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Apassionata – Der Vorhang fällt (Riesa-Tagebuch 2019)

23.10.2019, Apassionata Show Reloaded

Wieder ist APASSIONATA-Proben-Zeit. Wieder traben Pferde nach einer neuen Musik durch die Sachsen-Arena. In drei Tagen ist Premiere. Aber die Show heißt jetzt nicht mehr „Apassionata“, sie heißt jetzt „Cavalluna“. Alles ist wie immer, und alles ist ganz anders.

Ich bin auf meine Art und Weise wieder dabei, wie ich 10 Jahre lang dabei war; und wie im Oktober 2017 und 2018 halte ich meine täglichen Eindrücke in Tagebuch-Form fest. Es hat sich viel verändert seit Herbst 2018: „Apassionata“ gibt es nicht mehr. Wie es dazu kam und was aus den Apassionata-Protagonisten Peter Massine und Holger Ehlers geworden ist – darum geht es hier. Die Geschichte vom Ende der „Apassionata“ ist spannend wie ein Wirtschaftskrimi, voller Emotionen, komisch und tragisch zugleich, und sie handelt von Freundschaft, krimineller Energie, Betrug und Verrat, erzählt von Leid, Engagement, Hoffnung und Enttäuschung.

Nachdem es 14 Jahre lang die Apassionata-Show gegeben hat, liefen dann in der Saison 2017/18 zwei konkurrierende Apassionata-Produktionen gleichzeitig – und seit Mai 2019 gibt es gar keine Apassionata-Show mehr. Der Vorhang ist gefallen. Bislang jedenfalls – könnte sich in Zukunft ja wieder ändern. In diesem Spiel der Eitelkeiten und des Geldes ist alles möglich: Willkommen und Abschied. Wiedergeburt und Vergessen. Aufstieg und tiefer Fall.

Holger Ehlers, Peter Massine, Apassionata
Der Apassionata-Esel und ich

Während täglich die Waschmaschinen arbeiten und deren Automatik regelmäßig das „Schleuderprogramm“ aktiviert, kann ich einen Blick in die Vergangenheit werfen und betrachten, was in den letzten Monaten alles passiert ist. Die Gegenwart bietet mir Bilder in lebhaften Farben. Und die Zukunft zeigt sich bereits: Der Magische Kubus fragt immer auch nach dem Pferd.

Der Catering-Raum erneut als Fluchtort und „APASSIONATA-Konferenzraum“ – diesen Herbst nehme ich ihn noch einmal neu wahr. Das Ganze mit anderen Augen sehen. Vom Objektiv der Kamera wird der Deckel genommen. Stay tuned! 

24.10.2019
Die letzten zwölf Monate der Apassionata
im Schnelldurchlauf … und sehr subjektiv (aber journalistisch korrekt)

Nach dem heißen, trockenen Sommer weht jetzt ein frischer Wind. Die Blätter der Ahorne färben sich golden, und schon haben sie begonnen, aus den Bäumen zu fallen. Dieser Winter soll ein verregneter werden. „Machen wir es uns warm“, sagt Elsa am Telefon. Sie lebt mit zwei Geräten und zwei Tieren in Friedrichshain.

Hinter den Showkulissen ist es ruhig momentan. Ich lade die Akkus auf, und die Lichtmeister knipsen zur Pause die Scheinwerfer aus. 

2019 ist das Jahr, in dem die Apassionata „unterging“. Als wäre sie die Titanic … ein glorreiches Schiff, das auf einen Eisberg zusteuerte, mit diesem kollidierte und sank. Die Kapitäne hatten offensichtlich geglaubt, dass nicht die Titanic, sondern der Eisberg zerbersten würde.

Um zu verstehen, was sich zwischen Oktober 2018 und Juli 2019 ereignet hat, muss man dort anknüpfen, wo der dritte Teil meiner „Apassionata-Story 2018“ aufhörte. Bereits zu jenem Zeitpunkt war es eine extraordinär spannende Geschichte über ein deutsch-chinesisches Game-of-Thrones-Spektakel, aber dass es sich zu einem dramatischen Wirtschaftskrimi entwickeln würde, ahnte ich damals nicht.

Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich klarstellen, dass es in diesen journalistischen Tagebucheinträgen um das Ende der „Massine-Ehlers-Apassionata“ geht und nicht um deren „Fortführung“ unter der neuen Marke „Cavalluna“ durch das chinesische Unternehmen Apassionata World GmbH (Hongkun) ab 2018. 

Peter Massine war Mitbegründer und bis 2019 Produzent der Pferde-Show „Apassionata“. Holger Ehlers war seit 2009 Autor, Regisseur und laut eigenen Angaben „Komponist“ aller Apassionata-Produktionen bis zur letzten Show „Der magische Traum“ in der Saison 2018/19. Seit 2017 war Holger Ehlers auch Executive Producer der beiden letzten Shows „Der Traum“ (2017-18) und „Der magische Traum“ (2018-19). Peter und Holger bestimmten als Hauptakteure nicht nur das geschäftliche Gebaren und die künstlerische Entwicklung der „Apassionata“ der letzten zehn Jahre, sondern sie verantworteten durch ihre Entscheidungen ebenfalls das dramatische und in gewisser Weise sehr kuriose und tragische Ende derselben.

Der Anfang vom Ende

der „Massine-Ehlers-Apassionata“ – das war 2016 zweifellos der Bruch zwischen Peter Massine und seinem Investor, dem chinesischen Immobilienkonzern Hongkun. Diesem Bruch folgte eine langwierige Auseinandersetzung um die Apassionata-Lizenz- und Markenrechte. Nachfolgend einige Presse-Veröffentlichungen zum „Gesellschafterkrieg“ zwischen Peter Massine und der chinesischen Apassionata World GmbH/Hongkun, die das Ausmaß und die Folgen dieser Streitigkeiten offenbaren:

Finance, 6.4.2017: „Ex-Apassionata-Chef: EY klagt wegen nicht gezahlter Honorare“
Spiegel, 21.6.1017: „Der schmutzige Krieg um die Pferdeshow“
Stuttgarter Nachrichten, 30.12.2017: „Ist nicht so leicht, die Welt zu retten“
BZ, 27.1.2018: „Apassionata-Gründer kämpft um den Namen seiner Pferde-Show“
Mittelbayerische, 20.3.2018: „Der moderne Zirkus der Zukunft“
Süddeutsche Zeitung, 13.6.2018: „Hinter dem schönen Schein von APASSIONATA“
Sächsische Zeitung, 26.6.2018: „Ich habe mein Lebenswerk in Gefahr gesehen“
Sächsische Zeitung, 13.7.2018: „International wäre die Marke Apassionata wertlos“
BZ, 22.1.2019: „Krieg der Reitershows Cavalluna und Apassionata“
tip Berlin, 25.1.19: „Zoff um die Pferdeshows: Apassionata vs. Cavalluna“
Donaukurier, 28.8.2019: „Im Pferde-Palast gehen die Lichter aus“

Die Nerven in der „Pferdewelt“ lagen also seit Ende 2016 blank. Hinter den Kulissen brodelte es. Viele Apassionata-Mitarbeiter bangten um ihren Arbeitsplatz. Die beiden „verfeindeten“ Geschäftsführungen schworen ihre Belegschaft auf einen „heiligen Krieg“ ein. 

Im Kern ging es in diesem erbittert geführten Rechtsstreit zwischen Peter Massine einerseits und der chinesischen Apassionata World GmbH (Hongkun) andererseits darum, wem (die Marke) „Apassionata“ gehört bzw. wer den lukrativen Pferdeshow-Markt in Deutschland und Europa beherrscht. „Apassionata“ war bis 2018 quasi ein sehr erfolgreicher Monopolist in diesem Entertainment-Segment, verkaufte Jahr für Jahr bis zu 480.000 Tickets, machte einen Umsatz von jährlich durchschnittlich 21 Millionen Euro und einen Gewinn von ca. 3 Millionen Euro. Es ging also um sehr viel Geld. Peter hatte 2016 versucht, seinen frisch gekürten chinesischen Partner Hongkun über den Tisch zu ziehen, was aber nicht funktionierte. Und plötzlich gab es zwei „Apassionatas“. Das Publikum war verwirrt. Die Pferde drehten sich ohnehin nur im Kreis. Beide Apassionata-Shows – die eine hieß ab 2018 „Cavalluna“ – bluteten langsam aus. Es war irgendwie überhaupt nicht mehr lustig.

Hoffnungsschimmer

Doch dann kam der Sommer 2018 und mit ihm ein Hoffnungsschimmer am Horizont:  Die Apassionata GmbH von Peter Massine verhandelte mit der Live Nation Entertainment GmbH über eine elfjährige Zusammenarbeit. Live Nation, immerhin der weltweit größte Konzert-/Event-Veranstalter, war darin waren sich alle einig der richtige strategische Partner für die „Apassionata“. Es kam so etwas wie eine Euphorie auf in der gebeutelten Apassionata-Gemeinde, denn diese Vereinbarung bedeutete, dass sich Peter aus dem operativen Geschäft zurückziehen und Live Nation die Vermarktung und Durchführung der Tour-Show für zumindest drei plus weitere acht Jahre überlassen würde.
Für die Apassionata-Mitarbeiter – ich gehörte damals als Dramaturg der Show zu den „Externen“ – war klar, dass damit die Apassionata für insgesamt 11 Jahre in professionelle und seriöse Hände kommt, denn Peter war als Unternehmer auf breiter Front gescheitert und sein „Vermächtnis“ bestand in einem riesigen (selbstverschuldeten) Scherbenhaufen. 

Aber Peter hatte etwas ganz anderes vor. Der „strategisch“ angelegte Vertrag mit Live Nation vom September 2018 erwies sich als reine Nebelkerze. Peter benutzte diesen Vertrag als Faustpfand, um hinter dem Rücken seiner Mitarbeiter und Partner – und hinter dem Rücken von Live Nation – einen 6-Millionen-„Geheim-Deal“ mit seinen chinesischen „Erzfeinden“ verhandeln zu können. Der wurde am 1.3.2019 unterzeichnet, gerade mal fünf Monate nach der Unterzeichnung der „strategischen“ Elf-Jahres-Vereinbarung mit Live Nation. 

Betrügerische Insolvenzen

Erst drei Monate später hat Peter die „Apassionata“ und damit zahlreiche seiner Gesellschaften in die geplante und systematisch vorbereitete Insolvenz geführt und dabei Gläubiger mit „Tabellenforderungen“ in Höhe von ca. 12,5 Mio Euro zurückgelassen (siehe Tabelle unten). Da einige Gläubiger ihre Forderungen nicht angemeldet haben, dürfte der reale Schaden weit darüber liegen. Hinter diesen (mindestens) „12,5 Mio Euro“ unbezahlter Rechnungen verbergen sich zum Teil sehr tragische Einzel-Schicksale. Um es anders auszudrücken: Peter hat Mitarbeiter und Unternehmen für sich arbeiten lassen, wissend, dass er sie nicht bezahlen können wird. Das traf Kollegen, Mitarbeiter und Partnerfirmen, von denen einige für Peter und die „Apassionata“ sogar in Vorleistung gegangen waren bzw. investiert hatten, weil Peter – darin unterstützt von seinem künstlerischen Direktor und Executive Producer Holger Ehlers – ihnen eine langjährige erfolgreiche gemeinsame Zukunft versprochen hatte – und sie ihm glaubten. Peter beanspruchte also ihre Leistungen, ohne sie zu entlohnen und betrog sie:

– den Caterer, der dafür sorgte, dass während, vor und nach den Shows alle 100 Apassionata-Tour-Mitarbeiter zu essen und zu trinken hatten,
– die Spediteure, die Woche um Woche die Technik und die Pferde transportierten,
– die Videofirma, die die Animation für den Werbetrailer hergestellt hatte,
– die Autorin, die u.a. die Texte für „Der magische Traum“ mit verfasst hatte, die allabendlich während der Shows zu hören waren,
– die Pferdefachfrau, die verantwortlich war für das Wohlergehen der Pferde, monatelang ohne Gehalt blieb und dieses letztendlich niemals erhielt,
– den Produktionsleiter, ohne den die gesamte Produktion nicht funktioniert hätte,
– die Technikdienstleister, die den Sound, das Licht und das Videoequipment für alle Shows zur Verfügung stellten,
– den Hotelier, der für die Übernachtung und das Frühstück während der Proben und der Premiere sorgte,
– die Filmproduktionsfirma, die den Trailer produzierte, damit die Shows überhaupt beworben werden konnten,
– den Bühnenbauer, der Equipment für die Show „Der magische Traum“ geliefert hatte,
– den Kameramann und Cutter, der dafür sorgte, dass mehrere Werbetrailer die Menschen zum Kaufen von Tickets animierten,
– viele Partner und Mitarbeiter der SenseUp GmbH, die die Ursprungs-Show „Der Traum“ auf die Beine gestellt, dafür hart gearbeitet und zum Teil in diese Show investiert hatten etc. etc.

Immerhin: ohne diese Menschen – viele kenne ich persönlich aus meiner langjährigen Arbeit bei der „Apassionata“ –, hätte es keine Show „Der Traum“ (2017/18) bzw. „Der magische Traum“ (2018/19) gegeben. Und keinen 6-Millionen-Deal mit den Chinesen für Peter Massine, und keine hunderttausende von Euro für seinen künstlerischen Direktor Holger Ehlers, dessen Ehefrau Katrin Ehlers oder seinen Finanzberater Jens Grimm. Das sind einige der Ausnahme-Personen, die Peter bevorzugt (auf Kosten vieler anderer Gläubiger) für ihre Dienste „entlohnte“ – direkt und/bzw. über die neu gegründete Firma Mondwind Entertainment GmbH. Das jedoch erfuhren wir erst Monate später, als das Kind bereits sehr tief in den Brunnen gefallen war, als die Insolvenzverwalter – zusammen mit den Gläubigern – den Geldflüssen folgten, wobei immer mehr Fakten ans Tageslicht kamen.  

1 Apassionata: 15 Firmen, 4 Länder

Meine journalistische Recherche führte mich zunächst einmal zu folgenden insolventen Gesellschaften von Peter Massine:

Apassionata Firmen von Peter Massine

Nach weiteren Nachforschungen offenbarte sich uns folgendes Bild: Peter Massine hatte mit einem ab irgendwann recht verzweigten und sehr undurchsichtigen Firmengeflecht in Deutschland, Österreich und auf Malta die Apassionata-Show produziert und vermarktet.

Viele seiner Firmen wurden in schneller Folge gegründet, umfirmiert, verschmolzen und später in die Insolvenz geführt. Diese verwirrende Anzahl von Unternehmen, aber auch der Umstand, dass von Peter Massine zwischen diesen Firmen systematisch sehr viel hin und her geschoben wurde (Rechte, Lizenzen, Anlagevermögen, Verbindlichkeiten, Darlehen etc.) dienten von Anfang an dem Ziel, Insolvenz- und andere Straftaten zu verschleiern.

Im Nachhinein wurde deutlich, warum Peter über 15 Firmen in mehreren Ländern „brauchte“, um eine finanziell und organisatorisch überschaubare Show wie die „Apassionata“ zu produzieren. Letztendlich überblickte keiner mehr,  welche Lizenz- und Marken-Rechte, Anlagevermögen, Verbindlichkeiten, Darlehen etc. von welcher in welche seiner zahlreichen Firmen verschoben worden waren.

