Archiv der Kategorie: Mikis Theodorakis

Unstete Sternenhimmel, Chaos & Harmonie

MIKIS THEODORAKIS 98 | 29.7.2023

Seine Laufbahn als Komponist begann Mikis Theodorakis Anfang der 40er Jahre in der arkadischen Stadt Tripolis als Hymnenschreiber für die griechisch-orthodoxe Sonntagsliturgie in der Kirche „Agia Triada“. Seine zwei wichtigsten Werke der damaligen Zeit waren die „Hymne an Gott“ sowie die Liturgie „Kassiani“. Genauso wie seine etwa 30 anderen liturgischen Kantaten aus jener Zeit beruhten diese auf Texten griechisch-orthodoxer Kirchenväter bzw. der Priesterin Kassiani.

Mikis Theodorakis, Asteris Kutulas, Unstete Sternenhimmel
Der vorliegende Artikel wurde in einer gekürzten Fassung in der Zeitschrift exandas veröffentlicht.

1943 geht Theodorakis als 18jähriger ans Athener Konservatorium und hat im Gepäck seine „1. Sinfonie“, ein Oratorium, dessen Worte er selbst verfasste. Darin bricht er seine religiös inspirierte Suche nach Gott in eine Dualität auf, was sich darin zeigt, dass er eine gleichberechtigte Ansprache formuliert – auf der einen Seite an das Licht und auf der anderen Seite an das Dunkel.

Seine zwei Hauptwerke auf dem Gebiet der Kirchenkomposition entstanden viel später in den 80er Jahren, als Theodorakis schon beinah 60 war. Es sind die „Totenmesse“ und das „Requiem“, die beide auf Texten zweier Kirchenväter aus dem 4. und 5. Jahrhundert basieren. Für Theodorakis gehören die Verse des „Requiem“, geschrieben von Johannes Damaskinos im 6. Jahrhundert zu den schönsten griechischen Texten überhaupt. Unter anderem vertonte er 1982 folgenden Abschnitt:

„Lasst uns heraus kommen und in den Gräbern wahrnehmen, dass der Mensch nur das ist: Knochen, Fraß für die Würmer und Gestank. Lasst uns erkennen, was Reichtum, Schönheit, Kraft und Anstand wirklich sind.“

Mikis Theodorakis, Asteris Kutulas, Unstete Sternenhimmel
Der vorliegende Artikel wurde in einer gekürzten Fassung in der Zeitschrift exandas veröffentlicht.

In Tripolis hatte Theodorakis als Gymnasiast die Seminare von Evangelos Papanoutsos besucht, des damals bedeutendsten griechischen Philosophen. Und während der Zeit bei ihm wurde für den jungen Theodorakis das zur Passion, was ihn zeitlebens begleitete: seine tiefe Liebe zu den Schriften der antiken Autoren.

Das Altgriechische perfekt beherrschend, verschlang der 15- bis 17-jährige Theodorakis alles, was die Antike an Schriftgut zu bieten hatte. Nicht nur die Tragiker, sondern auch alle Philosophen, Mathematiker und Astronomen. Beim Pythagoräer Philolaos las Theodorakis, dass die Entfernungen zwischen den Planeten gemessen werden können im Verhältnis zum „zentralen Feuer“, also dem Feuerkern des Alls, den Philolaos auch als „Mutter der Götter“ oder auch als „Altar“ und „Ordnung“ der Natur apostrophiert hatte, um den herum sich zyklisch drehten: die Anti-Erde, die Erde, der Mond, die Sonne, die Planeten und schließlich, in der äußeren Sphäre des Alls, die „unsteten Sternenhimmel“. Für den Vorsokratiker Philolaos ist das Feuer der Ursprung des Lichts und die absolute Quelle der Energie des Absoluten. Und laut Philolaos sind Feuer und Musik Geschenke an die Menschen.

Die Musik als Ausdruck des planetarischen Klangs auf Erden bringe einen Widerhall des Universums hervor, und dieser Widerhall versetze den Menschen in einen rein geistigen Zustand, genauso wie andererseits das Feuer auf der materiellen Ebene zu Reinheit in unseren irdischen Sphären führe.

Diese Gedanken inspirierten Theodorakis und bildeten den Ausgangspunkt für die Entwicklung seiner Theorie von der Universellen Harmonie.

Seine Liebe zu den Vorsokratikern und ihrer Musik- und Zahlentheorie hatte ihren Ursprung gehabt in den Nächten unter freiem Himmel, die der fünfjährige Mikis auf der Ägäis-Insel Chios mit seinem Vater verbrachte, der ihm stundenlang – und das über Monate – den Sternenhimmel erklärte. Diese himmlische Ordnung prägte sich dem Kind ein und ließ es den Widerspruch zwischen dem Makrokosmos und dem Mikrokosmos, zwischen Harmonie und Chaos schon sehr früh erkennen. Im Kreis der Familie die heile Welt, außerhalb der Familie Gefahr und Leid. Und später dann: Ruhe im Innern, Tod und Folter im Außen.

Mikis Theodorakis, Asteris Kutulas, Unstete Sternenhimmel
Der vorliegende Artikel wurde in einer gekürzten Fassung in der Zeitschrift exandas veröffentlicht.

Theodorakis, der als Komponist seit seiner Kindheit, wie er schrieb, den „Klang“ als Auslöser musikalischer Schöpfung erfuhr, machte in einem Aufsatz vom November 2006 darauf aufmerksam, dass es nur ein kleiner Schritt sei von dem Gedanken der Vorsokratiker bezüglich der Harmonie und der Musik der Sphären bis zu seinem eigenen Gefühl, in sich einen überwältigenden Klang zu hören, bevor dieser die Gestalt der Musik annahm. Diese beiden Dinge seien nur zwei Seiten derselben Medaille – wobei die zweite nur eine Widerspiegelung der ersten bedeuten kann: irdische Musik also als Widerspiegelung des Klangs des Universums.

Viel später, Ende der 90er Jahre, bei seiner Auseinandersetzung mit dem Antigone-Stoff erkannte Theodorakis, dass der Widerspruch zwischen Chaos und Harmonie sich im Zyklus von Theben widerspiegelt: Iokaste als Mutter des Chaos, die das antinomische Paar Eteokles und Polineikes zur Welt bringt, deren Einander-Bekämpfen schließlich zu Iokastes Tod führt, das heißt zum Tod des Chaos. Aus ihm heraus entsteht eine neue Harmonie, die abermals ein neues Chaos hervorbringt: in Gestalt von Kreon. Was einen weiteren Konflikt auslöst und schließlich durch Antigones Tod zu einer neuen Harmonie mit Ödipus in Kolonos führt.

Ödipus, den Sophokles im heiligen Wald von Kolonos verschwinden lässt, als wollte er die Erlösung von Ödipus als eine endgültige festschreiben, also als die schöne Illusion: dass hinsichtlich des menschlichen Schicksals ein harmonisches und endgültiges Finale existieren könnte. Theodorakis weist darauf hin, dass diese finale Harmonie allerdings nur als Wunsch des Dichters Sophokles zum Ausdruck kommt, der einen versöhnlichen Schluss gestalten wollte, angesichts seines bevorstehenden Todes und in Erwartung einer ewigen Ruhe, die nach Theodorakis’ Meinung aber niemals auf Erden zu haben ist.

Und Theodorakis stützt sich bei der Komposition seiner drei Opern auf das dialektische Prinzip von These, Antithese und Synthese, ohne einen Schlusspunkt setzen zu wollen, und er lässt die Begriffspaare Macht und Gewalt, die sich mit dem Chaos verbinden, entgegenstehen dem Begriffspaar der Liebe und der Pflicht, wobei dieser Antagonismus zur Opferung des Lebens und nur dadurch zu einer neuen Harmonie führen kann. In dieser Weise verdeutlicht er in seinen Opern, als Teil seiner philosophischen und politischen Weltanschauung, wie eng die Beziehung zwischen Himmel und Erde, zwischen universellem Chaos und universeller Harmonie und zwischen all diesen und dem Schicksal des Menschen ist.

Asteris Kutulas

Mikis Theodorakis, Asteris Kutulas, Unstete Sternenhimmel
Der vorliegende Artikel wurde in einer gekürzten Fassung in der Zeitschrift exandas veröffentlicht.

Griechenland Aktuell: Der Regisseur Asteris Kutulas im Interview

(Ich danke der Online-Plattform GRIECHENLAND AKTUELL, dem Griechischen Aussenministerium und Thanassis Lambrou für dieses Interview. A.K.)

Thanassis Lambrou von Griechenland Aktuell sprach mit Asteris Kutulas über seine Pläne und die laufenden Projekte.

Griechenland Aktuell: [Als Sohn griechischer politischer Flüchtlinge wurde Asteris Kutulas in Rumänien geboren und zog später mit seiner Familie in die DDR. Er studierte Germanistik und Philosophiegeschichte an der Universität Leipzig, übersetzte zahlreiche Werke bedeutender griechischer Autoren ins Deutsche, so z.B. von Konstantinos Kavafis, Giorgos Seferis, Jannis Ritsos und Odysseas Elytis, sowie die Autobiographie, verschiedene Schriften und Gedichte von Mikis Theodorakis.

1980 begann Asteris Kutulas seine Zusammenarbeit mit dem Komponisten Mikis Theodorakis, für den er weltweit Konzerte organisierte und über 30 Alben produzierte

Als Regisseur war er zunächst im Dokumentarfilmbereich tätig und schlug dann einen ganz eigenständigen Weg ein mit den hybriden Filmen „Recycling Medea“ und „Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road“. Asteris Kutulas‘ Filmschaffen hat einen direkten Bezug zu Griechenland und wendet sich an ein internationales Publikum.

2015 initiierte Asteris Kutulas zusammen mit Ina Kutulas das Filmfestival „Hellas Filmbox Berlin“.

Basierend auf einem reichen Erfahrungsschatz aus der Zeit seiner Zusammenarbeit mit dem Lichtarchitekten Gert Hof und aus seiner dramaturgischen Tätigkeit im Entertainment-Bereich entwickelte Asteris Kutulas mit Liquid Staging eine neue Eventform und reagiert so auf die Bedürfnisse und Sehgewohnheiten jüngerer Generationen. Seine Film-Raum-Installationen sind allerdings Erlebnisfelder für ein Mehrgenerationen-Publikum.] – Griechenland Aktuell

Asteris Kutulas, Mikis Theodorakis, Medea 21, Liquid Staging, Maria Kousouni

GR Aktuell: Erzählen Sie uns von Ihren jüngsten Projekten ELECTRA 21 und MEDEA 21.

Asteris Kutulas: Diese beiden Projekte vereinen auf sehr moderne Weise Musik, Tanz, Lyrics, Film und Installation. Stellen Sie sich das so vor: Das Publikum in der Mitte, vier große Leinwände drum herum. Bei anderen Produktionen könnten es mehr oder auch weniger Screens sein. Bei den Hofer Filmtagen habe ich das zusammen mit meinem Team bereits zweimal realisiert. Also: In einem großen Raum vier Leinwände, auf jeder ein Film, alles gleichzeitig, absolut synchron zur Elektra- bzw. zur Medea-Musik von Mikis Theodorakis. Ich wollte mit diesem neuen Show-Format die Geschichten der beiden faszinierenden Frauengestalten neu und anders erzählen, wobei die Zahl 21 für das 21. Jahrhundert steht. 

Wir haben 2011 die Ballettaufführung der „Medea“ und 2018 die der „Electra“ mit der fantastischen Musik von Mikis Theodorakis und der großartigen Choreografie von Renato Zanella im Apollo-Theater auf Syros gefilmt. Maria Kousouni als Medea und Sofia Pintzou als Elektra sind Weltklasse, und sie tanzen „auf Leben und Tod“. Das muss man einfach gesehen haben … auch wie unsere Cinematographer Michalis Geranios die Medea und James Chressanthis (ASC) die Elektra gefilmt haben. 

2021 und 2022 verschmolz ich das „Electra“- und das „Medea“-Filmmaterial mit meinem Liquid-Staging-Konzept, und so entstanden ELECTRA 21 (63 Minuten) und MEDEA 21 (45 Minuten): Da das Publikum bei jedem der beiden Projekte jeweils vier verschiedene Filme gleichzeitig erlebt, sieht jeder Zuschauer einen anderen Film, weil jeder jeden Augenblick entscheidet, wohin er schaut und welchen „Film“ er sieht. Jeder im Publikum macht im Kopf seinen eigenen Filmschnitt. Am Schluss hat kein Zuschauer dasselbe gesehen. Es ist ein neues, ein „polydimensionales Sehen“. Ein immersives Kino-Erlebnis. 

GR Aktuell: Sie gehören zu den Schöpfern des innovativen Kinos und benutzen dabei Themen aus antiken Dramen. Warum sind diese Stoffe für Sie immer noch interessant?

Asteris Kutulas: Für mich sind sie aktuell, relevant, brisant. Die Storyline des Sophokles-Thrillers „Elektra“: Es geht um Macht. Agamemnon, der Vater, opfert seine Tochter Iphigenie, um in den Krieg gegen Troja ziehen zu können. Seine Ehefrau erschlägt ihn darum zehn Jahre später. Ihre beiden Kinder Elektra und Orest töten wiederum viele Jahre danach die Mutter. Ein Kreis des Hasses und der Rache, der zur Vernichtung der Institution der Familie führt. Ein zeitloses Thema.

Bei der „Medea“ von Euripides führt derselbe Teufelskreis zur Vernichtung jeder Hoffnung auf Zukunft. Auch das hochaktuell. Aus Liebe zu Jason verrät Medea ihre Familie, erschlägt ihren Bruder und flieht aus der Heimat. Sie und Jason haben bald zwei Söhne, aber Jason bleibt nicht bei Medea, die in seinem Land eine Fremde ist. Glauke, die Tochter des Königs, ist eine wesentlich bessere Partie. Medea will sich mit Jason nicht arrangieren; sie tötet aus Rache ihre Rivalin Glauke, und dann tötet sie ihre beiden Söhne, um Jason auf ewig leiden zu lassen. Medea, die ihren Status verlor – eine Kindsmörderin. Wäre sie „einfach vernünftig“ geblieben, wäre das alles nicht passiert. Jason, der Ehemann und Vater, ebenfalls in einem Macht- und Dreieckskonflikt gefangen.

Schließlich die Kinder, die von der eigenen Mutter erschlagen werden – die unschuldigen Opfer der ungelösten Erwachsenen-Konflikte. Genauso wie die Elterngeneration von heute ihre Kinder und Enkel nicht in die Klubs zum Feiern, sondern auf das Schlachtfeld zum Sterben schickt.

Wie in vielen Netflix-Serien handeln „Medea 21“ und „Electra 21“ von Hass, Tod, Verlust der Identitäten, von Heimat, Liebe, Familie und Gemeinschaftlichkeit. Das Zerstörerische tritt immer deutlicher zutage. Wir alle erfahren dies heute weltweit in vielen Krisen und Kriegen. Diese Geschichten zeigen wir in „Medea 21“ und „Electra 21“ auf neue Art und Weise. Durch die Liquid-Staging-Ästhetik ist ein viel spannenderes und emotionaleres Storytelling möglich, das zudem dem „neuen Sehen“ der jüngeren Generationen entspricht, desillusioniert und dynamisch. 

Die Zuschauer müssen sich orientieren: Wo läuft welcher Film? Welcher „Film“ läuft insgesamt ab? Mehrere in einem Raum parallel ablaufende visuelle Erzählstränge, die ein neues cineastisches Erlebnis schaffen, fordernd und überwältigend zugleich. Ich empfinde das als der dramatischen Gegenwartssituation mit ihren vielen Umbrüchen angemessen. Ich habe Schwierigkeiten, in einem Sessel zu sitzen und auf einen Bildschirm zu schauen. Ich bin nicht so drauf in diesen Zeiten. Ich will sie anders packen.

Mikis Theodorakis, Asteris Kutulas

GR Aktuell: Mikis Theodorakis ist vor einem Jahr gestorben. Wann haben Sie ihn kennengelernt? Wie konnte Ihre Freundschaft und Zusammenarbeit so lange dauern?

Asteris Kutulas: Ich habe Mikis 1980 kennengelernt, als ich Germanistik und Geschichte der Philosophie in Leipzig studierte. Ich traf auf einen Mikis Theodorakis – durch und durch Künstler. Wach, genial, belesen, humorvoll, total offen, neugierig. Von ihm ging eine unbändige Energie aus – das hat mich an ihm am meisten fasziniert. Dieses Pulsierende, Lebendige, Anarchische. In seiner Gesellschaft tankte ich ununterbrochen „Poesie“ und atmete das existentielle „Gefühl von Freiheit“. Es traf auf das, was ich studierte und wofür ich mich interessierte. Es war eine Art von Doping.

Unsere langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit beruhten darauf, dass Mikis Theodorakis mich von Anfang an als „Künstlerkollegen“ akzeptierte, obwohl uns 35 Jahre Altersunterschied trennten und ich noch am Anfang stand. Das war eine seiner faszinierenden und beglückenden Grundeigenschaften: Mikis hatte diese Offenheit, dieses starke Interesse. Für ihn war das Leben ein permanenter Workshop. Wir kooperierten künstlerisch und tauschten uns aus über Dichtung, Philosophie, Musik, Politik, bildende Kunst, Film, Tanz. Aus dieser Zusammenarbeit entstanden viele Bücher, einzigartige Alben, Filme, Interviews, Konzept-Touren, exklusive Musik-Produktionen, Ausstellungen und vieles mehr.

GR Aktuell: Welche Zukunftspläne haben Sie noch im Hinblick auf all das, was Theodorakis‘ als vielfältiges und überreiches Werk hinterlassen hat?

Asteris Kutulas: Ich kannte Mikis Theodorakis als einen sehr authentischen, wirklichkeitsnahen Menschen, sehr „bodenständig“, wie man im Deutschen sagt. Das blieb er bis ins hohe Alter hinein. Er sagte: „Das Alter muss gezeigt werden, filme, fotografiere mich so, wie ich bin.“ Und so stellte er sich auch vor „sein“ Publikum, im Rollstuhl, ohne Angst und Eitelkeit, konzentriert auf die Musik, die ihn in diesen Momenten zusammen sein ließ mit den tausenden Menschen, die da waren. Das war so etwas wie die „Honigpumpe“ von Beuys – ein sehr alter Mann in einem Rollstuhl, aber es geht nicht darum, sondern man ist im Lied, in der Melodie, im Text, in etwas, zu dem man sagt: Ich komme von da. Mikis ist aus der Lyrik gekommen, und dann hat der Klang ihn eingeholt.

Als ich in den Neunzigerjahren Mikis‘ drei „Lyrischen Tragödien“ – wie Mikis seine Opern nannte – „Medea“, „Electra“, „Antigone“ hörte, beschloss ich, eine „Thanatos-Trilogie“ zu machen: Über „Killing the Children“ in Medea, „Killing the Parents“ in Electra und „Killing Democracy“ in Antigone. Zusammen mit meiner Ko-Autorin und Ko-Produzentin Ina Kutulas arbeiten wir seit 2018 an diesem Konzept, das Mikis sehr gefallen und unterstützt hat. Dieses Konzept haben wir „in verschiedene Formate gegossen“. Ein Format ist das Liquid-Staging-Kino-Format. Ein weiteres Format ist eine Live-Bühnen-Version: Zusammen mit Renato Zanella und Ina Kutulas habe ich eine Ballett-Tetralogie entwickelt. Der Titel: „Thanatos Trilogy + Epilogue: Make Love not War“. Das bedeutet: Medea – Electra – Antigone – Lysistrata in einem Tanz-Film-Event. Mikis‘ Musik in diesen vier Werken ist sehr cineastisch, sehr modern. Rhythmisch, dramatisch, lyrisch – und dann diese Theodorakis-Melodien, die einfach einzigartig sind. 

Aktuell arbeiten wir mit Achilleas Gatsopoulos, Michalis Argyrou, Ina Kutulas und weiteren Künstlern am SATELLITE CLIPS PROJECT, das auf innovative und spezifische Weise bildende Kunst und Film miteinander verbindet. Es zeigt, wie man durch einen dramaturgischen Ansatz aus einer Reihe von Video-Clips und grafischen Kunstwerken, die zu Film-Grafiken wurden, ein immersives Show-Format entwickeln kann. Wie bei den anderen hier beschriebenen Projekten ist das ein Schritt hin zum polydimensionalen Sehen, zum Kino 2.0.

Griechenland Aktuell. Veröffentlicht am 14. Dezember 2022.

Medea 21

MEDEA 211 Soundtrack. 4 Filme auf 4 Screens gleichzeitig.
Die Zuschauer mittendrin.
Polydimensionales Sehen als neues Show-Format.
Ein immersives „Kino 2.0“ Erlebnis für das 21. Jahrhundert.

Mikis Theodorakis, Asteris Kutulas

Eine Liquid Staging Installation von Asteris Kutulas
zu einem Soundtrack von Mikis Theodorakis

MEDEA 21
Verlust von Heimat und Identität.
Liebe, Eifersucht, Mord. Die Mutter tötet ihre Kinder.
Verstörende Schönheit.
Keine Zukunfts-Perspektive. Rebellierende Jugendliche.

Medea 21 by Asteris Kutulas

MEDEA 21 (Synopsis)
Out of love for Jason, Medea betrays her family, slays her brother, and flees her homeland. She and Jason soon have two sons, but Jason does not marry Medea, who is a stranger in his country. He takes as his wife Glauke, the daughter of the king. Medea kills Glauke and the king in revenge, and then she kills her two sons to make Jason suffer forever eternally.

