Mikis Theodorakis und der Film

Mikis Theodorakis als Filmkomponist
Einige persönliche Gedanken zu einem großen Thema

Rede in München, Gasteig

I

Ich bin Mikis Theodorakis 1980 in Ostberlin erstmals persönlich begegnet. Nachdem er etwa zehn Jahre in der DDR verboten gewesen war, kam er dorthin, um sein allererstes Konzert in Ostberlin zu geben, im Palast der Republik. Mikis dirigierte den „Canto General“. Es sangen Maria Farantouri und Heiner Vogt. Es folgten Hunderte von Projekten, die wir zusammen seitdem realisierten. Ab 1987 hatte ich immer eine Kamera bei mir, und jedes Mal, wenn ich Zeit hatte, filmte ich, in allen möglichen Situationen.

2013 beschlossen Ina Kutulas und ich, aus diesem vielfältigen und sehr umfangreichen Material einen Film zu machen. Das lag bis dahin im Schrank und wurde dadurch nicht besser. Zwei Kassetten waren bereits hinüber. Also höchste Zeit, diese Dokumente zu retten, aber auch, sie aus ihrem Museumsschachtel-Dasein zu erlösen. Es begann die Arbeit an Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road.

Plakat zur Weltpremiere von DANCE FIGHT LOVE DIE – WITH MIKIS ON THE ROAD 2017

Um die schlechte Bild- und Tonqualität zu konterkarieren und um dem Zuschauer nicht ausschließlich die Resultate meiner oftmals miserablen und eigenwilligen Kameraführung zuzumuten, beschloss ich – inspiriert von einer Geschichte aus Theodorakis’ Autobiographie –, eine zweite Film-Ebene einzuführen. Diese fiktionale, narrative, der Einfachheit halber so genannte „Spielfilm-Ebene“ sollte dem gestressten Auge immer wieder ein zeitweiliges Ausruhen und cineastische Eindrücke ermöglichen. Und andererseits gab mir diese Ebene die Möglichkeit, die schönsten Arien aus diversen Theodorakis-Opern als Filmmusik zu implementieren. Anders als mittels dieser schräg-episodenhaften Film-Szenen-Form wäre das gar nicht möglich gewesen.

Der Film entstand, nachdem ich für das Material ein für mich selbst schlüssiges Ordnungsprinzip entdeckte. Und das passierte während meiner Beschäftigung mit Nikos Kazantzakis, der ab 1907 in Paris promovierte und Friedrich Nietzsches Hauptwerk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ ins Griechische übersetzte. Nach Beendigung dieser Übersetzung begann er, seinen später weltberühmt gewordenen „Zorbas“-Roman zu schreiben, in dem er das dionysische Prinzip (also Zorbas) gegen das apollinische Prinzip (den Engländer) stellte – ein Konflikt, aus dem sich in seinem Buch und später im Film die Frage ergab: Was ist wichtiger im Leben – das Buch oder der Tanz? Die Beschäftigung mit diesem Stoff führte mich zur Lösung für mein ästhetisches Film-Problem. Ich musste also die „Geburt eines FILMS aus dem Geiste der Musik“ zuwege bringen. Das entsprach dem Werk von Theodorakis, dem Leben von Theodorakis und dem Charakter meines Film-Materials, das ich fast 30 Jahre lang produziert hatte.

So gab es auf der einen Ebene den Komponisten pur: „Mikis on the Road“, dirigierend, probend, diskutierend, reisend, schlafend, witzelnd, singend, und ich hatte – auf einer zweiten fiktionalen Ebene – seinen poetischen Kosmos, seine Philosophie, seine Märchen- und Mythenwelt, seine Anbetung des Schönen, des Weiblichen. Und dann merkten wir sehr schnell, dass noch eine dritte Ebene dazu gehörte – nämlich die vom Komponisten losgelöste, die von anderen Musikern oder Künstlern geschaffene, die (obwohl sie oftmals Theodorakis nicht mal kannten) seine Musik in unterschiedliche Sprachen, Stile, Länder, Musikrichtungen weitertrugen. Wir fanden Musiker, viel jünger als Theodorakis, überall auf der Welt, die Musik von ihm auf ihre eigene Weise interpretierten (die Alternativband Deerhoof aus San Francisco, der junge Komponist neuer Musik Sebastian Schwab aus München, die israelische Ethno-Reggae-Band Anna RF, die Sing-and-Song-Writerin Eves Karydas aus Australien, der Electrohouse-DJ Francesco Diaz aus Barcelona, die Homeopathic-Punk-Band Air Cushion Finish aus Berlin, die Rockmusikerin Maria Papageorgiou aus Athen und viele andere). Das wurde die dritte Ebene des Films.

All das zusammen – Mikis selbst, Mikis’ Fiktion, Mikis’ Adaption – ergibt einen universalen musikalischen Kosmos, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenbringt. Ohne dass Mikis die Musik zu unserem Film Dance Fight Love Die komponiert hatte, so komponierte er doch durch seine Musik den eigenen Film zu seiner Musik. Musikfilmkomponist des eigenen Lebensfilms. Fast ohne Kommentar. Zehntausende Bilder zu etwa sechzig Musiken.

