welchen Voraussetzungen?

Da mich das „Filmfestival“ als eine Institution an sich nicht besonders interessiert und ich persönlich das Ganze „nur“ aus aktivistischen Gründen mache, kann ich diese Frage mit NEIN beantworten. Aber abgesehen davon, würde ich niemals etwas gründen, was von einem anderen bereits gegründet wurde oder was etwas anderem so ähnlich ist, dass man mit diesem anderen fusionieren könnte. Warum sollte ich das tun?

Was macht bei HELLAS FILMBOX BERLIN die Besonderheit aus, die konkreten Unterschiede? Und welche – würden Sie zusammenfassend sagen – sind die Voraussetzungen für ein individuelles Festival?

Am Anfang stand nicht die Idee, ein künstlerisches oder ein kommerzielles Festival zu machen, sondern hier gab es eine negative, hochproblematische Situation in der Gesellschaft, einen Fanatismus, die Stigmatisierung eines ganzen Volkes – und wir beschlossen, darauf zu reagieren.
Es gab also aktivistische Gründe: Griechenland und seine Menschen wurden in absolut negativer Art und Weise dargestellt. Dialog und Austausch – darum ging es nicht mehr. Darum geht’s aber bei Kunst.
Wo sozusagen alles danach rief, Griechenland den Rücken zu kehren, sich abzuwenden, hatten die Festivalinitiatoren eine andere Intention: hinschauen, sehen, was es gibt, es zu präsentieren, gerade das zu zeigen, was keine Rolle mehr spielte. Im Grunde genommen hatte man den Idealfall: ein Tabu. Und gerade die Jüngeren sind damit aufgewachsen: dass Medien das zum Thema machen, was Tabu ist. Es soll gerade über das intensiv kommuniziert und diskutiert werden, was verschwiegen wird. Und das kreative Leben der Menschen in Griechenland ist genau so etwas.
Mit Griechenland ist hier in Deutschland inzwischen etwas sehr Merkwürdiges passiert: Es ist zu einem plötzlich größtenteils wieder unbekannten, unsichtbaren Land geworden, ein kulturelles No-Go-Areal, das – wie nach einem Vulkanausbruch – unter einer dicken Ascheschicht begraben liegt; und nun geht eine Expeditionsteam daran, es freizulegen. Man entdeckt die Wandmalereien von „Pompej“ wieder. Und nicht nur das. Es stellt sich heraus, an diesem Ort passiert was. Die Vulkanasche ist fruchtbar. Manche Teile sind ganz und gar versunken, wie bei der Insel Santorini, bei der man sich sogar fragt, ob das vielleicht das sagenhafte Atlantis war, also ein verlorener Sehnsuchtsort. Interessanterweise kann man Sehnsuchtsorte mittels seiner Vorstellungskraft rekonstruieren.

© Maria Brand, November 2015
(für diablog.eu)

Paris, Europa, unsere Zukunft

Europa hat sich verändert. Der Kapitalismus hat sich verändert. Wir sind durch Reagan, Thatcher, Kohl, Bush & Bush, Blair & alle, die von dieser Entwicklung partizipierten, in die Neobarbarei des entfesselten Finanz-Kapitalismus getrieben worden. Wir ernten, was wir gesät haben. Und was jetzt – nach den schrecklichen Ereignissen von Paris – passieren wird, ist voraussehbar und gewollt: Europa wird autoritärer, militaristischer, totalitärer, wird sich in der „Staatsform“ jener von Russland und China annähern. Die Demokratie wird in einem schleichenden Prozess ausgehebelt (wie in Griechenland, wo es keine Demokratie mehr gibt), die Löhne werden fallen, die Umverteilung des Reichtums nach oben wird rasant zunehmen, die totale Überwachung eines jeden Einzelnen wird gesellschaftlich sanktioniert (was aber nicht mehr Sicherheit bringen wird) … und „Europa“ ist (sowieso) am Ende, ob mit oder ohne „Flüchtlinge“. Die „PEGIDA-Ideologie“ (der Faschismus-Verschnitt des 21.Jahrhunderts) wird immer mehr zum Mainstream für eine immer kleiner werdenden Mittelschicht und für ein immer größer werdendes Prekariat. Neue „Mauern“ und neue „Konzentrationslager“ werden entstehen. Schießbefehle an den Grenzen und anderswo werden erlassen und in Kauf genommen. Die „Schönheit“ und die „Utopie“ verschwinden als gesellschaftlich relevante Topoi oder als erlebbare „Kategorien“. Das Hässliche und das Destruktive gewinnen die Oberhand. So sieht unsere Zukunft aus, gewöhnen wir uns daran.

© Asteris Kutulas

Keine Vision für Griechenland

WARUM ALEXIS TSIPRAS UND SYRIZA GESCHEITERT SIND

Alexis Tsipras hätte nach seiner Wahl Ende Januar 2015 sagen müssen: I HAVE A DREAM. Er hätte die Idee von einer „neuen Gesellschaft“, eine Vision für eine NEUE Zukunft Griechenlands entwickeln müssen. Aber er hat(te) offensichtlich weder einen Plan und noch weniger einen Traum.

Die neue Regierung hätte sofort nach der Wahl im Januar 2015 erklären müssen: WIR Griechen sind selbst (haupt)verantwortlich für das Desaster und das Leid in unserem Land. Diese Aussage hätte nämlich bedeutet: WIR selbst sind es, die auch etwas dagegen tun können! Die SYRIZA-Regierung hätte sagen können: ‘Fangen wir bei dem an, was wir in Griechenland selbst verändern können, um uns aus dem Sumpf zu ziehen.’ Und man könnte sehr viel tun … Die Regierung hat aber überhaupt keinen Ansatz erkennen lassen, in dieser Richtung zu denken, zu kommunizieren, Konzepte zu entwickeln oder gar zu handeln; und somit hat sie – genau wie die Regierungen davor – den Eindruck verstärkt, dass die AUSLÄNDER (vor allem die Deutschen) schuld sind an dieser Misere, und wir könnten nichts dagegen tun.

Wir Griechen können nicht Frau Merkel und Herrn Schäuble kontrollieren, geschweige denn Deutschland. Wir können aber unsere eigenen Politiker wählen und deren Politik bestimmen – und wir können unser eigenes Land verändern, u.a. indem wir uns selbst verändern. Dieser „ideologische Egoismus“, der die griechische Gesellschaft seit zwanzig, dreißig Jahren wie ein Krebsgeschwür zerstört, muss zurückgedrängt werden. Theodorakis hat das bereits 1991 – gemünzt auf die damals Regierenden – auf den Punkt gebracht: „Sie haben die Kassen geleert, sie haben die Herzen geleert, sie haben die Hirne geleert.“ Und wir haben das mit uns und mit unserem Land machen lassen.

Wenn Politik so gemacht wird, dass die Jugend und ihre Rechte NICHT in die Betrachtungen von Politik mit einbezogen werden (und das werden sie nicht), dann hat nicht nur diese Jugend keine Perspektive, sondern auch nicht das Land. Ich jedenfalls habe nicht wahrgenommen, dass Alexis Tsipras eine Zukunftsvision, einen Plan für ein neues, ein anderes Griechenland gehabt oder kommunziert hätte.

P.S. Mit der Unterschrift von Alexis Tsipras unter dem 3. sogenannten Rettungspaket im Juli 2015 hat Griechenland den Verlust seiner Souveränität auf Jahrzehnte hinaus besiegelt. Dieses „Rettungspaket“ – da sind sich alle Wirtschaftsexperten einig – wird mehr Armut, höhere Arbeitslosigkeit und höhere Schulden bringen. Der einzige Leidtragende in diesem europäischen Game of Thrones ist also (bislang) nur das griechische Volk.

Die Wahlerfolge von Alexis Tsipras und SYRIZA 2015 offenbaren andererseits die Willensbekundung vieler griechischer Bürger, einen Schlußstrich unter die katastrophale Vergangenheit zu ziehen – unabhängig von den „internationalen“ Implikationen. Also jene Politik von PASOK und Nea Dimokratia abzuwählen, die Griechenland durch Vetternwirtschaft, geduldeter Massen-Steuerhinterziehung und organisierter Staats-Kriminalität in die Katastrophe gestürzt hat. Das wenigstens ist den Griechen gelungen. Wie und ob es weitergeht, weiss keiner.

© Asteris Kutulas

Politischer Nachruf: Griechenland hat sich selbst vernichtet

Berlin, 18.9.2015
(zwei Tage vor den erneuten Wahlen)

Meine Heimat war in den letzten Jahrzehnten eine von griechischen Oligarchen beherrschte Bananenrepublik. Sie wurde regiert von einer skrupellosen Politikerkaste, die das geltende Recht ständig beugte und die Demokratie aushöhlte. Das bedeutete auch, dass sie einen Teil der Bevölkerung durch Klientelismus und Vetternwirtschaft systematisch „korrumpierte“. Das griechische politische Establishment nutzte die finanziellen und personellen Ressourcen des Staates, um das bipolare, siamesische Parteiensystem von PASOK und Nea Dimokratia zu etablieren und am Leben zu erhalten. Die Wahlbüros der Parlamentarier dieser beiden Staatsparteien verkamen seit den achtziger Jahren zu „Agenturen für Arbeit auf Lebenszeit“, deren Kriterien nicht der Arbeitsmarkt und die persönliche Qualifikation, sondern vor allem Parteibuch und Wahlverhalten waren. Allein zwischen 2007 und 2009, also innerhalb von nur drei Jahren, hat die Nea Dimokratia, die Schwesterpartei der CDU, aus diesem Grund etwa 200.000 neue Beamte in den Staatsdienst aufgenommen.

Dieses korrupte „System Griechenland“ diente einerseits dem Machterhalt einer seit etwa 100 Jahren regierenden Politikerdynastie, andererseits aber vor allem der Herrschaft einer Handvoll griechischer Oligarchen. Letztere hatten zu jeder Zeit Zugriff auf die Reichtümer des Landes – inklusive der europäischen Geldzuwendungen, wie z.B. die Struktur- und Kohäsionsfonds der EU. Bei allen internationalen Ausschreibungen erhielten die Firmen dieser Oligarchen den Zuschlag oder sie waren bei den Geschäften des griechischen Staates mit multinationalen Konzernen deren Juniorpartner (Konzerne wie z.B. Hochtief, Siemens, die Deutsche Telekom oder amerikanische, französische, deutsche Rüstungskonzerne). Kick-backs, Betrug, Schmiergeldzahlungen, also illegitime Geschäfte, waren an der Tagesordnung und schröpften in vielerlei Hinsicht das griechische Staatsvermögen.
Bislang sitzt nur ein einziger Repräsentant dieser „Regierungskriminalität“ im Gefängnis – der ehemalige Stellvertretende Vorsitzende der PASOK-Partei und damalige Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulos, der im Jahr 2000 von der Rostocker Ferrostaal AG 20 Millionen Euro Schwarzgeld auf sein Schweizer Konto überwiesen bekam, um für 2,84 Milliarden Euro deutsche U-Boote zu kaufen. Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, dass es zum Prozess gegen Herrn Tsochatzopoulos vor drei Jahren nur darum kam, weil ein deutscher Staatsanwalt während des Schmiergeldprozesses gegen Ferrostaal in München auf einen griechischen Namen gestoßen war und diese Akten seinem griechischen Kollegen nach Athen geschickt hatte.

Um dieses durch und durch korrupte und für sie hoch profitable System aufrechtzuerhalten, baute die herrschende Machtelite eine mafiöse Herrschaftsstruktur auf, zu der auch Teile der Staatsanwaltschaft, der Polizei und die maßgeblichen Akteure der Finanzverwaltung gehörten. Den Regierenden kam außerdem zugute, dass fast 90% der Information, also fast die gesamte Presse – aber auch die bedeutendsten Fußball- und Basketball-Vereine –, in den Händen der fünf mächtigsten Oligarchen waren und bis heute sind. Diese hievten je nach Interessenlage entweder die eine oder die andere der beiden Herrschafts-Parteien an die Macht. Allerdings blieben die Struktur und die Akteure immer dieselben.
Das „Geschäftsmodell“ auf Kosten der griechischen und europäischen Steuerzahler war jedenfalls überaus lukrativ, denn die Politikerkaste konnte zusammen mit den Oligarchen die Staatskassen plündern, Schulden machen, jede für das Land wichtige langfristige Investition vermeiden und nationale Interessen ignorieren.

Die Konsequenzen dieser Politik waren verheerend für Griechenland. Zusammen mit den starken Auswirkungen der globalen Finanzkrise 2008 führten sie direkt in die Katastrophe. Jetzt, da der tote Körper der griechischen Gesellschaft auf dem Seziertisch liegt, kann man während der Obduktion folgendes feststellen:

1. Griechenland ist kein souveräner Staat mehr. Alle maßgeblichen Gesetze werden in Brüssel verfasst. Die griechische Regierung – egal welcher Coloeur –, aber auch das griechische Parlament sind nur noch dazu da, die von außen diktierte Politik abzunicken und umzusetzen. Dieser Zustand einer „Schuldenkolonie“ soll nach dem Willen aller Hauptakteure Jahrzehnte währen. Darum fände ich es ehrlicher, wenn nicht nur alle Gesetze in Brüssel geschrieben, sondern auch, wenn Brüsseler Technokraten diese Gesetze in Griechenland durchsetzen würden.

2. Die Demokratie in ihrem ursprünglichen Verständnis existiert in Griechenland nicht mehr. Sie war seit langem sehr beschädigt, aber seit dem Ausbruch der immer noch anhaltenden wirtschaftlichen, moralischen und kulturellen Krise verlor das grundlegendste demokratische Prinzip – dass das Volk der Souverän sei – jede gesellschaftspolitische Grundlage. Unabhängig davon, was richtig und was falsch ist, muss man nüchtern feststellen, dass nach der 180-Grad-Wendung von Herrn Tsipras, die dem Referendum folgte, und nachdem das 3. Memorandum unterschrieben wurde, Wahlen ohnehin nur noch Makulatur und Augenauswischerei sind.

3. Auch unter den Bedingungen der Krise konnte sich in Griechenland keine Zivilgesellschaft außerhalb der Parteistrukturen formieren. Das Tragische an dieser Situation ist, dass sich zu Beginn der Krise 2010 die Interessen der mächtigen europäischen Länder Deutschland und Frankreich mit den Interessen des mafiösen Herrschaftssystems in Griechenland vereinbaren ließen. Die deutsche und die französische Regierung wollten nach der Bankenkrise von 2008 ihren Wählern nicht die Wahrheit zumuten, dass sich ihre Banken in Griechenland verzockt hatten und mit über 100 Milliarden gerettet werden mussten, also bürdeten sie den „gierigen und faulen Griechen“ die alleinige Schuld auf und gaben ihnen 2011 die 110 Milliarden Euro, die komplett an die französischen und deutschen Banken gingen. Davon blieb nichts in Griechenland hängen. Diese Transaktion konnte nur zusammen mit den alten Machteliten durchgeführt werden, also mit jenen, die durch Klientelismus, Vetternwirtschaft, geduldete Massen-Steuerhinterziehung, Schmiergeldzahlungen, Betrug und organisierte Staats-Kriminalität die Krise in Griechenland überhaupt hervorgerrufen hatten. Die Triebfedern der alten Politikerdynastien waren ihr Streben nach Machterhalt und ihre Angst, sonst im Gefängnis zu landen – also stimmten sie allem zu und setzten alles durch, was in Brüssel und Berlin angeordnet wurde.

Diese unheilige Allianz hatte – aus sehr unterschiedlichen Gründen – ein großes gemeinsames Interesse daran, eine im Entstehen befindliche Zivilgesellschaft zu unterdrücken, so dass letztendlich die griechische Bevölkerung das einzige Opfer dieser Geschichte ist. Das oligarchische System in Griechenland dagegen wurde während der ersten fünf Jahre der Krise nicht nur „verschont“, sondern systematisch weiter ausgebaut und gefestigt, leider mit dem Wissen und der Unterstützung des europäischen Establishments. Das führte dazu, dass aufgrund der Entscheidungen der europäischen Spitzenpolitiker drei Dinge passierten: die griechische Bevölkerung ist dramatisch verarmt, die Banken sind gerettet und die europäischen Steuerzahler haften für 340 Milliarden Euro. Was für eine Bilanz!

Sowohl die Ergebnisse der Parlamentswahlen 2015 als auch des Referendums zeugen von einem letzten Aufbäumen der Bevölkerung, das alte korrupte System loszuwerden, einen Neuanfang zu wagen und sich selbst zu retten. Doch das ist weder im Interesse des griechischen noch des europäischen Establishments, darum gilt der Befund: Griechenland (als unabhängiger Staat, als selbstbestimmte Nation) hat sich selbst „vernichtet“ – und Europa hat zugeschaut, sich höhnend, drohend, richtend geäußert, hat sich eingeschaltet und mitgemacht. Doch diese Geschichte von Ursache und Wirkung ist noch nicht zu Ende.

© Asteris Kutulas

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Athener Tagebuch, 30.7.2015 (Rückflug)

Vierfüßige Schlangen

Während der Pressekonferenz zur Gründung der HELLAS FILMBOX BERLIN fragte gestern im Außenministerium eine junge Journalistin den deutschen Kultur-Presse-Attaché, welchen griechischen Lieblingsfilm er habe. Er antwortet: „My Big Fat Greek Wedding“. Woraufhin der griechische Kulturminister erwiderte: „Im Gegensatz zu unseren deutschen Freunden, die – wie es sich herausstellt – keine griechischen Filme kennen, kenne ich alle Filme von Schlöndorff, Wenders, von Trotta, Herzog, Fassbinder etc. Diese Filme haben mir geholfen, die deutsche Realität und die deutsche Mentalität zu begreifen. Unsere deutschen Freunde jedoch wissen offensichtlich gar nichts über uns … außer einigen touristischen Allgemeinplätzen. Vielleicht hilft die Hellas Filmbox Berlin, dieses griechische Filmfestival in der deutschen Hauptstadt, das zu ändern.“

Jemand erzählte mir im Flugzeug, es habe in der so genannten Urzeit vierfüßige Schlangen gegeben. „Schlangen mit Füßen?“, fragte ich. „Wozu Füße?“ Sie lebten unter der Erde, so die Erklärung, in Höhlen, und gruben sich an die Erdoberfläche vor. Ein grässliches, sechzehnfüßiges Reptil schlief bis eben hinter dem Imithos-Berg. Kavafis hat in seinem Gedicht davon erzählt: Manchmal, alle paar Jahrhunderte, erwacht es und zuckt kurz mit dem Lid, dann schläft es weiter. Diesmal nicht. Diesmal behält es die Augen etwas länger offen, spürt seinen Hunger, richtet sich auf, öffnet seinen Rachen und rollt seine Zungen aus. Es muss kein Feuer speien. Es muss nicht brüllen. Keine Kraftverschwendung. Nur die Zungen ausrollen und sich holen, was zu holen ist. Häuser, Wohnungen, Gärten und was die Menschen sonst noch haben. Die Ersparnisse von den Konten werden langsam abgeräumt. Das Reptil hat keine Eile. In Grenzregionen bringen sie das Geld nach Bulgarien. Den Zungen des Reptils sind Grenzen einerlei.

Morgen werd ich im Babylon stehen und sagen „DANCE FIGHT LOVE DIE – Unterwegs mit Mikis“. Ja, ich will ertrinken in meinen Bildern. Absichtlich. Bevor die Zungen des Reptils uns holen. Aus 39 Grad in Athen stürze ich runter auf 16 Grad in Berlin oder rauf. Je nachdem, wie man das verstehen möchte.

© Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 29.7.2015

Mikis Theodorakis wird 90

Heute hat Mikis Geburtstag. Ich bekam vormittags die Nachricht, dass es ihm nicht gut geht und er darum alle Verabredungen abgesagt hat. Kaum ein Fernseh- und Rundfunk-Sender, kaum eine Zeitung oder Zeitschrift ohne eine große Würdigung. Konzerte im ganzen Land. Selbst in Deutschland ein Tsunami von Veröffentlichungen in den Medien. Fast alle Zeitungen widmen Theodorakis halbe oder ganze Seiten. Süddeutsche, Welt, Tagesspiegel etc., mehr als 100 Publikationen am heutigen Tag allein in Deutschland. Kurz vor 18 Uhr überraschend der Anruf. Mikis ließ anfragen, wo ich denn bleibe, ich solle vorbeikommen.
Ich wollte schon immer mal wissen, wie große Komponisten ihren 90. Geburtstag feiern. Nun hab ich es erfahren: Mikis, leicht aufgerichtet in seinem Liegesessel, verfolgt im Fernsehen das Basketballspiel Litauen-Türkei. Weiter hinten der Parthenon und darüber der weite Himmel.
Mikis: „Da bist du ja. Ich wollte dich noch mal sehen, bevor du morgen nach Deutschland zurückfliegst.“ Er setzt die Sonnenbrille ab und zeigt auf sein rechtes Auge: „Siehst du“, sagt er. „Das Melanom verblasst langsam.“ Ein riesengroßer Bluterguss, seit Tagen auf seiner rechten Gesichtshälfte. „Deswegen hab ich die ganze Zeit die Sonnenbrille auf. Ich bin ja sonst nicht vorzeigbar.“ Ich frage ihn: „Wie ist denn das passiert?“ Er setzt die Sonnenbrille wieder auf: „Das, was mit Griechenland passiert, hat auf mich psychosomatische Auswirkungen …“ Er lächelt und schiebt die Fernbedienung ein Stück zur Seite. „Weißt du was … Diese Werke, die ich nicht geschrieben habe, die stören meinen Schlaf, immerzu …“ – „Na, dann schreib doch einfach noch was auf davon“, erwidere ich. Mikis führt seinen Zeigefinger zum Kopf und rollt mit den Augen: „Die Musik hat ihre eigenen Vorstellungen davon, wann sie aufgeschrieben werden will. Jedenfalls – diese ungeschriebenen Werke rebellieren. Sie lassen mich nicht schlafen.“
Ich sage: „Schade, dass du heute nicht zum Konzert kommst. Alle erwarten dich dort. Mein Freund Jaka ist nur deshalb aus Berlin gekommen. Er hat vor zwei Jahren mit seiner Cinema for Peace Foundation unseren „Recycling-Medea“-Film unterstützt.“ Mikis greift nach rechts und hält die neueste CD mit seiner Musik in der Hand, ECHOWAND. „Johanna Krumin singt das so, dass man zuhören muss. Näher kann man mir als Musiker nicht sein.“ Mikis signiert die CD und sagt: „Zu seinem 90. Geburtstag schenkt Mikis Theodorakis Herrn Jaka die CD ECHOWAND.“ Er dreht den Kopf zum Fernseher. „Ich muss jetzt gehen“, sage ich. „Das Konzert fängt bald an.“
Am Fahrstuhl passt R. mich ab. „Nein nein nein nein …, du kannst noch nicht gehen. Jetzt kommt die Geburtstagsparty.“ – „Was!?“, frage ich. R. drückt mir die Torte in die Hand. In der Mitte steckt eine brennende Kerze. Auf der Torte steht: „Mikis Theodorakis zum 90. Geburtstag“. R. schiebt mich vor sich her. Ich wieder zurück durch die Tür, mit der Torte in den Händen, dann R., ihr folgen Mikis’ Krankenschwester und zwei seiner Mitarbeiter. Mikis pustet freudig die Kerze aus, lehnt sich zurück und sagt mit breitem Lächeln: „Was für eine schöne Geburtstagsparty … Jetzt lasst mich aber weiter das Spiel Türkei gegen Litauen sehen.“

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 28.7.2015

Bei einem Gespräch mit meinem Freund Makis kommen wir auf die schwülen und sehr heissen Nächte zu sprechen. Er erzählt mir über sein Air-condition-Gerät, das die Temperatur konstant auf 25 Grad hält; es schaltet sich automatisch ein und aus. Die Maschine macht draußen über der Balkontür Lärm, so dass die Nachbarin keine Ruhe findet. Makis hätte eigentlich ein herrlich temperiertes Zimmer, nachts, so dass er leicht in den Schlaf kommen könnte, aber zur gleichen Zeit würde seine Nachbarin nicht schlafen können, weil das Gerät zu laut ist. Also kein Air-condition; es ist wieder wie früher, kein Abkühl-Komfort. Das Ergebnis: Beide, sowohl Makis als auch die Nachbarin, können nicht schlafen, weil es in den Zimmern zu warm ist. Makis: „Wir üben Wachliege-Solidarität. Im ganzen Land übt jeder irgendeine Form von Solidarität. Es gibt hunderte neue Formen von Solidarität. Auch solche: gemeinschaftliches Nicht-in-den-Schlaf-Kommen. Uns mangelt’s nicht an Phantasie.“

Von den Bouzouki-Kneipen, von denen es vor wenigen Jahren in Athen noch sehr viele gab, können sich nur noch wenige gerade so über Wasser halten, sagte Fotis, nachdem ich ihn danach gefragt hatte. Ich hatte geglaubt, diese „Schuppen“ würden niemals schließen. Auf diese Art der Unterhaltung würde man nicht verzichten. Whisky trinken, Teller zerschmeißen, Nelken auf die Bühne werfen, Tanzen, eines der griechischen Klischees bestätigen, weil einem „einfach danach ist“. Irrtum. Es gibt inzwischen Orte, wo alle Sitzplätze bei einem Abend mit klassischer Musik besetzt sind, weil sonst kulturell nichts mehr stattfindet und man nirgendwo sonst ein Konzert erleben kann, und dieser eine Pianist …, wahrscheinlich verzichtet er auf die Gage. Vor hundert Jahren sangen die Rembeten in den Lokalen zusammen: „Emis tha sissoume kai na imaste ftochi – Leben werden wir, auch wenn wir arm sind.“ Offenbar war man in Athen vor hundert Jahren wohl irgendwie reicher als jetzt. Seferis’ Roman „Sechs Nächte auf der Akropolis“ erzählt von dieser Zeit. Vor einigen Jahren wurde beschlossen, wieder, wie zu der Zeit, in der die Romanhandlung spielt, die Akropolis in Vollmondnächten für Besucher zu öffnen. Eine Gruppe von Freunden würde sich, dessen bin ich sicher, auch jetzt finden können, um sich dem Mondlicht in solchen Nächten auszusetzen und damit ein Experiment zu wagen. Wird allerdings die Quatroika nicht darauf bestehen, umgehend eine Steuer auf das Mondlicht zu erheben?

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 27.7.2015

Unbeantwortete Fragen

Gestern eine Reihe „erregter“ Unterhaltungen gehabt. Ich werde als in Deutschland lebender Grieche stets in „Haftung“ genommen. Ich hatte auf Fragen keine Antwort, auf die ich selbst gern eine hätte, wie:

1) Die Troika und die deutsche Regierung haben seit 5 Jahren quasi die Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik Griechenlands vorgegeben und jedes diesbezügliche Gesetz „vorgeschrieben“. Sie haben jede neue Tranche eines jeden „Rettungspakets“ von Fortschritten abhängig gemacht, z.B. davon, ob die MwSt. auf Diesel für Bauern 13% oder 23% betragen soll, was ein paar Milliönchen einbringt etc. Warum hat weder die Troika noch die deutsche Regierung jemals zur Bedingung für weitere Zahlungen an Griechenland gemacht, dass Gesetze verabschiedet und bilaterale Abkommen mit der Schweiz, Luxemburg, Großbritannien, Lichtenstein etc. getroffen werden, die zur Offenlegung von Schwarzgeldkonten und zur Steuerfluchtbekämpfung geführt hätten? Dafür wäre jeder griechische Bürger und jeder deutscher Steuerzahler der Troika und der deutschen Regierung dankbar gewesen. Martin Schulz behauptete immerhin, allein schon in der Schweiz lägen bis zu 200 Milliarden unversteuertes Griechen-Geld. Da geht es nicht um Millionen, sondern um „richtig Kohle“. (Und warum wurde diese einfache Frage der deutschen Regierung in keiner deutschen Talk-Show und in keinem Zeitungsartikel gestellt?)

2) Warum lässt „Europa“ zu, dass aufgrund einer finanziellen Krise innerhalb der EU täglich Menschen sterben? Warum wird dieses „Europa“, indem es durch aufgezwungene Austeritätsprogramme ganz bewusst z.B. zur Schließung von Krankenhäusern und zum Kollaps aller Sozialsysteme führt, selbst zum „Mörder“? Wieso schweigt die „europäische Familie“ zu diesem alltäglichen Sterben im „Hause ihrer griechischen Verwandten“? Warum verlangt man noch mehr menschlichen Blutzoll, um Banken zu retten und politische Macht ausüben zu können?

Auf diese und andere solcher Fragen kann ich einfach nicht antworten. Sie lassen einen mit der depremierenden Gewissheit zurück, dass es mit dem Kapitalismus nicht mehr so rund läuft und dass unsere Welt aus den Fugen geraten ist. Und dass Griechenland deshalb so schnell wie möglich DIESES Europa verlassen sollte, wenn es irgendwie als eigenständiges, demokratisches Land überleben will.

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 26.7.2015

Kuckucksuhr und Eulen

Dimosthenis, ein 33-jähriger Bekannter aus Berlin, läuft mir am Syndagmaplatz über den Weg. Hat gerade Urlaub und ist vor drei Wochen nach Athen gekommen. Beim Wort „Urlaub“ hebt er die Arme und krallt mit den Fingern Gänsefüßchen-Zeichen in die Luft. Dimosthenis macht keine Scherze mehr, aus einem fröhlichen, sanftmütigen jungen Mann ist ein Getriebener geworden, „in dessen Kopf Mühlsteine zu mahlen begonnen haben“, wie er es formuliert. „Keine Ahnung, was ich noch machen soll. Ich bin jetzt drei Wochen hier und blank. Es hat sich alles verschärft. Wen auch immer ich treffe oder besuche, ob Freunde, frühere Mitschüler, Bekannte … Es gibt fast niemanden mehr, der mich nicht fragt, ob ich irgendwie helfen kann, ob ich ein paar Euro habe. Und niemand von denen will das. Allen steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Von mir aus geb ich ihnen alles, das ist nicht der Punkt, aber mein Geld ist alle. Hab schon über 2.500 Euro für Freunde und Familie ausgegeben.“

Das bringt mich auf eine Idee: Eigentlich sollte man Spree-Athen umtaufen in Spree-Berlin. Die Hauptstadt Deutschlands käme dann zu sich selbst und Griechenland vielleicht auch. Der Griechenland-Beauftragte Hans-Joachim Fuchtel war vor etwa zwei Jahren nach Griechenland gekommen und hatte dem damaligen griechischen Innenminister eine Schwarzwälder Kuckucksuhr mitgebracht. „Das ist etwas anderes, als Eulen nach Athen zu tragen“, sagte damals mein Bruder. Ich erinnerte ihn gestern daran. Er balancierte auf einer Gabel einige Melonenkerne von seinem Mund zum Teller und sagte lachend, die Melonenkerne nicht aus dem Blick lassend: „Ne Eulenuhr wär dann vielleicht doch besser gewesen. Die Kuckucksuhr hat nicht viel geholfen.“ – „Doch“, meinte meine Mutter trocken, „bald danach kam Syriza.“ Und dabei hieß es doch früher: Hüte dich vor Griechen, die mit Geschenken kommen.

Der Sytagma-Platz ist fast leer, die Athener verlassen die griechische Hauptstadt über den Sommer in ihre Dörfer und die, die es sich leisten können, machen noch irgendwie Urlaub. Dimosthenes erzählt weiter: „Einer meiner Mitschüler von damals, Christos, 33 wie ich, ist vor fünf Wochen an einem Herzinfarkt gestorben wegen des Stress’. Der war Sportler, der hatte Kondition, nicht geraucht, nicht getrunken, einen Gesünderen kannst du dir nicht vorstellen. Und das Mädchen, mit dem ich vor sechs Jahren noch zusammen war, hat inzwischen Krebs. Und mein Vater, der verzweifelt jetzt, weil er nicht weiß, wie helfen kann. Ich stehe da … Vor zwei Jahren, da trugen wir noch lustige T-Shirts: „Ich brauch keinen Sex mehr. Die Regierung fickt mich jeden Tag.“ Wir konnten noch scherzen damals.“

Ja, und sicher ist auch: Die Troika bleibt Griechenland treu. Wie Siegfried dem Roy, reimte gestern mein Bruder. Tsipras und Varoufakis waren jedenfalls die einzige (zumindest die erste) realistische Chance für die EU und insbesondere Deutschland, ihr Geld wiederzukriegen, jedenfalls einen grossen Teil des Geldes. Warum Herr Schäuble und die deutsche Regierung das nicht erkannt haben, bleibt ein Rätsel der Geschichte. (Wahrscheinlich hatten „höhere Ziele“ Priorität.)

