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Mikis Theodorakis und die DDR: eine Annäherung im Gespräch mit Asteris Kutulas – von Bart Soethaert

Centrum Modernes Griechenland & Freie Universität Berlin präsentieren: CeMoG-Newsletter vom  17.11.2021

CeMoG-Editorial: Im Gespräch mit Bart Soethaert geht Asteris Kutulas als beteiligter Akteur und Zeitzeuge näher ein auf die Produktions-, Wahrnehmungs- und Rezeptionsbedingungen für die Musik von Theodorakis, insbesondere in den 1970er und 1980er Jahren in der DDR.

Das Gefühl der Freiheit. Mikis Theodorakis und die DDR: eine Annäherung

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis, 1981 in der DDR (Photo © by Privatier/Asti Music)

Bart Soethaert: In seinem Nachruf auf Theodorakis für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (02.09.2021) schrieb Gerhard R. Koch, dass dessen Erfolg und anhaltende Wirkung einer „quasi Dreizack-Ästhetik von elaborierter Komposition, aktivem gesellschaftlichem Widerstand und überaus erfolgreicher Popularisierung“ zu verdanken ist. Herr Kutulas, Sie haben als Produzent und Freund über viele Jahre sehr eng mit Theodorakis zusammengearbeitet. In welchem Sinn stellt er für Sie einen „Ausnahmekünstler“ dar?

Asteris Kutulas: Zunächst gilt festzuhalten, dass Mikis Theodorakis ein unglaubliches Talent hatte. Die Musik floss aus ihm als brausender Strom heraus – und das bis 2009, als er seine letzte Komposition „Andalusia“ für Alt und Sinfonieorchester fertigstellte.

Zudem war er ein Energiebündel. Sein umfangreiches Werkschaffen ergab sich aus diesem musikalischen Talent und daraus, dass er ständig arbeitete, ständig komponierte, arrangierte, dirigierte, auf der Bühne stand, bei Aufnahmen in Studios war und so weiter und so fort. Theodorakis wirkte auf mich immer wie ein schöpferisch pulsierender Künstler.

Ein weiteres Element, das sein Wesen ausmachte, war – und das mag anfangs vielleicht banal klingen – dass er alle Menschen bedingungslos liebte, sozusagen mit „Haut und Haar“. Diese positive emotionale Grundeinstellung gegenüber anderen Menschen traf bei Theodorakis mit einer ausgesprochen libertären Gesinnung zusammen. Er war ein Freigeist, ein absoluter Anti-Opportunist, der mit keinen Dogmen – politischen, moralischen, religiösen usw. – zurechtkommen konnte.

Den dritten Aspekt hat, so meine ich, der Künstler Joseph Beuys am besten auf den Punkt gebracht, als er über Theodorakis sagte, dieser sei für ihn eine „soziale Plastik“.

Theodorakis wurde zu dem, der er mit seiner Musik und seiner Persönlichkeit für Griechenland und die Welt geworden ist, weil er aus diesen Grundzügen heraus als personifiziertes „Gesamtkunstwerk“ gesellschaftlich agieren und auf die jeweiligen Verhältnisse einwirken konnte.

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas

Bart Soethaert: Worin sehen Sie die soziokulturelle Leistung der Musik von Theodorakis in der griechischen Nachkriegsgesellschaft?

Asteris Kutulas: Weil durch den Bürgerkrieg eine „unnatürliche Entzweiung des griechischen Volkes“ – dieser Ausdruck stammt von Theodorakis selbst – erfolgte, sah er als Komponist und Künstlerpersönlichkeit seine Rolle darin, über die Musik eine Verständigung der sich feindlich gegenüberstehenden politischen Lager herbeizuführen. Dieses Anliegen wird bereits in der Widmung seiner Ersten Sinfonie deutlich. Die Komposition begann er während seiner Verbannung und Haft auf Ikaria und Makronisos 1948, mitten im griechischen Bürgerkrieg, und er beendete sie einige Zeit danach. 1955 wurde die Erste Sinfonie in Athen uraufgeführt. Theodorakis hatte das Werk zwei Freunden gewidmet, Makis Karlis und Vassilis Zannos, die im Bürgerkrieg auf der jeweils anderen Seite – „gegeneinander“ – kämpften und 1948 kurz nacheinander umgekommen waren.

Auch seine Liedkompositionen der 1960er Jahre bewirkten in dieser Hinsicht sehr viel. Er vertonte nicht nur Gedichte des Kommunisten Jannis Ritsos, dessen Werke 20 Jahre lang verbotene Lektüre waren, sondern z.B. auch von Giorgos Seferis, zur selben Zeit Diplomat im Staatsdienst. Es fasziniert mich, dass durch Theodorakis‘ Vertonungen nicht nur die hehre Poesie alsbald in aller Munde war und von den Menschen verinnerlicht wurde, sondern dass Theodorakis darüber hinaus seine Liedkompositionen als ein gesellschaftspolitisches Mittel der Verständigung einzusetzen vermochte. Dieses Engagement zur Aussöhnung der Bürgerkriegsparteien hat ihm stets – jahrzehntelang – Kritik von beiden Seiten eingebracht.

Mikis Theodorakis Jannis Ritsos Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis, Jannis Ritsos, Asteris Kutulas, Dresden 1984 (Photo by © Privatier/Asti Music)

Bart Soethaert: Ihre Familie siedelte 1968 aus Rumänien in die DDR über. In welchem Kontext entstand Ihr Interesse an Mikis Theodorakis? Wie kamen Sie mit seiner Musik in Berührung?

Asteris Kutulas: Ich war mit den Schallplatten von Theodorakis aufgewachsen; seine Musik gehörte seit den 1960er Jahren zu unserem Familienleben, Werke wie z.B. Axion Esti haben meine Eltern und ich „rauf und runter“ gehört.

Dadurch hat es mich 1980 einfach mitgerissen, als ich als Zwanzigjähriger Theodorakis zum ersten Mal im Berliner Palast der Republik begegnet bin. Die Erstaufführung des Canto General in der DDR, das war für mich ein sehr besonderer Abend: Theodorakis stand da ganz in meiner Nähe als Dirigent. Ich war damals Dolmetscher für die Sängerin Maria Farantouri. 1981 kam er wieder, um die endgültige Fassung des „Großen Gesang“, basierend auf den Texten von Pablo Neruda, aufzuführen, wo ich dann als sein Dolmetscher arbeitete. Wir freundeten uns an und unsere Zusammenarbeit begann.

Immer, wenn man mit ihm zusammen war und an seiner Energie teilhaben konnte, lebte man wie in einer pulsierenden Wolke aus Musik, Poesie, Philosophie, Geschichte, Politik, darstellender Kunst und einem unbändigen Gefühl von Freiheit. Ich wollte aus dieser Energiewolke nicht mehr raus. Dieses künstlerisch-anarchistische Leben wollte ich unbedingt führen.

Sie müssen wissen, ich bin ein Kind der „politischen“ Diaspora, die aufgrund des Bürgerkriegs (1946-49) ab 1950 auch in der DDR entstand. In diesem Kontext hatte Theodorakis für mich „gesellschaftspolitische Relevanz“, und zwar vor allem durch diese Verbindung, ein Linker und zugleich ein Freigeist zu sein, was die Linken sehr oft irritierte.

Bahnbrechend war für mich darüber hinaus, dass Mikis als „ernster Komponist“ Lieder geschrieben hat, deren Melodien sich mit der höchsten Dichtung der literarischen Moderne Griechenlands verbanden, wobei sich die Popularität dieser Lyrik in Griechenland und auch die internationale Bekanntheit bis heute erhalten haben. Die Trias seiner Ästhetik – Musik, Poesie und Freiheitsanspruch – ist so wirksam, weil sie eine Synthese darstellt.

Mikis Theodorakis
Mikis Theodorakis Werkverzeichnis/Catalogue of Works by Asteris Kutulas, Livanis Edition 1997

Bart Soethaert: Die Aufführung des Canto General 1980 in Berlin-Ost markierte einen Neubeginn für Theodorakis in der DDR, nachdem seine Musik zehn Jahre (1970-1980) nicht mehr im Rundfunk gespielt werden durfte und die in den Lagerbeständen noch vorhandenen Theodorakis-Schallplatten auf Befehl der DDR-Führung zerstört worden waren. Wie kam es dann dazu, dass die DDR in den Achtzigerjahren weder Zeit noch Mühe scheute, Theodorakis eine Bühne zu geben? Er ist einige Jahre lang immer wieder zu Arbeitsaufenthalten in die DDR eingeladen worden, konnte mit den besten Chören, Orchestern und Dirigenten arbeiten und seine Werke aufführen.

Asteris Kutulas: Dass Theodorakis ab 1980 in der DDR wieder präsent war, dass wieder Werke von ihm auf Schallplatte veröffentlicht wurden, dass es zu den ersten Theodorakis-Konzerten überhaupt in der DDR kam, das alles war der Hartnäckigkeit und dem Engagement von Peter Zacher zu verdanken, einem angesehenen Musikkritiker aus Dresden, der stark in die Singe- und Folklorebewegung der DDR involviert war. Peter hatte sich seit 1975 unermüdlich um eine Aufführung des Oratoriums „Canto General“ in der DDR bemüht. Das wurde erst 1980 möglich, als Theodorakis als Parteiloser wieder mit der Kommunistischen Partei Griechenlands kooperierte. Da hob man in einigen sozialistischen Ländern, wie z.B. in der DDR, das Verdikt gegen ihn auf. Peter Zacher konnte dann 1980 die Aufführung des „Canto General“ im Palast der Republik bewirken und später durch seine Vernetzung mit der Musikwelt der DDR u.a. mit Persönlichkeiten wie Herbert Kegel, Kurt Masur, Udo Zimmermann sowie mit Institutionen wie den Dresdner Musikfestspielen, der Halleschen Philharmonie und dem Dresdner Kreuzchor weitere Aufführungen von Theodorakis-Werken initiieren. Auf Vermittlung von Peter Zacher kam es zu den Uraufführungen u.a. der Liturgie Nr. 2, der Frühlingssinfonie, der Sadduzäer-Passion und der 3. Sinfonie. Wenn Peter Zacher nicht gewesen wäre, hätte es das alles nicht gegeben. 1986 haben Peter Zacher und ich auch den Band mit Schriften, Essays und Interviews von Theodorakis gemeinsam übersetzt und bei Reclam herausgegeben. [Mikis Theodorakis, Meine Stellung in der Musikszene, erschienen 1986 in Reclams Universal-Bibliothek]

Jannis Ritsos Asteris Kutulas
Peter Zacher & Jannis Ritsos, Dresden 1984 (Photo © by Asteris Kutulas)

Kennengelernt hatte ich Peter Zacher 1976, als ich an der Dresdner Kreuzschule – heute heisst sie Kreuzgymnasium – Schüler war, weil zu dieser Schule seit dem 15. Jahrhundert auch der weltberühmte Kreuzchor gehörte, und Peter Zacher hat mit dem Kreuzchor zusammengearbeitet. Mit der Musik von Theodorakis war er Mitte der sechziger Jahre in Berührung gekommen, weil im nahen Radebeul seit dem Ende des griechischen Bürgerkriegs 1949 eine griechische Gemeinde existierte. Ab 1966 und bis in die 1970er Jahre betreute Peter Zacher an der TU Dresden (TUD) ein Ensemble junger Musiker, die zu den griechischen Emigranten gehörten, und diese hatten auch viele Theodorakis-Lieder im Repertoire.

In der Zeit, als Theodorakis in der DDR von offizieller Seite totgeschwiegen wurde, brachte 1975 ein junger Dresdner Grieche, Nikos Kasakis, das Theodorakis-Doppelalbum „Canto General“ aus Griechenland mit und lieh es Peter Zacher. Der war schon länger ein Bewunderer von Maria Farantouri, und als er dann den „Canto General“ hörte, verliebte er sich sofort auch in dieses Werk und wollte es unbedingt in die DDR holen. Von da an hat er das wieder und wieder versucht, bis dann schließlich 1980 Theodorakis zum ersten Mal nach Berlin-Ost kommen konnte und mit dem „Canto General“ im Palast der Republik sein erstes Konzert in der DDR gab. Bis dahin hatte es schon hunderte Theodorakis-Konzerte in der Bundesrepublik Deutschland gegeben. Jetzt begann sich auch in der DDR eine Fangemeinde zu bilden.

Bart Soethaert: Maria Farantouri, Heiner Vogt und der Rundfunkchor Berlin interpretierten an dem Abend im Rahmen des 10. Festivals des politischen Liedes die sieben bis dahin vorliegenden Sätze des Canto General. Bei dieser Gelegenheit lernten Sie, wie vorhin schon erwähnt, Mikis Theodorakis persönlich kennen. Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an diesen Abend zurückdenken, nach dem Theodorakis in der DDR dann wieder in aller Munde war? Was vermittelte der „Canto General“ im vollen Saal im Palast der Republik?

Asteris Kutulas: Der „Canto General“ offenbart einen unikalen melodischen Fingerabdruck; er zeugt von kompositorischer Größe und ist eines der schönsten Chorwerke des 20. Jahrhunderts. Hinzu kommt diese spanischsprachige, meisterhafte Poesie Nerudas! Kurz gesagt: An diesem Abend, im geteilten Berlin, in der DDR, in der es keine Reisefreiheit gab, aus der die meisten Bürger also nie rauskamen, atmete die Aufführung das, was hinter der Grenze lag: „Welt“. Dass Theodorakis‘ und Nerudas Werk – die Werke zweier utopischer Kommunisten – so im Palast der Republik zusammenkamen, das war für viele junge Menschen und Intellektuelle in der DDR ein Glücksfall sowie ein Zeichen der Hoffnung im Hinblick darauf, dass das Ideal eines humanistischen Kommunismus‘, also eines Ideals von Freiheit, Würde und Naturverbundenheit, zumindest gedacht und geträumt werden konnte.

Bart Soethaert: Es ist eine ironische Wendung der Rezeptionsgeschichte, dass Theodorakis erst 1980, am selben Abend im Palast der Republik, die Urkunde der Ehrenmitgliedschaft der Akademie der Künste der DDR – eine Ehrenmitgliedschaft, die ihm bereits 1968 zugesagt worden war – feierlich überreicht worden ist. Wie war es dazu gekommen, dass Theodorakis 1967-1970 in der DDR außerordentlich große Bekanntheit erlangt hatte?

Asteris Kutulas: Als sich im April 1967 in Griechenland das brutale Militärregime an die Macht putschte, musste Theodorakis in die Illegalität gehen; er wurde im August desselben Jahres verhaftet. Am 1. Juni 1967 trat ein Armeebefehl in Kraft, der das Hören, die Wiedergabe oder das Spielen von Theodorakis‘ Liedern und sogar den Besitz von Tonträgern mit Theodorakis-Liedern verbot.

International bekannte Persönlichkeiten wie z.B. Arthur Miller, Harry Belafonte und Dmitri Schostakowitsch gründeten ein Komitee und forderten seine Freilassung.

In der DDR hat sich Mitte November 1967 der Schriftsteller Hermann Kant mit einem Aufruf in der Zeitung Neues Deutschland an alle Kinder der Republik gewandt, Theodorakis auf Postkarten gemalte bunte Blumen zu schicken. Angela Merkel berichtete in einem Interview, dass auch sie damals eine Blume mit dem Aufruf „Freiheit für Theodorakis“ an das Gefängnis Averof in Athen geschickt hatte.

Der Druck der gewaltigen internationale Solidaritätswelle führte dazu, dass Theodorakis aus der Haft entlassen wurde und im April 1970 nach Paris ausreisen konnte.

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis, Athens 2010 (Photo by © Asteris Kutulas)

Bart Soethaert: Aus dem Dezember 1967 stammt auch das Sonderheft Mikis Theodorakis mit einer Auswahl von Gedichten von Giannis Ritsos in der deutschen Nachdichtung von Bernd Jentzsch und Klaus-Dieter Sommer und mit Liedtexten, inklusive Noten, von Theodorakis. Das Sonderheft erschien in einer Auflage von 50.000 Exemplaren in der ebenfalls 1967 gegründeten und sehr populären Lyrikreihe Poesiealbum beim Berliner Verlag Neues Leben, dem Verlag der DDR-Jugendorganisation „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ). Im Verlagsgutachten, das zusammen mit dem Manuskript zur Erlangung einer Druckgenehmigung bei der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im DDR-Ministerium für Kultur eingereicht wurde, begründete der Lektor Klaus-Dieter Sommer u.a., dass diese Sonderausgabe nicht nur „unsere Solidarität mit den griechischen Patrioten bekundet“, sondern insbesondere auch „Jugendlichen, vor allem den Singeklubs, ein gutes Material in die Hände gibt“, denn Theodorakis hat mit seinen „außerordentlich einprägsamen, leicht sangbaren Vertonungen“ und „volkstümlichen Kompositionen ein Beispiel dafür geschaffen, wie man mit Liedern, mit politischen Liedern, breite Schichten erreichen kann“. Was sagt aus Ihrer Sicht die Argumentation über den Versuch aus, den Komponisten zu vereinnahmen?

Asteris Kutulas: Es wird hier deutlich, dass Theodorakis’ Musik das Publikum der DDR in mehreren Wellen erreichte und dass die erste Popularitätswelle in der DDR (1967-1970) qualitativ differenzierter zu betrachten ist als die Situation ab 1980. Das Verlagsgutachten macht m.E. klar, wie in der ersten Welle die Aussage der Texte und der Freiheitsanspruch an zweiter Stelle standen und an erster Stelle die etwas unbeholfen als „volkstümliche Kompositionen“ bezeichneten Melodien. Diese – politisch bedingte – „einseitige“ Theodorakis-Rezeption war bereits der Vorbote dessen, dass die DDR-Staatsführung den Komponisten und seine Musik bereits zwei Jahre später schon wieder verboten hat.

Während Theodorakis‘ Lieder im Westen immer wieder zu Hits wurden und die Charts stürmten, wurde in sehr vielen sozialistischen Ländern seine Musik überhaupt nicht gespielt.

Wie vorhin ausgeführt, änderte sich das 1980. Die DDR-Politiker haben in den 80er Jahren zwar nicht direkt etwas für Theodorakis‘ Werk getan, aber sie haben es zumindest nicht mehr blockiert, denn die ideologische Haltung war etwas lockerer geworden. Außerdem haben sie stets versucht, Theodorakis’ Präsenz in der DDR propagandistisch für sich zu nutzen. Theodorakis war allerdings nur schwer zu vereinnahmen – das wussten die DDR-Oberen, und sie waren ihm gegenüber auch stets vorsichtig. Sie misstrauten ihm bis zum Schluss.

Hermann Axen war Mitglied des Politbüros der SED, galt als sehr gebildet, er sprach Französisch, war von den Nazis verfolgt worden, nach Paris geflohen, da hatte er mit Theodorakis einen Berührungspunkt, Paris als Exil; er lud im Januar 1989 Theodorakis zu einem Essen ein. Kaum hatte Mikis eine DDR-kritische Frage zur Inhaftierung von jugendlichen Demonstranten gestellt, fing Herr Axen über alles mögliche zu reden und hörte nicht mehr auf, bis das Treffen beendet war. Zu einem weiteren Treffen kam es nie mehr.

Es gab immer mehr Fans in der DDR, die Theodorakis sprechen wollten, die ihn im Konzert erleben wollten oder denen es teilweise Spaß machte, ihm eine Zigarre zu besorgen oder ihm Fotos zu schenken, Bilder, Grafiken, Texte etc. Das waren die Leute, für die Theodorakis in die DDR kam, diese jungen Leute, die sich dachten: „Die Gedanken sind frei …“ Und dann waren da noch die Leute, die sich aus kompositorisch-musikalischer Sicht für seine Werke begeisterten wie z.B. Günter Mayer, Udo Zimmermann und etliche andere. Dazu gehörte auch Konrad Wolf, der damals den Plan hatte, einen großen Film über die REVOLUTION zu machen auf der Grundlage des Soundtracks von „Canto General“. Es gab mehrere diesbezügliche Gespräche zwischen Theodorakis und Wolf, bei denen ich dolmetschte. Konrad Wolf ist früh gestorben. Das hätte ein interessanter Film werden können. Konrad Wolf war völlig klar, dass Mikis nichts mehr beweisen muss und dass diese Musik, diese Poesie, dieser Freigeist für viele vor allem Inspiration bedeutete, Hoffnung, Energie, und darauf kam es an.

Bart Soethaert: Während in Paris andere prominente Exilanten wie Melina Mercouri, Maria Farantouri und Costa-Gavras auf Theodorakis warteten, um mit ihm vereint den Kampf für Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit fortzuführen und es zwischen 1970 und 1974 allein schon in West-Europa hunderte von anti-diktatorischen Konzerten gab, wurde es in der DDR 1970 still um Theodorakis. Was war passiert?

Asteris Kutulas: 1970 war erstmal Schluss, weil Theodorakis sich öffentlich gegen den Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei aussprach und sich zum Euro-Kommunismus bekannte, der sich vom Moskauer Führungsanspruch lossagte und für die Kommunistischen Parteien in mehreren westeuropäischen Ländern politische und ideologische Selbstständigkeit beanspruchte.

1972 wurde Theodorakis in die Sowjetunion nach Jalta eingeladen, und dort hat Leonid Breschnew ihm angeboten – so erzählte mir Theodorakis –, der nächste Generalsekretär der Kommunistischen Partei Griechenlands zu werden. Theodorakis lehnte ab, weil er die Entscheidung darüber, wer die Führungsperson der griechischen KP sein wird, nicht in der Zuständigkeit des Moskauer Politbüros sah. Außerdem ist Theodorakis zu dieser Zeit nicht Mitglied der KP gewesen; er war aus der Partei ausgetreten. Innerhalb von Stunden musste Theodorakis in Jalta das Hotel wechseln und am Tag darauf die Sowjetunion verlassen.

Drei Jahre, nachdem in der DDR Paul Dessau den vorhin erwähnten Armeebefehl Nr. 13, der „die Wiedergabe oder das Spielen der Musik des Komponisten Mikis Theodorakis“ verbot, zu Ehren von Theodorakis für Sprecher, gemischten Chor und neun Instrumente musikalisch umgesetzt hatte, um in der Deutschen Demokratischen Republik diese Maßnahme des Militärregimes zu verdeutlichen, die u.a. das Ende der Freiheit der Musik bedeutete, wurde Theodorakis auch in der DDR zur persona non grata.

Das Interview mit Asteris Kutulas führte Bart Soethaert.

Weitere Quellen

Asteris Kutulas ist Autor, Filmemacher, Übersetzer, Musik- und Eventproduzent. Sein neuestes Werk Electra 21 feierte bei den 55. Internationalen Hofer Filmtagen am 30. Oktober 2021 Weltpremiere.

Bart Soethaert ist Neogräzist und Postdoc am Exzellenzcluster 2020 „Temporal Communities“ der Freien Universität Berlin. Derzeit erforscht er die Rezeption der Romane von Nikos Kazantzakis in globaler Perspektive (1946–1988).

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Nachtrag: Mikis Theodorakis zu Peter Zacher

„In Ost-Berlin lernte ich 1980 Peter Zacher aus Dresden kennen, der sich während der ganzen Zeit, als ich in der DDR verboten war, für mich und mein Werk und vor allem für den „Canto General“ eingesetzt hatte. Schließlich wurde der „Canto General“ 1980 in Berlin im „Palast der Republik“ aufgeführt. Das Konzert war so ein Riesenerfolg, dass ich danach gleich einen Auftrag für ein sinfonisches Werk bekam. So kehrte ich nach Paris zurück und legte los. Die „2. Sinfonie“ entstand. Sie basierte auf dem Material aus der Pariser Zeit der 50er Jahre. Ich brauchte nicht immer noch mehr und mehr zu schreiben, denn ich hatte bereits einen ganzen Koffer voll fertiger Sachen, so dass ich gar nicht wusste, was ich damit zuerst machen sollte; und so verarbeitete ich dieses Material u.a. in der „2. Sinfonie“. Sogar aus den 40er Jahren, als ich in den Verbannungslagern gewesen war, gab es noch genügend Material.“ (Mikis Theodorakis)

taz Interview mit Asteris Kutulas

Electra 21 – A Liquid Staging installation

Electra 21
Four movies. One Soundtrack. No happy end.

ELECTRA 21, a Liquid Staging show consisting of four films running synchronously to one soundtrack with the music of Mikis Theodorakis. In the center, the audience.

4 films, played simultaneously on
4 different screens that are
placed around the audience area

ELECTRA 21 – An immersive cinematic experience of the 21st century.

Director’s Statement

For a long time, I’ve had a vision of combining the worlds of cinema, ballet and show – in a work of art for the 21st century. Hence the title ELECTRA 21. 

The Liquid Staging project, ELECTRA 21, consists of four films, played simultaneously on four different screens that are placed around the audience area, showing different dance scenes, rehearsals, and fantasies based on the Electra ballet performance by choreographer Renato Zanella.

The four films are played synchronously to the same musical recording of the Electra opera by Mikis Theodorakis.

This cinematic show installation moves away from the one-dimensional view of the 19th century and offers the audience the polydimensional perspective, which corresponds far better to the complexity of our epoch.

I was extraordinarily lucky to be able to use the phenomenal music of Mikis Theodorakis as the basis for ELECTRA 21, and to work with him personally on the soundtrack in July 2021. 

The music of Mikis Theodorakis, the gripping elemental choreography of Renato Zanella, the fantastic dance artistry of Sofia Pintzou, the mastery of the cinematographer James Chressanthis (ASC) and the artistic input of Achilleas Gatsopoulos and of all the other artists involved in this project, make our liquid staging production, ELECTRA 21, an impressive, highly emotional and innovative work.

Asteris Kutulas, October 2021

Electra 21 Asteris Kutulas

Electra, a timeless thriller by Sophocles.

The father sacrifices his eldest daughter for power and fame.  
Years later, his wife takes revenge and slays him.
Their children, Electra and Orestes, kill her to avenge their father.
A circle of hatred and destruction. No happy ending.

Electra 21, Asteris Kutulas

Mikis Theodorakis on Electra & Clytemnestra

Agamemnon kills his daughter Iphigenia: in doing so, he violates the law of universal harmony; Clytemnestra kills her husband Agamemnon in revenge: she also violates this law; their children Electra and Orestes ostensibly follow this law, but when they kill their mother Clytemnestra, this continues the act of tragic entanglement and begins a new cycle of criminal action.

Electra is a young girl, beautiful but lonely, a princess who has „married“ the shadow of her father Agamemnon, the daughter who loves her murdered father above all else. As a result, there is something magical about this character.

Electra hates her mother Clytemnestra, and this hatred is something unnatural.

Electra loves her father’s shadow, she loves her brother Orestes, the liberator, but she is also an example of harshness and bloodshed. Orestes has returned out of love for his sister and for his father, whom he wants to avenge; but by actually doing so, he himself becomes a victim.

But one must also understand Clytemnestra. She was a witness when her husband murdered Iphigenia, the youngest daughter. There is a lot of talk about Clytemnestra, but there is silence about Cassandra. Agamemnon is in Troy for ten years, waging war. And when he finally returns to Mycenae, he brings Cassandra with him to the palace as his mistress.

For me, Electra or Clytemnestra are not characters from a time two thousand years ago; rather, they represent our world, the torn world of today. The feelings that moved Elektra or Orestes have moved people at all times; their dramas are the same as those that take place today.