Im Vertrag mit seinem chinesischen Ex-Partner Hongkun vom 1.3.2019 mussten aus diesem Grund (fast) ALLE Gesellschaften von Peter für die Übertragung der Apassionata-Rechte an Hongkun garantieren, die da waren: Massine Group GmbH, Holt GmbH, Apassionata Massine GmbH, Apassionata München GmbH, St. George Edition Limited, SenseUp Entertainment GmbH, FUTURECOM Rental Service GmbH, Bright Stone Holding Limited, Tyrell Corporation Limited, APASSIONATA Productions GmbH, Davinci Publishing Limited, Bel-Brand Entertainment Ltd. sowie Peter und Karen Massine Stiftung.

Die meisten der oben aufgeführten Massine-Firmen hatten als einziges Asset die Pferdeshow „Apassionata“. Der gesamte Umsatz und die einzige Einnahme all dieser Unternehmen speisten sich aus der jährlich neu produzierten und vermarkteten Apassionata-Show. Die Schaffung dieses verwirrenden Firmengeflechts hatte also offensichtlich einzig das Ziel, kriminelle Handlungen zu ermöglichen und zu kaschieren, Partner zu betrügen und eine Verfolgung durch staatliche Behörden zu verhindern bzw. diese so schwierig wie möglich zu machen. Bei der völlig überlasteten und überforderten deutschen Justiz – vor allem in Berlin – schafft Peter es vielleicht sogar, weiterhin ungestraft davonzukommen, trotz mehrer Strafanzeigen, Klagen, Titel und eines Haftbefehls. Aber auch hier verhält es sich genauso klischeehaft, wie in all diesen und ähnlichen Betrugsfällen: Peter ist – kurz vor seinen vielen Insolvenzanmeldungen – offiziell mit seiner Familie nach Bali umgezogen. Er lebt wohl weiterhin in Berlin, aber die deutsche Polizei weiß nicht, wo sie ihn verhaften soll. Sie hat nur seine Wohnadresse auf Bali.

Über Riesa hängen dunkle Wolken. Bei Gewitter zuckt erst der Blitz, und darauf folgt der Donner. Diese Apassionata-Geschichte hat etwas von einem Wetterphänomen. Auch die Premiere der Apassionata-Show „Der Traum“ fand damals im Oktober 2017 statt, als passiere das in Synchronität mit den Vorboten des Orkans, der damals Deutschlands Topoi aufscheuchte. Eigentlich hätte man wissen können, dass „sowas“ kommt, aber dass es tatsächlich kam … Wer hatte mit dieser großartigen Show damals wirklich gerechnet? Und wer hatte mit diesem Ende der Apassionata gerechnet?

25.10.2019, Apassionata Melancholia

Dürers Melancholia ist hier vor Ort nicht melancholisch. Sie hat sich das Schneiderinnen-Bandmaß als befriedete Schlange umgelegt. Melancholia hat ehrlichen Schlamm an den Schuhen, sie hat ehrliche Fusseln am Kleide. Duftendes Wiesengras, Brombeerblätter und Hagebuttenschalen hat sie geatmet.  „Wir müssen dankbar sein“, höre ich mich sagen. Ohhhhmmmmmm … Die unmelancholische Melancholia senkt und hebt das Haupt, sie dankt den Wassern und Waschmaschinen. Sie dankt den Nadeln und Nähmaschinen. Es glitzert. Es blinkt. Es öffnen und schließen sich die Tore der Tage. Der Herbst in Riesa ist bunt.

„Apassionata“ war für mich seit 2013 vor allem als Künstler interessant – sie war gewissermaßen ein artifizielles Experimentierfeld, und ich verwirklichte durch meine künstlerische Mitarbeit an dieser Show-Produktion einige für mich wichtige Ideen und Konzepte. Man kann das sowohl auf diesem Asti-Blog als auch auf meinem Asteris-Kutulas-Vimeo-Kanal zwischen 2013 und 2019 in vielen diesbezüglichen Texten und in meinen 25 Video Blinks sehr gut nachverfolgen. Diesen künstlerischen Prozess habe ich über mehrere Jahre tagebuchartig begleitet und darüber hinaus auch mehrere programmatische Texte geschrieben. Die Apassionata-Show war für mich als Dramaturg in diesen etwa 6 Jahren ein wunderbares und mich sehr inspirierendes Konzeptkunst-Projekt, das ich nicht missen möchte. Schade, dass Gier, Megalomanie, Hybris und Charakterlosigkeit meine zwei alten Freunde Peter und Holger in den Sumpf der Lüge und des Betrugs getrieben haben.

Peter & Holger, kollusiv

Bereits seit Anfang 2017 hatte ich kaum noch Kontakt zu Peter Massine. Im ganzen turbulenten Jahr 2018 begegnete ich ihm nur vier- oder fünfmal. Immer, wenn ich ihn traf, hatte ich das Gefühl, mit einem Menschen zu sprechen, der jegliche Beziehung zur Realität verloren hatte und in einer Blase voller Illusionen lebte. Ich ging auch nie ins Apassionata-Büro in der Kantstraße, sondern kommunizierte – als Dramaturg der Show – nur mit Holger Ehlers, dem künstlerischen Direktor der „Apassionata“. Mit Holger war ich damals sogar befreundet, zumindest glaubte ich, dass uns eine Freundschaft verband – meinerseits ein großer Irrtum, was sich viel später herausstellte.

Weil Peter seit Mitte 2017 in den Augen der meisten Apassionata-Partner und -Mitarbeiter total „verbrannt“ war, nahm Holger immer mehr die Position eines Executive Producers ein. Holger verhandelte mit Mitarbeitern, fällte teilweise Personalentscheidungen und war aktiv an Budget-Gesprächen und auch an der Aufstellung von Zahlplänen beteiligt. Holger war vor allem seit Oktober 2018 emsig darum bemüht, dass die Show weiterlief, obwohl die Apassionata GmbH und die SenseUp GmbH längst längst pleite waren.

Als Insider wusste Holger besser als jeder andere spätestens seit diesem Zeitpunkt, also seit Oktober 2018, um den finanziell desaströsen Zustand der Apassionata, sorgte aber mit zuversichtlich stimmenden Sätzen, Durchhalteparolen und immer neuen „Geldeingangsszenarien“ dafür, dass das Ganze bis Ende April 2019 weiterlief, bei allen die Hoffnung erweckend, dass sie ihr Geld irgendwann mal bekommen. Holger war damals für die meisten Apassionata-Mitarbeiter noch glaubwürdig, weil er fast täglich betonte, dass er selbst der finanziell am meisten Geschädigte sei und von Peter, den er sehr oft deswegen beschimpfte, nicht bezahlt würde. Inzwischen wissen wir aus den uns vorliegenden Unterlagen, dass Holger in den letzten Monaten der „Apassionata“, und zwar bis kurz vor deren Insolvenz, Hunderttausende Euro verdiente – von Peter Massine überwiesen sowie durch rechtswidrige Rechteübertragung ermöglicht. Was für eine Geschichte! Voller Gier, Hybris, Megalomanie und trauriger Pferde. Denn, wie sagte mir eine Pferdeflüsterin: „Pferde lügen nicht“! Menschen schon. 

Zahlungsunfähig … das Ende naht auf leisen Sohlen

Für mich persönlich stand seit Anfang Oktober 2018 die Zahlungsunfähigkeit der Apassionata GmbH zweifellos fest, und zwar ab dem Augenblick, als ich von Holger erfuhr, dass Live Nation die 200.000 Euro Produktionsgelder pro Stadt nicht direkt an die Mitarbeiter und die Dienstleister von „Apassionata“, sondern an Peter auszahlen würde. Als im Oktober 2018 die ersten 200.000 Euro dann tatsächlich statt an die Mitarbeiter rechtswidrig an Peters Rechtsanwalt gingen, viele Dienstleister nicht bezahlt wurden und eine „Erklärung“ von Holger die andere jagte, war uns allen klar, dass Peter seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen würde – weder gegenüber den Gläubigern der Apassionata GmbH noch denen der SenseUp GmbH, die am selben Tropf hingen. 

Es war einfache Mathematik: Die Premieren-Produktion im Oktober 2018 in Riesa konnte nur zum Teil bezahlt werden und viele Rechnungen blieben offen – laut Peter entstand durch Riesa ein Verlust von 200.000 Euro, aber auch das gesamte Geld für die erste Tourstadt (Stuttgart) Ende Dezember 2018, also weitere 200.000 Euro, waren weg, weil sie, wie oben beschrieben, an Peters Anwalt überwiesen worden waren. Die Tour ging also mit einem Minus von insgesamt 400.000 Euro los, plus die ca. 1,4 Mio Schulden von der SenseUp GmbH, die die „Apassionata“ übernommen hatte, also insgesamt ein Defizit von 1,8 Mio Euro im Oktober 2018. Es handelte sich um eine Art „Schneeballsystem“, das bereits ein halbes Jahr später – allein für die beiden Produktionsfirmen Apassionata GmbH und SenseUp GmbH – einen Schuldenberg von über 4 Mio ergab.  (Siehe Insolvenztabelle weiter oben.)

Jens Grimm, der persönliche Finanzberater von Peter Massine, beschrieb die desaströse finanzielle Situation der Apassionata Mitte Dezember 2018 in einer dramatischen E-Mail an Peter Massine, die mir von Holger Ehlers weitergeleitet wurde, wie folgt: „Es ist schön, dass es Euch auf Bali so gut geht … Leider schlägt das hier extrem sauer bei den Reitern, der Crew und vielen Dienstleistern auf. Es verbreitet sich ein Wahnsinns Shittstorm … Die Leute kämpfen hier ums Überleben und stehen teilweise kurz vor der Pleite …“ Das schrieb er wohlgemerkt am 20.12.2019, also eine Woche vor dem Tour-Start mit Live Nation. Apassionata war da schon längst pleite.

Hinzu kam, dass keine Bank oder irgendeine Institution in Deutschland einem Bankrotteur wie Peter, der zudem damals in fast 100 gerichtliche Auseinandersetzungen verwickelt war, auch nur einen Cent Kredit geben würde bzw. durfte. Jens Grimm kannte sicherlich als Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, der sich mit diversen Finanzierungskonzepten für Apassionata seit Anfang 2018 beschäftigt hatte, die Creditreform-Auskunft über Peter Massine, der sich schon lange in der höchsten Risikoklasse 6 befand: „Kredite und Geschäftsverbindung werden abgelehnt.“

Ab Oktober 2018 ging es offensichtlich im Großen und Ganzen nur noch darum, wie jeder einzelne – zum Teil aus purer Verzweiflung und Not – sein Geld oder einen Teil davon oder einen Teil der Apassionata bzw. einen Anteil an der Marke erhalten könnte – im vollen Bewusstsein bzgl. der Zahlungsunfähigkeit sowohl der SenseUp GmbH als auch der Apassionata GmbH. Es war ein Trauerspiel mit vielen Opfern.

Peter, Holger … und das Grand Finale

Holger Ehlers, Jens Grimm und mir kam es ab diesem Zeitpunkt darauf an – so dachte ich (irrtümlicherweise) jedenfalls –, auf der Basis unseres profunden Apassionata-Know-Hows in Zukunft weiterhin Show-Produktionen ohne Peter Massine zu produzieren. Dafür arbeitete ich zusammen mit den beiden und vielen anderen bis zum Juni 2019. Ich sah es ohnehin so, dass die Apassionata-Show de facto nicht mehr Peter Massine gehörte, sondern den Gläubigern, die diese Show produziert und zum Teil finanziert hatten, aber dafür nicht bezahlt worden waren.

Doch Peter verfolgte ab Oktober 2018 offensichtlich nur ein Ziel: sich durch ein Geheim-Abkommen mit den „Chinesen“ einen 6-Millionen-Deal zu sichern. Und Holger seinerseits interessierte seit Anfang 2019 einzig und allein, wie er vom Ende der Apassionata profitieren könnte. Und wie er (zusammen mit seiner Ehefrau Katrin und mit Jens Grimm) auf Kosten vieler Mitarbeiter und Partner u.a. durch den Verkauf der Apassionata-Show „Der magische Traum“ nach Saudi-Arabien im Mai/Juni 2019 einen Gewinn von fast einer Million Euro realisieren konnte. 

Holger Ehlers war in diesem Augenblick der Einzige, der, im Wissen um Peter Massines Zahlungsunfähigkeit und Betrugsmasche, die Tour bis zum bitteren Ende „durchziehen“ konnte – mit einkalkulierten Gläubiger-Opfern auf der einen Seite und mit einem riesengroßen Gewinn für sich. Und er tat es – indem er dafür sorgte, dass Peter seinen 6-Millionen-Deal abschliessen konnte. Die eine Hand wusch die andere.

… Where did the love go?

So wurde für viele Mitarbeiter und Partner aus dem „magischen Traum Apassionata“, das jahrelang Kinderaugen erstrahlen ließ, ein wahrer Alptraum. Eine Apassionata-Reiterin fasste das Ende der „Apassionata“ wie folgt zusammen: „Years of hard work gone … lives destroyed, a lot of tears shed, total chaos and people doing things you wouldn’t believe. And all of this for money and power. Where did the soul go? Where did the love go? Where has the family feeling gone? I only know it did not go with the founder of Apassionata … He should be ashamed of his greediness. One thing I have learned, I saw the real face of a lot of people, and it wasn’t a pretty one.“

26.10.2019, (Keine) Apassionata Premiere

(Veröffentlichung folgt bald.)

Der Wind steht gut. Das Licht ist stark. Der Klang keine Sache für sich. Ein Reiter steht zwischen zwei Pferden, er legt seinen Mantel ab, er ruft einem anderen Reiter etwas zu und lässt aus dem Zurufen ein spanisches Lied werden. Die Tonmänner nehmen diesen Klang auf in die Werkzeugkiste in ihrem Brustkorb. Nichts kommt aus den Lautsprechern, das nicht gemacht wäre aus Pulsschlag, Gedankenkraft und nachhallender Stille. Aber in diesem Jahr heißt das Spektakel hier nicht mehr Apassionata, sondern Cavalluna. Alles ist gleich, und alles ist anders.

27.10.2019, Apassionata-Postscriptum

(Veröffentlichung folgt bald.)

Dunkle Wolken wollen es regnen lassen, draußen, auf die Halle und auf die dunkle Erde, die gesund ist, wie man sich in Riesa sagt. Tiefe Schatten ändern die Farbe der Welt, drinnen. Eine Stimme ruft: „Dancers … On your position … Boys … from the beginning … Music please …“ Auch an diesem Sonntag gibt es ein Tagesziel. Wenn die Nacht kommt, glänzt das Fell der Pferde wie Seide. An einem einzigen seidenen Faden hängt nichts bei Apassionata|Cavalluna. Der Montag kommt.