Dimosthenis setzt zu seinem Schlussplädoyer an: „Mein Kollege Matthias in Berlin hat jeden Tag Angst vor Hartz4, der sagt: „Grieche, sei froh, dass wir hier überhaupt noch was verdienen und erzähl mir nix von deinem Stress da in der Heimat.“ Für den da bin ich einer, der jammert, für die Leute hier in Griechenland bin ich einer, der vielleicht noch helfen kann… Ich bin der, der vor dir steht und dir erzählt, dass sein Konto leer ist und sich genauso beschissen fühlt wie alle anderen, die mir das gesagt haben.“ – Da mir gerade nichts Tröstendes einfällt erwidere ich: „Den Letzten beißen die Hunde, Dimostheni! So ist das nun mal, ob hier oder in Deutschland…“

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 25.7.2015

Das ist kein Leben mehr…

Meine Mutter versucht immer wieder, mich in die Pflicht zu nehmen, als wäre ich verantwortlich für die Krise in den deutsch-griechischen Beziehungen: „Warum ziehen die deutschen Medien und Politiker dauernd diese Vergleiche zwischen den Griechen und den Bulgaren oder den Rumänen! In Bulgarien und Rumänien, da haben sie keine EU-Preise, keine 60% Jugendarbeitslosigkeit, das Gesundheitssystem ist dort nicht zusammengebrochen. In Griechenland sieht’s ganz anders aus. Die sozialen Systeme funktionieren nicht mehr. Man kann doch die Situation der drei Länder nicht gleichsetzen! Bei Lidl und im Media-Markt müssen wir deutsche Preise zahlen, haben aber nicht die Gehälter wie in Deutschland. Bei den Mieten sieht’s genauso aus. Meine Freundin hat einen 31-jährigen Sohn, arbeitslos; die 24-jährige Tochter studiert. Ihr Mann ist gestorben. Die leben zu dritt von 500 Euro und zahlen allein für die Miete einer winzigen Wohnung 250 Euro. Das ist ja kein Leben mehr. Und dann stellen deutsche Politiker diese Vergleiche an, als seien Menschen wie meine Freundin und ihre Kinder Idioten, die nicht kapieren würden, dass es ihnen blendend geht, im Vergleich zu den Menschen in Bulgarien oder Rumänien.“

Wenn ich meine Mutter so sprechen höre, dann fällt mir ein großer Unterschied in der Betrachtungsweise auf: Wenn Griechen sich über „die Deutschen“ kritisch äußern und manchmal auch ausflippen und fluchen, meinen sie niemals das deutsche Volk, sondern immer die Regierenden. Wenn Deutsche über die „Griechen“ urteilen, meinen sie zumeist – sehr stigmatisierend – die gesamte Bevölkerung und fast niemals die Regierung. Bis die Tsipras-Regierung an die Macht kam, schien es mir fast so, als würde die deutsche Öffentlichkeit das griechische Volk für das kriminelle Fehlverhalten seiner ehemaligen Regierungen verantwortlich machen.

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 24.7.2015

Die Zeit läuft ab…

Die Menschen wollen sprechen. Es gibt ein existenzielles Bedürfnis nach Kommunikation. Neben mir sitzt ein älterer Straßenbahnfahrer, der gerade Feierabend hat und mit der Metro nach Hause fährt. Er entpuppt sich als glühender Syriza-Anhänger. „Wir sind stolz darauf, diesen Kampf gegen die Troika geführt zu haben. Wir haben dadurch nicht nur Griechenland geändert, sondern auch Europa.“ Und obwohl ich nichts sage, insistiert er: „Glaub mir, mein Junge, sie haben einen Pyrrhussieg errungen.“

Viel Angst, gepaart mit Pathos, macht sich breit in Griechenland. Und auch die Gewissheit, dass Tsipras am Ende ist, noch bevor er überhaupt etwas beginnen konnte. Ihm bleiben vielleicht noch ein, zwei Monate, dann ist seine Zeit abgelaufen, dann gehört auch er zum griechischen Establishment, zum „System Griechenland“, das das Land ruiniert hat. In seiner Rede vor dem Parlament hieß es vorgestern: „Dieser Kampf wird nicht umsonst gewesen sein. Nur diejenigen Kämpfe sind umsonst, die nicht geführt werden.“ Das klingt sehr melancholisch, nach Endspiel. Seine Partei bricht gerade auseinander, der geteilte Himmel über Athen bleibt geteilt, Griechenland bleibt eine Wunde. Im September wird es Neuwahlen geben; die nächste Tragödie steht uns bevor.

Athener Tagebuch, 23.7.2015

Beim Aussenminister

Heute beim griechischen Außenminister, Nikos Kotzias. Das Gebäude, in dem er arbeitet, gegenüber dem Parlament, gleich am Syndagmaplatz, neoklassizistisch, aus dem 19. Jahrhundert. Im Bewusstsein zu haben, dass das Land bankrott ist, wenn man sich durch die Athener Straßen bewegt, und mit dem Bewusstsein solchen Bewusstseins einen Flur in diesem Gebäude lang zu gehen, umgeben von Prunk und erhabener Anmutung – das macht aus dem Hirn etwas, das man unter der Knochenschale anschwellen fühlt. Und würde in Griechenland das Wort “Anarchie” nicht ohnehin gern in den Mund genommen, man würde es eines Tages in diesem Außenministerium plötzlich vernehmen, wenn es, kaum entstanden, zerbirst und Substanzen abgibt.
Der Außenminister sagt: “… Und man muss sich vorstellen, dieses Gebäude ist damals von Herrn Syngrou nicht etwa dem griechischen Staat vermacht worden, sondern ausdrücklich dem Außenminister Griechenlands.” Ich sehe Nikos Kotzias an und frage: “Das heißt?” Er antwortet: “Das heißt – wenn ich versuchen würde, in ein anderes Gebäude umzuziehen, in ein zweckmäßigeres oder geräumigeres oder schlichteres … in ein wie auch immer anderes eben, dann würde dieses Gebäude als Besitz zurückgehen an die Erben von Herrn Syngrou. Es gehört nur solange dem griechischen Staat, solange es die offizielle Residenz des griechischen Außenministers ist.” Das Innere des Außenministeriums hat den Außenminister in der Mache und umgekehrt erfüllt der Außenminister das Innere des Außenministeriums mit Leben. Auf Gedeih und Verderb. Kein Entkommen. Entweder Herr Syngrou, ein Banker, war Dialektiker aus Vergnügen oder ein Prophet, als er sich diese Bedingung einfallen ließ. Die Syngrou-Allee ist nach ihm benannt. Das Außenministerium-Gebäude war einmal sein Wohnhaus, entworfen von einem deutschen Architekten aus Radebeul in Sachsen, der fast nur in Griechenland gearbeitet hat. Der Außenminister muss jedenfalls ständig nach Ausgleich suchen.
Nikos Kotzias spricht perfekt Deutsch, hat Habermas in Griechenland herausgegeben und selbst mehr als 25 Bücher geschrieben. Er ist kein Syriza-Mitglied, und in der “Zeit” war zu lesen, dass er der einzige griechische Politiker ist, der Frau Merkel versteht.
Ich war heute mit R. in seinem Büro, um ihn zu fragen, ob man uns für die Pressekonferenz der Initiative der Deutsch-Griechischen Kulturassoziation, also für das griechische Filmfestival HELLAS FILMBOX BERLIN, in diesem Außenministerium einen Raum zur Verfügung stellen könnte. Eigentlich wollten wir die Pressekonferenz im Goethe-Institut organisieren, aber das Institut ist ab diesem Wochenende wegen der Sommerferien-Pause geschlossen. Ich sage zum Außenminister: “Sie müssen uns helfen. Die deutsch-griechischen Beziehungen waren seit dem Zweiten Weltkrieg niemals so schlecht wie jetzt, und wir wollen was tun, sie wieder zu verbessern.” Nikos Kotzias schaut zu seinem Assistenten und sagt: “Ok., das Außenministerium unterstützt die HELLAS FILMBOX BERLIN. Ihr könnt den Raum nutzen. Wird geklärt.” Herr Syngrou war wohl beides – Prophet und vergnügter Dialektiker.

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 22.7.2015

Nebenwirkung: Amoklauf

23.20 Uhr. In Berlin, so erzählt mir Sebastian am Telefon, strömender Regen, Blitz und Donner – das hätte ich hier auch gern. Meine Mutter stellt Melone auf den Tisch, meint aber im selben Augenblick, ich solle endlich schlafen gehen. Wer kann hier schlafen. Es ist heiß. Die Kakerlaken vermehren sich vermutlich schnell. Und im Fernsehen läuft der Thriller „Parlamentsdebatte“.

War tagsüber im Studio bei Jannis gewesen, einem bekannten Dokumentarfilm-Regisseur. Er hat vor ein paar Jahren einen Film gemacht über Menschen, die durchdrehn und medikamentös behandelt werden. Als wir uns über seinen Film unterhielten, meinte er: “Naja, inzwischen sind hier alle irre geworden, total irre. Mir kommt es so vor, als hätte der deutsche Arzt versucht, seinen griechischen Patienten von einer Erkältung zu kurieren, verpasste ihm aber eine falsche Spritze, so dass der wegen der Nebenwirkungen Amok läuft.” Stefanos’ Blick ging ins Weite. “Du kannst die Irren hier nicht mehr kontrollieren. Jetzt laufen in Griechenland Millionen von Irren herum. Europa hat sein Irrenhaus, so ist das nun mal, wir ticken nicht mehr richtig. Der Arzt will seinen Kunstfehler nicht eingestehen und duckt sich weg. Wie auch immer – wir sind alle irre hier, jeder auf seine Weise.”

Im Fernsehen die Debatte zum zweiten Gesetzespaket, das zusammen mit dem von letzter Woche als Voraussetzung dient, damit Griechenland mit den europäischen Institutionen (die übrigens jetzt wieder Troika heißen) ein neues Memorandum verhandeln darf. Varoufakis erklärte dem CNN-Sender gestern: “Das neue „Rettungspaket“ wird der größte Misserfolg der Wirtschaftsgeschichte. Und es ist klar, dass das Ding nach hinten losgeht.”
Im Bestiarium des griechischen Parlaments ereignet sich derweil Unerhörtes. Regierungsmitglieder und auch die Parlamentspräsidentin bringen Gesetzesvorlagen ein und sagen im selben Augenblick: “Wir tun das, um Griechenland zu retten, aber wir wissen, dass es nicht das Richtige ist für Griechenland.” Ich glaube, sowas hat es in keinem Land bislang gegeben. Da kommt eine Gesetzesvorlage, und der Justizminister sagt: “Ok., ich bring die hier mal ein, aber es ist eine schlechte Gesetzesvorlage. Ich bring sie ein, weil ich sie einbringen muss.”
Was alle SYRIZA-Politiker damit meinen: Europa hält Griechenland die Pistole an die Schläfe und sagt: Unterschreibt einfach! Irgendwas werden wir schon aus euch machen. Hauptsache, ihr unterschreibt erstmal. Klar, da muss man ja irre werden.

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 21.7.2015

Die armen Ziegen…

Mittag. Bin in einem Café in Glifada, einem Vorort von Athen, und warte auf einen Freund. Der Fernseher läuft, ein Mann am Nebentisch flucht auf alle griechischen Politiker. Er wird Mitte 60 sein. Ab und an schaut er nach links oder rechts, als suche er in den Gesichtern der anderen im Café zu lesen, ob und wie jemand auf seine Flüche reagiert. Ich nehme einen großen Schluck von meinem griechischen Kaffee mit wenig Zucker und frage den Mann in sehr griechischer Art und Weise: “Was ist los, Bruder? Wo brennt der Schuh?” Es stellt sich heraus, dass der Mann ein General a. D. ist. Er befehligte ein Flugzeuggeschwader, das auf der Insel Chios stationiert war. Als der Mann mitbekommt, dass ich ein Grieche aus Deutschland bin, sagt er: “Diese alten korrupten, verkommenen, Politiker – die haben uns in diese Scheiße reingeritten.” Der Mann bebt am ganzen Körper, und ich versuche, ihn zu beruhigen. “Mein Junge, du hast doch keine Ahnung”, erklärt er mir. “Weißt du, was wir damals machen mussten, weißt du, welche Befehle ich auszuführen hatte? Da gab es doch diesen Plan der Wiederaufforstung kleiner griechischer Inseln, zur Verbesserung der Lebensbedingungen derer, die auf diesen Inseln lebten und dort Ziegen hielten. Auch Zisternen sollten gebaut werden. Dafür flossen Hunderte Millionen von Europa nach Griechenland. Diese Politikerschweine haben das Geld in die eigene Tasche gesteckt, und wir mussten die Drecksarbeit machen. Die armen Ziegen!” – “Was denn für Ziegen?”, frage ich. Der Mann erklärt mir: “Immer, wenn die Kontrollkommission aus Europa kam, um zu schauen, wie dieses Programm umgesetzt wird, erhielt ich den Befehl, mit meinen Chinook-Transporthubschraubern aus Chios Ziegen mit Netzen einzufangen und sie auf verschiedenen Inseln auszusetzen, damit die Kontrolleure sich am nächsten Tag vom Erfolg des Programms ein Bild machen konnten. Am übernächsten Tag haben wir die Ziegen dann zu den nächsten Inseln geflogen. Und viele der armen Ziegen sind dabei draufgegangen. Den Politikern war das völlig egal. Man sah ja nicht, dass die Hälfte der Ziegen nicht schlief, sondern einfach verreckt war. Was waren das nur für Menschen! Die armen Ziegen!”

Athener Tagebuch, 20.7.2015

Widerstand

Ich kann mit keinem Griechen, der weiß, dass ich in Berlin lebe, irgendein normales Gespräch führen. Ich werde ständig mit Fragen überhäuft. Heute besuchte ich einen fast achtzigjährigen alten Freund meines Vaters: „Sag mal Asteris, die Frau Merkel scheint doch eigentlich ganz in Ordnung zu sein, aber sie hat während dieser ganzen Krise, zu unserem ganzen Unglück hier nicht ein menschliches Wort gesagt. Das ist nicht in Ordnung. In Griechenland herrscht immer größeres Elend. Interessiert sie das gar nicht?“

Tatsächlich ist der neuen Regierung und deren Politik zu verdanken, dass der Weltöffentlichkeit zum ersten Mal die Folgen einer sehr rabiaten Austeritätspolitik bekannt geworden sind – wenigstens das. Und das ist nicht wenig. Selbst in Deutschland, wo dies nicht zum bisherigen öffentlichen Diskurs über den „faulen“ und „gierigen“ Griechen passte, offenbarte sich in vielen Beiträgen und Kommentaren – von der Süddeutschen bis zur FAZ, vom Spiegel bis zu Die Zeit, von ARD, ZDF bis zu n-tv – das ganze Ausmaß des Elends als direkte Folge einer gnadenlosen Sparpolitik, die in der Öffentlichkeit allerdings zuvor als „Allheilmittel gegen die Krise“ angepriesen worden war. Sowohl von den Vorgängerregierungen in Griechenland als auch von der Troika und der Weltpresse wurde diese Realität bis vor ein paar Monaten mehr oder minder verschwiegen. Vielen Griechen, das ist mir in den letzten Tagen klar geworden, schien der Diskurs zwischen Tsipras und Schäuble so zu verlaufen: „Bei uns sterben Menschen; wir müssen das stoppen.“ Antwort: „Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Verträge eingehalten werden müssen.“

Zum anderen fühlen sich viele Griechen bestärkt in ihrem „Widerstand gegen die da draußen“, weil die Auseinandersetzung ihrer neuen Regierung mit den europäischen Institutionen einen weltweiten öffentlichen Diskurs ins Rollen brachte, der als phänomenal bezeichnet werden kann. Tausende von Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Kultur etc. nahmen Stellung zu den beiden brennenden Problemen: 1) wie steht es um die „Demokratie“ von heute und von morgen, und 2) wie wird die „Zukunft“ zwischen den Regierungen und den Völkern gestaltet. Auch das hat es in diesem Ausmaß noch nie gegeben. Das kleine Griechenland hat irgendwie die Welt „verändert“, zumindest einen Anstoß dazu gegeben.

Ich sag zu dem alten Freund meines Vaters: „Ich bin dir so dankbar, dass du nicht auch auf die deutsche Regierung fluchst, ich kann’s nicht mehr hören …“ Er sieht mich an und zieht an seiner Zigarette. „Wenn wir Griechen aufhören würden, auf Merkel und Schäuble zu fluchen, die wir sowieso nicht kontrollieren können, und stattdessen anfangen, unsere eigene Gesellschaft auszumisten von all den Verbrechern, wären wir schon viel weiter. Was mich zuversichtlich macht: Die Zeit der alten Machteliten von PASOK und Neue Demokratie ist abgelaufen. Selbst wenn sie irgendwann wieder die Regierungsgeschäfte übernehmen sollten – Griechenland hat sich geändert.“ Damit hat er, glaube ich, recht.

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 19.7.2015

Alleine mit exotischen Tieren

Die Parkplatzsuche in Athen ist einfacher geworden. Sehr schwül heute, wenig Wolken, aber kein Smog, nicht zu vergleichen mit früher. Viele Familien mussten ihre Zweitwagen und viele auch ihre „Erstwagen“ verkaufen, weil sie sich kein Auto mehr leisten konnten. Bevor ich in die Stadt bin, war ich Koulourakia, Kringel kaufen, unser Frühstück. Angelos, der Bäcker, der gegenüber dem Wohnhaus meiner Mutter seinen Laden hat, stöhnte: „Ich musste mich von meinem BMW trennen. Jetzt fahr ich einen alten Fiat.“ Er weiß, dass ich in Berlin lebe, darum insistiert er, nachdem er mir die Tüte mit den Kringeln gereicht hat: „Du, Griechenland hat seit der Euro-Einführung, als die Zinsen fielen, wie verrückt deutsche Waren und auch deutsche Waffen gekauft. Wir waren Importweltmeister deutscher Mercedes’ und deutscher U-Boote. Jahrelang. Die damaligen Regierungen haben uns ständig aufgefordert: Nehmt einfach Kredite auf, kauft Waren, kauft, kauft, konsumiert – so funktioniert dieses System, das ist gut für’s Land! Wir wurden mit Kreditkarten überhäuft. Und wir haben gekauft. Keiner hat uns damals gewarnt, keiner hat gesagt: Halt, ihr könnt euch all das eigentlich nicht leisten! Auch Herr Schäuble hat das nicht verlauten lassen. Nein, ganz im Gegenteil.“

Es ist etwas passiert, seitdem Griechenland diese neue Regierung hat, etwas Ungeheurliches und für mich Unerwartetes: Viele Griechen sind „aufgeschreckt“ aus einer jahrelangen „tödlichen“ Lethargie; sie haben angefangen zu lesen, nachzudenken, ihr vom Konsum beherrschtes Leben zu hinterfragen, jetzt, da sie kein Geld mehr haben, es weiterzuführen – und je mehr ihre neue Regierung von „Europa“ (wie es hier so heißt) gedemütigt wird, desto mehr empfinden sie sich als „Kämpfende“, sie fühlen sich wieder als „Volk“, als ein zersplittertes zwar, aber als ein Volk im Widerstand gegen eine „alte Gesellschaft“, die dieses Volk nicht mehr will. Viele sind ängstlich, verunsichert, müde, fühlen sich hilflos, ohnmächtig einem täglichen Terror unzähliger Expertenmeinungen und politischer Aussagen ausgesetzt, die sie nicht mehr überblicken und einordnen können. Sie fühlen sich wie alleingelassen mit einigen exotischen, unbekannten Tieren, von denen sie gehört haben, dass diese gefährlich sind, aber nicht wissen, ob und wie diese angreifen.

Im Zentrum von Athen treffe ich mich mit Alekos, einem zwanzigjährigen IT-Spezialisten, der zur griechischen „Abteilung“ von Anonymus gehört. Er sagt: „Wenn du Souvlaki essen gehst, musst du ungesalzene bestellen.“ Ich schaue ihn fragend an. „Na ja, dann bezahlst du nur 13% Mehrwertsteuer; wenn du normal gesalzene nimmst, wird der neue Mehrwertsteuersatz von 23% berechnet.“ Ich traue meinen Ohren nicht. Er fährt fort: „Du musst auch beim Hackfleisch aufpassen: Wenn du keine 23% bezahlen willst, darf der Rindfleisch-Anteil nicht größer als 50% sein.“ Ich kann mich vor Lachen nicht mehr halten: „Damit beschäftigt ihr euch bei Anonymus?“ Er lässt ein Grinsen sehen: „Quatsch, wir lesen nur genau, was uns die Troika vordiktiert, dann handeln wir dementsprechend.“

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 18.7.2015

Schizophrenie

Ich „diagnostiziere“ fast täglich meine Schizophrenie: In Griechenland „liebe“ ich Deutschland und „hasse“ Griechenland, aber in Deutschland „hasse“ ich Deutschland und „liebe“ Griechenland. Ich hasse den Neo-Nationalismus in Deutschland und ich hasse die selbstzerstörerische „Arroganz“ der Griechen.

Spät nachts treffe ich Sabrina, eine deutsche Kindergärtnerin, die vor einem Jahr „wegen der Liebe“ nach Griechenland gezogen ist. „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, in Deutschland zu leben.“ – „Fehlt dir Köln nicht?“, frage ich sie. „Nein. Aber meine deutschen Freunde schon. Einfach ist’s hier nicht – und trotzdem hab ich ein tolles Lebensgefühl. Jeder hilft jedem.“
Am Keramikos-Platz viele Bars und Restaurants. Sabrina macht mich darauf aufmerksam, dass es dafür, dass wir Freitag-Abend haben, unglaublich leer ist. „Die Menschen bleiben in ihren Wohnungen. Es herrscht sowas wie eine nationale Depression.“

Ich erinnerte mich an Makis‘ Aussage: An den Tagen vor der Volksabstimmung des „OXI“ zog es die Menschen auf die Straßen, in die Tavernen, in die Bars, sie wollten reden, sich austauschen, diskutieren. Seit dem Tag, da Tsipras in Brüssel den Bedingungen zugestimmt hat, bleiben alle zu Hause und warten, was passiert.

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 17.7.2015

Brandstiftung

Meine Mutter sagt gerade: „Als hätten wir nicht schon genug durchgemacht – jetzt auch noch diese Brände.“ Der Imitosberg über Athen steht in Flammen. Alle gehen von Brandstiftung aus. Rauchschwaden ziehen über den Stadtteil, in dem wir wohnen. Militärflugzeuge und Löschhubschrauber der Feuerwehr jagen im Minutentakt über unsere Köpfe hinweg und lassen Tonnen von Meerwasser auf den glutheißen Berg runterstürzen. Für einen Augenblick vergisst die Nation den Euro und Brüssel, und plötzlich erscheint Herr Tsipras in der Zentrale des Katastrophenschutzes als Anteil nehmender Beobachter bei diesem Inferno. Meine Mutter seufzt erleichtert: „Endlich ist ERT (das Staatliche Fernsehen) zurück. Die sind wieder auf Sendung.“
Dieser Satz erinnert mich an viele ähnliche Aussagen in den letzten Tagen. Also gibt es doch noch etwas Verbindendes in diesem Land: die tiefe Abneigung vieler Griechen gegenüber den Fernsehmoderatoren und Privatsendern, die sich mit Lügen, Manipulationen und medialen „Ablenkungsmanövern“ so vehement für das alte System eingesetzt hatten, dass es zum Himmel stank.
Die privaten Fernsehanstalten gehören den Oligarchen, die Griechenland die letzten 40 Jahre ausgeblutet und die EU ausgenommen haben. Die Medien waren ihre stärkste Waffe, einerseits gegen das griechische Publikum – das sie einer gnadenlosen Gehirnwäsche unterzogen – und andererseits als politisches Druckmittel gegenüber den Regierungen, um ihre ökonomischen Interessen durchzusetzen.
Elisa, eine Mathematikerin, erzählte gestern Abend: „Einige der bekanntesten Moderatoren stehen bei vielen Menschen auf der Hass-Skala noch über den alten Politikern (wie Samaras, Venizelos, Papandreou etc.) – und das will was heißen.“

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 16.7.2015

Die sind alle Taliban …

Gerade läuft im Parlament der „letzte Akt der Schande“ wie mein kommunistischer Freund, der ewige Student Makis sagt. Am Tisch wir beide und Rita, eine zwanzigjährige, sehr begabte Schauspielerin aus Thessaloniki, die in London bereits in zwei Hauptrollen spielen konnte, aber seit mehr als zwölf Monaten in Athen ohne Job gestrandet ist. Wir sitzen in einem Café und verfolgen im Fernsehen die Parlamentsdebatte über das neue Memorandum für Griechenland. Makis knabbert seine Sonnenblumenkerne und flucht ununterbrochen auf die SYRIZA-Regierung.
Tsipras sagt kurz vor der Abstimmung: „Ich hatte nur drei Möglichkeiten: 1. einen verheerenden Staatsbankrott, 2. ein für Griechenland sehr schlechtes Abkommen und 3. den von Herrn Schäuble vorgeschlagenen geordneten Grexit. Ich habe mich schweren Herzens für die meiner Meinung nach einzige gangbare Lösung entschieden: das furchtbare Abkommen.“ Ich persönlich hätte mich für die dritte Möglichkeit entschieden – den von Herrn Schäuble angebotenen Grexit –, das scheint mir sehr vernüftig und die besten Aussichten auf Erfolg für Griechenland zu haben, aber diesen Gedanken kann ich hier nicht laut äußern.

Rita nimmt mich beiseite und sagt: „Ich halt es hier nicht länger aus mit diesen Griechen. Du verstehst das. Du lebst in Berlin. Hör dir deinen Freund Makis an. Das sind hier alles Taliban. Die wissen nicht, was sie wollen. Sehen die nicht, dass die deutsche Regierung unser Feind ist? Sie will uns vernichten, und Tsipras hat widerstanden.“ Ich nehme ihre Hand in meine Hände und sage: „Keiner will dich vernichten.“ Ihr steigen Tränen in die Augen, sie zieht ihre Hand zurück, stößt unsere drei Gläser vom Tisch und schreit: „Was kann ich dafür, dass ich so gut aussehe und dass mich jeder bescheuerte Regisseur und jeder bescheuerte Produzent beschlafen will? Ich will jedenfalls weder deren Plop-Love-Shots noch deren Kohle dafür. Ich will einfach arbeiten können und damit Geld verdienen. Ich werde dieses Scheißgriechenland verlassen. Taliban … Die sind alle Taliban.”

Viele Stunden nach der Abstimmung im Parlament und endlose Gespräche später nehme ich bei all meinen Bekannten und Freunden eine seltsame Mischung aus Wut und Erleichterung wahr – verbunden mit viel Trotz. Und die merkwürdige Gewissheit, die Makis so in Worte fasst: “Die deutsche Regierung hat uns geschlagen und gemartert, aber wir haben widerstanden und sind nicht besiegt.“ Und allseits die große Erleichterung, noch in der Euro-Zone zu sein – und sei es mit diesen harten Sparauflagen. Meine Tante sagt am Telefon: „Wir haben Krieg und Bürgerkrieg überstanden und auch die Juntazeit und das Kriegsrecht. Mach dir keine Sorgen um uns. Wir werden auch dieses Spardiktat noch überstehen.“

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 15.7.2015

Die Jüngeren sind total abgeschrieben

Kurz vor der Parlamentsdebatte zum neuen Austeritätsprogramm der »Troika«. In der Innenstadt Demos. Molotowcocktails. Der Schwarze Block in Rage. Athen bleibt Athen.

In der Galerie Beton7 treffe ich Poppy. Erstaunlich, wie hartnäckig Kunst in Griechenland in diesen Zeiten der Verarmung und Hoffnungslosigkeit hervorgebracht wird. Ausstellungen, Installationen, Theaterstücke, Filme. Ohne Finanzierung, mit viel Energie und teilweise auf einem unglaublich hohen künstlerischen Niveau. Was die griechischen Autoren der letzten hundert Jahre anbelangt, so ist mir das vertraut. Einige stellten das Schreiben selbst mit erfrorenen Fingern nicht ein. Das Land hat eine Tradition in Kunstproduktion unter widrigsten Bedingungen. Diese formte sich in Zeiten von Okkupation, Krieg, Junta und Verfolgung und war jedesmal gelebter Widerstand. Auf Bedrohungen reagiert der Mensch hier oft mit Kunst.

Poppy sagt: »Was uns fehlt, sind Visionen.« Und dann: »Wir Jüngeren sind total abgeschrieben. Ist dir schon mal aufgefallen, dass im griechischen Fernsehen keine Menschen aus der Altersgruppe der Unterdreißigjährigen zu sehen sind? Wir gehören nicht zur griechischen Gesellschaft. Die da oben machen keine Politik für die Zukunft; wir sind nicht auf ihrem Radar, wir existieren gar nicht. Wir dürfen gehen. Hast du einen Job für mich in Berlin?« – »Wovon lebst du?« frage ich. Ein schnelles Schulterzucken: »Alle Vorstellungen des Nationaltheaters sind abgesagt worden. Unterrichten kann ich auch nicht mehr, weil niemand mehr Geld hat. Es verdient ja kaum einer noch was.«

Ich blinzele und frage dann grinsend: »Gibst du mir einen Kaffee aus?« Sie: »Meinem deutschen Freund immer.« Poppy bestellt an der Bar einen doppelten Espresso. Dann fährt sie fort: »Weißt du, es ist doch egal, was Frau Merkel und Herr Schäuble vorhaben. Das Problem ist, was wir tun oder was wir nicht tun, hier in Griechenland. Warum kommt kein Politiker und sagt: Passt auf, wir machen jetzt ein gerechtes Steuersystem. Alle müssen bezahlen. Nicht nur die unteren Einkommensschichten, weil die keine andere Wahl haben, sondern auch der Rechtsanwalt, der Arzt und natürlich die Großen. Das muss jetzt endlich jemand durchsetzen. So geht es nicht weiter … Stell dir vor, ein Ministerpräsident würde sagen: Wir starten ein nationales Aufbauprogramm und beginnen damit, Griechenland unabhängig zu machen von Erdöl und Erdgas und langfristig sogar erneuerbare Energie zu exportieren. Stell dir vor, was das für Auswirkungen hätte! Arbeitsplätze, Klimaschutz. Das ist Hoffnung. Unabhängigkeit.«

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 14.7.2015

Die Zukunft verschwindet…

Wenige Wolken heute, große Hitze, blendendes Licht. Fast nicht zu glauben, dass sich uns etwas erhält von dem, das immer dagewesen war, in dieser Zeit der Auflösung. Wie sagte gestern mein Dichter-Freund Alexandros: „Die Zukunft verschwindet, und sie nimmt die Vergangenheit mit. Uns Griechen bleibt dieses Jetzt, in dem die Tage sich vereinzeln und voneinander isolieren wie Kapitel eines Buchs, das auseinanderfällt.“
Überall, wo ich heute unterwegs war, die lärmenden Zikaden. Eine Klangrealität Griechenlands, Sommer für Sommer, ein von Insekten erzeugtes, sehr lautes Geräusch, das es trotz aller Oleander- und Olivenbaumkübel in Berlin nicht gibt. Man kann also nicht alles kaufen.

Ausgerechnet heute – obwohl mein Bruder, der rechts von mir saß, behauptete: „Das ist kein Zufall.“ –, ausgerechnet mitten in dieser Woche des Zorns, des Aufruhrs, der Niedergeschlagenheit, der herbeigesehnten Hoffnung: plötzlich dieses Konzert in Athen. Gestern, kurz nach meiner Ankunft, rief D. mich an und fragte: „Kommst du morgen mit? Im Herodes-Attikus spielt das Staatsorchester Mikis’ Erste Sinfonie und Axion Esti.“ Mir war völlig klar, dass nur wenige Zeit, Lust und das Geld haben würden, um in diesen Tagen in so ein Konzert zu gehen, zumal fast alle Kulturveranstaltungen abgesagt worden sind. Ich hab mich unglaublich geirrt. Innerhalb von drei Tagen waren die fünfeinhalbtausend Tickets ausverkauft. Hunderte Menschen versuchten vergeblich, irgendwie in das Theater unterhalb der Akropolis zu kommen. In den Sitzreihen ältere Leute neben sehr jungen, sehr viele Dreißig- und Vierzigjährige und eine Menge Touristen, die sich irgendwie eine Karte besorgen konnten. Dann kam er. Theodorakis, der in zehn Tagen 90 Jahre alt wird, im Rollstuhl langsam hereingeschoben in dieses Theater unter freiem Himmel, weißes Haar, blaues Hemd, eine große dunkle Sonnenbrille. Die Menschen riss es hoch, sie empfingen ihn. Der Klang des Jubels, der aus dem Gemurmel hervorschoss wie eine Fontäne. Das sollte an diesem Abend mehrmals passieren.
In der aufgewühlten Stimmung dieser Tage ausgerechnet diese beiden Werke. Die Musik offenbarte sich als eine kathartische Antwort auf das Gezischel beim Gipfeltreffen der europäischen Staatsoberhäupter in Brüssel und auf alles, was darauf folgte. Zu Beginn die Erste Sinfonie. Ein Mensch gegen den andern – so klingt das. Griechenland ist seit seiner Gründung ein Bürgerkriegsland. Im 19. Jahrhundert die Anhänger der Russischen Partei gegen die Anhänger der Französischen Partei. Die Anhänger des Katharevusa-Griechisch gegen die Anhänger der Volkssprache Dimotiki. Später die Monarchisten gegen die Venizelisten/Republikaner. Die Nationalisten gegen die Kommunisten im Bürgerkrieg. Die Sozialisten der Zentrums-Union gegen die Konservative ERE-Partei. Die PASOK-Anhänger gegen die Neue-Demokratie-Anhänger. Wenige entzogen sich dieser Entweder-Oder-Bürgerkriegsideologie. Hauptvertreter dieser Wenigen war Theodorakis. Die Erste Sinfonie, 1948/49 mitten im Bürgerkrieg komponiert, ist zweien seiner Freunde gewidmet, die in den unterschiedlichen Lagern gekämpft hatten und zu Tode kamen.
Im bipolaren Herrschaftssystem Griechenlands waren solche Sätze wie „Wir alle sind Griechen.“ und „Wir sollten uns nicht gegenseitig zerfleischen.“ außerordentlich rar und suspekt. Thedorakis, weil er so sprach und weil ihn „Parteigrenzen“ nie interessierten, war suspekt.
Seine Musik heute Abend für fünfeinhalbtausend Menschen die Katharsis. Es ist ihre eigene Musik, eine Offensive, eine poetische Befreiung aus dem Würgegriff „Brüssels“ und der „griechischen Politik“. Nimm dem Menschen die Luft – er wird darum ringen. In der Pause sagte einer feixend: „Ha! Wir hier drinnen gehören zu den Begnadeten. Wir sind die Fünfeinhalbtausend, die das einatmen dürfen, während die andern vor den Fernsehern sitzen und sich anhören müssen, was Tsipras zu sagen hat nach seiner Kreuzigung.“
Dann „Axion esti“ (Lobgepriesen sei), das Oratorium auf der Grundlage einer Gedichtkomposition, für die der Dichter Odysseas Elytis 1979 den Literaturnobelpreis erhalten hat – eine ganz andere Art von „Nationalhymne“. Loukas Karytinos dirigiert, George Dalaras singt. Die Menschen auf den Rängen mit sich eins.