Mikis Theodorakis

Electra 21, Asteris Kutulas

ELECTRA 21 – A Liquid Staging audience experience

Presented are four simultaneously running films, all based on the same musical recording of the Electra opera by Mikis Theodorakis.

Precisely synchronized with this ELECTRA 21 music, the four films representing the following four levels (layers) of the complete work, ELECTRA 21, will be shown on four screens:

Screen 1: ballet film | the (cinematic) recorded ballet performance, ELECTRA, in the „Apollo“ theater in Ermoupolis on Syros

Screen 2: genesis of the ballet, rehearsals | recording of the rehearsals for this ballet performance at different locations in Austria and in Greece, with the dancers and the choreographer Renato Zanella

Screen 3: genesis of the text & associations | „fictional scenes“ with the people involved in this ballet production, combined with graphically designed insertions of the Sophocles text passages, each of which can be seen synchronously with the music feed

Screen 4: genesis of the music and the recording | Mikis Theodorakis conducts the musical recording of the opera, ELECTRA, in the studio in St. Petersburg, which was used as the basis for the Electra ballet performance. These film recordings are mixed with video clips of young conductors conducting the 22 scenes of the ELECTRA 21 soundtrack.

Electra 21, Asteris Kutulas
Different versions of built up of the 4 screens for the ELECTRA 21 show by Giorgos Kolios & Asteris Kutulas

Polymedial vision as a new show format. ELECTRA 21 redefines the audience experience. Visitors can decide at any moment what they want to see and where to focus their attention. In the process, the viewer will always perceive more than one thing at once, and no two people see the same thing.

Electra 21, Asteris Kutulas
Electra 21 outdoor installation set in Chania, Crete

ELECTRA 21 CREDITS (INSTALLATION)

A Liquid Staging Installation by Asteris Kutulas on the Music by Mikis Theodorakis

Choreography by Renato Zanella  | Cinematography by James Chressanthis ASC, GSC | Art Direction by Achilleas Gatsopoulos | Music Production, Editing & Mastering by Alexandros Karozas | Scenography & Production by Georgios Kolios | Associated Producer Christopher Kikis | Co-Produced by Schott Music | Concept & Produced by Asteris & Ina Kutulas | Created & Directed by Asteris Kutulas

Featuring Sofia Pintzou,  Alexandra Gravilescu, Tamara Alves Dornelas Souza, Eltion Merja, Valentin Stoica, Florient Cador

Special appearance by Katherina Markowskaya, Maria Zlatani, Lefteris Veniadis, Phaidra Giannelou, Clément Nonciaux, Leandros Zotos, Ariadne Koutoulas

Special thanks to Peter Hanser-Strecker, Tim Dowdall, Rafaela Wilde, Thorsten Schaumann, Oliver Schulze & Frank Wunderatsch

World premiere: hof international film festival 2021

Electra 21 World Premiere

Dancing Medea (Interview mit Renato Zanella)

Interview mit dem Choreographen Renato Zanella zum Ballettfilm „Recycling Medea“

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RECYCLING MEDEA: Medea tötet ihre Söhne. Auf Euripides’ Theaterwerk beruht die Ballett-Story von der Ermordung zweier Kinder durch die eigene Mutter, die Musik stammt von Mikis Theodorakis, die Choreographie von Renato Zanella. Text, Musik und Tanz vereint in einem Film, der die Trostlosigkeit einer Gesellschaft reflektiert, die tagtäglich ihre Kinder zu denen gemacht hat, die zur Verlorenen Generation von heute gehören.

RECYCLING MEDEA | Liebe, Eifersucht, Mord. Verstörende Schönheit, rebellierende Jugendliche, Tanz und Musik. Ein Ballett-Film.

Recycling Medea Asteris Kutulas
Maria Kousouni as Medea (Photo © by Asteris Kutulas)

Asteris Kutulas: Renato, warum tötet Medea ihre eigenen Kinder?

Renato Zanella: Für Medea ist das der Schritt, den sie machen muss, um danach überhaupt noch weiterleben zu können. Dem voraus geht die Phase, da sie zu ihrem Mann sagt: „Verlass mich doch! Aber du hast Kinder. Du hast Kinder – du kannst mich nicht verlassen, wenn du Kinder hast.“ Für mich ist das eine Schlüssel-Szene: „Willst du frei sein?! Gut, dann verlierst du deine Kinder.“ Medea sieht das als die einzige Lösung für sich und ist der Überzeugung, so handeln zu müssen. Ich würde sagen, auf ihre Art war sie sehr konsequent. Ja, und dann hat sie das durchgezogen. Wie auch immer man das beurteilen mag …, sie hat das wegen des Mannes getan, der ihr alles bedeutete. Das Wichtigste in ihrem Leben drohte sie zu verlieren. Wie wir wissen, trifft Medea eine brutale Entscheidung: Sie wird diejenigen töten, die sie am meisten liebt – ihre eigenen Kinder. Aber sie sah darin die einzige Möglichkeit, seelisch zutiefst verwundet, am Leben bleiben zu können, jeden Tag konfrontiert mit der grausamen Demütigung, die ihr Mann ihr zufügte, der ihr sein Leben und seinen Erfolg zu verdanken hatte, seinerseits die Partnerschaft aber später beenden wollte.

Asteris Kutulas: Warum tötet sie nicht ihren Mann? Warum tötet sie ihre beiden Söhne?

Renato Zanella: Ja, das ist eine gute Frage … Ich glaube, die Rache ist wahrscheinlich das Einzige, was bleibt, wenn man so geliebt hat und so verletzt wurde. Ihren Mann umzubringen …, das wäre auch eine Lösung gewesen. Aber wahrscheinlich hätte das auch Medeas Ende bedeutet, vermutlich wäre dann auch sie gestorben. Medea wäre daran zugrunde gegangen, wenn dieser Mann nicht mehr existiert hätte. Sein Leben auszulöschen, zog sie wahrscheinlich gar nicht in Erwägung. Medea sah in Jason den Mann, der sein Leben lebt, aber mit einer anderen. Daher beschäftigte sie vielmehr die Frage: ‚Wie soll ich in dieser unerträglichen Situation weiterleben?’ Medea gebraucht das Wort „Rache“ recht häufig. Sie operiert damit. Sie findet, der Mann müsse büßen und sein ganzes Leben an diesem Schmerz leiden. So zumindest stellte sie auch sicher, dass er jeden Tag an sie denken würde. Und schließlich hat sie ihr Vorhaben dann in die Tat umgesetzt.

Ich wollte diese Tragödie in die heutige Zeit herüber holen, ich wollte, dass sich das in der Gegenwart abspielt, damit man sich mit diesen Fragen auseinander setzt: Wenn so etwas heute passiert – wie … warum geschieht das?

„Nein, das hab ich nicht getan.“

Würde man „Medea“ als ein Zuschauer sehen, der ein Stück aus weit zurückliegender Zeit anschaut, da ginge einem dieses und jenes durch den Kopf. Wie waren die Verhältnisse damals? Und so weiter und so fort. Aber wenn man das wahrnimmt als ein Geschehnis, das in der heutigen Zeit Brisanz hat, dann ist uns das viel näher, wir bekommen unmittelbar damit zu tun und reagieren unmittelbar darauf, weil es uns etwas angeht.

Heute bringen Mütter ihre Kinder um, und diese Mütter vergessen, blenden aus, verdrängen. Das ist eine unglaubliche psychologische Situation. Für eine Mutter ist es oft sehr schwer anzuerkennen, was sie getan hat. Vor der Tat gibt es keinen Zweifel mehr. Sie ist davon überzeugt: „Ich muss das tun. Ich weiß, ich muss das tun.“ Und nach der Tat kann sie sich an nichts mehr erinnern. Sie wird immer sagen: „Nein, das hab ich nicht getan.“

Asteris Kutulas: Was denkst du – hat Medea eine Wahl? Muss sie das wirklich tun? Muss sie ihre eigenen Kinder töten?

Renato Zanella: Sie hat keine Wahl. Für sie ist das, was Jason ihr anbietet, keine Alternative. Weiterzuleben ohne den Mann, den sie über alles liebt … das ist für sie unvorstellbar. Für Medea gibt es nur eine Lösung: „Dann muss ich jetzt so handeln.“ So hat Theodorakis Euripides’ Medea-Stoff aufgefasst. Für diese Frau war das die einzige Lösung, die sie sah. Dieser Mann bedeutete ihr alles. Sie hatte sogar einige Jahre zuvor für ihn getötet. Und dabei war Medea kein Killer, sondern sie war eine Prinzessin, die Tochter des Herrschers. Sie fühlte sich sehr hohen moralischen Werten verpflichtet. Sie war bestrebt, Leben zu retten. Und diese Frau trifft dann so eine Entscheidung.

Das war die „Storyline“ aus alter Antike. Die Verhältnisse waren damals so. Wenn man diese Geschichte jetzt aber herüberholt in die Gegenwart und sich damit auseinandersetzt, dann ist das ein hochaktuelles Thema.

Für mich war diese Erkenntnis sehr wichtig für meine Arbeit mit den Tänzern. Ich sagte mir: Ich muss von etwas „erzählen“, das konkret, das Teil unserer heutigen Realität ist, so dass man sich angesprochen fühlt, dass man von dieser Tragödie ergriffen wird und sich zu fragen beginnt: „War ich selbst schon einmal in so einer Situation? Hab ich selbst schon einmal jemanden so sehr gehasst, dass ich beinah auch so reagiert hätte?“ Ich wollte erreichen, dass man sich diese Frage stellt: „Wie wäre es mir ergangen? Wie hätte meine Entscheidung ausgesehen?“

Für mich waren dieser Mythos und dessen musikalische Umsetzung viel mehr als eine dramatische Geschichte, die man erzählt bekommt und wo man sich sagt: Okay, das und das hat Euripides sich einfallen lassen und so und so hat Theodorakis das musikalisch verarbeitet. Ich habe mich gefragt, wie ich mit meinen künstlerischen Mitteln, mit den Ausdrucksmitteln des Tanzes erreichen kann, dass das Publikum an diesen Punkt kommt, sich diese Frage zu stellen: „Wie hätte ich mich verhalten? Was hätte ich getan in so einer Situation?“ Das macht diese Sache so lebendig, so hochaktuell, so real.

Recycling Medea Mikis Theodorakis Asteris Kutulas Renato Zanella
Renato Zanella & Mikis Theodorakis, Athens 2011 (Photo © by Asteris Kutulas)

Asteris Kutulas: Diese Musik … der Tanz … Euripides, die Antike, die Moderne … Wie bringst du das alles zusammen?

Dancing Medea: Emotion und Minimalismus

Renato Zanella: Wie habe ich das alles zusammengebracht? Es war eigentlich eher die Frage, wie diese Welt der Kunst und das Publikum zusammenkommen. Als Choreograph stehen mir mein Können und mein Fachwissen zur Verfügung, aber auch das, was mich innerlich bewegt, meine Gefühle – eine breite Palette an Möglichkeiten, mit denen ich arbeiten kann, um meine künstlerische Vision sichtbar werden zu lassen.
In diesem Ballett steckt ungeheuer viel, und gleichzeitig gibt es da auch den Minimalismus.

Es ist ja nicht einfach eine Art musikalische Untermalung oder Begleitung, was man da hört. Es ist eine Oper. Ein sehr reiches melodisches Material. Hochdramatisch. Da sind die Bewegungen ab und zu dann sehr minimal. In solchen Augenblicken ist die Singstimme das Wichtigste, und die Aufmerksamkeit gilt vor allem ihr. In anderen Momenten ist es so, als laufe die Musik im Hintergrund und als erzeuge sie dadurch eine bestimmte Stimmung, eine spannungsvolle Situation, in der sich der Konflikt entspinnt. Und an wieder anderen Stellen ist die Choreographie zum Beispiel exakt auf das Wort abgestimmt, und der Text tritt in den Vordergrund.

Asteris Kutulas: Warum dieser Stoff? Was und wen wolltest du erreichen mit diesem Ballett?

Renato Zanella: Ich fühlte bei der Arbeit eine enorme Freiheit. Wie jemand, der ein Buch liest, das ihn begeistert, und der die Handlung vor dem inneren Augen ablaufen sieht, der sich also beim Lesen seine eigene Vorstellung vom Geschehen macht. Ich sah in diesem Mythos etwas ungeheuer Aktuelles. Das wollte ich den Menschen nahe bringen. Ich kann ganz sicher die Theatergeschichte nicht umschreiben.

Ein mythologischer Stoff wird immer als ein solcher wahrgenommen werden. Es wird immer wieder so sein, dass man seinen Blick auf die Vergangenheit richtet, wenn man es mit solch einem Material zu tun hat. Trotzdem – das war in diesem Fall nicht mein Anliegen. Ich habe versucht, das zusammenzubringen, eine Überleitung zu schaffen, also etwas weit Zurückliegendes in die Gegenwart zu holen … oder es sich in der Gegenwart offenbaren zu lassen. Ich glaube, man muss heute außerdem wieder den Mut haben, sich diese Freiheit zu nehmen: sich nicht ewig zu fragen und vornehmlich damit zu beschäftigen, wie, in welcher Art und Weise man ein Thema am idealsten umsetzt, sondern es vor allem endlich zu tun.

Asteris Kutulas: Ausgangspunkt deiner Arbeit ist natürlich die Musik. In diesem Falle die Opernmusik von Mikis Theodorakis zu „Medea“.

Renato Zanella: Theodorakis’ musikalische Vorlage ist sensationell. Die Ouvertüre zum Beispiel, die ich gewählt habe – die hat etwas sehr Hymnisches, sie trägt die Dimension von etwas Unermesslichem, Unerreichbarem in sich, die Dimension des Unendlichen. Als entfalte sich ein Universum, ein Himmel voller Sterne. Und dann plötzlich diese Rhythmen, diese ethnischen Motive, dieses Erdennahe, Akzentuierte, Metrische, das uns Zeit und Raum ermessen, erfahren, erleben lässt. Das empfindet man als Tänzer extrem stark. Der Körper bewegt sich wie von allein. Dieses Werk ist enorm poetisch. Gigantisch – dieser Theodorakis. Seine Musik gestattet einem alle Freiheiten, derer man bedarf, um dieses Material zu ergreifen, damit zu arbeiten, die Botschaft, die es enthält, zu entschlüsseln und zu überbringen. Ich weiß nicht mehr, wie viele Stunden ich diese Musik gehört habe, aber jedes Mal hat sie mich erreicht. Sie hat etwas transportiert, in mir ausgelöst und mich mitgerissen.

Diese Komposition gab mir „grünes Licht“, ich fühlte mich frei genug, in jede Richtung gehen zu können, die ich einschlagen wollte. Ich habe den Impuls bekommen und wusste: Das muss gemacht werden.

Recycling Dancing Medea Asteris Kutulas
Maria Kousouni & Mikis Theodorakis, Athens 2011 (Photo © by Asteris Kutulas)

Asteris Kutulas: Und jenseits der Musik? Wie ist es zu diesem „leeren“ Bühnenraum gekommen?

Renato Zanella: Manche Mittel habe ich bewusst sparsam eingesetzt. Das Boot auf der Bühne zum Beispiel. Das haben wir auf einem Müllplatz gefunden. Für mich war das symbolisch. Und zugleich war das Boot selbst ein Symbol. Ebenso der leere Raum. Wo sich eine Wüste ausbreiten könnte, Niemandsland, das Nichts, ein riesiger Freiraum.

Wir fangen bei Null an, und das, was zunächst aufsteigt und anwächst, das sind vor allem die Emotionen und die Beziehungen, die sich ergeben zwischen der Musik und den Tänzern. Zwischen der Musik und der Geschichte. Zwischen den Tänzern und der Geschichte. Zwischen Vergangenheit und Heute. Das war für mich wirklich faszinierend. Mich hat das sehr begeistert. Ich hoffe, dass das Werk das Publikum erreicht … Es braucht nur einen einzigen Moment, da etwas die Zuschauer berührt, und sie fühlen sich auf einmal als ein Teil dieses Stücks und denken: „Das könnte mir auch passieren. Auch ich könnte Medea oder Jason oder Glauke sein. Ohhh, ich versteh das, ja!“ Wenn das passiert, hab ich als Choreograph das Ziel erreicht.

Asteris Kutulas, Syros 2011

Recycling Medea – Not an Opera Ballet Film

A film by Asteris Kutulas | Music by Mikis Theodorakis | Choreography by Renato Zanella | Written by Asteris & Ina Kutulas | With Maria Kousouni as Medea 

Recycling Medea – Film-Rezensionen & Kritiken

 

Electra 21 Greek Premiere

Announcement by the Municipality Chania, the Goethe Institute & the Chania Culture KAM

ELECTRA 21 Greek Premiere: Liquid Staging Installation to the music of Mikis Theodorakis – Chania 10th and 11th December

This Liquid Staging Installation by Asteris Kutulas to the music of Mikis Theodorakis is an absolutely new kind of live experience!

WHEN: 10th and 11th December
WHERE: Mikis Theodorakis Theatre, Venetian Harbour, Chania

With Jannis Papatzanis live on percussion

The Liquid Staging experience of ELECTRA 21 consists of the overall experience of the music, four documentaries running simultaneously and an installation. The audience decides for itself: Visitors can direct their attention in each case to whatever captivates them at the moment. In doing so, everyone perceives more than one thing at the same time.

This Liquid Staging show installation moves away from the one-dimensional seeing of the 19th century and offers the audience the polydimensional seeing, which corresponds much more to the complexity of our epoch. A new kind of live experience.

Electra, a timeless thriller. The father sacrifices the eldest daughter for power and fame. His wife slays him for it years later. Their children Electra and Orest kill her to avenge the father. A circle of hatred and destruction. No happy ending.

Electra 21 Liquid Staging by Asteris Kutulas

ELECTRA 21 | A musical recording, a ballet performance, a film production, a liquid staging installation

Credits ELECTRA 21 installation

Music by Mikis Theodorakis
Choreography by Renato Zanella | Electra: Sofia Pintzou
Cinematography by James Chressanthis ASC, GSC
Art Direction by Achilleas Gatsopoulos
Music Production, Editing & Mastering by Alexandros Karozas
Scenography by Georgios Kolios
Concept by Asteris & Ina Kutulas
Created & Directed by Asteris Kutulas

Electra 21 Liquid Staging by Asteris Kutulas

On the music of Mikis Theodorakis
„In general, Theodorakis understands the meaning and concept of setting to music differently from most opera composers: the text does not consist in an alternation of recitatives and arias, but in a classification of almost every vocal part into a continuous melismatic fabric, which is of course interrupted by choral parts and some orchestra introductions. Theodorakis sets to music by literally painting characters, emotions, situations, even contents with sounds.“ (Ilias Giannopoulos)

The ELECTRA storyline
The story begins early in the morning (where we experience Electra bemoaning her fate) and ends the same evening with Clytemnestra’s and Aigisthos‘ death, murdered by Orestes and his cousin Pylades. 

Shortly after sunrise two strange men appear (but in fact it is Orestes and Pylades who have disguised themselves) and inform Queen Clytemnestra that her son Orestes has died in exile in a chariot race. Clytemnestra, who together with her lover Aigisthos has killed her husband Agamemnon and therefore fears that her son Orestes, although he fled years ago, could still be dangerous to her, is delighted to learn of his death. Now Clytemnestra sends a messenger to invite the two men to the palace to celebrate this positive news in the evening. When her daughter Electra learns of her brother Orestes‘ fatal accident, she tries in vain to persuade her sister Chrysothemis to revenge their father’s death. Electra is convinced that the mother and her lover must finally die, because they murdered Agamemnon and thus took from the children their father. Now believing that Orestes has been killed in an accident, Electra and Chrysothemis, the two daughters, are to carry out the act of revenge. The „strangers“, Orestes and Pylades, reveal their true identity to Electra, whereupon she instigates her brother to murder Clytemnestra. Orestes finally enters the palace, kills Clytemnestra and then, when he appears, her lover, Aigisthos.

Electra 21 Liquid Staging by Asteris Kutulas

Film Credits (4 movies)

Music by Mikis Theodorakis | Ballet Choreography by Renato Zanella | Cinematography by James Chressanthis ASC, GSC | Editing by Yannis Sakaridis, Asteris Kutulas & Stella Kalafati | Music Editing & Mastering by Alexandros Karozas | Art Direction by Achilleas Gatsopoulos | Cameras by Vasilios Sfinarolakis, Mike Geranios, Zoe Chressanthis, Hara Kolaiti, Dionissia Kopana, Stella Kalafati, Asteris Kutulas | Additional filming with Katherina Markowskaya by Sarah Scherer | Sound by Klaus Salge | Assistance to James Chressanthis by Hara Kolaiti | Still photography by Robin Becker | Production Management by Vassilis Dimitriadis | Associated Producer Christopher Kikis

Written & produced by Asteris & Ina Kutulas | Directed by Asteris Kutulas

Music Edition by Schott Music | Special thanks to Peter Hanser-Strecker & Margarita Theodorakis

Cameras provided by Alternative Digital Cinema, Los Angeles & Canon, USA | Special thanks to Joe Lomba & Tim Smith

Soundtrack with kind permission of Mikis Theodorakis & SCHOTT MUSIC, Mainz

Special thanks for the support to the  Strecker-Stiftung, Frank Wunderatsch, Internationale Hofer Filmtage, Rafaela Wilde, Dimitris Koutoulas, Tim Dowdall, Gerd Helinski, Rena Parmenidou, Jörg Krause, Christian Jansen, Nana Trandou, Nikos Vlachakis, Jan Perray, Oliver Schulze, Lefteris Veniadis, Alexander Kutulas, Rafika Chawish, Hofer Filmtage Team & Thorsten Schaumann

Liquid Staging Top Story (pma Magazin)

taz Interview mit Asteris Kutulas

„Es war ein Akt des Widerstands“ – taz Interview mit Asteris Kutulas, befragt von Marina Mai

taz: „Begriffe ohne Anschauung sind leer. Anschauungen ohne Begriffe sind blind“, Asteris, was sagt Dir dieses Zitat heute?

Asteris Kutulas: Darüber könnte ich eine ganze Vorlesung halten. Aber als erstes denke ich da an die „Frage“, die der Roman „Zorbas“ von Nikos Kazantzakis stellt: Was ist wichtiger im Leben: Das Buch oder der Tanz?

taz: Der Satz stammt aus der Erkenntnistheorie des Philosophen Immanuel Kant. Wir haben in den 1980er Jahren gemeinsam in Leipzig Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie gehört. Weil wir uns in Studienzeiten kennengelernt haben, möchte ich dich im taz-Interview duzen. Du hast, so finde ich, damals die Symbiose von begrifflichem und anschaulichem Denken, die Kant für die Philosophie vollzogen hat, gelebt: In Lehrveranstaltungen bist Du gern über Metaebenen geklettert. Nebenher hast Du Künstler von Weltruhm aus dem Griechischen übersetzt, beispielsweise die Lyriker Jannis Ritsos, Giorgos Seferis und Odysseas Elytis, aber auch Texte des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis. Du hast Dich dann später beruflich für das Anschauliche entschieden, Du bist Künstler und Produzent geworden. Hast Du auch einmal mit einer wissenschaftlichen Laufbahn geliebäugelt?

Asteris Kutulas: Das wäre für mich sicherlich spannend gewesen. Aber ich bin schon als Student in den Sog der Lyrik und Musik geraten. Persönlichkeiten wie Jannis Ritsos, Mikis Theodorakis und später der Lichtkünstler Gert Hof haben mich 40 Jahre lang geprägt. Ich habe in einer Welt gelebt, die voll von Literatur, Musik, Kunst, Film, Politik, Geschichte und Philosophie war. Diese Welt wollte ich niemals verlassen. Das war und ist mein Leben.   

Ich habe aber gerade angefangen, eine Dissertation zu schreiben. Darin geht es um meine „Liquid Staging“ Ästhetik, die sich mit der „Verräumlichung des Films“ als Basis für neue Show-Formate im 21. Jahrhundert auseinandersetzt.

taz Interview Asteris Kutulas Liquid Staging Theodorakis Gert Hof

taz: Was ich als Studentin nicht wusste: Du wurdest in Rumänien geboren. Wie hat es Deine Eltern dorthin verschlagen?

Asteris Kutulas: In Griechenland tobte nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen 1945 und 1949 ein schrecklicher und blutiger Bürgerkrieg. Die „linken Partisanen“ verloren diesen Krieg, und etwa 60.000 von ihnen, darunter auch mein Vater und die Familie meiner Mutter, flohen über die albanische, die jugoslawische und bulgarische Grenze in die sozialistischen Staaten. Ihr Schicksal wurde besiegelt durch Entscheidungen, die fernab ihrer Heimat getroffen wurden – von Menschen, die sie nur dem Namen nach kannten: Churchill, Stalin, Truman, Tito. So landeten unsere Eltern in der „kommunistischen Diaspora“, irgendwo in Osteuropa, in fernen, ihnen unbekannten Dörfern oder Städten mit für sie exotischen Namen: Radebeul, Bratislava, Taschkent, Zgorzelec. Meine Eltern trafen sich in der rumänischen Stadt Oradea, nahe der ungarischen Grenze. Dort kam ich 1960 in einem Flüchtlingslager zur Welt. Ein paar Jahre später zog meine Familie nach Bukarest, als mein Vater Redakteur bei Neos Kosmos wurde, der theoretischen Zeitschrift der Kommunistischen Partei Griechenlands.

taz: Und unter welchen Umständen kam Deine Familie dann 1968 in die DDR?

Asteris Kutulas: Sitz der Parteiführung der seit 1946 in Griechenland verbotenen Kommunistischen Partei war Bukarest. 1968 gab es eine Spaltung der KPG. Mein Vater gehörte zu der moskautreuen Fraktion, und die wurde von Rumäniens Staatschef Nicolae Ceausescu ausgewiesen – das war eine völlig bizarre und surreale Situation. Die „moskautreuen“ sozialistischen Länder beschlossen daraufhin, den Sitz der Zeitschrift-Redaktion, bei der mein Vater arbeitete, nach Dresden zu verlegen. So zog meine Familie im Sommer 1968 ins „Tal der Ahnungslosen“, wie Dresden damals genannt wurde, weil es die einzige Stadt in der DDR war, in der Westfernsehen nicht empfangen werden konnte.

taz: Als Du in Dresden eingeschult wurdest, warst Du vermutlich der einzige Schüler mit Migrationsgeschichte …

Nein, es gab seit 1950 in Dresden, vor allem in Radebeul, eine große Gemeinde von ca. 600 griechischen Bürgerkriegs-ExilantInnen. Es gab griechischen Sprachunterricht an einzelnen Schulen. Wir haben griechische Feste gefeiert. Richtig ist, dass es darüber hinaus damals noch keine weiteren Zuwanderer und Zuwanderinnen gab. Die ChilenInnen und die VertragsarbeiterInnen kamen später. 

taz: Hast Du Rassismus erlebt?