© Asteris Kutulas

Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 1 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 2 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 3 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 4 | Das Ende (Oktober 2019)

Meine Apassionata-Story, Teil 3 (Riesa-Tagebuch 2018)

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 20. Oktober

Apassionata Pferdeshow Produktion „Der magische Traum“

Mittags: Pferde lügen nicht

Die Welt der Pferde und der Reiter ist eine ganz eigene, mir bis heute fremd gebliebene Welt, obwohl ich seit zehn Jahren mit der Apassionata beruflich so sehr verbunden bin. Kerstin Brein zum Beispiel war in meiner Vorstellung immer unsere „Pferdeflüsterin“ – bis zum heutigen Tag jedenfalls. Als ich Kerstin beim Mittagessen fragte, wie sie das macht mit dem „Flüstern“, bekam ich die für mich erstaunliche Antwort: „Wieso … Ich sage nichts zu den Pferden. Ich flüstere ihnen auch nicht zu. Ich höre sie nur.“ Die „Pferdeflüsterin“, die also gar keine ist, sagte das mit so einer mich verblüffenden Selbstverständlichkeit, dass ich gleich noch mal nachfragen musste: „Und wie kommunizierst du mit ihnen?“ Jetzt schaute mich Kerstin sehr verständnisvoll an, als würde sie gleich beruhigend meine Hand in ihre Hände nehmen. Dann erklärte sie mir: „Wenn ich zum Beispiel ein Pferd auffordere, nach vorn zu gehen, höre ich es sofort antworten. Zum Beispiel: Also jetzt hab ich gar keine Lust dazu! Oder das Pferd sagt zu mir: Endlich geht es los! Oder: Kannst du mich das vielleicht in fünf Minuten nochmal fragen? … Ich höre das einfach.“
Ich konnte mir die Frage nicht verkneifen: „Du verstehst die Pferde, als wären sie Menschen?“ – „Weißt du“, erwiderte Kerstin, „Menschen sind meistens skrupellos, aber Pferde lügen nie.“
Ich zeigte auf eines ihrer Pferde: „Was sagt dir der da?“ – „Ach, der Schimmel steigt sehr gern während der Show. Er liebt das!“ – „Und der da?“, wollte ich wissen. „Das Pony? Na ja, das Pony ist gerade unzufrieden mit seiner Situation und sagt zu mir: Das ist nicht mein Ding! Also lass ich es in Ruhe und frage es morgen noch mal …“ – „Und was ist mit dem da?“ Kerstin lächelte: „Der Fuchs verbeugt sich super und möchte das immer wieder tun.“ – „Und sie?“ – „Die Stute mag ihre Kollegen gerade nicht und beschwert sich bei mir über sie.“ Eine Frage musste ich noch loswerden: „Gibt es zwischen dir und den Pferden Reibereien?“ Und Kerstin antwortete mir geradeheraus: „Asteris, weißt du, was bei den Pferden so toll ist? Sie lügen nicht, und sie sind auch überhaupt nicht nachtragend. Auch untereinander nicht.“

„Hans, das Pferd“ schaute kurz zur Tür herein, durch die man aus dem Hof in’s Catering kommt, schüttelte wie besessen seine Mähne und trabte dann davon, völlig uninteressiert an unserem Gespräch.

Nachmittags: Das „Game of Thrones“ der Apassionata Pferdeshow

2009 war ich zum ersten Mal mit Apassionata in Riesa. Dieses Jahr bin ich zum zehnten Mal hier. Zehn Premieren habe ich bereits in Riesa erlebt. Eine Art Jubiläum. Heute gab es während einer nachmittäglichen Kaffeepause mit langjährigen Apa-Weggefährten eine Unterhaltung über diese letzten zehn Jahre. In der Runde auch mehrere Reiter und Klaus, ein Freund, den ich schon seit 1999, also seit meiner frühen Gert-Hof-Zeit kenne. Klaus ist Produktionschef bei einem großen Veranstaltungsbüro.

„Erinnerst du dich noch … 2009 …?“, fragte mich eine Reiterin. „Was war das damals für eine Zäsur für die Apassionata! Genau wie heute.“ Ich sah die Situation noch vor mir und stimmte ihr zu: „Ja. 2009 … Das war – nach dem Gert-Hof-Desaster im Jahr davor und erstmals mit Holger Ehlers als angehender Kreativ-Direktor – so etwas wie ein Neubeginn. Jetzt, 2018, ist die Apassionata-Show für mich noch mal eine „Wiedergeburt“, ein „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“. Vor allem wegen der Zusammenarbeit mit Live Nation.“ Klaus warf ein: „Ich jedenfalls hatte Peter Massine schon ganz ohne Chance gegen den mächtigen chinesischen Investor Hongkun gesehen. Ich habe ja gewettet, dass Peter Massine dieses „Spiel“ verliert …“ Ich meinte: „Noch ist nichts endgültig entschieden in diesem Game-of-Thrones-Kampf zwischen Massine und den Chinesen. 15 Jahre war die Apassionata eine feste Größe des europäischen Family-Entertainments. Inzwischen sehe ich nur noch ein verwüstetes Schlachtfeld, auf dem weiterhin der Krieg tobt, mit unsicherem Ausgang. Denn es gibt jetzt neben der Apassionata eine weitere Pferdeshow, die der Chinesen, die verkündet, die neue bzw. die eigentliche Apassionata zu sein …“ Die Reiterin warf ein: „Ja, hier Holger Ehlers’ Apassionata-Original und zur selben Zeit der Apassionata-Abklatsch, wo versucht wird, die Original-Apassionata nachzuahmen …“ – „Weißt du“, unterbrach ich sie, „jede der beiden Seiten hat „ihre“ Geschichte zu erzählen. Aber machen wir uns nichts vor … Es ging und es geht bei diesem Apassionata-Krieg nur um’s Geld. Um nichts anderes.“

Filmdrehbuch zur Apassionata Pferdeshow

Mir wurde plötzlich klar, dass ich für mich einen Filmstoff entdeckt hatte. Ich schaute meine Kollegen rings am Kaffeetisch einen nach dem anderen an, um gleich darauf auszuholen: „Diese Story würde ich für ein Film-Drehbuch so auf den Punkt bringen: Der Apassionata-Krieg. Titel: Menschen sind skrupellos & Pferde lügen nicht. Oder sowas in der Art.“
Ich begann, ein imaginäres Drehbuch zusammenzuspinnen: „Story: Geschasster Bankier will eine Menge Geld verdienen und sucht eine neue Kuh, die er melken kann. Er findet einen alten Freund wie z.B. Peter Massine als neuen Arbeitgeber und nimmt ihn aus. Dann verwickelt geschasster Bankier seinen nächsten Arbeitgeber, z.B. eine chinesische Firma, und Peter Massine in einen Krieg um die Apassionata. Geschasster Bankier zieht dabei die Fäden. Devise: Möge dieser Krieg lange dauern! Denn solange dieser Krieg dauert, der beide Seiten Millionen kostet, verdienen einst geschasster Bankier und seine Anwälte Geld. Die ganze Zeit. Immer mehr … Dazu noch ein bisschen Sex und Crime. Fertig ist der Plot für einen RTL-Wirtschaftskrimi!“ Klaus war sichtlich nervös und platzte heraus: „Aber, sag mal Asteris, das klingt ja so, als würden alle Arbeitgeber des geschassten Bankers verlieren und geschasster Banker als Einziger gewinnen.“ – „Na ja“, meinte die Reiterin, „die Bank gewinnt doch immer.“ 

Ich entwickelte meine Film-Idee surrealistisch weiter: „Reiterinnen und Reiter in Aufruhr, Mobbing, Pferde gehen durch, Unfälle, vielleicht auch ein Mord, Hacking, Show 1 gegen Show 2, diese Stadt, jene Stadt, das Publikum, ein Kind geht verloren, Esel vergiftet, Technik fällt aus, jemand hat versucht, die Kabel durchzuschneiden, Treppensturz eines Hallenwarts, Caterer verschwindet, an Halloween Chaos in der Kostümschneiderei, Beziehungskrise, Plakate werden zu Hunderten falschrum geklebt oder überklebt, diese Halle, jene Halle, diese Villa, jene Villa, ein Garten, Feuer in der Garderobe, Ticket-Klau, Anschlag auf das Heizkraftwerk, Börse, Aktien, Flughafen in Peking, Flughafen in Deutschland, die Chinesische Mauer, Justiz, Tänzer festgeklebt, Pferde gestohlen oder todkrank, Truck umgekippt, das Pony, der Fuchs, der Schimmel, die Friesen, Koch in Nöten, Heißwasserboiler explodiert, Screen fällt aus, Musik fällt aus, Gras und andere Drogen, Mephisto zu Besuch, Holger Ehlers mit Akkordeon, in der anderen Show einer mit Akkordeon …“ Ich war selbst amüsiert ob meiner Assoziationen: „Der Stoff taugt definitiv für eine Fernsehserie!“

Peter, die „Chinesen“ & die Apassionata Pferdeshow

„Mal im Ernst …“, Klaus unterbrach meinen Redeschwall: „Innerhalb von nur zwei Jahren verliert Massine seine Firma „Apassionata World GmbH“ und das Apa-Park-Projekt in München an die Chinesen, seine Marke „Apassionata“ wird von Thomas Bone-Winkel und die Chinesen durch etliche Gerichtsprozesse in Frage gestellt, Massine selbst ist „bankrott“ und hoch verschuldet, hat immense Anwaltskosten und keinen Plan.“ Damit hatte mich Klaus aus meiner Film-Vision gerissen und zurück in die Realität geholt. Er fuhr fort: „Ist doch Wahnsinn! Alles aus dem Ruder gelaufen … Alles.“ Klaus fasste sich an den Kopf. Ich gab ihm Recht: „Massine hat alles verloren, die chinesische Seite steht aber irgendwie auch mit leeren Händen da, weil nichts mehr richtig läuft. Das Park-Projekt … nach meinen Informationen: der absolute Flop. Und die Haupt-Verantwortung für diesen ganzen Schlamassel liegt bei Peter Massine selbst. Denn der hat das alles zugelassen und ab irgendeinem Punkt die Kontrolle verloren und nicht mehr in den Griff gekriegt.“ Klaus bestätigte: „So wird das jedenfalls schon einige Zeit in diversen Veranstalter- und Insider-Kreisen gesehen und kolportiert. Aber, wie gesagt … Die „Show“ geht weiter, und in der Sache, denke ich, ist noch nichts endgültig entschieden.“ Eine Selters kippte um, das Wasser ergoss sich zischend. Woppi bellte. Eine Tänzerin und ein Reiter überprüften weiter hinten den Sitz ihrer Kostüme mit skeptischer Miene. Dann machten sie zufriedene Gesichter. Orangen, Papaya, Lotosfrüchte wurden gebracht und der Serviettenspender aufgefüllt.

„Wahrscheinlich nicht“, meinte ich. „Ob man irgendwann in fünf Jahren von einer never ending story sprechen wird … Keine Ahnung. Allerdings hat mich von Anfang an mit am meisten interessiert, wie sich die großen deutschen Veranstalter bei diesem Machtkampf positionieren würden. Vor allem, ob die beiden Hauptakteure des deutschen Marktes, CTS Eventim und Live Nation, es zulassen, dass sich ein chinesischer Großkonzern  durch die feindliche Übernahme der Apassionata auf ihrem Markt etabliert. Live Nation, immerhin der weltweit größte Veranstalter, hat sich entschieden, auch Massines Apassionata zu vermarkten, und CTS Eventim, immerhin der größte Ticketer Europas, macht dafür den Kartenverkauf.“ Klaus wiegte seinen Kopf hin und her: „Na, mal sehen, wer diesen Krieg letztendlich gewinnt. Massine oder der chinesische Konzern …“ – „Mein Gott, ist das spannend! Im Grunde ist Massine quasi raus aus dieser Sache – er spielt kaum noch eine Rolle, denn er hat die Apassionata-Lizenz-Rechte für einige Jahre an Live Nation verkauft. Wir werden wohl noch einiges erleben. Also für den Film stell ich mir das so vor: Da …“
Ich wollte ausholen, denn der Drehbuchschreiber in mir hatte Blut geleckt, und ich wollte meine Filmidee weiter ausbauen. Aber wir mussten das Gespräch über diese abenteuerliche Causa beenden … Die Probe ging weiter, alle brachen auf zur Arena, und auch „Hans, das Pferd“ kam angetrabt. Woppi bellte und wedelte mit dem Schwanz.

Abends: Die Dramaturgie der Melancholie

Die Probe ist vorbei, tiefe Stille im Hotelzimmer, langsam komme ich zu mir. Probenzeit ist Adrenalin-Zeit. Alles in der Show muss ineinandergreifen, alles muss sich „vollenden“. Außerdem ist es die Zeit, in der die Nerven blank liegen, die Zeit der Gefühlsaufwallungen und Krisen. 100 Menschen stehen unter Druck, viele haben Stress, manche kommen klar mit der Situation, andere nicht. Es ist wichtig zu vermitteln, zu beruhigen, Mut zu machen und zuversichtlich zu sein. „Alles wird gut.“

Meine Video Blinks zur Apassionata Pferdeshow

Für mich persönlich sind die Probentage in Riesa eine schöpferisch sehr konstruktive Zeit. Seit fünf Jahren produziere ich – neben der Probenarbeit und wenn ich Zeit habe – meine „Video-Blinks“. Das ist ein Konzeptkunst-Projekt, eine Art Video-Tagebuch – mein subjektiver Blick auf Details der Show, die für mich besonders emotional, besonders spannend, besonders künstlerisch und besonders „schön“ sind. Ich „erschaffe“ mir meine Ideal-Show in kleinen kaleidoskopartigen „Schnipseln“, die später zu einer Collage in einer Ausstellung zusammengefügt werden sollen. Für mich ist jeder Video-Blink wie der Vers eines Gedichts – ein Gedicht voller Melancholie … und darum voller Freude, Stärke, Sehnsucht und Dynamik.

Die Video-Blinks offenbaren, wie ich als Dramaturg die Apassionata-Show seit fünf Jahren sehe, also seit wir sie – meiner Meinung nach – zu einem eigenständigen „Genre“ gemacht haben.

Dramaturgie bei der Apassionata Pferdeshow

Meine Aufgabe als Dramaturg bestand darin, als Sparring-Partner den künstlerischen Direktor Holger Ehlers jedes Jahr auf’s Neue auf dem Weg zur jeweils neuen Show zu begleiten und ihn beim intensiven, monatelangen, schöpferischen Prozess zu unterstützen. Ich brachte mich in die kreativen Auseinandersetzungen ein, die nötig wurden, um den Video-Content „filmischer“ und interaktiver zu machen. Es war mir wichtig, Holger in seiner Überzeugung zu unterstützen, nach der die Reiter als „Darsteller“ gesehen werden mussten. Mit den Jahren wurde die Arbeit an deren Körperhaltung und an ihrem Gesichtsausdruck immer intensiver, das Licht wurde emotionaler und „bühnen-gemäßer“ eingesetzt, dem Tanz, also der Choreographie, wurde eine immer wichtigere Rolle zugewiesen und der von Holger entwickelten Storyline eine immer größere Tiefe gegeben, das ging sogar bis zum Einsatz recht anspruchsvoller literarischer Texte, die spezifisch für unsere Show und unser Publikum entwickelt und geschrieben wurden und die Holgers Ästhetik folgten. Hier ein Auszug aus dem zentralen Gedicht der Show, geschrieben von Ina Kutulas:

… Ich träum, wie die Welt das Leben erträumt
Ich weiß von der Liebe, denn ich weiß von den Bäumen
Lass mich mit dir vom Erblühen träumen
Es ist keinen Tag für das Leben zu spät
Ich weiß von den Bäumen: Jeder Winter geht
gibt die Erde ihr Schwarz den Lichtstrahlen preis
Ich sag dir, was ich vom Leben weiß
Liebe – ein Wort, und es bricht dunkles Eis.

Was den TANZ anbelangt, sind wir so weit gegangen, dass wir ab 2017 mit Katherina Markowskaja und Maxim Chashchegorov zwei Solisten von Weltrang engagierten, die vom Bayerischen Staatsballett kamen, und erstmalig setzten wir einen „Tanzboden“ ein, um diesen Höhepunkt der Tanzkunst in unserer Show zeigen zu können. Plötzlich war es möglich, dass in einer Arena auf Spitzen getanzt und sogar klassisches Ballett aufgeführt werden konnte. Eine kleine Sensation.