Als ich nach Hause komme, läuft der Fernseher. Stamatia, die Freundin meiner Mutter, die gerade zu Besuch ist, sagt den Satz: „Er hat sich mehrmals entschuldigt.“ Tsipras hat im griechischen Fernsehen gerade die erste Pressekonferenz nach der Einigung mit der EU gegeben. „Er hat sich mehrmals dafür entschuldigt, dass er nicht einhalten konnte, was er versprochen hatte; er hat gesagt, dass es für Griechenland ein schlechtes Abkommen ist – und für Europa. Dass ihm aber keine andere Wahl gelassen wurde, als das so zu akzeptieren. Und er hat es schweren Herzens akzeptiert.“ – „Und was sagst du jetzt dazu?“, frage ich. Meine Mutter dreht sich abrupt zu mir, sieht mich an und meint: „Es hat sich noch nie ein Premierminister bei uns entschuldigt. Noch nie. Die andern hätten hundertmal mehr Grund dazu gehabt. Weißt du was: Der sollte Ministerpräsident bleiben. Der ist der Einzige und der Erste, der den Oligarchen wirklich an den Kragen könnte.“

In den Nachrichten überschlagen sich die Kommentatoren.

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 13. Juli 2015 (Hinflug)

Die Stadt hält die Luft an

Mir scheint, vieles ist anders als sonst. Athen verändert sich in kurzen Abständen, als gingen Wellen darüber. Lisa sagte vor vierzehn Tagen auf der Schönhauser Allee in Berlin: „In den letzten fünf Jahren bekamen wir in Griechenland jedes halbe Jahr einen Schock. Ich fühle mich, als hätte ich statt des Herzens einen Elektroschocker in meinem Körper, der von irgendwo außen ab und an betätigt wird.“

Auf dem Herflug in der ausgebuchten Maschine nach Athen eine befremdliche Atmosphäre an diesem Tag 1 nach der erneuten Brüsseler „Griechenland-Rettung“. Nachdem wir die angepeilte Flughöhe von 10.000 Metern erreicht haben, fragt mich meine Sitznachbarin, eine junge Frau: „Sie sind doch Grieche – oder? Werd ich in Griechenland als Deutsche Probleme haben?“ Und meine 76-jährige Mutter, die mich mit ihrem alten Skoda vom Flughafen abholt, will als erstes wissen: „Sag mal, was denken denn die ganz normalen Leute in Deutschland über uns? Hassen die uns auch alle so sehr wie Herr Schäuble? Wollen die sich auch an uns rächen, für irgendwas?“

Es ist seltsam still in Athen, als würde die Stadt die Luft anhalten. Ich bin unterwegs, um Freunde am Exarchia-Platz zu treffen. Die U-Bahn ist voll. Die Menschen eigenartig ruhig. An den Fahrkarten-Entwerterautomaten leuchtet es in Rot: Außer Betrieb. Weil die Banken geschlossen bleiben, hat die Regierung verfügt, dass in Athen bis auf weiteres alle Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln kostenlos sind.

Am Exarchia-Platz, dem Treffpunkt der Athener Anarchisten-Szene, setze ich mich ins Café „Flora“. Stefanos P. kommt. Er erzählt, dass er vor kurzem arbeitslos geworden ist. Siebeneinhalb Jahre war er bei einer Druckerei beschäftigt. Jetzt bekommt er ein halbes Jahr lang monatlich 360 Euro Arbeitslosengeld. Danach nichts mehr. Stefanos ist außer sich, weil Tsipras in Brüssel „eingeknickt“ ist. „Das hätte er nicht unterschreiben dürfen“, sagt Stefanos erregt. „Es hilft Griechenland ja nicht, sondern so wird Griechenland unterjocht.“ Ich frage ihn, wie er überhaupt mit 360 Euro überleben kann. Er antwortet: „Frag mich lieber nicht. Ich muss mich irgendwie durchschlagen.“

Im Café Leere. Das Aircondition läuft, aber heute ist es nicht heiß. Ich schau kurz nach draußen. Auf dem Platz viele Menschen. Darunter drei, vier Männer, die lauthals gestikulierend in ihre Handys rufen. Stefanos bemerkt das und sagt: „Die bereiten den Aufstand vor. Am Mittwoch oder Donnerstag wollen zehntausend Anarchisten und etliche Linke gegen die Regierung protestieren. Dem müssten dann noch viele andere Menschen folgen und einen Generalstreik ausrufen.“ – „Und was passiert dann?“, frage ich. „Wir dürfen Tsipras das nicht durchgehen lassen. Wir haben beim Referendum ja nicht ohne Grund mit Nein gestimmt. Wir müssen Widerstand leisten.“ Dann schaut er auf die Uhr. Er reicht mir die Hand und verlässt das Café. Wolken am Himmel.

Zwanzig Minuten später kommt Alexandros. Er ist ein Dichter-Freund und arbeitet als Journalist. Wir haben uns lange nicht gesehen. „Weißt Du, was ich gerade mache?“, fragt er mich. „Ich übersetze gerade Texte eines ostdeutschen Autors. Wolfgang Hilbigs ICH – diesen Stasi-Roman.“ Alexandros bestellt einen Frappé und sagt unvermittelt: „Frau Merkel müsste doch eigentlich verstehen, was hier passiert! Dass das Volk auf die Barrikaden geht.“ Er streicht sich über den Nacken. „In Leipzig sind die doch auch damals auf die Straße gegangen. Und die hatten sogar was zu verlieren! Die hatten Arbeit, Wohnung, Essen war billig, Schule, Krankenversorgung. Und trotzdem hat’s denen gereicht. Die gingen auf die Straße ohne Plan, ohne Anführer. Mit vollem Risiko. Die haben irgendwelche Sätze gerufen. Wie war das …? Wir bleiben hier! Wir sind das Volk! Denen war klar, dass in ihrem Land Unrecht geschieht. Die hatten zu essen, aber sie hatten Hunger nach Freiheit. Wir haben auch so gefühlt und beim Referendum mit diesem Nein reagiert. Viele hier verstehen nicht, wie Frau Merkel, die doch aus Ostdeutschland kommt und das alles mitgemacht hat, für unsere Situation so wenig Verständnis hat und so knallhart bleibt.“

Versehentlich fegt Alexandros die Tasse vom Tisch, als er seine Worte mit einer schnellen Handbewegung unterstreicht. Der Rest vom Kaffee spritzt auf den Boden. Alexandros greift nach einer Serviette und sagt: „Das war die Hand von Frau Merkel, die uns vom Tisch kriegen muss. Die erwartet von uns etwas, was sie selbst nicht für sich gewollt hat damals in der DDR, als sie so alt war, wie wir jetzt. Wer soll das verstehen?“ Er schaut mich zweifelnd an. Ich als „deutscher Grieche“ müsste ja eine Antwort darauf haben.

Es ist 23.11 Uhr. Ich fahre mit der U-Bahn zurück bis zur Station in dem Viertel, in dem meine Mutter wohnt. Mein erster Tag in Griechenland geht zuende. Viele Fragen offen.

Asteris Kutulas

Herr Tsipras, verändern Sie endlich Griechenland!

Sehr geehrter Herr Tsipras,

bitte nehmen Sie den gestrigen Vorschlag von Herrn Schäuble auf und lassen Sie uns sofort den Euro verlassen. Eine bessere Gelegenheit hat es dafür in den letzten 5 Jahren nicht gegeben! Wir haben keine Chance innerhalb der Eurozone zu recovern. Das bisherige Argument, dass ein ungerodneter Grexaccident ins Chaos führen würde, gilt seit dem gestrigen Vorschlag des deutschen Finanzministers nicht mehr. Darin verspricht er finanzielle Unterstützung, humanitäre Hilfe und technischen Beistand bei der Wiedereinführung der Drachme – und das alles innerhalb der Eurozone (wie die anderen 10 Euroländer, die keinen Euro haben.).

Herr Tsipras, Griechenland ist bankrott, korrupt und nicht mehr souverän – Sie und SYRIZA sind NICHT dafür verantwortlich. Jetzt haben Sie die einmalige Chance, Griechenland radikal zu ändern und zu reformieren. Tun Sie es!

Asteris Kutulas

85% der unter 24-jährigen haben mit NEIN gestimmt

Die junge lost generation in Griechenland hat nichts zu verlieren – sie ist bereits von der Gesellschaft abgeschrieben, sie hat keine Perspektive – ausser das Land zu verlassen -, ist von Massenarbeitslosigkeit (zwischen 50 und 60%) betroffen, sie taucht nicht auf in den Sozialsystemen der Staates, sie hat keine Chance auf irgend eine Rente, sie ist nicht präsent in den griechischen Massenmedien, die zu über 90% den griechischen Oligarchen gehören. UND SIE HAT KEINE SCHULD AN DER MISERE, MUSS SIE ABER TÄGLICH AUSBADEN. Wie drückte es ein 17-Jähriger Anarchist mir gegenüber aus: „Unsere Eltern haben uns den Krieg erklärt – jetzt kriegen sie ihren Krieg.“

85% der unter 24-jährigen haben mit NEIN gewählt. Die griechischen Machteliten haben in den letzten 20 Jahren eine Scorched-Earth Policy gegenüber der jungen Generation durchgezogen, die seit 2008 dagegen immer wieder aufbegehrt. Alles, was aus den Mündern von Samaras, Venizelos, Voridis, Bakojanni etc. ertönt, erscheint ihnen als hohle Phrasen, diese Clique als das personifizierte Scheitern, das personifizierte „Übel“. – Und sie können einfach nichts anfangen mit den „europäischen Botschaften“, die sie aus Brüssel oder Berlin erreichen, da es ihnen „übersetzt“ wird von genau diesen griechischen „Loosern“, der „alten Politikerkaste“, der „korrupten Mafia der Bankrotteure“, der „alten Garde des Klientelismus“. Das sind einfach die falschen Verbündeten für Europa. (Nach dem Mauerfall wollte auch keiner mehr mit Krenz oder Schabowski zusammenarbeiten.)

Die jungen Leute in Griechenland leben seit 5 Jahren ein gesellschaftliches Desaster, für das sie nicht verantwortlich sind. Das „System Griechenland“ der letzten 30 Jahre hat sie geopfert.

Jetzt muss die Tsipras-Regierung liefern

Das NEIN hat gewonnen. (Und zwar mit einem Riesenvorsprung.) Das hatte ich wirklich nicht erwartet. Bei diesem Terror fast der gesamten griechischen (und deutschen) Presse gegen die Tsipras-Regierung, bei diesen Armaggedon-Drohungen der Opposition, bei dieser immensen finanziellen Unterstützung des JA-Lagers, bei diesen Untergangs-Prophezeiungen des gesamten europäischen Establishments, bei diesem Wahl-Boykott der Kommunistischen Partei (die immerhin 8% Wählerstimmen hat) und vor allem unter der Fuchtel geschlossener Banken, drohender Pleite und unter der Prämisse, dass KEINER wusste/weiss, was der nächste Tag bringen wird: RESPEKT! RESPEKT! Vor allem die letzten Punkte zeigen, dass es vielen Griechen um mehr ging, als nur um Geld. Und umso schwerer wiegen die 61%. Aber trotzdem, wie ich gestern schrieb: WIR SIND ALLE GRIECHEN, lasst uns jetzt endlich unsere Hausaufgaben machen! Wir müssen endlich unser Land umkrempeln. Und jetzt muss die Regierung liefern. Ich stimme mit ALEXANDRA FÖDERL-SCHMID überein, die vorhin im Wiener STANDARD schrieb: Die „griechische Regierung muss ihren Plan vorlegen, wie sie die Zukunft des Landes aktiv gestalten will. Wer etwas von anderen will, muss sich dann auch an Vereinbarungen halten. Reformen sind in vielen Bereichen notwendig. Nur Nein zu sagen reicht nicht – weder in Brüssel noch in Athen.“

EGAL, WAS IHR WÄHLT – WIR SIND ALLE GRIECHEN!

Ich bin vorhin gefragt worden, was ich morgen wählen würde. Leute, egal, was ihr wählt, egal, was ihr denkt und fühlt: GEHT MORGEN WÄHLEN! Jedes JA, jedes NEIN ist besser, als nicht zu wählen. Morgen geht es meiner Meinung nach zunächst einmal um unser Selbstbestimmungsrecht, und es geht morgen auch um ein Zeichen dafür, dass wir die Volksabstimmung als „Institution“ stärken und diese uns für die Zukunft erhalten. Egal, wer diese Volksabstimmung gewinnt, die Demokratie gewinnt morgen auf jeden Fall, und somit gewinnt jeder von uns. Ich finde das toll. Denn das Wichtigste, was in den letzten Monaten passiert ist – und das kann uns keiner nehmen: Millionen von Griechen sind „aufgewacht“, haben gestritten, gelitten, haben „nachgedacht“, haben Widerstand geleistet oder sich „ergeben“, haben Hoffnung geschöpft oder resigniert. Ein unglaublich dynamischer, gesellschaftlicher Diskurs ist in Gang gekommen, natürlich vor allem in Griechenland (wo es so etwas lange Zeit nicht mehr gegeben hat), aber auch in Europa und sogar weltweit. Wie schrieb Jürgen Habermas anerkennend vor einigen Tagen: die Griechen haben „Sand ins Brüsseler Getriebe gestreut“. Egal, was morgen bei dieser Abstimmung herauskommt: Wir haben so oder so Geschichte geschrieben – und wir sind ALLE Griechen.

4.7.2015

Die griechische Krise und meine Liebe zu Deutschland

5 JAHRE GEGENSEITIGES DEUTSCH-GRIECHISCHES BASHING SIND GENUG!

Ich schätze das Leben in Deutschland sehr, und ich schätze die Deutschen und ihre funktionierende Zivilgesellschaft – etwas, das wir in Griechenland nicht haben (eines unserer größten Probleme). Meine Seele ist zwar „griechisch“ durch und durch, aber mein Geist ist „deutsch“, und der liebt Bach und Mahler, Schubert, den Dresdner Kreuzchor, Schopenhauer, Hölderlin, Immanuel Kant, Hermann Hesse, Thomas Mann, Caspar David Friedrich, Gerhard Richter, Max Beckmann, Hannah Höch, Siegmar Polke, Joseph Beuys, Käthe Kollwitz, August Sander, Paul Celan, Martin Walser, Heiner Müller, Volker Braun, Christa Wolf, Wim Wenders, Adolf Endler, Hans Magnus Enzensberger, Bertold Brecht, Marlene Dietrich, Ernst Bloch, Hanns Eisler, Udo Lindenberg, Klaus Kinsky, Konstantin Wecker, Peter Stein, Pina Bausch, Wolf Biermann, Hannah Arendt, Rainer Werner Fassbinder usw. usf. – und ich liebe all meine zur Zeit etwas „diffusen“ deutschen Freunde.

Egal, was die Regierenden machen und wie sich einzelne Politiker und Journalisten verhalten, egal, wie zum Teil menschenverachtend die Bild-Zeitung gegen uns „gierige Griechen“ hetzt und uns in ihren Veröffentlichungen zu Bürgern Zweiter oder gar Dritter Klasse degradiert – denkt daran: Diese Journalisten sind nicht „Deutschland“. Viele Menschen in Deutschland schätzen uns Griechen, genauso wie wir Griechen Deutschland lieben. Vergeltet also nicht Gleiches mit Gleichem, selbst nicht in diesen Augenblicken „höchster Not“. Wir Griechen in Deutschland sind „Botschafter“ und „Über-Setzer“ zwischen den beiden Nationen; und gerade jetzt, da die deutsch-griechischen Beziehungen auf einem solchen Tiefpunkt angekommen sind, wie wir es seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie erlebt haben, sollten wir dementsprechend handeln und für Ausgleich sorgen… Kritisieren – ja, streiten – ja, parodieren – ja, aber nicht beleidigen, nicht herabsetzen, nicht entwürdigen. Wir sollten die Möglichkeiten des Dialogs und der Streitkultur ausschöpfen, sie aber niemals zerstören (auch wenn das schwer fällt).

Gert Hof, ein guter Freund, der leider vor ein paar Jahren den Kampf gegen den Krebs verloren hat, sagte immer: „Asteris, egal, was passiert ist, such den Fehler erst einmal bei dir.“ Darum sollten wir Griechen bei uns selbst anfangen – eine Prämisse, die mir so wichtig ist, dass ich mich gern selbst zitiere: Das derzeit für mich Erschreckende ist nämlich, dass ich beim Disput zwischen uns Griechen (sowohl in Griechenland als auch in der Diaspora) erlebe, welcher Dogmatismus herrscht, welche verbalen Erniedrigungen einander zugefügt werden, welcher Starrsinn noch immer besteht, welches Beharren darauf, dass die Ansichten eines anderen nichts wert sind, Schwachsinn oder Gedanken eines „Feindes“ oder gar „Verräters“. Die Zeiten des Bürgerkriegs und der „unnatürlichen Entzweiung“ sind längst vorbei, dachte ich, und vieles sei inzwischen anders, besser, offener. Dass es inzwischen selbstverständlich sein müsste, einander zuzuhören und tolerant zu sein. Dass inzwischen klar geworden sei, dass die politische und die emotionale Entzweiung der Griechen das Immunsystem des Landes geschwächt und zu zerstören begonnen haben. Dass dieser Prozess nicht weitergetrieben werden sollte. Dass jeder Einzelne sich dem verweigern müsste.

Ich hätte nie gedacht, dass nach so viel Auseinandersetzung in den letzten Jahrzehnten, nach so viel Zeit, in der wir nicht unter Gewehrfeuerbeschuss waren, in der keine Bomben fielen, in der Freunde, Bekannte, Kollegen oder Nachbarn nicht auf Nimmerwiedersehen verschwanden, nach so viel Zeit, die uns gegeben war, um Abstand zu gewinnen, in uns zu gehen, tiefer zu sehen, unsere Ansichten auszutauschen, … dass nach so viel Zeit trotzdem so viel gegenseitige Verachtung, Abschätzigkeit und Hass herrschen und das Haar in der Suppe gesucht wird, während unser Land, Griechenland, das Land, das wir alle so nötig haben, den schlimmsten Niedergang seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt und damit ein Verlust von Heimat stattfindet, der vor allem einen Verlust unserer kulturellen Identität und zugleich unserer „Menschlichkeit“ bedeutet. Griechenland wird nicht in einen politischen Dialog mit anderen Ländern kommen können, solange uns Griechen das nicht einmal im eigenen Sprachraum gelingt.

Unsere Freunde hier in Deutschland, unsere Kollegen und Nachbarn sind uns verbunden, weil sie uns als Philanthropen kennen und neben unserem Humor auch unsere Ernsthaftigkeit mögen (glaube ich jedenfalls). Wenn ich eingangs von der deutschen Zivilgesellschaft schrieb, die ich so sehr schätze, dann vor allem wegen der hier gelebten Meinungsfreiheit, die es ermöglicht, Kontroversen zu führen, einander zu kritisieren, ohne dass damit unweigerlich abgrundtiefe Verachtung, nicht endende Feindschaft und ein nicht enden wollendes Einander-Schlechtmachen oder so etwas wie „politische Sippenhaft“ einhergehen. Es ist mir in Deutschland wohl nie passiert, dass jemand an jemandem Kritik äußerte und im gleichen Atemzug erwähnte, aus welcher Familie der von ihm Kritisierte kommt, welcher Partei der Vater nahe steht, der Bruder usw. usf. Ich habe es leider aber sehr sehr oft erlebt, dass wir Griechen das sehr stark thematisieren und dass daraus niemals etwas Konstruktives resultierte. Wie viele wunderbare Projekte sind daran gescheitert … Für mich ist das die Fortsetzung des Bürgerkriegs – denn das war im Interesse der Machteliten unseres Landes auch in den letzten 40 Jahren -, der dadurch nie aufgehört hat, sondern unser Denken offensichtlich weiter bestimmt. Die Debatten in Deutschland empfinde ich dagegen oft als eine Wohltat, denn hier gibt es eine Welt auch neben und unter jener der „kalten Machtpolitik“. Lasst uns dort ansetzen und mit friedensfördernden Maßnahmen beginnen… Wir müssen die Trümmer des Krieges beiseite räumen – vielleicht endet er dadurch schneller.

Gottfried Bräunling: Nicht seehen, nicht hören, nicht sprechen
Gottfried Bräunling: Nicht sehen, nicht hören, nicht sprechen

Über Leichen …

Obwohl Frau Merkel und die deutsche Regierung bislang für die unglaubliche humanitäre Katastrophe in Griechenland nicht (oder nur teilweise) verantwortlich sind – dafür haben die griechischen Eliten, Politiker und Oligarchen die letzten Jahrzehnte schon selbst gesorgt -, so gehen sie doch ab jetzt „über Leichen“ in Griechenland.
So werden Frau Merkel, Herr Gabriel, Herr Schäuble & Co. in die Geschichte eingehen: als gnadenlose Machtpolitiker, die das Wohl der Banken (was nicht nur symbolisch gemeint ist) über das Wohl von Kindern, Jugendlichen und einer jahrelang „terrorisierten“ Bevölkerung stellen.
Das heutige „Europa“ ist mir egal (und hat sich wohl erübrigt), aber dass aufgrund einer konkreten Politik in den letzten Jahren Menschen tagtäglich sterben und die Demokratie ausser Kraft gesetzt wird (was Hand in Hand geht) – und dass das alles von unseren „europäischen Freunden“ wie selbstverständlich hingenommen wird – ist meiner Meinung nach monströs und offenbart, was uns die Zukunft wirklich bringen wird. 

Wir Griechen der Diaspora …

Zum 10jährigen Bestehen von EXANTAS und vor allem der gleichnamigen berliner Zeitschrift …

Ich gehöre nicht mehr zur jüngeren Generation – obwohl die Übergänge fließend sind – und noch nicht zur so genannten alten, obwohl auch hier die Übergänge fließend sind. Und in diesem fließenden Prozess verstand ich mein Wirken, und das zusammen mit meiner Frau Ina, immer als ein Kontinuum.

Viele meiner Künstler-Kollegen haben im Bruch mit der Tradition ihre Bestimmung gesehen und ihre Möglichkeit, voranzukommen, was ich nachvollziehen kann. Ich dagegen fühlte mich immer und fühle mich bis heute zugehörig dem Griechenland- und Kunst-Verständnis eines Kavafis, Cacojannis, Seferis, Theodorakis, Ritsos, Chatzidakis, Kunduros, Anagnostakis, Angelopoulos, Tsarouchis, Mikroutsikos, Gavras, Elytis etc. – einem Verständnis, welches beinhaltet, dass sich das bzw. mein Griechisch-Sein über die griechische Sprache und die griechische Kultur definiert. Genau das ist für mich „Heimat“, mein „Land“, meine „Landschaft“. Von hier aus kann ich zurück in die Historie schauen, bis in die Antike und noch weiter zurück in die dunklen Jahrhunderte der chtonischen Zeit vor 1400 v.Chr., und zugleich in die Zukunft, die unsere Gegenwart ist, und in die andere Zukunft, die wir noch nicht kennen.

EXANTAS ist eine jener exterritorialen Vereine, die ich als Sprachrohr wahrnehme, als ein Medium dieser „Heimat“, weshalb es mir lieb und teuer ist, auch wenn ich – was die Zeitschrift des Vereins angeht – persönlich einiges anders machen würde.

Als alter Dialektiker bin ich jedoch sehr froh darüber, dass Kostas Kouvelis und sein Team es eben anders machen, als ich es machen würde. Aus meiner eigenen Erfahrung als Herausgeber zweier Zeitschriften zwischen 1988 und 1991 weiß ich, wie schwer es ist, streitbar, aber nicht unseriös, kritisch, aber nicht beleidigend, spannend, aber nicht „billig“ zu sein. Diesen Spagat und diese Versuchungen kenne ich gut.

Letztendlich halte ich genau das für das Beste, was möglich ist und wofür auch EXANTAS steht: eine Vielfalt und Unterschiedlichkeit, die die Möglichkeiten des Dialogs und der Streitkultur ausmachen. Das derzeit für mich Erschreckende ist nämlich, dass ich in der Diskussion zwischen Griechen (auch der Diaspora) erlebe, welcher Dogmatismus herrscht, welche verbalen Erniedrigungen einander zugefügt werden, welcher Starrsinn noch immer besteht, welches Beharren darauf, dass die Ansichten eines anderen nichts wert sind, Schwachsinn oder Gedanken eines „Feindes“ oder gar eines „Verräters“. Denn die Zeiten des Bürgerkriegs und der „unnatürlichen Entzweiung“ sind ja eigentlich vorbei und vieles inzwischen anders, besser, offener. Weil das Einander-Zuhören wichtig geworden sein müsste, die Toleranz. Weil inzwischen klar geworden sein müsste, dass die politische und die emotionale Entzweiung der Griechen das Immunsystem des Landes schwächten und zu zerstören begonnen haben. Dass dieser Prozess nicht weitergetrieben werden sollte. Dass jeder Einzelne sich dem verweigern müsste.

Ich hätte nie gedacht, dass nach so viel Auseinandersetzung in den letzten Jahrzehnten, nach so viel Zeit, in der wir nicht unter Gewehrfeuerbeschuss waren, in der keine Bomben fielen, in der Freunde, Bekannte, Kollegen oder Nachbarn nicht auf Nimmerwiedersehen verschwanden, nach so viel Zeit, die uns gegeben war, um Abstand zu gewinnen, in uns zu gehen, tiefer zu sehen, unsere Ansichten auszutauschen, … dass nach so viel Zeit trotzdem so viel gegenseitige Verachtung, Abschätzigkeit und Hass herrschen und das Haar in der Suppe gesucht wird, während unser Land, Griechenland, das Land, das wir alle so nötig haben, den schlimmsten Niedergang seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt und damit ein Verlust von Heimat stattfindet, der vor allem einen Verlust unserer kulturellen Identität und zugleich unserer „Menschlichkeit“ bedeutet.

Ich möchte nicht so weit gehen wie Giorgos Seferis, der am 5.1.1938 in seinem Tagebuch notierte: „Dieses Land, das uns verwundet, uns erniedrigt. Griechenland wird sekundär, wenn man an das „Griechentum“ denkt. Alles, was mich hindert, an das Griechentum zu denken, soll untergehen“, um fast zwei Jahre später sein Leiden an Griechenland noch extremer zu formulieren: „Das, was sich am massivsten bemerkbar macht, ist dieses Faulende, der Gestank eines Kadavers, der dich zu ersticken droht – und die Hyänen … raushängende Zunge, schlaue, erschrockene Blicke. In welchem Winkel dieser Welt ließe es sich noch leben?“ (27.11.39) EXANTAS hilft – neben vielen anderen –, dass ich nicht so weit gehen muss, solches zu sagen.

Und EXANTAS hilft, in der Krise, in diesem radikalen Umbruchprozess eine Chance, das positive Momentum auszumachen, die Klippen des Negativen, Rückwärtsgewandten zu umschiffen.

Es ist diese Energie, die ich mir immer wünsche. Eigentlich: dieses Konglomerat, bestehend aus Energie, Konzentration und Arbeit. Viel Arbeit. Heraus kommt dann solch eine Publikation wie die Zeitschrift EXANTAS. Es ist wichtig, dass wir Griechen der Diaspora uns positionieren: als Griechen der Diaspora.

Also, Exantas-Team, macht weiter so! Auf See vergeht die Zeit sehr langsam; an Land weiß man nicht, wo sie geblieben ist.

© Asteris Kutulas

„Sie hat einen Namen: Sie heißt Warwara Argiriou. Sie war meine Mutter.“ Von Petros Argiriou, ihrem Sohn

Ich habe die Auflistung derer, die sich wegen der Krise das Leben genommen haben, nicht mehr weitergeführt. Aber ich bin mir absolut sicher: seit gestern steht dort + 1. Ich bin mir dessen absolut sicher, denn dieses + 1, das zur Rechnerei des Todes hinzugekommen ist – das war … meine Mutter.
Ich habe mich von meinen Eltern emotional sehr früh abgenabelt, weil sie das System unterstützt und mich darauf vorbereitet haben, wie das in allen Haushalten zu der Zeit der Fall war.
In meinen Augen (denen eines Teenagers), war die emotionale Abnabelung von meinen Eltern ein titanischer Kampf gegen das System, das ich von kleinauf als deformiert und korrupt wahrgenommen hatte, ohne dass irgendwelche giftzüngigen politischen Kräfte mich hätten erst noch indoktrinieren und dazu erziehen müssen, gegen dieses System zu sein.
Natürlich, im gleichen Maße, wie ich recht hatte, hatte ich auch unrecht. Denn meine Eltern waren, wie Millionen andere Eltern auch, einfache und gutgläubige Menschen, sie waren gefangen in der Kredit-Konsum-Schulden-Falle ihrer Zeit. Ein tödlicher Irrtum für sie und meine Generation und für etliche Generationen, die noch kommen werden – doch es war ein Irrtum, der auf Unwissenheit beruhte.
Genau wegen dieser meiner frühzeitigen Abnabelung und weil ich mich von allen Eltern-Stereotypisierungen freigemacht habe, kann ich Ihnen ganz objektiv sagen:
Meine Mutter war eine Heilige. Wann immer sie eine Notsituation erkannte, nahm sie sich dieser Angelegenheit an. Sie verbrachte Jahre in den Krankenhäusern der Erniedrigung und des Leids als freiwillige Krankenbetreuerin und als Seelendoktor für Dutzende von Verwandten und Bekannten und Unbekannten.
Sie umarmte jedes Kind, das ihren Weg kreuzte. Ihre Seele ließ nicht den kleinsten Makel erkennen, nicht die geringste Arglist. Die grenzenlose Liebe meiner Mutter war das „Bindemittel“ unserer Familie.
Immerzu rastlos – ein so lebendiges Wesen hatte meine Mutter, dass sie darin all ihre Kinder übertraf.
Ohne zu jammern hat sie so viele Kreuze getragen. Nie beklagte sie sich wegen irgendetwas. Sie verlangte nichts für sich. Alles für die anderen.
Warwara für alle – und niemand für Warwara. Sie konnte sich nicht dazu durchringen, um Hilfe zu bitten.
Die letzten Jahre waren ihre schwierigsten – selbst, nachdem sie schon so viel durchgemacht hatte.
Die Krise hielt auch in ihrem Leben, in ihrem Haushalt Einzug. Eine Zukunft für ihre drei Kinder, die alle studiert hatten, nicht in Sicht. Die Rente ihres Ehemannes radikal gekürzt. Ihre eigene Rente, die sie hart erarbeitet hatte und bis zum Schluss bekam, wurde um mehr als die Hälfte gekürzt. Eine Rente – geraubt von diesem Politiker-Lumpenpack.
Jeden Tag Vaters Klagen. Der Druck unerträglich. Der Psychoterror der Medien, der ständig darauf abzielte, uns dazu zu bringen, dass wir uns mit dem massenhaften Raub unseres Eigentums, unserer Würde, unseres Lebens abfinden würden.
Mutter lud sich eines jeden Kreuz auf. Sie arbeitete ohne Unterlass im Haushalt, auch nachts. Sie war unnachgiebig sich selbst gegenüber. Schonte sich nicht. Sie schlief jeden Tag nur vier Stunden, um alles perfekt zu erledigen.
Vor zwanzig Tagen brach meine gute Mutter plötzlich zusammen unter all dem Druck und Schmerz, der sich nach und nach in ihr aufgestaut hatte. Dieser kleine Ausbund von Leben, der so viel Energie in sich hatte, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Sie wollte nicht essen. Sie wollte nicht sprechen. Die Hilflosigkeit der Ärzte.
Irgendwann einmal hatten die Worte meiner Mutter – mit der ihnen innewohnenden, erhellenden Lebensweisheit – mich tief berührt, als sie zu mir sagte: „Mein Junge, ich bewundere dich. Du bist wie eine Phönix. Immer wenn du stürzt, erhebst du dich wieder.“
Ich hab versucht, ihr dieses Darlehen an Seelengröße zurückzugeben. Ihr zu sagen: Mutter, erinnerst du dich: Phönix – du und ich.
Aber die Dunkelheit hat ihren Lebensfunken erstickt. In ihrer Verwirrung sagte sie irres Zeug. Sie erzählte ihren Kindern – also uns -, dass sie uns umgebracht hat. Dass sie uns vernichtet hat.
Sie bat um Verständnis für ihr Verbrechen. Sie verlangte, sie der Polizei zu übergeben. Sie verlangte, man möge sie exemplarisch bestrafen. Eine Strafe, weil sie ihr ganzes Leben eine Heilige war.
Das Fernsehen sprach aus ihr. Sagte, sie habe das alles verschlungen. All die Milliarden. Sie war es, die sie geklaut hat. Sie verlangte, der Polizei übergeben zu werden.
Ihr war klar, welches Dunkel in ihrem Kopf herrschte. Sie kannte diese Krankheit sehr gut, nachdem sie geduldig schon soundso viele auf deren letztem Stück des Lebensweges begleitet hatte.