Aus Liebe zu Jason verrät Medea ihre Familie, erschlägt ihren Bruder und flieht aus der Heimat. Sie und Jason haben bald zwei Söhne, aber Jason heiratet nicht Medea, die in seinem Land eine Fremde ist. Er nimmt Glauke zur Frau, die Tochter des Königs. Medea tötet aus Rache Glauke und den König, und dann tötet sie ihre beiden Söhne, um Jason auf ewig leiden zu lassen.
Medea – ein zeitloser Thriller, neu erzählt in vier parallellaufenden Filmen, alle vier absolut synchron zur Soundtrack-Musik von Mikis Theodorakis.

Film 1: Liebe, Eifersucht, Mord. Die Mutter tötet ihre Kinder.
Ein Tanzfilm – die Aufführung des MEDEA-Balletts von Renato Zanella im „Apollo“-Theater in Hermoupolis auf Syros mit der extraordinären Maria Kousouni als Medea. Eine Mischung aus klassischem Ballett und modernem Ausdruckstanz.

Screen 1: Love, jealousy, murder. The mother kills her children.
A dance film – the performance of the MEDEA ballet by Renato Zanella at the „Apollo“ theater in Hermoupolis on Syros with the extraordinary Maria Kousouni as Medea. A mixture of classical ballet and modern expressive dance.

Film 2: Verstörende Schönheit.
Die 15-jährige Bella in einer „heilen Welt“ – wie nicht von dieser Welt –, verstörend idyllisch, verstörend schön. Beinahe unwirklich erscheint sie, eine Fiktion. Keine Fiktion dagegen das Buch, das sie gerade liest, die Worte der 1944 in einem Amsterdamer Hinterhaus-Versteck untergetauchten Anne Frank.

Screen 2: Disturbing beauty.
15-year-old Bella in an „ideal world“ – as if not of this world – disturbingly idyllic, disturbingly beautiful. It seems almost unreal, a fiction. Not a fiction, however, is the book she is reading, the words of Anne Frank, who went into hiding in a backhouse in Amsterdam in 1944.

Film 3: Energie und Freiheit des Schöpferischen.
Der Dokfilm zum Tanzfilm – die spannenden Proben für die Ballett-Aufführung mit den Tänzern und dem Choreografen Renato Zanella.

Screen 3: Energy and freedom of the creative.
Making-of for the dance film – the exciting rehearsals for the ballet performance with the dancers and the choreographer Renato Zanella.

Film 4: Keine Zukunfts-Perspektive. Rebellierende Jugendliche.
Die Jugendaufstände zwischen 2010 und 2014 in Griechenland als Sinnbild des Widerstands der jungen Generation gegen eine gewalttätige und menschenverachtende Gesellschaft. Mittendrin in diesen Aufständen auch der über achtzigjährige Komponist Mikis Theodorakis.
Jugendliche, voller Wut und Verzweiflung. Gestalten aus einer anderen, trostlosen und traumatischen Welt, die sich der Alltagsrealität bemächtigt hat.

Screen 4: No future perspective.
Rebellious youth. The youth uprisings between 2010 and 2014 in Greece as a symbol of the resistance of the young generation against a violent and inhuman policy. The composer Mikis Theodorakis, who is over eighty years old, is also in the midst of these uprisings. Young people, full of rage and despair. Figures from another, bleak and traumatic world that have taken over everyday reality.

Mikis Theodorakis, Renato Zanella, Asteris Kutulas

Director’s Statement
Die Präsentation der Liquid-Staging-Werke 2022 bei den 56. Hofer Filmtagen bietet einen Ansatz, über „Kino 2.0“ sowohl in der realen Welt als auch im Metaversum nachzudenken. MEDEA 21, ELECTRA 21 und das SATELLITE CLIPS PROJECT – hier ist der Wechsel hin zum polydimensionalen Sehen vollzogen, das in der hybriden Lebenswelt der jüngeren „postmodernen“ Generationen längst stattfindet.
Medea, Jason, Bella und Anne Frank, der Komponist Theodorakis, die Tänzer, die rebellierenden vermummten Jugendlichen, vorrückende vermummte Polizisten, der Choreograph Renato Zanella – sie alle sind die Akteure, freiwillige und unfreiwillige, in dieser komplexen, zeitübergreifenden Tragödie „Medea“.
Theodorakis‘ dramatische Musik, die packend elementare Choreografie von Renato Zanella, die fulminante Tanzkunst von Maria Kousouni und Sofia Pintzou, die kinematografische Meisterschaft von James Chressanthis und Mike Geranios sowie der künstlerische Input aller an diesem Projekt beteiligten Künstler machen aus unserer Liquid-Staging-Produktionen ELECTRA 21 und MEDEA 21 innovative und hochemotionale Werke.
Asteris Kutulas, Oktober 2022

Medea 21 by Asteris Kutulas

Composer’s Statement
zum Medea-Projekt von Asteris Kutulas aus Anlass der Fertigstellung der ersten Filmfassung 2014 (Recycling Medea)
Das tragische Element in der Musik hat mich von Anfang an stärker in seinen Bann gezogen als jedes andere. Zweifellos entspricht es meinem Charakter. Es war also nur zu natürlich, dass ich mich dem antiken Drama zugewendet habe, zuerst als ein Liebhaber dieser Kunstgattung, dann als Komponist. Ich begann, Theater- und Filmmusik zu antiken Tragödien zu schreiben, um letztendlich zur Lyrischen Tragödie, also zu meinen Opern, zu kommen.
Renato Zanella entdeckte für sich die Musik meiner Lyrischen Tragödie “Medea”, und sie wurde die Basis seiner gleichnamigen Ballett-Choreografie. Und dann kommt Asteris Kutulas und erschafft ein neues Kunstwerk, das sich seinerseits auf alles soeben von mir Genannte stützt. Aber er filmt das Ballett nicht einfach ab, sondern er kreiert etwas vollkommen Neues und verleiht dem Ganzen dadurch eine zutiefst gesellschaftliche und politische Dimension.

Ich denke, wir haben es hier mit einem wahren Kunstwerk zu tun, das dazu auffordert, Verantwortung zu übernehmen. Ein Werk, das zugleich eine Hymne ist für den Kampf der Menschen und Völker für deren Unabhängigkeit und Freiheit.
Mikis Theodorakis

Medea 21 by Asteris Kutulas

Music Credits
„Medea“ (Opera in two acts, dedicated to Giuseppe Verdi)
Composed by Mikis Theodorakis | Text by Euripides
Published by Schott Music | CD Published on WERGO
Recorded digitally at the Capella Concert Hall St. Petersburg by Gerhard Tsess and Alexandros Karozas | Music Edited by Mikis Theodorakis and Alexandros Karozas
Emilia Titarenko (Medea) | Nikolai Ostrofsky (Jason) | Peter Migounov (Aegeus) | Wladimir Feljaer (Creon) | Irina Liogkaja (Nurse) | Eugeni Witshnewski (Messenger) | Daria Rybakova (Coryphaea) | Juri Worobiow (Paedagogus)
St. Petersburg State Academic Capella Orchestra & Choir
Conducted by Mikis Theodorakis

Ballet Credits
Choreography by Renato Zanella
Maria Kousouni as Medea | Danilo Zeka as Jason | Franziska Hollinek-Wallner as Glauce | Eno Peci as Aegeus | Sofia Pintzou as Coryphaea | Nicky Vanoppen as Creon
Lighting Design by Vinicio Cheli | Assistant Choreographer by Alessandra Pasquali | Chorus Choreographer Angeliki Sigourou | Musical Assistant Jiri Novak
Akropoditi Dance Theater | Anna Vaptisma, Pigi Lobotesi, Maria Mavri, Filia Milidaki, Anna Ouzounidou, Eleni Pagkalia, Nadia Palaiologou, Adamantia Papandreou, Vivi Sklia, Georgia Stamatopoulou, Antigone Choundri
Ballet performances filmed at the „Apollo“ Theater of Hermoupolis (Syros)
International Festival of the Aegean | Presented by MidAmerica Productions of New York and the Municipality of Syros-Hermoupolis | General & Artistic Director Peter Tiboris | Festival Production Coordinator Dimitris Yolassis | Stage Manager Lena Chatzigrigoriou

Medea 21 by Asteris Kutulas

Film Installation Credits
Featuring Maria Kousouni & Bella Oelmann
Music by Mikis Theodorakis
Choreography by Renato Zanella
Cinematography by Mike Geranios
Edited by Babette Rosenbaum & Asteris Kutulas
Music Production, Editing & Mastering by Alexandros Karozas
Art Direction by Achilleas Gatsopoulos
Scenography & Production by Georgios Kolios
Executive Producers Brigit Mulders & Christopher Kikis
Co-Produced by Schott Music, Klaus Salge & Rafaela Wilde
Written & Produced by Asteris & Ina Kutulas
Created & Directed by Asteris Kutulas

Featuring Bella Oelmann
Special guest André Hennicke
Nicolaus Kausch, Kat Voltage, Rosa Merino Claros, Inka Neumann, Marie-Sophie Brugsch, Michelle Pais, Lois Christmann, Lara Schlesinger, Victor Kausch, Benedict Fritsche, Alexander von Jost, Alessandra Oelmann, Tatjana Schenk, Stella Kalafati, Cyra and Kyra
Casting Director & Assistant Film Director Marcia Tzivara
Sound Recording by Klaus Salge
Sound Editing by Sebo Lilge
Graphic Design by Frank Wonneberg
Text Design by Tino Deus
Colorist Antonia Gogin
Online Editor Neil Reynolds
Assistant Online Editor Felix Bester
Gaffer Vassilis Dimitriadis
Make Up Artist Saretta Rosa
Production coordination in Greece by Dimitris Koutoulas
Additional Photography by
Stefanos Vidalis, VROST, Lefteris Eleftheriadis, Ioannis Myronidis, Vasilis Nousis, Zafeiris Haitidis, James Chressanthis (ASC)
Second camera (ballet) & additional photography by Asteris Kutulas
Textes & Artistic Consultancy by Ina Kutulas

Special thanks to Strecker Stiftung, Internationale Hofer Filmtage, Rafaela Wilde, Dimitris Koutoulas, Dr. Tim Dowdall, Rena Parmenidou, Margarita Theodorakis, George Theodorakis, Thorsten Schaumann, Nana Trandou, Nikos Vlachakis, Jan Perray and many others

With the kind support of Peter Hanser-Strecker, Angelika Oelmann, Andreas Rothenaicher, John Hansen, Florian Staerk, Katrin Zillinger and Optix Berlin GmbH
Anita & Uwe Förster, Mousse T., Peter Tiboris, Alexandros Tsoupras, Tino Deus, Katharina Krist, Daniel Höferlin & The Asphalt Club Berlin Team

Many thanks to Nina Hof, Guy Wagner, Peter Zacher, Alexander Koutoulas, Barbara Eldridge, Ingo Rehnert, Janek Siegele, Jessica Schmidt, Silke Spalony, Christopher Wohlers, Marcus Lenz, Frauke Sandig, Eric Black, Rainer Schulz, Nicolaus Kausch, Marie-Sophie Brugsch, Michelle Pais, Lois Christmann, Lara Schlesinger, Victor Kausch, Benedict Fritsche, Alexander von Jost, Alessandra Oelmann, Fotis Geranios, Velissarios Kossivakis, Eva Kekou, Michalis Adam, Wassilis Aswestopoulos, Tzeni Foundoulaki, Alexandros Karamalikis, Stefanos Kyriakopoulos, Nikos Tzimas, Caroline Auret, James Chressanthis

Satellite Clips Project (Part I)

Eine Liquid Staging Bewegtbild-Ausstellung
Part I von Asteris Kutulas & Achilleas Gatsopoulos

Das SATELLITE CLIPS PROJECT (Part I) verbindet auf innovative und spezifische Weise bildende Kunst und Film miteinander. Es zeigt modellhaft, wie man durch einen dramaturgischen Ansatz (Liquid Staging) aus einer Reihe von Video-Clips und grafischen Kunstwerken, die zu Film-Grafiken wurden, ein immersives Show-Format entwickeln kann. Wie bei den Projekten MEDEA 21 und ELECTRA 21 wird auch mit dem SATELLITE CLIPS PROJECT ein Schritt hin zum polydimensionalen Sehen, zum Kino 2.0 vollzogen.

SATELLITE CLIPS PROJECT
Musik von Mikis Theodorakis
+ 10 Videoclips von Asteris Kutulas & Co.
+ 10 Digitalgrafiken von Achilleas Gatsopoulos
+ Liquid Staging Show-Format

SOUNDTRACK | Die Musik aller Videoclips stammt von Mikis Theodorakis, hier vorwiegend in diversen Interpretationen und Arrangements junger MusikerInnen (u.a. als Ethno-, Jazz-, Rock-, Klassik- und Electro-Version). 

+ VIDEO CLIPS | Die 10 Satellite Clips entstanden als Zusammenarbeit von etwa 20 KünstlerInnen aus sechs Nationen. Die vor allem Jüngeren unter ihnen (Grafiker, Musiker, Filmemacher, Modedesigner, Kostümbildner, Tänzer, Maler, Choreografen, Autoren, Videokünstler, DJs, Schauspieler, Regisseure, Sänger, Komponisten) haben bei der Gestaltung vieler der Video-Clips ihre eigene Ästhetik eingebracht. Zusammengehalten wird das Ganze durch den gesamtkünstlerischen Ansatz des Berliner Konzept-Künstlers und Filmemachers Asteris Kutulas. 

+ FILM-GRAFIKEN | Die auf den Leinwänden 2/3/4 gezeigten 10 x 3 Film-Grafiken von Achilleas Gatsopoulos sind bearbeitete Still-Frames aus dem Filmmaterial der SATELLITE CLIPS. Achilleas Gatsopoulos hat die zehn Grafiken gestaltet, anschließend digitalisiert und filmkünstlerisch umgesetzt.

+ LIQUID STAGING | Beim Satellite Clips Projekt laufen auf dem Hauptscreen (Leinwand 1) nacheinander 10 Videoclips (die Satellite Clips) und auf den anderen 3 Screens (Leinwände 2/3/4) filmische Umsetzungen von 10 grafischen Werken, wobei die Gestaltung des jeweiligen grafischen Werks von Screen zu Screen variiert. 10 Satellite Clips + 10 x 3 filmgrafische Umsetzungen ergeben 40 Clips. Die Länge der Clips variiert zwischen 30 Sekunden und 3 Minuten. Die Gesamtlänge des Satellite Clips Project Part I beträgt ca. 13 Minuten.

4 Filme auf 4 Screens gleichzeitig. Die Zuschauer mittendrin.

Satellite Clips Project by Asteris Kutulas & Achilleas Gatsopoulos
Still Frame Collage © by Achilleas Gatsopoulos

Satellite Clips Project – Das Konzept
Das ungenutzte Musik- und Filmmaterial

Der in Berlin lebende Autor, Produzent und Konzept-Künstler Asteris Kutulas entwickelte die Idee zu den Satellite Clips (2014-2022), als er zusammen mit Ina Kutulas 2014 das Drehbuch zum Film „DANCE FIGHT LOVE DIE – With Mikis on the Road“ schrieb, der 2017 bei den Hofer Filmtagen Weltpremiere hatte.

Basis für die Satellite Clips war das für DFLD nicht genutzte Filmmaterial von ca. 600 Stunden aus 30 Jahren sowie das Fiction- und Making-of-Material, das während der Shootings mit den SchauspielerInnen und den jungen MusikerInnen zwischen 2014 und 2018 entstand. 

So wurden aus dem für den Hauptfilm DANCE FIGHT LOVE DIE nicht genutzten Material bislang über 30 Satellite Clips produziert, die um den „DFLD-Mutterfilm-Planeten“ kreisen. 

Die Satellite Clips tragen die Namen der an der Entstehung des jeweiligen Clips maßgeblich beteiligten KünstlerInnen bzw. der MitarbeiterInnen des Regisseurs, weshalb die Titel der Clips oft den Namen der Co-Kreateure entsprechen: z.B. „Stella“, „Alexia“, „Cleopatra“, „Sandra“, „Melentini“ etc.

Satellite Clips Project by Asteris Kutulas & Achilleas Gatsopoulos
Still Frame Collage © by Achilleas Gatsopoulos

Satellite Clips Project – Das historische Filmmaterial
30 Jahre. 40 Länder. 4 Kontinente.
600 Stunden Film. 54.000.000 Frames.

Asteris Kutulas hat den griechischen Komponisten Mikis Theodorakis zwischen 1987 und 2021 sehr häufig besucht, er begleitete ihn regelmäßig auf Tourneen und ließ dabei seine Videokamera laufen. 

Kutulas filmte Theodorakis bei Konzerten, während diverser Proben mit Orchestern, Solisten, Chören, Bands, on Stage und Backstage, bei CD-Aufnahmen in Studios, bei Opern- und Ballett-Produktionen, in Hotellobbys und auf Hotelzimmern, in Bussen und Lokalen, meist in mehreren Städten nacheinander, aber auch bei einzelnen Veranstaltungen, auf Ausflügen und während privater Treffen. 

Das in all diesen Situationen aufgezeichnete Material bildet einen umfangreichen Fundus von etwa 600 Stunden. Aufgenommen wurde es in Berlin, Athen, St. Petersburg, Verona, Santiago de Chile, Sydney, Tel Aviv, Budapest, Wien, Kopenhagen, Malmö, Pretoria, Çeşme, Amsterdam, Montreal, London, Brüssel, Luxemburg, Barcelona, Zürich, Oslo, Paris, Jerusalem, auf den griechischen Inseln Chios, Kreta und Syros und und und …

Satellite Clips Project by Asteris Kutulas & Achilleas Gatsopoulos
Poster artwork by Achilleas Gatsopoulos

ASTI MUSIC & HYPNAGOGIA
present an Asteris Kutulas & Achilleas Gatsopoulos production with the music of Mikis Theodorakis

A Liquid Staging Installation film art exhibition of four movies
by Asteris Kutulas & Achilleas Gatsopoulos
with Mikis Theodorakis, Air Cushion Finish, Alexia, Rosa Merino Claros, Stella Kalafati, Maria Kousouni, Johanna Krumin, Ilze Liepa, Melentini, Eltion Merja, Sofia Pintzou, Henning Schmiedt, Jocelyn B. Smith, Renato Zanella a.o.

Artistic Consultancy by Ina Kutulas
Edited by Cleopatra Dimitriou, Achilleas Gatsopoulos, Antonia Gogin, Stella Kalafati, Asteris Kutulas
Filmed by Achilleas Gatsopoulos, Mike Geranios, Stella Kalafati, Asteris Kutulas
Scenography & Production by Georgios Kolios
Art Direction by Achilleas Gatsopoulos
Music Editing & Mastering by Alexandros Karozas
Co-Produced by Schott Music

Music by Mikis Theodorakis
Directed by Asteris Kutulas & Achilleas Gatsopoulos
Created by Asteris Kutulas

World Premiere at the Hof International Film Festival 2022

Achilleas Gatsopoulos (www.hypnagogia.com)
Coming from a Fine Arts background, Greek born Achilleas Gatsopoulos moved to the UK to study VFX and Production Design for Film, finishing with distinction in both degrees.
Achilleas worked in the Art Department of films such as the upcoming Knives Out 2, The Lost Daughter, Harry Potter III, Charlie and the Chocolate Factory, Two Faces of January etc while simultaneously creating stage and motion design for big events in London and Germany. Clients include Mercedes Benz, Volkswagen, Stolichnaya, Vodafone, Warner Bros, Dom Perignon and Absolut.
Achilleas has been directing videos since 2002 for artists such as Pet Shop Boys, James Blunt, Solomun, Steven Wilson, FAUN, Erick Morillo & SKIN (Skunk Anansie) to name a few. His work has also been screened & awarded at international film festivals.

Über das neue Sehen … und „Kino 2.0“ – im Gespräch mit Thorsten Schaumann

DANCE FIGHT LOVE DIE, Gert Hof, ELECTRA 21 und das „Neue Sehen“

Ein Gespräch von Thorsten Schaumann (Künstlerische Leitung Internationale Hofer Filmtage) und Asteris Kutulas (Autor, Filmemacher und Produzent)

Thorsten Schaumann: Asteris, dir wurde bei den 55. Internationalen Hofer Filmtagen der Hans-Vogt-Filmpreis verliehen. Hans Vogt war entscheidend an der Erfindung des Tonfilms beteiligt und sorgte damit für eine absolut neue Ära nicht nur in der Geschichte des Kinos. Er kam aus Rehau bei Hof und war einer der treibenden Entdecker, die diese Gegend geprägt haben. Damit dieser Mann geehrt wird, vergeben wir gemeinsam mit der Stadt Rehau den Hans-Vogt-Filmpreis an Filmschaffende, die innovativ und sorgfältig im Ausdruck und Qualität ihres Filmtones arbeiten. 2021 hast Du diesen wichtigen Preis, unter anderem für dein Liquid-Staging-Projekt ELECTRA 21 bekommen. Die Musik, die bei ELECTRA 21 zu hören ist, stammt von der Komponisten-Legende Mikis Theodorakis.

Bereits vor vier Jahren, 2017, konnten wir hier bei den Internationalen Hofer Filmtagen die Weltpremiere deines Films „DANCE FIGHT LOVE DIE – With Mikis on the Road“ feiern. Mikis Theodorakis ist eine unglaubliche Persönlichkeit, die ich durch deinen Film noch mal neu für mich entdeckt habe. Wie bist du auf dieses sehr spannende Konzept von DANCE FIGHT LOVE DIE gekommen?

Asteris Kutulas: Ich habe drei Jahrzehnte lang mit verschiedenen Amateur-Kameras – ohne jemals an eine Filmproduktion zu denken – sehr viele Situationen mit Mikis auf Reisen, während der Konzerte, während seiner Bühnenauftritte, viele Augenblicke hinter der Bühne etc. auf allen Kontinenten als Video-Tagebuch festgehalten. Insgesamt rund 600 Stunden in etwa 30 Jahren. 