Strategie für eine Apassionata 2.0

Die strategische Frage, die Peter Massine mir 2009 gestellt hatte, und die ich damals als Berater beantworten musste, lautete: Jedes Jahr zeigen dieselben Pferde dieselben Dressuren, mit minimalen Variationen in der Darbietung. Wie können wir erreichen, dass die Menschen mehrmals zur Show kommen, ohne sich irgendwann fürchterlich zu langweilen? Und wie kann so eine Show auch für diejenigen zum Erlebnis werden, die keine Pferde- oder Tierliebhaber sind?

Ich entwickelte die Strategie für eine Apassionata 2.0 – also eine Show, die 1) für ein großes (nicht nur Pferde-affines) Publikum bestimmt war, die 2) zugleich immer auf der Höhe der Zeit sein sollte und die 3) so unikal sein musste, dass kein Konkurrent sie kopieren konnte. Nur dadurch konnte das Überleben der Apassionata langfristig gesichert werden. Der Kern dieser Strategie bestand darin, einen Künstler zu finden, der sie umsetzen und damit der Show seinen Stempel aufdrücken konnte, wie es Guy Laliberté mit dem Cirque du Soleil getan hatte.
Wie ich bereits in meinem vorherigen Tagebucheintrag schrieb, war dieser Künstler für mich Holger Ehlers, ein „Prol“ unter den Show-Machern, ein „Underdog der Szene“, ein authentischer, spontan-emotionaler Künstler, ein Naturtalent, der ein sehr feines Gespür für das Publikum hat.

Die Entscheidung für dieses Konzept mit Holger als Kreativ-Direktor, das ich Peter damals vorschlug und das er letztendlich mittrug, hatte zur Folge, dass Holger mit meiner Unterstützung die gesamte Show seit 2010 immer mehr auf Wirkung und auf Emotion hin ausrichtete. Dadurch wurde die Show im Laufe der letzten 10 Jahre im Hinblick auf die Publikumsresonanz immer erfolgreicher, und auch die Presse bewertete die Apassionata immer positiver. „Im Bann des Spiegels“, „Cinema of Dreams“ und „Der magische Traum“ waren die Höhepunkte. Holger hat – zusammen mit mir – sowohl die Vision dieses neuen Genre entwickelt als auch – vor allem durch die Kompositionen – das ganz spezifische „Apassionata-Feeling“ kreiert, das neben der Musik durch Holgers Bildwelt, seine Kostümvorgaben, sein Regiekonzept und seine Philosophie – die Pferde als „emotionale Props“ einzusetzen – definiert wird.

Wie ich bereits schrieb, bin ich davon überzeugt, dass wir ab etwa 2013 ein neues Genre kreiert haben, indem wir ein Gleichgewicht zwischen Mainstream und künstlerischem Anspruch herstellten, um unser Publikum zu erreichen, zu begeistern und die Besucherzahlen zu erhöhen. Uns ist das gelungen, weil wir schrittweise folgende Elemente der Show ausgebaut bzw. neu in die Show eingebracht haben:

1) eine sehr ausgefeilte, auf die Pferde und das Apassionata-Publikum abgestimmte Musik-Komposition von Holger Ehlers und seinenKomponisten-Kollegen 
2) eine dramaturgische Linie, die immer perfekter wurde und durch Straffung und Abwechslungsreichtum dazu angetan war, den Spannungsbogen zu halten und weiter zu erhöhen
3) Mix-Bilder unterschiedlicher Pferde-Rassen wurden generiert, die es bis dahin in noch keiner anderen Pferdeshow gegeben hatte
4) eigenständige, Show-affine Pferde-„Bilder“ wurden von uns entwickelt, die zuvor in keiner anderen Show zu sehen gewesen waren
5) ein immer „filmischerer“ Video-Content wurde kreiert, der immer „interaktiver“ und publikumswirksamer eingesetzt werden konnte
6) durch das Konzept für eine neue Licht-Ästhetik und einfache Innovationen im Bereich der Bühnenkonstruktion konnte die Arena-Bühne intimer und „theatralischer“ gestaltet werden
7) es erfolgte eine absolute Aufwertung der Tanzeinlagen und der Choreographie, die nicht Lückenfüller blieben, sondern die zu eigenständigen Show-Elementen wurden und seitdem sowohl als Solo-Nummern als auch in Korrespondenz mit den Pferde-Choreografien funktionieren etc. etc.

All diese Elemente, die heute Selbstverständlichkeit sind, mussten ab 2009 schrittweise und gegen große Widerstände des „Apassionata-Establishments“ durchgesetzt werden. Das hing u.a. damit zusammen, dass sowohl die Equipe-Chefs als auch die Apassionata-„Bürokratie“ (die noch unter dem Schock der Gert-Hof-Produktion von 2008 standen) keine Veränderungen wollten. Es gab 2009 noch etliche Dogmen: Wir hatten u.a. zu kämpfen mit erheblichen Restriktionen im Hinblick auf die Reiter-Kostüme. Es durfte während der Pferde-Auftritte kein bewegtes Licht in der Arena und überhaupt kein Licht auf dem Arena-Boden eingesetzt werden. Es gab keine Verschmelzung von Tanz- und Pferde-Nummern. Und wie lang eine jede Dressur-Nummer war, das lag im Ermessen des jeweiligen Reiters etc. etc. etc.

Die Equipen wurden hofiert und gehätschelt und eben nicht wie normale „Darsteller*innen“ behandelt, die den Regeln und Anforderungen des Kunstbetriebs zu folgen hatten. Bis 2009 (mit Ausnahme der Gert-Hof-Show) standen nicht die SHOW und auch nicht die PFERDE im Mittelpunkt , sondern die jeweiligen Equipe-Chefs mit ihren Traditionen und Befindlichkeiten. Zudem „gehörte“ die damalige Apassionata-Revue – durch die Aussparung bzw. Nivellierung des künstlerischen Elements – ALLEN, die „irgendwie“ mitmachten. Alle, vom Pförtner bis zum Buchhalter, durften ihre Meinung sagen und sich „einbringen“. Der Herrschaft des Mittel- und des Zehntel-Maßes war Tür und Tor geöffnet. Bekanntlich ist Kunst aber eine „diktatorische“ Angelegenheit. Oder um es anders auszudrücken: Kunst muss immer den Fingerabdruck eines Künstlers haben.

Zäsuren bei der Apassionata Pferdeshow

Gert Hofs Inszenierung von 2008 hatte das absolut, deshalb machten wir, was die künstlerische Seite anbelangte, enorm wichtige Erfahrungen. Aber Gerts Show scheiterte unter anderem an einem – damals scheinbar peripheren und deshalb von etlichen unterschätzten – Detail, das – von mir angeregt – Holger Ehlers zwei Jahre später grundsätzlich veränderte: Das Primat der Musik mit einer vom Autor und Komponisten der Show festgelegten Länge war 2008 noch nicht gegeben, so dass Gert seine Inszenierung dramaturgisch nicht wirklich hatte „planen“ und umsetzen können. Die Inszenierung war zu jener Zeit letztendlich noch immer der Willkür der variierenden Pferdenummern-Länge unterworfen.

2010 setzten wir mit Holger erstmals durch, dass die Show sekundengenau auf die vorgegebene Musik programmiert wurde, von Anfang bis Ende – und alle Equipen hatten sich daran zu halten. Das war die Revolution, unsere „kopernikanische Wende“, wie ich es nannte. Von da an konnte man die Show kontrollieren und dramaturgisch-künstlerisch ausgestalten, und erst ab da war es möglich, in „Bildern“ zu denken und wie auf einer Theater- oder Opernbühne zu inszenieren! Natürlich gibt es Riesenunterschiede zwischen einer Theaterbühne und einer Arena-Situation, wie man sie bei Apassionata hat. Trotzdem war es erforderlich, Bühnenästhetik-Erfahrungen zu nutzen, um ein neues Konzept für eine Apassionata zu entwickeln, von der sich nicht alsbald das Publikum verabschieden sollte, weil es schon x-mal das Gleiche gesehen hatte. Denn Apassionata war bis dahin eine einfache Pferde-Nummern-Show. Und Pferde-Nummern-Shows – das konnte nicht nur Apassionata.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich stehen die „Pferde“ weiterhin im Mittelpunkt der Apassionata. Allerdings überwiegt der „künstlerische Aspekt“ inzwischen sowohl akustisch als auch optisch und vor allem in der Gesamtwahrnehmung. Seit 2010 nutzt Holger das emotionale Element der „Melancholie“ – wie bereits Gert Hof 2008 – in seinen Inszenierungen und befreit dadurch die Pferde davon, „nur als Vorzeigeobjekte benutzt“ zu werden. Er bettet die Pferde-Dressuren ein in einen sie kontrapunktisch umhüllenden musikalischen Kontext, wobei die spezifische Ausgestaltung von Melodik, Harmonik und Rhythmus entscheidend ist.

Die Apassionata-Shows „Im Bann des Spiegels“, „Cinema of Dreams“ und „Der magische Traum“ sind – als Höhepunkte der oben beschriebenen Entwicklung – jede für sich einzigartig, jede ein künstlerischer Fingerabdruck des Autors und Regisseurs Holger Ehlers.

Nachts: Vision „Freiheit“

Es ist inzwischen spät in der Nacht. Ich erinnere mich an mein mittägliches Gespräch mit unserer „Pferdeflüsterin“ Kerstin Brein. Ihre letzte Frage an mich lautete: „Asteris, welche ist denn deine Vision von einer idealen Apassionata-Show?“ Worauf ich wie aus der Pistole geschossen antwortete: „Eine Show wie im „Theater“. Bestehend nur aus „Freiheits-Nummern“. Also eine Show nur mit „Pferdeflüsterern“ und ihren Pferden. Auch mit Trickreiten, Comedy-Nummern und sogar mit klassischen Dressuren – alles ohne Zaumzeug. Und vor allem nicht nur mit Pferden, die nicht lügen, sondern auch mit Menschen, die frei und nicht skrupellos sind.“ Kerstin wurde still und nachdenklich, und ich merkte ihr an, dass sie meinen Gedanken gut fand. Wir gingen lächelnd unserer Wege – sie zu ihren Pferden, ich zu meinem Laptop. Die Apassionata wie ein großes Gedicht. „Schreibe ich deinen Namen … „. Paul Éluard kam mir plötzlich in den Sinn. „Freiheit … “

© Asteris Kutulas
Riesa, 18.-20.10.2018

Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 1 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 2 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 3 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 4 | Das Ende (Oktober 2019)

Meine Apassionata-Story, Teil 2 (Riesa-Tagebuch 2018)

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 15. Oktober (im Morgengrauen)

Apassionata Pferde-Show Produktion „Der magische Traum“

Leo ist jung, cool, und er spricht sechs Sprachen. Im Gegensatz zu mir versteht er auch die Pferde. Leo ist der Stage-Manager und sowas wie der vibrierende Mittelpunkt unserer Mannschaft. Er macht das so locker, als würde er Samba tanzen, was damit zu tun haben könnte, dass seine Mutter Brasilianerin ist. Leo schaut immer ernst drein; immerhin hat er in bestimmten Augenblicken auch die größte Verantwortung für die gesamte Produktion der Show. Wenn er „Go!“ sagt, dann bewegt sich die Show-Maschinerie: Das Licht geht an, die Tänzer pirouieren herein, die Pferde im Trab, die Tore öffnen und schließen sich, und natürlich beginnt die Musik „bei Null“. Das alles durch Leos „Go!“ Wir hängen an seinen Lippen. Und Leo hängt an den Lippen von Holger Ehlers, unserem Kreativdirektor, der ganz lässig in seinem Drehstuhl sitzt und (meistens) wohlwollend nach links und rechts schaut. Ein Nicken zu Leo, der haucht in’s Mikro: „Go!“ Sofort Magie: Die Apassionata Pferde-Show.

Holger hat alles im Kopf … und dazu das, was man einfach „Bauchgefühl“ nennt. Jedenfalls möchte ich nicht in Holgers Haut stecken. Immerzu diese Verantwortung. Damit am Schluss ALLES stimmt, damit alles zusammenkommt, alles ein harmonisches Ganzes ergibt, dass es ein Gesamtkunstwerk wird, dass Hunderttausende Zuschauer live und Millionen international durch TV- und Internet-Beiträge berührt werden und dass nicht wenige Menschen sogar begeistert sind. Das immer wieder erreichen zu müssen und zu wollen (!), ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Es ist allerdings auch eine Bürde. Eine Last, die man schultern und in’s Ziel bringen muss. Es bedeutet immer ein hohes Risiko. Der Künstler hat keine andere Wahl, als dieses Risiko einzugehen, diese Aufgabe anzunehmen und den Weg vom Beginn eines Projekts bis zum Schluss durchzustehen. Einige bekommen Angst und haben früher oder später Depressionen, bei anderen steigt der Adrenalinspiegel und sie hyperventilieren, andere nehmen es gelassen und nichts scheint sie aus der Ruhe bringen zu können. Holger sei ein „Baum-Mensch“, hatte es letztes Jahr geheißen. Ich denke, weil er geerdet ist und Saison für Saison einen neuen Jahresring, also eine neue, zusätzliche Haut bekommt, werden seine Shows von Jahr zu Jahr reifer, künstlerischer und zugleich publikumsaffiner. Und Holger selbst erlebe ich immer ruhiger. Die Show „fühlt sich immer besser an“.

Die Apassionata Pferde-Show Story

Was für eine Entwicklung! 2009 begann ich, als freier Berater für die Apassionata zu arbeiten. Wie ich in meinem ersten Blog-Beitrag schon schrieb, war Peter Massine, als Produzent der Show, bereits 2006 der Meinung, dass „Apassionata“ als traditionelle Pferde-Nummerngala ein Auslaufmodell und nicht mehr zukunftsfähig sei. Auch ich sah das so. Aus diesem Grund engagierte Peter für die „Sehnsucht“-Show 2008 Gert Hof. Allerdings war Gert Hofs Inszenierung für das traditionelle Apassionata-Publikum zu diesem Zeitpunkt zu „revolutionär“. Gert, der die Kinder für die besten Kritiker seiner Lichtinszenierungen hielt, hatte ein grandioses Märchen herbeigezaubert und nicht damit gerechnet, dass die Kinder bei diesem Kampf auf Leben und Tod, der um den gestohlenen Mond geführt wurde, tatsächlich Angst bekamen. Sie rannten aus der Show und mit ihnen die Eltern.
Peter hatte eine schwierige Erfahrung gemacht, die er aber nie bereute. Holger hatte sich das Ganze sehr aufmerksam angeschaut und erlebte diese Lektion aus der „Schule Gert Hof“ wohl als eine höchst interessante Lehrstunde. So oder so, die „Sehnsucht“-Show von Gert bedeutete den großen Umbruch bei der Apassionata. Von da an gab es hier nie wieder ein „Nummernprogramm“.

In meiner Berater-Funktion führte ich im Auftrag von Peter 2009 eine Analyse der Apassionata und ihrer Entstehungsgeschichte durch. Ich bezog in diese Betrachtung auch Entwicklungen anderer Entertainment-Bereiche mit ein und kam zu dem Schluss, dass der „künstlerische“ Weg, den Peter mit Gert eingeschlagen hatte, grundsätzlich der richtige war, dass dieser Weg aber „evolutionärer“ und mit einem Grundverständnis für das Apassionata-Publikum gegangen werden musste. Auf jeden Fall weg von einer Reitkunst-Veranstaltung, hin zu einer vollkommen neuen „inszenierten“ Apassionata-Showproduktion.