Sie wollte sich auf keinen Fall dieser Krankheit ergeben.
Sie ist unseren Händen entglitten.

Während andere in ihrem Alter den Tod fürchten, öffnete sie das Fenster des Schlafzimmers, in dieser schicksalhaften Sekunde, als unser Vater in die Küche ging, um die Herdplatte auszuschalten, und wagte ihren heroischen Ausbruch.
Still, ohne zu klagen, nahm sie ihre Kreuze mit, um ihren federleichten 43-Kilo-Körper etwas schwerer zu machen, damit der Tod sie ernst nähme, den sie im Hinblick auf sich selbst immer auf die leichte Schulter genommen hatte.
Der Tod machte aus meiner Mutter keine Heldin. Nicht so, wie er es mit dem Helden Dimitris Christoulas gemacht hatte. Eine Heldin war meine Mutter in ihrem Alltagsleben. Eine kleine, alltägliche Heldin.

Schreie drangen herauf.
Und gleich danach sahen wir sie, die sich vom Balkon gestürzt hatte, unten neben dem Müll liegen. Jeder aus unserer Familie, jeder von uns, die wir sie alle so sehr geliebt hatten, zerbrach. Die Säule unseres Zuhause brach, als ihre Knochen brachen.
Ein jeder von uns stürzte wie ein Kartenhaus in sich zusammen und krümmte sich schluchzend am Boden.
Wir gingen nach unten und dann in die wie vom Blitz getroffene Menge.

Unsere Mutter verließ uns so, wie wir sie gekannt hatten: ohne eine einzige Schramme. Ohne einen Tropfen Blut, der ihr Antlitz hätte beflecken können. Alles in ihr. Alle Verletzungen waren innere. Wie im Leben, so auch im Tod. Unser geliebtes kleines Mädchen.
Mein Vater riss sich die Haare aus. Mein kleines Vögelchen! Mein Lämmchen! Meine kleine Taube! Noch immer war er verliebt in sie, seine Gefährtin auf Lebenszeit. Er weinte nicht seinetwegen. Er weinte um sie. Keiner von uns weinte um seiner selbst willen. Wir alle weinten, weil wir etwas so Kostbares verloren hatten.

Ich bin ein Mörder, rief mein Vater. Ich bin ein Verbrecher.
Nein, mein Vater war kein Mörder. Er ist ein guter Mensch. Der seine geliebte Gefährtin verloren hat.

Meine Mutter hinterließ keinen Abschiedsbrief. Wir haben’s nicht mehr geschafft, Adieu zu sagen, ihre letzten Wünsche zu hören, ihre Hand zu halten, ihr über das Haar zu streichen, ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Sie verließ uns wie eine, die vorangeht, stolz und allein.

Der Tod meiner Mutter wird uns noch mehr Schulden aufbürden. Wie ich schon vor Jahren das Schicksal unserer Heimat vorhergesagt habe: Wir bringen es fast nicht über uns, unsere Tote zu begraben, denn vor einigen Augenblicken war sie noch so lebendig.

Sie hat uns ein reiches Erbe hinterlassen. Ihre unendlich große Seele. Ein kleines Stück ihrer Seele, das unser zerrissenes Herz zusammenhält, unser Herz, in dem ihr sinnloser Tod eine klaffende Wunde hinterlassen hat.

Damit es uns nicht härter, sondern zu besseren Menschen macht. Ein Erbe, das wir ehrenvoll bewahren wollen. Ich hoffe … ich kann nur hoffen, dass wir uns als ihres Nachlasses würdig erweisen werden. Ihrer Liebe für alle Menschen.

Ich war einer der Ersten, der das Schicksal der durch die Krise zu Selbstmördern gemachten Menschen thematisiert hat. Eine von ihnen ist nun gekommen und hat uns, unser Leben heimgesucht. Meine Mutter hat uns davon überzeugen wollen, dass sie eine Mörderin war. Dass sie uns getötet hat. Meine Mutter war keine Mörderin. Sie war heilig. Mein Vater schrie, dass er ein Mörder ist. Weil er sie hatte sterben lassen. Er ist kein Mörder. Er ist ein guter Mensch. Weder ich bin ein Mörder noch sonst irgend jemand aus unserer Familie.
Ich weiß aber, wer der Mörder meiner Mutter ist. Natürlich war es nicht seine Hand, die sie aus dem Fenster stieß. Das geschah durch ihren eigenen Willen und mit Hilfe ihrer unbeugsamen, fast heroischen Hartnäckigkeit ihrer Würde.
Allerdings war es der Mörder, der die große und erdrückende Last auf ihren Rücken lud, ganz oben auf all die Kreuze, die sie seit Jahrzehnten freiwillig und ohne zu klagen mit ihren 43 Kilo getragen hatte.
Es war allerdings der Mörder, der diese unermüdliche, rastlose Frau zwang, gelähmt vor Scham im Bett zu bleiben, gleich neben dem Fenster, ihrem Fluchtweg aus dem Leben. Und nur dieses Fenster konnte sie noch als Ausweg aus einem inneren Schmerz sehen, der so fürchterlich war, dass sie ihm nicht mal mehr stammelnd hätte Ausdruck verleihen können.

Dieser Mörder ist ein Serienkiller, der Immunität genießt und einen Freibrief hat, mit Gift und Schalldämpfer zu töten – er ist das politische System dieses Landes. Und für diesen Mörder muss die Todesstrafe wieder eingeführt werden.

Ewige Ruhe dir, unsere Warwara, geliebtes kleines Mädchen!

Freitag, 28. Juni 2013

© Übersetzt von Ina Kutulas

(Ich danke Petros Argiriou und Ina Kutulas für die Abdruckgenehmigung.)

„Die Juden sind an allem schuld“ … und „Jetzt sind’s die Griechen“

Diese Brandmarkung, diese Stigmatisierung des griechischen Volkes als „Schuldigen“ für alles, wofür die griechischen Machteliten und Oligarchen sowie das herrschende europäische „System“ verantwortlich sind, ist unerträglich geworden.

Was ich zudem als beschämend und entwürdigend für eine Vielzahl von „europäischen“ Politikern und Medien empfinde, ist nicht nur deren Arroganz und Herablassung dem griechischen Volk gegenüber, sondern vor allem ihre menschenverachtende Ignoranz: In Griechenland sterben aufgrund der sozialen Katastrophe tagtäglich Menschen, weil sie keine medizinische Versorgung mehr haben oder aus Verzweiflung Selbstmord verüben oder weil die Kindersterblichkeit aufgrund der Krise in die Höhe geschossen ist – es geht also um Leben und Tod -, und in Deutschland und vielerorts in Europa wird so „argumentiert“, als hätten es diese Tausenden von Opfern „verdient“, zugrunde zu gehen und auf diese Art und Weise von der Erdoberfläche zu verschwinden. Im besten Fall schweigt man darüber.

Die anhaltende Stimmungsmache gegen „die Griechen“ führt dazu, dass der griechische Botschafter in Berlin telefonisch Morddrohungen erhält und dass man mir in einem Berliner Lokal an den Kopf wirft, dass – wenn wir Griechen nicht endlich das tun würden, was man uns sagt – man uns ein paar Panzer „runterschicken“ wird. (Das haben bereits die USA 1967 gemacht und uns eine 7jährige Militärdiktatur beschert, zu der ja Herr Strauß und die CSU sehr gute Beziehungen unterhielten.)

Für mich als Germanisten, für den „LTI“ von Victor Klemperer seit 35 Jahren ein Kultbuch ist, stellt sich inzwischen immer vehementer die Frage, ob diese sprachliche Volksverhetzung und „Kriegstreiberei“ dazu führt, dass wir Griechen uns bald auch als „Juden“ fühlen werden – wie ein israelischer Freund mir letztes Jahr in Tel Aviv solidarisch anbot. Ich kam darauf, als ich 2013 auf einem Plakat des Jüdischen Museums von Berlin neben dessen Überschrift „Die Juden sind an allem schuld“ den hingekritzelten Satz las: „Jetzt sind’s die Griechen“.

Ich als Grieche und als deutscher Steuerzahler möchte jedenfalls nicht mehr Teil DIESES Europas sein. Das, was hier in Deutschland passiert, empfinde ich inzwischen als „Krieg“, angefacht von skrupel- und verantwortungslosen Politikern und Journalisten (bei weitem nicht alle, aber doch genug) … Wir Griechen müssen unbedingt raus aus dem Euro und raus aus DIESEM unmenschlichen Europa. Und wäre ich ein Jude, würde ich jetzt nach Israel auswandern … Mein Gott, was ist aus Deutschland geworden!?

Asteris Kutulas
Berlin, 9.3.2015

Ich habe in einer Analyse gelesen, dass in über 120 Ausgaben der Bild-Zeitung das herabsetzende Wort „Pleite-Griechen“ benutzt wurde, zumeist in fetten Titelzeilen. Und da fiel mir der treffende Satz von Klemperer ein: „Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ (LTI) Hier drei – der unzähligen – Beispiele aus den letzten zwei Wochen:

1) Spiegel online veröffentlichte folgenden Schmähbrief an einen griechischen Gastronomen:
„In der Sonne liegen ist doch viel bequemer, insbesondere wenn andere dafür aufkommen … So geht es nicht !! Wir werden, solange diese Regierung derart schäbig, insbesondere fleißige und sparsame Europäer und Deutsche verunglimpft und beleidigt, ganz sicher keine griechischen Waren mehr kaufen, sondern auch Euren Laden ab sofort nicht mehr betreten !! Verkauft doch Eure Waren besser nicht mehr an die „Scheißdeutschen“, sondern macht Euch auf und zurück in Euer korruptes, stinkendfaules und total unfähiges Drecksgriechenland !! Griechenland NEIN DANKE !!!!!!!!!“

2) Die Bildzeitung bezeichnete im Rahmen ihrer Aktion vom 26.02.2015 sämtliche Bürger Griechenlands als GIERIGE GRIECHEN – und tausende deutscher Mitbürger schlossen sich dieser Kampagne an.

3) Auf Focus online lautet am 27.02.2015 die Schlagzeile zum Beitrag von online Redakteur Markus Voss: „Darauf einen Ouzo: Ein Drittel von Griechenland gehört bald uns“. Kein Kommentar – und ich mag die Assoziation, die ich dabei hatte, gar nicht aussprechen…

Griechenland im Umbruch – und bald unabhängig?

P1110006

Ein Traum, der nicht geträumt werden darf/kann/soll …

Bereits 2010 hatte ich drei UTOPISCHE Vorschläge gemacht, die meiner Meinung nach Grundlage dafür wären, Griechenland zum ersten Mal in seiner Geschichte eine nationale Unabhängigkeit zu ermöglichen:

1) Griechenland verlässt die Euro-Zone und kehrt zur Drachme zurück.
Baut eine mächtige Steuerbehörde auf nach dem Vorbild der USA (inkl. aller diesbezüglichen Steuergesetze) und ermöglicht erstmals die Arbeit einer unabhängigen Staatsanwaltschaft. Kopplung der Steuerpflicht an die Staatsangehörigkeit, wie in den USA.

2) Erklärung eines neutralen Status’ wie ihn die Schweiz, Schweden oder Österreich haben, um aus der NATO austreten zu können (dadurch signifikante Senkung der Militärausgaben sowie die Möglichkeit, Punkt 3 zu realisieren)

3) neben der EU-Mitgliedschaft Aufbau einer strategisch engen Zusammenarbeit und späteren „Konföderation“ mit der Türkei und Israel

Ein jüdischer, ein säkularisiert-islamischer und ein christlicher Staat gemeinsam in einer „Konföderation“ nach skandinavischem Muster – das ist eine Vision, die eine völlig neue Perspektive eröffnet, sowohl wirtschaftlich, kulturell, aber vor allem auch politisch und spirituell. „On the way“ dahin müssten wir gemeinsam (als Voraussetzung) das Zypernproblem und das Palästina-Problem lösen, um später diese beiden Länder in die Konföderation mit einzubeziehen.
Die Koalition sollte allen drei Ländern helfen, ihre nationale Souveränität zurück zu erlangen bzw. effektiver verteidigen zu können, vor allem aber ihre politisch-militärische Unabhängigkeit von den USA. Auch aus diesem Grund sollte Griechenland aus der NATO austreten und einen neutralen und pazifistischen Status einnehmen, der auch in der Verfassung verankert werden müsste. Israel würde eine solche Koalition helfen, seine Isolation in der Region zu überwinden, die Türkei würde noch viel mehr als Brücke zwischen Orient und Okzident fungieren und seine diesbezügliche Vermittlerrolle ausbauen, und Griechenland hätte vollkommen neue wirtschaftliche und kulturelle Perspektiven und die Chance, zum ersten Mal in seiner Geschichte unabhängig zu werden. Außerdem würde es dadurch eine gewichtigere außenpolitische Rolle in der EU spielen und zur EU-Integration beitragen.
Eine enge strategische Zusammenarbeit und spätere Konföderation mit der Türkei und Israel wäre nicht nur für Griechenland, sondern für alle drei Länder ein Segen. Unter anderem gäbe es dann für Griechenland keine Notwendigkeit mehr, deutsche, französische und amerikanische Waffen für Milliarden Euro zu kaufen, sondern Griechenland könnte das Geld in gemeinsame Wirtschafts- und Forschungs-Institute, in Hightech- und Energie-Technologie etc. und in multinationale Tourismus-Projekte investieren, und die drei Länder könnten gemeinsam endlich die Bodenschätze und Rohstoffe (z.B. die im Mittelmeer-Gebiet brach liegenden) verwerten.
Alle drei Länder stehen in gewisser Weise isoliert da, sind aber Nachbarn, haben eine verwandte Mentalität, eine gemeinsame Vergangenheit, ähnliche Landschaften und das Mittelmeer.
Ich weiß, das alles klingt utopisch – aber diese Vision ist einfach zu schön, als dass sie nicht geäußert werden sollte.

Bis jetzt lagen die Geschicke Griechenlands in den Händen von Politikern, die weder fähig noch aus unterschiedlichen Gründen willens waren, politisch und wirtschaftlich griechische Interessen zu verfolgen und durchzusetzen, wie es zum Beispiel ein Recep Tayyip Erdogan in der Türkei, eine Angela Merkel in Deutschland, ein Hugo Chavez in Venezuela oder ein Benjamin Netanjahu in Israel getan haben.

Ich bin der Meinung, dass die Anerkennung unserer Zahlungsunfähigkeit – also unsere Bankrotterklärung – und die Rückkehr zur Drachme eine Möglichkeit für einen Neuanfang wären. Wie ich bereits an anderer Stelle schrieb … den Weg durch das Tal der Tränen muss Griechenland ohnehin weiter gehen. Ich würde es aber dabei gern in seiner Selbstbestimmtheit erleben … und weiß in dem Augenblick, in dem ich es äußere, was das für eine Illusion ist … und was für ein Traum, der nicht geträumt werden darf und von dem womöglich keine Rede sein sollte. Aber ich als Autor und Filmemacher darf das und MUSS es tun.

November 2010/Januar 2015

Raus aus dem Euro!

Liebeserklärung an die älteste Währung Europas

VeganResistanceKL

Ich war (und bin weiterhin) der Meinung, dass jedes Mal, wenn Deutschland bzw. Frau Merkel oder Herr Schäuble von den Griechen als Verursacher der Krise in Griechenland kritisiert und – noch schlimmer – beschimpft wurden/werden, es einmal zu viel war/ist, weil es von den wahren Verantwortlichen, nämlich von den bislang über 40 Jahre Regierenden ablenkte und ablenken sollte. Abgesehen davon, dass es zum Teil sehr beschämend ist, sollten wir Griechen uns um unsere eigenen Politiker und unsere eigene (nicht vorhandene) Zivilgesellschaft kümmern.

Das Makabre an diesen Schuldzuweisungen gegenüber Deutschland bestand darin, dass auch die Anhänger der bisherigen Regierungsparteien (ND & PASOK) – die ja mit Deutschland sehr „freundschaftlich“ verbunden waren – dies bei jeder Gelegenheit hinter vorgehaltener Hand taten, um damit deutlich zu machen: „Wir können nichts dafür. Deutschland zwingt uns zu dieser furchtbaren Austeritäts-Politik!“ Aber nicht Deutschland ist verantwortlich für die griechische Krise, sondern das griechische politische und ökonomische Establishment der letzten 40 Jahre. Und genau das ist endlich abgewählt worden bei den letzten Wahlen im Januar 2015.

Dafür sollten die Deutschen dem griechischen Volk – für dessen Mut und Entschlossenheit – Anerkennung entgegen bringen. Einen Tag nach diesen Wahlen war die Luft in Athen anders, ein wenig wie am Tag nach dem Mauerfall in Berlin. Vor allem die Ost-Deutschen werden das nachvollziehen können, denke ich. Es ging vielen Griechen am 26. Januar ungefähr so, wie vielen Bürgern der DDR, als sie sich ein Leben mit Mielke und Honecker in der Regierung nicht mehr vorstellen mussten.

Jedenfalls ist es eine Kapriole der Geschichte, dass sich in meiner Heimat jetzt ausgerechnet eine Linkspartei anschickt, den Kapitalismus in Griechenland zu reparieren und ihn endlich auf einen „westeuropäischen Stand“ zu bringen.

Oberflächlich betrachtet hat Frau Merkel einen guten Job gemacht: Deutschland profitierte gewaltig vom Euro und steht – ökonomisch gesehen – ganz gut da. Aber Griechenland ist nicht nur durch die Politik seiner bisherigen korrupten, reformresistenten und klientelistischen Regierungen und Machteliten, sondern auch durch den Euro bankrott gegangen. Denn die Kriterien, die die EU aufgestellt hatte, damit ein Land in die Euro-Zone aufgenommen werden kann, waren sinnvoll und an sich ein gutes Instrumentarium, um von vornherein ein Land vor einer wirtschaftlichen Katastrophe zu bewahren.

Griechenland hatte zu keinem Zeitpunkt die Maastricht-Kriterien erfüllt und ist also nur durch einen „Schwindel“ (der von der bis vor kurzem regierenden Politikerkaste zu verantworten war und über den andere Regierungen „großzügig“ hinweggesehen haben) in die Euro-Zone aufgenommen worden. So passierte genau das, was passieren musste: Die griechische Wirtschaft erwies sich als nicht konkurrenzfähig und ging zugrunde. Die Exporte nahmen immer mehr ab, weil diese durch die Einführung des Euro zu teuer wurden und Griechenland stattdessen (durch die sehr günstigen Euro-Kredite) zum Absatzmarkt für Mercedes, BMW etc. geworden war – einen Luxus, den viele Menschen in Griechenland sich wohl hätten kaum leisten dürfen. In Griechenland gibt es heute durch die Segnungen des Euro Lidl, Media Markt, Edeka etc., dafür gingen bislang 200.000 Klein- und mittelständische Unternehmen zugrunde. Für Deutschland, Frankreich etc. war/ist das gut, für Griechenland war/ist es schlecht. Die EU-Maastricht-Kriterien haben sich jedenfalls am Beispiel Griechenland als absolut richtig erwiesen.

Der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone hätte demnach nichts zu tun mit einer „D-Mark-Nostalgie“ – zumal Deutschland der große Gewinner des Euro ist, Griechenland der größte Verlierer –, sondern damit, dass Griechenland niemals befugt und befähigt gewesen ist, dem Euro beizutreten. Daran hat sich nichts geändert, ganz im Gegenteil. Wir konnten und können uns den Euro als Land (noch) nicht leisten – das ist die Wahrheit. Also, raus aus dem Euro, damit wir wieder eine Chance haben, nicht auf ewig eine „Bananen-Republik“ zu bleiben. Immerhin hat die sogenannte „Euro-Krise“ in Hellas – für die die griechischen Machteliten und Oligarchen verantwortlich sind – zur einer Beschädigung der Demokratie, zu einer humanitären Katastrophe und zum Verlust der nationalen Souveränität geführt.

Es gibt sehr viele kluge, fähige und verantwortungsvolle Griechen im In- und Ausland, die sich sofort für ein neues demokratisches Griechenland engagieren würden, wissend, dass Veränderung oder gar ein Wandel nur durch harte Schnitte zu erreichen wären, die weiterhin einen Gang durch das Tal der Tränen bedeuten, zumindest wüssten die Betroffenen dann aber, warum sie das durchmachen. Was wir in meiner Heimat brauchen, sind unsere eigenen Visionen für die Zukunft und eine Zukunft für unsere Kinder. Das ist mit dem Euro nicht zu haben.

Glücklicherweise ist ein erster Schritt getan: Die alten Machteliten sind Ende Januar 2015 abgewählt worden, jetzt muss sich Griechenland „nur noch“ des Euros entledigen, um endlich unabhängig zu werden – was als Aussage symbolisch gemeint ist. Dafür habe ich seit 2010 plädiert, und heute bin ich um so mehr davon überzeugt. Ob die neue Regierung den von uns erhofften Anfang einer souveränen griechischen und zutiefst demokratischen Zukunft einläuten wird, ist sehr zweifelhaft – aber wer hätte überhaupt gedacht, dass die Griechen so standhaft sein und so viel Zivilcourage aufbringen würden? Ich nicht.

Athen, Tag eins nach der Wahl (26.1.15)

Eine Kolumne aus dem griechischen Niemandsland

Am Sonnabend hatte es geregnet in Athen. Am Sonntag gingen die Griechen (und ich auch) wählen, und heute, am Montag, ist das Land, das unter der Krise wie kaum ein anderes in Europa gelitten hat, nicht wiederzuerkennen. Ein spürbares ungläubiges Aufatmen liegt in der Luft. Eine Leichtigkeit des Seins ist zu spüren, und die Menschen sind irgendwie freundlicher und relaxter. Vielleicht ist das alles aber auch nur Einbildung. Jedenfalls sagen Taxifahrer Sätze wie: „Samaras konnte in den letzten zweieinhalb Jahren nicht einmal die Reformen, die ihm Merkel & Co. aufgetragen haben, umsetzen. Der hat zu nichts getaugt.“

Mir ist ein wenig so wie damals, als die Mauer fiel. Nicht ganz so schön, aber fast… Das jedenfalls, was viele heute hier in Athen denken, kommt dem nah, was wir im November 1989 gespürt haben. Zum Beispiel, dass diese Wahl in Griechenland die Demokratie wiederhergestellt hat. Bis 2012 verfügte das herrschende politische System der beiden Parteien Neue Demokratie und PASOK fast vierzig Jahre lang konstant über 80% der Stimmen. 2012 stürzten diese beiden Parteien auf etwas über 30% ab. Es gab in der westeuropäischen Nachkriegsgeschichte keine deutlichere „Abwahl“ einer Politikerkaste, aber nicht nur, dass diese beiden Parteien – mit „Unterstützung Europas“ – weiter herrschten, auch ihre korrupten und klientelistisch strukturierten Führungen machten weiter, als wäre nichts passiert. Samaras, Papandreou, Venizelos, Bakojanni, Karamanlis, Kefalojannis etc. etc. – die alten Politikerfamilien, die zum Teil seit 100 Jahren Griechenland in ihren Besitz genommen hatten, dachten gar nicht daran, von der Macht zu lassen. Dadurch wurde die konservative Rechte und die Sozialdemokratie völlig diskreditiert und es offenbarte sich, dass PASOK und Neue Demokratie keine demokratischen Parteien, sondern hierarchisch strukturierte „Familienclans“ sind… Das zeigt sich sehr extrem am Beispiel der PASOK, die von 44% im Jahr 2009 auf jetzt 4% abgesackt ist, und deren Vorsitzender Venizelos (der noch amtierende Außenminister) vorhin im Fernsehen erklärt hat, dass er weitermachen will. Immerhin ist dadurch, dass die neue Partei von Giorgos Papandreou an der 3%-Hürde scheiterte, zum ersten Mal seit 92 Jahren keiner aus der Papandreou-Dynastie mehr im griechischen Parlament vertreten.

Diese Wahl hat aber in den Augen vieler Griechen nicht nur die Demokratie, sondern auch die Souveränität Griechenlands wieder hergestellt. Samaras & Co., die verantwortlich waren für diese größte Krise in der griechischen Nachkriegsgeschichte, hatten in den letzten Jahren nicht nur ihre politische Handlungsfähigkeit verloren – was immer offenbarer wurde –, sondern auch die Glaubwürdigkeit in jeder Hinsicht, vor allem aber ihre Fähigkeit, eine „griechische Politik“ für Griechenland zu gestalten. Das führte dazu, dass die „Troika“ für die Griechen zum Hassobjekt wurde, und die Samaras-Regierung erschien vielen als deren Handlanger, die es zuließen, dass Griechenland einerseits wie eine Bananenrepublik behandelt und andererseits die griechischen Bürger mit dem härtesten europäischen Austeritätsprogramm aller Zeiten für etwas bestraft wurden, wofür sie nicht verantwortlich waren.

Schließlich denken viele Griechen, unabhängig davon, ob sie rechts oder links sind, dass sie durch die Wahl von Tsipras ihre Würde wieder erlangt haben. Das ist vor allem als emotionale Reaktion auf ein noch nie dagewesenes Griechenland-Bashing in Europa vor allem in den Jahren 2010 bis 2012 anzusehen, angeheizt durch die Regierenden daheim. Und jetzt schicken die Griechen jene „Kollaborateure Europas“ in den Ruhestand, die keine einzige wirkliche Reform umgesetzt, sondern nur sozialen Kollateralschaden angerichtet, hunderte von Skandalen unter den Tisch gekehrt und täglich neue angehäuft haben.

Ich persönlich weiß nicht, ob die weichgespülten Linken der SYRIZA-Partei überhaupt etwas zustande bringen, zumal sie ein System zum Gegner haben, das sie nicht kennen und dem sie möglicherweise nicht gewachsen sind. Auf jeden Fall ist Herr Tsipras ein besserer Partner für die EU und auch für die Bundeskanzlerin, denn er will – im Gegensatz zu Herrn Samaras und seinen Vorgängern – tatsächlich etwas an diesem korrupten und heruntergewirtschaftetem „System Griechenland“ verändern. Und dies wäre endlich an der Zeit und völlig im Sinne Griechenlands und vor allem Europas.

Es ist kalt an diesem Montagabend in Athen, selbst im Restaurant „Tee“. Am Nebentisch sagt ein Mann zu seiner Frau, dass wir einen „historischen Tag“ erlebt und dass wir die erste linke Regierung in Europa haben. „Stell Dir vor“, sagt er, „ein kommunistischer Politiker verteilt Ministerposten. Unglaublich!“ Er zieht an seiner Zigarette, obwohl ein Schild ihm gegenüber anzeigt, dass hier Rauchen verboten ist. Dieses „unglaublich“ erinnert mich an die ersten beiden Anrufe von Tsipras gestern Abend, noch vor der Veröffentlichung der ersten offiziellen Hochrechnung, unmittelbar nach Bekanntgabe der exit polls. Sie gingen an den Chef der griechischen Polizei und den Oberbefehlshaber der Armee. Der Putsch von 1968 und die nachfolgende siebenjährige Diktatur steckt allen Griechen noch in den Knochen. Und Samaras hatte oft genug in seinen Wahlkampf die „kommunistische Gefahr“ heraufbeschworen. Einer seiner Minister hatte zwei Tage vor den Wahlen ausgesagt, dass er „alles notwendige“ unternehmen würde, um eine kommunistische Machtübernahme zu verhindern. Auch aus diesem Grund ist die Entscheidung, mit den Rechtspopulisten von ANEL ein Regierungskoalition zu bilden, vielleicht die strategisch weiseste innenpolitische Entscheidung von Tsipras: damit beendet er den 1944 bego097FotoClip-0003nnenen Bürgerkrieg.

Auf dem Nachhauseweg fliegen mir die Wahlplakate diverser Parteien entgegen, eines mit dem Slogan der Neuen Demokratie: „Wir sagen die Wahrheit“, eine Aussage die bereits heute, einen Tag nach der Wahl, sehr schräg und unwahr klingt. Und gleich danach kreuzt ein zerfetztes Plakat von SYRIZA meinen Weg: „Die Hoffnung kommt“, etwas, was die Griechen, offensichtlich sehr ungläubig, „hoffen“ wollen.

Asteris Kutulas, 26.1.2015

Keine Hoffnung mehr … Wir sind verloren.

ELEFTERIABetrifft: Einladung zum Deutsch-Griechischen Dialog am 16.12.2013 durch die Hanns-Seidel-Stiftung

Mit Makis VORIDIS (MP, Vorsitzender der Fraktion „Nea Demokratia“ im Griechischen Parlament), Dr. Otmar BERNHARD (MdL, Staatsminister a.D.), Josef ERHARD (Ministerialdirektor a.D.) u.a.

Liebe F., danke für die Einladung zur oben genannten Veranstaltung,

aber ich denke, dass mit Politikern wie Herrn Makis Voridis kein DIALOG möglich und auch nicht sinnvoll ist, und vor allem, dass Politiker wie Herr Voridis der GARANT dafür sind, dass sich NICHTS in Griechenland verändert. Du weißt es, ich weiß es, alle wissen es: Es bringt gar nichts! Es kann nichts bringen. Politiker wie Herr Voridis haben das „System Griechenland“ mitgestaltet, sie SIND das System – und solche Veranstaltungen finden auf dem Rücken der Opfer dieses „System Griechenland“ statt. Wir sprechen hier über hunderttausende, vielleicht inzwischen Millionen von Opfern dieses „Systems“, die seit drei Jahren zu tun haben mit Verelendung, Hunger, Kälte, Depressionen, Flucht ins Ausland, Selbstmord, Fremdenhass, Tod, mit nicht mehr funktionierenden Sozialsystemen, einem längst kollabierten Rentensystem, einem grassierenden Neofaschismus und Antisemitismus sowie einem selbst moralisch völlig diskreditierten „Pleitestaat“. Die seit Jahrzehnten in Griechenland herrschende Macht-Clique, zu der inzwischen ja auch Herr Voridis gehört, ist genau dafür verantwortlich und hat eins bewiesen: SIE KANN ES NICHT, sie kann keinen Staat führen und kein Land regieren. Sorry, das stimmt zwar, aber richtig ist: SIE WILL ES NICHT. Sie interessiert sich allein für Machterhalt und/oder Geld – und dafür schickt sie – ohne mit der Wimper zu zucken – ein ganzes Volk ins Elend und eine ganze junge Generation in die Pampa … ins Ausland.

Warum mit diesen Politikern reden und ihnen ein „demokratisches Alibi“ geben, ihnen, die sehr effektiv die Demokratie in Griechenland abgeschafft haben? Auch das gehört – bildlich gesprochen – zu IHREM Machterhaltungs-System: Die fünf größten Zeitungen, die fünf größten Fernsehanstalten, die fünf größten Fußballmannschaften, die fünf größten Rundfunkstationen, die fünf größten Baskettballmannschaften gehören den fünf größten Unternehmern des Landes – Reeder, Großverleger, Bauunternehmer etc. – wir kennen sie alle. Da ist Italien mit nur einem Berlusconi ein demokratisches Musterland dagegen. In Griechenland beherrscht diese „systemrelevante“ Clique mindestens 95% der Information, und – über das Entertainment und den Sport – auch die „Seele“ des Volkes. In Griechenland gibt’s keinen „Spiegel“, keinen „der Freitag“, keine „Zeit“ etc. und inzwischen – dafür haben sie ebenfalls gesorgt – auch keine „ARD“, kein „ZDF“ etc.