Ina Kutulas, meine Ko-Autorin und Ko-Produzentin, hat mich 2015 mehrfach gedrängt, daraus einen Film zu machen. Hier mussten zwei Dinge zusammengebracht werden. Es ging um den riesigen vielfältigen, musikalischen Kosmos von Theodorakis, den er als die Persönlichkeit mit einem so bewegten, dramatischen Leben in die Welt trug. Mikis suchte den Dialog mit dem Publikum, das gemeinsame Erleben, eine Art von Zusammensein beim Hören der Sinfonien, der Opern, beim Singen während der Konzerte. Mich begeisterte schließlich die Idee, diese Energie durch einen Film miterlebbar zu machen. Und sah mich zugleich vor die Herausforderung gestellt, eine Struktur dafür zu entwickeln. Als ich dafür die Lösung gefunden hatte, konnte der Film gemacht werden. 

Ich habe dann später auch einige fiktionale Szenen gedreht, mit Sandra von Ruffin und Stathis Papadopoulos als Hauptdarsteller. Für mich und Ina gehörte das unbedingt dazu, denn in Theodorakis‘ Autobiografie z.B. tauchen immer wieder Passagen voller Fantastik auf. Grotesk, bizarr, dramatisch, schräg, kurios. Alles zusammen ergab schließlich 60 Stories auf 60 verschiedene Musiken in 87 Minuten. Für mich war das „die Geburt des Films aus dem Geiste der Musik“. 

Thorsten Schaumann: Ihr habt mit Mikis Theodorakis zahlreiche verschiedene Produktionen realisiert, Konzerte, Filme, Opern und auch Ballette. Das konnte man sehr gut in DANCE FIGHT LOVE DIE miterleben, wo Tanz eine große Rolle, wie schon aus dem Titel zu erfahren ist. Das künstlerische Material wiederum für dein Projekt ELECTRA 21, das 2021 bei den Hofer Filmtagen Weltpremiere hatte, kommt größtenteils von einer ELECTRA-Ballettaufführung. Du hast dich offenbar sehr viel mit der Verschmelzung von Tanz und Film beschäftigt.

Asteris Kutulas: Ich war in unterschiedlicher Funktion bei vielen Ballett-Produktionen von Mikis Theodorakis dabei, beim „Zorbas“ in der Arena di Verona, im australischen Perth bei der Weltpremiere des „Axion Esti“-Balletts, bei der Tanz-Version des „Canto General“ in Berlin, an der Moskauer Bolschoi-Oper bei einer Zusammenarbeit mit Vladimir Vassiliev und Ilse Liepa – und dann natürlich ab 2011, bei meiner Zusammenarbeit mit Renato Zanella …

Thorsten Schaumann: … dem italienischen Choreografen …

Asteris Kutulas: … ja, Renato Zanella gehört zu den bekanntesten Choreografen in Europa. Er hat 2011 das „Medea“-Ballett choreografiert, und das habe ich aufgenommen und meinen ersten „Ballett-Film“ RECYCLING MEDEA realisiert, der im Oktober 2022 in die deutschen Kinos kommt. 

Electra, Medea, Antigone. Geplant ist eine Film-Tetralogie, zu der RECYCLING MEDEA, ELECTRA’S REVENGE und LOST ANTIGONE gehören, sowie – als cineastisches „Satyrspiel“ nach antikem Vorbild – DANCE FIGHT LOVE DIE. Man hat bereits im antiken Griechenland das „Serien“-Prinzip gehabt: An einem Tag wurden hintereinander drei Tragödien und eine Komödie gespielt. Da in den drei Tragödien gemordet und geschändet wurde, vergleichbar mit den heutigen Horror-Thrillern, zeigte man abschließend eine Polit-Komödie, damit die Zuschauer „entspannt“ nach Hause gehen und schlafen konnten …

Thorsten Schaumann: Und du bist von einem Film-Projekt, also von ELECTRA’S REVENGE, auf diese innovative Kino-Installation ELECTRA 21 gekommen. Wie war das?

Asteris Kutulas: Ich habe 2018 mit James Chressanthis als DOP die Ballettaufführung „Electra“ in der Choreografie von Renato Zanella auf Syros gefilmt. Eigentlich wollten wir Ende 2021 den Film ELECTRA’S REVENGE als zweiten Teil der Tetralogie fertigstellen. Als ich aber im Juli 2021 den 96jährigen Mikis Theodorakis in Athen besuchte, ging es ihm gesundheitlich so schlecht, dass ich spontan beschloss, ihm noch ein „letztes Geschenk“ als Künstler zu machen, das zukunftsgerichtet sein sollte. 

Innerhalb von drei Tagen entwickelte ich ELECTRA 21, wobei ich das Electra-Filmmaterial mit meinem Liquid-Staging-Konzept verschmolz: Vier Filme spielen gleichzeitig auf vier verschiedenen Leinwänden, absolut synchron zum Electra-Soundtrack. 

Ich stellte Mikis dieses Konzept vor. Er bat mich, ihm am nächsten Tag meine Musikauswahl zu erläutern, denn aus dem musikalischen Material der 2,5-stündigen Oper hatte ich ja „nur“ eine Stunde Musik ausgewählt – ELECTRA 21 hat eine Dauer von 63 Minuten. Nachdem sich Mikis meinen Soundtrack angehört hatte, wollte er ganz genau wissen, warum ich wo welche Schnitte gemacht hatte, warum ich welchen Teil aus der Opernmusik ausgewählt hatte und wie ich das Material dann einsetzen wollte. Er wollte eine genaue Vorstellung davon bekommen. Als er sich vergewissert hatte, dass meiner Vision für dieses Film-Raum-Projekt ein ganz klares Konzept zugrunde lag, gab er mir dafür grünes Licht, nicht, ohne sich vorher im Detail auch darüber zu informieren, wie ich die vier gleichzeitig laufenden Filme gestalten wollte und wie das Ganze aussehen sollte. Mikis war wahrhaftig ein KÜNSTLER, bis zum letzten Augenblick. Er war bei unseren letzten Treffen Ende Juli 2021 schon sehr schwach und trotzdem total neugierig zu erfahren, was künstlerisch entstehen würde. Er starb sechs Wochen später, am 2. September.

Thorsten Schaumann: Das ist eine unfassbare und sehr berührende Geschichte … 

So stand das filmische Konzept: „Electra“, das Ballett mit der Musik von Mikis Theodorakis und in der Choreografie von Renato Zanella, gefilmt 2018. Dann hast du daraus 2021 eine Liquid-Staging-Produktion gemacht. Man könnte von einer „fließenden Bühne“ sprechen: vier Kino-Leinwände, die locker an verschiedenen Stellen im Raum drapiert sind, vier Leinwände, die das Publikum, das im Raum ist, umgeben, so dass das Publikum vier verschiedene Filme gleichzeitig erlebt …

Asteris Kutulas: So ist es. Du kannst dich, wenn du willst, auch auf nur einen Film konzentrieren, wobei jeder der vier Filme absolut synchron zum selben Soundtrack ist. Du entscheidest dich als Zuschauer jeden Augenblick, welchen „Film“ du siehst, je nachdem wie du dich bewegst, den Kopf drehst, was du vom Ganzen erfassen willst, erfassen kannst. Das Partizipationslevel ist dadurch sehr hoch, weil du jede Sekunde deinen eigenen „Schnitt“ machen kannst. Am Schluss hat kein Zuschauer dasselbe gesehen, was ich sehr spannend finde.

Thorsten Schaumann: Du hast bei deiner Liquid-Staging-Masterclass im Oktober 2021 in Hof gesagt, dass du das „eindimensionale Sehen“ durch ein „polydimensionales Sehen“ ablösen willst.

Asteris Kutulas: Das „eindimensionale Sehen“ – also, dass man sich hinsetzt und nach vorn auf eine Handlung schaut –, dieses Zuschauen, wie es das seit der Antike gibt und das sich seit dem 18./19. Jahrhundert etablierte, hat meiner Meinung nach kaum noch etwas mit den Seh- und Lebensgewohnheiten der postmodernen Generationen zu tun. In zwei, drei Jahren wird sich durch die Mixed-Reality-Brillen und durch neue virtuelle Produktionen ohnehin ein ganz anderes „Sehen“ herausbilden. Außerdem kommt es zu einer totalen Verschmelzung von Live-Erlebnis und digitaler Welt, was sich z.B. für die Generation Alpha in ihrem TikTok-Universum bereits tagtäglich abspielt.

Thorsten Schaumann: Was passiert dann mit den traditionellen Entertainment-Formaten, was passiert mit dem Kino?

Asteris Kutulas: Theater, Oper, Kino, Konzert etc., also all diese traditionellen Live-Formate, die wird es weiterhin geben. Aber mit der Zeit werden sie immer „musealer“ und „nischiger“, was nichts Schlechtes ist, sondern schlicht der Lauf der Zeit. Jede Epoche bringt nun mal ihre eigenen Formate hervor. 

Mit meinem Liquid-Staging-Konzept – wobei ELECTRA 21 ein spontanes „Nebenprodukt“ darstellt – mache ich ein Angebot für polydimensionales Sehen als Alternative zum bislang herrschenden eindimensionalen Sehen. Zugleich könnte es ein Konzept für das „Kino 2.0“ sein.

Thorsten Schaumann: ELECTRA 21 war für mich eine sehr spannende und neue Erfahrung. Ich stehe in einem Raum, umgeben von diesen vier Leinwänden. Die Musik setzt ein. Schon die ist was Besonderes. Du fragst dich sofort: Was ist das für Musik? Dann muss man sich umschauen: Wo sitze ich denn gerade? Viele verschiedene Eindrücke prasseln auf dich ein. Du versuchst erstmal zu sortieren: Wo läuft welcher Film? Beziehungsweise: Welcher „Film“ läuft insgesamt ab? Schon das ist packend. Und in gewisser Weise auch sehr lustig. Dann drehst du dich weiter herum. Wer ist hinter mir, wer ist vor mir … Lara, Christian, Asteris … Ich schau von einem Film zum anderen. Dann entscheidet man sich manchmal länger für eine Leinwand, um dann wieder hin und her zu switchen. 

Es ist auf alle Fälle ein neues Erlebnis, sehr fordernd und zugleich sehr mitreißend. Etwas, das in Erinnerung bleibt … Für mich haben sich viele Eindrücke nach der Vorführung sortiert, da man nicht auf alle vier Leinwände gleichzeitig schauen kann.

Asteris Kutulas: Nein, das geht nicht. Das muss man auch nicht … Man kann sich einfach „fallen lassen“ in diesen „Raum“ und genießen, sich dem hingeben. Man kann aber auch aktiv werden und sich sagen: Ich experimentiere jetzt, wo ich diese Möglichkeit habe, ich schaue hin und her, mal sehen, was mit mir passiert … So entsteht eine lebhafte Collage im Kopf oder Chaos oder eine strenge Struktur. Vielleicht erlebt man Überraschungen. Du bist umzingelt von Filmen, die alle zu einer Musik passen und thematisch stringent sind … 

Thorsten Schaumann: Die fünfte Ebene, die der Musik, ist sehr wichtig. Hinzu kommt der Raum, das Raumempfinden: Wer sitzt neben mir? Wo passiert gerade was? Ich liebe solche Sachen und bin sehr glücklich, dass wir hier in Hof die Weltpremiere feiern durften! Wir haben viele begeisterte Reaktionen gehabt. Das ist das Wichtigste, denn diese Installation ist fürs Publikum gemacht, ein Angebot an das Publikum.

Asteris Kutulas: Ja, es ist ein Angebot an das Publikum. Und nur eine Möglichkeit, wie man das Liquid-Staging-Konzept anwenden kann. ELECTRA 21 ist ganz spontan entstanden, weil ich, wie schon erwähnt, Mikis ein Geschenk machen wollte, das er noch erleben sollte. Er hatte mir zwar bereits im Juli schon gesagt: „Wenn du im September wiederkommst, werde ich nicht mehr da sein“, aber ich hatte gehofft, dass wir es vielleicht noch schaffen und ihm das Werk präsentieren könnten. 

Thorsten Schaumann: Wie bist du eigentlich auf dieses neue Liquid-Staging-Show-Format gekommen?

Asteris Kutulas: Ich habe zusammen mit dem Künstler Gert Hof – angefangen mit dem Millennium-Event in Berlin – zwischen 1999 bis 2010 weltweit über 40 große Produktionen gemacht. 1999 haben wir die Outdoor-Lichtshow erfunden und waren dadurch gewissermaßen zu Pionieren einer neuen Art von Events geworden. Vor 1999 gab es das nicht, weil nichtmal die Hardware dafür existierte.

Thorsten Schaumann: Wer war Gert Hof, fast schon ein richtungsweisender Nachname für den Ort der Weltpremiere Deines Projektes …?

Asteris Kutulas: Gert Hof kam vom Brecht-Theater und hatte sich intensiv mit dem Medium Licht und mit Musik beschäftigt, u.a. inszenierte er viele Rammstein-Shows. 

Gert hatte 1998 die Vision, die Konzert- und Theaterbühne zu verlassen und Lichtarchitektur am Himmel zu machen, um Hunderttausende Menschen mit „Art in Heaven“ zu entertainen. Genau das taten wir. Ich war Gerts Partner und Produzent. Gert starb 2012 an Krebs.

Ich beschäftigte mich also zwölf Jahre lang mit den visuellen Medien des Entertainments, mit Pyro-Kunst, Video-Content, Nebel-Ästhetik, Laser, Licht, Aerials, Projektionen etc. In dieser Zeit habe ich sehr viel gelernt und mit großartigen Künstlern zusammengearbeitet wie z.B. mit dem Projektionskünstler Ross Ashton aus London.

Dann war ich bis 2019 zehn Jahre lang bei der Pferdshow „Apassionata“, zuerst Executive Producer und dann Dramaturg, was eine ganz andere Schule bedeutete. 

Ich habe versucht, angeregt durch all diese Erfahrungen, die Welt der „Hochkultur“ mit der Welt des „Show-Entertainments“ zusammenzuführen. Daraus resultierte für mich permanent die Frage nach neuen Showformaten fürs 21. Jahrhundert. Und so entwickelte ich vor etwa 10 Jahren mein Liquid Staging Konzept. Das beinhaltet für mich auch ein räumliches Produzieren für ein räumliches Sehen. Für mich war das immer – und zwar bis heute – auch ein Prozess der Forschung.

Thorsten Schaumann: Stillstand ist das Ende. Natürlich soll man auch innehalten, um sich bewusst zu werden: Was mache ich gerade? Wie geht es mir damit? Das ist wichtig, um wieder Kraft zu schöpfen, weiterzugehen und Neues zu vollbringen. Es braucht beides. Das ist unser Prinzip bei den Internationalen Hofer Filmtagen: Wir sind stets bestrebt, neue Dinge auszuprobieren, neue Formate zu entwickeln, technisch neue Wege zu gehen. Darum fand ich dieses Kino-Erlebnis beim Liquid Staging Projekt ELRCTRA 21 so interessant. Es gibt den klassischen Raum und während der Vorführung entscheidet jede Person im Publikum spontan, ob und wann sie ihre Aufmerksamkeit auf welchen der vier Screens richtet. Die Änderung des Blickwinkels kann beliebig oft erfolgen. Somit sieht niemand im Publikum den gleichen Film. Das ist eine neue Art des „Sehens“, eine neue Art von „Kino“.

Danke Thorsten Schaumann für dieses Gespräch und danke Internationale Hofer Filmtage für die Inspiration und die Unterstützung!

Hans Vogt Preis Asteris Kutulas

Mikis Theodorakis und die DDR – Ein Gespräch mit Asteris Kutulas – von Bart Soethaert

Centrum Modernes Griechenland & Freie Universität Berlin präsentieren: CeMoG-Newsletter vom  17.11.2021

CeMoG-Editorial: Im Gespräch mit Bart Soethaert geht Asteris Kutulas als beteiligter Akteur und Zeitzeuge näher ein auf die Produktions-, Wahrnehmungs- und Rezeptionsbedingungen für die Musik von Theodorakis, insbesondere in den 1970er und 1980er Jahren in der DDR.

Das Gefühl der Freiheit. Mikis Theodorakis und die DDR: eine Annäherung

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis, 1981 in der DDR (Photo © by Privatier/Asti Music)

Bart Soethaert: In seinem Nachruf auf Theodorakis für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (02.09.2021) schrieb Gerhard R. Koch, dass dessen Erfolg und anhaltende Wirkung einer „quasi Dreizack-Ästhetik von elaborierter Komposition, aktivem gesellschaftlichem Widerstand und überaus erfolgreicher Popularisierung“ zu verdanken ist. Herr Kutulas, Sie haben als Produzent und Freund über viele Jahre sehr eng mit Theodorakis zusammengearbeitet. In welchem Sinn stellt er für Sie einen „Ausnahmekünstler“ dar?

Asteris Kutulas: Zunächst gilt festzuhalten, dass Mikis Theodorakis ein unglaubliches Talent hatte. Die Musik floss aus ihm als brausender Strom heraus – und das bis 2009, als er seine letzte Komposition „Andalusia“ für Alt und Sinfonieorchester fertigstellte.

Zudem war er ein Energiebündel. Sein umfangreiches Werkschaffen ergab sich aus diesem musikalischen Talent und daraus, dass er ständig arbeitete, ständig komponierte, arrangierte, dirigierte, auf der Bühne stand, bei Aufnahmen in Studios war und so weiter und so fort. Theodorakis wirkte auf mich immer wie ein schöpferisch pulsierender Künstler.

Ein weiteres Element, das sein Wesen ausmachte, war – und das mag anfangs vielleicht banal klingen – dass er alle Menschen bedingungslos liebte, sozusagen mit „Haut und Haar“. Diese positive emotionale Grundeinstellung gegenüber anderen Menschen traf bei Theodorakis mit einer ausgesprochen libertären Gesinnung zusammen. Er war ein Freigeist, ein absoluter Anti-Opportunist, der mit keinen Dogmen – politischen, moralischen, religiösen usw. – zurechtkommen konnte.

Den dritten Aspekt hat, so meine ich, der Künstler Joseph Beuys am besten auf den Punkt gebracht, als er über Theodorakis sagte, dieser sei für ihn eine „soziale Plastik“.

Theodorakis wurde zu dem, der er mit seiner Musik und seiner Persönlichkeit für Griechenland und die Welt geworden ist, weil er aus diesen Grundzügen heraus als personifiziertes „Gesamtkunstwerk“ gesellschaftlich agieren und auf die jeweiligen Verhältnisse einwirken konnte.

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas

Bart Soethaert: Worin sehen Sie die soziokulturelle Leistung der Musik von Theodorakis in der griechischen Nachkriegsgesellschaft?

Asteris Kutulas: Weil durch den Bürgerkrieg eine „unnatürliche Entzweiung des griechischen Volkes“ – dieser Ausdruck stammt von Theodorakis selbst – erfolgte, sah er als Komponist und Künstlerpersönlichkeit seine Rolle darin, über die Musik eine Verständigung der sich feindlich gegenüberstehenden politischen Lager herbeizuführen. Dieses Anliegen wird bereits in der Widmung seiner Ersten Sinfonie deutlich. Die Komposition begann er während seiner Verbannung und Haft auf Ikaria und Makronisos 1948, mitten im griechischen Bürgerkrieg, und er beendete sie einige Zeit danach. 1955 wurde die Erste Sinfonie in Athen uraufgeführt. Theodorakis hatte das Werk zwei Freunden gewidmet, Makis Karlis und Vassilis Zannos, die im Bürgerkrieg auf der jeweils anderen Seite – „gegeneinander“ – kämpften und 1948 kurz nacheinander umgekommen waren.

Auch seine Liedkompositionen der 1960er Jahre bewirkten in dieser Hinsicht sehr viel. Er vertonte nicht nur Gedichte des Kommunisten Jannis Ritsos, dessen Werke 20 Jahre lang verbotene Lektüre waren, sondern z.B. auch von Giorgos Seferis, zur selben Zeit Diplomat im Staatsdienst. Es fasziniert mich, dass durch Theodorakis‘ Vertonungen nicht nur die hehre Poesie alsbald in aller Munde war und von den Menschen verinnerlicht wurde, sondern dass Theodorakis darüber hinaus seine Liedkompositionen als ein gesellschaftspolitisches Mittel der Verständigung einzusetzen vermochte. Dieses Engagement zur Aussöhnung der Bürgerkriegsparteien hat ihm stets – jahrzehntelang – Kritik von beiden Seiten eingebracht.

Mikis Theodorakis Jannis Ritsos Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis, Jannis Ritsos, Asteris Kutulas, Dresden 1984 (Photo by © Privatier/Asti Music)

Bart Soethaert: Ihre Familie siedelte 1968 aus Rumänien in die DDR über. In welchem Kontext entstand Ihr Interesse an Mikis Theodorakis? Wie kamen Sie mit seiner Musik in Berührung?

Asteris Kutulas: Ich war mit den Schallplatten von Theodorakis aufgewachsen; seine Musik gehörte seit den 1960er Jahren zu unserem Familienleben, Werke wie z.B. Axion Esti haben meine Eltern und ich „rauf und runter“ gehört.

Dadurch hat es mich 1980 einfach mitgerissen, als ich als Zwanzigjähriger Theodorakis zum ersten Mal im Berliner Palast der Republik begegnet bin. Die Erstaufführung des Canto General in der DDR, das war für mich ein sehr besonderer Abend: Theodorakis stand da ganz in meiner Nähe als Dirigent. Ich war damals Dolmetscher für die Sängerin Maria Farantouri. 1981 kam er wieder, um die endgültige Fassung des „Großen Gesang“, basierend auf den Texten von Pablo Neruda, aufzuführen, wo ich dann als sein Dolmetscher arbeitete. Wir freundeten uns an und unsere Zusammenarbeit begann.