Bei meinem Rückblick auf die Apassionata-Entwicklung stellte ich damals auch fest, dass sich diverse Regisseure aus unterschiedlichen Bereichen (TV, Ballett, Theater, Event) an der Apassionata versucht hatten, die aber genauso wie Gert – wenn auch aus völlig anderen Gründen – schließlich passen mussten, weil ihre Show „irgendwie nicht funktionierte“. Holger war dann immer derjenige, der diese Inszenierungen „ausbesserte“ (was ich 2008, 2009 und 2010 miterlebte), zumal er als (Mit-)Komponist mit seiner Musik die Grundstruktur einer jeden Show regelrecht vorgab, also dafür prädestiniert war. Nach dem Scheitern der Inszenierung des Choreographen M.K. im Jahre 2009 und nachdem 2010 nacheinander drei (!) Regisseure mit ihrem jeweiligen Inszenierungsansatz scheiterten, schlug ich Peter vor, fortan auf externe Regisseure zu verzichten und konsequent auf Holger als Kreativdirektor zu setzen, der bereits 2009 und 2010 nicht nur – zusammen mit noch zwei anderen Musikerkollegen – der Komponist der Apassionata war, sondern sich zum ersten Mal auch als Autor und Regisseur bewiesen hatte. Da ich zur selben Zeit Executive Producer der Apassionata wurde, also auch die organisatorische und finanzielle Verantwortung für die Show-Produktion übernahm, willigte Peter ein und unterstütze von da an diese Transformation – auch gegen alle, vor allem internen, Widerstände. Zugleich bedeutete diese Entscheidung, dass Peter die Grundlage für eine äußerst erfolgreiche Zukunft der Apassionata legte, wie sich in den folgenden Jahren herausstellen sollte.

Um die Apassionata Pferde-Show zu professionalisieren und von Dilettantismus zu befreien, sorgte ich als Executive Producer dafür, dass Holger nach und nach (bis 2014) den Einsatz aller Gewerke im Grundsatz bestimmte, damit ein Gesamtkunstwerk aus einer Hand entstehen konnte. So wurde aus dem „Musiker“ Holger Ehlers mit den Jahren auch der versierte Autor und der noch versiertere Regisseur, der also nicht nur die Musik, die Story und die Inszenierung kreierte, sondern auch die Anmutung der Kostüme als auch die Moods für die Props, den Video-Content und die Gesamt-Choreographie festlegte.

Die Apassionata Pferde-Show als Gesamtkunstwerk

Um die Gesamtkunstwerk-Strategie für die Apassionata umzusetzen, beschlossen Holger und ich 2011 einen „Fünfjahresplan“, der später verlängert wurde, um nach und nach aus der Nummern-Revue eine Show von Weltformat zu produzieren – für ein breites Publikum, das nicht nur aus Pferde-Liebhabern bestehen würde. Folgende inhaltliche Schwerpunkte legten wir fest, um sie auf eine jeweils neue qualitative Stufe zu heben, und diese Vorhaben realisierten wir dann tatsächlich genau so:

2011 Primat der Musik & der Dramaturgie
2012 Show-Buch
2013 Neue Licht-Ästhetik
2014 Professioneller (filmischer) Videocontent
2015 Dramaturgische „Pferdechoreographie“ (Mix-Bilder)
2015 Kostüme & Props
2016 Weiterentwicklung des Storytellings (Gewichtung auf Off-Texte)
2017 Tanzchoreographie & Einführung eines Tanzbodens
2017 Zweite Ebene des Bühnenraums (Decken-Bespielung)
2018 Einbeziehung des gesamten Bodens in die Bühnenästhetik

Die Jahreszahlen markieren die qualitativen Wendepunkte, die letztendlich in der Summe zur heutigen – künstlerisch einzigartigen – Apassionata-Show geführt haben. Das Resultat war nicht nur eine spezifische „Apassionata-Show“ und seit etwa 2013 ein neues, eigenständiges Genre, sondern eben dieses von uns angestrebte Gesamtkunstwerk, in dem alles aufeinander abgestimmt und in dessen Ablauf keine Sekunde zufällig ist. So wurde aus der „abstrakten“ Apassionata-Show – über die Jahre – ein emotionales, „familiäres“ und sehr artifizielles Holger-Ehlers-Opus, ein Konglomerat aus Opern-, Theater- und Pop-Ästhetik, wobei die Pferde immer mehr „eingebettet“ wurden in eine optisch-akustische Kunst-Landschaft, häufig voller Melancholie. Alles wurde zu „Kunst“ und damit EMOTIONAL. Das Publikum liebte es … mehr und mehr.

Und das kam auch der ehemals „kalten“ Marke APASSIONATA zugute, die einen immer „wärmeren“ Nimbus erhielt durch diesen neuen, künstlerischen Charakter der Show, den ich von Anfang an unterstützte und ab 2013 als Dramaturg auch mit-erschuf.

Peter und die Apassionata Pferde-Show Story

Hier in Riesa, wo immer alles beginnt (und nichts endet), ging mir das heute nochmal durch den Kopf. Anlass dafür war ein Gespräch mit meinem Freund Heinz aus Dresden, der mich auf einen Kaffee besuchen kam. Wir waren zusammen vor vielen Jahren Gymnasiasten an der berühmten Kreuzschule gewesen. Er im Kreuzchor, ich nicht. Wir nahmen unsere Kaffee-Monk-Pappbecher in die Hand und gingen vor der Halle auf und ab. Reiter, Pferde, ein paar Raucher, Hufeklappern, Wolken, Kühle.
„Was ist los mit eurer Apassionata?“, fragte Heinz. „Ich hab so viel darüber gelesen, im Spiegel und so …“
„Heinz, aus meiner Sicht, die sich aus der Lektüre diverser Presseveröffentlichungen und Interviews ergibt, ist es ganz einfach: Zwei langjährige Freunde und Partner von Peter Massine versuchen seit zwei Jahren – mit Hilfe einer chinesischen Immobilienfirma –, Massines Apassionata-Unternehmen „feindlich“ zu übernehmen. Die Haupt-„Verantwortung“ hierfür trägt Peter selbst, er  hat nicht „aufgepasst“ und hat sich von Gier und „Megalomanie“ leiten lassen und wollte seine chinesischen Partner betrügen. Aber auch seine ehemaligen Freunde und jetzigen „Gegner“ Thomas Bone-Winkel und Johannes Mock-O’Hara haben offenbar Peters Widerstands-Willen unterschätzt. Sie dachten womöglich – in chinesischem Geld schwimmend –, Massine finanziell sehr schnell in die Knie zwingen und ihm nicht nur das Unternehmen, die Apassionata World GmbH, sondern auch die MARKE „Apassionata“ wegnehmen zu können. Eigentlich ging’s ihnen um diese MARKE, glaube ich.“
Wir waren stehengeblieben. Heinz schaute mich an und fragte etwas verdutzt: „Und was ist mit der Show?“
„Ja, was ist mit der Show … Das ist die Frage, die eigentlich gestellt werden musste: Verkauft die „Marke“ an sich, egal, wie die Show aussieht und egal, wer die Show macht? Diese Frage haben sich „die Chinesen“ offensichtlich überhaupt nicht gestellt. Vielleicht aus Ahnungslosigkeit, vielleicht aus Arroganz … Ich weiß es nicht.“
„Vielleicht ist das auch nur das „chinesische Denken“: dass man alles kopieren kann“, meinte Heinz. Neben uns war es unruhig geworden. Wir entfernten uns ein Stück von der Halle.
Ich sagte: „Vielleicht … Jedenfalls haben sie zwar Massines Firma übernehmen können, aber nicht die Marke – darum wird noch gekämpft – und auch nicht den Künstler Holger Ehlers. An den Content, also an die Show an sich, haben sie nämlich gar nicht gedacht. Sie haben sich die Hülle gekrallt, aber nicht den Inhalt. Sie haben sich das wahrscheinlich ganz einfach vorgestellt: Man übernimmt die erfolgreiche Holger-Ehlers-Mechanik, beauftragt einen anderen Künstler, dieses Modell „deckungsgleich“ mit neuem Inhalt zu füllen, und automatisch produziert man so eine erfolgreiche Show. Ist zwar riskant, aber könnte funktionieren.“ 
Heinz stellte sich vor mir auf. Er erinnerte mich jetzt sehr an den Kreuzschüler von vor 41 Jahren. „Na gut …“, meinte er und machte ein schlaues Gesicht, „aber … Also wenn diese „Chinesen“ die Marke nicht kriegen, allerdings das Unternehmen mit dem ganzen Know-How übernommen haben … Warum machen die denn dann nicht ihre eigene Show unter einer eigenen Marke? Warum klammern die sich so sehr an das Apassionata Pferde-Show Modell von Holger Ehlers?“ Der frühere Kreuzchor-Sänger sah mich gespannt an.
„Die eigene Show – das ist eben nicht so einfach, wir bewegen uns ja im Bereich der Kunst. Wie sagte Friedrich Schiller: Entweder man hat’s oder man hat’s nicht. Die „Chinesen“ brauchen ja nicht nur die Mechanik, sondern sie brauchen auch einen Künstler, der für so eine Show „geboren“ wurde, der die „Mechanik“ mit Emotion füllt, der einfach SEIN eigenes Ding macht. Sonst kommt wahrscheinlich nur kalte, langweilige, formalistische Bombast-Soße raus. Das kennt man ja. Die „Chinesen“ sind quasi am Punkt Null. Wie Peter 2007 mit der Apassionata, als er deswegen Gert Hof reinholte und es anschließend mit fünf verschiedenen Regisseuren innerhalb von zwei Jahren versuchte, die alle scheiterten. Und sie müssen aus dem Nichts zwei Shows zugleich schultern: Die Theater-Show in München und die Tour-Show. Eine Wahnsinns-Herausforderung. Mal sehen, wie sie das hinkriegen … “
„Der Gert Hof …“, setzte Heinz an. In diesem Augenblick kreuzte Leo kurz auf, und ohne, dass ich sein „Go!“ hörte, wusste ich, das bedeutet: „Go!“ Heinz und ich brachen die Unterhaltung ab. Heinz beschäftigte noch etwas, doch er schüttelte den Kopf: „Fragen über Fragen … Wir müssen uns wiedersehn! Spannendes Thema!“ Ein kurz angedeutetes Winken noch, und wir gingen auseinander.

Holger und die Apassionata Pferde-Show Story

Es gibt jemanden, der mir nachsagt, ich hätte einen Der-kleine-Prinz-Reflex. Der kleine Prinz verzichtete nie auf eine einmal gestellte Frage, und ich lasse angeblich keine Frage unbeantwortet, wenn sie einmal gestellt wurde. Hier also schriftlich der zweite Teil der Antwort, Heinz.
Die letzten sieben Jahre haben gezeigt, dass unser „Holger-Ehlers-Konzept“ funktioniert, vor allem die Apassionata-Musik „holt“ sich emotional das Publikum – und ist die halbe Miete. Dazu kommen Holgers von der deutschen Romantik und Jules Verne inspirierten Storylines, seine Bild-Ideen für den Video-Content und seine sehr eigene Inszenierungsphilosophie etc. Holger hat sein „Rezept“ – das ist sein Geheimnis. Das einzige, was ich von Holger, dem „Baum-Menschen“, mit Sicherheit sagen kann, ist, dass er natürlich Baumkuchen backen würde. Und du, lieber Heinz, würdest jetzt im Hinblick auf die andere Show vielleicht fragen: Wie wär’s denn mit Dresdner Stollen? 

Genug geschrieben, ich muss schnurstracks wieder in die Arena, es gibt noch einen Durchgang. Reiter, Pferde, Tänzer … Der Schluss der Show soll verändert werden. Ich warte, dass es losgeht, dass Holger gleich Leo zunickt und dass Leo in’s Mikrophon sagt: „Go!“

© Asteris Kutulas
Riesa, 15.10.2018

Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 1 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 2 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 3 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 4 | Das Ende (Oktober 2019)

Meine Apassionata-Story, Teil 1 (Riesa-Tagebuch 2018)

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 12. Oktober (abends)

Apassionata Pferde-Show Produktion „Der magische Traum“

Gestern in Riesa angekommen. Apassionata Proben. Momentan noch völlig entspannte Atmosphäre. Die Welt hier atmet outdoor Altweibersommer. In der Halle atmen wir Apassionata. Am aufgeregtesten sind wohl die Pferde, die sich langsam an die Musik, an die neue Umgebung, an das Showlicht gewöhnen müssen. Ich habe Respekt vor den Vierbeinern. Obwohl ich sie nicht verstehe. Ein mächtiger schwarzer Friese schaut mich an aus seinen großen runden Augen. In diesen schwarzen Spiegeln sehe ich mein Abbild und bin sofort auf mich zurückgeworfen. Um mich herum ein Gewirr von Stimmen und Sprachen. Techniker, Reiter, Künstler. Heike kommt aus der Kostümbildnerei, schiebt mich sanft beiseite und geht – bepackt mit zahlreichen Steam-Punk-Outfits – die vier Waschmaschinen anschmeißen.

Apassionata, Riesa, Asteris Kutulas

Für mich ist es das zehnte Mal: Apassionata in der Sportstadt Riesa (die sich den Sport inzwischen nicht mehr leisten kann), in einer Stadt, die zu DDR-Zeiten berühmt war wegen der VEB Zündwarenwerke. Alle Streichhölzer der DDR wurden im sächsischen Riesa produziert. Auf allen Streichholzschachteln stand: Riesa. Heute hat Holger Ehlers hier, in der Sachsenarena, das Sagen. Der Kreativdirektor der Apassionata zeigt auf einige Reiter mit ihren Pferden und prophezeit: „Das wird eine tolle Show“. Er muss es ja wissen. Bis jetzt hat es jedenfalls immer gestimmt. Holger hat die Entwicklung der Apassionata von Anfang an, also seit 2002, mitgemacht. 2010 übernahm er dann den Job des Apassionata-Regisseurs und -Autors. Die Musikdramaturgie bzw. die Musik kamen ohnehin schon seit der ersten Show fast immer von ihm und seinen beiden Komponistenkollegen.

„Hans, das Pferd“ taucht auf in diesem Moment, schaut sich um und trabt weiter. „Hans, das Pferd“ reagiert immer äußerst sensibel auf die Musik. „Hans, das Pferd“ ist everybodys Darling, denn es hat die Aufgabe übernommen, die Kreatur zu sein, die Schuld hat an großen und an kleinen Übeln. Von einigen wird „Hans, das Pferd“ aber auch als Glücksbringer gesehen. Heike drückt auf die Start-Knöpfe aller vier Waschmaschinen.

Peter Massine ist heute da, der Gründer und Produzent der Apassionata. Peter ist nachdenklicher geworden, „philosophischer“. Und trotz des „lästigen“ Umstandes, dass ihm noch immer ein übermächtiger Gegner Kontra gibt, scheint er sehr zufrieden zu sein. Er sagte vorhin zu mir: „Ich saß eben noch im Auto. Ich fuhr die Strecke Berlin-Riesa und konnte nicht glauben, dass wir es tatsächlich geschafft haben. Dass ich überlebt habe. Dass Apassionata überlebt hat. Wahnsinn!“ Hinter Peter liegen zwei schwierige Jahre. Er hat gerade als Hauptakteur (in Gestalt sowohl des Haupt-Täters als auch des Haupt-Opfers) eine der spektakulärsten Schlachten der deutschen Entertainment-Branche (irgendwie) „überstanden“. Jetzt ist es ihm offensichtlich gelungen, eine zukunftsträchtige Basis für seine Apassionata zu schaffen – mit Hilfe seines Freundes und Kreativdirektors Holger Ehlers, der in den letzten beiden Jahren die Produktion am Leben und zusammengehalten hat, und vor allem mit Hilfe seines neuen strategischen Partners „Live Nation“, der in den nächsten 11 Jahren die Apassionata veranstalten wird.