Genau das ist das Griechenland des Herrn Voridis. Was willst du diesen Politiker-Menschen fragen? Was er unter Demokratie versteht? In Deutschland genügte – zu recht – eine nicht ordnungsgemäße Quellenangabe in einer zehn Jahre alten Dissertation, um den damals beliebtesten deutschen Politiker, den Verteidigungsminister der Bundesrepublik, zu seinem Rücktritt zu veranlassen, und zwar von allen politischen Ämtern. Ebenso genügte ein Wählerverlust (keine Niederlage!) bei der letzten NRW-Wahl, dass der Spitzenkandidat der CDU in NRW noch am Wahlabend von seinem Amt als NRW-Parteivorsitzender der CDU zurücktrat und einen Tag später auch seinen Ministerposten abgab. Und der deutsche Bundespräsident verlor seinen Job wegen 700 Euro. Und so weiter und so fort …, in Deutschland. Herr Voridis sowie seine Parteifreunde und Regierungspartner können darüber nur lachen. Sie haben in Griechenland hunderte nicht aufgeklärte Skandale angehäuft und tun alles, aber wirklich alles, damit sie nicht aufgeklärt werden. (So wird z.B. von den beiden Regierungsparteien dem Antrag des Finanzstaatsanwalts seit zwei Jahren blockiert, die Konten von 500 griechischen Politikern zu öffnen – die unter dem Verdacht der Veruntreuung und Steuerhinterziehung stehen.)

Im Gegensatz zu allen demokratischen Gepflogenheiten beharren die alteingesessenen Politiker in Griechenland auf ihren Machtanspruch und ihre Posten – Politiker, die zu verantworten haben, dass das Land bankrott ist, dass die Arbeitslosigkeit auf 27 % gestiegen ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit inzwischen bei 59 % liegt, dass laut OECD-Angaben Griechenland in fast allen Kategorien, die über die Qualität der Arbeit des Staatsapparats Auskunft geben, europaweit das Schlusslicht bildet. Fast alle jetzt Herrschenden wie Antonis Samaras, Evangelos Venizelos, Dimitris Avramopoulos oder Dora Bakojanni etc. etc. sind seit den achtziger Jahren führende Politiker ihrer Parteien, bekleideten wichtige Regierungsämter seit Anfang der neunziger und sind direkt und persönlich verantwortlich für den heutigen Zustand Griechenlands. Aber weder sie noch die anderen Spitzenpolitiker der beiden Herrschaftsparteien haben die Verantwortung für die desaströse Lage, in die sie Griechenland und ganz Europa gebracht haben, übernommen oder gar Konsequenzen gezogen und sich aus der Politik verabschiedet. Selbst nach dem historischen Wahldebakel vom 6. Mai 2012, als zum Beispiel die PASOK von 44% der Stimmen (bei der Wahl von 2009) auf 14% absackte und quasi aufhörte, als Volkspartei zu existieren, lachte anschließend der Parteivorsitzende Venizelos (und jetzige Außenminister) in die Kameras und sagte, er sei der Garant für eine umfassende Reform seiner Partei und kenne den Weg, Griechenland aus der Krise zu führen! Das ist wirklich unvorstellbar und ungeheuerlich.

Liebe F., das sind „korrupte“, verantwortungslose und die Demokratie Hohn spottende Politiker. Und das bedeutet auch: es sind keine guten Menschen. Man möchte nicht von solchen Typen regiert werden, geschweige denn mit ihnen an einem Tisch sitzen und sein Gewissen damit beschmutzen. Mit „man“ meine ich natürlich mich, einen griechischen Vater, der das Glück hat, in Deutschland zu leben und der das Glück hat, dass sein Sohn in London studieren konnte.

Was sollen wir tun? Ich weiß es nicht. Ich kann zumindest etwas Widerstand leisten, indem ich diesen Brief schreibe, einen Film wie RECYCLING MEDEA (www.recycling-medea.com) drehe oder den HOREN-Griechenland-Band mit-herausgebe oder mich bemühe, jungen Menschen, die aus Griechenland nach Berlin exilieren müssen, bei der Job-Suche in Deutschland zu helfen.

Und was kannst Du tun? Du könntest dazu beitragen (wenn Du willst, natürlich), dass es in Zukunft solche unerträglichen Feigenblatt-Veranstaltungen für „kriminelle“ Politiker nicht mehr gibt …
Wir werden in Griechenland von einer oligarchischen Clique regiert, die leider von der deutschen Regierung unterstützt wird, weil diese Clique vorbehaltlos alles tut, was die Troika (also auch Deutschland) verlangt – und sie tut das, um … (das sage ich) … nicht im Gefängnis zu landen. Bis jetzt hat es – mehr zufällig und „ungewollt“ – nur unseren ehemaligen Verteidigungsminister und Vize-Chef der PASOK-Partei erwischt, der sich 2001 von der deutschen Ferrostaal aus Rostock mit 20 Millionen hat schmieren lassen, um für 2,8 Milliarden deutsche U-Boote zu kaufen.

Insofern passen auch die deutschen Ministerialdirektoren und Staatsminister a.D. und auch die Hannes-Seidel-Stiftung ganz gut ins Bild … Wie immer wird sich bei dieser Veranstaltung ein Blabla über euch ergießen, das nichts sagt, nichts will, nichts bedeutet, und nur dazu dient, „staats-tragend“ in trauter griechischisch-deutscher Einigkeit das absolute Desaster, das Leid und den Schmerz, die schreiende Ungerechtigkeit, die tagtäglich in Griechenland passiert, zu übertönen mit einem Schweigen, bestehend aus leeren sowie mit Lügen und Halbwahrheiten behafteten Worthülsen. Und aus diesen Worthülsen bildet sich immer wieder eine ungeheuerliche – und sehr selten in dieser Deutlichkeit ausgesprochene – Behauptung: „Das griechische Volk ist selbst für seine Situation verantwortlich! Wir Politiker waschen unsere Hände in Unschuld.“ Das alles ist einfach nur furchtbar. Das tut in der Seele weh …

Liebe F., … ich weiß, wir sind dem System ausgeliefert. Es ist größer und mächtiger als wir. Wir können nichts tun, außer jeden Tag uns ein wenig dagegen wehren.
Wir Griechen sind so oder so verloren, aber vielleicht überleben wir ja als Volk in der Diaspora noch die nächsten 70 Jahre …

Sorry, ich musste sprechen …
Und verzeih mir diese künstlerisch-emotionale Reaktion,

Asteris Kutulas, 7.12.2013

P.S. Während ich diese Mail schrieb, fiel mir folgende Szene ein: 1988 fuhr ich mit der Straßenbahn Nummer 49 eines Abends von der S-Bahn-Station Pankow Richtung Zentrum. Plötzlich kam ein Mann herein, sah sich in der Straßenbahn um und schrie uns, die Fahrgäste, an: „In Afrika sterben die Kinder und ihr fahrt Straßenbahn!“ Der Mann hatte recht, und irgendwie war ich in jenem Moment sehr glücklich, nicht für dieses Sterben in irgendeiner Weise mit-verantwortlich zu sein.

Peter Zacher, RIP

Liebe Gisela,

FUCK! Peter Zacher ist tot.
Peter hätte bei diesem Satz die Augenbrauen hochgezogen und mir mit leiser und fester Stimme gesagt: Solch ein Wort benutzt man nicht bei einer Beerdigung. Und ich hätte ihm geantwortet: FUCK!, Peter, man stirbt auch nicht einfach so … Doch ich bin mir sicher, dass er bei seiner Meinung geblieben wäre, obwohl er die anarchistisch-libertaristische Dimension einer solch emotionalen Aussage insgeheim sehr gemocht hätte und unmerklich gelächelt, wie in dem Augenblick, als er seinen Kater im Schrank sitzen sah. Peter wusste sehr gut, dass alle Heiligkeit sich um ein Lächeln versammelt.

Diese beiden Seiten haben Peter ausgemacht: der Stil (und vor allem der Stil der Sprache) einerseits und das unbedingte Streben nach „Willensfreiheit“ andererseits. Peter mochte, ja, liebte Mikis Theodorakis aus diesem Grunde: weil der ein begnadeter Komponist mit einem sehr persönlichen Stil ist und sowohl in seiner Kunst als auch in seinem politischen Wirken den Anspruch auf absolute Willensfreiheit vertritt. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Diese Konsequenz, die aus jeder Note spricht, die Theodorakis Gefängnis- und Verbannungsaufenthalte einbrachte und die sich in einem immerwährenden Trotzen gegen Anfeindungen aller Art äußerte, diese Widerborstigkeit gegenüber jeglichem Duckmäusertum hat Peter fasziniert. Denn er selbst war genauso, er fühlte genauso: In der Kunst, in der Musik geht es immer wieder auch um Leben und Tod.

Peter war nicht nur ein herzlicher, von Aufrichtigkeit durchdrungener Mensch, er war auch ein „Widerständler“, ein geheimnisvoller intellektueller Extremist, dem die geistige Beschränktheit in der realsozialistischen DDR bis 1989 genauso fremd war wie in den Zeiten des wirtschaftsliberalen Kapitalismus danach.
Peter war ein Getriebener, der versuchte, jeden Augenblick kein falsches im richtigen Leben zu leben. Bei Bach, bei Mahler, bei Strawinsky – darin war er sich mit seinem Freund Mikis Theodorakis einig –, da ist sie zu finden: die universale Harmonie, die alles beinhaltet, wofür es zu leben lohnt, und die zugleich den Weg weist, der gangbar ist, um das richtige sogar im falschen Leben leben zu können.

Peter habe ich viel Elementares zu verdanken. Peter öffnete mir Türen, auch die zur jüdischen Musik und Kultur und in gewisser Weise auch die Tür zur Klassik. Er öffnete mir Türen zu einigen weiter wandernden Sternen. Mit Peter und „wegen“ Peter entstanden meine ersten Essays zu Theodorakis und zu Jannis Ritsos Ende der siebziger Jahre.

Die erste Begegnung mit ihm war ein Erlebnis, wie man es als Kind hatte, wenn einem eine Muschel gegeben wurde, die man behalten durfte. Von Peter erfuhr ich, dass man Literatur auch als „Weltanschauung“ leben kann. Peter weihte mich ein in die „Geheimnisse“ des Übersetzens, und er lehrte mich die Ausdauer und Disziplin, ohne die ein Über-Setzer unmöglich auskommt. Sein Haus in Dresden war für viele Jahre eine Art intellektuelles Refugium für mich. Peter, Gisela und der Fliederberg – was für eine abgehobene, faszinierend-transzendentale Welt.

Fliederberg, das sind zwei schöne Worte, zu einem Namen geworden. Er duftet aus sich heraus, und so war das innere Bild, das ich von Peter stets hatte, immer von einem Aroma erfüllt und von einem steten Rauschen. Denn wenn man an einem Fliederbusch vorbeigeht und wenn man auf einen Berg geht und wenn man ans Meer geht, dann strömt es um einen her, es rauscht, es ist etwas Endloses in der Atmosphäre, und es lässt sich kein Punkt dahinter oder davor setzen. Man kommt ohne viele Worte aus.

Peter, Du hast uns etwas geschenkt, das nicht verloren gehen kann. Vielen Dank dafür.

Asteris Kutulas, 14.2.2014

Mikis Theodorakis: „Wenn ich an den Holocaust denke: Ich schäme mich, als Mensch geboren zu sein“

Am 6.6.2013 hat ein Abgeordneter des griechischen Parlaments (Mitglied der neofaschistischen Partei Goldene Morgenröte) den Holocaust am jüdischen Volk geleugnet. Mikis Theodorakis reagierte auf diese Infamie mit folgendem Text, der am 12. Juni 2013 in der griechischen Tageszeitung „Ta Nea“ veröffentlicht wurde:

Mikis Theodorakis
Die Leugnung des Holocaust muß moralisch verurteilt
und juristisch verfolgt werden

Es ist absolut unerträglich, im griechischen Parlament diese furchtbaren „Meinungsäußerungen“ mit anhören zu müssen. Die Tatsache, dass es einem Abgeordneten allen Ernstes in den Sinn kommen konnte, im Parlament den Holocaust der Nazis an den Juden infrage zu stellen – dieses größte Verbrechen, das in der Geschichte der Menschheit jemals begangen wurde –, diskreditiert uns in den Augen der Weltöffentlichkeit und beschädigt das Ansehen unseres Landes. Das ist absolut verheerend für Griechenland und zudem verbrecherisch, wenn man in Betracht zieht, dass unser Volk eines derjenigen ist, denen die grausame Hitlerbarbarei die schwersten Opfer abverlangte.

Unbestreitbar bedeutet der Völkermord an den Juden – in seinen monströsen Ausmaßen – ein so entsetzliches und unbeschreibliches Verbrechen, angesichts dessen der Mensch sich schämen muss, Mensch zu sein, da die Schlächter von Auschwitz ja Menschen waren wie du und ich, allerdings in Gestalt einer Fehlentwicklung zu humanoiden Bestien. Wie wäre es sonst möglich gewesen, dass sie Kinder, Frauen, Greise – alles Unschuldige, deren einziges „Verbrechen“ darin bestand, einem anderen Ethnos und einer anderen Religionsgemeinschaft anzugehören (einem Ethnos, der einen Einstein, einen Freud, einen Marx, einen Mahler und zahlreiche andere Wohltäter der Menschheit hervorgebracht hat) – in Waggons pferchen konnten, als wären es Tiere, sie endlos sich dehnende Tage und Nächte zu deportieren und schließlich diejenigen, die all das überstanden hatten, unbegreiflichen Martyrien und Todesarten auszusetzen. Ein Jahrtausend-Albtraum, bis heute der schlimmste, den die Menschheit kennen gelernt hat, ein Albtraum, der dich bereits krank macht, wenn du nur daran denkst, während in deiner Vorstellung diese Opfer – vor allem die Kinder – zu Engeln werden und du schließlich nur noch den unweigerlichen Drang verspürst, vor ihnen niederzuknien, sie auf ewig um Vergebung zu bitten und ihnen wieder und wieder zu sagen: „Ich schäme mich, als Mensch geboren zu sein.“

In Dachau und in Auschwitz wurden nicht nur die Juden ermordet. Der Mensch an sich wurde ermordet. Und seitdem stehen wir alle, die wir überlebt haben, in einer Schuld.

Das ist es, was mich so unerbittlich und entschieden gegen jeden vorgehen lässt, der es wagt, diesen Alptraum durch irgend etwas rechtfertigen zu wollen. Diese Verbrecher von damals haben meinen Glauben an den Menschen getötet. Und keine Macht der Welt kann mich dazu bringen, das zu vergeben.

Hinzu kommt, dass wir Griechen doppelt Grund haben, die Gräueltaten der Nazis zu verdammen:

Erstens, weil sie unser Land total zerstört und Tausende Griechen getötet haben

und

Zweitens, weil unter den sechs Millionen Juden, die in den vielen Auschwitz’ ermordet wurden, 70.000 jüdische Landsleute aus Thessaloniki waren. Der Verlust dieser Menschen – für uns eine offene Wunde. Denn Juden lebten jahrhundertelang in Thessaloniki, und mit ihrem fortschrittlichen Geist bestimmten sie die Entwicklung dieser Stadt in jeglicher Hinsicht. Bis heute leidet Thessaloniki an dieser Wunde, und es ist eine unerträgliche Angelegenheit, wenn ein junger Mensch das kollektive Gedächtnis eines gemarterten und uns freundschaftlich verbundenen Volkes und insbesondere die Erinnerungen an diese griechischen jüdischen Opfer der Hitlerbarbarei – die einst Teil unsers Lebens waren – so grausam verhöhnt.

Die Leugnung der Martyrien eines Volkes bedeutet die Herabwürdigung der Opfer und die Verneinung der moralischen Werte in den Augen all jener, die ihre Freiheit und ihren Stolz den Opfern, die ihre Vorfahren brachten, zu verdanken haben. Und nicht nur das – die Lobhudeleien im Hinblick auf die damaligen Mörder und Folterer müssen als verbrecherischer Landesverrat geahndet werden. Für all diejenigen, die das abscheuliche Gesicht der Gewalt kennen gelernt haben, ist die entschiedene Verurteilung einer nicht zu tolerierenden Akzeptanz oder – was noch schlimmer ist – gar die Bewunderung all der verbrecherischen Akte gegen die Menschlichkeit eine moralische Pflicht und eine elementarer Widerstand gegen eine Wiederholung ähnlicher Verbrechen.

So wäre deren moralische und juristische Verurteilung eine Selbstverständlichkeit für jede Gesellschaft, die die grundlegende menschliche Werteordnung und die Prinzipien der moralischen Gesetze respektiert. Dagegen offenbaren die Gleichgültigkeit (ein Verhalten, das leider all jenen eigen ist, die in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen unseres Landes herrschen) und das Fehlen gesellschaftlicher und moralischer Abwehrmechanismen inzwischen das Ausmaß des Niedergangs, und sie haben zur Folge, dass aus einer einst mündigen Bevölkerung ein Heer von Untertanen wird.

Abschließend wende ich mich an die Athener Akademie (als ihr Ehrenmitglied, zu dem ich kürzlich ernannt worden bin), die als unseres Landes höchste Instanz der Vernunft die maßgeblichen menschlichen und nationalen Werte verteidigen und vorangehen muss, wenn es darum geht, all jene Taten zu verurteilen, die einen Angriff auf die menschliche Würde und unser Geschichtsbewusstsein bedeuten, ein Bewusstsein, auf das sich die höchsten Werte der Freiheit, der Demokratie und der Menschenrechte gründen.

Mikis Theodorakis, 11.6.2013

(Übersetzt von Ina & Asteris Kutulas)

Veröffentlicht im Feuilleton-Teil der Jungen Welt am 11.07.2013

Mikis Theodorakis: On the film „Recycling Medea“ by Asteris Kutulas

VidalisDSCN3816aFrom the beginning, the tragic element in music has exerted a stronger spell on me than any other. It certainly suits my character. So, for me it seemed only natural to turn to ancient drama – initially, as a lover of this artistic genre, and later also as a composer. I started to write theatre and film scores for ancient tragedies and later proceeded to explore lyrical tragedy, i. e. in my operas.

When Renato Zanella came across the music of my lyrical tragedy “Medea”, he decided to base his corresponding ballet choreography on this score. Finally, Asteris Kutulas came along to create an entirely new work of art, itself based on the elements mentioned above. However, Kutulas did not simply create a filmic document of the ballet, but decided to transform these elements into something entirely new, thus lending the result a deeply social and political dimension.

He made a film with a very contemporary message: Despite the tragedy Greece has been forced to face by the criminal international economic system, the country still stands, although deeply wounded. Euripides’ Medea screams – expressed by Maria Kousouni in dance and vocalised by singer Emilia Titarenko – because betrayal drives her to the most terrible crime imaginable: the brutal slaughter of her own children. Today’s Greece comes together in the infernal screams on the country’s streets and squares because – as a victim of ruthless actors within and those attacking Greece from without – it, too, finds itself driven to the most terrible crime: killing the future of its own children.

I think we are dealing with a true work of art, one that prompts us take responsibility. A work that doubles as an anthem for the struggle of the people and nations to achieve freedom and true independence.

Athens, 7 June 2013

Mikis Theodorakis

(Article for the newspaper Elefteros Typos)

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Zum Film „Recycling Medea“ von Asteris Kutulas

Das tragische Element in der Musik hat mich von Anfang an stärker in seinen Bann gezogen als jedes andere. Zweifellos entspricht es meinem Charakter. Es war also nur zu natürlich, dass ich mich dem antiken Drama zugewendet habe, zuerst als ein Liebhaber dieser Kunstgattung, dann als Komponist. Ich begann, Theater- und Filmmusik zu antiken Tragödien zu schreiben, um letztendlich zur Lyrischen Tragödie, also zu meinen Opern, zu kommen.

Renato Zanella entdeckte für sich die Musik meiner Lyrischen Tragödie „Medea“, und sie wurde die Basis seiner gleichnamigen Ballett-Choreographie. Und dann kommt Asteris Kutulas und erschafft ein neues Kunstwerk, das sich seinerseits auf alles soeben von mir Genannte stützt. Aber er filmt das Ballett nicht einfach ab, sondern er kreiert etwas vollkommen Neues und verleiht dem Ganzen dadurch eine zutiefst gesellschaftliche und politische Dimension.

Er macht einen Film, der eine ganz aktuelle Botschaft beinhaltet: Trotz der Tragödie, in die Griechenland vom verbrecherischen internationalen ökonomischen System hinein manövriert wurde, steht das Land, obwohl tief verwundet, noch aufrecht. Die Medea des Euripides schreit – im Tanz ausgedrückt durch Maria Kousouni und gesanglich interpretiert durch die Stimme von Emilia Titarenko -, weil sie durch den Verrat an ihr zum furchtbarsten Verbrechen getrieben wird, das es geben kann: zum Abschlachten der eigenen Kinder.

Das heutige Griechenland schreit infernalisch auf den Plätzen und in den Straßen, weil es – Opfer der verantwortungslos Handelnden im eigenen Land und derer, die von außen Griechenland angreifen – ebenfalls zum furchtbarsten Verbrechen getrieben wird: die Zukunft seiner eigenen Kinder zu töten.

Ich denke, wir haben es hier mit einem wahren Kunstwerk zu tun, das dazu auffordert, Verantwortung zu übernehmen. Ein Werk, das zugleich eine Hymne ist für den Kampf der Menschen und Völker für deren Unabhängigkeit und Freiheit.

Athen, 7.6.2013

Mikis Theodorakis

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»Werft kein Tränengas mehr. Wir weinen auch so.«

Vorwort zu:

DIE HOREN (Nr. 249), I/2013
»Sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt…«
Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land

Herausgegeben von Asteris und Ina Kutulas

Zu diesem Band – von Asteris Kutulas

Im November 2012 sagte Jazra Khaleed bei einer Begegnung am Syndagma-Platz in Athen, interessanterweise führe die jetzt herrschende gesellschaftliche Situation in Griechenland nicht nur zu einem Zustand der Lethargie, Ungewissheit und Depression, sondern sie führe vereinzelt sogar zu Situationen, die er, Jazra, in den Jahren zuvor so noch nicht erlebt habe. Einige von ihm mitorganisierte Lesungen hatten in den letzten Monaten enormen Zulauf gehabt und das Interesse für Lyrik zum Beispiel sei immerhin so stark gewesen, dass man über die Gründung neuer, kleiner Verlage und über alternative Veranstaltungsformen nachzudenken und diese umzusetzen beginne. Man könne es selbst kaum glauben. Hin und wieder ist davon zu lesen und zu hören, dass sich in der Bevölkerung Formen von Solidarität zu entwickeln begonnen hätten, die es zuvor in dem Maße nicht gegeben hat, und zwar „sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt …“

Es gibt es also, das „andere Griechenland“, das nicht „bankrott“ und „korrupt“, das nicht von Faulenzern, Schmarotzern, Betrügern bewohnt und nicht von „2000 Jahren Niedergang“ gekennzeichnet ist – tatsächlich ist „dieses Griechenland“ eine Chimäre im ursprünglichen Sinn des Wortes. In vorliegender Anthologie kommt nicht das Land der „Pleite-Griechen“ – die Bild-Zeitung soll diese Bezeichnung zwischen 2010 und 2012 in 127 Ausgaben benutzt haben – zu Wort, sondern es äußern sich Autoren, die in einer Sprache schreiben, die seit der Antike ununterbrochen gesprochen wird. Giorgos Seferis brachte diese Tatsache in seiner Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises 1963 wie folgt zum Ausdruck: „Unser Land ist klein, verfügt aber über eine gewaltige Tradition, die ungebrochen bis in unsere Zeit weiterwirkt. Griechisch ist zu allen Zeiten gesprochen worden. Unsere Sprache hat sich verändert, wie sich alles Lebendige ändert, aber Brüche sind ihr erspart geblieben.“ So haben wir versucht, in dieser horen-Ausgabe aufzuzeigen, wie dieses „Ungebrochene“ in einem heute scheinbar so sehr verlorenen Land aussieht. Entstanden ist eine nach sehr subjektiven Gesichtspunkten zusammengestellte Textsammlung ohne jeden Anspruch auf irgend eine Vollständigkeit oder literaturhistorische Relevanz. Nach einiger Zeit entdeckten wir allerdings doch ein – quasi unsichtbares – Kriterium, das uns offensichtlich leitete, unsere Schwerpunkte diktierte und das sich umschreiben ließe mit dem Begriff „Widerstand“. Bei näherem Hinsehen mussten wir erkennen, dass das Begriffspaar „Literatur und Widerstand““ – wobei es dabei schon um Leben und Tod geht – Griechenland offenbar „adoptiert“ zu haben scheint. Denn die Geschichte der neugriechischen Nation des 20. Jahrhunderts war geprägt von deren schrittweiser territorialer Konstituierung seit der Unabhängigkeit eines Rumpf-Griechenlands 1830 (hinzu kamen: die Ionischen Inseln 1864, Thessalien 1881, Kreta 1908, die meisten Inseln, Epirus und Makedonien mit Thessaloniki 1913), einer extremen politischen Polarisierung (zwischen Republikanern und Monarchisten, zwischen Rechts und Links), mehreren Kriegen und einem Bürgerkrieg. Tatsächlich enden die kriegerischen Auseinandersetzungen der Griechen mit dem Osmanischen Reich bzw. später mit der Türkei erst 1922. Im darauf folgenden Jahr kommt es zu einem Bevölkerungsaustausch. 1,5 Millionen in der kleinasiatischen Türkei lebende Griechen werden nach Griechenland und 500.000 in Griechenland lebende Türken in die Türkei zwangsumgesiedelt.

Nach den Balkankriegen 1912/13, der Beteiligung Griechenlands am Ersten Weltkrieg 1916 bis 1918, nach dem Griechisch-Türkischen Krieg 1922, nach der faschistischen Metaxas-Diktatur 1936 bis 1940, nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 sowie dem sich anschließenden Bestehen eines Militärstaates mit Notstandsgesetzgebung (der bis Anfang der 60er Jahre existierte), begann in Griechenland erst gegen Ende der 50er Jahre eine Normalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich Anfang der 60er Jahre langsam stabilisierten. Allerdings bedeutete der Militärputsch im April 1967 ein jähes Ende dieser so kurzen und vor allem ersten (!) halbwegs demokratischen Phase in der Geschichte der jungen griechischen Nation – mit verheerenden Folgen für die weitere gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung. Griechenland ist ein Sonderfall: Es war das einzige westeuropäische Land, in dem 1967, also zwei Jahrzehnte nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, eine Militärdiktatur installiert wurde, die immerhin sieben Jahre lang, bis 1974 währte. Weder die NATO-, noch die westlichen europäischen Partner Griechenlands, noch seine USA-Verbündeten waren bereit, einen Beitrag zu leisten, damit das Obristenregime so schnell wie möglich wieder verschwindet, sondern sie alle richteten sich mit der Diktatur ein, die ein Volk traf, das – zum ersten Mal in seiner neueren Geschichte – einen Hauch von Demokratie hatte erleben dürfen. Die neugriechische Literatur entstand in einem Umfeld, in welchem permanent Krieg, Krise, politische Unruhe und menschliche Not herrschten. Die Autoren reagierten darauf ganz unterschiedlich.

Konstantin Kavafis wählte, um seine „politischen Botschaften“ übermitteln zu können, den „Umweg“ über das hellenistische Zeitalter und verbarg sein Privatleben und insbesondere seine Homosexualität mit einer höchst beeindruckenden Konsequenz, die uns offenbart, welcher existentiellen Bedrohung er sich ausgesetzt sah – selbst als „griechischer Dichter“ im fernen Alexandrien in Ägypten. Kostas Karyotakis, der in den zwanziger Jahren nicht nur als Dichter berühmt wurde, sondern sich gesellschaftlich in der Gewerkschaftsbewegung engagierte, nahm sich das Leben, weil er als Beamter aus politischen Gründen in ein Provinznest zwangsversetzt wurde, wo er nicht mehr „atmen“ konnte. Maria Poliduri engagierte sich für den Feminismus und die Frauenfrage und gehörte in den zwanziger Jahren zu den „Aussätzigen“ der griechischen Gesellschaft. Die Tuberkulose, die die noch sehr junge Dichterin dahinraffte, war eine Krankheit der Armen; den Aufenthalt im letzten Sanatorium ermöglichten Bekannte – allerdings unter einem Vorwand, denn Maria Poliduri hätte diese finanzielle Unterstützung niemals akzeptiert.

Odysseas Elytis wurde der Literatur-Nobelpreis für die poetische Kodierung des Leidens des Griechentums vor allem während des 2.Weltkriegs in seinem Epos „Axion esti“ verliehen.

Jannis Ritsos, Mikis Theodorakis, Tassos Livaditis und fast alle anderen hier im Band vereinten Autoren, die in den ersten 40 Jahren des letzten Jahrhunderts geboren wurden, machten Gefängnis, Verbannungslager und Folter durch, ihre Bücher waren zum Teil für Jahrzehnte verboten, einige dieser Autoren mussten emigrieren oder waren beruflichen oder persönlichen Schikanen der Staatsmacht ausgesetzt.

So findet sich fast die gesamte linke Intelligenz Ende der vierziger Jahre auf der Todes- und Folterinsel Makronisos wieder, auf der das riesige Lager mit Hilfe der englischen und später der amerikanischen Regierungen aufgebaut wurde und bis 1950 bestehen bleiben konnte. Das geschah während des griechischen Bürgerkriegs, der im Dezember 1944 nach dem militärischen Eingreifen britischer Truppen gegen die linke Befreiungsbewegung EAM ausbrach. Eine europäische Demokratie – nämlich Großbritannien – arbeitete also Hand in Hand mit ehemaligen faschistischen Nazikollaborateuren, um eine demokratische Regierungsübernahme durch die enorm starke griechische Linke gewaltsam zu verhindern. Großbritannien setzte seine Machtinteressen in Griechenland berechnend und ohne demokratische Legitimation durch: angefangen mit der Wiedereinführung der Glücksburg-Monarchie -– also eines dänischen Königs, der in Griechenland zum Staatsoberhaupt gemacht wurde -–, bis hin zur gezielten Provokation eines Bürgerkriegs (auf Befehl von Winston Churchill) und damit auch zur Eröffnung von Konzentrationslagern, in die zehntausende Linke deportiert und in denen systematisch gefoltert und gemordet wurde. Als Großbritannien in Griechenland schließlich nicht mehr Herr der Situation war, zog es sich zurück und ließ die USA das „Werk“ vollenden. Diese durch anhaltenden Terror und Einschüchterung sowie das Mittel der Bevorzugung und Zurücksetzung erzwungene „“unnatürliche Entzweiung““ (Theodorakis) des griechischen Volkes und die jahrzehntelange Unterdrückung bescherte der griechischen Nation ein bleibendes Trauma, das ein tief im Bewusstsein einiger Generationen von Griechen verankertes antiwestliches Ressentiment zur Folge hatte.

Die sogenannte „Generation der Niederlage“ eines Manolis Anagnostakis, Michalis Katsaros, Takis Sinopoulos etc. durchlebte nicht nur gnadenlose Verfolgung und Diskriminierung in den vierziger Jahren, sondern auch die desillusionierende und von völliger Hoffnungslosigkeit durchdrungene, nachfolgende Dekade der 50er Jahre, die Gefühlswelt und Schreibstil dieser Autoren prägte.

Die permanent kriegerischen Zustände und instabilen politischen Verhältnisse seit der Konstituierung des neugriechischen Staates 1830 führten dazu, dass die nationale Identität Griechenlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in erster Linie über die kulturelle Identität des „Griechentums“ definiert wurde, und es ist bezeichnend, dass in den 60er Jahren, während einer äußerst kurzen demokratischen „Atempause“ von etwa sieben, acht Jahren, eine Kultur aufblühte, die enorme internationale Ausstrahlung hatte und die das künstlerische sowie ästhetische Selbstverständnis der meisten griechischen Kulturschaffenden bis in die 90er Jahre hinein prägte. In breiten Bevölkerungsschichten fand diese Kultur einen phänomenalen Anklang. Und nicht nur das. „Griechentum“ bedeutete nicht mehr nur die immer wieder neu aufwallende Schwärmerei für das Altertum, sondern es war eine moderne Kultur auf hohem Niveau entstanden. Griechische Künstler machten international Karriere und erlangten Weltruhm. Es war, als hätte Griechenland urplötzlich die Zeit seit der europäischen Renaissance in rasantem Tempo aufgeholt. Diese kulturelle Bewegung konnte sich von der siebenjährigen Unterbrechung durch die Diktatur (1967 bis 1974) nur sehr schwer erholen, und mit Beginn der neunziger Jahre ging diese Ära schließlich ganz zu Ende. Sie wurde in einem schleichenden Prozess abgelöst von einer kosmopolitischen, zumeist indifferenten Kulturlandschaft, die ihre nationalen Charakteristika immer mehr einbüßte. Großartige Kunst von griechischen Künstlern entsteht seitdem vor allem in der griechischen Diaspora in den USA, in Australien und Europa, wo genauso viele Griechen leben wie im Heimatland selbst. Jeffrey Eugenides, Alexander Paine und Aris Fioretos seien hier als Beispiele genannt.