Immer, wenn man mit ihm zusammen war und an seiner Energie teilhaben konnte, lebte man wie in einer pulsierenden Wolke aus Musik, Poesie, Philosophie, Geschichte, Politik, darstellender Kunst und einem unbändigen Gefühl von Freiheit. Ich wollte aus dieser Energiewolke nicht mehr raus. Dieses künstlerisch-anarchistische Leben wollte ich unbedingt führen.

Sie müssen wissen, ich bin ein Kind der „politischen“ Diaspora, die aufgrund des Bürgerkriegs (1946-49) ab 1950 auch in der DDR entstand. In diesem Kontext hatte Theodorakis für mich „gesellschaftspolitische Relevanz“, und zwar vor allem durch diese Verbindung, ein Linker und zugleich ein Freigeist zu sein, was die Linken sehr oft irritierte.

Bahnbrechend war für mich darüber hinaus, dass Mikis als „ernster Komponist“ Lieder geschrieben hat, deren Melodien sich mit der höchsten Dichtung der literarischen Moderne Griechenlands verbanden, wobei sich die Popularität dieser Lyrik in Griechenland und auch die internationale Bekanntheit bis heute erhalten haben. Die Trias seiner Ästhetik – Musik, Poesie und Freiheitsanspruch – ist so wirksam, weil sie eine Synthese darstellt.

Mikis Theodorakis
Mikis Theodorakis Werkverzeichnis/Catalogue of Works by Asteris Kutulas, Livanis Edition 1997

Bart Soethaert: Die Aufführung des Canto General 1980 in Berlin-Ost markierte einen Neubeginn für Theodorakis in der DDR, nachdem seine Musik zehn Jahre (1970-1980) nicht mehr im Rundfunk gespielt werden durfte und die in den Lagerbeständen noch vorhandenen Theodorakis-Schallplatten auf Befehl der DDR-Führung zerstört worden waren. Wie kam es dann dazu, dass die DDR in den Achtzigerjahren weder Zeit noch Mühe scheute, Theodorakis eine Bühne zu geben? Er ist einige Jahre lang immer wieder zu Arbeitsaufenthalten in die DDR eingeladen worden, konnte mit den besten Chören, Orchestern und Dirigenten arbeiten und seine Werke aufführen.

Asteris Kutulas: Dass Theodorakis ab 1980 in der DDR wieder präsent war, dass wieder Werke von ihm auf Schallplatte veröffentlicht wurden, dass es zu den ersten Theodorakis-Konzerten überhaupt in der DDR kam, das alles war der Hartnäckigkeit und dem Engagement von Peter Zacher zu verdanken, einem angesehenen Musikkritiker aus Dresden, der stark in die Singe- und Folklorebewegung der DDR involviert war. Peter hatte sich seit 1975 unermüdlich um eine Aufführung des Oratoriums „Canto General“ in der DDR bemüht. Das wurde erst 1980 möglich, als Theodorakis als Parteiloser wieder mit der Kommunistischen Partei Griechenlands kooperierte. Da hob man in einigen sozialistischen Ländern, wie z.B. in der DDR, das Verdikt gegen ihn auf. Peter Zacher konnte dann 1980 die Aufführung des „Canto General“ im Palast der Republik bewirken und später durch seine Vernetzung mit der Musikwelt der DDR u.a. mit Persönlichkeiten wie Herbert Kegel, Kurt Masur, Udo Zimmermann sowie mit Institutionen wie den Dresdner Musikfestspielen, der Halleschen Philharmonie und dem Dresdner Kreuzchor weitere Aufführungen von Theodorakis-Werken initiieren. Auf Vermittlung von Peter Zacher kam es zu den Uraufführungen u.a. der Liturgie Nr. 2, der Frühlingssinfonie, der Sadduzäer-Passion und der 3. Sinfonie. Wenn Peter Zacher nicht gewesen wäre, hätte es das alles nicht gegeben. 1986 haben Peter Zacher und ich auch den Band mit Schriften, Essays und Interviews von Theodorakis gemeinsam übersetzt und bei Reclam herausgegeben. [Mikis Theodorakis, Meine Stellung in der Musikszene, erschienen 1986 in Reclams Universal-Bibliothek]

Jannis Ritsos Asteris Kutulas
Peter Zacher & Jannis Ritsos, Dresden 1984 (Photo © by Asteris Kutulas)

Kennengelernt hatte ich Peter Zacher 1976, als ich an der Dresdner Kreuzschule – heute heisst sie Kreuzgymnasium – Schüler war, weil zu dieser Schule seit dem 15. Jahrhundert auch der weltberühmte Kreuzchor gehörte, und Peter Zacher hat mit dem Kreuzchor zusammengearbeitet. Mit der Musik von Theodorakis war er Mitte der sechziger Jahre in Berührung gekommen, weil im nahen Radebeul seit dem Ende des griechischen Bürgerkriegs 1949 eine griechische Gemeinde existierte. Ab 1966 und bis in die 1970er Jahre betreute Peter Zacher an der TU Dresden (TUD) ein Ensemble junger Musiker, die zu den griechischen Emigranten gehörten, und diese hatten auch viele Theodorakis-Lieder im Repertoire.

In der Zeit, als Theodorakis in der DDR von offizieller Seite totgeschwiegen wurde, brachte 1975 ein junger Dresdner Grieche, Nikos Kasakis, das Theodorakis-Doppelalbum „Canto General“ aus Griechenland mit und lieh es Peter Zacher. Der war schon länger ein Bewunderer von Maria Farantouri, und als er dann den „Canto General“ hörte, verliebte er sich sofort auch in dieses Werk und wollte es unbedingt in die DDR holen. Von da an hat er das wieder und wieder versucht, bis dann schließlich 1980 Theodorakis zum ersten Mal nach Berlin-Ost kommen konnte und mit dem „Canto General“ im Palast der Republik sein erstes Konzert in der DDR gab. Bis dahin hatte es schon hunderte Theodorakis-Konzerte in der Bundesrepublik Deutschland gegeben. Jetzt begann sich auch in der DDR eine Fangemeinde zu bilden.

Bart Soethaert: Maria Farantouri, Heiner Vogt und der Rundfunkchor Berlin interpretierten an dem Abend im Rahmen des 10. Festivals des politischen Liedes die sieben bis dahin vorliegenden Sätze des Canto General. Bei dieser Gelegenheit lernten Sie, wie vorhin schon erwähnt, Mikis Theodorakis persönlich kennen. Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an diesen Abend zurückdenken, nach dem Theodorakis in der DDR dann wieder in aller Munde war? Was vermittelte der „Canto General“ im vollen Saal im Palast der Republik?

Asteris Kutulas: Der „Canto General“ offenbart einen unikalen melodischen Fingerabdruck; er zeugt von kompositorischer Größe und ist eines der schönsten Chorwerke des 20. Jahrhunderts. Hinzu kommt diese spanischsprachige, meisterhafte Poesie Nerudas! Kurz gesagt: An diesem Abend, im geteilten Berlin, in der DDR, in der es keine Reisefreiheit gab, aus der die meisten Bürger also nie rauskamen, atmete die Aufführung das, was hinter der Grenze lag: „Welt“. Dass Theodorakis‘ und Nerudas Werk – die Werke zweier utopischer Kommunisten – so im Palast der Republik zusammenkamen, das war für viele junge Menschen und Intellektuelle in der DDR ein Glücksfall sowie ein Zeichen der Hoffnung im Hinblick darauf, dass das Ideal eines humanistischen Kommunismus‘, also eines Ideals von Freiheit, Würde und Naturverbundenheit, zumindest gedacht und geträumt werden konnte.

Bart Soethaert: Es ist eine ironische Wendung der Rezeptionsgeschichte, dass Theodorakis erst 1980, am selben Abend im Palast der Republik, die Urkunde der Ehrenmitgliedschaft der Akademie der Künste der DDR – eine Ehrenmitgliedschaft, die ihm bereits 1968 zugesagt worden war – feierlich überreicht worden ist. Wie war es dazu gekommen, dass Theodorakis 1967-1970 in der DDR außerordentlich große Bekanntheit erlangt hatte?

Asteris Kutulas: Als sich im April 1967 in Griechenland das brutale Militärregime an die Macht putschte, musste Theodorakis in die Illegalität gehen; er wurde im August desselben Jahres verhaftet. Am 1. Juni 1967 trat ein Armeebefehl in Kraft, der das Hören, die Wiedergabe oder das Spielen von Theodorakis‘ Liedern und sogar den Besitz von Tonträgern mit Theodorakis-Liedern verbot.

International bekannte Persönlichkeiten wie z.B. Arthur Miller, Harry Belafonte und Dmitri Schostakowitsch gründeten ein Komitee und forderten seine Freilassung.

In der DDR hat sich Mitte November 1967 der Schriftsteller Hermann Kant mit einem Aufruf in der Zeitung Neues Deutschland an alle Kinder der Republik gewandt, Theodorakis auf Postkarten gemalte bunte Blumen zu schicken. Angela Merkel berichtete in einem Interview, dass auch sie damals eine Blume mit dem Aufruf „Freiheit für Theodorakis“ an das Gefängnis Averof in Athen geschickt hatte.

Der Druck der gewaltigen internationale Solidaritätswelle führte dazu, dass Theodorakis aus der Haft entlassen wurde und im April 1970 nach Paris ausreisen konnte.

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis, Athens 2010 (Photo by © Asteris Kutulas)

Bart Soethaert: Aus dem Dezember 1967 stammt auch das Sonderheft Mikis Theodorakis mit einer Auswahl von Gedichten von Giannis Ritsos in der deutschen Nachdichtung von Bernd Jentzsch und Klaus-Dieter Sommer und mit Liedtexten, inklusive Noten, von Theodorakis. Das Sonderheft erschien in einer Auflage von 50.000 Exemplaren in der ebenfalls 1967 gegründeten und sehr populären Lyrikreihe Poesiealbum beim Berliner Verlag Neues Leben, dem Verlag der DDR-Jugendorganisation „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ). Im Verlagsgutachten, das zusammen mit dem Manuskript zur Erlangung einer Druckgenehmigung bei der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im DDR-Ministerium für Kultur eingereicht wurde, begründete der Lektor Klaus-Dieter Sommer u.a., dass diese Sonderausgabe nicht nur „unsere Solidarität mit den griechischen Patrioten bekundet“, sondern insbesondere auch „Jugendlichen, vor allem den Singeklubs, ein gutes Material in die Hände gibt“, denn Theodorakis hat mit seinen „außerordentlich einprägsamen, leicht sangbaren Vertonungen“ und „volkstümlichen Kompositionen ein Beispiel dafür geschaffen, wie man mit Liedern, mit politischen Liedern, breite Schichten erreichen kann“. Was sagt aus Ihrer Sicht die Argumentation über den Versuch aus, den Komponisten zu vereinnahmen?

Asteris Kutulas: Es wird hier deutlich, dass Theodorakis’ Musik das Publikum der DDR in mehreren Wellen erreichte und dass die erste Popularitätswelle in der DDR (1967-1970) qualitativ differenzierter zu betrachten ist als die Situation ab 1980. Das Verlagsgutachten macht m.E. klar, wie in der ersten Welle die Aussage der Texte und der Freiheitsanspruch an zweiter Stelle standen und an erster Stelle die etwas unbeholfen als „volkstümliche Kompositionen“ bezeichneten Melodien. Diese – politisch bedingte – „einseitige“ Theodorakis-Rezeption war bereits der Vorbote dessen, dass die DDR-Staatsführung den Komponisten und seine Musik bereits zwei Jahre später schon wieder verboten hat.

Während Theodorakis‘ Lieder im Westen immer wieder zu Hits wurden und die Charts stürmten, wurde in sehr vielen sozialistischen Ländern seine Musik überhaupt nicht gespielt.

Wie vorhin ausgeführt, änderte sich das 1980. Die DDR-Politiker haben in den 80er Jahren zwar nicht direkt etwas für Theodorakis‘ Werk getan, aber sie haben es zumindest nicht mehr blockiert, denn die ideologische Haltung war etwas lockerer geworden. Außerdem haben sie stets versucht, Theodorakis’ Präsenz in der DDR propagandistisch für sich zu nutzen. Theodorakis war allerdings nur schwer zu vereinnahmen – das wussten die DDR-Oberen, und sie waren ihm gegenüber auch stets vorsichtig. Sie misstrauten ihm bis zum Schluss.

Hermann Axen war Mitglied des Politbüros der SED, galt als sehr gebildet, er sprach Französisch, war von den Nazis verfolgt worden, nach Paris geflohen, da hatte er mit Theodorakis einen Berührungspunkt, Paris als Exil; er lud im Januar 1989 Theodorakis zu einem Essen ein. Kaum hatte Mikis eine DDR-kritische Frage zur Inhaftierung von jugendlichen Demonstranten gestellt, fing Herr Axen über alles mögliche zu reden und hörte nicht mehr auf, bis das Treffen beendet war. Zu einem weiteren Treffen kam es nie mehr.

Es gab immer mehr Fans in der DDR, die Theodorakis sprechen wollten, die ihn im Konzert erleben wollten oder denen es teilweise Spaß machte, ihm eine Zigarre zu besorgen oder ihm Fotos zu schenken, Bilder, Grafiken, Texte etc. Das waren die Leute, für die Theodorakis in die DDR kam, diese jungen Leute, die sich dachten: „Die Gedanken sind frei …“ Und dann waren da noch die Leute, die sich aus kompositorisch-musikalischer Sicht für seine Werke begeisterten wie z.B. Günter Mayer, Udo Zimmermann und etliche andere. Dazu gehörte auch Konrad Wolf, der damals den Plan hatte, einen großen Film über die REVOLUTION zu machen auf der Grundlage des Soundtracks von „Canto General“. Es gab mehrere diesbezügliche Gespräche zwischen Theodorakis und Wolf, bei denen ich dolmetschte. Konrad Wolf ist früh gestorben. Das hätte ein interessanter Film werden können. Konrad Wolf war völlig klar, dass Mikis nichts mehr beweisen muss und dass diese Musik, diese Poesie, dieser Freigeist für viele vor allem Inspiration bedeutete, Hoffnung, Energie, und darauf kam es an.

Bart Soethaert: Während in Paris andere prominente Exilanten wie Melina Mercouri, Maria Farantouri und Costa-Gavras auf Theodorakis warteten, um mit ihm vereint den Kampf für Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit fortzuführen und es zwischen 1970 und 1974 allein schon in West-Europa hunderte von anti-diktatorischen Konzerten gab, wurde es in der DDR 1970 still um Theodorakis. Was war passiert?

Asteris Kutulas: 1970 war erstmal Schluss, weil Theodorakis sich öffentlich gegen den Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei aussprach und sich zum Euro-Kommunismus bekannte, der sich vom Moskauer Führungsanspruch lossagte und für die Kommunistischen Parteien in mehreren westeuropäischen Ländern politische und ideologische Selbstständigkeit beanspruchte.

1972 wurde Theodorakis in die Sowjetunion nach Jalta eingeladen, und dort hat Leonid Breschnew ihm angeboten – so erzählte mir Theodorakis –, der nächste Generalsekretär der Kommunistischen Partei Griechenlands zu werden. Theodorakis lehnte ab, weil er die Entscheidung darüber, wer die Führungsperson der griechischen KP sein wird, nicht in der Zuständigkeit des Moskauer Politbüros sah. Außerdem ist Theodorakis zu dieser Zeit nicht Mitglied der KP gewesen; er war aus der Partei ausgetreten. Innerhalb von Stunden musste Theodorakis in Jalta das Hotel wechseln und am Tag darauf die Sowjetunion verlassen.

Drei Jahre, nachdem in der DDR Paul Dessau den vorhin erwähnten Armeebefehl Nr. 13, der „die Wiedergabe oder das Spielen der Musik des Komponisten Mikis Theodorakis“ verbot, zu Ehren von Theodorakis für Sprecher, gemischten Chor und neun Instrumente musikalisch umgesetzt hatte, um in der Deutschen Demokratischen Republik diese Maßnahme des Militärregimes zu verdeutlichen, die u.a. das Ende der Freiheit der Musik bedeutete, wurde Theodorakis auch in der DDR zur persona non grata.

Das Interview mit Asteris Kutulas führte Bart Soethaert.

Weitere Quellen

Asteris Kutulas ist Autor, Filmemacher, Übersetzer, Musik- und Eventproduzent. Sein neuestes Werk Electra 21 feierte bei den 55. Internationalen Hofer Filmtagen am 30. Oktober 2021 Weltpremiere.

Bart Soethaert ist Neogräzist und Postdoc am Exzellenzcluster 2020 „Temporal Communities“ der Freien Universität Berlin. Derzeit erforscht er die Rezeption der Romane von Nikos Kazantzakis in globaler Perspektive (1946–1988).

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Nachtrag: Mikis Theodorakis zu Peter Zacher

„In Ost-Berlin lernte ich 1980 Peter Zacher aus Dresden kennen, der sich während der ganzen Zeit, als ich in der DDR verboten war, für mich und mein Werk und vor allem für den „Canto General“ eingesetzt hatte. Schließlich wurde der „Canto General“ 1980 in Berlin im „Palast der Republik“ aufgeführt. Das Konzert war so ein Riesenerfolg, dass ich danach gleich einen Auftrag für ein sinfonisches Werk bekam. So kehrte ich nach Paris zurück und legte los. Die „2. Sinfonie“ entstand. Sie basierte auf dem Material aus der Pariser Zeit der 50er Jahre. Ich brauchte nicht immer noch mehr und mehr zu schreiben, denn ich hatte bereits einen ganzen Koffer voll fertiger Sachen, so dass ich gar nicht wusste, was ich damit zuerst machen sollte; und so verarbeitete ich dieses Material u.a. in der „2. Sinfonie“. Sogar aus den 40er Jahren, als ich in den Verbannungslagern gewesen war, gab es noch genügend Material.“ (Mikis Theodorakis)

taz Interview mit Asteris Kutulas

Electra 21 – A Liquid Staging installation

Electra 21
Four movies. One Soundtrack. No happy end.

ELECTRA 21, a Liquid Staging show consisting of four films running synchronously to one soundtrack with the music of Mikis Theodorakis. In the center, the audience.

4 films, played simultaneously on
4 different screens that are
placed around the audience area

ELECTRA 21 – An immersive cinematic experience of the 21st century. 

Director’s Statement

For a long time, I’ve had a vision of combining the worlds of cinema, ballet and show – in a work of art for the 21st century. Hence the title ELECTRA 21. 

The Liquid Staging project, ELECTRA 21, consists of four films, played simultaneously on four different screens that are placed around the audience area, showing different dance scenes, rehearsals, and fantasies based on the Electra ballet performance by choreographer Renato Zanella.

The four films are played synchronously to the same musical recording of the Electra opera by Mikis Theodorakis.

This cinematic show installation moves away from the one-dimensional view of the 19th century and offers the audience the polydimensional perspective, which corresponds far better to the complexity of our epoch.

I was extraordinarily lucky to be able to use the phenomenal music of Mikis Theodorakis as the basis for ELECTRA 21, and to work with him personally on the soundtrack in July 2021. 

The music of Mikis Theodorakis, the gripping elemental choreography of Renato Zanella, the fantastic dance artistry of Sofia Pintzou, the mastery of the cinematographer James Chressanthis (ASC) and the artistic input of Achilleas Gatsopoulos and of all the other artists involved in this project, make our liquid staging production, ELECTRA 21, an impressive, highly emotional and innovative work.

Asteris Kutulas, October 2021

Electra 21 Asteris Kutulas

Electra, a timeless thriller by Sophocles.

The father sacrifices his eldest daughter for power and fame.  
Years later, his wife takes revenge and slays him.
Their children, Electra and Orestes, kill her to avenge their father.
A circle of hatred and destruction. No happy ending.

Electra 21, Asteris Kutulas

Mikis Theodorakis on Electra & Clytemnestra

Agamemnon kills his daughter Iphigenia: in doing so, he violates the law of universal harmony; Clytemnestra kills her husband Agamemnon in revenge: she also violates this law; their children Electra and Orestes ostensibly follow this law, but when they kill their mother Clytemnestra, this continues the act of tragic entanglement and begins a new cycle of criminal action.

Electra is a young girl, beautiful but lonely, a princess who has „married“ the shadow of her father Agamemnon, the daughter who loves her murdered father above all else. As a result, there is something magical about this character.

Electra hates her mother Clytemnestra, and this hatred is something unnatural.

Electra loves her father’s shadow, she loves her brother Orestes, the liberator, but she is also an example of harshness and bloodshed. Orestes has returned out of love for his sister and for his father, whom he wants to avenge; but by actually doing so, he himself becomes a victim.

But one must also understand Clytemnestra. She was a witness when her husband murdered Iphigenia, the youngest daughter. There is a lot of talk about Clytemnestra, but there is silence about Cassandra. Agamemnon is in Troy for ten years, waging war. And when he finally returns to Mycenae, he brings Cassandra with him to the palace as his mistress.

For me, Electra or Clytemnestra are not characters from a time two thousand years ago; rather, they represent our world, the torn world of today. The feelings that moved Elektra or Orestes have moved people at all times; their dramas are the same as those that take place today.

Mikis Theodorakis

Electra 21, Asteris Kutulas

ELECTRA 21 – A Liquid Staging audience experience

Presented are four simultaneously running films, all based on the same musical recording of the Electra opera by Mikis Theodorakis.