Asteris Kutulas: Überhaupt nicht.

taz: Du hast in der DDR mit einer griechischen Staatsbürgerschaft gelebt …

Asteris Kutulas: Die habe ich erst 1978 erhalten, vier Jahre nach dem Sturz der Militärdiktatur. Vorher hatte ich nur einen Fremdenpass, war staatenlos. Ab 1975 durfte ich einmal pro Jahr meine Heimat besuchen …

taz: Du sprichst von Griechenland als Deiner Heimat? Du warst doch vor 1975 niemals dort …

Asteris Kutulas: Bei uns zu Hause wurde nur Griechisch gesprochen, griechische Musik gehört – vor allem Theodorakis –, es wurden griechische Bücher gelesen. „Heimat“ bedeutete für mich wie für viele andere Diaspora-Griechen zwei Dinge: die griechische Sprache und die griechische Kultur. In den sechziger Jahren stießen wir zu Silvester stets mit dem Spruch an: „Und nächstes Jahr in der Heimat!“

Bis zum Sturz der Junta 1974 durften wir ja nicht in Griechenland einreisen. Ich habe bis heute nur einen griechischen Pass, obwohl ich seit den siebziger Jahren in diesem Dualismus lebe – zwischen meinem deutschen Geist und meiner griechischen Seele.

taz: Warum bist Du eigentlich nie nach Griechenland gezogen?

Asteris Kutulas: Das stimmt so nicht. Wir haben von 1992 bis 1996 in Athen gelebt, immerhin vier Jahre. Dann zogen wir wieder zurück nach Berlin.

Aber es war eigentlich der Plan, nach meinem Studium 1985 nach Griechenland zu ziehen. Aber 1983 lernte ich Ina kennen, die Liebe meines Lebens. So blieb ich bei ihr in der DDR. Wir fuhren allerdings jeden Sommer für vier Wochen nach Griechenland. Tatsächlich haben wir uns seit Ende 1988 aus politischen Gründen mit dem Gedanken befasst, nach Athen umzuziehen. Die Wende kam dazwischen.

taz: Welche Vor- und Nachteile hatte es in der DDR, mit der griechischen Staatsangehörigkeit zu leben?

Asteris Kutulas: Die Möglichkeit, nach Griechenland zu reisen, war schon ein fundamentaler Vorteil. Später durfte ich auch auf Einladung hin auf Lesereise gehen, um meine Bücher, die in Luxemburg oder in der BRD erschienen, im Westen vorzustellen. Ich muss aber sagen, dass die West-Reisen in meinem Umfeld nicht so ins Gewicht fielen: Meine Gymnasialzeit zwischen 1975 und 1979 verbrachte ich an der Dresdner Kreuzschule. Die Hälfte der Jungen in meiner Klasse sang im Kreuzchor und war auf Konzertreisen im Westen unterwegs. In den achtziger Jahren durften dann auch immer mehr DDR-Künstlerkollegen in den Westen, um bei den Eröffnungsveranstaltungen der Ausstellungen mit ihren Werken und bei den Premieren ihrer Theaterstücke dabei zu sein oder eben Lesungen zu machen.

Und Nachteile als Grieche in Dresden? Mir fällt kein Nachteil ein. Es war eine für mich inspirierende und sehr spannende Zeit.

taz: Ein Vorteil war sicher auch, dass Dir als Grieche der Militärdienst in der NVA erspart blieb …

Asteris Kutulas: Da ich nie die deutsche Staatsangehörigkeit hatte, tangierte mich dieses Thema zu keiner Zeit. Allerdings tat ich alles, um einer Einberufung in die damals sehr faschistisch geprägte griechische Armee zu entgehen. 

taz Interview Asteris Kutulas Liquid Staging Theodorakis Gert Hof

taz: Kulturell hast Du Dich schon damals als Vermittler zwischen beiden Kulturen engagiert. Dafür stehen nicht nur Deine Nachdichtungen bedeutender griechischer Autoren. Ich erinnere mich auch an Deine Veranstaltungen zum „Canto General“ von Pablo Neruda und Theodorakis im Leipziger Studentenclub Moritzbastei. Warum war es Dir wichtig, griechische Kultur in der DDR bekannt zu machen?

Asteris Kutulas: Der Zufall wollte es, dass ich 1980 drei Persönlichkeiten kennenlernte, die mit ihrer zutiefst humanistischen Haltung mein Leben prägten: durch sein Poem „Canto General“ den bereits verstorbenen chilenischen Dichter Pablo Neruda sowie Mikis Theodorakis und Jannis Ritsos, denen ich 1980 erstmals auch real begegnete. Ihnen gemeinsam war, dass sie einen utopischen Kommunismus vertraten, dessen Mittelpunkt die absolute Freiheit des Einzelnen in einer basisdemokratischen Gesellschaft war. Das deckte sich damals mit meinem Ideal und stand damit im Gegensatz zur sozialistischen Staatsdoktrin der DDR, die ein diktatorisches und kleinbürgerliches System aufgebaut hatte. Auch das hat mich veranlasst, ihre Kunst in der DDR bekanntzumachen. Das mag heute etwas schräg klingen, war aber damals für mich so etwas wie ein Akt des Widerstands.

taz: Gab es eigentlich politische Grenzen, die Dir in der DDR gesteckt wurden, Grenzen, die Du nicht überschreiten konntest?

Asteris Kutulas: (überlegt) Als ich als Schüler 1976 von einer Griechenlandreise in die DDR zurückfuhr, wurde mir bei einer Grenzkontrolle aus meinem Reisegepäck das Buch „Der Archipel Gulag“ des sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn abgenommen. Ich habe nicht eingesehen, warum diese DDR-Polizeibeamten das Recht hatten, zu entscheiden, was ich lesen durfte und was nicht.

Ab 1987 habe ich gemeinsam mit meiner Frau Ina Kutulas die Buchreihe „Bizarre Städte“ im Selbstverlag herausgegeben. Wir durften nach DDR-Recht maximal 100 Exemplare pro Buch drucken. Immerhin schafften wir uns dadurch eine eigene kleine Öffentlichkeit, da es keine große gab. Aber selbst diese kleinen „Öffentlichkeiten“, derer es in der DDR einige gab, versuchte die Stasi zu kontrollieren und in ihrem Sinn zu beeinflussen. Ein beliebtes Mittel war es, über jeden das Gerücht zu streuen, er sei Mitarbeiter der Stasi. Wir haben schließlich beschlossen, uns davon nicht beeinflussen zu lassen.

Die Situation war allerdings 1987 schon „liberaler“ als Jahre zuvor. Es gab Zugeständnisse der Staatsmacht an Intellektuelle – auch wegen Gorbatschows Perestroika-Politik und weil bereits sehr viele aus der DDR ausgereist waren.

taz: Kommen wir zurück auf Mikis Theodorakis. Du warst ihm in mehrfacher Hinsicht ein Begleiter: als sein Dolmetscher, sein Manager, Produzent, sein Freund, Du hast sein Werkverzeichnis herausgegeben. Wann bist Du ihm zum ersten Mal persönlich begegnet?

Asteris Kutulas: 1980 in Berlin. Im Palast der Republik wurde sein „Canto General“ aufgeführt. Es war sein erster Besuch in der DDR, und ich war Dolmetscher von Maria Farantouri, der Interpretin des Werkes. Ein Jahr später wurde ich sein Dolmetscher und ab da war ich auch in allen organisatorischen und künstlerischen Belangen dutzender Konzerte und Tourneen involviert. Ab 1987 habe ich zusammen mit Mikis viele künstlerische Konzepte entwickelt und umgesetzt. Ab 2010 haben wir dann als „Künstler-Kollegen“ zusammengearbeitet, was für mich der Höhepunkt dieser Beziehung darstellte. Ich begann als Regisseur und Autor (zusammen mit Ina) meine Film-Tetralogie zu produzieren und parallel dazu mit dem Choreographen Renato Zanella – auf der Grundlage der gleichnamigen Opern-Musik von Mikis – an den Ballett-Filmen „Medea“ (2011), „Electra“ (2018) und „Antigone“ (2022) zu arbeiten.

taz: Wäre es übertrieben zu sagen, dass Mikis Theodorakis DIE prägende Erfahrung Deines Lebens wurde?

Asteris Kutulas: So ist es. Hättest Du mir die Frage in den 1980ern gestellt, hätte ich wahrscheinlich Jannis Ritsos genannt, der für mich ein Seelenverwandter war. Aber Mikis Theodorakis hat mich 40 Jahre lang mit seinem anarchischen Geist und seinem kompromisslosen Künstlertum inspiriert und tief geprägt. Ich fühle mich gesegnet, mit ihm bei so vielen Projekten zusammengearbeitet zu haben. In den letzten 15 Jahren sind wir uns als Künstler begegnet, wir haben gemeinsam Ballette, Filme und Installationsprojekte entwickelt und vieles davon umgesetzt.

ELECTRA 21

Noch im Juli, also sechs Wochen vor seinem Tod, habe ich mit Mikis an „Electra 21“ gearbeitet, einem neuen „Liquid Staging“ Show-Format für das 21. Jahrhundert, in dem vier Filme, die auf derselben Musik synchronisiert wurden, parallel laufen und so ein polydimensionales Sehen ermöglichen. Weltpremiere von „Electra 21“ wird am 30.10.2021 bei den 55. Internationalen Hofer Filmtagen sein. Mikis hatte im Juli vorausgesagt, dass er die Uraufführung nicht mehr erleben würde und hatte sich mit den Worten von mir verabschiedet: „Ich werde den besten Platz haben und Euch von oben zusehen.“

taz: In der DDR war Mikis Theodorakis in den 1970er Jahren verboten. In den 1980er Jahren fanden dort hingegen mehrere Welturaufführungen seiner Werke statt. Einige wurden auch auf Tonträger produziert und international vertrieben. Welches Verhältnis hatte er zur DDR?

Asteris Kutulas: Seine „Karriere“ in der DDR hat Mikis dem Engagement des Musikkritikers Peter Zacher zu verdanken. Dieser hatte seit 1975 versucht, den Canto General in der DDR aufführen zu lassen und hatte 1980 endlich damit Erfolg. Durch sein Netzwerk innerhalb der Musikszene zu Institutionen wie die Dresdner Philharmoniker, die Hallesche Philharmonie, das Orchester der Komischen Oper Berlin sowie zu Dirigenten wie Kurt Masur und Herbert Kegel kamen in der DDR die Uraufführungen der 2., 3. und 7. Sinfonie, der Sadduzäer-Passion oder die Liturgie Nr. 2 für den Dresdner Kreuzchor zustande.

Mikis Theodorakis hatte ein ambivalentes Verhältnis zur DDR. Als wir 1981 im Café des Gewandhauses in Leipzig saßen, fragte er mich auf den Kopf zu: „Asteris, wie kannst Du in diesem Land leben?“ Ich war völlig überrascht, und er sagte: „Ich wäre hier entweder im Gefängnis oder tot.“

Auf der anderen Seite liebte Mikis das großartige Publikum in der DDR. Und er schätzte es sehr, mit den fantastischen Orchestern, Solisten und Dirigenten in der DDR zusammenzuarbeiten.

taz Interview Asteris Kutulas, Gert Hof, Mikis Theodorakis, Liquid Staging

taz: Ein ganz anders Thema: Du hast 2003 für den späteren US-Präsidenten Donald Trump ein Lichtkunstevent in Atlantic City produziert. Wie kam es dazu?

Das Licht, Albert Speer und Donald Trump

Asteris Kutulas: Ich habe ab 1999 mit dem Licht-Architekten Gert Hof ein heute etabliertes, aber damals völlig neues Show-Format erfunden, die Outdoor-Lichtshow. Entertainment durch Lichtarchitektur am Himmel oder „Art in Heaven“ wie wir es nannten. Gert Hof war der Künstler, ich der Produzent. Die erste Show machten wir zur Millenniumsfeier an der Berliner Siegessäule mit Mike Oldfield und der Staatskapelle St. Petersburg auf der Bühne.

taz: Ich erinnere mich. Es gab damals Kritik wegen Ähnlichkeiten zu Albert Speer.

Asteris Kutulas: Aber nur im Vorfeld! Nach unserem Event hat das überhaupt keine Rolle gespielt. Das zeigt auch, wie dumm diese „Sorge“ war.

taz: So abwegig ist der Vergleich nicht: Eine Massenveranstaltung mit Licht ausgerechnet an der Siegessäule. Auch wenn ich Dir nicht unterstelle, ein Anhänger von Albert Speer zu sein, der Vergleich liegt nahe.

Asteris Kutulas: Weil Herr Speer etwas benutzt hat, darf man es die nächsten tausend Jahre nicht mehr benutzen? Warum sollen wir den Nazis die Kunst-Form LICHT schenken?

Die deutschen Lyriker sind auch nicht der „Aufforderung“ von Theodor W. Adorno gefolgt „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, sondern haben gesagt, „wir glauben, dass Gedichte überhaupt erst jetzt wieder möglich sind …“. Hinzu kommt, dass Gert seine Idee von der Licht-Architektur am Himmel von den Bauhaus-Pionieren übernommen hatte – er war ein absoluter Bauhaus-Fan und hatte sich u.a. vom Metropolis-Film zu seiner Lichtarchitektur inspirieren lassen.

Wir haben mit unseren Events das Medium LICHT den Nazis weggenommen und es der Kunst und der Menschheit wieder geschenkt. Wie erfolgreich wir darin waren, siehst Du daran, dass inzwischen die „Strahlen-Ästhetik“ von Gert Hof in jeder Fernsehsendung und in jedem Pop/Rock-Konzert zu sehen ist.

Asteris Kutulas, Gert Hof
Berlin Millennium Event 1999/2000 (photo © by Sabine Wenzel)

taz: Aber wie kam es zu dem Auftritt bei Donald Trump?

Asteris Kutulas: Wir hatten durch unser neues Show-Format eine neue Art von Entertainment für Hunderttausende von Menschen geschaffen. Die PR-Verantwortliche der Trump Organization hatte von unseren Lichtshows in Berlin, Athen, Peking und an vielen anderen Orten gehört und fragten uns an. Wir haben in Atlantic City eine ganze Woche jeden Abend eine Mega-Lichtshow für die ganze Stadt auf Bruce Springsteen Musik gemacht und damit mehrere Trump-Ressorts miteinander verbunden. Die Amis sind total darauf abgefahren.

taz: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Trump?

Asteris Kutulas: Die gab es mit ihm persönlich gar nicht. Er kam mit seinem Hubschrauber aus New York geflogen, war ziemlich beeindruckt von dem Ganzen und hat sich sehr amüsiert. Damals war Trump auch mehr ein Entertainer und politisch noch nicht in Erscheinung getreten. Und er mischte sich überhaupt nicht künstlerisch ein – er akzeptierte Gert als jemanden, der wusste, was er tat. Ich hatte das Gefühl, dass er das gut fand. Die Zusammenarbeit mit seinem Büro lief professionell ab, obwohl sie mit sehr harten Bandagen verhandelt haben. Das war diesbezüglich eine meiner schwierigsten Produktionen.

Asteris Kutulas Gert Hof Atlantic City
Atlantic City Trump Taj Mahal Event, directed by Gert Hof & produced by Asteris Kutulas, 2003 (photo © by Sabine Wenzel)

taz: Als Wahlberliner bringst Du regelmäßig griechische Kultur nach Berlin, beispielsweise bei dem alljährlichen Filmfestival „Hellas Filmbox Berlin“ im Babylon. Wo ist Deine Kunst demnächst zu sehen?

Dance Fight Love Die, Liquid Staging & andere Projekte

Asteris Kutulas: Im Januar kommt mein Film „Recycling Medea“ in die Kinos. Ich habe Regie geführt und zusammen mit meiner Frau das Drehbuch geschrieben. In der ARTE-Mediathek kann man noch bis Dezember unseren Film „Mikis Theodorakis – Komponist“ sehen. Unser Film „Dance Fight Love Die“ ist auf Amazon und vielen anderen Streaming-Plattformen zu sehen. Dieser Film entstand, weil ich Mikis seit 1987 mit meiner Kamera begleitet habe und ziemlich viel aufgenommen habe, in ganz Europa, den USA, Chile, Israel, Türkei, Südafrika, Australien usw. Ich habe das eher für mich getan, um die künstlerische Energie festzuhalten, die mich umgab. Meine Frau Ina hat mich später davon überzeugt, aus diesem Material einen Film zu machen.

Ansonsten arbeite ich mit Ina seit drei Jahren an für uns atemberaubenden Projekten: an einer Family-Entertainment-Show namens „Spheros“ und an einem „Meta-Musical“, in dem Marlene Dietrich im Mittelpunkt steht. Zusammen mit unserem Künstler-Kollegen Achilleas Gatsopoulos entwickeln wir eine revolutionäre Liquid-Staging-Show. In einem halben Jahr werden wir das Flexodrom dem Markt anbieten – das ist ein modularer und mobiler Theaterbau, den ich zusammen mit Alexander Strizhak aus Riga entwickelt habe.

Außerdem schreibe ich zusammen mit Ina einen autobiografisch angelegten Roman über das Leben eines griechischen Studenten in der DDR zwischen 1979 und 1989.

taz: Du erwähntest Deine Kamera. Ich habe den Eindruck, sie ist sehr wichtig für Dich?

Asteris Kutulas: Ja. Ich habe sie 1989 gekauft. Sie hat mein Denken visualisiert. Ursprünglich habe ich Tagebuch und Gedichte geschrieben, Übersetzungen gefertigt. Durch die Kamera habe ich ganz anders Sehen gelernt, habe zum Film und zur Konzeptkunst gefunden. Und sie hat mich schließlich zu dieser neuen Theorie des „Liquid Staging“ geführt, die ich im November 2021 im pma-Magazin veröffentlichen werde.

taz: Ich komme zum Schluss noch einmal auf die Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie zurück, die wir gemeinsam gehört haben. Philosophie gilt gemeinhin als brotlos. Hast Du Dein Philosophie-Wissen in Deiner beruflichen Tätigkeit produktiv machen können?

Asteris KutulasJa, sehr. Ich habe 40 Bücher herausgegeben und übersetzt, darunter viele Essaybände. Wenn ich beispielsweise an den 1989 in der DDR und 1990 in der Bundesrepublik herausgegebenen Essay-Band des Literaturnobelpreisträgers Giorgos Seferis „Alles voller Götter“ denke – ohne vorher die Vorlesungen zur antiken griechischen Philosophie bei Helmut Seidel erlebt und mich damit auseinandergesetzt zu haben, hätte ich mich da wohl nie herangetraut.

Asteris Kutulas taz Seferis
Giorgos Segeris, Alles voller Götter, Herausgegeben und übersetzt von Asteris Kutulas

Zum andern hat mir dieses Studium geholfen, nicht nur Literatur, sondern auch meinen Künstler- und Produzenten-Alltag ohne „ideologische“ Brille zu betrachten und Strukturen zu durchschauen. Dadurch vermag ich auch als Konzept-Künstler, „leere Begriffe“ und „blinde Anschauungen“ zu vermeiden.

taz Interview mit Asteris Kutulas, befragt von Marina Mai, veröffentlicht in der Wochenendausgabe der taz vom 6./7.11.2021 sowie auf der Internet-Seite der taz am 9.11.2021 (Fotos in den taz-Ausgaben: Doro Zinn)

(Danke taz, Marina Mai, Doro Zinn und Ina Kutulas.)

Electra 21 World Premiere

ELECTRA 21 | A musical recording, a ballet performance, a film production, a liquid staging installation

– created and directed by Asteris Kutulas to the music of Mikis Theodorakis

Electra, a timeless thriller. The father sacrifices the eldest daughter for power and fame. His wife slays him for it years later. Their children Electra and Orest kill her to avenge the father. A circle of hatred and destruction. No happy ending.

The live experience of ELECTRA 21 consists of the overall experience of the music, four documentaries running simultaneously, some of them hybrid, and an installation. The audience decides for itself: Visitors can move, sit or stand in this liquid staging installation and direct their attention in each case to whatever captivates them at the moment. In doing so, everyone perceives more than one thing at the same time.

This show installation moves away from the one-dimensional seeing of the 19th century and offers the audience the polydimensional seeing, which corresponds much more to the complexity of our epoch. A new kind of live experience.

Electra 21 Asteris Kutulas & Mikis Theodorakis
Electra 21 poster (Photo by Loukia Roussou | Artwork by Achilleas Gatsopoulos)

ELECTRA 21 | Eine Musikaufnahme, eine Ballettaufführung, eine Filmproduktion, eine Liquid Staging Installation

– von Asteris Kutulas zur Musik von Mikis Theodorakis

Electra, ein zeitloser Thriller. Der Vater opfert die älteste Tochter für Macht und Ruhm. Seine Ehefrau erschlägt ihn dafür Jahre später. Ihre Kinder Electra und Orest töten sie, um den Vater zu rächen. Ein Kreis des Hasses und der Vernichtung. Kein Happy End.

Das Live-Erlebnis ELECTRA 21 Produktion besteht aus dem Gesamt-Erlebnis der Musik, vier zeitgleich ablaufenden – zum Teil hybriden – Dokumentarfilmen und einer Installation. Das Publikum entscheidet selbst: Die Besucher*innen können sich in dieser Liquid-Staging-Installation bewegen, sitzen oder stehen und ihre Aufmerksamkeit jeweils auf das richten, was sie gerade fesselt. Dabei nimmt jede*r immer mehreres zugleich wahr.

Diese Show-Installation bewegt sich weg vom eindimensionalen Sehen des 19. Jahrhunderts und offeriert dem Publikum das polydimensionale Sehen, das der Komplexität unserer Epoche viel mehr entspricht. Ein neuartiges Live-Erlebnis.

Electra 21 Asteris Kutulas Mikis Theodorakis
Electra 21 team after the world premiere in Hof (Foto: Andreas Rau)

ELECTRA 21 CREDITS

A Liquid Staging Installation by Asteris Kutulas on the Music by Mikis Theodorakis

Choreography by Renato Zanella with Sofia Pintzou as Electra | Cinematography by James Chressanthis ASC, GSC | Art Direction by Achilleas Gatsopoulos | Music Production, Editing & Mastering by Alexandros Karozas | Scenography & Production by Georgios Kolios | Concept & Produced by Asteris & Ina Kutulas | Created & Directed by Asteris Kutulas

Special appearance by Katherina Markowskaya & Maria Zlatani | With the music directors Phaidra Giannelou, Andrianna Neamoniti, Clément Nonciaux, Lefteris Veniadis | With special thanks to Frank Wunderatsch

Electra 21 Asteris Kutulas Sofia Pintzou
Sofia Pintzou (Foto: Andreas Rau)

Ballet Credits

Music by Mikis Theodorakis (from his opera „Electra“) | Choreography by Renato Zanella | Film sequences by James Chressanthis ASC, GSC | Music Editing by Alexandros Karozas | Lighting Design by Uwe Niesig | Costumes by Olgica Gjorgieva | Concept & Direction by Asteris Kutulas & Renato Zanella

Dancers | Sofia Pintzou (Electra) | Alexandra Gravilescu (Clytemnestra) | Tamara Alves Dornelas Souza (Chrysothemis) | Eltion Merja (Orestes) | Valentin Stoica (Aigisthos) | Florient Cador (Pylades)

In cooperation with Europaballett St.Pölten | Ballet performances filmed at the „Apollo“ Theater of Hermoupolis (Syros) | International Festival of the Aegean | Presented by MidAmerica Productions of New York and the Municipality of Syros-Hermoupolis | General & Artistic Director Peter Tiboris

Electra 21 Asteris Kutulas Mikis Theodorakis

Music Credits

Galina Dolbonos (Electra), Wladimir Feljaer (Orestes), Emilia Titarenko (Chrysothemis), Daria Rybakova (Clytemnestra), Peter Migounov (Pedagogue), Eugeni Witshnewski (Aegisthos), Sergej Leonwitch (Pylades)

St. Petersburg State Academic Capella Orchestra & Choir | Directed by Mikis Theodorakis | Music Production, Editing & Mastering by Alexandros Karozas | Produced by Alexandros Karozas & Asteris Kutulas | Music Edition by Schott Music & Romanos

Electra 21 Asteris Kutulas

Film Credits (4 movies)

Music by Mikis Theodorakis | Ballet Choreography by Renato Zanella | Cinematography by James Chressanthis ASC, GSC | Editing by Yannis Sakaridis, Asteris Kutulas & Stella Kalafati | Music Editing & Mastering by Alexandros Karozas | Art Direction by Achilleas Gatsopoulos | Cameras by Vasilios Sfinarolakis, Mike Geranios, Zoe Chressanthis, Hara Kolaiti, Dionissia Kopana, Stella Kalafati, Asteris Kutulas | Additional filming with Katherina Markowskaya by Sarah Scherer | Sound by Klaus Salge | Assistance to James Chressanthis by Hara Kolaiti | Still photography by Robin Becker | Production Management by Vassilis Dimitriadis

Written & produced by Ina & Asteris Kutulas | Directed by Asteris Kutulas

Music Edition by Schott Music & Romanos | Special thanks to Peter Hanser-Strecker & Margarita Theodorakis

Cameras provided by Alternative Digital Cinema, Los Angeles & Canon, USA | Special thanks to Joe Lomba & Tim Smith

Soundtrack with kind permission of SCHOTT MUSIC, Mainz & Romanos

Foto: Andreas Rau

Special thanks for the support to the Strecker-Stiftung, Frank Wunderatsch, Internationale Hofer Filmtage, Rafaela Wilde, Dimitris Koutoulas, Tim Dowdall, Gerd Helinski, Rena Parmenidou, Jörg Krause, Christian Jansen, Nana Trandou, Nikos Vlachakis, Jan Perray, Oliver Schulze, Lefteris Veniadis, Alexander Kutulas, Rafika Chawish, Hofer Filmtage Team & Thorsten Schaumann

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„The public LIQUID STAGING project ELECTRA 21 by Asteris Kutulas provided a preview of a cinema format of the future.“ 

ELECTRA 21 World Premiere – 30.10.2021 | 55th International Hof Film Festival

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Electra 21 Liquid Staging Asteris Kutulas

Liquid Staging Manifest (2016)

Mauthausen Trilogy & the Holocaust Millennium Nightmare

In Memoriam of Liberation

For me and Alexandros Karozas the „Songs of Humanity“ Tour production from January/February 2020 closes a circle. 

Mikis Theodorakis Mauthausen Holocaust Cycle

We had already recorded the concert on the occasion of the 50th anniversary of the liberation of the Mauthausen concentration camp in 1995, exactly 25 years ago, to produce a CD. 

Mikis Theodorakis Mauthausen Trilogy Holocaust

Initially we understood this recording as a historical document. But the experience of the liberation celebration in Mauthausen on May 7, 1995 and the impression that this place, the more than 20,000 former prisoners and their families, the speech by Simon Wiesenthal and the music by Mikis Theodorakis made on us, gave us the confidence that this history would continue to occupy us.
We very soon realized that the confrontation with the Holocaust would not let us go. But we didn’t know that neo-fascism would again raise its head in Europe and in Germany so quickly.

Mauthausen Trilogy

We therefore decided to publish a MAUTHAUSEN-TRILOGY first: With the support of Elinoar Moav (Tel Aviv), Julie Dennis (London) and Nadia Weinberg (New York), the Hebrew and English versions of the Mauthausen cantata were created. On this first CD release of 1998, they stand next to the Greek live version of Maria Farantouri, the first interpreter of this work with which she began her great career as a singer 55 years ago. At the same time, we held on to our idea of organizing live concerts of the „Mauthausen Cycle“. We did this in January 2020.