Schlacht um die Apassionata Pferde-Show

Die Schlacht um die „Apassionata“ war (und ist) knallhart und gnadenlos. Sie nahm zuweilen skurrile Züge an und war bestimmt von Gier, Verrat und Hybris. Die multiplen Auseinandersetzungen zwischen Peter und seinem früheren Partner, dem chinesischen Hongkun-Konzern, erreichten in der Saison 2017/18 ihren Höhepunkt, als zwei Apassionata-Shows zugleich on Tour waren. Die Apassionata von Peter Massine („Der Traum“) und die Apassionata  der Chinesen („Gefährten des Lichts“). So etwas hat es, meines Wissens nach, noch nie in der deutschen Entertainment-Industrie gegeben. Für das Apassionata-Publikum konnte die Sache verwirrender nicht sein.

Peter hatte versucht, seine chinesischen Partner über den Tisch zu ziehen, die haben sich gewehrt und ihm im Gegenzug die Firma (Apassionata World GmbH) weggenommen, seine Mitarbeiter und seine Infrastruktur. Also business as usual, beidseitig ein sehr „kapitalistisches“ Unterfangen. Dass die „Chinesen“ damit sehr weit gekommen sind, hat sicherlich damit zu tun, dass Peter in der Vergangenheit sowohl falsche Personalentscheidungen getroffen als auch unternehmerisch fatale Fehler gemacht hat. Ich meinte heute: „Klar, dafür musst du büßen. Aber sicher hätte es nicht so sein müssen, auf diese Art und Weise …“. Peter lächelte bitter und fragte mich: „Erinnerst du dich daran, wie unsere Apassionata-Zusammenarbeit begonnen hat?“

Apassionata, Gert Hof, Asteris Kutulas
Plakatentwurf zu Gert Hof’s „Sehnsucht“-Inszenierung von 2008

Gert Hof & die Apassionata Pferde-Show

Ja, ich erinnere mich. Als ich mit dem Regisseur und Lichtkünstler Gert Hof zusammenarbeitete, haben wir ab 1999 mit Peter bei diversen Gert-Hof-Events kooperiert. 2006 konfrontierte Peter mich zum ersten Mal mit seinen Sorgen hinsichtlich der Apassionata-Show. Er glaubte – im Gegensatz zu seinem damaligen Partner – an eine Zukunft der Show, war aber zu der Erkenntnis gekommen, dass „Apassionata“ als traditionelle Pferde-Nummern-Gala ein auslaufendes Modell sei. Ein neues Konzept wurde gebraucht. Wir einigten uns 2007, Gert Hof mit einer Apassionata-Produktion zu beauftragen, um der Show eine neue Richtung und Qualität zu geben. Das tat Gert auch, mit der Apassionata „Sehnsucht“-Show. Gert Hof konnte eins perfekt: großartig inszenieren. Das sah man bei den Licht-Events. Das sah man bei der Rammstein-Bühnenshow. Das sah man bei seinen Theaterinszenierungen.

Zwischen 1998 und 2010 war ich Partner, Manager und Produzent von Gert Hof, mit dem zusammen ich in dieser Zeit mehr als 40 Events weltweit produzierte. Gert hielt die Musik für die eigentliche Basis seiner Shows. Jedes Mal investierte er sehr viel Zeit in diese „Basis“. Er sagte immer: „Asteris, die Musik ist die Mutter!“ Die Zusammenarbeit mit den Komponisten und Musikern unserer Events war immer aufregend und äußerst inspirierend: im Waldhaus des Tangerine-Dream-Komponisten Klaus Schulze, bei Mike Oldfield außerhalb Londons, im Berliner Aufnahme-Studio von Westbam und Klaus Jankuhn, bei Mikis Theodorakis gegenüber der Akropolis etc. etc.

Apassionata, Mike Oldfield, Asteris Kutulas
Mike Oldfield & Gert Hof, Photo © by Asteris Kutulas

Apassionata, Westbam, Asteris Kutulas
Westbam & Klaus Jankuhn, Photo © by Asteris Kutulas

Udo Lindenberg, Gert Hof, Asteris Kutulas
Udo Lindenberg & Gert Hof, Photo © by Asteris Kutulas

So lernte ich bei mehreren Sessions im Tonstudio – während der Apassionata-Produktion „Sehnsucht“ im Jahr 2008 – Holger Ehlers kennen, der für diese Show die Musik nach den Wünschen von Gert produzierte. Dieser Prozess dauerte – wie bei Gert üblich – mehrere Monate. Es wurde an jeder Sekunde gefeilt. Die inszenatorische Leistung von Gert (der auch das Buch schrieb, Licht, Choreographie und Kostüme bestimmte und natürlich Regie führte) war einmalig für eine Arena-Show und kann nur mit „grandiosem Theater“ umschrieben werden.

Rammstein-Inszenierung für Kinder

ABER: Gert Hof war zu Apassionata 2008 wie aus dem finsteren Nichts des Alls gekommen, war wie ein Komet in die bis dahin friedlich-schöne Apassionata-Welt eingeschlagen, und seine Inszenierung hatte eine „Schneise der Verwüstung“ hinterlassen. Diese „Rammstein-Inszenierung für Kinder“ war phänomenal, das Beste, was ich auf einer Arena-„Bühne“ je gesehen hatte, seiner Zeit weit voraus, aber für die Apassionata-Kinder ein Schock. Sie nahmen scharenweise Reißaus. Sogar „Hans, das Pferd“ wurde manisch melancholisch. Nach Gerts Apassionata-Geschichte brauchte die Menschheit jedenfalls erstmal eine gehörige Portion „Herr der Ringe“, für längere Zeit, ehe es sich an finstere Szenen gewöhnt hatte und schwarze Reiter und böse Frauen und andere ungute Zeichen furchtlos erwartete, ja, sogar auf diese gefasst war. Die dunkle Gert-Hof-Apassionata-Inszenierung von 2008 hatte nichts mit dem bis dahin traditionellen Apassionata-Publikum zu tun gehabt, so dass die Show – im laufenden Tour-Betrieb – uminszeniert werden musste, um das Überleben des Apassionata-Unternehmens. Diese Aufgabe übernahmen im Herbst 2008 Marcus Gerlach und Holger Ehlers, und sie retteten damit nicht nur die Apassionata, sondern auch … „Hans, das Pferd“.

Peter ist vor einer Weile vom Tisch aufgestanden und hat gesagt: „Lass uns in die Arena gehn, die Proben laufen.“ Tatsächlich, der Catering-Raum ist inzwischen leer, alle sind auf ihren Posten. Die vier Waschmaschinen surren leise vor sich hin, die Steam-Punk-Kostüme drehen sich im Uhrzeigersinn, und Hund Woppi scharwenzelt um meine Füße und will gekrault werden.

Zweifellos, it’s Riesa Apassionata Time. Auch für „Hans, das Pferd“. Morgen geht’s weiter.

© Asteris Kutulas, 12.10.2018

Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 1 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 2 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 3 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story | Das Ende – Tagebuch, Teil 4  (Oktober 2019)

Apassionata – „Der Traum“: Video-Diary/Tagebuch

Rehearsal Video Blinks „Apassionata – DER TRAUM“ Show

Four video blinks I have shot with my iPhone 6s during the rehearsals of the Apassionata show „Cinema of Dreams“ in Riesa (October 2017). This show was created and directed by Holger Ehlers. I was involved in this show production as a dramaturg and an artistic consultant.

Asteris Kutulas, Riesa, 23.10.2017

Riesa, 26.10.2017

Riesa, 27.10.2017

Riesa, 28.10.2017

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 22. Oktober 2017 (fast Mitternacht)

Produktion „Apassionata – Der Traum

Apassionata, Asteris Kutulas
Daphne De Visser mit ihrem Pferd

Bei Apassionata heißt jeder Raum: SaniTATsraum. Denn bei Apassionata ist die TAT immer eine Gute Tat, eine Nützliche Tat, eine Rettende Tat, und am heutigen Sonntag ist dieses Tun als Sonntagsgebet zu verstehen. “Wir müssen dankbar sein.” Unser tägliches Brot rhythmisiert seine Krumen zusammen mit Lampes Lichtern, mit den Waschmaschinen, die im Schleudergang singen, mit dem Kurzschluss, der einen feuerlosen Blitz auslöste und nachfolgend blitzschnelle Handlungen an der Tafel, auf der die Teller bereitstehn. Ob es mittags warmes Essen geben wird, ist keine Frage. Den Cateringbereich fasst das sanfte Schwingen der Vorhänge ein. Ist eine Plastik farbig bemalt, heißt es auch, sie sei “farbig gefasst”.

Apassionata Der Traum, Asteris Kutulas
Proben in Riesa, 2017

Gefasstheit – darauf schwört Steffen, der Produktionsleiter. Gefasstheit – darauf schwört Matze, der Stage-Manager. Gefasstheit – darauf ist das große Portal eingeschworen, das die Projektionen einrahmt. Im Cateringbereich erneuert sich die Gefasstheit der Crew. Das weite Weiß – die Farbe des Friedens, gepaart mit Blau. Das weite Weiß hat sich seinen Einflussbereich geschaffen. Das Blau in den Ecken. So, wie das Luftschiff die Briefe in die Ecken der Welt trägt, von wo Rettung für die Erde nahen wird, so bildet das Blau hier Raumecken, aus denen sich ausgleichende Stimmung speist. Ein wahrer Speise-Raum also. Schöner als je zuvor.

Apassionata Der Traum Asteris Kutulas
Proben in Riesa, Oktober 2017

Der weiße Flanell macht sich gut. Diese unangestrengte Feng-Shui-Energie besänftigt das Große Ganze. Dreimal am Tag. Die Wirkung bleibt nicht aus. Scharfe Kanten fehlen. Scharfe Worte fallen nicht. Scharfe Zungen schweigen. Scharfe Gedanken zur richtigen Zeit. Das Gulasch hat die nötige Schärfe. Der Basilikumtopf wird mit Wasser bedacht. Hund Woppi kämpft um nichts und bekommt seinen Wiesenspaziergang. Hannah begegnet Mascha. Die Küche gibt alles und wechselnde Musik mit Prophezeiungen. Gestern hieß es: “Diese Welt geht endlich unter”. Heute ist heute und Sonntag, heute geht die Sonntagswelt auf, Gott will Blues hören, und des Himmels Geschenk ist diese neue Welt unter der Sonne und in der Halle.

Text & Fotos © Ina & Asteris Kutulas

“Lampe”, der Herr der Apassionata-Lichter

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 22. Oktober (nachmittags)

Produktion „Apassionata – Der Traum“

Sonntag mit dunkler, feuchter Erde und Sonne. Die Sonne heißt immer Sonne, draußen. Lampe heißt fast immer Lampe, drinnen. Lampes Sonnen sind viele, und er, ihr Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eine fehlet an der ganzen großen Zahl. Lampe kann es Nacht werden lassen. Tiefe Nacht. Taghelle Nacht. Von Flüstern durchdrungene Nacht. Grausige Nacht. Nachtblumen-Nacht. Kosmische Nacht. Gala-Nacht. Nacht der Panther und Nacht der Skorpione. Nachttischlampen-Nacht. Fuchsnacht. Polarnacht. Schattennacht. Sommernacht. Liebesnacht.

Auch Tag kann Lampe werden lassen, jederzeit. Der Herr der Lichter ist zugleich Herr des hellen Mittagslichts, das gebraucht wird, wenn in der Prärie ein Reiter allein seiner Mission folgt. Ohne Akku, Feuerzeug, Proviant und Sanitäter. Der Reiter in der Prärie muss durchhalten. Die Hufschläge der Riders on the Storm geben seinem Herzschlag das Tempo. Der nur als Idee existierende Reiter in der Prärie ist so verlassen wie kaum jemand bei Apassionata.

Lampe lässt Licht werden. Alles Licht, nach dem die Show hungert und dürstet. “Schritt für Schritt”, sagt Lampe. Seine Bemühungen haben epische Ausmaße angenommen. Das Luftschiff will beruhigt schweben können. Es riecht das Licht.

“Ich kann nicht hexen”, sagt “Chef”. “Chef” glaubt man das sofort. Lampe würde das niemand glauben. Wobei Lampe eher Zauberer ist, statt Hexer sein zu wollen. Eine Baba Jaga ist bei Apassionata momentan nicht gefragt. Also braucht es auch keinen Hexer.

Text & Fotos © Ina & Asteris Kutulas

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Apassionata-Tagebuch, Riesa, 20. Oktober 2017

Von Ina Kutulas

Auf dem Fußballfeld nebenan die Aufwärmphase. Dutzende Männer in Grün, Gelb, Violettblau. Der Vormittag findet seine Themen auf dem Boden der Realität und im Himmel. Eine Wolkenflotte ist aufgezogen. Sie nimmt inzwischen die Hälfte des Blaus ein. Ein weißes Pferd wird gewaschen, das Wasser lässt seinen Körper glänzen. Zwei Männer beschäftigen sich mit diesem sensiblen Geschöpf, das einen grünen Wasserschlauch akzeptiert. Großes Bild, umrahmt von der Nüchternheit des Bereichs vor der Halle, ein Bereich, der nichts weiter als seinen Zweck erfüllen muss.

Die Pferdemajestäten bringen Erhabenheit in die Alltagssituation. Dazu müssen sie beschäftigt werden. Sonst erleiden sie die Qual der Langeweile. Würde ein Pferd hier die Langeweile plagen, dann liefe etwas schlecht bei Apassionata. Das Kind Hannah im Pullover mit großem Leopardenmuster-Herz auf der Brust hebt schwere Früchte, fast größer als seine Hand, und sorgt dafür, dass es gut läuft.

Es ist windstill draußen. Jeder an seinem Platz. Der Tischler an seiner Bank, Tag für Tag; lange, schmale Kästen werden gebaut. Das Luftschiff hat sich in Luft aufgelöst. Nachts werden in den Kästen viele Luftschiffe schlafen, und sie werden verschwunden sein, wie von etwas Übermächtigem verschluckt, bevor der Tischler wieder zurückkommt, des morgens. Das große Luftschiff hat seine eigene Flotte wie der Himmel die Wolken. Die Kästen werden zu Bänken, die Bänke zu Schränken, der Himmel zur Küche, die Küche zur Arena, das Wasser kocht, die Proben laufen, die Tänzer sind zahlreich, ein junger Nurejew ist dabei.

Von Kabeln und Leitungen ist dieser Tag durchzogen. Amelie hat ein System aufgebaut. Wasser und Strom fließen. Die Elemente versuchen einander. Luft verbindet Luftschiff und atmende Körper, frei, allein für sich im Raum oder aufeinander eingespielt. Alles atmet und hört, wie die Uhr tickt, immer. Die Zeitfenster sind begrenzt – auch die für Kontroverse und Symbiose. Die Unermüdlichen, die man kaum sieht, haben wenig Schlaf, die Geister der Apassionata, die das Werden der Show vorantreiben, im Hintergrud, der jetzt der Vordergrund ist. Wenig Gelegenheit, Tageslicht an sich heranzulassen. Vierzig Stunden in vierundzwanzig.