Precisely synchronized with this ELECTRA 21 music, the four films representing the following four levels (layers) of the complete work, ELECTRA 21, will be shown on four screens:

Screen 1: ballet film | the (cinematic) recorded ballet performance, ELECTRA, in the „Apollo“ theater in Ermoupolis on Syros

Screen 2: genesis of the ballet, rehearsals | recording of the rehearsals for this ballet performance at different locations in Austria and in Greece, with the dancers and the choreographer Renato Zanella

Screen 3: genesis of the text & associations | „fictional scenes“ with the people involved in this ballet production, combined with graphically designed insertions of the Sophocles text passages, each of which can be seen synchronously with the music feed

Screen 4: genesis of the music and the recording | Mikis Theodorakis conducts the musical recording of the opera, ELECTRA, in the studio in St. Petersburg, which was used as the basis for the Electra ballet performance. These film recordings are mixed with video clips of young conductors conducting the 22 scenes of the ELECTRA 21 soundtrack.

Electra 21, Asteris Kutulas
Different versions of built up of the 4 screens for the ELECTRA 21 show by Giorgos Kolios & Asteris Kutulas

Polymedial vision as a new show format for Cinema 2.0. ELECTRA 21 redefines the audience experience. Visitors can decide at any moment what they want to see and where to focus their attention. In the process, the viewer will always perceive more than one thing at once, and no two people see the same thing.

Electra 21, Asteris Kutulas
Electra 21 outdoor installation set in Chania, Crete

ELECTRA 21 CREDITS (INSTALLATION)

A Liquid Staging Installation by Asteris Kutulas on the Music by Mikis Theodorakis

Choreography by Renato Zanella  | Cinematography by James Chressanthis ASC, GSC | Art Direction by Achilleas Gatsopoulos | Music Production, Editing & Mastering by Alexandros Karozas | Scenography & Production by Georgios Kolios | Associated Producer Christopher Kikis | Co-Produced by Schott Music | Concept & Produced by Asteris & Ina Kutulas | Created & Directed by Asteris Kutulas

Featuring Sofia Pintzou,  Alexandra Gravilescu, Tamara Alves Dornelas Souza, Eltion Merja, Valentin Stoica, Florient Cador

Special appearance by Katherina Markowskaya, Maria Zlatani, Lefteris Veniadis, Phaidra Giannelou, Clément Nonciaux, Leandros Zotos, Ariadne Koutoulas

Special thanks to Peter Hanser-Strecker, Tim Dowdall, Rafaela Wilde, Thorsten Schaumann, Oliver Schulze & Frank Wunderatsch

World premiere: hof international film festival 2021

Electra 21 World Premiere

Dancing Medea (Interview mit Renato Zanella)

Interview mit dem Choreographen Renato Zanella zum Ballettfilm „Recycling Medea“

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RECYCLING MEDEA | Medea tötet ihre Söhne. Auf Euripides’ Theaterwerk beruht die Ballett-Story von der Ermordung zweier Kinder durch die eigene Mutter, die Musik stammt von Mikis Theodorakis, die Choreographie von Renato Zanella. Text, Musik und Tanz vereint in einem Film, der die Trostlosigkeit einer Gesellschaft reflektiert, die tagtäglich ihre Kinder zu denen gemacht hat, die zur Verlorenen Generation von heute gehören.

RECYCLING MEDEA | Liebe, Eifersucht, Mord. Verstörende Schönheit, rebellierende Jugendliche, Tanz und Musik. Ein Ballett-Film.

Recycling Medea Asteris Kutulas
Maria Kousouni as Medea (Photo © by Asteris Kutulas)

Asteris Kutulas: Renato, warum tötet Medea ihre eigenen Kinder?

Renato Zanella: Für Medea ist das der Schritt, den sie machen muss, um danach überhaupt noch weiterleben zu können. Dem voraus geht die Phase, da sie zu ihrem Mann sagt: „Verlass mich doch! Aber du hast Kinder. Du hast Kinder – du kannst mich nicht verlassen, wenn du Kinder hast.“ Für mich ist das eine Schlüssel-Szene: „Willst du frei sein?! Gut, dann verlierst du deine Kinder.“ Medea sieht das als die einzige Lösung für sich und ist der Überzeugung, so handeln zu müssen. Ich würde sagen, auf ihre Art war sie sehr konsequent. Ja, und dann hat sie das durchgezogen. Wie auch immer man das beurteilen mag …, sie hat das wegen des Mannes getan, der ihr alles bedeutete. Das Wichtigste in ihrem Leben drohte sie zu verlieren. Wie wir wissen, trifft Medea eine brutale Entscheidung: Sie wird diejenigen töten, die sie am meisten liebt – ihre eigenen Kinder. Aber sie sah darin die einzige Möglichkeit, seelisch zutiefst verwundet, am Leben bleiben zu können, jeden Tag konfrontiert mit der grausamen Demütigung, die ihr Mann ihr zufügte, der ihr sein Leben und seinen Erfolg zu verdanken hatte, seinerseits die Partnerschaft aber später beenden wollte.

Asteris Kutulas: Warum tötet sie nicht ihren Mann? Warum tötet sie ihre beiden Söhne?

Renato Zanella: Ja, das ist eine gute Frage … Ich glaube, die Rache ist wahrscheinlich das Einzige, was bleibt, wenn man so geliebt hat und so verletzt wurde. Ihren Mann umzubringen …, das wäre auch eine Lösung gewesen. Aber wahrscheinlich hätte das auch Medeas Ende bedeutet, vermutlich wäre dann auch sie gestorben. Medea wäre daran zugrunde gegangen, wenn dieser Mann nicht mehr existiert hätte. Sein Leben auszulöschen, zog sie wahrscheinlich gar nicht in Erwägung. Medea sah in Jason den Mann, der sein Leben lebt, aber mit einer anderen. Daher beschäftigte sie vielmehr die Frage: ‚Wie soll ich in dieser unerträglichen Situation weiterleben?’ Medea gebraucht das Wort „Rache“ recht häufig. Sie operiert damit. Sie findet, der Mann müsse büßen und sein ganzes Leben an diesem Schmerz leiden. So zumindest stellte sie auch sicher, dass er jeden Tag an sie denken würde. Und schließlich hat sie ihr Vorhaben dann in die Tat umgesetzt.

Ich wollte diese Tragödie in die heutige Zeit herüber holen, ich wollte, dass sich das in der Gegenwart abspielt, damit man sich mit diesen Fragen auseinander setzt: Wenn so etwas heute passiert – wie … warum geschieht das?

„Nein, das hab ich nicht getan.“

Würde man „Medea“ als ein Zuschauer sehen, der ein Stück aus weit zurückliegender Zeit anschaut, da ginge einem dieses und jenes durch den Kopf. Wie waren die Verhältnisse damals? Und so weiter und so fort. Aber wenn man das wahrnimmt als ein Geschehnis, das in der heutigen Zeit Brisanz hat, dann ist uns das viel näher, wir bekommen unmittelbar damit zu tun und reagieren unmittelbar darauf, weil es uns etwas angeht.

Heute bringen Mütter ihre Kinder um, und diese Mütter vergessen, blenden aus, verdrängen. Das ist eine unglaubliche psychologische Situation. Für eine Mutter ist es oft sehr schwer anzuerkennen, was sie getan hat. Vor der Tat gibt es keinen Zweifel mehr. Sie ist davon überzeugt: „Ich muss das tun. Ich weiß, ich muss das tun.“ Und nach der Tat kann sie sich an nichts mehr erinnern. Sie wird immer sagen: „Nein, das hab ich nicht getan.“

Asteris Kutulas: Was denkst du – hat Medea eine Wahl? Muss sie das wirklich tun? Muss sie ihre eigenen Kinder töten?

Renato Zanella: Sie hat keine Wahl. Für sie ist das, was Jason ihr anbietet, keine Alternative. Weiterzuleben ohne den Mann, den sie über alles liebt … das ist für sie unvorstellbar. Für Medea gibt es nur eine Lösung: „Dann muss ich jetzt so handeln.“ So hat Theodorakis Euripides’ Medea-Stoff aufgefasst. Für diese Frau war das die einzige Lösung, die sie sah. Dieser Mann bedeutete ihr alles. Sie hatte sogar einige Jahre zuvor für ihn getötet. Und dabei war Medea kein Killer, sondern sie war eine Prinzessin, die Tochter des Herrschers. Sie fühlte sich sehr hohen moralischen Werten verpflichtet. Sie war bestrebt, Leben zu retten. Und diese Frau trifft dann so eine Entscheidung.

Das war die „Storyline“ aus alter Antike. Die Verhältnisse waren damals so. Wenn man diese Geschichte jetzt aber herüberholt in die Gegenwart und sich damit auseinandersetzt, dann ist das ein hochaktuelles Thema.

Für mich war diese Erkenntnis sehr wichtig für meine Arbeit mit den Tänzern. Ich sagte mir: Ich muss von etwas „erzählen“, das konkret, das Teil unserer heutigen Realität ist, so dass man sich angesprochen fühlt, dass man von dieser Tragödie ergriffen wird und sich zu fragen beginnt: „War ich selbst schon einmal in so einer Situation? Hab ich selbst schon einmal jemanden so sehr gehasst, dass ich beinah auch so reagiert hätte?“ Ich wollte erreichen, dass man sich diese Frage stellt: „Wie wäre es mir ergangen? Wie hätte meine Entscheidung ausgesehen?“

Für mich waren dieser Mythos und dessen musikalische Umsetzung viel mehr als eine dramatische Geschichte, die man erzählt bekommt und wo man sich sagt: Okay, das und das hat Euripides sich einfallen lassen und so und so hat Theodorakis das musikalisch verarbeitet. Ich habe mich gefragt, wie ich mit meinen künstlerischen Mitteln, mit den Ausdrucksmitteln des Tanzes erreichen kann, dass das Publikum an diesen Punkt kommt, sich diese Frage zu stellen: „Wie hätte ich mich verhalten? Was hätte ich getan in so einer Situation?“ Das macht diese Sache so lebendig, so hochaktuell, so real.

Recycling Medea Mikis Theodorakis Asteris Kutulas Renato Zanella
Renato Zanella & Mikis Theodorakis, Athens 2011 (Photo © by Asteris Kutulas)

Asteris Kutulas: Diese Musik … der Tanz … Euripides, die Antike, die Moderne … Wie bringst du das alles zusammen?

Dancing Medea: Emotion und Minimalismus

Renato Zanella: Es war eigentlich eher die Frage, wie diese Welt der Kunst und das Publikum zusammenkommen. Als Choreograph stehen mir mein Können und mein Fachwissen zur Verfügung, aber auch das, was mich innerlich bewegt, meine Gefühle – eine breite Palette an Möglichkeiten, mit denen ich arbeiten kann, um meine künstlerische Vision sichtbar werden zu lassen.
In diesem Ballett steckt ungeheuer viel, und gleichzeitig gibt es da auch den Minimalismus.

Es ist ja nicht einfach eine Art musikalische Untermalung oder Begleitung, was man da hört. Es ist eine Oper. Ein sehr reiches melodisches Material. Hochdramatisch. Da sind die Bewegungen ab und zu dann sehr minimal. In solchen Augenblicken ist die Singstimme das Wichtigste, und die Aufmerksamkeit gilt vor allem ihr. In anderen Momenten ist es so, als laufe die Musik im Hintergrund und als erzeuge sie dadurch eine bestimmte Stimmung, eine spannungsvolle Situation, in der sich der Konflikt entspinnt. Und an wieder anderen Stellen ist die Choreographie zum Beispiel exakt auf das Wort abgestimmt, und der Text tritt in den Vordergrund.

Asteris Kutulas: Warum dieser Stoff? Was und wen wolltest du erreichen mit diesem Ballett?

Renato Zanella: Ich fühlte bei der Arbeit eine enorme Freiheit. Wie jemand, der ein Buch liest, das ihn begeistert, und der die Handlung vor dem inneren Augen ablaufen sieht, der sich also beim Lesen seine eigene Vorstellung vom Geschehen macht. Ich sah in diesem Mythos etwas ungeheuer Aktuelles. Das wollte ich den Menschen nahe bringen. Ich kann ganz sicher die Theatergeschichte nicht umschreiben.

Ein mythologischer Stoff wird immer als ein solcher wahrgenommen werden. Es wird immer wieder so sein, dass man seinen Blick auf die Vergangenheit richtet, wenn man es mit solch einem Material zu tun hat. Trotzdem – das war in diesem Fall nicht mein Anliegen. Ich habe versucht, das zusammenzubringen, eine Überleitung zu schaffen, also etwas weit Zurückliegendes in die Gegenwart zu holen … oder es sich in der Gegenwart offenbaren zu lassen. Ich glaube, man muss heute außerdem wieder den Mut haben, sich diese Freiheit zu nehmen: sich nicht ewig zu fragen und vornehmlich damit zu beschäftigen, wie, in welcher Art und Weise man ein Thema am idealsten umsetzt, sondern es vor allem endlich zu tun.

Asteris Kutulas: Ausgangspunkt deiner Arbeit ist natürlich die Musik. In diesem Falle die Opernmusik von Mikis Theodorakis zu „Medea“.

Renato Zanella: Theodorakis’ musikalische Vorlage ist sensationell. Die Ouvertüre zum Beispiel, die ich gewählt habe – die hat etwas sehr Hymnisches, sie trägt die Dimension von etwas Unermesslichem, Unerreichbarem in sich, die Dimension des Unendlichen. Als entfalte sich ein Universum, ein Himmel voller Sterne. Und dann plötzlich diese Rhythmen, diese ethnischen Motive, dieses Erdennahe, Akzentuierte, Metrische, das uns Zeit und Raum ermessen, erfahren, erleben lässt. Das empfindet man als Tänzer extrem stark. Der Körper bewegt sich wie von allein. Dieses Werk ist enorm poetisch. Gigantisch – dieser Theodorakis. Seine Musik gestattet einem alle Freiheiten, derer man bedarf, um dieses Material zu ergreifen, damit zu arbeiten, die Botschaft, die es enthält, zu entschlüsseln und zu überbringen. Ich weiß nicht mehr, wie viele Stunden ich diese Musik gehört habe, aber jedes Mal hat sie mich erreicht. Sie hat etwas transportiert, in mir ausgelöst und mich mitgerissen.

Diese Komposition gab mir „grünes Licht“, ich fühlte mich frei genug, in jede Richtung gehen zu können, die ich einschlagen wollte. Ich habe den Impuls bekommen und wusste: Das muss gemacht werden.

Recycling Dancing Medea Asteris Kutulas
Maria Kousouni & Mikis Theodorakis, Athens 2011 (Photo © by Asteris Kutulas)

Asteris Kutulas: Und jenseits der Musik? Wie ist es zu diesem „leeren“ Bühnenraum gekommen?

Renato Zanella: Manche Mittel habe ich bewusst sparsam eingesetzt. Das Boot auf der Bühne zum Beispiel. Das haben wir auf einem Müllplatz gefunden. Für mich war das symbolisch. Und zugleich war das Boot selbst ein Symbol. Ebenso der leere Raum. Wo sich eine Wüste ausbreiten könnte, Niemandsland, das Nichts, ein riesiger Freiraum.

Wir fangen bei Null an, und das, was zunächst aufsteigt und anwächst, das sind vor allem die Emotionen und die Beziehungen, die sich ergeben zwischen der Musik und den Tänzern. Zwischen der Musik und der Geschichte. Zwischen den Tänzern und der Geschichte. Zwischen Vergangenheit und Heute. Das war für mich wirklich faszinierend. Mich hat das sehr begeistert. Ich hoffe, dass das Werk das Publikum erreicht … Es braucht nur einen einzigen Moment, da etwas die Zuschauer berührt, und sie fühlen sich auf einmal als ein Teil dieses Stücks und denken: „Das könnte mir auch passieren. Auch ich könnte Medea oder Jason oder Glauke sein. Ohhh, ich versteh das, ja!“ Wenn das passiert, hab ich als Choreograph das Ziel erreicht.

Asteris Kutulas, Syros 2011

Recycling Medea – Not an Opera Ballet Film

A film by Asteris Kutulas | Music by Mikis Theodorakis | Choreography by Renato Zanella | Written by Asteris & Ina Kutulas | With Maria Kousouni as Medea 

Recycling Medea – Film-Rezensionen & Kritiken

 

Electra 21 Greek Premiere

Announcement by the Municipality Chania, the Goethe Institute & the Chania Culture KAM

ELECTRA 21 Greek Premiere: Liquid Staging Installation to the music of Mikis Theodorakis – Chania 10th and 11th December

This Liquid Staging Installation by Asteris Kutulas to the music of Mikis Theodorakis is an absolutely new kind of live experience!

WHEN: 10th and 11th December
WHERE: Mikis Theodorakis Theatre, Venetian Harbour, Chania

With Jannis Papatzanis live on percussion

The Liquid Staging experience of ELECTRA 21 consists of the overall experience of the music, four documentaries running simultaneously and an installation. The audience decides for itself: Visitors can direct their attention in each case to whatever captivates them at the moment. In doing so, everyone perceives more than one thing at the same time.

This Liquid Staging show installation moves away from the one-dimensional seeing of the 19th century and offers the audience the polydimensional seeing, which corresponds much more to the complexity of our epoch. A new kind of live experience.

Electra, a timeless thriller. The father sacrifices the eldest daughter for power and fame. His wife slays him for it years later. Their children Electra and Orest kill her to avenge the father. A circle of hatred and destruction. No happy ending.

Electra 21 Liquid Staging by Asteris Kutulas

ELECTRA 21 | A musical recording, a ballet performance, a film production, a liquid staging installation

Credits ELECTRA 21 installation

Music by Mikis Theodorakis
Choreography by Renato Zanella | Electra: Sofia Pintzou
Cinematography by James Chressanthis ASC, GSC
Art Direction by Achilleas Gatsopoulos
Music Production, Editing & Mastering by Alexandros Karozas
Scenography by Georgios Kolios
Concept by Asteris & Ina Kutulas
Created & Directed by Asteris Kutulas

Electra 21 Liquid Staging by Asteris Kutulas

On the music of Mikis Theodorakis
„In general, Theodorakis understands the meaning and concept of setting to music differently from most opera composers: the text does not consist in an alternation of recitatives and arias, but in a classification of almost every vocal part into a continuous melismatic fabric, which is of course interrupted by choral parts and some orchestra introductions. Theodorakis sets to music by literally painting characters, emotions, situations, even contents with sounds.“ (Ilias Giannopoulos)

The ELECTRA storyline
The story begins early in the morning (where we experience Electra bemoaning her fate) and ends the same evening with Clytemnestra’s and Aigisthos‘ death, murdered by Orestes and his cousin Pylades. 

Shortly after sunrise two strange men appear (but in fact it is Orestes and Pylades who have disguised themselves) and inform Queen Clytemnestra that her son Orestes has died in exile in a chariot race. Clytemnestra, who together with her lover Aigisthos has killed her husband Agamemnon and therefore fears that her son Orestes, although he fled years ago, could still be dangerous to her, is delighted to learn of his death. Now Clytemnestra sends a messenger to invite the two men to the palace to celebrate this positive news in the evening. When her daughter Electra learns of her brother Orestes‘ fatal accident, she tries in vain to persuade her sister Chrysothemis to revenge their father’s death. Electra is convinced that the mother and her lover must finally die, because they murdered Agamemnon and thus took from the children their father. Now believing that Orestes has been killed in an accident, Electra and Chrysothemis, the two daughters, are to carry out the act of revenge. The „strangers“, Orestes and Pylades, reveal their true identity to Electra, whereupon she instigates her brother to murder Clytemnestra. Orestes finally enters the palace, kills Clytemnestra and then, when he appears, her lover, Aigisthos.

Electra 21 Liquid Staging by Asteris Kutulas

Film Credits (4 movies)

Music by Mikis Theodorakis | Ballet Choreography by Renato Zanella | Cinematography by James Chressanthis ASC, GSC | Editing by Yannis Sakaridis, Asteris Kutulas & Stella Kalafati | Music Editing & Mastering by Alexandros Karozas | Art Direction by Achilleas Gatsopoulos | Cameras by Vasilios Sfinarolakis, Mike Geranios, Zoe Chressanthis, Hara Kolaiti, Dionissia Kopana, Stella Kalafati, Asteris Kutulas | Additional filming with Katherina Markowskaya by Sarah Scherer | Sound by Klaus Salge | Assistance to James Chressanthis by Hara Kolaiti | Still photography by Robin Becker | Production Management by Vassilis Dimitriadis | Associated Producer Christopher Kikis

Written & produced by Asteris & Ina Kutulas | Directed by Asteris Kutulas

Music Edition by Schott Music | Special thanks to Peter Hanser-Strecker & Margarita Theodorakis

Cameras provided by Alternative Digital Cinema, Los Angeles & Canon, USA | Special thanks to Joe Lomba & Tim Smith

Soundtrack with kind permission of Mikis Theodorakis & SCHOTT MUSIC, Mainz

Special thanks for the support to the  Strecker-Stiftung, Frank Wunderatsch, Internationale Hofer Filmtage, Rafaela Wilde, Dimitris Koutoulas, Tim Dowdall, Gerd Helinski, Rena Parmenidou, Jörg Krause, Christian Jansen, Nana Trandou, Nikos Vlachakis, Jan Perray, Oliver Schulze, Lefteris Veniadis, Alexander Kutulas, Rafika Chawish, Hofer Filmtage Team & Thorsten Schaumann

Liquid Staging Top Story (pma Magazin)

taz Interview mit Asteris Kutulas

„Es war ein Akt des Widerstands“ – taz Interview mit Asteris Kutulas, befragt von Marina Mai

taz: „Begriffe ohne Anschauung sind leer. Anschauungen ohne Begriffe sind blind“, Asteris, was sagt Dir dieses Zitat heute?