Simon Wiesenthal

gave me in 1995 the permission to print his speech and the sketches and collages he had made in Mauthausen concentration camp. In his speech, he uttered sentences that we thought back then, in 1995, were only representing the past. How wrong we were:

„… National Socialism, which wanted to dominate and enslave the world, was de facto a composition of hatred and technology. Hate is something terrible. Hatred preceded the millionfold Nazi crime. We must despise these crimes, not only because they have murdered our families, but because they have crushed human dignity …“
(from: Simon Wiesenthal, Speech in Mauthausen, 1995)

Simon Wiesenthal Mauthausen

Mikis Theodorakis

And it came so badly that Mikis Theodorakis, the composer of the four Mauthausen songs, in his response to a Holocaust denier in 2013, almost 20 years later, felt compelled to write:

„… The Holocaust – a millennium nightmare, the worst humanity has ever known, a nightmare that already makes you sick, if you only think about it, while in your imagination these victims – especially the children – to become angels, and in the end you only feel the inevitable urge to kneel before them, to ask their forgiveness forever and to say to them again and again: „I am ashamed to have been born a human.“ In Dachau and Auschwitz not only, the Jews were murdered. Humanity itself was murdered. And since then, we are all in a debt to those who have survived.“

We organized the „Mauthausen – Songs of Humanity“ Tour with Alexandros Karozas last year just before the outbreak of the Corona Pandemic. Maria Farantouri from Greece and Israeli tenor Assaf Kacholi were making their first European tour together. The songs and the lyrics I put together for this program in collaboration with the artists told of love and passion, of melancholy and gaiety, of courage and sorrow, of war, hate and the deepest peace. Songs full of strength and humanity.

Maria Farantouri and Assaf Kacholi also meant to shine a bright light into the hall of sombre memories, with the songs from Mikis Theodorakis‘ „Ballad of Mauthausen“. 75 years after the liberation of the concentration camps Auschwitz, Mauthausen, Buchenwald, Dachau, Bergen-Belsen and many others, we commemorated the suffering, but above all the lust for life and the dreams of the future of millions of people.

MARIA FARANTOURI & ASSAF KACHOLI
Mauthausen and other songs of Humanity
In Memoriam 75 YEARS OF LIBERATION

„On the occasion of the International Day of Remembrance of the Victims of the Holocaust“

With Henning Schmiedt (piano, arr.), Volker Schlott (sax., perc.)
and Jens Naumilkat (cello)
Recitations by Sandra von Ruffin, Iris Berben & Cem Özdemir
Artistic direction by Asteris Kutulas
Produced by Alexandros Karozas & Asteris Kutulas

It was a great musical and political event – an event that was unique, because it went to the heart and helped to remember not to forget. 

Alexandros and me received support from many friends & partners, especially from Jörg KrauseIna Kutulas and Sandra von Ruffin. Sandra also took over the recitation in 5 cities. We also thank Iris Berben for her cooperation in Düsseldorf and Cem Özdemir in Berlin. We were supported by the Jewish & Greek communities and by many artists, including Konstantin Wecker and Vicky Leandros and so many others. We thank them from the bottom of our hearts.

Asteris Kutulas, 27.1.2021

Mikis Theodorakis, reloading Films

Mikis Theodorakis und der Film

Rede in München, Gasteig, 2015

1 | Dance Fight Love Die

Mikis Theodorakis bin ich erstmals 1980 in Ostberlin persönlich begegnet. Nachdem er etwa zehn Jahre in der DDR verboten gewesen war, kam er dorthin, um sein allererstes Konzert in Ostberlin zu geben, im Palast der Republik. Mikis dirigierte den „Canto General“. Es sangen Maria Farantouri und Heiner Vogt. Es folgten Hunderte von Projekten, die wir zusammen seitdem realisierten. Ab 1987 hatte ich immer eine Kamera bei mir, und jedes Mal, wenn ich Zeit hatte, filmte ich, in allen möglichen Situationen.

2013 beschlossen Ina Kutulas und ich, aus diesem vielfältigen und sehr umfangreichen Material einen Film zu machen. Das lag bis dahin im Schrank und wurde dadurch nicht besser. Zwei Kassetten waren bereits hinüber. Also höchste Zeit, diese Dokumente zu retten, aber auch, sie aus ihrem Museumsschachtel-Dasein zu erlösen. Es begann die Arbeit an Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road.

DANCE FIGHT LOVE DIE, Music by Mikis Theodorakis
Plakat zur Weltpremiere von DANCE FIGHT LOVE DIE – WITH MIKIS ON THE ROAD 2017

Um die schlechte Bild- und Tonqualität zu konterkarieren und um dem Zuschauer nicht ausschließlich die Resultate meiner oftmals miserablen und eigenwilligen Kameraführung zuzumuten, beschloss ich – inspiriert von einer Geschichte aus Theodorakis’ Autobiographie –, eine zweite Film-Ebene einzuführen. Diese fiktionale, narrative, der Einfachheit halber so genannte „Spielfilm-Ebene“ sollte dem gestressten Auge immer wieder ein zeitweiliges Ausruhen und cineastische Eindrücke ermöglichen. Und andererseits gab mir diese Ebene die Möglichkeit, die schönsten Arien aus diversen Theodorakis-Opern als Filmmusik zu implementieren. Anders als mittels dieser schräg-episodenhaften Film-Szenen-Form wäre das gar nicht möglich gewesen.

Der Film entstand, nachdem ich für das Material ein für mich selbst schlüssiges Ordnungsprinzip entdeckte. Und das passierte während meiner Beschäftigung mit Nikos Kazantzakis, der ab 1907 in Paris promovierte und Friedrich Nietzsches Hauptwerk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ ins Griechische übersetzte. Nach Beendigung dieser Übersetzung begann er, seinen später weltberühmt gewordenen „Zorbas“-Roman zu schreiben, in dem er das dionysische Prinzip (also Zorbas) gegen das apollinische Prinzip (den Engländer) stellte – ein Konflikt, aus dem sich in seinem Buch und später im Film die Frage ergab: Was ist wichtiger im Leben – das Buch oder der Tanz? Die Beschäftigung mit diesem Stoff führte mich zur Lösung für mein ästhetisches Film-Problem. Ich musste also die „Geburt eines FILMS aus dem Geiste der Musik“ zuwege bringen. Das entsprach dem Werk von Theodorakis, dem Leben von Theodorakis und dem Charakter meines Film-Materials, das ich fast 30 Jahre lang produziert hatte.

So gab es auf der einen Ebene den Komponisten pur: „Mikis on the Road“, dirigierend, probend, diskutierend, reisend, schlafend, witzelnd, singend, und ich hatte – auf einer zweiten fiktionalen Ebene – seinen poetischen Kosmos, seine Philosophie, seine Märchen- und Mythenwelt, seine Anbetung des Schönen, des Weiblichen. Und dann merkten wir sehr schnell, dass noch eine dritte Ebene dazu gehörte – nämlich die vom Komponisten losgelöste, die von anderen Musikern oder Künstlern geschaffene, die (obwohl sie oftmals Theodorakis nicht mal kannten) seine Musik in unterschiedliche Sprachen, Stile, Länder, Musikrichtungen weitertrugen.

Wir fanden Musiker, viel jünger als Theodorakis, überall auf der Welt, die Musik von ihm auf ihre eigene Weise interpretierten (die Alternativband Deerhoof aus San Francisco, der junge Komponist neuer Musik Sebastian Schwab aus München, die israelische Ethno-Reggae-Band Anna RF, die Sing-and-Song-Writerin Eves Karydas aus Australien, der Electrohouse-DJ Francesco Diaz aus Barcelona, die Homeopathic-Punk-Band Air Cushion Finish aus Berlin, die Rockmusikerin Maria Papageorgiou aus Athen und viele andere). Das wurde die dritte Ebene des Films.

All das zusammen – Mikis selbst, Mikis’ Fiktion, Mikis’ Adaption – ergibt einen universalen musikalischen Kosmos, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenbringt. Ohne dass Mikis die Musik zu unserem Film Dance Fight Love Die komponiert hatte, so komponierte er doch durch seine Musik den eigenen Film zu seiner Musik. Musikfilmkomponist des eigenen Lebensfilms. Fast ohne Kommentar. Zehntausende Bilder zu etwa sechzig Musiken.

Recycling Medea, Music by Mikis Theodorakis
RECYCLING MEDEA beim EPOS-Filmfestival in Tel Aviv 2015

2 | Recycling Medea

Wie musikalische Emotion und bestimmte Bilder, verknüpft mit einer modernen Film-Ästhetik, sich jungen Leuten vermitteln, konnten wir bei Recycling Medea (2014), unserem ersten Musikfilm feststellen. Die Resonanz bei den unter 25jährigen auf die Aspekte Partnerschafts- und Generationenkonflikt, gesellschaftliche Perspektive bzw. Perspektivlosigkeit, politische Gewalt und verdrängte Schönheit in diesem „kein Ballett-Opern-Film“ war für uns sehr beeindruckend. Sowohl in Griechenland als auch in Deutschland, in den USA und Israel hatten die Jugendlichen überhaupt kein Problem, die doch relativ komplexe, anspruchsvolle, fordernde Theodorakis-„Medea“-Opernmusik in Verbindung mit den Bildern anzunehmen – als etwas, das sie angeht und ihr Ureigenstes ausdrückt. Es ist interessant zu sehen, wie der Recycling-Medea-Film an unterschiedlichen Gymnasien und Universitäten in Deutschland, Holland, Griechenland und den USA als etwas Neues und Wahrhaftiges rezipiert wird.

3 | Canto General Film

Anfang der 80er Jahre war ich in der DDR unter anderem auch der Dolmetscher von Theodorakis. Neben sehr vielen öden Begegnungen, bei denen ich übersetzte, gab es durchaus einige äußerst interessante. Zu den spannendsten gehörte die von Theodorakis und Konrad Wolf, dem damaligen Präsidenten der Akademie der Künste in Ost-Berlin. Wolf war ein ganz außerordentlicher Intellektueller. Als einer der wenigen DDR-Regisseure international anerkannt. Mit „Solo Sunny“ hatte er 1979 einen der wichtigsten DDR-Filme gemacht. Ich war zwischen 1980 und 1982 bei drei Begegnungen von Theodorakis und Wolf anwesend, bei denen es darum ging, dass Wolf (der damals an einem Ernst-Busch-Film arbeitete) mit Theodorakis über ein Film-Großprojekt oder „eine Art Lebenswerk“, wie er es nannte, sprach. Er wollte zu Theodorakis’ „Canto General“-Musik (die auf dem mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Poem von Pablo Neruda beruht) einen Film über DIE Revolution machen, ohne Kommentar, ohne Worte, einfach vertrauend auf die aus Dichtung, Musik und Bild resultierende emotionale Kraft.

Es war ein atemberaubendes Projekt, das einen sofort begeisterte. In der Tradition der russischen Avantgarde – Liebe, Kampf, Passion, Aufstand, Opfer, Natur, Tod vereinigend. Konrad Wolf verstarb, bevor er die Arbeit am Drehbuch abschließen konnte, und ich nehme an, dass der 21jährige, der ich damals war, diese ungeheure Inspiration mitnahm und nach 30 Jahren einfließen ließ in DANCE FIGHT LOVE DIE.

Seitdem begleitet mich auch der „Canto General“, dessen Musik übrigens 1973 im Film „Der unsichtbare Aufstand“ (State of Siege) von Costa Gavras zum ersten Mal erklang. Damals gespielt von Los Calchakis. Ein zu seiner Zeit legendärer Film mit einer legendären Musik.

4 | Theodorakis-Werkverzeichnis

Zwischen 1991 und 1997 arbeitete ich in den Archiven von Mikis Theodorakis, um sein Werkverzeichnis zu schreiben, das dann 1998 auch tatsächlich beim Livanis-Verlag in Athen veröffentlicht wurde. Ein 400-seitiges Konvolut. Es brachte einen vollkommen unbekannten Theodorakis ans Licht. Dieser Vorgang war aus mehreren Gründen interessant.

Der interessanteste: Ich war kein Musikwissenschaftler, sondern Germanist, und das Letzte, wovon ich meinte, dass ich imstande gewesen wäre, es zu tun, war: ein Musikwerkverzeichnis herauszugeben. Aber in dieser, unserer seltsamen Heimat Griechenland gab es damals weder das Interesse von Musikwissenschaftlern, sich mit dem Werk von Theodorakis zu beschäftigen, noch gab es den Willen, geschweige denn die Motivation bei etlichen Vertretern der Intelligenz (vor allem so genannten linken), ihre Vorurteile im Hinblick auf einen außerordentlichen und unikalen Komponisten mal beiseite zu lassen und sich objektiv mit dessen Schaffen auseinanderzusetzen, z.B. indem man ein Werkverzeichnis herausgibt, bei dem es darum geht, das Gesamt-Werk eines Komponisten wissenschaftlich für die Forschung und die Musikpraxis aufzuarbeiten. Als das Werkverzeichnis dann herauskam, änderte sich fast alles, würde ich sagen, in Bezug zum Komponisten Theodorakis.

Warum ich hier von Theodorakis’ Werkverzeichnis erzähle, hat folgenden Grund: Ich hatte damals 313 Werk-Einheiten zusammengetragen, die Theodorakis zwischen 1937 und 1997 komponierte, und Mikis gebeten, seinen Werken Opus-Zahlen zu geben. An die 313 gelisteten Werk-Einheiten vergab er nur 135 Opus-Zahlen. Das heißt, dass er selbst nur ein Drittel seiner Kompositionen als seinen Kriterien genügende Werke ansah – eine sehr interessante Feststellung. Bemerkenswert dabei ist, dass er keiner seiner 33 Film-Musiken eine Opus-Zahl gab, nicht mal der Musik zum „Zorbas“-Film.

2010, ein paar Monate vor dem Tod von Michalis Cacojannis (dem Regisseur des Zorbas-Films) hatte ich die Möglichkeit, ein gemeinsames Interview mit Cacojannis und Theodorakis filmisch festzuhalten. Während dieses Gesprächs definierte Theodorakis die Aufgabe des Film-Komponisten so, dass dieser vor allem den Wünschen des Regisseurs bis ins Detail zu folgen und den Bildern des Films zu dienen habe. Das ist offensichtlich der Grund dafür, dass Mikis – obwohl er zum Teil sehr gern für Filme komponiert hat – diese Arbeit nicht als eigenständige Kompositionsform akzeptieren konnte. Jedenfalls nicht für sich selbst.

Mikis Theodorakis Filmkomponist Asteris Kutulas
Asteris Kutulas during his speech on Mikis Theodorakis, Gasteig Munich, 2015

5 | Theodorakis als Filmkomponist

Theodorakis’ Inhaftierung während der Junta 1967 erregte weltweit Aufsehen, denn mit ihm hatte man jemanden in eine Zelle gesteckt, der als Komponist bereits ein Star war, der längst einen Namen hatte und international Millionen Fans. Zehn Jahre vorher war Theodorakis u.a. als neuer Strawinsky gefeiert worden. Dieser „neue Strawinsky“ saß jetzt in einem elenden Knast, in einer elenden Zelle. 

Die Tatsache, dass Theodorakis inhaftiert wurde und später ins Exil gehen musste, verbunden mit der Tatsache, dass er ein anarchischer Freigeist war, führte zu einer weltweiten Sympathie, jenseits von Parteigrenzen. (Später wurde ihm allerdings diese Freigeistigkeit innerhalb des dogmatisch-bipolaren Systems in Griechenland zum Verhängnis.)

Heute ist Theodorakis als PERSON international kaum noch bekannt. Natürlich kennt ihn „fast“ jeder Grieche, und natürlich gibt es Millionen weltweit, die ihn noch kennen und viel mehr, die seine Musik hören. Aber er bleibt der bekannteste unbekannteste Komponist des 20. Jahrhunderts. Theodorakis ist zugleich vielleicht der einzige Komponist „ernster Musik“ des 20. Jahrhunderts, dessen Lieder von Jüngeren weltweit und stetig gecovert werden – und das, obwohl sie nicht aus dem englischen Sprachraum stammen.

Und so kommen wir wieder zu unserem Thema: die meisten dieser gecoverten Lieder oder Musiken sind tatsächlich durch Filme bekannt geworden. Angefangen hat dieser Erfolgsweg Theodorakisscher Filmkomposition in Hollywood, im Jahr 1958, mit Honeymoon, einem Ballett-Film des damals wohl berühmtesten Regisseurs, Michael Powell; Choreograph war Leonide Massine. Der „Honeymoon“-Song wurde in den Jahren 1959/60 ein Welthit, den selbst die Beatles drei Jahre später, 1967, im BBC-Studio von London aufnahmen.

Der nächste große Erfolg für Theodorakis war die Musik zum Jules-Dassin-Film Phädra (1962), mit Melina Mercouri und Anthony Perkins in den Hauptrollen. Im selben Jahr sang Edith Piaf zwei Theodorakis-Songs im Film Les amants de Teruel, für den Theodorakis die Filmmusik schrieb. Regie führte Raymond Rouleau.

Vor seinem endgültigen internationalen Durchbruch mit der Filmmusik zu Zorba the Greek schrieb Theodorakis für den Film – bei dem er erstmals mit Michalis Cacojannis zusammenarbeitete – seine wahrscheinlich interessanteste und beste Filmmusik: Elektra. Überhaupt ist die Antiken-Trilogie von Cacojannis (Elektra (1963), Troerinnen (1971) und Iphigenie (1978) – alle mit Theodorakis-Musik) ein Meilenstein, nicht nur in der Antike-Rezeption des griechischen Kinos, sondern auch in der Auseinandersetzung eines Filmkomponisten mit antiken Mythen im Film.

Theodorakis ist ein Komponist, der Sinfonien und Opern geschrieben hat, dessen Chor- und kammermusikalische Werke überall auf der Welt immer wieder aufgeführt werden, und dessen Lieder und Melodien auch zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig Jahre nach ihrer Entstehung immer wieder gecovert werden von jungen Musikern überall auf der Welt, die oft nicht mal wissen, wer überhaupt der Komponist ist. Diese Tatsache – so scheint mir – macht aus Theodorakis einen einzigartigen Fall unter allen Komponisten des 20. Jahrhunderts.

© Asteris Kutulas
Rede in München, Gasteig, Griechische Filmwoche 2015

Photos © by Asteris Kutulas

Recycling Medea – Film-Rezensionen & Kritiken

Dance Fight Love Die – Reviews & Statements

Mikis Theodorakis 95 Happening, July 2020

Mikis Theodorakis 95 Happening

with Otto Sauter, Johanna Krumin, Istvan Denes & Asteris Kutulas

For Mikis Theodorakis‘ 95th birthday Otto Sauter (trumpeter, GER), Johanna Krumin (soprano, GER) and Istvan Dénés (conductor, pianist, HU) came to Athens two days before, for a happening of his long-time friend and collaborator, the director & author Asteris Kutulas (Berlin), to congratulate the Greek composer in a very special way.

In Mikis Theodorakis‘ studio above his apartment in Athens – with an outstanding view of the Acropolis – they performed lyrical works for trumpet, soprano and piano, filmed them for Mikis Theodorakis and a worldwide release: The Aria of Medea from Theodorakis‘ opera „Medea“, two movements from his concerto for trumpet, which he had written for Otto Sauter, and the melody that made Mikis immortal: Zorba

Location: House of Mikis Theodorakis, studio and his veranda overlooking the Acropolis and Parthenon. This is where most of his operas and many symphonic works were written.

Mikis Theodorakis himself could not be present because of the Corona Pandemic, but heard the musical birthday greeting through the open window under his studio.

Johanna Krumin:
„Mikis wants to reach people, not be liked by them. This makes him free, as only few artists are really free: because the purpose of art cannot be to serve life, but only to serve the stars that shine above it. Chronia polla, dear Mikis.“

Istvan Dénés:
„The history of the Greek and Hungarian people is marked by constant struggles for freedom. For me as a Hungarian musician, Mikis Theodorakis is the symbol of freedom.“

Otto Sauter:
„Wherever I perform the trumpet concerto by Mikis Theodorakis in the world with symphony orchestra, the audience is moved and fascinated. To be able to play it at his home for his 95th birthday, with piano accompaniment only for him, is not only a gift from me to him, but also a gift for me!“

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Mikis Theodorakis 95 Happening, July 2020
Otto Sauter (trumpet)
Johanna Krumin (soprano)
Istvan Denes (piano)
Asteris Kutulas (artistic director)

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Video production

Music by Mikis Theodorakis, sung by Johanna Krumin & played by Otto Sauter (trumpet) & Istvan Denes (piano)
Directed by Asteris Kutulas
DOP Ludwig Wager
Cameras Vassilis Dimitriadis, Dionissia Kopana, Sabine Kierdorf
Sound Klaus Salge & Vassilis Dimitriadis
Editing Nikos Arapoglou
Production Asteris Kutulas, Vassilis Dimitriadis, Klaus Salge
Concept by Asteris Kutulas

Many thanks to Mikis Theodorakis, Rena Parmenidou, Yannis Sakaridis, Sabine Kierdorf, Ina Kutulas, Dionissia Kopana, Penny Laga & MEGA TV

Mikis Theodorakis Acropolis view with Asteris Kutulas
Acropolis view from the apartment of Mikis Theodorakis in Athens (Photo © by Asteris Kutulas)

Recycling Medea – Film-Rezensionen & Kritiken

Recycling Medea | A film by Asteris Kutulas | Music by Mikis Theodorakis | Choreography by Renato Zanella | Written by Asteris & Ina Kutulas | With Maria Kousouni as Medea 

Süddeutsche Zeitung

… Asteris Kutulas hat einen Film über die Krise gedreht, über die Proteste und die Geschichte Medeas, der Kindermörderin im antiken Mythos. Es ist aber kein Dokumentarfilm geworden, sondern eher ein filmischer Essay, eine bildgewaltige Collage, die Protestmärsche und eine Ballettinszenierung der Medea zusammenspannt. Mit erschütterndem Effekt, denn die Präsenz der Primaballerina Maria Kousouni, kombiniert mit den brennenden Strassen Athens, erweist sich als geschickter Kunstgriff mit den entsprechendem Pathos. Und dann ist da noch Mikis Theodorakis, der Komponist, der hier nicht als Urheber des Soundtracks stumm bleibt, sondern auch zu Wort kommt: “Wenn ich heute jung wäre, würden sie mich auch einen Terroristen nennen”, sagt er …
Andreas Thamm, 15.11.2013

cinetastic.de

… Keinen „Opern-Ballett-Film“ habe er drehen wollen, hat Regisseur Asteris Kutulas mit Blick auf die rebellische Haltung seines Essays gesagt. Aber zum Glück ist das nicht die volle Wahrheit. „Recycling Medea“ ist ein Fest für die Sinne, also in gewissem Sinne eben doch auch ein Opern-Ballett-Film. Getragen wird er von der für Theodorakis charakteristischen, wuchtigen Orchestermusik, den lyrischen Gesangsstimmen, der ausdruckstarken Primaballerina Maria Kousouni und den verzauberten Landschaftsszenen mit der „Unschuld“, die ein wenig an die filmische Naturpoesie eines Terrence Malick erinnern. Trotz seiner bewusst modernen Interpretation schlägt „Recycling Medea“ zeitlos-tragische Töne an. Sehr zu seinem Vorteil verlässt sich der Film auf die nie endgültig ausdeutbare Substanz seines Stoffes, der seit mehr als 2000 Jahren Künstler aus allen Gattungen herausgefordert hat.
… Kaum jemand hat bisher so konsequent aus der Sicht der Kinder erzählt, die den Konflikt ihrer Eltern ausbaden müssen, und zwar auf die denkbar grausamste Weise. Wer hat je der Opfer gedacht, wenn er im Theater über die Motive der rasenden Ehefrau rätselte? Wer hat sich vorgestellt, welche Zukunft sie hätten haben können? Welche Träume sie verwirklichen wollten? Die Leerstelle ist nun gefüllt, auf eine ebenso vielschichtige wie eindringliche Weise.
Peter Gutting, 14.9.2021
cinetastic.de

RECYCLING MEDEA | Liebe, Eifersucht, Mord. Verstörende Schönheit, rebellierende Jugendliche, Tanz und Musik. Ein Ballett-Film.

SWR Fernsehen

Recycling Medea ist ein faszinierendes Filmdokument! Eine Film-Collage, die in großartiger Weise die Musik von Mikis Theodorakis, die Ballett-Choreographie von Renato Zanella mit der Krisensituation in Griechenland verbindet. Der Filmessay von Asteris Kutulas überträgt die Geschichte Medeas, der Kindermörderin aus der Tragödie von Euripides vom Jahr 431 vor Christus, auf die heutige Krise in Griechenland als bildgewaltige Collage: Medea rächt sich für die Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, indem sie ihre Kinder tötet. Zwischen den perspektivlosen Jugendlichen und der Polizei in Athen kommt es zu dramatischen Auseinandersetzungen auf den Straßen. Die Frustration der “verlorenen Generation” trifft auf Polizeigewalt. Verrät der Staat seine Jugend? Und wie rächt sich diese? Der Film hat neben seiner künstlerischen Dimension auch eine “tagespolitische Brisanz”.
SWR, 18.3.2015

FAZ (Premierenkritik)

… Die Schlüsselszene des Balletts ist auch die des gesamten Films, sie ist seine Quintessenz: Jason verstösst Medea, weil er eine Andere heiraten wird. Ein «Wertewandel», der uneingeschränkte Freiheit verlangt. «Wenn du frei sein willst,» prohezeit ihm da Medea, «wirst du deine Kinder verlieren.»

Maria Kousouni, die Primaballerina, ist Athenerin und eine grossartige, eine phantastische Medea. Renato Zanella, dessen meisterliche Choreographien in der Vergangenheit schon in Stuttgart, Berlin und besonders in Wien zu bewundern waren, beherrscht mit seinem Ensemble Kutulas’ Film… Hineingeschnitten in den strengen Totentanz Zanellas haben Kutulas und seine Cutterin Babette Rosenbaum harsche Szenen vom physischen Einsatz der griechischen Jugend gegen die Regierungspolitik. In schwarz-weiss gefilmten dokumentarischen Sequenzen, in denen nur bisweilen das Orange der brennenden Strassen aufleuchtet, lässt Kutulas sie gegen die Staatsmacht ziehen. Es ist dies ein anderes Ballett: Das der trampelnden Polizeistiefel, der leichtfüssigen Turnschuhläufer und das der zu Boden schlagenden, verletzten menschlichen Körper.

Kutulas’ Leistung, die seiner Equipe, ist das nahtlose Zusammenfügen dieser Tanz- und Strassenszenen. Das nahezu wortlose, von Theodorakis’ kraftvoller Musik getragene Erzählen der Geschichte der leidenden Mörderin, das ins Bild gesetzte Auftauchen Medeas aus ihrer grässlichen Vergangenheit, das Hineingeraten des Zuschauers in die scheussliche Gegenwart des alltäglichen Generationenkrieges vor der blendenden Fassade des Parlamentsgebäudes am Syntagma-PLatz …

1.200 Zuschauer, die meisten junge Menschen, waren zur Filmpremiere in das Athener «Theater Badminton» gekommen. Ein gewaltiger Erfolg insofern, als diese Weltpremiere weitgehend ohne Ankündigung, ohne Reklame auskommen musste: Das staatliche Fernseh- und Radioprogramm ERT, das als Werbeträger vorgesehen war, hatte – auf Anweisung der Regierung – mehr als eine Woche zuvor sein Programm eingestellt. Begeistert feierte dieses Publikum nicht nur Kutulas und seine Tänzer, sondern vor allem den greisen Theodorakis, den Helfer in einem Rollstuhl ins Theater geschoben hatten. In eine der wüsten Kampfszenen des Films hineingeschnitten, lässt der 53 Jahre alte Regisseur den 87 Jahre alten Komponisten seufzen : «Wäre ich heute jung, dann würden sie auch mich einen Terroristen nennen.»