Beim – wie ich es nennen würde – „Neuen Goldenen Zeitalter“, den „Golden Sixties der griechischen Kultur“ haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das auf allen künstlerischen Gebieten zu beobachten war – in der Literatur, der Musik, der Bildenden Kunst, auf dem Gebiet des Filmschaffens. Einen Höhepunkt markierte zweifellos die Verleihung des Literaturnobelpreises an Giorgos Seferis 1963. Zugleich gewannen auch die Lyrik von Odysseas Elytis (der 1979 den Literaturnobelpreis erhielt) und Jannis Ritsos immer mehr an internationaler Bedeutung. Die neue griechische Literatur – zuvörderst international repräsentiert durch Nikos Kazantzakis’ Romane – wurde bald schon in vielen Ländern wahrgenommen und in etliche Sprachen übersetzt. Auf musikalischem Gebiet erlangte Manos Chatzidakis 1960, als ihm der Oscar für die Filmmusik verliehen wurde, einen enorm hohen Bekanntheitsgrad. Weit reichende internationale Popularität wurde Mikis Theodorakis’ sinfonischen Werken aus den 50ern als auch seinem späteren Liedschaffen zuteil. Auf dem Gebiet des Filmschaffens kam es in den 50er und 60er Jahren zur Verleihung einiger Oscars und anderer Preise in Los Angeles, Cannes, Berlin, Paris, London etc. an Künstler wie Michalis Cacojannis, Nikos Koundouros, Vassilis Photopoulos etc. Allein in den 60er Jahren gab es 16 Oscar-Nominierungen für einen griechischen Film oder Schauspieler, so viele, wie in keinem Jahrzehnt davor oder danach. Werke der Bildenden Kunst – wie z.B. die von Jannis Zarouchis – fanden Aufnahme in Sammlungen des Pariser Louvre und in die Bestände anderer namhafter Sammlungen und Museen. Mehrere griechische Künstler standen am Beginn ihrer bald schon international anerkannten Karriere (Constantin Costa-Gavras, Theodoros Angelopoulos, Jannis Kounellis, Vangelis, Olympia Doukaki, Petros Markaris). Allseits bekannte und gefeierte Persönlichkeiten waren zu dieser Zeit bereits Maria Callas, Melina Merkouri, Dimitris Mitropoulos, Jannis Xenakis, Irini Pappas, Katina Paxinou, Nana Mouskouri und nicht zu vergessen John Cassavetes, Elia Kazan – beide griechisch-stämmig –, um einige Beispiele zu nennen.

Die kulturelle Blüte, zu der es im modernen Griechenland der 60er Jahre kam, bahnte sich bereits in den 50er Jahren an. Interessanterweise lassen sich sowohl für die desillusionierte und traumatisierte linke Intelligenz als auch die sogenannten bürgerlichen Künstler drei gemeinsame ästhetische Bezugspunkte festmachen: die neuere griechische Kunst seit dem 19. Jahrhundert (z. B. über die „Entdeckung“ der Erinnerungen von Makrijannis, der naiven Malereien von Theofilos, des Karagiosis-Puppenspiels und der „alternativen“ Rembetiko-Musik), die europäische Moderne (z. B. zur als revolutionär empfundenen Tradition des sowjetischen Romans, des französischen Surrealismus, des modernen Balletts und der Neuen Musik) und – natürlich – die Antike (z.B. ästhetisch vermittelt zum einen durch den lakonischen Konstantinos Kavafis, zum andern durch den hymnischen Angelos Sikelianos, der die „Delphische Kultur“ wieder auferstehen lassen wollte).

Der Putsch von 1967 kam nicht nur, um einen erwarteten phänomenalen Wahlerfolg der liberalen Zentrumsunion (Enossi Kentrou) zu verhindern, die kaum als eine das herrschende System bedrohende Kraft angesehen werden konnte, sondern der Putsch war vor allem eine Reaktion auf diese kulturelle Revolution, die von breiten Bevölkerungsschichten und insbesondere von der Jugend mitgetragen wurde und die einen linken libertaristischen und zugleich aufklärerischen Ansatz hatte. Die Kulturtradition dieser „Golden Sixties“ wirkte zwar nach bis in die neunziger Jahre, wurde aber, wie bereits erwähnt, durch die siebenjährige Juntazeit brutal unterdrückt und anschließend ab 1974 von den Regierenden und – ob des dieser kulturellen Bewegung innewohnenden Freiheitspostulats – teilweise auch von der Kommunistischen Partei bekämpft.

Ab Anfang der neunziger Jahre führte die neoliberale Ausrichtung der Politik die griechische Gesellschaft dann in die „“transzendentale Obdachlosigkeit““ (um einen Begriff des jungen Georg Lukács zu benutzen), denn das politisch-wirtschaftliche Streben nach Europäisierung und Globalisierung der Märkte brachte es mit sich, dass nationale und ethnische Besonderheiten immer mehr zurückgedrängt wurden. Das neue finanzgesteuerte Gesellschaftsmodell postulierte sie als Hemmschuhe des Fortschritts. Es brauchte keine eigensinnigen Griechen, sondern „gesichtslose“ Konsumenten, bevorzugt unkritische, die bei ihrer Eitelkeit zu packen waren, wenn es darum ging, sich als Weltbürger zu empfinden und als solche zu beweisen. So gab es, parallel zur griechischen ökonomischen Krise, seit 2009 starke Tendenzen – ausgehend sowohl von einigen intellektuellen Kreisen als auch von offiziellen Regierungsstellen, vor allem vom Bildungsministerium –, die neugriechische Geschichte von 1821 an, beginnend mit dem Ausbruch des Aufstandes gegen die Osmanische Herrschaft, neu zu „schreiben“. Viele bislang tradierte nationale Ereignisse in der neugriechischen Geschichte wurden von offizieller Seite plötzlich neu definiert. Das griechische Volk begann seine Helden, seine Ideale, seine Geschichte zu verlieren, seine nationale Identität wurde in Frage gestellt. Diese Diskussion über das rigorose Uminterpretieren und Umschreiben der Geschichte, bis in die Schulbücher hinein, löste in Griechenland einen Kulturkampf aus, der zum Teil brachial und sehr emotional geführt wurde. Kostas Georgasopoulos, einer der bedeutendsten griechischen Publizisten und Repräsentant der „Golden Sixties“, schrieb auf dem Höhepunkt dieser Auseinandersetzung einen Artikel mit dem Titel Über Fahnenkunde, in dem u.a. folgendes zu lesen ist: „“Viele Jahre nach der Phase der Aufstände (zur Erlangung der Unabhängigkeit Griechenlands, A.K.) bezeichneten Universitätsprofessoren und diverse andere Intellektuelle in öffentlichen Verlautbarungen die Fahnen, die die Menschen auf der Straße getragen hatten, als ‚Lappen‘, als ‚nationalistische Symbole‘, als ‚Idole der Götzenanbetung‘. Dieselben ‚Theoretiker‘ wollen uns nun weismachen, dass die Nationen ‚Konstrukte‘ seien, die Staaten ‚Gewaltmaschinen‘ und die Geschichte unseres Volkes ein Szenarium für eine nachmittägliche Seifenopern-Serie im Fernsehen. Diese Meinungen werden jetzt tatsächlich in den Vorlesungssälen vertreten, sie sind in den Schulbüchern zu lesen, und zu großen Teilen wird die Bevölkerung ruhig gestellt mit Kulturgütern aus Staaten, die im Niedergang sind, Staaten, die die Kultur des Tauschhandels einführten an der Weltbörse der Rauschmittel, der seichten Unterhaltung, der Monotonie, des Schweigens und des Geschreis, der armseligen Sexspiele …““

Dieser Angriff auf allen Ebenen des sozialen Lebens als auch auf das „Geschichtsbewusstsein“ und die „Integrität“ der Griechen löste eine noch nicht dagewesene Identitätskrise des sich bislang als selbstbewusst empfindenden griechischen Volkes aus. Es war zugleich ein innerer Krieg zwischen einer sich der Globalisierung verschreibenden, also „anti-griechisch“ neoliberal agierenden Regierung und der älteren, noch mit Krieg, Bürgerkrieg und der Junta konfrontierten Generation, die ihre Kraft und ihre Zuversicht stets aus den nicht nationalistisch verstandenen Begriffen „Griechenland“, „Heimat“, „Freiheit“ sowie aus der griechischen Geschichte und Kultur schöpften. Ihr ganzes Leben und ihre Ideale sollten einer neuen „kosmopolitischen“ Weltanschauung geopfert werden. Somit wurde das Volk insgesamt für die Regierenden zum Feind, es musste kampfunfähig gemacht werden. Dazu gehörte auch, den Wert seiner kulturellen Traditionen mit Geringschätzigkeit zu bemessen und das Nationalbewusstsein der Griechen zu untergraben und zu zerstören. Also ihre gemeinschaftliche Erinnerung und Kultur auszulöschen. All das bekam das Etikett „Nationalismus“ aufgedrückt.

Der vorliegende Band ist unter anderem das Zeugnis einer permanenten Literatur im Widerstand. Darum beginnt und endet unsere Auswahl mit aktuelleren Texten, dazwischengeschoben ist ein „historischer Exkurs“ mit einigen Klassikern der modernen griechischen Literatur.

Sowohl Amanda Michalopoulou, Christos Chryssopoulos und Jazra Khaleed wie auch der Grafiker Ilan Manouach oder Michalis Michailidis und Petros Markaris reagieren unmittelbar auf den „neuen Kriegszustand“, auf die „neue Junta-Zeit“, als die die letzten fünf Jahre von vielen in Griechenland empfunden und beschrieben werden. In den Texten bzw. Aussagen dieser Autoren wird deutlich, dass bereits lange vor dem ökonomisch-wirtschaftlichen der gesellschaftliche Niedergang Griechenlands deutlich zu erkennen war. Dessen Ausmaß wurde schlagartig offenbar, als es im Dezember 2008, ein Jahr vor Ausbruch der Krise, zu einem gewaltsamen Aufstand der Jugend kam. Die innere Unzufriedenheit mit dem Status Quo der Elterngeneration, der Frust über die soziale Kälte des Staates und insbesondere die als existenzielle Bedrohung empfundene Perspektivlosigkeit entluden sich in einer bisher noch nicht dagewesenen explosionsartigen Protestwelle – das Land hatte sich in ein Pulverfass verwandelt. Das geschah zu einem Zeitpunkt, da die gesamte Generation der 17- bis 30jährigen Griechenland als ein Land ohne Zukunft wahrnahm, ein Land, das im Hinblick auf seinen Wohlstand, seine Kultur, seine soziale Entwicklung dem Untergang geweiht war.

Anlass dieses Aufstandes war der Tod des 15jährigen Alexis Grigoropoulos am 6.12.2008, der nach Zeugenaussagen von einem Polizisten kaltblütig erschossen, nach Angaben der Polizei allerdings durch den Querschläger aus der Waffe eines Polizeibeamten tödlich getroffen wurde. Wie auch immer, Alexis Grigoropoulos wurde zur Symbolfigur einer ausgestoßenen Generation. Kein Kind einer Verkäuferin im Supermarkt, sondern eines Juweliers. Der Zerfall des staatlichen Systems begann auch diejenigen in den Abgrund zu reißen, die bis dahin als ökonomisch abgesichert galten. Niemand konnte sich mehr in der Sicherheit wiegen, durch irgendeinen glücklichen biographischen Umstand vor der trostlosen Realität beschützt zu bleiben. Ein emphatisches Dokument dieser Sinnkrise und Ausdruck des Protestes gegen eine vollkommen kommerzialisierte Alltagskultur ist der folgende Brief von Alexis’ Freunden, den sie bei seiner Beerdigung verteilten:

„“Wir wollen eine bessere Welt! Helft uns! Wir sind keine Terroristen, Vermummten … WIR SIND EURE KINDER! … Wir haben Träume – Tötet sie nicht. ERINNERT EUCH! Ihr wart auch mal jung. Und jetzt rennt ihr nur noch Eurem Geld hinterher, interessiert Euch nur noch für Äußerlichkeiten, seid fett geworden und glatzköpfig, habt VERGESSEN! Wir dachten, ihr würdet uns unterstützen; wir dachten, es würde euch kümmern, dachten, dass auch ihr uns mal stolz machen würdet. VERGEBENS! Ihr lebt ein falsches Leben, lasst den Kopf hängen, habt die Hosen runtergelassen und wartet auf den Tag, an dem ihr sterbt. Ihr fantasiert nicht mehr, verliebt euch nicht mehr, kreiert nicht mehr. Nur kaufen und verkaufen könnt ihr noch. ÜBERALL NUR MATERIELLES. NIRGENDWO LIEBE – NIRGENDWO WAHRHEIT. Wo sind die Eltern? Wo sind die Künstler? Wieso treten sie nicht hervor, uns zu schützen? MAN TÖTET UNS! HELFT UNS!

DIE KINDER
PS: Werft kein Tränengas mehr. Wir weinen auch so.“

Wochenlang gingen zehntausende Schüler und Studenten auf die Straße, besetzten Schulen und Universitäten. Dabei handelte es sich nicht um vereinzelte Proteste, das war ein wütender Aufstand der Jugend, der sich auf das ganze Land ausweitete. Schlagartig wurden der tiefe Generationskonflikt und der Unmut der jungen Griechen im Hinblick auf die sozialen Zustände des Landes sichtbar. Die Ursache für den damaligen Jugendaufstand lag darin, dass diese so genannte „700-Euro-Generation“ (und die „400-Euro-Generation“ im Jahr 2013) schon zu diesem Zeitpunkt keine gesellschaftliche Perspektive mehr hatte. Selbst für die zumeist gut ausgebildeten Absolventen von Fachhochschulen und Universitäten gab es kaum Arbeitsplätze, und wenn, dann waren diese schlecht bezahlt und oft bestanden keinerlei Aufstiegschancen. Die Jugend erlebte tagtäglich, dass sie nicht „gebraucht“ wurde, egal wie viel Zeit, Kraft und Geld sie und ihre Familien in ihre Ausbildung investiert hatten. Für sie war kein Platz mehr in einem Land, das bis 2007 mit die höchsten Entwicklungsraten in der EU aufwies. Die jungen Erwachsenen waren gezwungen, bei ihren Eltern wohnen zu bleiben – im Ausland oft belächelt als diejenigen, die scheinbar nicht imstande waren, sich aus dem „Hotel Mama“ zu verabschieden. Tatsächlich aber konnten die meisten von ihrem geringen Gehalt nicht mal die Miete für eine 1-Raum-Wohnung bezahlen. Offenbar hatte das Griechenland ihrer Eltern sie abgeschrieben, sie waren lediglich geduldete Gäste und empfanden sich als „heimatlose“ Griechen in einem dem Verfall preisgegebenen Land. Bereits ein Jahr später brach die größte ökonomische Krise der letzten 50 Jahre aus. Wiederholt wurde in den Jahren nach 2009 in Griechenland davon gesprochen, dass das Land „zurückgebombt wird auf das Niveau der 60er Jahre“. In den 60er Jahren waren Hunderttausende Griechen wegen des noch immer sehr niedrigen ökonomischen und sozialen Niveaus des Landes gezwungen, dieses als Gastarbeiter zu verlassen, um der Armut und einem weiterhin instabilen politischen System zu entkommen. Seit 2010 tendiert die Situation wieder in dieselbe Richtung. Die Menschen dürfen/sollen scheinbar nur wählen können zwischen völliger Verarmung, „Chaos“ und der Drachme oder völliger Verarmung, „europäischer Ordnung“ und dem Euro. Erstere Möglichkeit ist eine hypothetische, die zweite inzwischen Realität. Tausende, vor allem junge Griechen flohen und fliehen aus ihrer Heimat. Dieser Aderlass an kreativem Potenzial und an Fachkräften besiegelt über kurz oder lang den Zukunftsverlust des Landes. Für eine Gesellschaft, in der die elterliche Fürsorge traditionell einen hohen Stellenwert hat, sind das tragische Zustände, zumal die Eltern-Generation der heute 40- bis 60jährigen sich außerdem dem Vorwurf ausgesetzt sieht, ihre Kinder einer traumatischen Perspektivlosigkeit ausgeliefert zu haben.

Griechenland hat – infolge der Regierungspolitik der letzten vierzig Jahre und der Auswirkungen einiger wirksamer Bestrebungen ausländischer politischer und wirtschaftlicher Einflussnahme – seine junge Generation verloren und damit seine Zukunft. Seine Geschichte wird umgeschrieben; somit verliert das Land seine Vergangenheit. Seine nationale Identität ist infrage gestellt. Es hat die Fähigkeit eingebüßt, sich in der Gegenwart behaupten zu können. Das wirft nicht nur die Frage auf, ob es „Griechenland“ überhaupt noch gibt, sondern vor allem auch, ob es sich überhaupt noch einmal neu erfinden kann.

Dieser Band offenbart zumindest, dass Griechenland sich seit jeher im „Kriegszustand“ befunden hat und dass bis heute Menschen mit Worten und Taten darauf reagieren und Widerstand leisten. Menschen vor allem, die sich auf ihr „inneres Griechenland“ berufen und Mittler sind zwischen diesem und allen Orten „draußen“, an denen es sich wiederfindet.

Bei der Entstehung dieser Anthologie konnte ich mich auf die Unterstützung der Autoren und Übersetzer verlassen – in diesen Zeiten eine überaus erfreuliche Tatsache, insbesondere sei Ina Kutulas (auch für ihre Mitarbeit an der Auswahl und Zusammenstellung dieses Bandes), Michaela Prinzinger und Theo Votsos ausdrücklich gedankt: Efcharisto poly.

© Asteris Kutulas

DIE HOREN 249

Griechische Literatur (1901 bis 2013) in deutschen Erstübersetzungen

Jazra Khaleed | Panagiotis Mpotikis | Amanda Michalopoulou | Petros Markaris | Michalis Michailidis | Lila Konomara | Christos Chryssopoulos | Agoritsa Bakodimou | Konstantin Kavafis | Mikis Theodorakis | Maria Poliduri | Kostas Karyotakis | Giorgos Seferis | Jannis Ritsos | Menelaos Ludemis | Tasos Livaditis | Takis Sinopoulos | Jakovos Kambanellis | Manolis Anagnostakis | Rena Chatzidaki | Titos Patrikios | Nikos Engonopoulos | Odysseas Elytis | Aris Fioretos | Dionisis Karatzas | Sakis Serefas | Lefteris Poulios | Antonis Fostieris | Thanassis Lambrou | Kiki Dimoula

Essays

Asteris und Ina Kutulas | Michaela Prinzinger | Theo Votsos | Gregor Kunz | Horst Möller | Mikis Theodorakis | Peter Geist | Grigoris Katsakoulis | Volker Sielaff | Niki Eideneier

Zeichnungen

Ilan Manouach

Redaktion

Jürgen Krätzer

Gert Hof gedenkend, 1 Jahr danach

Das war die schlimmste Nachricht des Jahres 2012: Unser Freund, Meister seines Faches, inspirierender Geist, Visionär – Gert Hof starb in der Nacht vom 23. zum 24. Januar 2012. Viel zu früh. Sein Genie zündete den Funken, dessen wir bedurften, um Träume auf Erden wahr werden zu lassen, deren Bilder er an den Himmel zeichnete. Seinen größten Feind nannte er das Mittelmaß, seine Freundin die Unikalität. Immer ging er auf’s Ganze, traf in’s Schwarze, versuchte das Unmögliche. Er bescherte uns Augenblicke, die uns die Welt vergessen ließen, entrückte uns auf das hyperreale Feld eines Kampfes auf Leben und Tod. Von dort hat Gert sich verabschiedet. Er hat den Platz eingenommen, den er sich Augenblick für Augenblick erkämpft hat, dort, eine Handbreit über dem Himmel, von wo der Sonnensturm weht. Alle Sterne seien mit dir, Gert!

(Meine Grabrede widmete ich Nina und Wanja.)

DER LETZTE BRIEF
Für Nina & Wanja

Kamerad Gert,

das ist mein letzter Brief an dich. Die nächsten Briefe werde ich dir nicht mehr schreiben müssen, weil du gleich zurückkommen und dann immer bei mir sein wirst. Jetzt bist du nur kurz raus gegangen, um Zigaretten zu holen. Es ist eiskalt draußen. Nachher wirst du dich wie immer auf dein Corbusier-Sofa setzen, mich anschaun, genauer gesagt: mich sehr erwartungsvoll anschaun. Entweder du hast mich tatsächlich erwartungsvoll angeschaut oder ich bildete es mir immer nur ein. Zwölf kurze Jahre lang. Kurz wie Monate. Dein Blick sagte immer: ‚Ich hab Großes vor, Asteris, lass es mich tun!’ Ab und zu sprang dieser Blick zur Uhr und du wurdest ungeduldig.
Überhaupt – die Uhr, die Zeit, die Erwartung. So lernten wir uns kennen. Ich produzierte gerade in der Passionskirche das Werk „Sonne und Zeit“ von Mikis Theodorakis mit Maria Farantouri und Rainer Kirchmann. Letzterer kannte dich von deiner Zusammenarbeit mit „Pankow“, und er sagte zu mir: „Gert Hof. Der wär genau der Richtige für das, was du vorhast. Das ist ein toller Regisseur. Und der kann super mit Licht umgehn.“ So verabredeten wir uns im „Schwarzen Raben“. „14 Uhr“, sagtest du am Telefon. Was ich nicht voraus gesehen hatte, war der Mangel an Parkmöglichkeiten in der Gegend nahe den Hackeschen Höfen. Und so verspätete ich mich etwa 15 Minuten. Der erste Satz, den du zu mir sagtest, nachdem du kurz auf die Uhr geschaut hattest: „Nicht mit mir.“ Dieses grandiose „nicht mit mir“ reichte immerhin für eine zwölfjährige Beziehung, die teilweise die Dimension – Nina verzeih! – eines Eheverhältnisses annahm.
Was für ein symbolisches Zusammentreffen: Mikis Theodorakis, Gert Hof und das Werk „Sonne und Zeit“! Als Theodorakis im September 1967 in der Isolationshaft des Bouboulina-Gefängnisses, ausgesetzt unsagbarer psychischer Folterung, diese Texte schrieb, saßest du 15jährig im Stasigefängnis von Leipzig. Während der Arbeit an dieser Sonne-und-Zeit-Show … (entschuldige, es war ja keine „Show“) … sprachst du davon, dass diese Tage für dich wie eine Rückreise in einen Albtraum seien, dessen Wunden vernarbt gewesen waren und nun wieder aufrissen. Dich bewohnten viele Albträume mit vernarbten Häuten, die keiner sah, die keiner sehen sollte, die viele nicht sehen wollten.
Für unsere Zusammenarbeit war es ein gutes Vorzeichen, dass sie so existenzialistisch anfing – mit diesem geschundenen, schlecht verheilten Traum, der plötzlich aus dem Koma erwachte und gigantisch wurde wie ein 8.000er. In diesem Werk „Sonne und Zeit“ war vieles von dem, was du erlebt hattest und was auch ich erlebt hatte. Zwei Kinder zwischen den Systemen, zwischen den Welten, zwischen den Leben. Zwei Liebende. Du hast immer die Nacht gesucht und fühltest dich doch pudelwohl unter der grellen hellen griechischen Sonne. Theodorakis hatte immer das Licht gebraucht, und er bekam es von dir für das Dunkel geschenkt.
Mit Theodorakis’ Musik haben wir die meisten unserer Events gemacht. Unter ihnen zwei mit besonderer Bedeutung. Einer davon war im Jahr 1999 die Aufführung der „Mauthausen-Kantate“ von Theodorakis im Washington Holocaust-Museum. Zur gleichen Zeit bereiteten wir einen anderen großen Event vor, nicht nur mit Theodorakis’ Musik, sondern mit ihm selbst am Dirigentenpult: den Millennium-Event auf der Akropolis. In Washington wolltest du kein künstliches Licht haben. Du sagtest mir: „Besorg 1.000 Kerzen. 1.000 Kerzen auf die Bühne für die Seelen der Ermordeten. Kein künstliches Licht.“ Maria sang an diesem Ort im Schein der 1.000 Kerzen, es war überwältigend, es war angemessen.
Sechs Wochen später der Akropolis-Event, und eigentlich wussten wir beide, dass wir es geschafft hatten, gleich zu Beginn unseres gemeinsamen Weges – wie sagtest du so schön: „Mehr geht nicht.“ Zum ersten Mal (und seitdem bisher nie wieder) durfte ein Künstler am Parthenon einen Event machen. Und das zu einer Musik von Theodorakis, von der du sagtest: „Sie ist kongenial.“ Und eben: „Mehr geht nicht.“ Du breitetest die Arme aus.
Es folgten zwischen 1999 und 2010 Dutzende von Events und Konzerten überall auf der Welt. Du warst dabei immer die treibende Kraft. Du hast es oder ES hat dich danach verlangt. Es gab unglaublich schöne Augenblicke, große Enttäuschungen, eine Unzahl euphorischer Momente, viele Zwischenzeiten der Nachdenklichkeit und Stille, außerordentliche Streitgespräche, philosophische Exkurse, Kampf, Niederlagen, Versöhnung. Du hattest wahrscheinlich die Zukunft schon im Auge, dem erblindeten; kein Zufall, dass du mir zu Beginn unserer Freundschaft „Die Kunst des Krieges“ von Sunzi schenktest. „Man sollte niemals in die Schlacht ziehen, wenn man sich nicht sicher sein kann, dass man sie gewinnt.“ Und obwohl das eine deiner Maximen sein mochte, bedeutete dir das „In-den-Krieg-Ziehen“ und zu kämpfen letztendlich mehr als der Sieg. Allerdings … einem Don Quichote glichest du absolut nicht. Dazu warst du zu sehr verbunden mit dem Panzerkreuzer Potemkin, mit Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee“, mit Hans Eislers „Kuhle Wampe“, mit Bernard-Marie Koltés’ „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“, mit Berthold Brechts „Mutter Courage“. Und mit Rammstein.
Du hast zweifellos ein Doppelleben geführt. Auf der einen Seite „die griechische Sandale“, ich, auf der anderen Seite die – so schien es mir – „gnadenlose Maschinerie“ des Rammstein-Imperiums. Zwei Seelen wohnten ach! in deiner Brust, und du hast sie scharf voneinander getrennt. Ich war ich. Rammstein war deine Family. Die Shows von Rammstein – eine direkte Entäußerung deiner Ästhetik. Ohne Wenn und Aber. Ihr habt zusammen gepasst wie die Faust auf’s Auge.
Zu einer der wichtigsten und unbekannteren, dir und Till zu verdankenden Errungenschaften der Jahrtausendwende gehört die als eine solche zu interpretierende Übernahme des Zwickauer Zoos, dem ihr die leicht überhand nehmende Tristesse zu entreißen verstandet. Ihr habt tatsächlich den Zwickauer Zoo gerettet! Ein gehöriges Maß an Zeit habt ihr investiert in die Vergabe menschlicher Vornamen an alle Tiere. Frei variierend habt ihr die offenbar an zu wenig Beachtung leidenden tierischen Kreaturen des Zwickauer Zoos getauft, freigiebig Menschennamen mit Worten malend, sie klanglich überführend in die Ohren dieser Tier-Wesen, sie kreatürlich somit gewissermaßen erhöhend. Till soll sogar da und dort singend Namen vergeben haben, was die Tiere zu Ohrenspitzen, Flattern oder Schwanzwedeln ermunterte. Dein Lächeln wiederum verursachte ihnen Freude, sie sprangen auf und wälzten sich, sie tauchten oder begannen zu klettern. Du wusstest umzugehen mit darbenden Seelen, im kleinen wie im größeren Rahmen.
Auch bei unseren Events begegneten wir immer anderen Extremst-Seelen, die irgendwie unerlöst schienen. In Gallipoli, auf der türkischen Halbinsel im Marmara-Meer hatten wir es mit australischen Beamten zu tun, die sich mehr für das Hotel ihres Ministerpräsidenten interessierten als für das Memorial für die Tausenden im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten, deren Todestag sich zum 90. Mal jährte. In Athen ging es der Archäologischen Gesellschaft darum, die Nachtruhe der beiden Eulen, die auf dem Akropolis-Hügel wohnten, nicht zu stören. In Oman ging es darum, dass der grüne Laserstrahl nicht auf die Iris des Auges des Sultans treffen dürfe. Auf dem Roten Platz ging es darum, dass wir der Wachmannschaft des Kreml genug Wodka zur Verfügung stellen sollten. Auf Malta musstest du bei deinem Antrittsbesuch beim letzten auf der Burg lebenden Ordensritter der Johanniter die Genehmigung für den Event einholen, die die Maltesische Regierung nicht bekommen hatte. Und dann kam Reinhold Messner. Du warst fasziniert von einem Menschen, der ohne Sauerstoffmaske alle 8.000er der Welt bezwungen hat. Als er dich bat, aus der Burg Sigmundskron in Bozen einen Vulkan zu machen und den ganzen Berg verschwinden zu lassen, drehtest du dich zu mir um und sagtest: „Hier bin ich zuhause.“
Du hast den Berg in der Nacht verschwinden lassen, andernorts für Sekunden die Semperoper, die Siegessäule, die Kathedrale von Vilnius. Erst jetzt sehe ich diesen Dualismus klar und deutlich: Da, wo ich meinte, du hättest stets etwas sichtbar gemacht im Dunkel, da erkenne ich jetzt, dass du Noch-Sichtbares hast verschwinden lassen, für Momente, die atemberaubend waren. Du hast uns bewusst gemacht, wie es ist, wenn etwas urplötzlich nicht mehr da ist, wenn das fehlt, was man eben noch gewahr werden konnte.
Die 8.000er bezwingen ohne Sauerstoffmaske … Es war für dich ein passendes Symbol für das, was du mit Leben meintest. Dieses Leben am Limit, das war dein Traum vom Dasein. Bei einem Gespräch mit Messner wurde die Idee geboren, einen Event zu diesem Ideal zu machen – einen Event am Nordpol. Der Nordpol war (abgesehen von der Akropolis) die für dich interessanteste Location. Kälte, Eis, Tod durch Erfrieren. An der Verwirklichung dieses Traums haben wir bis zuletzt gearbeitet. Der Nordpol-Event sollte im September 2012 die Krönung unserer Zusammenarbeit und dein Meisterwerk werden. Wir waren deswegen 2011 nach Island geflogen. Wir kamen dort an zur Zeit des Vulkanausbruchs. Du wolltest nur eins: in die Aschewolke hinein fahren. Um den Wagen herum dichter schwarzer, bald undurchsichtiger Nebel. Du sagtest: „Haltet an hier, haltet an.“ Und dann zu mir: „Hinaus! Raus hier!“ Die Asche flog uns ins Gesicht, drang uns in die Augen. Alles schmerzte. Und du schriest hinein in diesen Ausbruch der Naturgewalt: „Herrlich – nicht?!!“ Ich aber hielt es nicht sehr lange aus, rannte zurück zum Wagen, stieg ein. Unser Fahrer verunsichert. Du bliebst draußen, versuchtest Windschatten zu finden und ein Streichholz anzureißen. Du bliebst stehen in diesem wogenden tiefen Schwarz. Du, der Schwarze Mann. Du rauchtest deine Zigarette zuende. Dann stiegst du ein, glücklich. Wir fuhren zum Gletscher, den du für deine Show ausgewählt hattest. Reinhold Messner und allen Göttern am Limit war es ein Vergnügen.
Wobei ich sagen muss, dass unser tatsächlich letzter gemeinsamer Event auf dieser Erde symbolträchtiger nicht hätte sein können. Bereits 1999 im Washington Holocaust-Museum hatten wir den Gedanken, auch in Europa ein Lichtzeichen zu setzen für die ermordeten Juden in den Gaskammern des Dritten Reichs. Wir fuhren nach Auschwitz, mehrmals. Du entwickeltest ein Konzept, das vom Internationalen Auschwitz-Komitee angenommen wurde. Aber selbst mit dessen Unterstützung konnten wir es nicht umsetzen. Und so blieb es etwas wie ein Versprechen. Das lösten wir dann mit unserem letzten gemeinsamen Event 2010 in Jerusalem ein, beim Abschlusskonzert des Israel Musikfestivals, das zugleich Auftaktevent des Jerusalem Lichtfestivals war. An antiker Stätte, im Schatten der historischen Mauer von Jerusalem. Mit einem großen Davidstern setztest du ein Zeichen gegen das Vergessen. Wie ein Kaddisch aus Licht.
Überhaupt die Musik. Du sagtest immer: „Musik ist die Mutter.“ Das war nicht so dahingesagt. Wie viele Stunden und Tage verbrachtest du mit den Komponisten, von denen die Musik zu deinen Events kam. Christian Steinhäuser blutete wochenlang für die Oman-Show. Mit Westbam und Klaus Jankuhn hast du über Monate zusammengesessen für den AIDA-Event in Hamburg. Du ließest nicht locker, bis Roger Waters dir die Änderungen für den Welcome Europe Event in Malta schickte. Und ich werde nie die von dir immer und immer wieder abgelehnten Musikfassungen für den Millennium-Event in Berlin vergessen, die von Mike Oldfield kamen, den du quasi zwangst, dir immer neue Versionen zu schreiben, bis du damit zufrieden warst. Und nicht zu vergessen Klaus Schulze, der nach vielen gemeinsamen Nächten, die du mit ihm in seinem Dorf bei Hannover verbracht hattest, die Musik für den chinesischen Millennium-Event komponierte. Eingebettet in seine elektronischen Klänge: Volkslieder und Hymnen aus der Mao-Zeit. Es war ein Wunder, dass diese Musik von über einer Milliarde Chinesen während der Live-Fernsehübertragung unseres Events gehört werden konnte. Klaus Schulze flog damals nicht mit, weil er es länger als zwei Stunden ohne Zigarette nicht aushielt. Und mit dem Zug, meinte er, würde die Hin- und Rückreise zu lange dauern. Die Musik war nicht nur deine Welt, die Musik war tatsächlich dein Leben, mehr als alles andere. Ich bin keinem anderen Menschen begegnet, der fast jeden Song von Frank Sinatra, den Einstürzenden Neubauten, den Beatles, aber auch die Arie einer jeden klassischen Oper, der jedes Bachkonzert und jede Einspielung von Glen Gould kannte.
Mir schriebst du: „Let’s Rock!“ Und ich schreib dir heute: On the rocks. Über die Eisberge, an den Vulkanen vorbei, zu den Meeren, bis zum See, auf dem, in einem Boot – wie du sagtest – es am schönsten sei, wenn man auf’s Wasser schaut und zusammen schweigen kann. Ich war für dich der Freund, der, wie du der Welt verrietest, selbstgestrickte Unterwäsche bevorzugte. Zwölf Jahre habe ich mit dem Nadelspiel hantiert und den roten Wollfaden durch die Finger gleiten lassen, damit ich heute diese gestrickte Unterwäsche tragen kann. Ich hab sie bitternötig an diesem eiskalten Tag. Morgen ist Brechts Geburtstag. Er erwartet dich bereits.
Überhaupt – die Literatur. Wo hast du bloß die Zeit hergenommen, um neben dem vielen Musikhören noch so viele Filme zu sehen, dich mit so viel Architektur zu beschäftigen und so viele Bücher zu lesen! Zu unseren Lieblingsbeschäftigungen gehörte, uns apokryphe Satzfetzen aus diversen Romanen und Theaterstücken zuzuwerfen, die kaum ein Dritter deuten konnte. Fichtes Über-Ich, Schopenhauers Farbenlehre, Benno Pludras „“Insel der Schwäne““, Majakowskis Ruf: „“Nach vorn! Stürmt Ozeane! Oder ist im Hafen der Sporn der Panzerschiffe vermodert?““ Und nicht zu vergessen das für viele geheimnisvolle: „„Sprich, Genosse Mauser!““
Ich sprach vorhin über dein Doppelleben. Daneben oder besser: darüber schwebend gab es ein drittes, vermutlich dein wahres Leben. Ob es als das falsche im richtigen oder das richtige im falschen gelten mag – diese Frage, die du immer wieder gestellt hast, werde ich dir viel später bei einem Glas Wodka beantworten können. Jedenfalls war es das, in dem nur zwei Menschen außer dir Platz hatten: Wanja und Nina. Du wolltest sie immer dabei haben, du wolltest sie immer bei dir haben, bei jedem deiner Events. Als wären sie die eigentlichen Augen, die eigentlichen Ohren gewesen, nur diese beiden, abgesehen von dir, der du sowieso, kaum dass etwas vorbei war, es bereits vergessen hattest und nach vorne schautest, immerzu nach vorne. Aber diese beiden, sie nahmen alles in sich auf, bewahrten es, machten für dich etwas Bleibendes daraus. Sie waren deine engsten Dialogpartner, die im täglichen Leben dein Leben am Limit auszuhalten hatten, die alles mitgemacht haben und es genießen durften. „Wie viel Trauer braucht man, um glücklich zu sein?“, das fragtest du in einem deiner Texte. Unsagbar viel, und darum bin ich hier und unsagbar glücklich. Du hast uns dein Gesicht zugewendet. Jetzt erblicken wir dich in unseren Traumgesichten. Mit großen Schritten sehen wir dich gehen, mit ausgreifenden Schritten, so, wie wir uns wünschen, im Dunkel geradewegs auf ein Licht zugehen zu können und im Licht das Dunkel anzunehmen. Auf so vielen Rückreisen waren wir zusammen. Manche Hinreisen hast du allein gemacht. So auch diese.
Wenn ich von Asche sprach, vorhin, dann sprach ich auch von Grau und von Feuer. Die Kerze des Malers Gerhard Richter, sie brennt auch für dich, heute an diesem Tag, an dem Richter seinen 80. feiert und an dem wir dich vor dem Auge unserer Seele haben als den, der mit seiner Kunst immer auch Malerei betrieb, sich berufend auf Kandinskys Blau, Caravaggios Licht-Schatten-Dramatik, Goyas Schwarze Bilder, Malevichs Schwarzes und Rotes Quadrat. Gerhard Richters Grau mochte dir ebenso vertraut sein, wie dessen Landschaften. Musik, Literatur, Malerei, Architektur, Film – sie sind Teil deiner ungeheuer großen Welt – und du für uns Teil einer Welt, die wir lieben. Lass es brennen, Gert! Das Eis ist da. Die Kälte ist da. Das Licht frisst sich vor.