Asteris Kutulas: Darüber könnte ich eine ganze Vorlesung halten. Aber als erstes denke ich da an die „Frage“, die der Roman „Zorbas“ von Nikos Kazantzakis stellt: Was ist wichtiger im Leben: Das Buch oder der Tanz?

taz: Der Satz stammt aus der Erkenntnistheorie des Philosophen Immanuel Kant. Wir haben in den 1980er Jahren gemeinsam in Leipzig Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie gehört. Weil wir uns in Studienzeiten kennengelernt haben, möchte ich dich im taz-Interview duzen. Du hast, so finde ich, damals die Symbiose von begrifflichem und anschaulichem Denken, die Kant für die Philosophie vollzogen hat, gelebt: In Lehrveranstaltungen bist Du gern über Metaebenen geklettert. Nebenher hast Du Künstler von Weltruhm aus dem Griechischen übersetzt, beispielsweise die Lyriker Jannis Ritsos, Giorgos Seferis und Odysseas Elytis, aber auch Texte des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis. Du hast Dich dann später beruflich für das Anschauliche entschieden, Du bist Künstler und Produzent geworden. Hast Du auch einmal mit einer wissenschaftlichen Laufbahn geliebäugelt?

Asteris Kutulas: Das wäre für mich sicherlich spannend gewesen. Aber ich bin schon als Student in den Sog der Lyrik und Musik geraten. Persönlichkeiten wie Jannis Ritsos, Mikis Theodorakis und später der Lichtkünstler Gert Hof haben mich 40 Jahre lang geprägt. Ich habe in einer Welt gelebt, die voll von Literatur, Musik, Kunst, Film, Politik, Geschichte und Philosophie war. Diese Welt wollte ich niemals verlassen. Das war und ist mein Leben.   

Ich habe aber gerade angefangen, eine Dissertation zu schreiben. Darin geht es um meine „Liquid Staging“ Ästhetik, die sich mit der „Verräumlichung des Films“ als Basis für neue Show-Formate im 21. Jahrhundert auseinandersetzt.

taz Interview Asteris Kutulas Liquid Staging Theodorakis Gert Hof

taz: Was ich als Studentin nicht wusste: Du wurdest in Rumänien geboren. Wie hat es Deine Eltern dorthin verschlagen?

Asteris Kutulas: In Griechenland tobte nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen 1945 und 1949 ein schrecklicher und blutiger Bürgerkrieg. Die „linken Partisanen“ verloren diesen Krieg, und etwa 60.000 von ihnen, darunter auch mein Vater und die Familie meiner Mutter, flohen über die albanische, die jugoslawische und bulgarische Grenze in die sozialistischen Staaten. Ihr Schicksal wurde besiegelt durch Entscheidungen, die fernab ihrer Heimat getroffen wurden – von Menschen, die sie nur dem Namen nach kannten: Churchill, Stalin, Truman, Tito. So landeten unsere Eltern in der „kommunistischen Diaspora“, irgendwo in Osteuropa, in fernen, ihnen unbekannten Dörfern oder Städten mit für sie exotischen Namen: Radebeul, Bratislava, Taschkent, Zgorzelec. Meine Eltern trafen sich in der rumänischen Stadt Oradea, nahe der ungarischen Grenze. Dort kam ich 1960 in einem Flüchtlingslager zur Welt. Ein paar Jahre später zog meine Familie nach Bukarest, als mein Vater Redakteur bei Neos Kosmos wurde, der theoretischen Zeitschrift der Kommunistischen Partei Griechenlands.

taz: Und unter welchen Umständen kam Deine Familie dann 1968 in die DDR?

Asteris Kutulas: Sitz der Parteiführung der seit 1946 in Griechenland verbotenen Kommunistischen Partei war Bukarest. 1968 gab es eine Spaltung der KPG. Mein Vater gehörte zu der moskautreuen Fraktion, und die wurde von Rumäniens Staatschef Nicolae Ceausescu ausgewiesen – das war eine völlig bizarre und surreale Situation. Die „moskautreuen“ sozialistischen Länder beschlossen daraufhin, den Sitz der Zeitschrift-Redaktion, bei der mein Vater arbeitete, nach Dresden zu verlegen. So zog meine Familie im Sommer 1968 ins „Tal der Ahnungslosen“, wie Dresden damals genannt wurde, weil es die einzige Stadt in der DDR war, in der Westfernsehen nicht empfangen werden konnte.

taz: Als Du in Dresden eingeschult wurdest, warst Du vermutlich der einzige Schüler mit Migrationsgeschichte …

Nein, es gab seit 1950 in Dresden, vor allem in Radebeul, eine große Gemeinde von ca. 600 griechischen Bürgerkriegs-ExilantInnen. Es gab griechischen Sprachunterricht an einzelnen Schulen. Wir haben griechische Feste gefeiert. Richtig ist, dass es darüber hinaus damals noch keine weiteren Zuwanderer und Zuwanderinnen gab. Die ChilenInnen und die VertragsarbeiterInnen kamen später. 

taz: Hast Du Rassismus erlebt?

Asteris Kutulas: Überhaupt nicht.

taz: Du hast in der DDR mit einer griechischen Staatsbürgerschaft gelebt …

Asteris Kutulas: Die habe ich erst 1978 erhalten, vier Jahre nach dem Sturz der Militärdiktatur. Vorher hatte ich nur einen Fremdenpass, war staatenlos. Ab 1975 durfte ich einmal pro Jahr meine Heimat besuchen …

taz: Du sprichst von Griechenland als Deiner Heimat? Du warst doch vor 1975 niemals dort …

Asteris Kutulas: Bei uns zu Hause wurde nur Griechisch gesprochen, griechische Musik gehört – vor allem Theodorakis –, es wurden griechische Bücher gelesen. „Heimat“ bedeutete für mich wie für viele andere Diaspora-Griechen zwei Dinge: die griechische Sprache und die griechische Kultur. In den sechziger Jahren stießen wir zu Silvester stets mit dem Spruch an: „Und nächstes Jahr in der Heimat!“

Bis zum Sturz der Junta 1974 durften wir ja nicht in Griechenland einreisen. Ich habe bis heute nur einen griechischen Pass, obwohl ich seit den siebziger Jahren in diesem Dualismus lebe – zwischen meinem deutschen Geist und meiner griechischen Seele.

taz: Warum bist Du eigentlich nie nach Griechenland gezogen?

Asteris Kutulas: Das stimmt so nicht. Wir haben von 1992 bis 1996 in Athen gelebt, immerhin vier Jahre. Dann zogen wir wieder zurück nach Berlin.

Aber es war eigentlich der Plan, nach meinem Studium 1985 nach Griechenland zu ziehen. Aber 1983 lernte ich Ina kennen, die Liebe meines Lebens. So blieb ich bei ihr in der DDR. Wir fuhren allerdings jeden Sommer für vier Wochen nach Griechenland. Tatsächlich haben wir uns seit Ende 1988 aus politischen Gründen mit dem Gedanken befasst, nach Athen umzuziehen. Die Wende kam dazwischen.

taz: Welche Vor- und Nachteile hatte es in der DDR, mit der griechischen Staatsangehörigkeit zu leben?

Asteris Kutulas: Die Möglichkeit, nach Griechenland zu reisen, war schon ein fundamentaler Vorteil. Später durfte ich auch auf Einladung hin auf Lesereise gehen, um meine Bücher, die in Luxemburg oder in der BRD erschienen, im Westen vorzustellen. Ich muss aber sagen, dass die West-Reisen in meinem Umfeld nicht so ins Gewicht fielen: Meine Gymnasialzeit zwischen 1975 und 1979 verbrachte ich an der Dresdner Kreuzschule. Die Hälfte der Jungen in meiner Klasse sang im Kreuzchor und war auf Konzertreisen im Westen unterwegs. In den achtziger Jahren durften dann auch immer mehr DDR-Künstlerkollegen in den Westen, um bei den Eröffnungsveranstaltungen der Ausstellungen mit ihren Werken und bei den Premieren ihrer Theaterstücke dabei zu sein oder eben Lesungen zu machen.

Und Nachteile als Grieche in Dresden? Mir fällt kein Nachteil ein. Es war eine für mich inspirierende und sehr spannende Zeit.

taz: Ein Vorteil war sicher auch, dass Dir als Grieche der Militärdienst in der NVA erspart blieb …

Asteris Kutulas: Da ich nie die deutsche Staatsangehörigkeit hatte, tangierte mich dieses Thema zu keiner Zeit. Allerdings tat ich alles, um einer Einberufung in die damals sehr faschistisch geprägte griechische Armee zu entgehen. 

taz Interview Asteris Kutulas Liquid Staging Theodorakis Gert Hof

taz: Kulturell hast Du Dich schon damals als Vermittler zwischen beiden Kulturen engagiert. Dafür stehen nicht nur Deine Nachdichtungen bedeutender griechischer Autoren. Ich erinnere mich auch an Deine Veranstaltungen zum „Canto General“ von Pablo Neruda und Theodorakis im Leipziger Studentenclub Moritzbastei. Warum war es Dir wichtig, griechische Kultur in der DDR bekannt zu machen?

Asteris Kutulas: Der Zufall wollte es, dass ich 1980 drei Persönlichkeiten kennenlernte, die mit ihrer zutiefst humanistischen Haltung mein Leben prägten: durch sein Poem „Canto General“ den bereits verstorbenen chilenischen Dichter Pablo Neruda sowie Mikis Theodorakis und Jannis Ritsos, denen ich 1980 erstmals auch real begegnete. Ihnen gemeinsam war, dass sie einen utopischen Kommunismus vertraten, dessen Mittelpunkt die absolute Freiheit des Einzelnen in einer basisdemokratischen Gesellschaft war. Das deckte sich damals mit meinem Ideal und stand damit im Gegensatz zur sozialistischen Staatsdoktrin der DDR, die ein diktatorisches und kleinbürgerliches System aufgebaut hatte. Auch das hat mich veranlasst, ihre Kunst in der DDR bekanntzumachen. Das mag heute etwas schräg klingen, war aber damals für mich so etwas wie ein Akt des Widerstands.

taz: Gab es eigentlich politische Grenzen, die Dir in der DDR gesteckt wurden, Grenzen, die Du nicht überschreiten konntest?

Asteris Kutulas: (überlegt) Als ich als Schüler 1976 von einer Griechenlandreise in die DDR zurückfuhr, wurde mir bei einer Grenzkontrolle aus meinem Reisegepäck das Buch „Der Archipel Gulag“ des sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn abgenommen. Ich habe nicht eingesehen, warum diese DDR-Polizeibeamten das Recht hatten, zu entscheiden, was ich lesen durfte und was nicht.

Ab 1987 habe ich gemeinsam mit meiner Frau Ina Kutulas die Buchreihe „Bizarre Städte“ im Selbstverlag herausgegeben. Wir durften nach DDR-Recht maximal 100 Exemplare pro Buch drucken. Immerhin schafften wir uns dadurch eine eigene kleine Öffentlichkeit, da es keine große gab. Aber selbst diese kleinen „Öffentlichkeiten“, derer es in der DDR einige gab, versuchte die Stasi zu kontrollieren und in ihrem Sinn zu beeinflussen. Ein beliebtes Mittel war es, über jeden das Gerücht zu streuen, er sei Mitarbeiter der Stasi. Wir haben schließlich beschlossen, uns davon nicht beeinflussen zu lassen.

Die Situation war allerdings 1987 schon „liberaler“ als Jahre zuvor. Es gab Zugeständnisse der Staatsmacht an Intellektuelle – auch wegen Gorbatschows Perestroika-Politik und weil bereits sehr viele aus der DDR ausgereist waren.

taz: Kommen wir zurück auf Mikis Theodorakis. Du warst ihm in mehrfacher Hinsicht ein Begleiter: als sein Dolmetscher, sein Manager, Produzent, sein Freund, Du hast sein Werkverzeichnis herausgegeben. Wann bist Du ihm zum ersten Mal persönlich begegnet?

Asteris Kutulas: 1980 in Berlin. Im Palast der Republik wurde sein „Canto General“ aufgeführt. Es war sein erster Besuch in der DDR, und ich war Dolmetscher von Maria Farantouri, der Interpretin des Werkes. Ein Jahr später wurde ich sein Dolmetscher und ab da war ich auch in allen organisatorischen und künstlerischen Belangen dutzender Konzerte und Tourneen involviert. Ab 1987 habe ich zusammen mit Mikis viele künstlerische Konzepte entwickelt und umgesetzt. Ab 2010 haben wir dann als „Künstler-Kollegen“ zusammengearbeitet, was für mich der Höhepunkt dieser Beziehung darstellte. Ich begann als Regisseur und Autor (zusammen mit Ina) meine Film-Tetralogie zu produzieren und parallel dazu mit dem Choreographen Renato Zanella – auf der Grundlage der gleichnamigen Opern-Musik von Mikis – an den Ballett-Filmen „Medea“ (2011), „Electra“ (2018) und „Antigone“ (2022) zu arbeiten.

taz: Wäre es übertrieben zu sagen, dass Mikis Theodorakis DIE prägende Erfahrung Deines Lebens wurde?

Asteris Kutulas: So ist es. Hättest Du mir die Frage in den 1980ern gestellt, hätte ich wahrscheinlich Jannis Ritsos genannt, der für mich ein Seelenverwandter war. Aber Mikis Theodorakis hat mich 40 Jahre lang mit seinem anarchischen Geist und seinem kompromisslosen Künstlertum inspiriert und tief geprägt. Ich fühle mich gesegnet, mit ihm bei so vielen Projekten zusammengearbeitet zu haben. In den letzten 15 Jahren sind wir uns als Künstler begegnet, wir haben gemeinsam Ballette, Filme und Installationsprojekte entwickelt und vieles davon umgesetzt.

ELECTRA 21

Noch im Juli, also sechs Wochen vor seinem Tod, habe ich mit Mikis an „Electra 21“ gearbeitet, einem neuen „Liquid Staging“ Show-Format für das 21. Jahrhundert, in dem vier Filme, die auf derselben Musik synchronisiert wurden, parallel laufen und so ein polydimensionales Sehen ermöglichen. Weltpremiere von „Electra 21“ wird am 30.10.2021 bei den 55. Internationalen Hofer Filmtagen sein. Mikis hatte im Juli vorausgesagt, dass er die Uraufführung nicht mehr erleben würde und hatte sich mit den Worten von mir verabschiedet: „Ich werde den besten Platz haben und Euch von oben zusehen.“

taz: In der DDR war Mikis Theodorakis in den 1970er Jahren verboten. In den 1980er Jahren fanden dort hingegen mehrere Welturaufführungen seiner Werke statt. Einige wurden auch auf Tonträger produziert und international vertrieben. Welches Verhältnis hatte er zur DDR?

Asteris Kutulas: Seine „Karriere“ in der DDR hat Mikis dem Engagement des Musikkritikers Peter Zacher zu verdanken. Dieser hatte seit 1975 versucht, den Canto General in der DDR aufführen zu lassen und hatte 1980 endlich damit Erfolg. Durch sein Netzwerk innerhalb der Musikszene zu Institutionen wie die Dresdner Philharmoniker, die Hallesche Philharmonie, das Orchester der Komischen Oper Berlin sowie zu Dirigenten wie Kurt Masur und Herbert Kegel kamen in der DDR die Uraufführungen der 2., 3. und 7. Sinfonie, der Sadduzäer-Passion oder die Liturgie Nr. 2 für den Dresdner Kreuzchor zustande.

Mikis Theodorakis hatte ein ambivalentes Verhältnis zur DDR. Als wir 1981 im Café des Gewandhauses in Leipzig saßen, fragte er mich auf den Kopf zu: „Asteris, wie kannst Du in diesem Land leben?“ Ich war völlig überrascht, und er sagte: „Ich wäre hier entweder im Gefängnis oder tot.“

Auf der anderen Seite liebte Mikis das großartige Publikum in der DDR. Und er schätzte es sehr, mit den fantastischen Orchestern, Solisten und Dirigenten in der DDR zusammenzuarbeiten.

taz Interview Asteris Kutulas, Gert Hof, Mikis Theodorakis, Liquid Staging

taz: Ein ganz anders Thema: Du hast 2003 für den späteren US-Präsidenten Donald Trump ein Lichtkunstevent in Atlantic City produziert. Wie kam es dazu?

Das Licht, Albert Speer und Donald Trump

Asteris Kutulas: Ich habe ab 1999 mit dem Licht-Architekten Gert Hof ein heute etabliertes, aber damals völlig neues Show-Format erfunden, die Outdoor-Lichtshow. Entertainment durch Lichtarchitektur am Himmel oder „Art in Heaven“ wie wir es nannten. Gert Hof war der Künstler, ich der Produzent. Die erste Show machten wir zur Millenniumsfeier an der Berliner Siegessäule mit Mike Oldfield und der Staatskapelle St. Petersburg auf der Bühne.

taz: Ich erinnere mich. Es gab damals Kritik wegen Ähnlichkeiten zu Albert Speer.

Asteris Kutulas: Aber nur im Vorfeld! Nach unserem Event hat das überhaupt keine Rolle gespielt. Das zeigt auch, wie dumm diese „Sorge“ war.

taz: So abwegig ist der Vergleich nicht: Eine Massenveranstaltung mit Licht ausgerechnet an der Siegessäule. Auch wenn ich Dir nicht unterstelle, ein Anhänger von Albert Speer zu sein, der Vergleich liegt nahe.

Asteris Kutulas: Weil Herr Speer etwas benutzt hat, darf man es die nächsten tausend Jahre nicht mehr benutzen? Warum sollen wir den Nazis die Kunst-Form LICHT schenken?

Die deutschen Lyriker sind auch nicht der „Aufforderung“ von Theodor W. Adorno gefolgt „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, sondern haben gesagt, „wir glauben, dass Gedichte überhaupt erst jetzt wieder möglich sind …“. Hinzu kommt, dass Gert seine Idee von der Licht-Architektur am Himmel von den Bauhaus-Pionieren übernommen hatte – er war ein absoluter Bauhaus-Fan und hatte sich u.a. vom Metropolis-Film zu seiner Lichtarchitektur inspirieren lassen.

Wir haben mit unseren Events das Medium LICHT den Nazis weggenommen und es der Kunst und der Menschheit wieder geschenkt. Wie erfolgreich wir darin waren, siehst Du daran, dass inzwischen die „Strahlen-Ästhetik“ von Gert Hof in jeder Fernsehsendung und in jedem Pop/Rock-Konzert zu sehen ist.

Asteris Kutulas, Gert Hof
Berlin Millennium Event 1999/2000 (photo © by Sabine Wenzel)

taz: Aber wie kam es zu dem Auftritt bei Donald Trump?

Asteris Kutulas: Wir hatten durch unser neues Show-Format eine neue Art von Entertainment für Hunderttausende von Menschen geschaffen. Die PR-Verantwortliche der Trump Organization hatte von unseren Lichtshows in Berlin, Athen, Peking und an vielen anderen Orten gehört und fragten uns an. Wir haben in Atlantic City eine ganze Woche jeden Abend eine Mega-Lichtshow für die ganze Stadt auf Bruce Springsteen Musik gemacht und damit mehrere Trump-Ressorts miteinander verbunden. Die Amis sind total darauf abgefahren.

taz: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Trump?

Asteris Kutulas: Die gab es mit ihm persönlich gar nicht. Er kam mit seinem Hubschrauber aus New York geflogen, war ziemlich beeindruckt von dem Ganzen und hat sich sehr amüsiert. Damals war Trump auch mehr ein Entertainer und politisch noch nicht in Erscheinung getreten. Und er mischte sich überhaupt nicht künstlerisch ein – er akzeptierte Gert als jemanden, der wusste, was er tat. Ich hatte das Gefühl, dass er das gut fand. Die Zusammenarbeit mit seinem Büro lief professionell ab, obwohl sie mit sehr harten Bandagen verhandelt haben. Das war diesbezüglich eine meiner schwierigsten Produktionen.

Asteris Kutulas Gert Hof Atlantic City
Atlantic City Trump Taj Mahal Event, directed by Gert Hof & produced by Asteris Kutulas, 2003 (photo © by Sabine Wenzel)

taz: Als Wahlberliner bringst Du regelmäßig griechische Kultur nach Berlin, beispielsweise bei dem alljährlichen Filmfestival „Hellas Filmbox Berlin“ im Babylon. Wo ist Deine Kunst demnächst zu sehen?

Dance Fight Love Die, Liquid Staging & andere Projekte

Asteris Kutulas: Im Januar kommt mein Film „Recycling Medea“ in die Kinos. Ich habe Regie geführt und zusammen mit meiner Frau das Drehbuch geschrieben. In der ARTE-Mediathek kann man noch bis Dezember unseren Film „Mikis Theodorakis – Komponist“ sehen. Unser Film „Dance Fight Love Die“ ist auf Amazon und vielen anderen Streaming-Plattformen zu sehen. Dieser Film entstand, weil ich Mikis seit 1987 mit meiner Kamera begleitet habe und ziemlich viel aufgenommen habe, in ganz Europa, den USA, Chile, Israel, Türkei, Südafrika, Australien usw. Ich habe das eher für mich getan, um die künstlerische Energie festzuhalten, die mich umgab. Meine Frau Ina hat mich später davon überzeugt, aus diesem Material einen Film zu machen.

Ansonsten arbeite ich mit Ina seit drei Jahren an für uns atemberaubenden Projekten: an einer Family-Entertainment-Show namens „Spheros“ und an einem „Meta-Musical“, in dem Marlene Dietrich im Mittelpunkt steht. Zusammen mit unserem Künstler-Kollegen Achilleas Gatsopoulos entwickeln wir eine revolutionäre Liquid-Staging-Show. In einem halben Jahr werden wir das Flexodrom dem Markt anbieten – das ist ein modularer und mobiler Theaterbau, den ich zusammen mit Alexander Strizhak aus Riga entwickelt habe.