Was ist das nun für ein Werk ? Ein Musik- oder ein Ballett-Film? Ein politischer oder ein Dokumentarfilm? Er sei all das und doch nichts von alledem sagt der Regisseur. Doch es ist in dem von ihm gewählten Kontext wohl in erster Linie ein politischer Film …
Hansgeorg Hermann, 4.7.2013
Frankfurter Allgemeine Zeitung

artechock.de

Recycling Medea ist eine Verschmel­zung des klas­si­schen und modernen Tanzes mit aktuellen Bildern von jungen, gegen die Spar­maß­nahmen protes­tie­renden Menschen. »Grie­chen­land mordet seine Jugend, indem es deren Zukunft zerstört«, so die Beschrei­bung des kraftvollen Film­ex­pe­ri­ments … Aus der asso­zia­tiven und von der Musik gelei­teten Montage von Tanz­auf­nahmen mit Bildern von zarten und zornigen Jugend­li­chen entsteht eine filmische, iden­ti­täts­stif­tende National-Hymne über die Ereig­nisse der heutigen Zeit, die in der Krise den Mythos neu erzählt.
Dunja Bialas, 14.11.2013
www.artechock.de

Recycling Medea by Asteris Kutulas & Mikis Theodorakis
Plakatentwurf von Apostolos Tziovaras mit der Tänzerin Maria Kousouni (Photo © by Stefanos Kyriakopoulos) 

plärrer

Die Gesellschaft: dieses machthungrige, seine Kinder mordende Wesen. In diesem Falle Griechenland. Asteris Kutulas sah in Athen vor zwei Jahren die “Medea”-Choreographie von Renato Zanella, Chef des Athener Nationalballetts. Sie inspirierte ihn zu diesem filmischen Experiment, dass er sehr wohl auch als aktuelle Spiegelung der griechischen Verhältnisse versteht: Medea als tragische Figur, die sich mörderisch für den Verrat des Geliebten – aus Habgier und Geltungssucht begangen – rächt. Die großartige Primaballerina Maria Kousouni verkörpert in Zanellas “Medea” die Titelfigur, und sie ist wesentlicher Teil dieses Films, der eigentlich zwei Choreographien zeigt: die künstlerische und die spontane. Kutulas kontrapunktiert nämlich die getanzten Szenen immer wieder mit Aufnahmen von griechischen Jugendlichen bei Protestaktionen wider den Staat, der ihnen die Zukunft geraubt hat …
J.S., 12/2013
plärrer, Nürnberg

Junge Welt

»Recycling Medea« ist ein aufwühlender Film über die kindermordende Gesellschaft von heute… »Der Medea-Film«, sagt Theodorakis, »ist für mich ein griechisches Kunstwerk«. Das stimmt. Und weil es griechisch ist, erzählt es – in großer Manier – vom Ursprung. Von uns allen.
Junge Welt, 27.06.2013 (Feuilleton)

tanznetz.de

Asteris Kutulas Filmgedicht „Recycling Medea“ entwirft konsequent aus dem Blickwinkel der verlorenen Kinder kühne, manchmal kryptische Assoziationsketten. Interagierend mit einer hochkarätig emotionalen Opern-Einspielung führt die Regie die griechische Tragödie (431.v.Chr.) Vers für Vers metaphorisch mit der aktuellen Tragödie Griechenlands und der verlorenen Generationen von Heute zusammen.
Regisseur Kutulas montiert – bestechend in Kameraführung und Bildschnitt − den antiken Mythos im „Ballett als Bühnenstück“ mit dem „Ballett der Straße“ und kreiert durch diese Collage eine völlig andere Art Opern-Ballett-Dokumentar-Kunst-Film …

Doch Kutulas Film dokumentiert nicht das Bühnenstück, sondern konzentriert sich in mehrfachen, teils rätselhaften Brechungen auf die getanzte Tragödie Medeas im Angesicht der Straße mit vermummten Jugendlichen, bewaffneten Hundertschaften und brennenden Autos. Die Zeit der Unschuld ist vorbei. „Recycling Medea“ beleuchtet mehrschichtig Zeiten des Widerstandes, des Schuldigwerdens, der Perspektivlosigkeit. Text- und Bildfragmente (inspiriert von Lars von Trier, Pasolini, Carlos Saura, Theo Angelopoulus u. a.) eröffnen Gedankenräume. 

Die epische Erzählweise wird bis in die Typografie betont; gegen die Härte der Euripides-Zitate sind comic-Zeichen gesetzt. Auch die überraschend interpolierte Zitat-Ebene der 15 Jährigen blonden „Unschuld“ – Bellas innerer Monolog sind authentische Zitate aus dem Tagebuch der Anne Frank 1943/44 – konturiert eine plakative Yellow-press Schönheit als Vision ohne Zukunft …
Zeitübergreifend katapultiert Kutulas´ melancholisches Epos „Recycling Medea“ unterschwellig Grundfragen der menschlichen Schuld der Elterngeneration in die Gegenwart.
Karin Schmidt-Feister, 18.1.2014
www.tanznetz.de

Recycling Medea by Asteris Kutulas & Mikis Theodorakis
Filmstill aus „Recycling Medea“

prinz.de

In seinem ungewöhnlichen Film zieht der Regisseur Asteris Kutulas überraschende Parallelen zwischen einer klassischen griechischen Tragödie und der gesellschaftlichen Tragödie des heutigen Griechenlands. Durch die Kombination aus expressivem Tanz, der zutiefst bewegenden und überaus dynamischen „Medea“-Opernmusik von Mikis Theodorakis und aktuellen Filmaufnahmen von dramatischen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Polizisten in den Straßen Athens, sowie die Einführung weiterer inhaltlicher Ebenen ist eine Filmcollage entstanden, die nicht nur aufgrund ihrer inhaltlichen Komplexität dazu einlädt, den Film wiederholt sehen zu wollen, sondern es ist vor allem die intensive Emotionalität, die bereits viele Zuschauer begeisterte. Für einen Opern-Ballett-Film ist das außerordentlich. Der Regisseur bezeichnete RECYCLING MEDEA allerdings von vornherein als “not an opera ballet film”. RECYCLING MEDEAein faszinierendes Filmdokument, das die Trostlosigkeit einer Gesellschaft reflektiert, die ihre Kinder zu dem gemacht hat, was sie doch niemals werden sollte: die Verlorene Generation.
prinz.de, 01/2014

Provokantes Opus …

Auf der Basis der »Medea«-Choreographie von Renato Zanella, Chef des Athener Nationalballetts, realisierte Asteris Kutulas einen herben Kontrast: getanzte Kunst in Analogie mit der spontanen Choreographie auf der Straße. Junge Griechen, die bei Demonstrationen in Athen wider die Phalanx der staatlichen Ordnungskräfte anrannten – aus Wut über den Verrat an ihrer Zukunft. Mit schier unglaublicher Präsenz und Ausdrucksfähigkeit verkörpert in dem visuell starken Film die Tänzerin und Primaballerina Maria Kousouni die Rache-Elegie der betrogenen Medea und von Mikis Theodorakis stammt die emotionsgeladene Ballettmusik auf der Basis seiner Oper “Medea” nach Euripides…
Plärrer, 01/2014

Berliner Morgenpost

Asteris Kutulas verarbeitet die Krise in seiner Heimat mit einem poetischen Film, der Straßenkämpfe der Jugend mit dem Mythos der Kindermörderin Medea vereint.
Medea windet sich tanzend zur Musik von Mikis Theodorakis. Die mythische Figur ringt verzweifelt mit der Entscheidung, ihre Kinder aus Rache an ihrem untreuen Ehemann zu töten. Schnitt. Tränengas zieht durch das Zentrum Athens. Junge Leute schleudern Brandbomben. Polizisten hinter Schilden. Schnitt. Ein junges elfenhaftes Mädchen auf grünen Wiesen. Die verlorene Unschuld. So wie die Wiege der europäischen Zivilisation in der aktuellen Krise seine Unschuld verloren hat. Die Lage in Griechenland hat Asteris Kutulas zu diesen Bildern inspiriert … Das Resultat dieser Erfahrungen ist kein Spielfilm, kein Ballettfilm und kein Polit-Streifen. Eher eine poetische Collage, ein 76-minütiger Video-Clip …
Joachim Fahrun, 18.1.2014
Berliner Morgenpost

Medeas Schultern

… Der Film zeigt das Medea-Ballett mit der Musik von Mikis Theodorakis und der Choreographie von Renato Zanella. Kampfszenen aus dem heutigen Griechenland zwischen Demonstranten und Polizei sind dazwischen montiert. Der Anne-Frank-Mythos wird eingearbeitet. Das Staatliche Akademische Orchester und der Chor St. Petersburg spielen und singen. Theodorakis dirigiert. Es ist eine gewaltige, eine hinreißende Musik. Kutulas zeigt, wie sich die Tänzer schminken, zeigt den Choreographen, wie er mit den Tänzern arbeitet und wie er seine Intentionen erläutert. Die Musik trägt den Film, wirbelt ihn in virtuelle Höhen und Tiefen. Und, ich scheue mich nicht zu sagen, auch die Schultern der Primaballerina Maria Kousouni tragen den Film. Es sind Schultern von unglaublicher Kraft, Militanz und Verletzbarkeit, Schultern von großem Glanz. Sie symbolisieren die Abgründe des Medea-Mythos und die Wucht, die leidenschaftliche Frauen in die Waagschale zu werfen haben. Das muss man gesehen haben.
Kopkas Tagebuch, Movie Star, 19.1.2014
kopkastagebuch.wordpress.com

Recycling Medea by Asteris Kutulas & Mikis Theodorakis
Plakatentwurf von Apostolos Tziovaras mit Andre Hennicke und Bella Oelmann (Photo © by Ina Kutulas) 

Abendzeitung München (AZ)

Recycling Medea ist ein Filmexperiment … : Die klassische Tragödie um die Zauberin Medea wird verarbeitet, die ihre Heimat verlässt für einen Mann, der untreu wird, woraufhin sie mordet. Durch Verschmelzung von klassischem Ballett, modernem Tanz und aktuellen Bildern vom Zorn junger Menschen in Griechenland entsteht ein künstlerisches Zeitporträt von Griechenland heute.
Abendzeitung München, 1.2.2014

der Freitag

Jede Generation schafft sich ihre eigene Medea. Die Medea meiner Jugend war ein Monument gegen Duldsamkeit. In “Recycling Medea”, einem Film von Asteris Kutulas, vertritt die Ungehaltene Griechenland. Medea ist aber die berühmteste Ausländerin der Weltliteratur, sie folgt Iason und seinen Argonauten aus einem Barbarenreich (in Sicht der Griechen) am Schwarzen Meer nach Iolkos. Da lässt sie sich zur Tänzerin ausbilden: in Kutulas’ Lesart des Mythos. Recycling Medea verschränkt Proben- und Premierenstimmungen einer klassischen Verwandlung des Dramas in Bewegung mit Straßenkampfszenen.

… Jeder wird Recycling Medea als Kommentar zur griechischen Krise deuten. Doch der Film ertrinkt in seinen Bildern. Seine Aspekte erscheinen zunehmend disparat. Collage, Montage. Filmgedicht. Das Kino als Mobile – ich suche ein Wort, das meine Eindrücke rettet. Ich halte mich an Zanella und seine Compagnie. Ich sehe Mythos und Arbeit. Die Frauen gebären “gegen den Anmarsch der Würmer” (Heiner Müller). Medea, “die Kennerin der Gifte”, kriegt spitz, dass ihr Iason zu Glauke geht. Sie leuchtet der Tochter des Kreon heim, wie dann auch allen anderen. Das ist ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der ganz bestimmt kein betäubter Wille steht.
Jamal Tuschick, 20.01.2014
der Freitag

Neues Deutschland

… „Recycling Medea“ beleuchtet mehrschichtig Zeiten des Widerstandes, des Schuldigwerdens, der Perspektivlosigkeit. Die Kinder sind tot, das Land stirbt. Theodorakis mit Gasmaske unter den Demonstranten. Medea schaut in die erleuchteten Theaterränge. Ein Vermummter blickt in die Kamera. Kunst und Realität greifen ineinander. Asteris und Ina Kutulas widmen ihren zeitenübergreifenden melancholischen Film „den Eltern, die ihre Träume verloren haben und der verratenen Jugend, die um ihre Zukunft kämpft.“
Neues Deutschland, 18.01.2014

artechock.de

Manchmal braucht es ein paar Abstrak­ti­ons­ebenen mehr als Geschichts­bücher und Nach­richten, um Ereig­nisse, aktuelle wie histo­ri­sche, annähernd zu begreifen. Mutige Expe­ri­mente der Filmkunst wie “Recycling Medea” nehmen den Zuschauer mit auf solche Ebenen. “Recycling Medea” ist eine multi­me­diale drama­ti­sche Moritat von der Jugend Grie­chen­lands, die die Gesell­schaft im Zuge der Finan­z­krise um ihre Zukunft bringt, wie es Medea in der grie­chi­schen Mytho­logie mit ihren Kindern gemacht hat.
Natascha Gerold, 23.01.2014
www.artechock.de

Sächsische Zeitung

Kunstvolles und Authentisches paart „Recycling Medea“. Der griechische Regisseur Asteris Kutulas, dessen Lebenswege eine Zeit lang gleichsam durch Dresden führten, erschuf einen Hybrid aus Dokumenten, Spiel- und Musikfilm sowie politischer Reportage. Durch die Kombination aus expressivem Tanz, „Medea“-Opernmusik von Mikis Theodorakis, Statements sowie aktuellen Aufnahmen von Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Polizisten in den Straßen Athens, zeigt er überraschende Parallelen zwischen einer klassischen griechischen Tragödie und der gesellschaftlichen Tragödie des heutigen Griechenlands.
MkF, 21.5.2015
Sächsische Zeitung

Unsere Zeit

Kutulas’ 2014 fertiggestellter Beitrag „Recycling Medea“ ist ein politisch-künstlerischer Filmessay über die griechische Krise. Er verschränkt den Probenprozess 2012 für das „Medea“-Ballett (Choreographie: Renato Zanella, Primaballerina: Maria Kousouni) mit den heftigen Polizeieinsätzen gegen massive Troika-Proteste in Athen. In der Zeit dieses „abfärbenden“ Erarbeitungsprozesses für die Bühne hatte sich der Komponist im Rollstuhl an die Seite der Demonstranten bringen und schützen lassen. Trotz der damals übergestülpten Gasmaske leidet er bis heute an den Verletzungen durch Tränengas.
Hilmar Franz, 14.8.2015
UZ

Recycling Medea Plakat von Asteris Kutulas
Plakatentwurf von Apostolos Tziovaras mit Bella Oelmann (Photo © by Ina Kutulas) 

Theodorakis, Kutulas und die recycelte Medea

… Es wird still im Publikum, als Asteris Kutulas beeindruckender Film auf die Leinwand geworfen wird. „[E]ine bildgewaltige Collage, die Protestmärsche und eine Ballettinsszenierung der Medea zusammenspannt. Mit erschütterndem Effekt […]“, schrieb Andreas Thamm 2013 in der Süddeutschen Zeitung. Dem möchte ich mich anschließen: Chaos, Krise, Kunst, Medea – und dazu Theodorakis, der einen musikalischen Feuerreigen als Soundtrack geliefert hat, und immer wieder Teil des Filmgeschehens wird. Überwältigt, nachdenklich und ein bisschen ratlos stapfe ich durch die Göttinger Kälte nach hause. Es ist mittlerweile 22 Uhr…

Dennis M. Dellschow, 11.12.2015
Göttinger Kulturbüro

Recycling Medea by Asteris Kutulas & Mikis Theodorakis
Rehearsal Medea ballet with Maria Kousouni, Danilo Zeka & Mikis Theodorakis (Photo © by Asteris Kutulas)

berührend  + faszinierend

… Es ist wirklich ein sehr schöner Film geworden. Es war keinen Moment zu lang oder langweilig. Auch die verschiedenen Situationen waren wunderbar aufgeteilt. Und auch die großartige Primaballerina schaffte es, mit sehr klassischem Tanzvokabular diese schwierige Rolle der Medea glaubhaft rüberzubringen!!! Auch das junge Mädchen als die Unschuldige war sehr berührend + faszinierend. 
Ich kann Ihnen nur wünschen, dass dieser Film viel gesehen wird.

Susanne Linke (Tänzerin & Choreografin), 2014

Recycling Medea Asteris Kutulas
Photo © by Bill Bilias

… wenn die Schönheit verschwindet

Dieser Film könnte als Ergebnis eines idealen wechselseitigen künstlerischen Befruchtung verschiedener Generationen und verschiedener Talente aus den Bereichen Theater, Musik, Tanz und Film gelten.

Es war nämlich Euripides, ein Gigant der Sprachkunst und des Theaters,  der “Medea” schrieb. Nur als Autor solchen Ranges konnte er damals so ein Werk verfassen, ohne gesteinigt zu werden. Auf der Text-Grundlage von Euripides’ “Medea” komponierte Mikis Theodorakis eine dem Theaterwerk ebenbürtige lyrischeTragödie.

Das Wirken dieser beiden Koryphäen war die Basis für das Wirken der Jüngeren. Der Choreograph Renato Zanella interpretiert Theodorakis’ lyrische “Medea”-Tragödie mit seinem Ballett und die fantastische Tänzerin Maria Kousouni tut dies in der Rolle der Medea. Der Regisseur Asteris Kutulas, durchdrungen von einer besonderen Art der Sensibilität, bringt diese Tragödie ins Kino. Er verleiht ihr durch seine filmische Umsetzung eine tiefere gesellschaftliche und politische Dimension.

Der Film von Asteris Kutulas wird seinen Weg nehmen durch die Äonen, zusammen mit Euripides, Theodorakis, Zanella, Maria Kousouni und der Sopranistin Emilia Titarenko. Immer dann, wenn die Überheblichkeit der Mächtigen den Menschen an sich und die Völker erniedrigt, immer dann, wenn die Schönheit verschwindet und die Größe des Individuums schrumpft, werden die Menschen zu diesem Film greifen und ihn sich ansehen, um ihre Schönheit und ihre Größe wiederzuerlangen.

Nikos Tzimas, Regisseur
Athen, Januar 2014

Recycling Medea Asteris Kutulas
Photo © by Stefanos Kyriakopoulos

diastixo.gr: „Auf den Punkt gebracht“ von Ioanna Karatzaferi

In der griechischen Geschichte − wie sie uns in der Schule gelehrt wurde, und auf dem Gebiet der Dramaturgie, was meine Erfahrung als Theater-Gängerin anbelangt − gibt es keine andere „Medea“ vor und nach der von Euripides, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Vielleicht hat diese Tragödie das Wort “Kindsmörderin” überhaupt erst hervorgebracht. Diese Kindsmörderin ist keine Griechin, sondern eine Frau aus Kolchis, im antiken Verständnis Barbaren-Land, Tochter eines Königs, die sich mit ihrem Mann Jason und den beiden gemeinsamen Kindern in seiner Heimat Korinth niederlässt. Der Mythos ist bekannt und dessen mögliche Interpretationen sind unterschiedliche. Euripides‘ vorherrschendes Interesse ist das für die Probleme und die Situation einer Frau in einer von Männern beherrschten Welt.

Als ich den Film “Recycling Medea” sah, fühlte ich die Zeit − oder besser die zeitlose Geschichte – sich zuspitzen und in einem Punkt kulminieren. Ich fühlte die Gewalt, die sich ereignete in der Vergangenheit, und die Gewalt, die sich ereignet in der Gegenwart, zu einem Stream werden und in einem Punkt konzentrieren.
Es geht in „Recycling Medea“ um einen neuartigen Entwurf der Synthese der Künste: der Sprache – obwohl im Film kaum gesprochen wird −, der Musik, der Bewegung.

Die Symbolismen könnte man für beliebige halten; wenn wir aber die Erde als Mutter Erde bezeichnen und dementsprechend das Land, in dem wir geboren wurden, als Mutter Heimat und wenn wir ihr in ihrer Eigenschaft als Mutter wegen der Kriege, in die sie uns stürzt, wegen der Konflikte, wegen der Auseinandersetzungen, wenn wir dieser Mutter Heimat ob ihrer Verantwortungslosigkeit vorwerfen können, dass sie ihre Kinder tötet, dann offenbaren die dokumentarischen Filmaufnahmen, dass die Schlüsselaussagen des Films die Situation des Landes auf den Punkt bringen. Im Film gibt es keine gesprochenen Dialoge. Was man erlebt, das sind die Filmbilder, die Musik, der Tanz. Der Soundtrack des Films − die „Medea“-Musik von Mikis Theodorakis für die gleichnamige Oper − wurde von der Staatskapelle St. Petersburg eingespielt. Jede Note wird zu einer Bewegung; eine untrennbare Einheit.

Die Fingerkuppen der unsichtbaren Musiker − die die Instrumente berühren, um den Klang zu erzeugen − und die Zehenspitzen der sichtbaren Tänzer, sie verbinden sich in ihrer Dynamik, sie wirken zusammen und ergeben ein hochenergetisches Ganzes. Die sichtbare Identifikation der Primaballerina Maria Kousouni mit der Medea-Rolle und die Musik – diese Bilder sind so intensiv und packend, dass das nicht nur Bewunderung auslöst, sondern auch einen inneren Schmerz.

Das Ergreifende der filmischen Bilder und der Musik, sie werden punktuell immer wieder konterkariert von den Szenen des Aufruhrs, der Gewalt, die sich auf den Straßen abspielen. Zeugnisse der konfliktreichen Situation, in der die Bürger leben, die sich gegen die aufgezwungene Sparpolitik erheben, gegen die Macht, die einige ihrer Kinder gegen andere Kinder aufhetzt, Bürger, denen Mikis Theodorakis, wie wir im Film sehen, beisteht. Kutulas‘ Montage-Methode avanciert regelrecht zu einem neuen Regieprinzip, um immer dann, wenn die Dramatik einen Höhepunkt erreicht, einen Moment der Entspannung folgen zu lassen, damit die Zuschauer durchatmen können und dem Film weiter folgen werden, bis zum Schluss dieses ergreifenden / packenden Werks.

Der Film wurde im Apollo-Theater – auch La Piccola Scala genannt − in Ermoupoli auf der Insel Syros gedreht. Auf der Bühne vereinigt Renato Zanella durch seine Choreografie Zeit, Musik, Bewegung, Gefühle, Liebe, Hass, Leben und Tod. Es entsteht eine Zeitbrücke, die herüberreicht aus dem Jahr 431 v. Chr., als „Medea“ von Euripides zum ersten Mal präsentiert wurde, ins Jetzt, nach 2014, wo die „Medea“ von Asteris Kutulas erscheint, die das Konfliktpotenzial von Aufstand und Unterdrückung vor Augen führt.

Dieses grandiose Erleben von Bild, Ton, Farbe und Bewegung, (das durch Worte nicht wiedergegeben werden kann − wie der Geschmack von bitter oder süß, der sich nur durch die tatsächliche sinnliche Erfahrung vermittelt), dieses Gesamterlebnis erzeugt Gefühle, Gedanken und Erwartungen, die ungeheuer packend sind. Dieses Werk markiert eine Wende im Bereich der Ausdrucksmöglichkeiten der Künste und des Kinos, das auch die „siebente Kunst“ genannt wird. Einer der seltenen Augenblicke in meinem Leben, da ich mich tatsächlich sehr glücklich schätze.

Ioanna Karatzaferi, 25.6.2014
diastixo.gr

Recycling Medea by Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas

Film der Gegensätze

… Es handelt sich um einen sehr eigenen, besonderen Film, der sich nicht einem der gängigen Filmgenres zuordnen lässt, sondern vielmehr einer dreifachen nicht-linearen Narration folgt, einer narrativen Struktur der Choreographie, der Musik und der Einbindung dokumentarischer Momentaufnahmen, die uns aus der hochästhetischen Welt der Kunst immer wieder in die harte und gewaltsame Realität zurückversetzen, wie sie heute auf den Straßen von Athen in Kameraaufnahmen festgehalten wird.

Der Film ist eine Collage von Szenen, die nicht allein sowohl die urbane Landschaft als auch die Natur, sondern ebenso die Ästhetik des Tanzes und der Musik einzufangen vermögen. Ein Film der Gegensätze, der die Paradoxa und das Erodierende der griechischen Realität widerspiegelt und aufgrund seiner besonderen Ästhetik und der Fragen, die er aufwirft, nur als Kunstfilm bezeichnet werden kann; ein Film, der das Publikum mit Fragen konfrontiert, und dabei überhaupt nicht didaktisch ist …

Eva Kekou, Kuratorin & Kunsthistorikerin, 2016

Recycling Medea | A film by Asteris Kutulas | Music by Mikis Theodorakis | Choreography by Renato Zanella | Written by Asteris & Ina Kutulas | With Maria Kousouni as Medea 

Mauthausen | Songs of Humanity Tour 2020 (Farantouri & Kacholi)

Holocaust Memorial Tour

Ich bin eigentlich schon längere Zeit aus dem Konzertbusiness heraus, aber dieses Jahr hatte ich das Bedürfnis, eine Ausnahme zu machen: Anlässlich des 75. Jahrestages der Beendigung des 2. Weltkrieges und der Befreiung zahlreicher Konzentrationslager im Jahr 1945 organisiere ich zusammen mit Alexandros Karozas für Anfang 2020 eine Holocaust Memorial Konzerttournee mit der griechischen Sängerin Maria Farantouri (Athen) und dem israelischen Tenor Assaf Kacholi (Tel Aviv). Im Mittelpunkt des Konzerts steht der „Mauthausen“-Zyklus von Mikis Theodorakis. 

Holocaust Memorial Tour, directed by Asteris Kutulas
„Songs of Humanity“ Tour Plakat 2020

Hass und „United States of Love“

Für mich wurde es seit einigen Jahren immer beklemmender und furchteinflößender, miterleben zu müssen, wie sich der Hass um mich herum, in Deutschland, in Griechenland, in ganz Europa zunehmend ausbreitete und was er mit den Menschen macht. Wie dieser unsägliche Hass ausbrach und wie diese Hassausbrüche sich mehrten, was fortan beständig dazu führte, dass die Grenzen zur sprachlichen Gewalt und zur körperlichen Gewalt durchlässig und überschritten wurden.

Wir, die wir das Berlin der „United States of Love“ einen Lidschlag lang hatten genießen dürfen und glaubten, in ganz Deutschland wäre „Berlin“ zu erleben, schienen es jäh zu verlieren. Ich schreibe von Berlin, weil Berlin so oft zerrissen war, doch weil aus dieser Zerrissenheit immer wieder große Träume geboren wurden, Hoffnungen. Und daraus kam die Kunst – etwas, das Hoffnung an sich bedeutet. Darum wollten jahrzehntelang so viele nach Berlin. Was auch hieß: durch Berlins Türen in die Welt. Vielleicht kann man hier in Berlin sehr gut Abschied nehmen. Vieles, was ich tue, hängt mit dem zusammen, was ich in Berlin gefunden habe, in Ostberlin, in Westberlin, in Gesamtberlin: ungerade Lebensläufe, Veränderung als Lebensart.