Nur Pferde und Bäume schlafen im Stehen. Die Worte folgen dicht auf dicht. Die Schweigsamen müssen reden, und die Erzähler sich in Geduld fassen, sonst ecken sie an. Stoßstellen schmerzen. Dieser Schmerz wirkt sich aus auf den Tonfall, auf Farben, Schrittmaß, auf die Menge an Gold oder Rot in den Szenenbildern und auf Freundschaften, alte und neue.

© Ina Kutulas

„Apassionata – Der Traum“, Sándor & griechische Größen

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 21. Oktober (nachmittags)
Produktion „Apassionata – Der Traum“

Sándor, der Choreograph, steht aufrecht, unweit vom Halleneingang. Seine Hand weist zum Himmel, der lange bedeckt war, inzwischen aber wieder das reinste Blau sehen lässt. “Perfekt organisiert”, sagt Sándor. Auch seine Jacke ist blau. Manchmal ruft er die Tänzerinnen zu sich. Eine markante Stimme. Sein “Girls … Ladies … please come to me, I’m here” könnte zu Beginn einer Rockballade erklingen.

Sándor Román bezieht sich vornehmlich auf die griechische Antike. Seine Umsetzung des Bildes eines trampenden Saloongirls ist direkt von Homer inspiriert, beteuert Sandor. Griechisch blauer Himmel über Riesa. Greek Western bei Apassionata. Der Esel ist dabei, das Catering bietet Feta und Oliven. Alle haben’s gut bei Apassionata. Jeder findet hier seine Welt, jeder auf seine Weise. Auch das macht den Apassionata-Blick aus. Er enthält einen Funken dunkle Glut.

Sándor studiert mit den Tänzern betörende Schrittfolgen. Solche Odysseischen Listen sind erlaubt, vorausgesetzt, sie dienen der Kunst. Die Musen haben geschmeidige Körper und treten auf den Plan. Selten wurde eine Rose mit mehr Grazie gehalten als hier von der Primaballerina Katherina Markowskaja. Die Halle möchte fast bersten bei dieser hohen Konzentration von Charme. Es werden Türen aufgehalten, der Stage-Manager ist Stunde um Stunde unterwegs. Wieder und wieder erscheint er und verleiht jeder Szene die Idee vom ruhelosen Läufer, vom Rutengänger und Wegesucher, der als Gefährte des tanzenden Träumers die Poesie der Show ausbalanciert. Es braucht auch ganz pragmatische Entscheidungen. Nicht nur ein Tanz kann ein Leben verändern. Auch ein Leben einen Tanz.

© Ina & Asteris Kutulas

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Apassionata-Tagebuch, Berlin, 1. November 2017
Produktion „Apassionata – Der Traum“ 

Die Tonmänner (Jan & andere)
Behauptung: Es gab noch keine Apassionata, bei der die Tonmänner so weit gekommen waren. Den Tonmännern ist der Klang nie gut genug, nie perfekt genug, die Tonmänner sind nie ganz zufrieden. Ihr freundlicher Unmut ist eine der Zutaten einer Apassionata-Show. Die Apassionata lebt aus der Unvollkommenheit, die die Tonmänner erkennen, die sie abermals ausfindig machen, nach tausend Stunden Arbeit noch immer. Eine Unvollkommenheit, die die Tonmänner aufhorchen und die sie die Ohren steifhalten und die Löffel aufstellen lässt. Die Tonmänner sind dafür geboren. Bei dieser Apassionata gibt es Momente der Stille, in die hinein man eine Stecknadel fallen lassen könnte, und sie würde in kein Trommelfell stechen. Der Ton des Aufpralls dieser Stecknadel auf dem Boden der Empfindsamkeit der Apassionata-Createure würde ebenfalls zu Material für die Tonmänner, aus denen sie Verschwiegenheit machen und Spannung, das Verlangen nach dem Erlauschen-Können. Apassionata, das ist die Musik mit ihren Pausen, das ist die erzählte Geschichte mit ihren Unterbrechungen und Fortsetzungen, das ist die Stimme des Sprechers, das ist das Werk der Tonmänner, die den Klang in Bewegung halten, damit er nicht abstürzt und die Pferde erschlägt. Der Klang bleibt immer in der Schwebe. Er trägt das Luftschiff. Farben werden in den Klang gemischt.

© Ina Kutulas

 

Photos © by Asteris & Ina Kutulas

Apassionata, 15 Jahre ein „Traum“

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 21. Oktober

Produktion „Apassionata – Der Traum“

Heute wurde der Kaffeeautomat abgelöst von einem Kaffee-Geber. Die Wolken des Apassionata-Himmels sind Entwürfe: neue Kontinente für friedliche Bewohner eines friedlichen Planeten. Das Luftschiff fliegt zu den fernen Ecken der Welt. Die Tänzer tragen Pistolengürtel. Aus Ernst wird hier Spaß.

“Es geht immer um alles.” So das streng gehütete Geheimnis der Apassionata seit fünfzehn Jahren. Fröhlich will es ausgeplaudert werden. Munter will es wieder zum Geheimnis werden. An bewegten Wassern laben sich die Erlen. Wenn das Pferd im Schritt geht, wird der Große Wagen gezogen. Die Sterne wiegen leicht. Ein frischer Mond kommt in seine Bahn. Das Iglu steht im kalten Licht. Winter. Dieser Winter hat seine Temperatur noch nicht gefunden. Der Himmel über Apassionata sucht jeden Tag seine Farbe. Abend.

Fünfzehn Apassionata-Shows haben zum Ergebnis, dass niemand in der Halle stört. Geschwafel wäre eine Störung. Herumstehen wäre eine Störung. Den Meistern das Schachspiel erklären wollen, wäre so erwünscht wie sich der Esel einen Wolf zum Begleiter wünscht. Die Kriegsbeile der Geishas liegen in den Händen uralter Tempelgötter, die Tee trinken, wenn sie nicht streiten. Tiefschwarze Planen von der Rolle. “Linde”, ein Wort, das die Gasflaschen unter “Apassionata” verortet, denn diese Apassionata erzählt auch von den Bäumen. Was sagt “Chef” heute? “Chef” schweigt. Ein Zitat des Comedian Dieter Nuhr über einer Tür: “Wer keine Ahnung hat, einfach mal Klappe halten.”

Es regnet. Große schwarze Pferde mit roten Decken. Es regnet. Hannah, das Kind, wandert von Arm zu Arm. Es regnet. Zum Sand kommt das Wasser. Es regnet. In der Halle steigt der Nebel auf. Stunde Sechs nach Mittag. Das Iglu steht im kalten Licht. Holger ist ruhig und gelassen. Tag Sieben vor Show-Start. Der Kaffee-Geber ist weg, der Kaffeeautomat zurück. Billy ist gelassen. Matze ist gelassen. Es regnet. Am Abend lassen die Tänzer neongelbe Jojos tanzen. Das Stroh bei Apassionata ist noch immer goldenes Stroh. Es regnet aus dunklem Himmel.

Text & Photos © Asteris & Ina Kutulas

Riesa – An welchem Ort könnte eine Apassionata-Tour besser vorbereitet werden?

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 21. Oktober
Produktion „Apassionata – Der Traum“

Der Herbst in Riesa ist bunt. Eichen- und Lindenblätter im Einklang, das Essigbaumrot flammt, der Wilde Wein hat seine Feuer entzündet. Das Wilde-Wein-Laub fällt. Keine Graffitis zu sehen. Zwischen der Riesaer Hauptstraße und der Sachsen-Arena liegt beinah eine andere Welt, in der etliche zu vermietende Räumlichkeiten und die unbekannte Größe “Zukunft” Platz haben. Das Wort “Glaube” begleitet denjenigen, der sich aufmacht zum Lutherplatz und dort beschließt, noch weiter zu gehen. Die Ampelübergänge trainieren die menschliche Empathie: “Bitte berühren”. An welchem Ort könnte eine Apassionata-Tour besser vorbereitet werden?

Ein Akkordeonspieler vor dem Schuh-Geschäft spielt seine eigene Hymne und verwandelt sich dem Rhythmus dieses Samstagsvormittags an. Niemand scheint niemandem fremd. Der Herbst in Riesa bleibt bunt. Sporthosen, Damentaschen, die Buchhandlung mit Liebesschmöker.

Der Baumarkt, das Haupteinkaufsziel einiger Apassionata-Mitarbeiter. Der Baumarkt wird an allen Wochentagen von ihnen aufgesucht, wann immer erforderlich. Wer Apassionata in sich trägt, erkennt einander allerdings auch auf der Hauptstraße, wo sich Post und Apotheke befinden; ein Gruß, ein langer Blick. Es ist ein wacher Blick, ein offener Blick, ein Blick, der morgens sagt: “Ein neuer Tag.” Abends sagt er: “Ein guter Tag.” Nachts sagt er: “Morgen wieder.” Die Rose der Apassionata ist dunkelrot.

Tagsüber wird der Apassionata-Blick auf der Riesaer Hauptstraße nicht verschenkt, denn tagsüber – auch samstags und sonntags – befinden sich alle Apassionata-Mitarbeiter in der Halle oder in unmittelbarer Nähe der Halle. In Riesa Stadt werden von den Bürgern an diesem Samstag Wochenendeinkäufe getätigt. Monsator existiert. Es herrscht Geruhsamkeit. Der Apassionata-Esel trainiert unterdessen die Rückenlage. Holger gibt seine Anweisungen. Gitarren zu Totempfahl, zu Saloons und rollenden Stachelbüschen.

Text & Photos von © Asteris & Ina Kutulas

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 20.10.2017 (abends)

Ein Traum-Tagebuch von Asteris & Ina Kutulas zur Show „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Wer sein Herz in Enge schlagen lässt, verengt diese Welt, die sich weiten will und drehen. Das steht zwischen den Zeilen des Briefs. Sphäros ist eine Erscheinung in der Höhe, die Show entsteht in der Tiefe der Herzkammern. Der Einzelkämpfer verschwindet unweigerlich aus diesem höllisch unbestimmbaren Paradies. So sieht es das Schriftlose Gesetz der Apassionata vor, das in niemandes Hand liegt. Das Schriftlose Gesetz der Apassionata dirigiert ein Jedes in komplizierten Systemzusammenhängen, zu denen auch Bienen gehören und Kopfschmerzen, zu denen all das gehört, was eigentlich mit Apassionata nichts zu tun hat. Nicht direkt, so die Auskunft von “Chef”.

“Chef” regelt alle Angelegenheiten, “Chef” legt die Choreographie fest zwischen Umluft und Inwendigkeit, zwischen Inständigkeit sowie Outstanding Dept. “Chef” personifiziert sich oder nimmt Objektcharakter an oder wird zum Wetterphänomen. “Chef” kann und weiß nichts allein. “Chef” ist das Dezentrale. Entgegen dem menschlichen Organismus kann es eine Weile ohne Kopf existieren, indem “Chef” zur Hydra mutiert und eine Vielzahl von Köpfen aus sich herauswachsen lässt. Mit dem Feuer aus seinen nunmehr sieben Rachen zündet “Chef” die Sterne in einer Paten-Galaxis an, die sich im Jahr 2017 der “Apassionata” angenommen hat. “Chef” spricht in vielen Zungen und spricht sich aus, entsprechend der Natur eines jeden. “Was passiert, wenn 5000 Leute …?” – “Die Show”, so heißt es, “holt sich, wen und was sie braucht; alle anderen schickt nach jenseits von Apassionata”. Die Show hat sich “Chef” geholt, und “Chef” gibt sich diese Show. Niemand arbeitet für “Chef”, aber alle unterstellen sich ihm wie die Fußballspieler auf dem Feld nebenan, wie der Tonmeister, der sagt: “Gesundheit”, wie die Tänzerin, deren Arm einen perfekten Bogen beschreibt, der Regen und Sonne in die Arena holt und sieben Farben aufscheinen lässt, wie der Garrocha-Reiter, der Figuren in die Arena zeichnet, in denen der Dualismus des Universums sich verkörpert. Und die Halle hat sich das Schwarz geholt.

Das Schwarz schluckt alle und alles. Dann bringt dieses Schwarz das Leuchten hervor und wird zu seinem Träger. Zurückgezogen ins Dunkel, sitzen Tänzer, Reiter, Programmierer, Wächter1 der Show auf den Rängen, um vor sich die Bilder zu sehen, aus denen die Räume werden, in denen sie alle durch die Geschichte gehen werden und sie erzählbar machen. Musik und Licht beherrschen die Arena, Violinen, Bläser, Glocken. Die Halle macht sich selbst vergessen, sie stellt ihre Präsenz zurück. Blau und Gold umfließen die Pferdekörper. Blauviolett und Silber erklingen als Echo des Chaos, das dieser Show 2017 einen Neuanfang gibt, begreiflich dem Reiter mit dem grünen Schlauch, der sein weißes Pferd in Glanz und Form aus der Wirklichkeit hinübertreten lässt in die Ebene des Erzählten. Begreiflich der Priesterin an der Tafel, die die Früchte der Schöpfung sortiert und die Schalen auffüllt.

Vierzig Stunden ohne Schlaf lassen “Crew” nicht ermüden. “Crew” wird zu “Werc”, wenn das Wort in Spiegelschrift gelesen wird, und das Werk ist die Show, die Tänzer und Pferde zusammenführt, Musik und Sand, zauberische Bewegungen von Männern vor Tausenden von Klappsitzen, das gespiegelte Bild eines bevorstehenden Ereignisses. Ein unsichtbares Publikum ist anwesend, ausgesetzt dem hörbaren Rauschen von Planeten, die sich drehen und um die diese Show sich dreht. Hier gibt es viele Reiter, viele Achsen, viel Wirbel. Hannah findet abends Früchte, die größer noch sind als die Früchte am Morgen.

Bevor die Nacht kommt, weitet sich alles, um sich dann zusammenzuziehen und zu sich selbst zurückzukehren. “Chef” ist auch ein Philosoph, der sagt: “Umsicht”. Das gilt für jeden Tisch, jeden leeren Becher, jede Stolperfalle, jeden Kontakt, und es gilt für die Luftschiffzentrale hinter den Fünf Hügeln. Woppi, der vierbeinige Sachverständige, hat den Kopf gehoben. Das schwarze Pferd merkt auf. Hannahs Pullover-Leopardenherz verlässt sein Muster und wird ein Lichtspiel auf dem Boden der Halle. Morgen kommt Mascha Maria. Und Hannah bekommt eine neue Aufgabe. “Wir fangen an!” Ein schwarzes und ein weißes Pferd sind das Thema des Tages, Tag Acht vor Show-Start. Die hellen Mächte treten in die Lichtkegel, Lichtkegel, die stillstehn oder tanzen, Lichtkegel, die dunklen Mächten trotzen. “Chef”, das dezentrale Komplexikum, es kennt alle Formeln, die es hier braucht.

Ina Kutulas (die während der Apassionata-Proben immer hinter Asteris Kutulas saß)

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 19.10.2017 (abends)

Apassionata-Tagebuch von Asteris & Ina Kutulas, Riesa, 19. Oktober, abends

Produktion „Apassionata – Der Traum“

In der Stunde Vier dieses Nachmittags wird eifrig auf und ab gelaufen, während von grünen Hügeln dutzende Krähen aufsteigen, ein Martinshorn weit weg, der Notarzt kommt nicht zu Apassionata. Brennesseln, Malven, Hagebutten und Sonntagskaffeewetter auch heute. Die Hufe der Pferde auf hartem Grund, ein Wiehern, erwidert von einem anderen Wiehern. Hinter dem Zaun einige Kinder, viele Bälle und wenige helle Stimmen, lauter als alles, was aus der Halle zu hören ist – nämlich gar nichts.