Außerdem schreibe ich zusammen mit Ina einen autobiografisch angelegten Roman über das Leben eines griechischen Studenten in der DDR zwischen 1979 und 1989.

taz: Du erwähntest Deine Kamera. Ich habe den Eindruck, sie ist sehr wichtig für Dich?

Asteris Kutulas: Ja. Ich habe sie 1989 gekauft. Sie hat mein Denken visualisiert. Ursprünglich habe ich Tagebuch und Gedichte geschrieben, Übersetzungen gefertigt. Durch die Kamera habe ich ganz anders Sehen gelernt, habe zum Film und zur Konzeptkunst gefunden. Und sie hat mich schließlich zu dieser neuen Theorie des „Liquid Staging“ geführt, die ich im November 2021 im pma-Magazin veröffentlichen werde.

taz: Ich komme zum Schluss noch einmal auf die Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie zurück, die wir gemeinsam gehört haben. Philosophie gilt gemeinhin als brotlos. Hast Du Dein Philosophie-Wissen in Deiner beruflichen Tätigkeit produktiv machen können?

Asteris KutulasJa, sehr. Ich habe 40 Bücher herausgegeben und übersetzt, darunter viele Essaybände. Wenn ich beispielsweise an den 1989 in der DDR und 1990 in der Bundesrepublik herausgegebenen Essay-Band des Literaturnobelpreisträgers Giorgos Seferis „Alles voller Götter“ denke – ohne vorher die Vorlesungen zur antiken griechischen Philosophie bei Helmut Seidel erlebt und mich damit auseinandergesetzt zu haben, hätte ich mich da wohl nie herangetraut.

Asteris Kutulas taz Seferis
Giorgos Segeris, Alles voller Götter, Herausgegeben und übersetzt von Asteris Kutulas

Zum andern hat mir dieses Studium geholfen, nicht nur Literatur, sondern auch meinen Künstler- und Produzenten-Alltag ohne „ideologische“ Brille zu betrachten und Strukturen zu durchschauen. Dadurch vermag ich auch als Konzept-Künstler, „leere Begriffe“ und „blinde Anschauungen“ zu vermeiden.

taz Interview mit Asteris Kutulas, befragt von Marina Mai, veröffentlicht in der Wochenendausgabe der taz vom 6./7.11.2021 sowie auf der Internet-Seite der taz am 9.11.2021 (Fotos in den taz-Ausgaben: Doro Zinn)

(Danke taz, Marina Mai, Doro Zinn und Ina Kutulas.)

Electra 21 World Premiere

ELECTRA 21 | A musical recording, a ballet performance, a film production, a liquid staging installation

– created and directed by Asteris Kutulas to the music of Mikis Theodorakis

Electra, a timeless thriller. The father sacrifices the eldest daughter for power and fame. His wife slays him for it years later. Their children Electra and Orest kill her to avenge the father. A circle of hatred and destruction. No happy ending.

The live experience of ELECTRA 21 consists of the overall experience of the music, four documentaries running simultaneously, some of them hybrid, and an installation. The audience decides for itself: Visitors can move, sit or stand in this liquid staging installation and direct their attention in each case to whatever captivates them at the moment. In doing so, everyone perceives more than one thing at the same time.

This show installation moves away from the one-dimensional seeing of the 19th century and offers the audience the polydimensional seeing, which corresponds much more to the complexity of our epoch. A new kind of live experience.

Electra 21 Asteris Kutulas & Mikis Theodorakis
Electra 21 poster (Photo by Loukia Roussou | Artwork by Achilleas Gatsopoulos)

ELECTRA 21 | Eine Musikaufnahme, eine Ballettaufführung, eine Filmproduktion, eine Liquid Staging Installation

– von Asteris Kutulas zur Musik von Mikis Theodorakis

Electra, ein zeitloser Thriller. Der Vater opfert die älteste Tochter für Macht und Ruhm. Seine Ehefrau erschlägt ihn dafür Jahre später. Ihre Kinder Electra und Orest töten sie, um den Vater zu rächen. Ein Kreis des Hasses und der Vernichtung. Kein Happy End.

Das Live-Erlebnis ELECTRA 21 Produktion besteht aus dem Gesamt-Erlebnis der Musik, vier zeitgleich ablaufenden – zum Teil hybriden – Dokumentarfilmen und einer Installation. Das Publikum entscheidet selbst: Die Besucher*innen können sich in dieser Liquid-Staging-Installation bewegen, sitzen oder stehen und ihre Aufmerksamkeit jeweils auf das richten, was sie gerade fesselt. Dabei nimmt jede*r immer mehreres zugleich wahr.

Diese Show-Installation bewegt sich weg vom eindimensionalen Sehen des 19. Jahrhunderts und offeriert dem Publikum das polydimensionale Sehen, das der Komplexität unserer Epoche viel mehr entspricht. Ein neuartiges Live-Erlebnis.

Electra 21 Asteris Kutulas Mikis Theodorakis
Electra 21 team after the world premiere in Hof (Foto: Andreas Rau)

ELECTRA 21 CREDITS

A Liquid Staging Installation by Asteris Kutulas on the Music by Mikis Theodorakis

Choreography by Renato Zanella with Sofia Pintzou as Electra | Cinematography by James Chressanthis ASC, GSC | Art Direction by Achilleas Gatsopoulos | Music Production, Editing & Mastering by Alexandros Karozas | Scenography & Production by Georgios Kolios | Concept & Produced by Asteris & Ina Kutulas | Created & Directed by Asteris Kutulas

Special appearance by Katherina Markowskaya & Maria Zlatani | With the music directors Phaidra Giannelou, Andrianna Neamoniti, Clément Nonciaux, Lefteris Veniadis | With special thanks to Frank Wunderatsch

Electra 21 Asteris Kutulas Sofia Pintzou
Sofia Pintzou (Foto: Andreas Rau)

Ballet Credits

Music by Mikis Theodorakis (from his opera „Electra“) | Choreography by Renato Zanella | Film sequences by James Chressanthis ASC, GSC | Music Editing by Alexandros Karozas | Lighting Design by Uwe Niesig | Costumes by Olgica Gjorgieva | Concept & Direction by Asteris Kutulas & Renato Zanella

Dancers | Sofia Pintzou (Electra) | Alexandra Gravilescu (Clytemnestra) | Tamara Alves Dornelas Souza (Chrysothemis) | Eltion Merja (Orestes) | Valentin Stoica (Aigisthos) | Florient Cador (Pylades)

In cooperation with Europaballett St.Pölten | Ballet performances filmed at the „Apollo“ Theater of Hermoupolis (Syros) | International Festival of the Aegean | Presented by MidAmerica Productions of New York and the Municipality of Syros-Hermoupolis | General & Artistic Director Peter Tiboris

Electra 21 Asteris Kutulas Mikis Theodorakis

Music Credits

Galina Dolbonos (Electra), Wladimir Feljaer (Orestes), Emilia Titarenko (Chrysothemis), Daria Rybakova (Clytemnestra), Peter Migounov (Pedagogue), Eugeni Witshnewski (Aegisthos), Sergej Leonwitch (Pylades)

St. Petersburg State Academic Capella Orchestra & Choir | Directed by Mikis Theodorakis | Music Production, Editing & Mastering by Alexandros Karozas | Produced by Alexandros Karozas & Asteris Kutulas | Music Edition by Schott Music & Romanos

Electra 21 Asteris Kutulas

Film Credits (4 movies)

Music by Mikis Theodorakis | Ballet Choreography by Renato Zanella | Cinematography by James Chressanthis ASC, GSC | Editing by Yannis Sakaridis, Asteris Kutulas & Stella Kalafati | Music Editing & Mastering by Alexandros Karozas | Art Direction by Achilleas Gatsopoulos | Cameras by Vasilios Sfinarolakis, Mike Geranios, Zoe Chressanthis, Hara Kolaiti, Dionissia Kopana, Stella Kalafati, Asteris Kutulas | Additional filming with Katherina Markowskaya by Sarah Scherer | Sound by Klaus Salge | Assistance to James Chressanthis by Hara Kolaiti | Still photography by Robin Becker | Production Management by Vassilis Dimitriadis

Written & produced by Ina & Asteris Kutulas | Directed by Asteris Kutulas

Music Edition by Schott Music & Romanos | Special thanks to Peter Hanser-Strecker & Margarita Theodorakis

Cameras provided by Alternative Digital Cinema, Los Angeles & Canon, USA | Special thanks to Joe Lomba & Tim Smith

Soundtrack with kind permission of SCHOTT MUSIC, Mainz & Romanos

Foto: Andreas Rau

Special thanks for the support to the Strecker-Stiftung, Frank Wunderatsch, Internationale Hofer Filmtage, Rafaela Wilde, Dimitris Koutoulas, Tim Dowdall, Gerd Helinski, Rena Parmenidou, Jörg Krause, Christian Jansen, Nana Trandou, Nikos Vlachakis, Jan Perray, Oliver Schulze, Lefteris Veniadis, Alexander Kutulas, Rafika Chawish, Hofer Filmtage Team & Thorsten Schaumann

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„The public LIQUID STAGING project ELECTRA 21 by Asteris Kutulas provided a preview of a cinema format of the future.“ 

ELECTRA 21 World Premiere – 30.10.2021 | 55th International Hof Film Festival

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Electra 21 Liquid Staging Asteris Kutulas

Liquid Staging Manifest (2016)

Mauthausen Trilogy & the Holocaust Millennium Nightmare

In Memoriam of Liberation

For me and Alexandros Karozas the „Songs of Humanity“ Tour production from January/February 2020 closes a circle. 

Mikis Theodorakis Mauthausen Holocaust Cycle

We had already recorded the concert on the occasion of the 50th anniversary of the liberation of the Mauthausen concentration camp in 1995, exactly 25 years ago, to produce a CD. 

Mikis Theodorakis Mauthausen Trilogy Holocaust

Initially we understood this recording as a historical document. But the experience of the liberation celebration in Mauthausen on May 7, 1995 and the impression that this place, the more than 20,000 former prisoners and their families, the speech by Simon Wiesenthal and the music by Mikis Theodorakis made on us, gave us the confidence that this history would continue to occupy us.
We very soon realized that the confrontation with the Holocaust would not let us go. But we didn’t know that neo-fascism would again raise its head in Europe and in Germany so quickly.

Mauthausen Trilogy

We therefore decided to publish a MAUTHAUSEN-TRILOGY first: With the support of Elinoar Moav (Tel Aviv), Julie Dennis (London) and Nadia Weinberg (New York), the Hebrew and English versions of the Mauthausen cantata were created. On this first CD release of 1998, they stand next to the Greek live version of Maria Farantouri, the first interpreter of this work with which she began her great career as a singer 55 years ago. At the same time, we held on to our idea of organizing live concerts of the „Mauthausen Cycle“. We did this in January 2020.

Simon Wiesenthal

gave me in 1995 the permission to print his speech and the sketches and collages he had made in Mauthausen concentration camp. In his speech, he uttered sentences that we thought back then, in 1995, were only representing the past. How wrong we were:

„… National Socialism, which wanted to dominate and enslave the world, was de facto a composition of hatred and technology. Hate is something terrible. Hatred preceded the millionfold Nazi crime. We must despise these crimes, not only because they have murdered our families, but because they have crushed human dignity …“
(from: Simon Wiesenthal, Speech in Mauthausen, 1995)

Simon Wiesenthal Mauthausen

Mikis Theodorakis

And it came so badly that Mikis Theodorakis, the composer of the four Mauthausen songs, in his response to a Holocaust denier in 2013, almost 20 years later, felt compelled to write:

„… The Holocaust – a millennium nightmare, the worst humanity has ever known, a nightmare that already makes you sick, if you only think about it, while in your imagination these victims – especially the children – to become angels, and in the end you only feel the inevitable urge to kneel before them, to ask their forgiveness forever and to say to them again and again: „I am ashamed to have been born a human.“ In Dachau and Auschwitz not only, the Jews were murdered. Humanity itself was murdered. And since then, we are all in a debt to those who have survived.“

We organized the „Mauthausen – Songs of Humanity“ Tour with Alexandros Karozas last year just before the outbreak of the Corona Pandemic. Maria Farantouri from Greece and Israeli tenor Assaf Kacholi were making their first European tour together. The songs and the lyrics I put together for this program in collaboration with the artists told of love and passion, of melancholy and gaiety, of courage and sorrow, of war, hate and the deepest peace. Songs full of strength and humanity.

Maria Farantouri and Assaf Kacholi also meant to shine a bright light into the hall of sombre memories, with the songs from Mikis Theodorakis‘ „Ballad of Mauthausen“. 75 years after the liberation of the concentration camps Auschwitz, Mauthausen, Buchenwald, Dachau, Bergen-Belsen and many others, we commemorated the suffering, but above all the lust for life and the dreams of the future of millions of people.

MARIA FARANTOURI & ASSAF KACHOLI
Mauthausen and other songs of Humanity
In Memoriam 75 YEARS OF LIBERATION

„On the occasion of the International Day of Remembrance of the Victims of the Holocaust“

With Henning Schmiedt (piano, arr.), Volker Schlott (sax., perc.)
and Jens Naumilkat (cello)
Recitations by Sandra von Ruffin, Iris Berben & Cem Özdemir
Artistic direction by Asteris Kutulas
Produced by Alexandros Karozas & Asteris Kutulas

It was a great musical and political event – an event that was unique, because it went to the heart and helped to remember not to forget. 

Alexandros and me received support from many friends & partners, especially from Jörg KrauseIna Kutulas and Sandra von Ruffin. Sandra also took over the recitation in 5 cities. We also thank Iris Berben for her cooperation in Düsseldorf and Cem Özdemir in Berlin. We were supported by the Jewish & Greek communities and by many artists, including Konstantin Wecker and Vicky Leandros and so many others. We thank them from the bottom of our hearts.

Asteris Kutulas, 27.1.2021

Mikis Theodorakis, reloading Films

Mikis Theodorakis und der Film

Rede in München, Gasteig, 2015

1 | Dance Fight Love Die

Mikis Theodorakis bin ich erstmals 1980 in Ostberlin persönlich begegnet. Nachdem er etwa zehn Jahre in der DDR verboten gewesen war, kam er dorthin, um sein allererstes Konzert in Ostberlin zu geben, im Palast der Republik. Mikis dirigierte den „Canto General“. Es sangen Maria Farantouri und Heiner Vogt. Es folgten Hunderte von Projekten, die wir zusammen seitdem realisierten. Ab 1987 hatte ich immer eine Kamera bei mir, und jedes Mal, wenn ich Zeit hatte, filmte ich, in allen möglichen Situationen.

2013 beschlossen Ina Kutulas und ich, aus diesem vielfältigen und sehr umfangreichen Material einen Film zu machen. Das lag bis dahin im Schrank und wurde dadurch nicht besser. Zwei Kassetten waren bereits hinüber. Also höchste Zeit, diese Dokumente zu retten, aber auch, sie aus ihrem Museumsschachtel-Dasein zu erlösen. Es begann die Arbeit an Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road.

DANCE FIGHT LOVE DIE, Music by Mikis Theodorakis
Plakat zur Weltpremiere von DANCE FIGHT LOVE DIE – WITH MIKIS ON THE ROAD 2017

Um die schlechte Bild- und Tonqualität zu konterkarieren und um dem Zuschauer nicht ausschließlich die Resultate meiner oftmals miserablen und eigenwilligen Kameraführung zuzumuten, beschloss ich – inspiriert von einer Geschichte aus Theodorakis’ Autobiographie –, eine zweite Film-Ebene einzuführen. Diese fiktionale, narrative, der Einfachheit halber so genannte „Spielfilm-Ebene“ sollte dem gestressten Auge immer wieder ein zeitweiliges Ausruhen und cineastische Eindrücke ermöglichen. Und andererseits gab mir diese Ebene die Möglichkeit, die schönsten Arien aus diversen Theodorakis-Opern als Filmmusik zu implementieren. Anders als mittels dieser schräg-episodenhaften Film-Szenen-Form wäre das gar nicht möglich gewesen.

Der Film entstand, nachdem ich für das Material ein für mich selbst schlüssiges Ordnungsprinzip entdeckte. Und das passierte während meiner Beschäftigung mit Nikos Kazantzakis, der ab 1907 in Paris promovierte und Friedrich Nietzsches Hauptwerk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ ins Griechische übersetzte. Nach Beendigung dieser Übersetzung begann er, seinen später weltberühmt gewordenen „Zorbas“-Roman zu schreiben, in dem er das dionysische Prinzip (also Zorbas) gegen das apollinische Prinzip (den Engländer) stellte – ein Konflikt, aus dem sich in seinem Buch und später im Film die Frage ergab: Was ist wichtiger im Leben – das Buch oder der Tanz? Die Beschäftigung mit diesem Stoff führte mich zur Lösung für mein ästhetisches Film-Problem. Ich musste also die „Geburt eines FILMS aus dem Geiste der Musik“ zuwege bringen. Das entsprach dem Werk von Theodorakis, dem Leben von Theodorakis und dem Charakter meines Film-Materials, das ich fast 30 Jahre lang produziert hatte.

So gab es auf der einen Ebene den Komponisten pur: „Mikis on the Road“, dirigierend, probend, diskutierend, reisend, schlafend, witzelnd, singend, und ich hatte – auf einer zweiten fiktionalen Ebene – seinen poetischen Kosmos, seine Philosophie, seine Märchen- und Mythenwelt, seine Anbetung des Schönen, des Weiblichen. Und dann merkten wir sehr schnell, dass noch eine dritte Ebene dazu gehörte – nämlich die vom Komponisten losgelöste, die von anderen Musikern oder Künstlern geschaffene, die (obwohl sie oftmals Theodorakis nicht mal kannten) seine Musik in unterschiedliche Sprachen, Stile, Länder, Musikrichtungen weitertrugen.

Wir fanden Musiker, viel jünger als Theodorakis, überall auf der Welt, die Musik von ihm auf ihre eigene Weise interpretierten (die Alternativband Deerhoof aus San Francisco, der junge Komponist neuer Musik Sebastian Schwab aus München, die israelische Ethno-Reggae-Band Anna RF, die Sing-and-Song-Writerin Eves Karydas aus Australien, der Electrohouse-DJ Francesco Diaz aus Barcelona, die Homeopathic-Punk-Band Air Cushion Finish aus Berlin, die Rockmusikerin Maria Papageorgiou aus Athen und viele andere). Das wurde die dritte Ebene des Films.

All das zusammen – Mikis selbst, Mikis’ Fiktion, Mikis’ Adaption – ergibt einen universalen musikalischen Kosmos, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenbringt. Ohne dass Mikis die Musik zu unserem Film Dance Fight Love Die komponiert hatte, so komponierte er doch durch seine Musik den eigenen Film zu seiner Musik. Musikfilmkomponist des eigenen Lebensfilms. Fast ohne Kommentar. Zehntausende Bilder zu etwa sechzig Musiken.

Recycling Medea, Music by Mikis Theodorakis
RECYCLING MEDEA beim EPOS-Filmfestival in Tel Aviv 2015

2 | Recycling Medea

Wie musikalische Emotion und bestimmte Bilder, verknüpft mit einer modernen Film-Ästhetik, sich jungen Leuten vermitteln, konnten wir bei Recycling Medea (2014), unserem ersten Musikfilm feststellen. Die Resonanz bei den unter 25jährigen auf die Aspekte Partnerschafts- und Generationenkonflikt, gesellschaftliche Perspektive bzw. Perspektivlosigkeit, politische Gewalt und verdrängte Schönheit in diesem „kein Ballett-Opern-Film“ war für uns sehr beeindruckend. Sowohl in Griechenland als auch in Deutschland, in den USA und Israel hatten die Jugendlichen überhaupt kein Problem, die doch relativ komplexe, anspruchsvolle, fordernde Theodorakis-„Medea“-Opernmusik in Verbindung mit den Bildern anzunehmen – als etwas, das sie angeht und ihr Ureigenstes ausdrückt. Es ist interessant zu sehen, wie der Recycling-Medea-Film an unterschiedlichen Gymnasien und Universitäten in Deutschland, Holland, Griechenland und den USA als etwas Neues und Wahrhaftiges rezipiert wird.

3 | Canto General Film

Anfang der 80er Jahre war ich in der DDR unter anderem auch der Dolmetscher von Theodorakis. Neben sehr vielen öden Begegnungen, bei denen ich übersetzte, gab es durchaus einige äußerst interessante. Zu den spannendsten gehörte die von Theodorakis und Konrad Wolf, dem damaligen Präsidenten der Akademie der Künste in Ost-Berlin. Wolf war ein ganz außerordentlicher Intellektueller. Als einer der wenigen DDR-Regisseure international anerkannt. Mit „Solo Sunny“ hatte er 1979 einen der wichtigsten DDR-Filme gemacht. Ich war zwischen 1980 und 1982 bei drei Begegnungen von Theodorakis und Wolf anwesend, bei denen es darum ging, dass Wolf (der damals an einem Ernst-Busch-Film arbeitete) mit Theodorakis über ein Film-Großprojekt oder „eine Art Lebenswerk“, wie er es nannte, sprach. Er wollte zu Theodorakis’ „Canto General“-Musik (die auf dem mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Poem von Pablo Neruda beruht) einen Film über DIE Revolution machen, ohne Kommentar, ohne Worte, einfach vertrauend auf die aus Dichtung, Musik und Bild resultierende emotionale Kraft.