Asteris Kutulas Anti Holocaust Text
Antifaschistisches Poster im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg

„Gespräch über Bäume“

Die Idee zu dieser Tour ist im veränderten Berlin entstanden. Berlin hat sich gewandelt, weil Deutschland sich gewandelt hat. Die Konzerte von Maria Farantouri und Assaf Kacholi sollen dazu beitragen, dass ein Ereignis wie das, zu dem es unlängst in Halle kam, nicht als kleiner Zwischenfall betrachtet wird. Diese Tour soll stattfinden als Bekenntnis unserer Wachheit und Sensibilität. Wir haben uns an solche Attacken wie die in Halle nicht gewöhnt. Eine jede dieser Attacken ist eine Zäsur, sie beschädigt das friedliche Zusammenleben, sie droht einem ganzen Land mit Einschüchterung. Keine dieser Attacken lässt uns ratlos verstummen. Jede löst Fragen und Unterhaltungen aus. Dem terroristischen Akt begegnet im Konzert das Lied. Brecht schrieb: „Was sind das für Zeiten, wo / ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Wir meinen, es sind Zeiten angebrochen, die das Lied und damit unbedingt auch das „Gespräch über Bäume“ brauchen, weil dessen Humanität das Inhumane deutlich werden lässt.

Wahrhaftige Kunst schließt körperliche Gewalt aus. Wir machen diese Tour, um an jedem der Konzertabende, an jedem Veranstaltungsort ein „Gespräch über Bäume“ zu führen, statt in der Schockstarre zu verharren. Ängstliches Schweigen kann es nicht aufnehmen mit hasserfülltem Gebrüll. Die Stille zwischen zwei Noten oder zwischen zwei Liedern sehr wohl. Diese Stille ist stärker als jeder Lärm.

Mein Freund Jörg Krause brachte mich mit dem wunderbaren Sänger und großartigen Menschen Assaf Kacholi aus Tel Aviv zusammen, den viele als Tenor der Cross-Over-Band Adoro kennen, und zusammen mit Ina Kutulas und Alexandros Karozas entwickelten wir das Konzept für diese Tour.

Holocaust Memorial Tour, directed by Asteris Kutulas
Der Tenor Assaf Kacholi aus Tel Aviv

Maria Farantouri und Assaf Kacholi werden sich in ihrem Konzert für „einen Moment“ der dunklen Vergangenheit zuwenden. Sie wollen mit den Liedern des Mauthausen-Zyklus’ von Mikis Theodorakis, basierend auf den Texten von Jakovos Kambanellis, ein helles Licht tragen durch eine finstere Zeit. Diese Musik ist ein Aufleuchten. Melodien sind stärker als Furcht.

75 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz, Mauthausen, Buchenwald, Dachau, Bergen-Belsen und unerträglich vieler anderer Lager erinnern die beiden Solisten an das Leid und zugleich an die Lebenssehnsucht der Millionen Menschen, die einer mörderischen Zeit ausgeliefert waren. Niemand blieb unberührt von diesem Terror. Niemand konnte frei wählen. Im bis vor Kurzem noch satten Europa hatte die Erinnerung sich Jahrzehnte nach 1932 eingerichtet wie in einem Wohnzimmer mit Schrankwand. Wie geht jetzt Hoffnung? Wie macht man Zuversicht? Mit Maria Farantouri und Assaf Kacholi können wir erleben, dass das Lied immer wieder Antwort gibt.

Asteris Kutulas, 15.11.2019

TERMINE

Hamburg, Markthalle – 23. Januar 2020
Düsseldorf, Tonhalle – 24. Januar 2020
Dresden, Staatsschauspiel – 26. Januar 2020

Berlin, Universität der Künste – 27. Januar 2020
„Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“
München, Gasteig (Carl-Orff-Saal) – 29. Januar 2020
Stuttgart, Liederhalle (Mozartsaal) – 30. Januar 2020
Neu-Isenburg (bei Frankfurt am Main), Hugenottenhalle – 01. Februar 2020

Linz, Brucknerhaus – 05. Mai 2020 (verschoben auf 2023)
„Anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen“ 

Australien-Tour – 22. April bis 02. Mai 2020 (verschoben auf 2023)

Mauthausen Trilogy (remastered)

Mauthausen Trilogy & the Holocaust Millennium Nightmare

„Zorba“ Satellite Clip with Stefanos Korkolis

DANCE FIGHT LOVE DIE | The Satellite Clips | STEFANOS

Music (”Zorba theme”) by Mikis Theodorakis
Version for piano by Stefanos Korkolis
„Zorba“ Satellite Clip performed by Stefanos Korkolis
Cinematography by Mike Geranios
Mikis Theodorakis in Düsseldorf (May 2017) filmed by Asteris Kutulas
Edited by Dimitris Argyriou & Asteris Kutulas
Written & directed by Asteris Kutulas

Music published by Schott Music

A Satellite Clip by Asteris Kutulas & Dimitris Argyriou
© Asti Music, 2019


SATELLITEN UMKREISEN THEODORAKIS’ PLANETEN

Über ein Langzeit-Filmprojekt von Asteris Kutulas
Von Sofia Stavrianidou

30 Jahre. 40 Länder. 4 Kontinente.
600 Stunden Film. 54.000.000 Frames.
Der in Deutschland lebende Publizist, Produzent und Filmemacher Asteris Kutulas hat den griechischen Komponisten Mikis Theodorakis zwischen 1987 und 2017 ungezählte Male besucht; er begleitete Theodorakis auf Tourneen und ließ dabei seine Videokamera laufen. Kutulas filmte Theodorakis bei Konzerten, während diverser Proben mit Orchestern, Solisten, Bands, on Stage und Backstage, bei CD-Aufnahmen in Studios, bei Opern- und Ballett-Produktionen, in Hotellobbys und auf Hotelzimmern, in Bussen und Lokalen, auf Ausflügen und während privater Treffen.
Das zwischen 1987 und 2017 gefilmte Material bildet einen umfangreichen Fundus von etwa 600 Stunden. Aufgenommen wurde es in Berlin, Athen, St. Petersburg, Verona, Santiago de Chile, Sydney, Tel Aviv, Budapest, Wien, Kopenhagen, Malmö, Pretoria, Çeşme, Amsterdam, Montreal, London, Brüssel, Luxemburg, Barcelona, Zürich, Oslo, Paris, auf den griechischen Inseln Chios, Kreta und Syros usw. usf.

SATELLITE CLIPS – Das ungenutzte Filmmaterial

Die „Satellite Clips“ umkreisen den Hauptfilm DANCE FIGHT LOVE DIE, der ihnen als Heimatplanet gilt. Die Formel lautet: Satellite-Clips = aus dem für den Hauptfilm nicht genutzter 600-Stunden-mit-Mikis-Fundus + Fiction- und Making-of-Material, das während der Shootings mit den Schauspielern und den jungen Musikern zwischen 2014 und 2017 entstanden ist.
Diese Clips, die auch als „Trailer“ für den Hauptfilm fungieren, werden in den nächsten Monaten bis zur Premiere des Hauptfilms nach und nach im Internet veröffentlicht. Sie tragen den Namen des an der Entstehung des jeweiligen Clips maßgeblich beteiligten Künstlers bzw. Mitarbeiters des Regisseurs.

DANCE FIGHT LOVE DIE – With Mikis On The Road – Der Film

Docufiction von Asteris Kutulas – mit Mikis Theodorakis, Sandra von Ruffin, Stathis Papadopoulos und vielen anderen (2018)

Aus dem während dreier Jahrzehnte entstandenen Fundus mit mehr als 600 Stunden unveröffentlichten Film-Materials wird ein 90minütiger hybrider Film-Essay, der den Zuschauer spannende, überraschende, skurrile, mysteriöse, aber auch sehr typische Augenblicke aus dem On-the-Road-Leben eines unverwechselbaren und charismatischen Künstlers miterleben lässt. Augenblicke, die einen umfassenden und originären Einblick in die „Agenda des geistigen Anarchisten“ Theodorakis erlauben.

Kutulas verschmilzt in seinem Film sehr persönliche Momente mit historischem Material, dokumentarische Aufnahmen mit humorvoll-grotesker, teilweise verstörender Fiktion, und er macht erlebbar, welchen Widerhall Theodorakis’ Musik in den Arrangements junger Künstler findet – u.a. als Rock-, Klassik-, Electro- oder Rap-Version. Im fiktionalen Parallel-Universum des Films (inspiriert vom autobiographischen Roman des Komponisten „Die Wege des Erzengels“) erscheint die „Liebe“ als Chimäre, der „Tanz“ als Verzweiflungstat, der „Tod“ als Kontrastprogramm, der „Kampf“ als verführerischer Widergänger, der uns immer aufs Neue gegenübertritt und prüft.

Photo © by Ina Kutulas/Asti Music

Dance Fight Love Die – Reviews & Statements

Rammstein | Theodorakis | Sehnsucht

Rammstein | Gert Hof | Mikis Theodorakis – Ein griechischer Dialog über deutsche Volksmusik

Athen, 9.9.1999 – was für ein Datum! Ich zeigte heute Mikis, angeregt durch Gert Hof, verschiedene Video-Clips von Rammstein und längere Ausschnitte aus dem Wuhlheide-Konzert, aber auch andere Videos von Gert. Mikis, wie immer hoch interessiert, neugierig, offen, wollte die Song-Texte von Rammstein übersetzt haben, saugte alles auf. Ich war gespannt auf seine Reaktion auf diese ganz eigene „musikalische Befindlichkeit“, auf dieses sehr spezifische deutsche Gesamtkunstwerk. Ihm gefiel die Rammstein-Energie, das Existenziell-Theatralische in ihren Videos und Konzerten und seine Antwort auf meine diesbezügliche Frage kam prompt:

Mikis Theodorakis: Rammstein ist sehr beeindruckend, ist in gewisser Weise etwas Neues für mich. In seinen Rammstein-Inszenierungen benutzt Gert Hof Elemente, die eine „Politisierung“ in sich haben. Ich erkenne bei Hof Anflüge einer gewissen Nostalgie, wenn ich das so sagen darf. Er sieht geschichtliche Elemente „nostalgisch“, er steht der Vergangenheit nicht feindlich gegenüber – obwohl er allen Grund dazu hätte. Und ich habe das Gefühl, dass die Menschen in Deutschland, vor allem im ehemaligen Ostdeutschland, eine „Sehnsucht“ in sich tragen. Nach der anfänglichen absoluten Identifizierung mit der Neuen Gesellschaft, nach der großen Liebe zum Westen, kam die Zeit der Desillusion, falsche Hoffnungen gingen zu Bruch. 

Asteris Kutulas: Nun ja, Westdeutschland hat es sich leisten können, eine marode Wirtschaft aufzufangen und langsam wieder aufzubauen. Und die DDR-Bürger leben jetzt in einer Demokratie.

Mikis Theodorakis: Das stimmt, aber trotzdem glaube ich, dass die „westliche Welt“ insgesamt als Zukunftsmodell gescheitert ist. Freiheit und Demokratie dienten vor allem der atemberaubenden Entwicklung der großen Konzerne, der corporations. Der gesamte „Fortschritt“ hatte nur einen Zweck: dass einige wenige Leute sehr viel Geld verdienen. So ist der Mensch zur Handelsware degradiert. Das ist für den Einzelnen gar nicht mal so schlecht, weil es Erleichterungen und eine gewisse Freiheit mit sich bringt. Aber wenn es dann soweit ist, dass der Mensch einen bestimmten Lebensstandard erreicht hat, nicht mehr hungert, Bildung hat, ein Auto besitzt etc., ist Schluss. Denn dann stellt man – wenn man sie stellt – die Frage nach dem „Wozu?“ Bei diesem „Wozu?“, bei dem tatsächlich der Humanismus einsetzen würde, bei dem der Mensch „beginnt“, verweigert unsere Gesellschaft die Antwort. Und wenn es den Menschen nicht mehr gibt, kommt das „Tier“ zum Vorschein.

Asteris Kutulas: Irgendwo dort, wo das Tier zum Vorschein kommt, fangen ja auch die Themen von Rammstein an.

Mikis Theodorakis: Das ist das Gute an Rammstein: der konzeptionelle und inhaltliche Ansatz, ihre Ästhetik. Aber ich bin skeptisch, was die musikalische Form betrifft. Rammstein folgen größtenteils noch dem Vorbild, dem Archetyp, der amerikanischen Musik und „Unterhaltung“. Sie tappen in die eigene Falle. Das ist wie im Krieg: wenn ich die Waffen des Feindes benutzen, sie aber nach eigenen Vorstellungen einsetzen will. Ich bin da sehr pessimistisch: Die anderen sind (fast immer) viel stärker. Ich kann sie nicht mit den eigenen Waffen schlagen. Wenn du deutsche Jugendliche fragst, was sie an Rammstein mögen, was sie „bekommen“, dann wirst du merken, dass es im Grunde auf das „Amerikanische“ im Gestus und im Rhythmus der Musik hinausläuft.

Asteris Kutulas: Aber die Rammstein-Texte sind doch so etwas wie die Faust in den Bauch des deutschen Kleinbürgers. Das müsste dir doch sehr entgegenkommen. Und vor allem: Es sind deutsche Texte. Zudem findet das Inhaltliche seine Entsprechung in der musikalischen Form.

Mikis Theodorakis: Das, was gut ist, sind das „Gesamtkunstwerk Rammstein“ und die Texte, also die Message, aber das hat etwas mit Logik zu tun. Was die amerikanische Musikindustrie geschafft hat, ist: den Menschen – also ihren „Kunden“, zugleich ihre „Ware“ – zum „Tier“ zu degenerieren, so dass er immer gleichgültiger wird gegenüber jedweder Botschaft. Die Message wird mit der Zeit ohnehin immer unbedeutender. Höhepunkt dieses Prozesses ist für mich die Technomusik, die fast gänzlich auf Worte verzichtet. Das einzige, was interessiert, ist ein gemeinsamer Nenner für Abertausende von jungen Menschen. Und dieser gemeinsame Nenner ist der Rhythmus. Ein sich immer wiederholender Rhythmus, der, je ursprünglicher und lauter er daherkommt, die Massen in einem gemeinsamen Vibrieren eint. Das ist die Rückkehr in den Dschungel. Und da sich der Mensch in unser heutigen Gesellschaft tatsächlich wie in einem Dschungel vorkommt, vermittelt ihm dieser Techno-Beat die Illusion einer Gemeinschaft mit anderen Menschen, was sicherlich auch eine Art von Widerstand darstellen kann. Aber das sind wirklich nur Illusionen. Diese Gemeinschaft existiert nur für den Moment des Konzerts. Oft spielen dabei auch Drogen eine Rolle, was mir zeigt, dass der Mensch in diesen Augenblicken vergessen, sich aber nicht erinnern will. Er will sich vom Menschen befreien und nicht zum Menschen werden.

Asteris Kutulas: Aber du selbst benutzt auch oft in deiner Musik diesen Rhythmus, zwar griechischen Ursprungs, aber immerhin …

Mikis Theodorakis: Ja, auch bei mir spielt der Rhythmus eine große Rolle, aber er unterstützt die Melodie. Die Melodie ist das menschliche Element. So habe ich es erfahren. Und ich weiß, dass das seit der Antike so ist. Die deutsche Musik hat der Welt in den letzten drei Jahrhunderten, besonders während der klassischen und der romantischen Epoche, große Melodien geschenkt. Und da wir hier am Fuße der Akropolis sitzen, bin ich angehalten zu sagen, dass dies das Vorbild des Schönen ist, nach dem wir Menschen der westlichen Kultur gelebt haben. Die Chinesen haben eine andere ästhetische Kategorie des Schönen, die Ägypter wieder eine andere. Für uns entäußerte sich das Schöne in der Musik, in der Melodie. Wenn du die Melodie eliminierst und nur noch der Rhythmus bleibt, ist es so, als würdest du einem sehr kräftigen, muskulösen Menschen das Gehirn amputieren, so dass nur ein Muskelprotz übrig bleibt.

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas
Photo © by Privatier/Asti Music

Asteris Kutulas: Könntest du dir eine Zusammenarbeit mit so einer Band wie Rammstein vorstellen?

Mikis Theodorakis: Ich sehe, dass das, was ich selbst musikalisch geschaffen habe, keine Resonanz findet bei einem größeren Publikum. Es gibt natürlich viele Menschen – die trotzdem eine Minderheit darstellen –, mit denen ich kommuniziere. Das große Publikum, das ich einst als Komponist hatte, waren vor allem die Jugendlichen Ende der sechziger Jahre und Anfang der Siebziger, die noch Visionen hatten. Ich glaube nicht, dass die jungen Leute von heute Visionen haben. Ich sehe nicht, dass meine Musik in die heutige Zeit passt. Sie richtet nur „Schaden“ an. Ich erlebe es in Griechenland. Die meisten Leute, die Unterhaltung und das Vergessen suchen, empfinden schon meine Anwesenheit als problematisch. Die Anwesenheit eines Menschen mit meiner Vergangenheit, die Anwesenheit eines durch und durch engagierten Menschen, stört. 

Asteris Kutulas: Du weichst der Frage aus.

Mikis Theodorakis: Wenn die Rammsteiner Melodien von mir auf ihre Art und Weise covern, in ihre Farben kleiden würden, in ihre Rhythmen, nach ihrer Auffassung, wäre das eine Ehre für mich. Das würde mich sehr freuen. Und es wäre gut. Aber ich würde ihnen nicht dazu raten, wenn sie kommerziell denken. Sie würden Publikum verlieren. Und zurzeit sind sie ja ganz oben.

Asteris Kutulas: Was du sagst, klingt sehr nach Resignation …

Mikis Theodorakis: Um die Wahrheit zu sagen … ich glaube nicht, dass die Welt letztendlich den „amerikanischen Weg“ gehen wird. Es wird Reaktionen geben. Und ich glaube, dass das, wofür ich und viele andere stehen, sich schließlich durchsetzen wird. Ich weiß nicht, auf welchem Weg. Vielleicht werden es die „Rammsteiner“ sein, die, wie die Russische Armee von 1905, das Winterpalais im Sturm erobern werden. Vielleicht. Auf jeden Fall wird der Mensch doch Mensch bleiben. Denn die jungen Menschen, die heute in die Konzerte oder Clubs gehen, fragen sich danach: Was machen wir jetzt? Wohin gehen wir? Die Gesellschaft hindert sie daran, das Geschenk des Lebens zu genießen. Und das Geschenk des Lebens ist das Schöne: Die Natur, die Farben, die Liebe. Und das Schönste von allem ist das Geschenk der Musik, und Musik ist Melodie. Eine einzige Melodie in immerwährender Veränderung. Und in jeder Epoche klingt sie anders. Wenn man den jungen Leuten die „Melodie“ vorenthält, bringt man sie um. Aber sie wollen nicht umgebracht werden.

Rammstein Mikis Theodorakis Asteris Kutulas
Photo © by Guido Karp

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So endete unser Gespräch über die transzendentale Obdachlosigkeit des zeitgenössischen Menschen und über das Gesamtkunstwerk „Rammstein“ an einem heißen, lichtüberfluteten griechischen Septembertag.

Der Tag neigte sich dem Abend zu, der Parthenon blickte durch die Fenster und das laute Grillenzirpen vom Philopappus-Hügel erinnerte mich an Sokrates, denn hier musste er den Schierling trinken, um zu sterben. Und da entsann ich mich seiner Apologie: angeklagt, die Jugend zu verführen und vom wahren Glauben abzulenken. However, das obige Gespräch, in einer überarbeiteten Fassung, diente Gert Hof – in Absprache mit Rammstein – als Nachwort-Text für das erste Rammstein-Buch, das er als Herausgeber publizierte: Rammstein, Die Gestalten Verlag, Berlin 2001

(Das Gespräch führte ich auf Anregung und im Beisein von Gert Hof, der sich intensiv daran beteiligte.)

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Nachtrag, 29.7.2022

Durch meinen damals neuen Arbeits-Partner, den Regisseur Gert Hof, lernte ich im Sommer 1999 die Band Rammstein kennen, deren Bühnen- und Lichtdesigner er war. Mich begeisterte diese Band vom ersten Augenblick an. Gert Hof liebte und verehrte Theodorakis und wollte unbedingt, dass wir ihm die Musik und die Videos von Rammstein vorstellen, zumal die Bandmitglieder Mikis natürlich kannten. Gert und ich bereiteten damals die Millennium-Events auf der Akropolis in Athen und an der Siegessäule in Berlin vor. Als wir im September 1999 Mikis in Athen besuchten, brachte Gert Aufnahmen von mehreren Rammstein-Videoclips sowie Ausschnitte aus dem legendären Rammstein-Konzert in der Wuhlheide mit.

Bei unserem zweiten Besuch schlug ich Mikis vor, sich diese Videos anzuschauen. Ich erinnere mich, wie er mich ansah und fragte: „Eine deutsche Band? Und sie singen auf deutsch? Und sie machen, wie du mir gerade erklärt hast, Industrial Rock?“ Mikis fand diesen Begriff toll: Industrial Rock. Den kannte er bis dahin noch nicht. Er kannte Punk-, Metal und vor allem Techno-Musik, aber der Begriff „Industrial“ war neu für ihn. Mikis fragte weiter: „Und du willst unbedingt, dass ich mir das anhöre und anschaue?“ Ich nickte und schob die erste VHS-Kassette in die Anlage, drehte die Lautstärke voll auf, es lief der Clip „Du hast“.

Nachdem Mikis das gesehen hatte, fragte er: „Gibt’s noch mehr?“ Es folgten: „Du riechst so gut“, „Engel“ und zum Abschluss Ausschnitte aus dem Wuhlheide-Konzert. Während die Videos liefen, wollte Mikis, dass ich ihm die Texte übersetzte, was ich gern tat.

Gert fragte immer wieder: „Und? Was sagt er? Wie findet er das?“ Es folgte ein Gespräch, das ich auf Kassette aufnahm und das später von Gert in Absprache mit den Rammsteinern als Nachwort zu ihrem Buch „Rammstein“ beim Gestalten-Verlag 2001 veröffentlicht wurde. So schaffte es Gert, zwei seiner großen Leidenschaften, Mikis und Rammstein, zusammenzubringen.

Dieses denkwürdige Gespräch mit Mikis über Rammstein – vom 9.9.1999 – veröffentlichte ich später in einer überarbeiteten Fassung hier in diesem Blog-Eintrag. Einiges, was Mikis in diesem Interview sagte, finde ich immer noch äußerst spannend. In gewisser Weise könnte man Rammsteins Opus magnum „Deutschland“ und den großartigen Wurf „Zeit“ als eine „Antwort“ auf einige Gedanken von Mikis verstehen, die er in diesem Gespräch äußert.

Vorhin dachte ich, dass die Essenz von „Deutschland“ und „Zeit“ möglicherweise der von Mikis Theodorakis‘ Oratorium „Axion Esti“ Mitte der Sechzigerjahre entspricht, als dieses Werk zum künstlerischen Ausdruck eines ganzen Landes wurde. Tolle lyrische Texte. Existenzielle Themen von großer gesellschaftspolitischer Relevanz. Eine komplexere musikalische Struktur. So eine geniale filmische Umsetzung wie jetzt die von „Deutschland“ und „Zeit“ war natürlich 1963 noch gar nicht möglich – aber immerhin bekam der Dichter Odysseas Elytis 1979 für „Axion Esti“ den Nobelpreis.

Anlässlich des heutigen 97. Geburtstags von Mikis und der laufenden Rammstein-Tour habe ich diese Geschichte festgehalten, damit sie nicht unerzählt bleibt.

Asteris Kutulas

Dance Fight Love Die – Reviews & Statements

DANCE FIGHT LOVE DIE – WITH MIKIS THEODORAKIS ON THE ROAD | REVIEWS & STATEMENTS | SELECTION FROM GERMAN & GREEK PRESS

– BeNow TV: It’s a mighty essay film; a tremendous, hypnotic collage that doesn’t seek out what’s concrete and tangible, but instead aims to penetrate the poetry of Theodorakis’ oeuvre … It is like a notebook, filled by Kutulas with images, thoughts, associations and visions of Theodorakis and his music. The result feels like a cinematic river, frequently turning into a roaring torrent. The movie oscillates between energy and meditation; it possesses a great sense of form, lives off its bold contrasts and juxtapositions, comes with lavish orchestration and almost operatic accents – it is told like a piece of music. 

– Süddeutsche Zeitung: “Dance Fight Love Die“ splices music and moving images into a condensed representation of the life and work of an enfant terrible of recent European musical history: Greek composer Mikis Theodorakis.

Dance Fight Love Die by Mikis Theodorakis and Asteris Kutulas
Official movie poster of Dance Fight Love Die

– programmkino.de: Kutulas projects a challenging blend of historic document, artful essay and fast-paced onslaught of imagery.

– der Freitag: Theodorakis is always in motion; he connects continents with his appearances. More than once, his larger-than-life persona shines through. 

– junge welt: Kutulas loves ballet, turning this life-in-film into a ballet of many acts. It is more of a dance than a journey through time, as the title itself suggests … Kutulas’ film is far more than a biopic. Through the composer’s music, it tells the history of Greece. Using the life of this musical and physical giant, he describes what it means to be Greek. 

– nachrichten.net: Without any flattery, bells or whistles, Kutulas sends viewers on a voyage of discovery, exploring the universe of a great Greek, Mikis Theodorakis. Employing quickly changing scenes and a completely dialogue-free plot, Kutulas effortlessly bridges the gap between space and time, reality and dream, all overshadowed by Theodorakis’ incredible music … Kutulas’ work is a true cinematic highlight!

Mikis Theodorakis on the road by Asteris Kutulas
Stathis Papadaopoulos as Akar in Dance Fight Love Die (Making of photo © by Stella Kalafati/Asti Music)

– filmjournalisten.de: Like a volcanic eruption, Asteris Kutulas – who also wrote the script together with Ina Kutulas – hurls 30 years of Mikis Theodorakis’ efforts and works onto the silver screen … Like fireworks, one capture after another erupts onto the screen, revealing a bottomless pool of musical ideas that don’t shy away from artistic experiments (Air Brush) and invariably put a spotlight on war, Holocaust, military dictatorship, Greek-Turkish reconciliation and the Cold War. Like eruptions triggered by the clash between universe and humanity’s own destructiveness … The excerpts ejected by this cinematic volcano are sourced from many different parts of the world. In one, several decades after Zorbas, we find Theodorakis dancing the sirtaki with Anthony Quinn on Munich’s King’s Square. In another, he enthuses about Soviet Alpine chocolate, retrieved from a “great cabinet”. And when his hands aren’t busy conjuring up chocolate, they love to direct and compose. This man is a marvel. 

– film-rezensionen.de: „Dance Fight Love Die“ is definitely enthralling – not least of all because of the very different interpretations – but occasionally quite strange and, in its own way, mesmerising. 

– WELT: This is what everything, from left to right, leads to: People will never be the way Mikis Theodorakis, the Marxist methusaleh, shapes them as musical figures. Mikis, the man, extends his arms as if to fly or dance, and states: “I am free”. 