Asteris Kutulas, 9.2.2012

Nach den Wahlen: vor den Wahlen … ad infinitum

Wie sich Griechenlands Schicksal entscheidet

Für C.S.

Bei den Wahlen vom 6. Mai 2012 haben die Griechen fundamental anders gewählt als die Spanier, Portugiesen oder Iren. Während diese der jeweiligen größten Oppositionspartei wieder zur Macht verhalfen, also nichts am überlieferten politischen Tableau änderten und somit im Rahmen der „europäischen Ordnung“ blieben, verweigerten sich in Griechenland die Bürger dem gesamten seit Jahrzehnten etablierten politischen System und erschufen eine völlig neue Parteienlandschaft. Sie wählten nicht wie im Europa der letzten Jahrzehnte üblich zwischen sozialistisch / sozialdemokratisch und rechts / konservativ, sondern sie negierten die korrupte, klientelistische und desaströse Politik sowohl der sozialistischen PASOK-Partei als auch der konservativen Nea Demokratia (ND) und entschieden sich für etwas Neues, allerdings Unbekanntes. Die Griechen haben im Hinblick auf die bisherige Politik mit NEIN gestimmt, ohne bereits eine wirkliche Alternative vor Augen zu haben, aber es musste endlich ein Schlussstrich gezogen werden. Das Ausmaß dieses Votums wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die beiden Herrschaftsparteien ND und PASOK seit 1981 zusammen immer etwa 80% der Wählerstimmen bekommen hatten; am 6.5.2012 waren es nur noch 34%. Es ist mehr ein Zufall der Geschichte – vor allem weil sich die Kommunistische Partei auf die Position einer selbstverliebten Außenseiterin mit einem starken Hang zur Selbstzerstörung versteift hat -, dass über Nacht eine linke 4%-Splitterbewegung zur zweitstärksten Partei wurde. SYRIZA mit dem weichgespülten und halbwegs charismatischen, so genannten „radikalen“ Tsipras an der Spitze bekam völlig unerwartet 17% der Stimmen, und war damit die einzig konkrete Alternative zum Alten System.

Eigentlich müssten die Regierungen und die Menschen in Europa diesen Wahlausgang sehr begrüßen, haben doch die Griechen genau die Politiker endlich abgestraft, die dafür verantwortlich sind, dass Griechenland aufgrund gefälschter Zahlen in die Euro-Zone aufgenommen wurde, und die ebenso die katastrophale wirtschaftliche und politische Lage zu verantworten haben, die ganz Europa an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Politiker, die – was verheerend ist – die Bildung staatlicher und parastaatlicher Strukturen beförderten (z.B. im Steuersystem, im Wahlverhalten und in der Justiz), welche zur Zerstörung der demokratischen Basis der Gesellschaft führten.

In Deutschland genügte – zu Recht – eine nicht ordnungsgemäße Quellenangabe in einer zehn Jahre alten Dissertation, um den damals beliebtesten deutschen Politiker, den Verteidigungsminister der Bundesrepublik, zu seinem Rücktritt zu veranlassen, und zwar von allen politischen Ämtern. Ebenso genügte ein empfindlicher Stimmenverlust (keine Niederlage!) bei der letzten NRW-Wahl, dass der Spitzenkandidat der CDU in NRW noch am Wahlabend von seinem Amt als NRW-Parteivorsitzender der CDU zurücktrat und einen Tag später auch seinen Ministerposten verlor. Der deutsche Bundespräsident verlor seinen Job wegen seiner Kontakte zu diversen Wirtschaftsbossen. Und derzeit werden bereits Rücktrittsforderungen im Hinblick auf den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wegen einer so genannten „Teppich-Affäre“ laut.
Im Gegensatz dazu beharrten –- allen demokratischen Gepflogenheiten zum Trotz –- die alteingesessenen Politiker in Griechenland auf ihrem Machtanspruch und klammerten sich weiter an ihre Posten. Politiker, die zu verantworten haben, dass das Land bankrott ist, dass die Arbeitslosigkeit auf 22 % gestiegen ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit inzwischen bei 55 % liegt, dass laut OECD-Angaben Griechenland in fast allen Kategorien, die über die Qualität der Arbeit des Staatsapparats Auskunft geben, europaweit das Schlusslicht bildet. Sowohl Antonis Samaras (ND) als auch Evangelos Venizelos (PASOK) oder Dora Bakojanni (ND) sind seit den achtziger Jahren führende Politiker ihrer Parteien, bekleideten wichtige Regierungsämter seit Anfang der Neunziger und sind direkt mit verantwortlich für den heutigen Zustand Griechenlands. Aber weder sie noch die anderen Spitzenpolitiker der beiden Herrschaftsparteien haben die Verantwortung für die desaströse Lage, in die sie Griechenland und ganz Europa gebracht haben, übernommen oder gar die Konsequenzen gezogen und sich aus der Politik verabschiedet. Selbst nach dem historischen Wahldebakel vom 6. Mai, als zum Beispiel die PASOK von 44% bei der Wahl von 2009 auf schlappe 14% absackte und quasi aufhörte, als Volkspartei zu existieren, lachte Evangelos Venizelos, der Parteivorsitzenden, in die Kameras und sagte, er sei der Garant für eine umfassende Reform seiner Partei und kenne den Weg, Griechenland aus der Krise zu führen – und zwar innerhalb von drei Jahren! Von Samaras, der es kaum fassen konnte, nicht Ministerpräsident geworden zu sein – denn entsprechend der Gewohnheit wäre er ja „an der Reihe“ gewesen -, ganz zu schweigen.

Zwei Hauptkritikpunkte wurden in den deutschen Massenmedien immer wieder geäußert -– nachdem „Focus“ und „Bild“-Zeitung 2010 im Stile eines Paukenschlags den Auftakt dazu gaben:

– Der erste Punkt betraf die griechischen Regierungen und den griechischen Staat der letzten Jahrzehnte, die schonungslos und zu Recht der Vetternwirtschaft, des Klientelismus, der Korruption und Unfähigkeit bezichtigt wurden.

– Der zweite Punkt betraf das griechischen Volk, das als insgesamt mitschuldig an der katastrophalen Situation des Landes stigmatisiert wurde – bis über die Grenzen eines latenten Rassismus hinaus -, weil es diese Politiker immer wieder gewählt hatte. Der wie ein Mantra ins Feld geführte Satz: „“Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient““ machte die Runde an den Stammtischen und in unzähligen Talkrunden der öffentlichen wie der privaten Anstalten.

Nun haben sich die Griechen bei der Wahl am 6.5.2012 quasi emanzipiert und schließlich das einzig Richtige getan (wie es „Bild“, „Focus“ und so viele andere verlangt hatten): sie haben diesen Politikern das Vertrauen entzogen und ihnen millionenfach die Wahlstimme verweigert.

Interessant ist, dass man in der deutschen Presse– – nach zwei Jahren Hohn (allein die Bild-Zeitung benutzte innerhalb der letzten zwei Jahren in 125 Ausgaben den stigmatisierenden Begriff „Pleite-Griechen“), permanenter Kritik und der immer wieder geäußerten Aufforderung, es endlich zu begreifen und diese Politiker nicht abermals zu wählen -– keinerlei Zustimmung für diesen Wahlausgang findet. Ganz im Gegenteil. Jetzt werden diejenigen kritisiert, die nicht länger bereit sind, jenen Politikern wieder ihre Stimme zu geben, die das Land in unverantwortlicher Weise regierten und es als ihre persönliche Beute betrachteten; und das Volk, das sich mehrheitlich von den bekannten Raubrittern verabschiedet hat, wird jetzt aufgefordert, diesen abermals den Steigbügel zu halten.

Wie auch immer die Wahl vom 17.6.2012 ausfallen wird, das Wählervotum vom 6. Mai hat das Land nachhaltig wie folgt verändert:

1. Das bisherige bipolare politische System (ND-PASOK) -– die Grundlage für Korruption und Vetternwirtschaft -– existiert nicht mehr.

2. Das Einparteien-System hat ausgedient, was eine neue politische Kultur –Neuland für Griechenland – zwingend notwendig macht.

3. Die in Griechenland schon lange latent existierende faschistische Gesinnung (die sich z.B. äußert in Antisemitismus und Rassismus) ist offenbar geworden und hat jetzt „Gesichter bekommen“, was insofern klärend wirkt, als dass sich die Gesellschaft mit dieser nicht zu übersehenden, nicht zu verdrängenden und nicht mehr wegzuredenden Tatsache auseinander setzen und das bekämpfen muss, worum sie bis jetzt einen Bogen gemacht hat. Der ungeheure Zulauf und die hunderttausenden Sympathiebekundungen, die die rechtsextreme Partei in Griechenland in den letzten Monaten erhielt, sind keine Phänomene, die urplötzlich erst kurz vor der Wahl zu bemerken waren. Es sei daran erinnert, dass die Briten 1944 mit Nazi-Kollaborateuren zusammen gearbeitet haben und diese infolge dessen in die Bildung fast aller Nachkriegsregierungen Griechenlands involviert und im Staatsapparat fest verankert waren, was entscheidend dazu beigetragen hat, dass es 1967 zu einem Militärputsch kam und dass die Faschisten bis 1974, also mehr als sieben Jahre an der Macht bleiben konnten. Bis heute überlebte eine faschistoide Gesinnung in den staatlichen militärischen Organen, was sich bei den Wahlen vom 6.5.2012 z.B. darin gezeigt hat, dass z.B. die Polizeikräfte in Athen mehrheitlich den Neonazis ihre Stimme gaben.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass am 17. Juni in Griechenland wieder das alte korrupte und unfähige System in Griechenland an die Macht kommt. Zu groß ist der Druck, der von der internationalen und der nationalen Nomenklatura auf die zum Teil verunsicherte, verängstigte und desorientierte griechische Bevölkerung ausgeübt wird. Wir sind Zeugen der massivsten internationalen Einmischung in nationale Wahlen in der europäischen Nachkriegsgeschichte. Frau Lagarde vom IWF, Angela Merkel, Mario Monti, Herr Draghi, Herr Rico, Herr Schäuble, Herr Schulz, der Bundesbankpräsident, Herr Westerwelle, sie alle „empfehlen“ den Griechen „richtig“ zu wählen, nämlich die alte Politikerkaste.

Verständlicherweise, denn es geht der deutschen Regierung um deutsche Interessen. Die Bundeskanzlerin mag vielleicht einen guten Job für Deutschland machen. Dazu gehört aber eben auch, dass sie die Griechen „zwingen“ will, wieder die Politiker zu wählen, die nur aus einem einzigen Grund und um jeden Preis an der Macht bleiben wollen: um nicht ins Gefängnis gehen zu müssen. Überspitzt gesagt: Die deutsche Regierung verlangt von den griechischen Bürgern, dass sie die bekannten Betrüger, Diebe, Verbrecher, Lügner und Bankrotteure wieder wählen sollen, weil diese die einzigen sind, die jetzt das durchzusetzen versprechen, was die deutsche Regierung einfordert. Und sie versprechen das, was die deutsche Regierung einfordert, um nicht ins Gefängnis zu müssen.

Einer von ihnen (nur ein einziger bislang!) musste jetzt in Untersuchungshaft: der ehemalige stellvertretende PASOK-Vorsitzende Akis Tsochatzopoulos, der als Verteidigungsminister 2001 Schmiergelder in Millionenhöhe von der deutschen Waffenfirma Ferrostaal erhalten hat (die dafür übrigens vom Kammergericht München vor zwei Monaten zu 140 Millionen Strafe verurteilt wurde), damit Griechenland deutsche U-Boote im Wert von 2,8 Milliarden Euro kauft. Ferrostaal hat griechische und portugiesische Politiker für insgesamt 62 Millionen geschmiert. In dem Zusammenhang ist die Aussage des Chefs des nationalen griechischen Finanzamts von vor einigen Tagen sehr erhellend: dass nämlich ein Antrag auf Einsicht in die Konten von 500 griechischen Politikern wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung seit über einem Jahr nicht bearbeitet wird.

Die Griechen wollen all diese Leute nicht zurück. Aber Griechenland wird genau diese Politiker wieder bekommen, weil sie derzeit die einzigen sind, die den europäischen (deutschen) Interessen in Griechenland zu dienen versprechen – und das Problem ist, dass der griechischen Nation solches schon einige Male passiert ist. Die Briten z.B. gingen, wie oben bereits erwähnt, während des Zweiten Weltkriegs so weit, dass sie mit den griechischen Nazi-Kollaborateuren (Tagmata X) zusammengearbeitet haben, um eine eventuelle, wie auch immer geartete linke Regierung, die vorher ihrer Entwaffnung zugestimmt und sie durchgeführt hatte, prophylaktisch zu verhindern…

Ich will das als griechischer Bürger nicht: Ich will nicht, dass die alten Verbrecher noch einmal an die Macht kommen und ich ihre grinsenden Gesichter sehen muss. Und ich will keine internationale Einmischung in den Wahlkampf meiner Heimat, eine Einmischung, die nur eine Richtung und Aussage kennt: Wählt ja das alte Politikersyndikat, sonst lassen wir das Chaos über Euch kommen! Sonst werden wir ein Exempel an Euch statuieren! Mit dem Damoklesschwert der Apokalypse über dem Kopf ist schwer Demokratie zu leben.

Was ich will ist eine KATHARSIS und eine neue Chance auf Zukunft. Ob diese Tsipras heißt, weiß ich nicht, aber was ich weiß, ist: Venizelos oder Samaras heißt sie nicht. Diese Loser sind weder die Politiker, die Griechenland reformieren können, noch sind es die richtigen Partner für die Bundesrepublik oder für die Europäische Gemeinschaft…

Asteris Kutulas
(drei Tage vor der Wahl, die nichts entscheiden wird, 14.6.2012)

Unbewiesene Fakten aus meiner Heimat

152FotoClip-065Sowohl Theodoros Pangalos als auch Evangelos Venizelos, aber auch Giorgos Papandreou, Konstantin Karamanlis, Dora Bakojanni oder Antonis Samaras, sie alle stammen aus Politikerfamilien, die teilweise seit 100 Jahren das gesellschaftliche System Griechenlands beherrschen. Sie symbolisieren das alteingesessene, korrupte, kriminelle, reformresistente Establishment von Vetternwirtschaft und Klientelismus, sie haben es beständig weiter gestärkt und gefestigt und damit in Griechenland quasi die Demokratie in ihrem ursprünglichen Sinn abgeschafft. Sie alle gehören zu den wenigen „Herrscherfamilien“, die neben einer Handvoll Oligarchen – den eigentlichen Machthabern in Griechenland – die politische, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung des Landes bestimmten. Etwa 400 Menschen treffen in Griechenland seit dem Ende der Militärdiktatur 1974 alle ökonomischen und politischen Entscheidungen, und viele von ihnen bereicherten sich auf Kosten der Allgemeinheit auf die eine oder andere Art und Weise, wobei sie sich dabei auch an EU-Geldern in Form von Provisionen, Kick-Backs, auf dem Umweg über Scheinfirmen und sogar durch unverhohlenen Betrug bedienten. Dieses extrem parasitäre Establishment konnte sich an der Macht halten, weil es unentwegt dafür sorgte, sich eine politikhörige und untertänige Staatsanwaltschaft sowie eine durch und durch korrupte Finanz- und Steuerbehörde heranzuzüchten und diese am Leben zu erhalten, was jeglichen Ausbruch aus dem bestehenden „System“ unmöglich machte. Zudem stützte sich dieses System auf eine durch die geduldete Steuerhinterziehung und andere Privilegien gehätschelte parasitäre „Oberschicht“, bestehend aus Kommunalpolitikern, Top-Rechtsanwälten, Gewerkschaftsbossen, „Star-Journalisten“, Ärzten, auserwählten Unternehmern und vielen Landwirten. „Freie Wahlen“ waren zugelassen, aber viele Stimmen wurden gegen Vergünstigungen (rousfeti) jeglicher Art gehandelt, was hauptsächlich die Verbeamtung einer Anzahl von „treuen Wählern“ oder deren Familienangehörigen bedeutete.

Dadurch wurde nicht nur ein Teil der Bevölkerung „korrumpiert“ und „politisch fanatisiert“, sondern auch „mitschuldig“ gemacht am Verfall der Werte und des sozialen Gefüges. Mikis Theodorakis brachte das bereits 1991 auf den Punkt: „Sie haben die Kassen geleert, sie haben die Herzen geleert, sie haben die Gehirne geleert“. Im Laufe der letzten 40 Jahre änderte sich dadurch das soziale Verantwortungsgefühl vieler Griechen noch einmal nachdrücklich. Es setzte sich immer mehr ein grenzenloser Egoismus durch, der von den herrschenden Machteliten befördert und zum obersten Prinzip der neoliberalen griechischen Gesellschaft erhoben wurde. Wer sich darauf nicht einlassen wollte, hatte kaum Anstellungs- und Aufstiegschancen. Vom Ausmaß der Korruption zeugen an der Spitze des Eisbergs der Koskotas-, der Siemens-, der Ferrostaal- und der Protonbank-Skandal, das Vathopedi-Desaster, die dubiosen Waffengeschäfte griechischer Politiker und Beamter sowie Hunderte nicht verfolgter und nicht aufgeklärter Skandale.
Hinzu kommt, dass die seit 1974 herrschende Politikerkaste den fast unbegrenzten Einfluss ausländischer und ungezügelter nationaler wirtschaftlicher Interessen zugelassen und darauf ihre Macht gestützt hat, ohne jemals auch nur ansatzweise eine eigenständige nationale griechische Politik zu verfolgen. Die Ergebnisse sind schockierend. Das Land befindet sich seit 2008 in einem rasanten Niedergang – nicht nur in finanzieller und struktureller, sondern auch in moralischer und kultureller Hinsicht. Vierzig Jahre PASOK/Nea Demokratia-Regierungen führten 2011 zu folgenden Ergebnissen, die außer Zweifel stehen:

1) Griechenland ist bankrott.

2) Der Staatsapparat verharrt in einem desolaten Zustand– – es besteht keine Steuergerechtigkeit, das Gesundheitswesen ist marode, das Bildungswesen gehört zu den weltweit schlechtesten, das Rechtswesen ist unzureichend entwickelt, die Verwaltung arbeitet absolut ineffizient.

3) Griechenland hat keine Perspektive, so dass Zehntausende junge Griechen ihr Land verlassen, um sich im „Westen“ eine neue Zukunft aufzubauen.

4) Griechenland ist im Resultat der Politik der letzten 40 Jahre zur „Zwangversteigerung“ gezwungen, es muss also sein gesamtes Staatseigentum zu einem Bruchteil des Wertes an Privatpersonen, Konzerne und Investoren aus dem Ausland verkaufen.

5) Griechenland betreibt seit vielen Jahren keine unabhängige, national selbstbewusste Außen- und Sicherheitspolitik und steht darum vor etlichen ungelösten Problemen mit seinen Nachbarländern (Türkei, Albanien, Mazedonien/FYROM) und mit der NATO.

6) Das internationale Ansehen Griechenlands ist fundamental und nachhaltig beschädigt, was sich in der negativen Presse widerspiegelt, die die griechischen Verhältnisse reflektiert und die Griechen im Allgemeinen „verurteilt“. Dieses Misstrauen gegenüber Griechenland wirkt sich verheerend auch auf den Export aus, was der stark angeschlagenen Wirtschaft noch weiter das Wasser abgräbt.

Die seit Jahrzehnten in Griechenland herrschende Politikerkaste hat nicht nur dazu beigetragen, dass sich die Mentalität und die Wertevorstellungen der griechischen Gesellschaft und besonders der jeweils jungen Generation innerhalb der letzten 40 Jahre immer mehr zugunsten eines ausgeprägten – kreditgetriebenen – Konsum- und Wohlstandsdenkens veränderten, sondern sie hat vor allem wirtschaftlichen und ausländischen Interessen gedient, anstatt eigene strategische Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, die Griechenlands Wirtschaft und seinen Dienstleistungssektor schrittweise hätten stärken können.

Obwohl der hier beschriebene Zustand in den ersten Jahren der Krise für jeden sichtbar zutage trat, übernahm kein einziger griechischer Politiker auch nur ansatzweise eine Mitschuld und eine grundsätzliche Verantwortung für diesen desaströsen Zustand des Landes. Ganz im Gegenteil, die Politiker zelebrierten selbst in den letzten Monaten des absoluten Niedergangs den Machterhalt als oberstes Prinzip des politischen Lebens und als persönliches Allheilmittel gegen die Krise.
Da Griechenland zum einen –– so klein es auch sein mag –– „to big to fail“ ist (genauso wie die großen europäischen Banken), und zum andern auch keine systemimmanente Destabilisierung zugelassen werden darf, können sich unsere korrupten und gescheiterten Politiker auf die Unterstützung ihrer europäischen Kollegen verlassen. Abgesehen von dieser System-erhaltenden Solidarität der europäischen Politiker für ihre griechischen Kollegen, muss jeder vernünftig denkende Mensch zu dem Schluss kommen, dass es mit den bisher herrschenden Machthabern, inklusive den jetzt gewählten Abgeordneten (also auch der gesamten Opposition), keinen Wandel in Griechenland geben kann –– sie alle sind Teil des Problems und nicht nur de facto unfähig, es zu lösen, sondern sie sind auch nicht willens dazu.

(Wäre ich gläubig, würde ich mit dem Satz enden: Gott stehe uns bei!)

Dionisis Karatzas – Selbstmord des Reservemonats

In Holger Wendlands „Edition Raute“ erschienen im Sommer unsere Übersetzungen der Gedichte von Dionisis Karatzas.

Als ich zum ersten Mal Gedichte von Dionisis Karatzas las, dachte ich, mit dieser, seiner poetischen Welt hätte die meine nichts zu tun. Zu weit entfernt schien mir die erfrischende Meeresbrise seiner Patras-Landschaft von meinem wolkenverhangenen Prenzlauer Berg. Nicht, dass mich seine Lyrik nicht berührt hätte, aber ich nahm sie nicht wahr als „Kunstwelt“. Bis ich herausfand, dass Karatzas es damit ernst meinte: Für ihn war es nicht nur eine Kunstwelt, sondern ein von ihm gelebter „Kosmos“. Diese Erkenntnis offenbarte mir schlagartig neue Einzelheiten, bis dahin wie hinter einem Berg, vielleicht dem Prenzlauer Berg, verborgene, über den ich erst hatte steigen müssen, mich hinwegsetzen über meine literarischen Vorlieben. Trotz ihrer blendenden Helle nahm ich mit einem Mal die Tiefe seiner Bilder wahr, sah ich den Dichter hinabtauchen zum Grund der menschlichen Seele.

DIE BITTERKEIT DER KONSONANTEN

Bedacht sprachst du aus was du entschieden
mit Lippenlauten voller Empörung, mit nasalen Lauten der Verweigerung
und gaumenfeuchten Abschiedsworten.
Auf welche Zähne reduzierst du
mein wäßriges Schweigen?
Du hörst immer auf beim Sigma
auf das Lichtes und Winterliches enden.

Du verschärfst die Trennlaute und übersetzt
die Lippenunmöglichkeiten in solche der Nase, das fürcht ich
und gaumenfeucht will ich dich.
Meine speichelnasses Zischen
unterscheidest du von welchem deiner Symptome für Zahnschmerz?
Du hörst immer auf beim Sigma
auf das Lichtes und Winterliches enden.

Dionisis Karatzas: Selbstmord des Reservemonats. Gedichte, Ausgewählt und herausgegeben von Asteris Kutulas, Aus dem Griechischen von Ina und Asteris Kutulas, Zeichnungen von Trak Wendisch, Edition Raute, Görlitz 2010, ISBN 978-3-933777-20-1

Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern

Soeben ist unser neues Buch Asteris Kutulas: Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern beim Schott Verlag erschienen:

Unser Anliegen war es, mit diesem Buch durch eine Vielzahl von Bildern, die begleitet werden von verbalen Selbstreflexionen des Komponisten, eine visuelle Annäherung, eine Reise, eine Blickachse hinüber zum Leben des Komponisten Mikis Theodorakis zu ermöglichen – zu einem Leben, das in mehrfacher Hinsicht exemplarisch zwischen zwei Polen verläuft: dem Pol der griechischen und dem der europäischen Musik, dem Pol der populären und dem der sinfonischen Tradition, zwischen dem der Peripherie und dem des Zentrums, zwischen Athen und Paris, zwischen künstlerischer Avant-garde und dem Bewusstsein ursprünglicher Herkunft.
Aus dieser Lebensführung ergab sich in gewisser Weise ein Paradoxon. Theodorakis’ apollinischer Verstand strebte der absoluten Musik zu, seine dionysische Seele spürte der Volksmusik nach. Sein Lebensweg gestaltete sich zu etwas wie dem unermüdlichen Versuch, eine Verbindung zwischen jeweils entgegengesetzten Polen herzustellen, um scheinbare oder tat-sächliche Gegensätze miteinander in Einklang zu bringen.
So dokumentiert dieses Buch – nicht nur in hunderten zum Teil sehr selte-nen Fotos, sondern auch in bislang unveröffentlichten Aussagen sowohl des Künstlers Theodorakis als auch vieler seiner Wegbegleiter – eine in der Kultur- und Musikgeschichte beispiellose Biografie und ein unikales Werk.
Wir hoffen, es wird euch gefallen. Jedenfalls ist dieses Buch nicht nur einfach als ein Fotobuch von uns konzipiert worden, und andererseits nicht nur einfach als ein Foto-Text-Buch, sondern dadurch, dass durch diesen Musiker griechische und europäische Geschichte „hindurchgeflossen“ ist, offenbart es einen speziellen – vom „Aussterben“ bedrohten – Künstlertypus. Wir haben versucht, ein spannendes Buch zu machen: einen aus 80 Doppelseiten-Szenen bestehenden „Spielfilm“, der sich aus Abbildung, Text, Geschichte und Gefühl speist. Viel Spass damit.

P.S. (Danksagung)
Von den insgesamt mehr als 17.000 Fotos, die wir zusammen für dieses Buch gesichtet haben, stammte der überwiegende Teil aus dem Archiv von Myrto und Mikis Theodorakis. Der andere Teil stammt aus den Archiven von Margarita Theodorakis, Anna Drouza (Archiv Niki Tipaldou), Petros Pandis, Nikos Moraitis sowie dem des Ehepaars Sgourakis. Ihnen allen gilt unser aufrichtiger und tief empfundener Dank. In nicht minderem Maße sind wir auch der Musikbibliothek Lilian Voudouri – wo inzwischen das Gesamtwerk von Theodorakis betreut wird – und seiner Direktorin Stephanie Merakos zu Dank für die tatkräftige Unterstützung unserer Arbeit verpflichtet. Für die Originaltextbeiträge danke ich Michalis Cacoyannis, Konstantin Costa-Gavras, Louis de Bernieres, Klaus Hoffmann, Jack Lang, Zubin Mehta, Henning Schmiedt, Herman van Veen, Roger Willemsen, Guy Wagner und Martin Walser. Unser Dank gebührt ebenso Axel Dielmann, ohne den es die beiden Interviews in dieser Form nicht geben würde sowie Rena Parmenidou, Guy Wagner und natürlich Peter Hanser-Strecker.