RECYCLING MEDEA beim EPOS-Filmfestival in Tel Aviv 2015

Wie musikalische Emotion und bestimmte Bilder, verknüpft mit einer modernen Film-Ästhetik, sich jungen Leuten vermitteln, konnten wir bei Recycling Medea (2014), unserem ersten Musikfilm feststellen. Die Resonanz bei den unter 25jährigen auf die Aspekte Partnerschafts- und Generationenkonflikt, gesellschaftliche Perspektive bzw. Perspektivlosigkeit, politische Gewalt und verdrängte Schönheit in diesem „kein Ballett-Opern-Film“ war für uns sehr beeindruckend. Sowohl in Griechenland als auch in Deutschland, in den USA und Israel hatten die Jugendlichen überhaupt kein Problem, die doch relativ komplexe, anspruchsvolle, fordernde Theodorakis-„Medea“-Opernmusik in Verbindung mit den Bildern anzunehmen – als etwas, das sie angeht und ihr Ureigenstes ausdrückt. Es ist interessant zu sehen, wie der Recycling-Medea-Film an unterschiedlichen Gymnasien und Universitäten in Deutschland, Holland, Griechenland und den USA als etwas Neues und Wahrhaftiges rezipiert wird.

II

Anfang der 80er Jahre war ich in der DDR unter anderem auch der Dolmetscher von Theodorakis. Neben sehr vielen öden Begegnungen, bei denen ich übersetzte, gab es durchaus einige äußerst interessante. Zu den spannendsten gehörte die von Theodorakis und Konrad Wolf, dem damaligen Präsidenten der Akademie der Künste in Ost-Berlin. Wolf war ein ganz außerordentlicher Intellektueller. Als einer der wenigen DDR-Regisseure international anerkannt. Mit „Solo Sunny“ hatte er 1979 einen der wichtigsten DDR-Filme gemacht. Ich war zwischen 1980 und 1982 bei drei Begegnungen von Theodorakis und Wolf anwesend, bei denen es darum ging, dass Wolf (der damals an einem Ernst-Busch-Film arbeitete) mit Theodorakis über ein Film-Großprojekt oder „eine Art Lebenswerk“, wie er es nannte, sprach. Er wollte zu Theodorakis’ „Canto General“-Musik (die auf dem mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Poem von Pablo Neruda beruht) einen Film über DIE Revolution machen, ohne Kommentar, ohne Worte, einfach vertrauend auf die aus Dichtung, Musik und Bild resultierende emotionale Kraft.

Es war ein atemberaubendes Projekt, das einen sofort begeisterte. In der Tradition der russischen Avantgarde – Liebe, Kampf, Passion, Aufstand, Opfer, Natur, Tod vereinigend. Konrad Wolf verstarb, bevor er die Arbeit am Drehbuch abschließen konnte, und ich nehme an, dass der 21jährige, der ich damals war, diese ungeheure Inspiration mitnahm und nach 30 Jahren einfließen ließ in DANCE FIGHT LOVE DIE.

Seitdem begleitet mich auch der „Canto General“, dessen Musik übrigens 1973 im Film „Der unsichtbare Aufstand“ (State of Siege) von Costa Gavras zum ersten Mal erklang. Damals gespielt von Los Calchakis. Ein zu seiner Zeit legendärer Film mit einer legendären Musik.

III

Zwischen 1991 und 1997 arbeitete ich in den Archiven von Mikis Theodorakis, um sein Werkverzeichnis zu schreiben, das dann 1998 auch tatsächlich beim Livanis-Verlag in Athen veröffentlicht wurde. Ein 400-seitiges Konvolut. Es brachte einen vollkommen unbekannten Theodorakis ans Licht. Dieser Vorgang war aus mehreren Gründen interessant. Erstens: Ich war kein Musikwissenschaftler, sondern Germanist, und das Letzte, wovon ich meinte, dass ich imstande gewesen wäre, es zu tun, war: ein Musikwerkverzeichnis herauszugeben. Aber in dieser, unserer seltsamen Heimat Griechenland gab es damals weder das Interesse von Musikwissenschaftlern, sich mit dem Werk von Theodorakis zu beschäftigen, noch gab es den Willen, geschweige denn die Motivation bei etlichen Vertretern der Intelligenz (vor allem so genannten linken), ihre Vorurteile im Hinblick auf einen außerordentlichen und unikalen Komponisten mal beiseite zu lassen und sich objektiv mit dessen Schaffen auseinanderzusetzen, z.B. indem man ein Werkverzeichnis herausgibt, bei dem es darum geht, das Gesamt-Werk eines Komponisten wissenschaftlich für die Forschung und die Musikpraxis aufzuarbeiten. Als das Werkverzeichnis dann herauskam, änderte sich fast alles, würde ich sagen, in Bezug zum Komponisten Theodorakis.