– kino.de: Asteris Kutulas has produced an idiosyncratic portrait of Mikis Theodorakis. The film consists of four- to six-minute clips that come together in a wild trip across four continents. Personal moments receive just as much space as the music of Mikis Theodorakis. This cinematic essay is portrait, historic document and road trip in one. 

– filmdienst.de: You have to let yourself succumb to this patchwork of visual clips and musical maxims. Then, the artistic synthesis of “Dance Fight Love Die” transcends its piecemeal approach and becomes enthralling. 

– indiekino.de: A life in transit, peppered with ever-new encounters. Kutulas lets us participate in this turbulent trip and immense abundance that makes and shapes Theodorakis as a fantastic musician and humorous human with a huge heart. 

– kino-zeit.de: “Dance Fight Love Die“ is a rush of impressions that invites us to delve (even) deeper into Theodorakis and his oeuvre. 

– motzkunst.de: Using poetic and occasionally disturbing visuals for their road movie “from the spirit of music“, Asteris and Ina Kutulas head for a tunnel with the famous Attic light at the end, opening up new cinematic realms. 

– TV TODAY: An unusual mix of collage, essay and portrait of an exceptional artist. 

– Telepolis: Kutulas shows an illustration of the Mauthausen concentration camp, given to him by Simon Wiesenthal, and uses Wiesenthal’s own words to remind us that the Nazis weren’t only reprehensible for their murders, but also because they trampled all over human dignity. In many ways, “Dance Fight Love Die“ is a political film that uses retrospectives to reference current global affairs. 

– koki-es.de: DANCE FIGHT LOVE DIE is neither a conventional music documentary nor a traditional biography featuring artist interviews, explanations or a tried-and-tested chronological structure … The film centres around the many – occasionally very personal – moments and scenes of Theodorakis during tours, (private) travels and productions. All recordings portray a highly focused, perfectionist composer in his element who feels music in every vein. 

– spielfilm.de: We’re on the road with the enthusiastic Greek composer – and this continent-hopping tour is often surprisingly funny … an audio-visual, associative journey that uses images and sounds from a 30-year collaboration to capture the man and artist Mikis Theodorakis. 

– Sächsische Zeitung: There are few words in “Dance Fight Love Die“. It is mostly about inspiration, eros and, naturally, one of the most formative composers of a century. 

– hardsensations.com: In “Dance Fight Love Die“ Asteris Kutulas documents the furious productivity of Mikis Theodorakis. He frames Eckermann-esque labours of love in passe-partouts and stages them like a slide show. For thirty years, Kutulas has been collecting private and public slivers of the Greek national hero who doesn’t mind the camera by this side. Theodorakis lives in an incessant creative frenzy.

– Frankenpost: “Dance Fight Love Die“ – the soundtrack of a life … This also turns the film into a soundtrack of 20thcentury Greece and its dark chapters during which Theodorakis fought and suffered – from the Second World War to the civil war and up to the country’s military dictatorship. According to Kutulas, he managed to escape from a death chamber in 1944, but was buried alive during the subsequent civil war in1948 and had to suffer a mock execution by the ruling junta in 1967. For him, death is as much part of life as dancing, fighting and loving. 

– programmkino.de: … Theodorakis is an important symphonic composer; he is a director and choirmaster who delves deep into the respective work and remains skilled at conveying thought-provoking ideas – on love, on death, on fear. Unfettered by dramaturgical structure, this documentary captures his life in a wealth of images and short scenes: Theodorakis and his art graced Athens and Crete as well as the Himalayas and St. Petersburg, Jerusalem as well as the Bavarian town of Passau and San Francisco, South Africa as much as the Turkish cities of Ephesus or Cesme. Naturally, the film also shows his attitude and statements on political issues: on fighting his country’s former German occupation, on the Greek junta and military dictatorship, on their opposition, on the Mauthausen concentration camp (Symphonia Diabolica), on the murdered Anne Frank or the Nazi hunter Simon Wiesenthal. He loves ballet as much as symphonies, oratorios as much as opera, with its many arias and chorals featured in the film from Medea, Antigone, Elektra or the Mauthausen oratorio. Then, there are lyrics and poems; he talks about war and love; he dreams of the highly problematic Greek-Turkish friendship; he ponders how humanity hurts the Earth. Altogether, an impressive life and, altogether, an impressive film. 

Mikis Theodorakis and Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis in the movie Dance Fight Love Die

– Griechenlandzeitung: It’s a frequently beguiling rush of music and colours. Not structured chronologically, but associative, not biographical, but experimental, poetic, humorous, existential. It sketches stages of a world-encompassing, unifying music and captures the sheer diversity of a powerful, artistic existence. Theodorakis places the harmony of music and art above the disharmony of humans. “Imagine the Earth without people”, he dreams at once point. And then adds that „humankind is a dischord.“

– Zeitungsgruppe Mittelhessen: The film is a worthy homage to the musician, democrat and humanitarian, without putting him on a pedestal, which wouldn’t suit the musical anarchist anyway. Instead, it offers an associative cinematic collage in the style of Alexander Kluge. Across a range of short clips, young dancers and artists who underscore his work’s relevance to the present, demonstrate just how contemporary Theodorakis music remains, also giving musical room to well-known contemporaries like George Dalaras, Maria Farantouri or Zülfü Livaneli. Plus, naturally, many impressions of the seminal artist himself who remembers early moments stargazing with his father and the loving care of his Turkish mother, but also tongue-in-cheek ruminations about his own cosmos of air, earth, water and universe. 

– unsere zeit: During the ninety minutes of his latest, genre-busting film, “Dance Fight Love Die”, Kutulas meshes very personal moments and historic material, documentary footage and unsettling fiction – in specially produced, epic, feature-style scenes of lovers, pregnancy, in-fighting or demonstrative suicides … Focusing on Theodorakis, who regularly can’t stop himself from singing along while conducting, this travel film collage jumps between the times and locations. The contrasting clips and camera captures follow musical associations on an “echo wall”. 

– ZITTY: What a huge project: Film-maker Asteris Kutulas spent three decades trailing the famous musician, composer and writer Mikis Theodorakis with his camera. From the resulting 600 hours of footage he has now distilled this film. And delivered an extensive portrait of a restless soul. 

evensi.de: The film “Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road“ is neither traditional biopic nor concert film, but a visually stunning collage that conveys the art and personality of this important European composer and helps us understand how this passionate, exceptional artist could become the role model for an entire nation. 

– screeneye.gr: … an anarchically structured, but dynamic trip to different destinations where music has the first word in everything Asteris Kutulas and his wife Ina capture. The film features the voices of Mikis and countless young and old artists who cover his songs. In some instances, Kutulas references his own 2015 film, Recycling Medea. There is no logic: Anarchy rules the film’s structure, but this anarchic structure also accounts for this work’s inherent charm.

Mikis Theodorakis and Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis and Tatjana Vassilieva (Behind the scene photo © by Asteris Kutulas)

Elias Malandris (author and theatre critic): … The enchanting female characters in Kutulas work feel like the protagonists of a painting, just like they do in his film “Recycling Medea”. Asteris Kutulas knows Mikis very well and lets us catch glimpses of some the artist’s more personal sides, of his cosmos, of situations with people who are close to him, of his thoughts and ideas – and of disturbing moments in short, very private captures. The film is a precious document of an entire life. 

Ioanna Karatzaferi (author & film scholar): … How did Asteris Kutulas “build” this work? The director made an intelligent decision and assembled the film from 4-6-minute sequences, each of which introduces us to a specific “Theodorakis episode” like a fast-paced timelapse. So, the proceedings are not dominated by the – often witnessed – laboured attempts of a director to equal the portrayed, here Mikis Theodorakis. It doesn’t erect a museum or pedestal, but focuses on the musical action. Overall, the film is impressive in both its artistic and technical execution. Mikis’ and Asteris’ work – they encounter each other and fuse into a hard, indestructable, shining, well-cut diamond. Both Kutulas’ film and his previous film essay, “Recycling Medea”, which revealed his “own Medea”, give me renewed hope for the future of film-making; a hope for films without incessant weapons-waving, films that don’t exclusively focus on horrid crimes, films not dominated by perpetual battle cries or catastrophic invasions … 

– heilewelt blog: I have seen quite a few music documentaries in my life. But I’ve never seen one like DANCE FIGHT LOVE DIE about Mikis Theodorakis, a Greek composer. I haven’t known his music beforehand and it’s not a traditional documentary, I feel like I now know what drives Mikis… I found this a very refreshing way of showing a life’s work. Music is emotion and that’s is what the film transports… At some point you get used to the tempo of the film… I highly recommend this movie. You don’t even need to understand Greek or German.

– BeNow TV: “A unique cinematic collage“: This is certainly no film to be expected. Nor a conventional artist portrait … The film doesn’t set out to explain. It is a somewhat enigmatic work – and there’s nothing wrong with that. It even needs to be. In its choice of images, music and montage, the film contains many signs and codes … Its perspective remains mysterious and multi-faceted. Time and again, it throws up new impressions with Theodorakis as the anchoring factor. The rest of the film blurs, fluctuates and keeps surprising us with unusual ideas … Because Kutulas‘ film is less tame-informative documentary and more essay-style exploration of the mythical person of Theodorakis resp. the mythical power of his music … it is a cinematic odyssey. 

– elHype.com: … Although a global name as a composer, Theodorakis also enjoys a fanatical cult following, earning him the stature of a living legend who is still working today into his tenth decade… When one has to account for all the footage they have acquired since 1987, filming the legendary composer travelling and working on tour, condensing all that into less than 90 minutes was not an easy task. However, this is a exactly what director Asteris Kutulas set for himself and the results are the film Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road (2017), a record of time the director has spent with Theodorakis on the road from 1987 to the present, organizing more than 150 concerts in 100 locations, in places as diverse and far and wide as Canada, Chile, Russia, Israel, South Africa, Turkey, Australia and most European countries, amounting to over 600 hours of footage… Ultimately, the documentary plays like snippets or teaser trailers cut together. Every inclusion seemed like a dramatic advert for a concert in a particular place at a particular time. Linking all these clips into 87 minutes made for big decisions and attempts at lucid seamlessness…

André Hennicke (actor & author): “Dance Fight Love Die“ – a film like a day dream. Like a breathing memory of a large, adventurous life that doesn’t want to end. The huge, lanky man with a crutch. Who doesn’t want to accept that he can’t fly. He searches for a way to fly anyway. His music. It allows any listener to fly. The many, different shreds of his music that – like fragile filaments – connect those small, human moments with the amazing peaks of his success. Very emotional. Almost as if this was our own memory …

– greeksnewagenda.gr: Filming Greece – “Dance Fight Love Die“: an idiosyncratic portrait of an idiosyncratic artist … Based on over 600 hours of filmed material starring Mikis Theodorakis in any possible situation, “Dance Fight Love Die“ by Asteris Kutulas is a hybrid film on the hybrid life of one of Greece’s most prolific figures, composer Mikis Theodorakis. For thirty years (between 1987 and 2017), Asteris Kutulas organized many major Theodorakis concerts around the world, while he accompanied and occasionally filmed Theodorakis on his travels. This resulted in accumulated film footage of Theodorakis’ travels around the world. Kutulas complemented this material with „fictional“ shootings (filmed by DOP Mike Geranios) adding a subplot inspired by Theodorakis‘ autobiography „The ways of the Archangel“. This docu-fiction film, an experimental portrait of the artist, offers an insight to lesser known aspects of Theodorakis‘ personality, while it cites the universal influence of his music.

Hans-Eckardt Wenzel (songwriter & author): A very impressive film. The ornamental aspect doesn’t get out of hand and the documentary angle adds a sense of soft realism to everything. The film approached Theodorakis’ music in a very astute way while also unleashing its global nature, untethered to the language of words or country norms. The most impressive part was the visual sequence featuring the dancer and Mikis wearing a gas mask at the demonstration. You can feel this sense of justice, this gentle humanism that is sorely lacking in today’s world. The film shows a good way to approach the all-pervading power of music. I can only guess how much work this movie was. Excellent editing, great musical structuring, those breaks between sound and silence, between movement and rigor. I am truly impressed! This film entirely matches my own view and understanding that the only way to escape the current crisis cannot be political, but must be cultural.

Annett Gröschner (author): It’s a collage of staged scenes, backstage video snippets, interviews with Theodorakis and performances around the world. The film also recapitulates the life of the frequently controversial composer who was never just an artist, but always someone who meddled in politics, earning him torture, prison, banishment, exile and, finally – four years ago – an eye injury from a tear gas attack at the Syntagma Square protests. His entire life, Theodorakis was an intellectual free spirit, an autonomous republic in the best sense of the word. Now, at the end of his life, he is forced to state that nothing has improved in Greece, that – after facism, civil war, junta and corrupt neoliberal governments – the climate remains poisoned and the Greeks’ dignity woefully wounded …

Composer’s Statement
 
Asteris Kutulas already revealed to me an independent approach of a most personal point of view in his very first work: the film “Recycling Medea”. For me – looking at it from an artistic point of view – this was a fortunate coincidence. Through his perspective and approach, he introduced completely new ways of expressing and dealing with my own work and my personal life. At first it wasn’t easy for me to adjust to his special approach, because of the vast amounts of work I had already made, as well as the fact that I had been developing my own aesthetic and philosophical codes for a long time. But instead of Asteris’ unusual directorial interpretation of my work and life repulsing me, the opposite happened; they enriched me psychologically, spiritually and creatively because they inspired me to see myself and my work with the fearless eyes of today and tomorrow. I will say, this approach has made me feel young, because this view redeems both my work and me from dozens of years formerly burdened by my untamed life.
 
Mikis Theodorakis, Athens 2018

Photo with Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas (1983) © by Rainer Schulz

Satellite Clips – Ein Konzeptkunst-Projekt

DIE SATELLITE CLIPS UND DER MUTTERPLANET

Die „Satellite Clips“ umkreisen den Hauptfilm DANCE FIGHT LOVE DIE, der ihnen als Heimatplanet gilt. Die Formel für dieses Konzeptkunst-Projekt lautet:

Satellite-Clips = aus dem für den Hauptfilm nicht genutzter 600-Stunden-mit-Mikis-Fundus + Fiction- und Making-of-Material, das während der Shootings mit den Schauspielern und den jungen Musikern zwischen 2014 und 2019 entstanden ist

Die Clips tragen den Namen des an der Entstehung des jeweiligen Clips maßgeblich beteiligten Künstlers bzw. Mitarbeiters des Regisseurs. Die ersten beiden „Satellite Clips“ mit dem Titel STELLA und MELENTINI verbanden die „Berliner Ästhetik“ des Regisseurs mit der „Universellen Harmonie“ von Mikis Theodorakis und sind in Zusammenarbeit mit der jungen Filmemacherin Stella Kalafati, die während der Entstehung des Hauptfilms als Regieassistentin gearbeitet hat, und der Musikerin Melentini produziert worden, . 

Satellite Clips – STELLA
Satellite Clips – MELENTINI

ARTIST’S STATEMENT

DANCE FIGHT LOVE DIE ist ein Film-Phänomen. Der Regisseur war mit dem Komponisten unterwegs, drei Jahrzehnte, hat ihn umkreist, überall auf der Welt. Der Regisseur mit seiner Kamera war Auge und Festplatte zugleich. Der Komponist ist das Zentrum; um ihn dreht sich alles. Wie Ideen um eine Erscheinung. Es ereignete sich die Geburt des Films aus dem Geiste der Musik. Die Kamera des Regisseurs war der Satellit. Ein Langzeitprojekt in einer Welt, die verrückt geworden und aus den Fugen geraten ist. Die Welt ist der Killersatellit. Deshalb Musik. Deshalb Film, Text und Tanz. Deshalb die SATELLITE CLIPS. Der Komponist hat sich nicht auffressen lassen von wilden Tieren oder von Jahrzehnten. 

DANCE FIGHT LOVE DIE – ein 90-Minuten-Film, gemacht aus 600 Stunden Ausgangsmaterial. „With Mikis on the Road“ – von Anfang bis Ende die Musik des Komponisten. Doch dieser Film will sich nicht beenden lassen. Die übriggebliebenen 599 Stunden wollen zu Satelliten werden, die um den Mutterplaneten kreisen. Das Zentrum ruft, und jeder Satellit springt in eine Bahn, um ein eigener Film zu werden, ein Clip mit eigener Musik.

Das unbenutzte Material schreit danach, benutzt zu werden. Und all die Dutzenden Künstler, die mit ON THE ROAD waren bei diesem Film schreien danach, gezeigt zu werden. 

Satelliten kann man abschalten. Aber nicht die KUNST, nicht das Zentrum. Es werden weitere Satelliten kommen. Einer heißt „Stella“, einer heißt „Air Cushion Finish“, einer heißt „Achilleas”, einer heißt „Stathis“, einer heißt „Sandra“, einer heißt „Melentini“. Wo ein Satellit ist, folgt schon der nächste.

Asteris Kutulas, 2019

The SATELLITE CLIPS project on Vimeo

Satellite Clip ASTERIS

Das Makedonien-Problem – Ein Brief von Mikis Theodorakis

Brief von Mikis Theodorakis an Wim Wenders

[Der folgende Brief von Mikis Theodorakis an Wim Wenders (Herbst 1992), in dessen Eigenschaft als Vorstandsmitglied der European Film Academy, ist eine Reaktion auf die Nominierung eines Films aus der „Skopje-Republik“ unter der Staatsbezeichnung „Makedonien“ für den europäischen Filmwettbewerb FELIX 92. Daraufhin protestierten eine Reihe griechischer Filmemacher, u.a. Theodoros Angelopoulos und vor allem Melina Mercouri. Theodorakis erklärte seinen Austritt aus der Akademie für den Fall, dass diese ihren Beschluss nicht rückgängig machen würde, woraufhin Wim Wenders in einem Brief die Entscheidung der Film Academy verteidigte. Der daraufhin hier abgedruckte Brief, sowie der griechische Protest, führten zur Revision der Nominierung und der Annahme des am Schluss des Theodorakis-Briefes vorgeschlagenen Kompromisses.

Theodorakis setzte sich seitdem aktiv dafür ein, die Beziehungen zwischen Griechenland und „Skopje“ zu normalisieren und zu verbessern. 1996 reiste er als erster und einziger griechischer Künstler in die Nachbarrepublik, traf sich mit dem damaligen Präsidenten Kiro Gligorov zu Gesprächen und dirigierte das Staatsopernorchester von Skopje. 2010 prangerte er die griechische Regierung an, dass sie unfähig und aus populistischen Gründen unwillens sei, das zwischenstaatliche Problem der zwei Nachbarländer politisch zu lösen. Dieselbe Haltung brachte er in seiner Rede am 4. Februar 2018 auf dem Syntagma-Platz zum Ausdruck, wobei einige selbstkritische Töne dazukamen. Diese sehr antifaschistische Rede, in der er Brecht zitierte und sich als internationaler Patriot“ bezeichnete, der „alle Heimatländer liebt“, betonte er: 1) dass die Griechen selbst und alle griechischen Regierungen der letzten Jahrzehnte eine große Mit-Schuld an der derzeitigen Situation in Beziehung zum Nachbarland haben, 2) dass Griechenland kein Recht hat, unserem Nachbarland vorzuschreiben, wie es sich nennen soll, 3) dass Griechenland akzeptieren muss, dass unser nördlicher Nachbar in der Märchenvorstellung lebt, vom antiken griechischen Makedonien abzustammen, 4) dass das Einzige, was Griechenland tun kann, folgendes ist: dieses „Märchen“ nicht mit unserer Unterschrift zu bestätigen, aber ein freundschaftliches Verhältnis mit unserem Nachbarland zu pflegen und dieses zu vertiefen. Und dass es 5) für den Fall, dass eine griechische Regierung darüber nachdenkt, dieses „Märchen“ dennoch bestätigen zu wollen, eine Volksabstimmung dazu geben sollte – wegen der großen nationalen Tragweite dieser Entscheidung. // Folgend der Brief von Mikis Theodorakis an Wim Wenders vom Herbst 1992:]

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Lieber Wim Wenders,

ich danke Ihnen für Ihren Brief, auf den ich, wie Sie sehen, sofort antworte, da mir beim Lesen Ihrer Zeilen deutlich wurde, dass es ein prinzipielles Missverständnis hinsichtlich der Beweggründe, die mich zu meinem letzten Brief an die Akademie bewegt haben, auszuräumen gilt. Ich bin nämlich keineswegs von politisch geprägten Prämissen oder gar nationalistischen Vorurteilen gegenüber irgend einem Volk oder einer Minderheit geleitet worden. Ich habe einen Großteil meines Lebens, fast 50 Jahre, dem Kampf für die Freiheit und Gleichberechtigung aller Menschen gewidmet, was mich, so hoffe ich, vom Verdacht, auch nur im Geringsten souveräne Rechte anderer Völker – wie dem der Skopje-Republik – verletzen zu wollen, befreit. Nicht zufällig, lieber Wim Wenders, war ich es, der – als erster – während seiner Rede bei der Regierungssitzung vom 6.11.1991 in Athen die Ansicht vertreten hat, dass der Skopje-Staat nicht von Griechenland anerkannt werden soll, solange in seiner Staatsbezeichnung das Wort „Makedonien“ gebraucht wird, solange also die Herrschenden dort versuchen, etwas zu usurpieren, was ihnen nicht gehört. Zu diesem Vorschlag, auf den ich stolz bin, bewogen mich, neben der Liebe zu meiner Heimat, meine Eigenschaft als Intellektueller und meine Fixierung auf die humanistischen Ideale.

Die Erfindung einer „Makedonischen Nationalität“

An dieser Stelle komme ich nicht umhin, einige historische Fakten anzuführen: Ausgehend vom Namen „Makedonien“, den Tito 1945 im Interesse seiner panslawischen Anschauung für den südlichen Bezirk Jugoslawiens einführte, gingen die später in Skopje Herrschenden einen Schritt weiter, indem sie eine nicht-existierende „Makedonische Nationalität“ erfanden, um letztendlich „die Befreiung des griechischen Makedoniens vom griechischen Joch“ zu verlangen!

Das, was mir schon immer an den Menschen und insbesondere an den Skopjanern nicht gefiel, ist die Verneinung ihrer Herkunft, die Verheimlichung und Verleugnung ihrer historischen Wurzel. Alle wissen, dass im Skopje-Staat heute vorwiegend Albaner und Slawen leben. Letztere kamen in den ersten Jahrhunderten nach Christi auf den Balkan. In den historischen Dokumenten tauchen sie als Bulgari auf, während ihre Sprache eine Mischung aus bulgarischem Dialekt und anderen slawischen Dialekten war. Sie koexistierten mit den Griechen, den Bulgaren, Albanern, mit Christen und Muslimen. Sie schufen wie alle anderen Völker ihre eigene Kultur, ihre eigenen Lieder, Tänze und Mythen. Im jugoslawischen Völkerbund versuchten sie, ihre eigene, rein slawische, Physiognomie zu entwickeln. Aber statt auf ihre Herkunft, ihre Wurzeln, ihre Sprache, ihre Symbole stolz zu sein, beschlossen sie – verleitet von einem politischen Annektionismus, der sie für die eigenen Interessen zu instrumentalisieren trachtete –, sich zu verwandeln, und zwar: in Griechen!

Die Makedonier sind Griechen

Denn die Makedonier lebten im griechischen Makedonien tausend Jahre, bevor die Slawen auf den Balkan kamen, und keiner bezweifelte bislang, dass Alexander der Große Grieche war, und dass sein Lehrer Aristoteles griechisch sprach und schrieb. Mit alledem will ich nur darauf hinweisen, dass es sich hierbei keineswegs um eine politische Auseinandersetzung handelt, sondern um eine Frage moralischer Natur: Kann man akzeptieren, dass sich ein Staat anmaßt, die Geschichte eines anderen Volkes, dessen Symbole und Namen zu usurpieren?

Schließlich wählte der Skopje-Staat als Symbol für seine Staatsflagge die SONNE VON VERGINA, das Wappen von Phillip, das kürzlich im Grab des Königs von Makedonien am Fuße des Olymp, also im Herzen Griechenlands, gefunden wurde. Vorher schon druckte Skopje auf seine Geldscheine den Weißen Turm von Thessaloniki und schmückte all seine Institute mit dem Abbild Alexanders des Großen, um nur einige der zahllosen Aneignungsversuche griechischer Wahrzeichen und Geschichte anzuführen.

Anspruch auf griechische Territorien

Sie könnten mir entgegnen: Wenn sich die Skopje-Slawen so sehr als Makedonier fühlen, warum fordert ihr sie nicht auf, heim ins Reich, nach Griechenland, zu kommen? Aber zum Glück – oder sollte ich „leider“ sagen? – haben wir Griechen nicht die Mentalität einer Großmacht, nicht den Anspruch, das auserwählte Volk zu sein, keinerlei Arroganz gegenüber Schwächeren. In unserm Fall beobachten wir das andere Extrem: Ein kleiner Bezirk Jugoslawiens, der vor einigen Jahrzehnten willkürlich auf einen griechischen Namen getauft wurde, bekommt mit der Zeit immer mehr Appetit – unterstützt von mächtigen Interessengruppen in der ganzen Welt –, erklärt im weiteren Geschichtsverlauf die Existenz einer „Makedonischen Nation“ und krönt nun seine Staatsdoktrin, indem es Anspruch auf griechische Territorien erhebt, darunter auf Makedonien selbst, den Nordbezirk Griechenlands, mit seiner Hauptstadt Thessaloniki.

Sie schreiben mir, dass sich „Europa in einer Übergangsphase befindet, die Landkarte neu gestaltet wird, Nationen und Grenzen aufgelöst und neu definiert werden …“. Ich hoffe sehr, Sie meinen damit nicht, dass auch unsere Grenzen neu definiert werden sollten … Und Sie fahren fort: „Deshalb sind sie auch beide unsere Kollegen und Freunde – die Filmemacher Griechenlands und die Filmemacher Mazedoniens.“ Auch wenn ich wollte, könnte ich dem nicht zustimmen, dass es heute Griechen und Makedonier gibt. Denn ganz einfach: die Makedonier sind Griechen, genauso wie die Sachsen Deutsche sind.