Asteris und Ina Kutulas

In memoriam Christian Hauschild

Christian Hauschild war nicht nur ein unglaublich inspirierender Musiklehrer – er war auch ein Mensch mit einer „wundervollen Seele“, wie wir Griechen sagen. Ich habe nach meiner Kreuzschulzeit öfter mit ihm zusammenarbeiten dürfen, u.a. 1984 bei der großartigen Uraufführung der 7.Sinfonie von Mikis Theodorakis im Kulturpalast Dresden, der nicht nur Mikis, sondern auch Jannis Ritsos beiwohnten. Als Christian Hauschild dieses Werk dirigierte und beim Finale, dem 4.Satz, angekommen war, erwuchs aus den von ihm beschworenen Klängen – so habe ich es noch heute in lebendiger Erinnerung – das ganze „Griechentum“, ganz Byzanz, und die 1946 von Ritsos geschriebenen Verse erklangen:

Wieviel Blütenstaub sammelt sich im Mund der Biene für den Honig
wieviel Stille in deinem Herzen für das Lied …

Die Nachricht von Christian Hauschilds Tod ist mir eindringlicher Anlass zum Innehalten, denn sie ruft mir unvergessliche Augenblicke mit ihm als Pädagogen und Dirigenten ins Gedächtnis und „entrückt“ mich gleichsam für Momente in eine „Sphäre der Musik“, die er mir bereits Mitte der siebziger Jahre auf wundervolle Art und Weise eröffnet hatte. Es war vor allem aber auch eine Ahnung von Kunst und vom allumfassenden menschlichen Schicksal. Und das macht mir bewusst, was wir solchen Lehrern zu verdanken haben, derer es, weiß Gott, nur sehr wenige gibt. Mittler wie sie beweisen einen solchen Scharfsinn im Hinblick auf das, was den Sinn des Lebens ausmacht, dass es ihnen gelingt, ihre Schüler in dessen Bann zu ziehen, damit diese es wagen können, darin Verwirklichung zu finden. Dresden in den Siebzigern. Die Kreuzschule. Viele Freunde – bis heute. Johann Sebastian Bach. Eine Empfindung von Kunst. Die Kreuzkirche. Die Stille, das Lied und der Honig. Danke C.H.

… und morgen fressen wir die Mauer auf

Im Osten geht die Sonne auf … (Von Ina Kutulas)

Es kannten alle das Märchen vom Land hinter dem Riesengebirge aus Puddingbrei, in dem einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, die Würste und Brezeln von den Bäumen hängen und wo in den Bächen Cola und Limonade fließen. Das Interessanteste an diesem Märchen war allerdings nicht, was hinter und vor dem Puddingbrei-Riesengebirge lag, sondern war dieses Gebirge an sich, das man erst einmal zu überwinden hatte, bevor man von der einen auf die andere Seite gelangte.

Die Mauer war tatsächlich so etwas wie dieses merkwürdige Gebirge. Der Matschpudding das eigentümliche Phänomen, mit dem wir es immer wieder aufnahmen beim Match der Matschos. Mit den Jahren wurde der Brei nicht weniger, sondern eher mehr. Eine süßliche, wabernde Masse, die einem schon morgens das Maul und die Ohren zu stopfen drohte. Freiheit des Wortes. Die hatten wir zu verteidigen gegen das Sandmännchen, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, den Schokomohr, Mao, Maoam, Haribo, Hari Krishna, Baumwollbatist, Batista, Mars, Venus, Guevara, Guarana, Nesquick und Nesslow, die Waschmittelmatrone, gegen Stalin und Winnetou, gegen das Neue Deutschland und die Hörzu.

Wer behauptet, wir seien im Osten gewesen, hat keine Ahnung. Wer meint, wir seien im Westen gewesen, irrt. Wir waren weder hüben noch drüben, denn für uns gab es kein Hüben und Drüben. Wir waren in der Mauer, im Gebirge, im Puddinghaufen und wussten: Die Weisheit, sie ist mit Löffeln nicht zu fressen. Zu jedem Topf gibt’s auch den falschen Deckel, zum Brei den Wolfshunger, Wissenshunger. Ein Wunder, dass wir nicht erstickt sind. Wir waren … was heißt: wir waren … Wir sind. Der mit dem Hunger tanzt.

Ina Kutulas, vielen Dank für diesen Text …

Gert Hof & Asteris Koutoulas, 11 Jahre

Liebe Partner, Kollegen & Freunde,

ich möchte Euch hiermit mitteilen, dass Gert und ich nicht mehr im Managementverhältnis zueinander stehen. Wir haben uns im guten Einvernehmen geeinigt, stattdessen projektgebunden zu kooperieren.

Wir möchten Euch für das jahrelange Vertrauen in unsere Zusammenarbeit danken.

Asteris Koutoulas, 22.9.2009

P.S. Was uns beiden jedenfalls bleibt, nach 11 rasanten Jahren, ist die unglaubliche Story einer unglaublichen Beziehung und eines unglaublichen Werdegangs. Hier die short-Variante:

Nach so viel gemeinsam verlebter Zeit ist es also nicht verwunderlich, dass auch ein Grossteil meiner Homepage Meister Gert gewidmet ist, seinen/ unseren gemeinsamen Unternehmungen der letzten zehn Jahre. Da ist einiges zusammengekommen. Wir haben die halbe Welt umrundet und einige Licht-Zeichen gesetzt. Viel gelernt und viel gelacht. Und unsäglich viel Stress gehabt. „Der Schmerz ist dein Freund.“ Das Leben, wie es ist und wie es sein soll in der besten aller möglichen Welten. Das falsche im richtigen Leben oder umgekehrt, das ist die Frage. Halte aus. Halte durch. Bleib nicht stehen. Salute, capitano Gert!

www.asteris-koutoulas.de – Release 1.0

Liebe Freunde & Kollegen,

nach fast 18monatiger Arbeit gebe ich „offiziell“ die Veröffentlichung meiner Homepage

bekannt. In den letzten zwei Monaten konnte ich viele Lücken schließen und einen Großteil der bereits vorhandenen Lemmata („Buttons“) überarbeiten. Es bleiben nur noch wenige Stichpunkte, die einer Ausarbeitung bedürfen, aber auch alle anderen werden ständig weiterentwickelt.
In dieser Schmöker-Website werdet Ihr neben einigen „Perlen der Dichtkunst“ auch viel Skurriles, Bruchstückhaftes, Nebensächliches sowie total Überflüssiges finden, also das „Kompendium meines Ego“: Personen, geistige Landschaften, Projekte, Bücher, Briefwechsel, Events, Orte meines Lebens, Transzendentales, Familiengeschichten, Sachen (die ich getan und gedacht habe) sowie Dinge, die ich noch machen will – vielleicht …
Diese Homepage ist zweifellos vor allem drei Menschen gewidmet, mit denen ich seit ungefähr 1980 mein Leben und mein Tun geteilt habe: Jannis Ritsos, Mikis Theodorakis und Gert Hof. Die meisten Stichpunkte meiner Homepage lassen sich ihnen zuordnen. Daneben spielen meine Arbeit als Publizist, Produzent und Übersetzer sowie einige Sackgassen & „Germanistisches“ keine unwesentliche Rolle.
Auf jeden Fall haben ALLE Lemmata mit mir zu tun – sei es, weil ich jeweils den Text geschrieben, den Film gedreht oder das Foto gemacht habe, sei es, weil das jeweils Geschriebene oder Abgebildete mit Ereignissen verbunden ist, an denen ich als Produzent, Autor, Herausgeber oder Künstler beteiligt war.
Gewiss, zuallererst erfülle ich mir mit dem Erstellen dieser Website einen ganz persönlichen Wunsch: meinen Kosmos sichtbar machen und selbst darin herumspazieren zu können. Selbstverständlich freue ich mich allerdings genauso über Eure Besuche in meinem „Firmament“, über Euer Feedback und Eure Beiträge.

In diesem Sinne: take care!

Asteris Kutulas, September 2009

In memoriam Adolf Endler

„Ich schreibe wie jemand, der sich die Pulsadern aufschneidet“, notierte der Dichter Giorgos Seferis am 7.9.1926 in seinem Tagebuch – was zumindest eine pathetische Umschreibung für den „existentiellen“ Wert der Dichtung in seinem Leben war. Adolf Endler hat genauso geschrieben, gefühlt und gelebt. Er war „Dichter“, durch und durch. Eine Mischung aus Transportarbeiter des Worts, belgischem Bohemien, antifaschistischem Eremiten und „böhmischem Zigeunergeiger“. Er erschien mir immer wie ein pulsierendes Intellektum, ein energiegeladenes Bündel.
Ich „entdeckte“ Endler 1979 über seine wunderbaren Nachdichtungen der Gedichte des Alexandriners Konstantin Kavafis, die mir in gewisser Weise Vorbild waren für meine spätere eigene Arbeit:

Ihr Plätze und ihr Viertel, Gegend, wo ich wohne,
Die ich vor Augen habe und durchmesse, Tag für Tag:
Ich war’s, der euch erfand in größtem Glück und tiefster Traurigkeit,
Die vielen Episoden, mannigfachen Wesen –
Jetzt ganz und gar voll Leben und Gefühl, sei’s nur für mich…
usw.usf.

Endler war für mich eine ernste Angelegenheit, sein Alter Ego Bubi Blazezak ein polternder universeller Geist. Endler gewann eine knisternde Klarheit in seinen ausschweifenden Texten, und zugleich durchdrang ihn ein entwaffnender Humor, den er mehrfach in diversen Samistad-Drucken, z.B. in den „Bizarren Städten“, kucken ließ. Denn von Endler wurde kaum was veröffentlicht zu DDR-Zeiten, dafür konnte man ihn oft im kleinen Kreis erleben, lesen hören, und ab und an schwang er auch sehr gekonnt außer-literarische Fahnen.
Adolf Endlers Existenz war einer der Gründe, warum man es als Intellektueller noch in der DDR aushielt. Ich empfand es jedenfalls damals so. Er war der Tarzan des „Prenzlauer Bergs“, ich war der Neger in Pankow. Endler bedeutete für mich eine Art Heimat in der transzendentalen DDR-Obdachlosigkeit – und seine Texte, frei schwebend, ein Quell reiner Leselust.

Asteris Kutulas

www.asteris-koutoulas.de Upgrade 9.8.2009

Neu hinzugekommen:

Ich werde hier nach und nach meine Korrespondenz mit Heiner Müller aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts veröffentlichen. Die Briefe an ihn entstanden in einem „hybrisartigen“ Zustand. Ich glaubte, dem großen Meister nur auf diese Art und Weise begegnen zu können. In diesen Briefen verbindet sich eine imaginäre Geschichte, die sich damals in meinem Kopf abspielte, mit Furcht einflößenden Begebenheiten, die sich tatsächlich ereigneten und über die zu sprechen ich bis jetzt nicht in der Lage war. Die Übergänge vom einen zum anderen sind fließend, wobei die Realität einen größeren Stellenwert einnimmt, als man das heute vermuten würde. (Weitere Briefe werden folgen.)

www.asteris-koutoulas.de – K(o)ut(o)ulas

Nachdem mich einige diesbezügliche Fragen erreichten, hier die Erklärung: Da es im griechischen keinen eigenständigen Buchstaben für U gibt, wird er aus einem O und einem Y gebildet, was z.B. im lateinischen als OU transliteriert wird. (Wieso? Keine Ahnung.) Die Behörden meiner Kindheit in Rumänien und der DDR, aber auch die griechischen Beamten, die mir meinen ersten griechischen Pass ausstellten, machten eigentlich alles richtig, als sie in meinen Pass schrieben: KUTULAS. Ab Mitte der achtziger Jahre bürgerte sich dann allerdings die Schreibweise KOUTOULAS ein … Ich „entnahm“ dem Schlamassel eine Programmatik, indem ich seitdem all meine künstlerischen Hervorbringungen mit KUTULAS unterschreibe und all meine Management-Produzenten-Arbeiten mit KOUTOULAS. Warum ich das getan habe und weiterhin tue, weiß ich nicht, und ob’s was bringt weiß ich auch nicht, aber was soll’s… Das dazu.

www.asteris-koutoulas.de Update 13.5.2009

Überarbeitet:

Die beiden Artikel „verdanke“ ich Gert. Ohne ihn hätte ich weder die kauderwelschende Empfindung „Rammstein“ erlebt, noch das Phänomen Lindemann erfahren. Das ganze hat für mich zu tun mit Sehnsucht, Revolution, Leben auf dem Dorfe, Einsatz für die Tierwelt, Naivität, dem Kampf des Negers gegen die Hunde, Neugier, Amnesty International, Staunen ohne Ende …

www.asteris-koutoulas.de – Jannis Ritsos

Zu Jannis Ritsos 100. Geburtstag 2009 …

habe ich alle meine Ritsos-Buttons überarbeitet, die da wären:

Ich bin mir nicht sicher, warum Ritsos so beliebt bei den griechischen und europäischen Linken war, aber mir kommt es so vor, als habe es ihm als Dichter mehr geschadet als genutzt. Denn seine Dichtung kannten und kennen die wenigsten: seine existentialistische „Mondscheinsonate“, seine genialen Antike-Monologe („Die Rückkehr der Iphigenie“, „Agamemnon“ etc.), seine Liebesgedichte, seine einzigartige Autobiographie „Das ungeheure Meisterwerk“. Mir scheint, er ist in Vergessenheit geraten, dieser kleine schmächtige Mann, der uns ein gewaltiges Oevre hinterlassen hat, in dem einige der schönsten Perlen der Dichtkunst des 20.Jahrhunderts zu finden sind. Jedoch nichts Abgehobenes, sondern mehr Elementares, Alltägliches, das er verdichtet und festgehalten hat. Und das man gebrauchen kann wie einen Erste-Hilfe-Kasten für die Seele.

www.asteris-koutoulas.de Update 3.12.2008

Neu hinzugefügt:

  • Lviv-Event (Ukraine)
  • China Making Of (Peking)
  • Oman-Event (Sultans Palast in Muscat)
  • Malta-Event (Fort St. Angelo)

Diese (zusammenfassenden) Film-Clips dokumentieren diverse Gert-Hof-Events der letzten Jahre, an denen ich beteiligt war. Unterschiedliche Locations, unterschiedliche Länder und Sitten … Streunende Tiere. Viel Stress, Ärger und Kampf, wenig Freude, ziemliche Erfolge … Irgendwie lief alles so ab: Ende gut, alles gut. Ce la vie. Danke dir, Gert …

www.asteris-koutoulas.de Update 2.12.2008

Neu hinzugefügt:

Ich nenne diese drei Filme, die ich Mitte der neunziger Jahre gefilmt habe, POETRY IN MOTION, weil ich sie nicht wegen der Musik festgehalten habe, sondern weil ich es schon immer faszinierend fand, wie Mikis dirigierte. (Abgesehen davon, sind auch die Musiken wunderbar, vor allem die frühe sinfonische Ode „Oedipus Tyranos“, die Theodorakis 1946 komponierte, aber auch das Klavierkonzert, das während seines Studium bei Oliver Messiaen 1956 in Paris entstand.) Aber wichtiger waren mir hier die Bewegung der Hände und des Körpers. Darum auch die schwarz-weiss Konzentration allein darauf …

www.asteris-koutoulas.de Update 16.9.2008

Neu hinzugefügt:

  • Philosophie

Ich konnte neben meinem Germanistik-Studium Anfang der achtziger Jahre auch zwei Jahre lang Geschichte der Philosophie studieren. Unvergessen Prof. Seidels Antike-Vorlesungen.  Dann die Entdeckung Schopenhauers und des jungen Georg Lukacs. Philosophie als Lebensform. Existentialismus als persönliche Lebensphilosophie. Alles oder Nichts. Der bittere Geschmack der Wahrheit. Auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Politik und Anspruch. Udos Gang nach Canossa, Uwes Entdeckung des Nahen Ostens.

www.asteris-koutoulas.de Update 24.6.2008

Neu hinzugefügt:

George ist ein cooler, abgefährlich abgefahrner Typ. Das Leben hat ihn verloren. Er ist ein Reisender, ein verkanntes musikalisches Genie und zugleich ein Rätsel aufgebendes Geschöpf. Sowas wie ein Rainald Götz der Musik. Ich hatte die historische Gelegenheit, mit ihm arbeiten zu dürfen – und es war, als hätte ich zugleich mit zehn Unikaten gekämpft, sowas in der Art jedenfalls. Sauerstoff kontra LSD.

www.asteris-koutoulas.de Update 23.6.2008 (Classified!)

Grundsätzliche Veränderungen… Meine anfängliche Idee war es, meine Homepage zu einem „Zettelkasten meines Ego“ zu machen. Ich merke jedoch, wie sie sich ganz langsam – und „unbemerkt“ – zu etwas anderem entwickelt, nämlich zu einer Art „Kompendium meines Ego“. Inzwischen verbirgt sich hinter einigen Buttons der Stoff für ganze Artikel, denn ich verspüre mit der Zeit immer mehr das Bedürfnis, zu vielen der in der Homepage angerissenen Themen so umfassend wie nur möglich zu schreiben. Darum habe ich auch angefangen, meine ganzen Seiten intern miteinander zu verlinken, so dass der Kosmos die Anarchie etwas bändigt und die existierenden Bezüglichkeiten offenbart:

www.asteris-koutoulas.de Update 16.5.2008

Hinzugefügt:

Ein Tagebuch-Bericht über mein Germanistik-Studium in Leipzig zwischen 1979 und 1984. Vergebliches Suchen draussen. Verharren im Drinnen. Viel Rotwein und das Auf-Und-Ab einer bebenden Befindlichkeit. Viel nackte Haut und blanke Nerven. Ständiges Fliehen in Geistigkeit. Uwes Katze. Deutsche Bücherei und Moritzbastei. Bärbel und das Leben. Ina und der Tod. Umherirren des nachts.

www.asteris-koutoulas.de Update 14.5.2008

Vervollständigt:

Irgendwie entdeckte ich den „jungen Lukacs“. Seine extrem idealische Lebensphilosophie um 1900 entsprach sehr meiner damaligen seelischen Verfassung in Leipzig und Dresden Anfang der achtziger Jahre. Die Seele und die Formen eben. Geistigkeit als Fluchtpunkt. Und der Glaube, im Idealischen irgendwie doch Freiheit und Erfüllung einer transzendentalen Sehnsucht zu finden.

Update 22.7.2008: Ich habe meinem Funkessay einen Nachtrag angehängt, der den phänomenalen Augenblick des Wandels des jungen Lukacs vom Idealisten zum Materialisten, vom Freigeist zum Kommunisten zu skizzieren versucht.

www.asteris-koutoulas.de Update 29.4.2008 (Christa Wolf)

Vervollständigt:

Die für mich interessanteste und spannendste Schriftstellerin der DDR, diesem Land der Ferne und des gebrochenen Worts. Sie hat mich lange verfolgt, noch vehementer dann als „Kassandra“. Ein Flirren zwischen Heimat und  Lifestyle. Rockmusik in meiner Seele. In meinem Kopf ein Widerhall von Gesprächsfetzen bei ihr zu Hause und einmal auch in Tübingen. Das Blubbern des Bluts in den Adern. Und sie verhalf mir zu meiner damaligen realsozialistischen Einsicht Ende der siebziger Jahre: Der Himmel ist immer noch geteilt, aber die Freiheit fiel in die Spalte zwischen den Hälften…

www.asteris-koutoulas.de Update 21.4.2008

Vervollständigt:

Der Orakelort der Antike ist nicht nur eine Art geistige Heimat, es ist auch eine geographische, zumal Sernikaki, das Heimatdorf meines Vaters, nur wenige Kilometer weiter weg mitten im Tal von Amfissa liegt – umgeben von einem riesigen Olivenhain, unweit der kleinen Hafenstadt Itea. Im Sommer das laute Zirpen der Zikaden wie ein moderner Klangteppich. Flirrende Luft unter einer brennenden Sonne. Karge Landschaft, ausgetrocknete Erde. Nicht umsonst ist der Sonnengott Apollo der Herrscher über Delfi gewesen.

www.asteris-koutoulas.de Update 8.4.2008

Neu hinzugekommen:

Zu Johannes Jansen wird mir bestimmt noch einiges einfallen. In meiner Homepage veröffentliche ich ein Gedichtfragment von ihm, das aus dem ersten Jahr unserer Bekanntschaft stammt … die freie Nachdichtung eines Bruchstücks der Gedichtkomposition „Das ungeheure Meisterwerk“ von Jannis Ritsos. Ritsos passte irgendwie überhaupt nicht zu Johannes, aber irgendwie dann doch … Später entwickelten wir eine echte Zuneigung und haben viel miteinander gemacht, noch später verloren sich unsere Wege. Ihm verdanke ich nicht nur das Gedicht „Das bizarre Städtchen“ von Nezval, die Begegnung mit Frank Lanzendörfer, mit Peter Wawerzinek und mit vielen anderen, und nicht nur seine eigene faszinierend-mystische dunkle Welt …

Update, 21.5.2008: Habe einige mich sehr bewegende Briefe von Johannes, die er mir während seiner Armeezeit schrieb, zu einer kleinen Collage einer „DDR-Armee-Befindlichkeit“ zusammengestellt und veröffentliche sie nun hier.

www.asteris-koutoulas.de Update 20.3.2008 (Bizarre Städte)

Umgearbeitet:

Auf die Idee, eine eigene „unabhängige“ Zeitschriftenedition in eigener Regie zu produzieren, kamen wir mit Johannes Jansen irgendwann mal Mitte 1987. Von ihm kam auch der Titelvorschlag in Anlehnung an das Gedicht „Bizarres Städtchen“ von Vítezslav Nezval. Das ganze war eine Art gelebter Utopie an diesem „Kein Ort. Nirgends“, der damals für uns Pankow hieß. Im Nachhinein betrachtet, war es schon irgendwie Selbstbetrug, eine große Portion Feigheit, gepaart mit einer kleinen Portion Mut. Ein winziger Strohhalm in einem stürmischen Meer. Wir waren jedenfalls nicht ganz Herr der Lage.

 

Zeichnung von Trak Wendisch
Einband BS 3, Zeichnung von Trak Wendisch

www.asteris-koutoulas.de Update 10.3.2008 (Heinz Czechowski)

Vervollständigt:

Czecho habe ich in Leipzig während meines Germanistik-Studiums kennengelernt, und wir haben uns angefreundet. Ich kannte seine wunderbare Nachdichtung des Epitaph-Poems von Jannis Ritsos; er bewies damit, dass auch ein – meiner Meinung nach –  „unübersetzbares“ Gedicht ins Deutsche souverän übertragbar ist. Aber vor allem gefielen mir seine unprätentiösen Gedichte in Zyklen wie „Ich, beispielsweise“, „Was mich betrifft“ oder „Ich und die Folgen“. Existenzialistische sächsische Dichterschule, DDR-zerrissen.

www.asteris-koutoulas.de Update 1.3.2008

Neu hinzugekommen:

„Ich schaue Menschheitwesen in Wesen nach Orwesenheit, Antwesentheit, Mälwesenheit, Omwesenheit, nach Organzheit, Antganzheit, Mälganzheit, Omganzheit, nach Orselbheit, Antselbheit, Mälselbheit, Omselbheit, nach Orselbmälganzheit, Antselbmälganzheit, Mälselbmälganzheit, Omselb-mälganzheit…“ Der Verfasser heißt Karl Christian Friedrich Krause, doch wer kennt ihn schon? Und wozu: in diesen enttrösteten Welten?

www.asteris-koutoulas.de Update 27.2.2008 (Konstantin Kavafis)

Vervollständigt:

Kavafis und kein Ende … Darüber habe ich oft nachgedacht in den letzten zwanzig Jahren, über dessen scheinbar unerschöpfliche Modernität, wobei dieser Ausdruck nicht genau das trifft, was ich meine. Macht nichts, die Ungenauigkeit beschreibt letztendlich vielleicht besser den Kern. Jedenfalls unglaublich und ein Phänomen, dass Kavafis mit seinem spröden und kargen poetischen Stil noch so viele Leute anspricht. Unerwartete Begegnungen mit seinen Gedichten oder Gedichtfetzen zu den verrückstesten Gelegenheiten. Ein Rätsel für mich auch, wie er als homosexueller Dichter innerhalb der griechischen Gemeinde Alexandriens so gut überleben konnte, scheinbar entrückt in eine eigene Realität, gemacht aus Worten …

www.asteris-koutoulas.de Update 13.2.2008 (Jannis Ritsos)

Hinzugefügt:

Das war die Überschrift eines Gedichts von Jannis Ritsos aus dem Jahre 1972. Ich musste während der aufwühlenden Monate zwischen November 1989 und Ende 1990 ständig daran denken – der Untergang des Sozialismus vorweggenommen in einem krassen poetischen Bild. Und alle privaten und verinnerlichten Deformierungen führten unweigerlich in die Katastrophe bzw. die Erlösung, je nachdem welcher Denkungsart man war. Einige Texte, die ich als Glossen ansah, dokumentieren eine sehr subjektive Sicht auf jene galoppierende Zeit.

www.asteris-koutoulas.de Update 2.2.2008 (A.R. Penck)

Vervollständigt:

Ich kann mich noch ganz gut an seine Erscheinung erinnern Mitte der siebziger Jahre in Dresden: er kam mir vor wie ein vagabundierender sächsischer Anarchist. Er paßte überhaupt nicht zur DDR und war doch ganz klar ihr Kind. Ich hatte damals natürlich keine Ahnung um seine Bedeutung als Maler, oder besser gesagt als Konzeptkünstler. Aber er war ein ziemlich straighter Typ. Mir kam er immer etwas heruntergewirtschaftet vor, abgesehen davon, dass ich mit seiner Malerei oder seinen Filmen – die ich ohnehin nur sehr brüchstückhaft kannte – nichts anfangen konnte. Eine poetische Gestalt in einer kulturell verdurstenden Landschaft – das allerdings war mir instinktiv damals schon klar, und nicht nur wegen der verrückten Geschichten, die sich um seine Person rankten.

www.asteris-koutoulas.de Update 22.1.2008 (lanzendörfer)

Ergänzt:

Lanzendörfer war nicht mehr zu helfen. Er nahm sich das Leben und hinterließ uns mehrere Fragen, auf die er uns die Antworten schuldig blieb. Er hatte sich verloren zwischen Anspruch, Wirklichkeit, transzendierenden Wahn-Vorstellungen und Experimenten an Geist und Körper. Eine flüchtige Gestalt in einer eher realitätsverhafteten, surrealismusfeindlichen DDR.

www.asteris-koutoulas.de Update 21.1.2008 (Claudia Gehrke)

Neu hinzugekommen:

Claudia Gehrke ist eine interessante Frau … (Und das nicht nur als Chefin des tübinger Konkursbuchverlags.) Sie hat es sehr geschickt und klug verstanden, Kunst, Erotik und Rebellion zu einer neuen Art von Lebensphilosophie zu verschmelzen.

Claudia hat durch ihre zahllosen anti-sexistischen und frauen-freiheitlichen Publikationen vielen Denkmustern und Denkansätzen, die heutzutage durch Texte wie „Feuchtgebiete“ ins Bewußtsein einer breiten Masse tropfen, den Weg bereitet. Wo wäre die deutsche Kultur-Welt ohne ihren feministisch-revolutionären Konkursbuchverlag mit dem „Heimlichen Auge“ und Autorinnen wie die hardcorige Krista Beinstein?

www.asteris-koutoulas.de Update 19.1.2008

Neu hinzugekommen:

Das ist eine Auflistung der CDs, bei denen ich mitgearbeitet bzw. die ich selbst produziert habe. Die meisten entstanden in Deutschland, einige produzierten wir aber auch in Russland, Griechenland, Österreich, Holland und Ungarn. Die meisten sind von und mit Mikis Theodorakis, einige habe ich für Maria Farantouri produziert. Dabei ging es mir auch darum in gewissem Sinne „Lücken“ zu füllen. Ich arbeitete vor allem mit Intuition Records (jetzt: Wergo) zusammen, aber auch mit Tropical Records sowie mit Peregrina, Buschfunk und Pläne in Deutschland, sowie mit einigen griechischen Plattenlabels. Ergänzt wird das Ganze durch die Auflistung einiger DVDs, an denen ich mitgemacht bzw. die ich mit-produziert habe. Bei diesen Projekten (Liedplatten, Opernproduktionen, Sinfonik, Kammermusik etc.) arbeitete ich mit diversen Sinfonie-Orchestern, Chören, Dirigenten sowie Solisten – wie z.B. Zülfü Livaneli, George Theodorakis, Dimitra Galani, Rainer Kirchmann, Henning Schmiedt, Jannis Zotos, Petros Pandis, Konstantin Wecker etc. – zusammen.

www.asteris-koutoulas.de Update 13.1.2008 (Griechische Literatur)

Neu hinzugekommen bzw. vervollständigt:

Dieses Gespräch mit Axel Dielmann entstand aus Anlaß der Frankfurter Buchmesse 2001, als Griechenland Schwerpunkt der Buchmesse war.  Mir war vor diesem Gespräch aufgefallen, dass es noch keine generalisierende Analyse der griechischen Literatur in Deutschland gab, jedenfalls war mir keine bekannt. Deshalb versuchte ich, die für mich wichtigsten diesbezüglichen Koordinaten aufzuzeigen, und zugleich auf die Ost-West-Problematik aufmerksam zu machen, die es ja einige Jahrzehnte lang bis 1989 gegeben hatte.

www.asteris-koutoulas.de Update 12.1.2008 (Goethe)

Neu hinzugekommen:

Dieser Text über Goethes Iphigenie entstand während meiner Beschäftigung mit der Mythos-Rezeption Anfang der achtziger Jahre: die Iphigenie-Gestalt bei J.W.Goethe, Gerhart Hauptmann und Euripides. Darüber schrieb ich meine Diplomarbeit während meines Germanistik-Studiums. Außerdem beschäftigen wir uns intellektuelle Griechen, quasi „a priori“, mit diesen Themen wie „Mythologie und Gegenwart“. Und Goethe war zweifellos einer der ersten deutschen Philhellenen des modernen Griechentums.

www.asteris-koutoulas.de Update 9.1.2008 (Baader & Wawerzinek)

Neu hinzugekommen:

Ein Gespräch, das ich mit „Baader“, einem sehr eigenwilligen und höchst talentierten Verrückten, und Peter Wawerzinek, einem anderen eigenwilligen und höchst talentierten Verrückten über die DDR, Rockmusik und Lyrik während der Wende-Zeit geführt hatte. Baader starb wie er gelebt hatte: er wurde einige Wochen nach diesem Gespräch im Morgengrauen eines feuchten Junitages in Pankow von einer Straßenbahn erfasst und erlag wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

www.asteris-koutoulas.de Update 6.1.2008 (DDR)

Neu hinzugekommen:

Die DDR war meine „dritte“ Heimat. Inzwischen lebe ich in meiner „vierten“, der Bundesrepublik Deutschland. Über die DDR haben wir viel nachgedacht, als wir in der DDR lebten, später kaum noch. Es war allen klar, was passiert war, und es war in Ordnung so. Meine „dritte Heimat“ hatte in ihrer realsozialistischen Gestalt keine Daseinsberechtigung. Die Dilemmas waren einfach zu groß. Und ein Ausweg nicht möglich; weder waren die Eliten des Landes willens zu Reformen, noch in der Lage – die DDR-Führungsriege war dermaßen überfordert durch ihre „historische Misssion“, den Sozialismus aufzubauen, dass ihr nur der kleinste gemeinsame Nenner blieb: Machterhalt um jeden Preis. Der wurde dann durch Gorbatshow und seine Perestroika dermassen nach unten gedrückt, dass schließlich das DDR-Volk in Leipzig und anderswo ihn kurzerhand bezahlte und dem Spuk ein Ende bereitete.

Update: Habe dem Text „AUS DER DDR…“ noch ein Gespräch mit Wolfgang Kempe vorangestellt, das ein Jahr vor dem Fall der Mauer stattfand, am 27. November 1988, in Eggersdorf-Süd bei Ost-Berlin.

AUS DER DDR..: Nun ja, ich wollte meine damalige Reflektionen hier festhalten, die zwar ungelenk, unfertig und unerheblich erscheinen, aber von einem gewissen tragischen Impetus durchwirkt waren, und in dem Bewußtsein verfaßt wurden, dass zumindest irgendwas nicht stimmte zwischen dem Anspruch des real Existierenden und der wirklichen Wirklichkeit. Dazwischen blieben so viele Fragen offen, dass Antworten keine Chance hatten. Was wollten wir nur? Wonach suchten wir, verloren in der Zeit des kalten Krieges? Keine Ahnung.

www.asteris-koutoulas.de Update 2.1.2008

Neu hinzugekommen:

Hortensia Bussi-Allende lernte ich 1993 in Santiago de Chile kennen. Daher stammt auch dieses Foto. Es war eine verrückte Situation in Chile, da Pinochet noch Präsident war, aber die Regierung und der Ministerpräsident bereits frei gewählt wurden. Eine merkwürdige Zwittergesellschaft, über der noch der Modergeruch der Diktatur schwebte.

In „Berlin Jotwede“ sagte mein damaliger Freund und Theaterregisseur Tom Bischoff: „Ich will mal sagen, was ein Berliner ist. Wenn ich mir die Kröte anhöre, die hier neben mir redet und quatscht, daß mir das Grüne aus den Ohren läuft, will ich Dir mal sagen, was ein Berliner ist: Wenn Du ein Berliner bist, dann bin ich sonst was …“ – Und Dimitris, der nichts dafür konnte, aß einfach weiter. (Es war die Zeit, als noch alles möglich schien und viele Türen offen standen.)