Warum ich hier von Theodorakis’ Werkverzeichnis erzähle, hat folgenden Grund: Ich hatte damals 313 Werk-Einheiten zusammengetragen, die Theodorakis zwischen 1937 und 1997 komponierte, und Mikis gebeten, seinen Werken Opus-Zahlen zu geben. An die 313 gelisteten Werk-Einheiten vergab er nur 135 Opus-Zahlen. Das heißt, dass er selbst nur ein Drittel seiner Kompositionen als seinen Kriterien genügende Werke ansah – eine sehr interessante Feststellung. Bemerkenswert dabei ist, dass er keiner seiner 33 Film-Musiken eine Opus-Zahl gab, nicht mal der Musik zum „Zorbas“-Film.

2010, ein paar Monate vor dem Tod von Michalis Cacojannis (dem Regisseur des Zorbas-Films) hatte ich die Möglichkeit, ein gemeinsames Interview mit Cacojannis und Theodorakis filmisch festzuhalten. Während dieses Gesprächs definierte Theodorakis die Aufgabe des Film-Komponisten so, dass dieser vor allem den Wünschen des Regisseurs bis ins Detail zu folgen und den Bildern des Films zu dienen habe. Das ist offensichtlich der Grund dafür, dass Mikis – obwohl er zum Teil sehr gern für Filme komponiert hat – diese Arbeit nicht als eigenständige Kompositionsform akzeptieren konnte. Jedenfalls nicht für sich selbst.

IV

Theodorakis’ Inhaftierung während der Junta 1967 erregte weltweit Aufsehen, denn mit ihm hatte man jemanden in eine Zelle gesteckt, der als Komponist bereits ein Star war, der längst einen Namen hatte und international Millionen Fans. Zehn Jahre vorher war Theodorakis u.a. als neuer Strawinsky gefeiert worden. Dieser „neue Strawinsky“ saß jetzt in einem elenden Knast, in einer elenden Zelle. 

Die Tatsache, dass Theodorakis inhaftiert wurde und später ins Exil gehen musste, verbunden mit der Tatsache, dass er ein anarchischer Freigeist war, führte zu einer weltweiten Sympathie, jenseits von Parteigrenzen. (Später wurde ihm allerdings diese Freigeistigkeit innerhalb des dogmatisch-bipolaren Systems in Griechenland zum Verhängnis.)

Heute ist Theodorakis als PERSON international kaum noch bekannt. Natürlich kennt ihn „fast“ jeder Grieche, und natürlich gibt es Millionen weltweit, die ihn noch kennen und viel mehr, die seine Musik hören. Aber er bleibt der bekannteste unbekannteste Komponist des 20. Jahrhunderts. Theodorakis ist zugleich vielleicht der einzige Komponist „ernster Musik“ des 20. Jahrhunderts, dessen Lieder von Jüngeren weltweit und stetig gecovert werden – und das, obwohl sie nicht aus dem englischen Sprachraum stammen.

Und so kommen wir wieder zu unserem Thema: die meisten dieser gecoverten Lieder oder Musiken sind tatsächlich durch Filme bekannt geworden. Angefangen hat dieser Erfolgsweg Theodorakisscher Filmkomposition in Hollywood, im Jahr 1958, mit Honeymoon, einem Ballett-Film des damals wohl berühmtesten Regisseurs, Michael Powell; Choreograph war Leonide Massine. Der „Honeymoon“-Song wurde in den Jahren 1959/60 ein Welthit, den selbst die Beatles drei Jahre später, 1967, im BBC-Studio von London aufnahmen.

Der nächste große Erfolg für Theodorakis war die Musik zum Jules-Dassin-Film Phädra (1962), mit Melina Mercouri und Anthony Perkins in den Hauptrollen. Im selben Jahr sang Edith Piaf zwei Theodorakis-Songs im Film Les amants de Teruel, für den Theodorakis die Filmmusik schrieb. Regie führte Raymond Rouleau.

Vor seinem endgültigen internationalen Durchbruch mit dem „Zorbas“ schrieb Theodorakis für den Film – bei dem er erstmals mit Michalis Cacojannis zusammenarbeitete – seine wahrscheinlich interessanteste und beste Film-Musik: „Elektra“. Überhaupt ist die Antiken-Trilogie von Cacojannis (Elektra (1963), Troerinnen (1971) und Iphigenie (1978) – alle mit Theodorakis-Musik) ein Meilenstein, nicht nur in der Antike-Rezeption des griechischen Kinos, sondern auch in der Auseinandersetzung eines Filmkomponisten mit antiken Mythen im Film.

Theodorakis ist ein Komponist, der Sinfonien und Opern geschrieben hat, dessen Chor- und kammermusikalische Werke überall auf der Welt immer wieder aufgeführt werden, und dessen Lieder und Melodien nach zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig Jahren nach ihrer Entstehung immer wieder gecovert werden von jungen Musikern überall auf der Welt, die oft nicht mal wissen, wer überhaupt der Komponist ist. Diese Tatsache – so scheint mir – macht aus Theodorakis einen einmaligen Fall unter allen Komponisten des 20. Jahrhunderts.

© Asteris Kutulas
Rede in München, Gasteig, Griechische Filmwoche 2015

Photos © by Asteris Kutulas

Recycling Medea – Film-Rezensionen & Kritiken

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