Mikis Theodorakis Makedonien Problem, Asteris Kutulas
Photo by © Privatier/Asti Music

Und so möchte ich meinen Brief mit einem absurden und monströsen Szenarium beenden, das, hoffe ich, Ihnen hilft zu verstehen, was genau geschieht und in welch unvorstellbare Situation uns der „Trotz“ einer Handvoll Menschen gebracht hat, die fortfahren, sich als etwas anderes auszugeben, als sie in Wirklichkeit sind:

1945 beschließen Stalin und polnische Staatsfunktionäre, um später „rechtmäßig“ deutsche Territorien beanspruchen zu können, an den östlichen Grenzen zu Deutschland einen Bezirk mit dem Namen „Sachsen“ zu gründen. Seine Einwohner haben keinerlei Beziehung zum deutschen Volk. Sie sind eine Mischung aus Slawen unterschiedlicher Herkunft, Polen, Zigeunern, Albanern und Muslimen. Dieses seltsame „Sachsen“ entwickelt einen eigenen Dialekt mit slawischen, albanischen und polnischen Einflüssen. Diesen Dialekt taufen die Herrschenden „Sächsische Sprache“. Des weiteren gründen sie (mit reichlich Geld) Institute in Australien, Kanada, den USA und in Europa, in denen die „Sächsische Nation“ propagiert wird. Die neuen „Sachsen“, oder besser die Pseudo-Sachsen, erklären sich mit der Zeit zum alleinigen Erben des sächsischen (und damit auch: deutschen) Kulturgutes. Walther von der Vogelweide, Luther, Bach, Immanuel Kant werden zu ihren nationalen Idolen. Sie drucken Landkarten von „Groß-Sachsen“ mit der Hauptstadt Dresden, nehmen den Dresdner Zwinger als Staatssymbol in ihre Fahne auf und geben Briefmarken mit dem Abbild August des Starken heraus. Schließlich wählen sie im Jahre 1991 eine Verfassung, die den Grundsatz festlegt, dass das Staatsziel „Sachsens“ darin besteht, ganz Sachsen, also auch den noch deutschen Teil, vom deutschen Joch zu befreien! Aber das deutsche Volk rebelliert. Die deutsche Regierung sieht sich zum Handeln gezwungen. Das Thema wird im EU-Rat behandelt, der gerade in Lissabon tagt und der einstimmig beschließt, dass die Pseudo-Sachsen aufhören müssen, einen fremden, einen deutschen Namen zu führen und die deutsche Geschichte zu usurpieren. Aber die Pseudo-Sachsen machen weiter … So schicken sie auch zum Filmfestival nach Athen einen pseudo-sächsischen Regisseur, den wir hier in Griechenland sofort als echten Sachsen anerkennen, also de facto als Repräsentanten des – deutschen! – „Groß-Sachsens“. Und wenn Sie als deutscher Künstler – und das deutsche Volk – protestieren und darauf hinweisen, dass es sich dabei um eine unverhohlene Geschichtsanmaßung handelt, antworten wir Ihnen, dass es uns nicht möglich ist, Unterschiede zu machen und dass für uns die „Sachsen“ (in Anführungsstrichen) und die Deutschen gleichermaßen Kollegen und Freunde sind, was nichts anderes bedeutet, als dass wir anerkennen, dass Deutsche und Sachsen (ohne Anführungsstriche) was vollkommen anderes sind und damit ebenfalls, dass Dresden, Meißen, Chemnitz, Leipzig, die Sächsische Schweiz eigentlich zum slawischsprechenden „Sachsen“ gehören. Obwohl dessen Vorfahren ja eigentlich noch Tausende von Meilen entfernt lebten, als das sächsische/deutsche Volk bereits das Nibelungenlied, einen Dürer, Lessing, Schiller, Mozart hervorbrachte. Jedenfalls stelle ich mir ungern vor, was passiert wäre, wenn nicht Griechenland, sondern tatsächlich Deutschland von so einem Problem betroffen gewesen wäre.

Die Verleugnung der eigenen Tradition

Mein Szenarium hat mit streng historischen Fakten zu tun. Und zusätzlich mit folgender Tatsache: Wenn ein Volk, und mehr noch ein Künstler seine Wurzeln verleugnet, wird das, was er künstlerisch ausdrückt, eine Lüge sein. Und wie Sie sehr gut wissen, sind Kunst und Lüge wie Feuer und Wasser. So wird ein Pseudo-Sachse, der angibt, sein Werk gründe sich auf – nichtexistente – deutsche Wurzeln, genauso lügen müssen wie ein Pseudo-Makedonier, der auf seiner – natürlich nichtexistenten – makedonischen, also griechischen Herkunft besteht. Das ist ganz einfach Betrug, und ich bin mir sicher, dass auch Sie sich über kurz oder lang dessen bewusst werden.

Was nun, wenn die „unpolitische“ European Film Academy mit einem pseudo-makedonischen Regisseur konfrontiert wird? Wir leben in einer organisierten Weltgemeinschaft, in der bedauerlicherweise der einzelne Künstler darunter leiden muss, wenn es darum geht, seinen Staat, mit dem er sich identifiziert, in die Schranken zu weisen, falls dieser Staat das friedliche Miteinander der Weltgemeinschaft bedroht. Und die Film Academy ist eine Organisation dieser Weltgemeinschaft und kann nicht de facto das Prinzip der Gleichberechtigung des Einzelnen über das Völkerrecht stellen. So wird, meiner Meinung nach, auch die Film Academy als künstlerische Institution nicht umhin können, will sie beiden Grundrechten gerecht werden, einen Weg des Kompromisses zu gehen, der z.B. darin bestehen könnte, dem Künstler als Einzelperson – und nicht als Repräsentanten eines vom EU-„Anerkennungsboykott“ betroffenen Staates – die Teilnahme am Filmfestival nahezulegen, so wie das mit den jugoslawischen Sportlern bei den letzten Olympischen Spielen geschehen ist.

Ich hoffe sehr, dass Sie nun meine Haltung besser verstehen, aber auch diesen langen, allzu langen Brief, mit dem ich Sie bemüht habe, weswegen ich Sie auch um Verzeihung bitte, zugleich meine Achtung und Liebe Ihnen und Ihrem Werk gegenüber bekundend.

Herzlich –

Ihr Mikis Theodorakis
Athen, 1992

Übersetzt von Asteris Kutulas

Mikis Theodorakis: „Wenn ich an den Holocaust denke: Ich schäme mich, als Mensch geboren zu sein“

Dance Fight Love Die – Ein extremer Film (Interview)

INTERVIEW MIT DEM FILMREGISSEUR UND AUTOR ASTERIS KUTULAS

Griechenland Aktuell sprach mit Asteris Kutulas, dem Filmregisseur, Übersetzer griechischer Literatur, Gründer der Deutsch-Griechischen Kulturassoziation e.V. und Festivaldirektor des 1. Festivals Hellas Filmbox Berlin, über seinen neuen Film „Dance Fight Love Die“, über Mikis Theodorakis und über die Präsenz der Musik von Theodorakis in der Bundesrepublik:

Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas, Tübingen 1988

Griechenland Aktuell: Nach „Recycling Medea“ kommt nun ein weiterer Film von Ihnen über das Leben und künstlerische Schaffen des wohl heute bekanntesten Griechen Mikis Theodorakis mit dem markanten Titel „DANCE FIGHT LOVE DIE“. Erzählen Sie uns von der Hauptidee Ihres Films.

Asteris Kutulas: In „Recycling Medea“ – meinem ersten Film der „Thanatos Tetralogie“ – steht nicht Mikis Theodorakis im Mittelpunkt des Geschehens, sondern der antike Mythos einer Mutter, die ihre zwei Kinder tötet, um sich an ihrem Mann zu rächen, der erst fremdgegangen ist und sie dann wegen dieser anderen Frau verlassen hat. Theodorakis’ Musik dient sowohl bei diesem als auch bei meinem neuen Film DANCE FIGHT LOVE DIE als „Soundtrack“. Und das wird wieder so sein bei „Elektra“ und „Antigone“, den anderen beiden Filmen der Tetralogie, die in den kommenden Jahren entstehen sollen.

Leben und Werkschaffen von Theodorakis ist – auf sehr poetische und eigenwillige Art und Weise – tatsächlich das Thema unseres Films „DANCE FIGHT LOVE DIE – With Mikis on the Road“. Ein schnell geschnittenes, rasantes Roadmovie über Musik, Rock’n’Roll, Sehnsucht, Kampf, Träume, Liebe und Tod. Ich wollte mit filmischen Mitteln die Frage beantworten: Was ist Kunst? Und ich wollte einen Film machen, der sich unterscheidet von allem, was ich vorher gesehen hatte.
Einen Film, geboren aus dem Geiste der Musik. Sehr modern und zugleich sehr emotional.

Griechenland Aktuell: In der Filmankündigung heißt es, dass Sie Theodorakis 30 Jahre lang, von 1987 bis 2017, auf vier Kontinenten begleiteten. Bei dem, was Sie an Filmmaterial in Ihrem Archiv haben, handelt es sich um einen riesigen Fundus. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach war, daraus ein lebendiges Ganzes entstehen zu lassen, also tatsächlich einen Film von 87 Minuten Länge.

Asteris Kutulas: Das Problem bestand darin, dass die etwa 600 Stunden Material, die ich 30 Jahre lang mit kleinen, unprofessionellen Kameras gedreht hatte, niemals dazu bestimmt waren, zu einem „Film“ zu werden. Darum mussten wir einen Weg finden, dieses Material mit neu gedrehten Szenen zu „kreuzen“, um eine filmästhetisch überzeugende Lösung zu finden. Ich wollte durchaus so etwas wie einen „atemberaubenden Film“ für das Kino schaffen, was uns – meiner Meinung nach – gelungen ist. Auch die allermeisten Publikumsreaktionen bestätigen das. Selbst Menschen, denen der Name Mikis Theodorakis kein Begriff ist und die seine Musik noch nie gehört haben, fühlen sich von dem, was sie sehen und hören, stark angesprochen und mitgenommen auf diese Reise. Eine Bilder-Explosion, ein „Baden“ in Musik und in ganz vielen – konträren – Film-Ideen. Kann man schwer beschreiben, ist was Neues, sollte man sich unbedingt ansehen.

Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas, Leipzig 1983

Griechenland Aktuell: DANCE FIGHT LOVE DIE kommt ab heute, den 10. Mai, in die deutschen Kinos, was ein großer Erfolg ist. Das hat sicherlich auch mit der Person von Mikis Theodorakis zu tun?

Asteris Kutulas: Theodorakis ist für mich ein „musikalischer Anarchist“, ein moderner Mozart. Er gehört zu den größten Melodikern des 20. Jahrhunderts. Seine Melodien überwinden Sprach- und Ländergrenzen, pflanzen sich fort, als wären sie zeitlos. Sie erreichen Musiker, Sänger, Tänzer, Hörer bis heute. Dieses musikalische Material inspiriert, als wäre es gerade erst geschrieben worden. Das offenbart DANCE FIGHT LOVE DIE auf sehr filmische Art und Weise. Ein extremer Film, sowohl hinsichtlich seiner inhaltlichen Konsequenz als auch seiner Form.

Griechenland Aktuell: Es lässt sich annehmen, dass die Musik von Mikis Theodorakis wie auch seine enorme Persönlichkeit in Deutschland nach wie vor bekannt sind. Ist Mikis Theodorakis in der heutigen Bundesrepublik noch immer beliebt?

Asteris Kutulas: Ganz sicher kann man sagen, dass Theodorakis beliebt ist. Er hat anderen nie nach dem Munde geredet und seine Meinung nie hinter der Meinung anderer versteckt. Er war immer sehr eigenständig, unabhängig. So ist auch seine Musik. Dieses Idol, das er bereits vor Jahrzehnten war, ist er für sehr viele Menschen in Deutschland geblieben. Seine Musik, oft tief emotional, schenkt Momente der Erlösung und der Motivation, sie gibt Kraft. Das haben nicht wenige früher erlebt, und um das heute wieder erleben zu können, hört man diese Musik, geht in diese Konzerte. Ich war gerade jetzt, am 4. Mai, bei einer Aufführung seines Werks „Canto General“ im ausverkauften Dresdner Kulturpalast, mit einem völlig enthusiastischen Publikum, der Applaus wollte nicht enden, Chor, Orchester und Solisten hätten noch x Zugaben geben können. Letztes Jahr erlebte ich das bei nach der Aufführung seiner 2. Sinfonie und des „Adagio“ aus der 3. Sinfonie, die von den Düsseldorfer Sinfonikern gespielt wurden. Bei Konzerten seiner „Liturgie Nr. 2“ in Brandenburg und Magdeburg war das zu erleben, und ich erlebe so etwas Ähnliches nach den Vorführungen von „Dance Fight Love Die“, wo das Publikum den Theodorakis, den es kennt, teilweise neu entdecken kann.

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen sich wünschen, diesem Mann wieder begegnen zu können, sich wünschen, dass ihre Kinder und Enkel ihn und seine Musik erleben. Es ist tatsächlich so, als würde man seine Batterien aufladen können, wenn man diese Musik hört. Oftmals erzählt sie von der Sehnsucht des Menschen, ein Tänzer zu sein. Es ist nicht nur ein hoher Beliebtheitsgrad, von dem man sprechen kann, wenn man darüber redet, was für Theodorakis und seine Musik kennzeichnend ist, sondern es ist Dankbarkeit dafür, dass man mit dieser Energie in Kontakt sein kann, dass man bei einer Begegnung zusammen sein kann mit diesem wachen, interessierten Mann, der einem auf den Grund des Herzens schaut und der ein ausgezeichneter Gesprächspartner ist. Er ist ein freier Geist, ein ungewöhnlicher Mensch, und seine Musik ist unikal. Ich erlebe sehr erfolgreiche Musiker und Komponisten, Dirigenten und Chorleiter, die sich vor diesem Werk verneigen. Mir scheint das sogar häufiger geworden zu sein, als es z.B. vor zwanzig Jahren der Fall war. Ich bin absolut sicher, dass Theodorakis’ Musik noch oft neu entdeckt werden wird und Menschen ergreift.

Griechenland Aktuell, 10. Mai 2018

Dance Fight Love Die (Cinema Trailer)

DANCE FIGHT LOVE DIE
WITH MIKIS THEODORAKIS ON THE ROAD

A film by Asteris Kutulas
based on the music of Mikis Theodorakis

Ein clipartiges Notebook. 60 mal Musik. 60 Stories. 1 Anti-Romanze. Ein ungewöhnlicher Film über den musikalischen Anarchisten Mikis Theodorakis.

A clip-style journal. 60 bits of music. 60 stories. 1 anti-romance. The most extraordinary film about musical anarchist Mikis Theodorakis.

With Mikis Theodorakis, Sandra von Ruffin, Stathis Papadopoulos

Featuring (in alphabetical order) | Rafika Chawishe, Rosa Merino Claros, Uwe Förster, Constantinos Isaias, Stella Kalafati, Katharina Krist, Inka Neumann, Aiste Povilaikaite, Sofia Pintzou, Anna Rezan, Carlos Rodriguez, Marilyn Rose, Tatjana Schenk, Kat Voltage a.m.o.

With the Cover Orchestrators, Singers, Dancers, Soloists and Artists
(in alphabetical order) | Air Cushion Finish, Anna RF, Alexia, Çiğdem Aslan, Bejeranos & Microphone Mafia, Zoe Chressanthis, George Dalaras, Deerhoof, July Dennis, Francesco Diaz, Thanassis Dikos, Maria Dimitriadi, Galina Dolbonos, Eves Karydas, Maria Farantouri, Elliot Fisk, Ekaterina Golowlewa, Lakis Karnezis, Alexandros Karozas, Loukas Karytinos, Rainer Kirchmann, Maria Kousouni, Johanna Krumin, Ilse Liepa, Zülfü Livaneli, Melentini, Lorca Massine, Elinoar Moav, Petros Pandis, Kostas Papadopoulos, Maria Papageorgiou, Dulce Pontes, Anthony Quinn, Henning Schmiedt, Sebastian Schwab, Margarita Theodorakis, George Theodorakis, Kostas Thomaidis, Emilia Titarenko, Vladimir Vasiliev, Tatjana Vassilieva, Kalliopi Vetta, Nadja Weinberg, Renato Zanella, Jannis Zotos and many others

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DANCE FIGHT LOVE DIE is an exuberant visual epic: a poetic road movie; an associative film collage from the cosmos of composer Mikis Theodorakis, the ingenious enfant terrible of our recent European musical history, who inspired millions around the world, a standout artist shaped by his dramatic century, a man who made history.

From 1987 to 2017 director Asteris Kutulas was a constant at Theodorakis’ side. He captured countless moments of the composer’s life over 3 decades, 4 continents, 100 locations, and 600 hours of footage. For this exceptional film, Kutulas spliced extremely personal moments with treasures from the archives, documentary recordings with fictions, even the humorously grotesque, adding Theodorakis’ own music as reinterpreted by many, mostly young, artists who add to the master’s compositions their own personal inflections, be it from jazz, classical, electro or rap.

An 87-minute music extravaganza… Very few words. DANCE FIGHT LOVE DIE is a unique film on inspiration, Eros and Thanatos.

Dance Fight Love Die by Mikis Theodorakis and Asteris Kutulas
Official movie poster of Dance Fight Love Die

DANCE FIGHT LOVE DIE

Directed by Asteris Kutulas
Written by Asteris & Ina Kutulas
Sound & Music Mixing, Editing & Mastering | Alexandros Karozas
Cinematographer | Mike Geranios
On the Road cameras 1987-2017 | Asteris Kutulas
Editing | Cleopatra Dimitriou & Yannis Sakaridis
Make Up Artist | Johanna Rosskamp
Costumes | Heike Hartmann & Anabell Johannes
Art Director | Achilleas Gatsopoulos
Graphic Design & Motion Graphics | Achilleas Gatsopoulos & DomQuichotte
Color Correction | Matthias Behrens
Online Editing | Domingo Stephan
Camera Assistent | Max Valenti
Gaffer | Vassilis Dimitriadis
Production Manager (fiction part) | Marcia Tzivara

Post Production Management | Dimitris Argyriou
Artistic Consultancy | Ina Kutulas, DomQuichotte, James Chressanthis & Klaus Salge
Additional Photography | James Chressanthis (ASC), Stella Kalafati, René Dame, George Theodorakis, Reinhold Spur, Matthias Seldte, Achilleas Gatsopoulos, Vasilis Nousis, Stefanos Vidalis, Lefteris Eleftheriadis, Ioannis Myronidis, Zafeiris Haitidis
Additional Editing | Dimitris Argyriou, Stella Kalafati, Antonia Gogin, James Chressanthis, Lemia Monet, Bernd Lützeler, George Theodorakis, Zoe Chressanthis
Translations | Sonja Commentz (English) & Ina Kutulas (Deutsch)
Press & PR | Sofia Stavrianidou & Tony Agentur
Festival Strategy & Distribution | NewBorn Short Film Agency (Dimitris Argyriou)
Associated Producers | Klaus Salge, Christopher Kikis & Uwe Förster

Music Publishers | Schott Music GmbH & Co. KG & Romanos Productions Ltd.

Co-Produced by Yannis Sakaridis & ERT TV
Co-Produced by Schott Music GmbH & Co. KG

Produced by Asteris & Ina Kutulas
© Asti Music, 2018

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas in Vrachati 1982 (Photo © by Rainer Schulz)
A letter from Mikis Theodorakis on the occasion of the German cinema premiere of the film Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road in May 2018:
Λυπάμαι πολύ που δεν θα μπορέσω να βρεθώ σήμερα μαζί σας στο Βερολίνο και στο πλευρό του αγαπημένου μου φίλου, του Αστέρη Κούτουλα. Κιόλας μέσα από το πρώτο του έργο, Recycling Medea, διέκρινα την ιδιαίτερη προσωπική του ματιά που πραγματικά ήταν μια ευτυχής έκπληξη για μένα, γιατί μου αποκάλυπτε εντελώς νέους εκφραστικούς τρόπους στη διαχείριση της ζωής και του έργου μου. Σας διαβεβαιώ, ότι αυτή η παραδοχή δεν ήταν εύκολη για μένα λόγω του όγκου του έργου μου και της πολυτάραχης ζωής μου μέσα από τους δύσκολους δρόμους της σύγχρονης ιστορίας μας. Κι ακόμα γιατί ήταν επόμενο να έχω καταλήξει στους δικούς μου προσωπικούς κωδικούς ως προς την φιλοσοφία και την αισθητική, όπως σμιλεύτηκαν μέσα από τις εμπειρίες και τις σκέψεις μου. Αντιθέτως όμως, θα έλεγα ότι αντί να με απωθήσουν οι νέοι ορίζοντες που άνοιγε με στον τομέα της κινηματογραφικής σκηνοθεσίας, με πλούτισαν ψυχικά, πνευματικά και διανοητικά, γιατί με βοήθησαν να δω τον εαυτό μου και το έργο μου με το ανανεωμένο και τολμηρό βλέμμα του σήμερα και του αύριο. Θα ‘λεγα ότι αυτή η προσέγγιση με κάνει να νιώθω νέος ανάμεσά σας, καθώς συντρίβει τα δεκάδες χρόνια με τα οποία με έχει φορτώσει η αδάμαστη ζωή μου. Έτσι θα βρίσκομαι με τη σκέψη μου στο πλευρό του Αστέρη και όλων των συντελεστών του έργου του.
Μίκης Θεοδωράκης, 2.5.2018

Recycling Medea – Movie Reviews & Statements

On the movie Recycling Medea (press excerpts & reviews)

… Asteris Kutulas has made a film on the crisis, on the protests and the story of Medea, the child murderess from Greek mythology. The result, however, is no documentary, but rather a cinematic essay, a visually striking collage that interweaves the protest marches and a Medea ballet production. And he does it to harrowing effect since the presence of prima ballerina Maria Kousouni, combined with the burning streets of Athens, proves an artful plot device with resounding pathos. Not to forget composer Mikis Theodorakis who does not remain the mute composer behind the scenes, but chooses to voice his own opinion. “If I was young today, they might also call me a terrorist”, he states …
Andreas Thamm, 15 November 2013
Süddeutsche Zeitung

Recycling Medea by Asteris Kutulas with Maria Kousouni
Maria Kousouni as Medea (Photo © by Stefanos Kyriakopoulos)

… Society: a power hungry, child-murdering entity. In this case, Greece. Two years ago in Athens, Asteris Kutulas watched the Medea choreography by Renato Zanella, head of the Athens National Ballet. The ensemble’s performance inspired this filmic experiment and contemporary reflection of the Greek situation. It explores the tragic figure of Medea who decides to take murderous revenge against her husband’s – avaricious and vain – betrayal. In Zanella’s Medea, terrific prima ballerina Maria Kousouni plays the leading role and key part in a film that is based on two choreographies, artistic and spontaneous. In the latter, Kutulas frequently contrasts the dance sequences with recordings of Greek youngsters, caught up in protests against a state that has robbed them of their future…
Jochen Schmoldt, December 2013
plärrer, Nuremberg

Recycling Medea by Asteris Kutulas at the EPOS festival in Tel Aviv. Israel
Review of Recycling Medea in the programme of the EPOS film festival in Tel Aviv, Israel.

Excerpt from the FAZ review of the premiere

… The ballet’s key scene also defines the entire film; it is its quintessence: Jason casts Medea out because he wants to marry another. A “shift in values” that requires and demands unfettered freedom. “If you wish to be free”, Medea retorts, “you will lose your children.”
Prima ballerina Maria Kousouni is from Athens and a brilliant, fantastic Medea. Renato Zanella, whose masterly choreographies have already graced Stuttgart, Berlin and especially Vienna, commands Kutulas’ film with his ensemble … Kutulas and his editor Babette Rosenbaum have edited Zanella’s stern danse macabre into harsh scenes of the Greek youth’s physical actions against the government. These monochrome documentary sequences, rarely illuminated by the occasional orange glow of burning streets, see them face the state’s power. It is a ballet of a different kind: that of stamping police boots, light-footed sneakers on the run and injured human bodies hitting the pavement.

Kutulas’ achievement, and that of his team, is the seamless interplay of these dance and street scenes. The almost wordless narration of the suffering murderess, carried by Theodorakis’ powerful music; Medea’s staged emergence from her terrible past; the viewer’s involuntary involvement in the atrocious present, in this everyday war of the generations set against the splendid façade of the parliament on Syntagma Square …

An audience of 1,200 – mostly young people – had flocked to the film’s premiere at Athens’ Theater Badminton. A rousing success, considering the enforced lack of advertising or public announcements: On express government orders, and a mere week before the film’s release, Recycling Medea’s intended promotional partner – state-owned TV and radio station ERT – had ceased operations. The enthusiastic audience, however, not only celebrated Kutulas and his dancers, but most of all wheelchair-bound Mikis Theodorakis, who had been pushed into the theatre by helpers. Edited into one of the work’s vicious fight scenes, the 53-year-old director lets the 87-year-old composer sigh, “If I was young today, they might also call me a terrorist”.

So, what kind of work is this? A music or ballet film? A political work or a documentary? According to the director, it is all of this and none at all. And yet, its context makes this a political film, first and foremost …
Hansgeorg Hermann, 4 July 2013
Frankfurter Allgemeine Zeitung

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The moral lesson of this epic poetic feature film raised my consciousness from the inside out. This is not art for art’s sake. It is art with a deep compassion for humanity. The pacing is fast and the message clear: the future of our children has been seriously compromised. Kutulas’ film should be viewed by a wide and diverse audience.
Spyros D. Orfanos, Ph.D., 2015
New York University – Psychotherapy & Psychoanalysis

Ballet film Recycling Medea by Asteris Kutulas
Poster draft „Recycling Medea“ (Photo © by Bill Billias)

Recycling Medea blends classical and modern dance with contemporary scenes of young people protesting austerity measures. According to the description of this powerful cinematic experiment, “Greece murders its children by destroying their future” … Spun from the associative and music-led montage of dance scenes and images showing frail and belligerent youths arises a filmic and identity-defining national anthem on contemporary events, retelling the legend against the backdrop of current crises.
Dunja Bialas, 14 November 2013
artechock.de

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Recycling Medea is a stirring and disturbing film about today’s child-murdering society. “To me, the Medea film”, explains Theodorakis, “is a Greek work of art.” A true statement. In the spirit of its Greek origins, it tells – in grand style – of our origins. It is a work about us all.
Junge Welt, 27 June 2013

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Asteris Kutulas’ filmic poem Recycling Medea conjures up consistent, bold and occasionally cryptic associations, narrated from the perspective of lost children. Playing off and with top-class and exquisitely emotional opera sequences, the direction splices the Greek tragedy (431 BC), verse by metaphorical verse, with the current Greek tragedy and its lost generations.

To this end, director Kutulas cuts the antique myth, through impressive camera and editing, into a clash of ‘stage ballet’ and ‘street ballet’, thus creating an entirely different collage and opera-ballet-documentary-art-film …

At the same time, Kutulas’ film not only documents the play, but also focuses on the repeated, occasionally baffling disruptions of Medea’s dance-based tragedy by streets filled with hooded and masked youths, armed police forces and burning cars. The time of innocence is gone. With its multi-layered approach, Recycling Medea illuminates times of resistance, of guilt, of lacking perspectives. Text and image fragments (inspired by Lars von Trier, Pasolini, Carlos Saura, Theo Angelopoulus et. al.) open up new room for thought. The children are dead, the country dying, a gasmask-wearing Theodorakis appears among the protesters; Medea stares up at the bright balcony seats, a masked protester straight at the camera. Art and reality start to mesh.
The epic narrative is underscored by stylistic elements, including the film’s typography: a cartoon font softens the harsh reality of Euripides’ quotes. On a different layer and level, the startling juxtaposition of 15-year-old blond “artlessness” – Bella’s internal monologue – appropriates authentic quotes from Anne Frank’s 1943/44 diary, thus adding contours to a striking yellow press beauty to embody a vision without a future …
With its timeless and encompassing approach, Kutulas’ melancholic epic Recycling Medea subliminally catapults fundamental questions of a parent generation’s guilt all the way into the present.
Karin Schmidt-Feister, 18 January 2014
tanznetz.de

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Provoking opus …

Based on the Medea choreography by Renato Zanella, head of the Athens National Ballet, Asteris Kutulas achieves a harsh contrast: fleet-footed art meets the spontaneous choreography of the streets in the guise of young Greek demonstrators in Athens who tackle a phalanx of law enforcement to vent anger about their stolen future. The visually capti