Die Halle gehüllt in ein Geheimnis und vom reinblauen Himmel überwölbt, der keinen einzigen Kratzer sehen lässt. Eine Bank unter einem Baum am Rande der Apassionata-Siedlung. Es soll kalt werden, aber erst in zehn Tagen. Das bedeutet der Aufbruch von Tausenden Kranichen, die sich in der Gegend versammelt hatten und gestern aufflogen. “Wo sind die Kräfte, den dunklen Mächten zu begegnen?” Überall. Die bösen Mächte werden derzeit gebannt von allen Instrumenten, die die vielen Kisten hergeben. Kisten aus Holz und Metall, Körbe und Tüten, Kassetten und Cases und der Spezielle Kleine Kasten, den Wächter1 in seiner Obhut hat, denn nur er weiß, wie der zu öffnen ist. L wie Liebe.

Majestätische Pferde mit majestätischen Reitern, die über Laute und Zeichen kommunizieren. Zusammen mit dem Luftschiff, dem Apassionata-Erdball und dem Iglu bilden sie eine verschworene Gemeinschaft, in der jeder sich auskennt mit der Weltenrettung. Das Luftschiff verhalten, die Dampfmaschine versammelt einige Crewmitglieder um sich, um auf den Weg gebracht zu werden. Waschmaschinen werden angeschlossen. In der Kostümbildnerei Stecknadeln über Stecknadeln, Glanz, Gloria, dramatisches Feuer der Farben, Glitzer, Glimmer und Glamour.

Woppi, der Beschützer seiner Decke, ist im Laufe der Jahre zu einem Fachmann für Apassionata-Relevantes geworden. Zwischen seinen Inspektionsgängen ruht er und hebt den Kopf, wenn etwas in seinen Bannkreis gerät, das da nicht hingehört, wie er es weiß, auf seine Weise. Er bellt nicht. Sein neuer Freund hat in der Küche zu tun. Die ersten Tänzer sind eingetroffen. Pferde, vereint mit Ballettkoryphäen und einem großen Publikum. “So steht es im Brief”, sagt der Erzähler. Hier sind die Kräfte, den dunklen Mächten zu begegnen. Stunde Fünf nach Mittag.

Abend, Stunde Sieben. Hannah harkt im Stall, und weiß, was sie nicht will. Die großen Tiere in den Boxen wissen, was sie wollen. Strohballen, Hände, Sand. “Monk” in der Küche hat die Situation im Griff. Hip Hop bereitet Schumann vor. Aus der Kostümbildnerei wird ein pinkfarbenes Tuch im Henkelkorb durch den Cateringbereich getragen. Es bedeckt das Geheimnis des Tages 9 vor Show-Start. Hyppolytos ist dem griechischen Mythos entkommen und bei Apassionata gelandet. Das Luftschiff hat auch ihm die Einladung zugestellt. Alle Elemente sollen zusammenkommen. Das Goldene Stroh in den Stallungen schimmert. Es liegen Äpfel auf dem Tisch. Ganz einfach.

Text & Photos von © Asteris & Ina Kutulas

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 19.10.2017

Apassionata-Tagebuch von Asteris & Ina Kutulas, Riesa, 19. Oktober, mittags

Produktion „Apassionata – Der Traum“

Robert Schumann gibt der Stunde Zehn eine elegische Note. Der Reiter versucht, sein Pferd zu wecken. Die Schulglocke gibt das Zeichen.
In der Frühe lagen Nebel über den Feldern und riefen die Serpentinen-Tänzerinnen aus dem Nichts hinein in den beginnenden Tag. Der Apassionata-Erdball begann sich schneller zu drehen, umspielt vom Atemhauch der Pferde, der Reiter, der Tänzer. Der Tag wärmte die Gemüter auf. Die Sonne stieg langsam höher. In Riesa das Licht, in Riesa der Stoff; die Luft, die noch kalt ist, füllt sich mit Geräuschen.

Eine Zeitkapsel wird jeden Tag aus der Böschung der Ereignisse gegraben. Pferde laufen ab und zu im Kreis, als folgten sie einer Uhrenbewegung. Die Uhren müssen hier funktionieren, damit das Träumerische sich verwirklicht, letztendlich und jeden Moment.

Riesa ist keine große Stadt, aber es hat diese große Halle, in der es einige große Augenblicke geben wird. Das Luftschiff in der Schwebe, seine große Geruhsamkeit versorgt das Geschehen. Ein fünftes Element, die Liebe, ist enthalten in den Plänen für Fehler und Pannen. Ohne die Liebe, die sich jeden Tag einmischt in die Planungsabläufe, läuft letztendlich doch nichts.

Jede Nacht geht Wächter1 der Show zum Speziellen Kleinen Kasten, entriegelt die darin enthaltene Box, gibt den Code ein, lässt den Deckel hochschnellen, bewegt den Schieber, bis der graue Knopf mit dem Buchstaben L freiliegt. L steht für Liebe. Wächter1 der Show drückt Punkt 02:55 Uhr diesen Knopf L. Dann ist aller Zwist gelöscht und fort aus der Welt. Rein die Luft. Was laut wurde, wird still. Lavendel und Kamille verströmen ihr Aroma. Alles klingt nach Schuhmann. Zwei, drei Stunden später springt in der Küche der Hip Hop über die Topfdeckel. Dann ist wieder eine Nacht vorbei, die nicht von allen durchschlafen wurde.

Schafgarbe und Berufkraut stehen auf zwanzig Tischen. Hundert Stühle sind noch kalt. Trainierte Reiter, Security, Crew und “The Crusher”. Nicht lange und jeder Stuhl ist heiß geworden und bald schon wieder verlassen. Frühstück dauert nur so lange, wie Essen und Trinken brauchen. Das Kind Hannah erklärt alles mit einem Ei und einer Banane, den Zutaten zum Morgenglück. Die Kaffeemaschine stottert manchmal, dann bekommt sie Bohnen. In der Halle der große granatrote Vorhang, auf den sich ein Lichtkegel gelegt hat. Das Tor öffnet und schließt. Die Vorbereitungen laufen von Zeit zu Zeit in einem eigentümlichen Anachronismus – Handys melden sich, Klingeln und Rufen, Alarmsignale, Warntöne, hektisches Schlagen des Pulses, eingeschlossen in die Natur einer übergeordneten Großen Stille, die all das in sich verwandelt in Genähtes und Gezimmertes, Abgestimmtes und Beantwortetes, in ein alles durchdringendes Ruhebewahren bei voller Aktion.

Aus der diesjährigen Apassionata Story hat sich heute der Indianische Totemgeist herausgelöst, um die Kontrolle zu übernehmen. Stunde Zwei nach Mittag wird ein kleines weißes Pferd mit langer weißer Mähne seine Wege geführt. Das Luftschiff hält sich im Hintergrund.

Es kommt Kerstin, die Pferdeflüsterin, und geht mit drei Tieren über die Sandfläche der Arena nach einem Muster, das geheimen uralten Verabredungen gleichkommt. Ab und zu verständigen sich die Vier, wie Glenn Gould sich mit den Klaviertasten verständigt haben mag. Der Pianist Glenn Gould sang immer wieder mit, wenn er spielte. Das kam in der Musikwelt nicht oft vor. Die Große Freiheit kommt in der Welt auch nicht oft vor. In Riesa beginnt die Große Freiheit in Erscheinung zu treten und sich in den Prozess ihrer diesjährigen Verwirklichung zu begeben. Die Große Freiheit einmal im Jahr für alle. Hannah, das Kind, jetzt neben dem Catwalk, mit seinen Antworten zur Welt.

Text & Photos von © Asteris & Ina Kutulas

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 18.10.2017

Apassionata-Tagebuch von Asteris & Ina Kutulas, Riesa, 18. Oktober, später Nachmittag

Produktion „Apassionata – Der Traum“

Alle Tage dieses Wetter – wie im tiefsten Frieden. Sonne. Ein Himmel, der hoch über der Halle steht, blau, mit hingewischten Wolkenstrichen. Drinnen ist die Halle so weit wie draußen der Himmel.

Aufbau für die Apassionata-Show „Der Traum“. Konstruieren und montieren. Zaubern und verteidigen. Von überall her Geräusche – aus der Küche, aus der Halle die Sprecherstimme, Musik, das Mahlen der Kaffeemaschine im Catering-Bereich, Ventilatoren, Schritte, Teller … Stete Betriebsamkeit. Keine Spur von Nervosität.

Das Apassionata-Schwarz mit dem goldenen Schriftzug darauf. Requisiten wie große Spielzeuge für Königskinder. Der Sand muss vorbereitet werden. Das Portal steht. Ein großer tiefroter Vorhang. „Bolschoi“, sagt jemand im Vorbeigehen. Pracht. Man steht davor und dann zwischen schwarzen Stühlen, Kisten und Körben, und man fühlt sich, als sei man mitten in eine Geschichte geraten, die sich noch nicht verraten will, die aber schon lockt und einen ein bisschen auf die Folter spannt, bevor sie sich erzählen lässt. Als dürfe man noch nicht ins Weihnachtszimmer. Zeit der Vorfreude.

Für diejenigen, die hier alles zusammenbringen sollen, ist es vermutlich manches Mal eher die Zeit des Problemelösens. Viele Kisten auf Rollen. Technik-Equipment, Beschriftungen, Besen, ein Helm, Flaschen, Kartons, wechselndes farbiges Licht, blinkende Lampen, Wasserstrahlen … Und weiterhin Hip-Hop-Musik aus der Küche: „Was für eine Zeit! Was für eine Zeit! Was für eine Zeit! Was für eine Zeit!“ Eine schwarze Stopp-Hand bedeutet dort an der Tür, dass dieser Bereich tabu ist. Eine Stimme: „Soooooo … Die letzten Hackbällchen …“

Dampf, und eine magische Dampfmaschine steht hinten in der Halle noch an der Seite, die die Arena später wohl verzaubern wird. Die ersten Reiter sind eingetroffen. Ein Fahrzeug mit allem, was die Kostüm-Crew braucht, eine Überraschungs-“Kiste“. Ein schwebendes Objekt, das gravitätisch in der Luft hängt, als könnte es das Omen sein für diese Show.

Immer mehr Leute, die zur CREW gehören. Manche sind das erste Mal dabei, andere schon etliche Jahre. Es liegt etwas von einem ganz großen Erlebnis in der Luft, das bereits nach den Leuten greift und sie in seinen Plan einbezieht. Eine spannende Zeit, wenn alles, was bisher anderswo vorbereitet wurde, hier zusammenkommt, wenn aufgebaut wird und davor und dahinter gehängt, gerichtet, verbunden, zum Leuchten gebracht, bereits begleitet von der Geschichte, die jedes Jahr eine andere ist und jedes Jahr andere Bilder entstehen lässt.

Diese Vorbereitungsphase hat ihre eigene „Natur“, wenn all die Technik eine vermittelnde „Ebene“ bildet: eine Mittlerebene zwischen der Idee für diese Show, den Skizzen, Entwürfen und den Stimmen, Klängen, Farben, Materialien, die später erst dazukommen, eine „Mittlerebene“ zwischen den Rollen, blanken Metallen, geraden Linien und den kräftigen Pferdeleibern, Stimmungen, Anmut, Eleganz, Schönheit, Poesie.

Rationale Berechnungen und Kalkulationen, die jetzt noch präsent sind, sichtbar wie eine Wirbelsäule, ein funktionaler Apparat – aber „irgendwo“ schlägt ein unsichtbares Herz, von dem etwas Anziehendes ausgeht, so dass man vom Geschehen eingefangen und berührt wird.

Auch die Menschen tragen ihre Geschichten mit sich – in Tätowierungen, Frisuren, in ihren Namen, die ihnen gegeben wurden und die man erfährt, wenn man sich begrüßt, in all den Dingen, die ihre Arbeitsinstrumente sind oder ihre Entwürfe, ihre Pläne.
Viele hier haben schon viel gesehen, manche haben längst so etwas wie ein ganzes Leben gelebt, mit vielen Herausforderungen, mit kritischen Erfahrungen und Erlebnissen, die das Leben veränderten.

Draußen ist es nicht mehr hell. Abendstimmung. Die Musik, die aus der Küche kommt, ist sphärischer geworden. Unterhaltungen an Tischen, Wartezeiten. Jetzt bräuchte nur noch jemand aufkreuzen, der die Windlichter und Lampions verteilt und anzündet. Hier ist aber noch lange nicht Schluss. „Ich mach jetzt weiter“, sagt einer nach dem anderen und verschwindet.

Text & Photos von © Asteris & Ina Kutulas

„Cinema of Dreams“ Apassionata Show – Video Blinks

Rehearsal Video Blinks Apassionata „Cinema of Dreams“ Show 2016

Four video blinks I have shot with my iPhone during the rehearsals of the Apassionata show „Cinema of Dreams“ in Riesa (October 2016). This show was created and directed by Holger Ehlers. I was involved as a dramaturg and an artistic consultant. 

Postskriptum zu meinen Video-Blinks

Die Apassionata-„Video-Blinks“ sind ein Konzeptkunst-Filmprojekt, eine Art „Video-Tagebuch“ – mein subjektiver Blick auf Details der Apassionata-Show, die für mich besonders emotional, besonders spannend und besonders „künstlerisch“ sind. Ich „erschaffe“ mir meine Ideal-Show in kleinen kaleidoskopartigen „Schnipseln“, die für mich eine riesige Collage ergeben.

Jeder Video-Blink ist wie der Vers eines Gedichts – ein Gedicht voller Melancholie, Schönheit und Dynamik. Hier, bei den Apassionata-Proben schaue ich in die Gesichter der Tänzerinnen und Tänzer, der Reiterinnen und Reiter. Ich habe atmende Menschen vor der Kamera, die nicht nur „funktionieren“, sondern deren Individualität ich durch das Objektiv umso deutlicher sehe.

Der tagelange Prozess, bei dem diese Menschen nicht von der ersten Stunde an ihre Show-Kostüme tragen, sondern deren Körper anfangs ganz anders eins sind mit den Körpern der Pferde und mit dem „Körper“ der Show, mit der Musik. Die Luft, die aufgeladen ist, das Licht, das alles mit seiner Kraft verwandelt, der Augenblick der Transformation, wenn die Requisiten und Kostüme alles zu einer Geschichte machen – diese tagelange Entwicklung von morgens bis nachts nicht nur zu begleiten und mitzugestalten, sondern sie ab und zu mit der Kamera einzufangen, bedeutet auch für mich selbst Verwandlung. Darum produziere ich seit 2014 – neben der Probenarbeit und wenn ich Zeit habe – diese Apassionata „Video-Blinks“, die offenbaren, wie ich als Dramaturg die Apassionata-Show sehe, also seit wir sie – meiner Meinung nach – zu einem eigenständigen „Genre“ gemacht haben. Die Apassionata „Cinema of Dreams“ Video Blinks zeugen auch von diesem Prozess.

Asteris Kutulas

„Im Bann des Spiegels“ Apassionata Show – Video Blinks 2015

Apassionata – „Der Traum“: Video-Diary/Tagebuch