Es war ein atemberaubendes Projekt, das einen sofort begeisterte. In der Tradition der russischen Avantgarde – Liebe, Kampf, Passion, Aufstand, Opfer, Natur, Tod vereinigend. Konrad Wolf verstarb, bevor er die Arbeit am Drehbuch abschließen konnte, und ich nehme an, dass der 21jährige, der ich damals war, diese ungeheure Inspiration mitnahm und nach 30 Jahren einfließen ließ in DANCE FIGHT LOVE DIE.

Seitdem begleitet mich auch der „Canto General“, dessen Musik übrigens 1973 im Film „Der unsichtbare Aufstand“ (State of Siege) von Costa Gavras zum ersten Mal erklang. Damals gespielt von Los Calchakis. Ein zu seiner Zeit legendärer Film mit einer legendären Musik.

4 | Theodorakis-Werkverzeichnis

Zwischen 1991 und 1997 arbeitete ich in den Archiven von Mikis Theodorakis, um sein Werkverzeichnis zu schreiben, das dann 1998 auch tatsächlich beim Livanis-Verlag in Athen veröffentlicht wurde. Ein 400-seitiges Konvolut. Es brachte einen vollkommen unbekannten Theodorakis ans Licht. Dieser Vorgang war aus mehreren Gründen interessant.

Der interessanteste: Ich war kein Musikwissenschaftler, sondern Germanist, und das Letzte, wovon ich meinte, dass ich imstande gewesen wäre, es zu tun, war: ein Musikwerkverzeichnis herauszugeben. Aber in dieser, unserer seltsamen Heimat Griechenland gab es damals weder das Interesse von Musikwissenschaftlern, sich mit dem Werk von Theodorakis zu beschäftigen, noch gab es den Willen, geschweige denn die Motivation bei etlichen Vertretern der Intelligenz (vor allem so genannten linken), ihre Vorurteile im Hinblick auf einen außerordentlichen und unikalen Komponisten mal beiseite zu lassen und sich objektiv mit dessen Schaffen auseinanderzusetzen, z.B. indem man ein Werkverzeichnis herausgibt, bei dem es darum geht, das Gesamt-Werk eines Komponisten wissenschaftlich für die Forschung und die Musikpraxis aufzuarbeiten. Als das Werkverzeichnis dann herauskam, änderte sich fast alles, würde ich sagen, in Bezug zum Komponisten Theodorakis.

Warum ich hier von Theodorakis’ Werkverzeichnis erzähle, hat folgenden Grund: Ich hatte damals 313 Werk-Einheiten zusammengetragen, die Theodorakis zwischen 1937 und 1997 komponierte, und Mikis gebeten, seinen Werken Opus-Zahlen zu geben. An die 313 gelisteten Werk-Einheiten vergab er nur 135 Opus-Zahlen. Das heißt, dass er selbst nur ein Drittel seiner Kompositionen als seinen Kriterien genügende Werke ansah – eine sehr interessante Feststellung. Bemerkenswert dabei ist, dass er keiner seiner 33 Film-Musiken eine Opus-Zahl gab, nicht mal der Musik zum „Zorbas“-Film.

2010, ein paar Monate vor dem Tod von Michalis Cacojannis (dem Regisseur des Zorbas-Films) hatte ich die Möglichkeit, ein gemeinsames Interview mit Cacojannis und Theodorakis filmisch festzuhalten. Während dieses Gesprächs definierte Theodorakis die Aufgabe des Film-Komponisten so, dass dieser vor allem den Wünschen des Regisseurs bis ins Detail zu folgen und den Bildern des Films zu dienen habe. Das ist offensichtlich der Grund dafür, dass Mikis – obwohl er zum Teil sehr gern für Filme komponiert hat – diese Arbeit nicht als eigenständige Kompositionsform akzeptieren konnte. Jedenfalls nicht für sich selbst.

Mikis Theodorakis Filmkomponist Asteris Kutulas
Asteris Kutulas during his speech on Mikis Theodorakis, Gasteig Munich, 2015

5 | Theodorakis als Filmkomponist

Theodorakis’ Inhaftierung während der Junta 1967 erregte weltweit Aufsehen, denn mit ihm hatte man jemanden in eine Zelle gesteckt, der als Komponist bereits ein Star war, der längst einen Namen hatte und international Millionen Fans. Zehn Jahre vorher war Theodorakis u.a. als neuer Strawinsky gefeiert worden. Dieser „neue Strawinsky“ saß jetzt in einem elenden Knast, in einer elenden Zelle. 

Die Tatsache, dass Theodorakis inhaftiert wurde und später ins Exil gehen musste, verbunden mit der Tatsache, dass er ein anarchischer Freigeist war, führte zu einer weltweiten Sympathie, jenseits von Parteigrenzen. (Später wurde ihm allerdings diese Freigeistigkeit innerhalb des dogmatisch-bipolaren Systems in Griechenland zum Verhängnis.)

Heute ist Theodorakis als PERSON international kaum noch bekannt. Natürlich kennt ihn „fast“ jeder Grieche, und natürlich gibt es Millionen weltweit, die ihn noch kennen und viel mehr, die seine Musik hören. Aber er bleibt der bekannteste unbekannteste Komponist des 20. Jahrhunderts. Theodorakis ist zugleich vielleicht der einzige Komponist „ernster Musik“ des 20. Jahrhunderts, dessen Lieder von Jüngeren weltweit und stetig gecovert werden – und das, obwohl sie nicht aus dem englischen Sprachraum stammen.

Und so kommen wir wieder zu unserem Thema: die meisten dieser gecoverten Lieder oder Musiken sind tatsächlich durch Filme bekannt geworden. Angefangen hat dieser Erfolgsweg Theodorakisscher Filmkomposition in Hollywood, im Jahr 1958, mit Honeymoon, einem Ballett-Film des damals wohl berühmtesten Regisseurs, Michael Powell; Choreograph war Leonide Massine. Der „Honeymoon“-Song wurde in den Jahren 1959/60 ein Welthit, den selbst die Beatles drei Jahre später, 1967, im BBC-Studio von London aufnahmen.

Der nächste große Erfolg für Theodorakis war die Musik zum Jules-Dassin-Film Phädra (1962), mit Melina Mercouri und Anthony Perkins in den Hauptrollen. Im selben Jahr sang Edith Piaf zwei Theodorakis-Songs im Film Les amants de Teruel, für den Theodorakis die Filmmusik schrieb. Regie führte Raymond Rouleau.

Vor seinem endgültigen internationalen Durchbruch mit der Filmmusik zu Zorba the Greek schrieb Theodorakis für den Film – bei dem er erstmals mit Michalis Cacojannis zusammenarbeitete – seine wahrscheinlich interessanteste und beste Filmmusik: Elektra. Überhaupt ist die Antiken-Trilogie von Cacojannis (Elektra (1963), Troerinnen (1971) und Iphigenie (1978) – alle mit Theodorakis-Musik) ein Meilenstein, nicht nur in der Antike-Rezeption des griechischen Kinos, sondern auch in der Auseinandersetzung eines Filmkomponisten mit antiken Mythen im Film.

Theodorakis ist ein Komponist, der Sinfonien und Opern geschrieben hat, dessen Chor- und kammermusikalische Werke überall auf der Welt immer wieder aufgeführt werden, und dessen Lieder und Melodien auch zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig Jahre nach ihrer Entstehung immer wieder gecovert werden von jungen Musikern überall auf der Welt, die oft nicht mal wissen, wer überhaupt der Komponist ist. Diese Tatsache – so scheint mir – macht aus Theodorakis einen einzigartigen Fall unter allen Komponisten des 20. Jahrhunderts.

© Asteris Kutulas
Rede in München, Gasteig, Griechische Filmwoche 2015

Photos © by Asteris Kutulas

Recycling Medea – Film-Rezensionen & Kritiken

Dance Fight Love Die – Reviews & Statements

Mikis Theodorakis 95 Happening, July 2020

Mikis Theodorakis 95 Happening

with Otto Sauter, Johanna Krumin, Istvan Denes & Asteris Kutulas

For Mikis Theodorakis‘ 95th birthday Otto Sauter (trumpeter, GER), Johanna Krumin (soprano, GER) and Istvan Dénés (conductor, pianist, HU) came to Athens two days before, for a happening of his long-time friend and collaborator, the director & author Asteris Kutulas (Berlin), to congratulate the Greek composer in a very special way.

In Mikis Theodorakis‘ studio above his apartment in Athens – with an outstanding view of the Acropolis – they performed lyrical works for trumpet, soprano and piano, filmed them for Mikis Theodorakis and a worldwide release: The Aria of Medea from Theodorakis‘ opera „Medea“, two movements from his concerto for trumpet, which he had written for Otto Sauter, and the melody that made Mikis immortal: Zorba

Location: House of Mikis Theodorakis, studio and his veranda overlooking the Acropolis and Parthenon. This is where most of his operas and many symphonic works were written.

Mikis Theodorakis himself could not be present because of the Corona Pandemic, but heard the musical birthday greeting through the open window under his studio.

Johanna Krumin:
„Mikis wants to reach people, not be liked by them. This makes him free, as only few artists are really free: because the purpose of art cannot be to serve life, but only to serve the stars that shine above it. Chronia polla, dear Mikis.“

Istvan Dénés:
„The history of the Greek and Hungarian people is marked by constant struggles for freedom. For me as a Hungarian musician, Mikis Theodorakis is the symbol of freedom.“

Otto Sauter:
„Wherever I perform the trumpet concerto by Mikis Theodorakis in the world with symphony orchestra, the audience is moved and fascinated. To be able to play it at his home for his 95th birthday, with piano accompaniment only for him, is not only a gift from me to him, but also a gift for me!“

*** *** ***

Mikis Theodorakis 95 Happening, July 2020
Otto Sauter (trumpet)
Johanna Krumin (soprano)
Istvan Denes (piano)
Asteris Kutulas (artistic director)

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Video production

Music by Mikis Theodorakis, sung by Johanna Krumin & played by Otto Sauter (trumpet) & Istvan Denes (piano)
Directed by Asteris Kutulas
DOP Ludwig Wager
Cameras Vassilis Dimitriadis, Dionissia Kopana, Sabine Kierdorf
Sound Klaus Salge & Vassilis Dimitriadis
Editing Nikos Arapoglou
Production Asteris Kutulas, Vassilis Dimitriadis, Klaus Salge
Concept by Asteris Kutulas

Many thanks to Mikis Theodorakis, Rena Parmenidou, Yannis Sakaridis, Sabine Kierdorf, Ina Kutulas, Dionissia Kopana, Penny Laga & MEGA TV

Mikis Theodorakis Acropolis view with Asteris Kutulas
Acropolis view from the apartment of Mikis Theodorakis in Athens (Photo © by Asteris Kutulas)

Recycling Medea – Film-Rezensionen & Kritiken

Recycling Medea | A film by Asteris Kutulas | Music by Mikis Theodorakis | Choreography by Renato Zanella | Written by Asteris & Ina Kutulas | With Maria Kousouni as Medea 

Süddeutsche Zeitung

… Asteris Kutulas hat einen Film über die Krise gedreht, über die Proteste und die Geschichte Medeas, der Kindermörderin im antiken Mythos. Es ist aber kein Dokumentarfilm geworden, sondern eher ein filmischer Essay, eine bildgewaltige Collage, die Protestmärsche und eine Ballettinszenierung der Medea zusammenspannt. Mit erschütterndem Effekt, denn die Präsenz der Primaballerina Maria Kousouni, kombiniert mit den brennenden Strassen Athens, erweist sich als geschickter Kunstgriff mit den entsprechendem Pathos. Und dann ist da noch Mikis Theodorakis, der Komponist, der hier nicht als Urheber des Soundtracks stumm bleibt, sondern auch zu Wort kommt: “Wenn ich heute jung wäre, würden sie mich auch einen Terroristen nennen”, sagt er …
Andreas Thamm, 15.11.2013

cinetastic.de

… Keinen „Opern-Ballett-Film“ habe er drehen wollen, hat Regisseur Asteris Kutulas mit Blick auf die rebellische Haltung seines Essays gesagt. Aber zum Glück ist das nicht die volle Wahrheit. „Recycling Medea“ ist ein Fest für die Sinne, also in gewissem Sinne eben doch auch ein Opern-Ballett-Film. Getragen wird er von der für Theodorakis charakteristischen, wuchtigen Orchestermusik, den lyrischen Gesangsstimmen, der ausdruckstarken Primaballerina Maria Kousouni und den verzauberten Landschaftsszenen mit der „Unschuld“, die ein wenig an die filmische Naturpoesie eines Terrence Malick erinnern. Trotz seiner bewusst modernen Interpretation schlägt „Recycling Medea“ zeitlos-tragische Töne an. Sehr zu seinem Vorteil verlässt sich der Film auf die nie endgültig ausdeutbare Substanz seines Stoffes, der seit mehr als 2000 Jahren Künstler aus allen Gattungen herausgefordert hat.
… Kaum jemand hat bisher so konsequent aus der Sicht der Kinder erzählt, die den Konflikt ihrer Eltern ausbaden müssen, und zwar auf die denkbar grausamste Weise. Wer hat je der Opfer gedacht, wenn er im Theater über die Motive der rasenden Ehefrau rätselte? Wer hat sich vorgestellt, welche Zukunft sie hätten haben können? Welche Träume sie verwirklichen wollten? Die Leerstelle ist nun gefüllt, auf eine ebenso vielschichtige wie eindringliche Weise.
Peter Gutting, 14.9.2021
cinetastic.de

RECYCLING MEDEA | Liebe, Eifersucht, Mord. Verstörende Schönheit, rebellierende Jugendliche, Tanz und Musik. Ein Ballett-Film.

SWR Fernsehen

Recycling Medea ist ein faszinierendes Filmdokument! Eine Film-Collage, die in großartiger Weise die Musik von Mikis Theodorakis, die Ballett-Choreographie von Renato Zanella mit der Krisensituation in Griechenland verbindet. Der Filmessay von Asteris Kutulas überträgt die Geschichte Medeas, der Kindermörderin aus der Tragödie von Euripides vom Jahr 431 vor Christus, auf die heutige Krise in Griechenland als bildgewaltige Collage: Medea rächt sich für die Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, indem sie ihre Kinder tötet. Zwischen den perspektivlosen Jugendlichen und der Polizei in Athen kommt es zu dramatischen Auseinandersetzungen auf den Straßen. Die Frustration der “verlorenen Generation” trifft auf Polizeigewalt. Verrät der Staat seine Jugend? Und wie rächt sich diese? Der Film hat neben seiner künstlerischen Dimension auch eine “tagespolitische Brisanz”.
SWR, 18.3.2015

FAZ (Premierenkritik)

… Die Schlüsselszene des Balletts ist auch die des gesamten Films, sie ist seine Quintessenz: Jason verstösst Medea, weil er eine Andere heiraten wird. Ein «Wertewandel», der uneingeschränkte Freiheit verlangt. «Wenn du frei sein willst,» prohezeit ihm da Medea, «wirst du deine Kinder verlieren.»

Maria Kousouni, die Primaballerina, ist Athenerin und eine grossartige, eine phantastische Medea. Renato Zanella, dessen meisterliche Choreographien in der Vergangenheit schon in Stuttgart, Berlin und besonders in Wien zu bewundern waren, beherrscht mit seinem Ensemble Kutulas’ Film… Hineingeschnitten in den strengen Totentanz Zanellas haben Kutulas und seine Cutterin Babette Rosenbaum harsche Szenen vom physischen Einsatz der griechischen Jugend gegen die Regierungspolitik. In schwarz-weiss gefilmten dokumentarischen Sequenzen, in denen nur bisweilen das Orange der brennenden Strassen aufleuchtet, lässt Kutulas sie gegen die Staatsmacht ziehen. Es ist dies ein anderes Ballett: Das der trampelnden Polizeistiefel, der leichtfüssigen Turnschuhläufer und das der zu Boden schlagenden, verletzten menschlichen Körper.

Kutulas’ Leistung, die seiner Equipe, ist das nahtlose Zusammenfügen dieser Tanz- und Strassenszenen. Das nahezu wortlose, von Theodorakis’ kraftvoller Musik getragene Erzählen der Geschichte der leidenden Mörderin, das ins Bild gesetzte Auftauchen Medeas aus ihrer grässlichen Vergangenheit, das Hineingeraten des Zuschauers in die scheussliche Gegenwart des alltäglichen Generationenkrieges vor der blendenden Fassade des Parlamentsgebäudes am Syntagma-PLatz …

1.200 Zuschauer, die meisten junge Menschen, waren zur Filmpremiere in das Athener «Theater Badminton» gekommen. Ein gewaltiger Erfolg insofern, als diese Weltpremiere weitgehend ohne Ankündigung, ohne Reklame auskommen musste: Das staatliche Fernseh- und Radioprogramm ERT, das als Werbeträger vorgesehen war, hatte – auf Anweisung der Regierung – mehr als eine Woche zuvor sein Programm eingestellt. Begeistert feierte dieses Publikum nicht nur Kutulas und seine Tänzer, sondern vor allem den greisen Theodorakis, den Helfer in einem Rollstuhl ins Theater geschoben hatten. In eine der wüsten Kampfszenen des Films hineingeschnitten, lässt der 53 Jahre alte Regisseur den 87 Jahre alten Komponisten seufzen : «Wäre ich heute jung, dann würden sie auch mich einen Terroristen nennen.»

Was ist das nun für ein Werk ? Ein Musik- oder ein Ballett-Film? Ein politischer oder ein Dokumentarfilm? Er sei all das und doch nichts von alledem sagt der Regisseur. Doch es ist in dem von ihm gewählten Kontext wohl in erster Linie ein politischer Film …
Hansgeorg Hermann, 4.7.2013
Frankfurter Allgemeine Zeitung

artechock.de

Recycling Medea ist eine Verschmel­zung des klas­si­schen und modernen Tanzes mit aktuellen Bildern von jungen, gegen die Spar­maß­nahmen protes­tie­renden Menschen. »Grie­chen­land mordet seine Jugend, indem es deren Zukunft zerstört«, so die Beschrei­bung des kraftvollen Film­ex­pe­ri­ments … Aus der asso­zia­tiven und von der Musik gelei­teten Montage von Tanz­auf­nahmen mit Bildern von zarten und zornigen Jugend­li­chen entsteht eine filmische, iden­ti­täts­stif­tende National-Hymne über die Ereig­nisse der heutigen Zeit, die in der Krise den Mythos neu erzählt.
Dunja Bialas, 14.11.2013
www.artechock.de

Recycling Medea by Asteris Kutulas & Mikis Theodorakis
Plakatentwurf von Apostolos Tziovaras mit der Tänzerin Maria Kousouni (Photo © by Stefanos Kyriakopoulos) 

plärrer

Die Gesellschaft: dieses machthungrige, seine Kinder mordende Wesen. In diesem Falle Griechenland. Asteris Kutulas sah in Athen vor zwei Jahren die “Medea”-Choreographie von Renato Zanella, Chef des Athener Nationalballetts. Sie inspirierte ihn zu diesem filmischen Experiment, dass er sehr wohl auch als aktuelle Spiegelung der griechischen Verhältnisse versteht: Medea als tragische Figur, die sich mörderisch für den Verrat des Geliebten – aus Habgier und Geltungssucht begangen – rächt. Die großartige Primaballerina Maria Kousouni verkörpert in Zanellas “Medea” die Titelfigur, und sie ist wesentlicher Teil dieses Films, der eigentlich zwei Choreographien zeigt: die künstlerische und die spontane. Kutulas kontrapunktiert nämlich die getanzten Szenen immer wieder mit Aufnahmen von griechischen Jugendlichen bei Protestaktionen wider den Staat, der ihnen die Zukunft geraubt hat …
J.S., 12/2013
plärrer, Nürnberg

Junge Welt

»Recycling Medea« ist ein aufwühlender Film über die kindermordende Gesellschaft von heute… »Der Medea-Film«, sagt Theodorakis, »ist für mich ein griechisches Kunstwerk«. Das stimmt. Und weil es griechisch ist, erzählt es – in großer Manier – vom Ursprung. Von uns allen.
Junge Welt, 27.06.2013 (Feuilleton)

tanznetz.de

Asteris Kutulas Filmgedicht „Recycling Medea“ entwirft konsequent aus dem Blickwinkel der verlorenen Kinder kühne, manchmal kryptische Assoziationsketten. Interagierend mit einer hochkarätig emotionalen Opern-Einspielung führt die Regie die griechische Tragödie (431.v.Chr.) Vers für Vers metaphorisch mit der aktuellen Tragödie Griechenlands und der verlorenen Generationen von Heute zusammen.
Regisseur Kutulas montiert – bestechend in Kameraführung und Bildschnitt − den antiken Mythos im „Ballett als Bühnenstück“ mit dem „Ballett der Straße“ und kreiert durch diese Collage eine völlig andere Art Opern-Ballett-Dokumentar-Kunst-Film …

Doch Kutulas Film dokumentiert nicht das Bühnenstück, sondern konzentriert sich in mehrfachen, teils rätselhaften Brechungen auf die getanzte Tragödie Medeas im Angesicht der Straße mit vermummten Jugendlichen, bewaffneten Hundertschaften und brennenden Autos. Die Zeit der Unschuld ist vorbei. „Recycling Medea“ beleuchtet mehrschichtig Zeiten des Widerstandes, des Schuldigwerdens, der Perspektivlosigkeit. Text- und Bildfragmente (inspiriert von Lars von Trier, Pasolini, Carlos Saura, Theo Angelopoulus u. a.) eröffnen Gedankenräume. 

Die epische Erzählweise wird bis in die Typografie betont; gegen die Härte der Euripides-Zitate sind comic-Zeichen gesetzt. Auch die überraschend interpolierte Zitat-Ebene der 15 Jährigen blonden „Unschuld“ – Bellas innerer Monolog sind authentische Zitate aus dem Tagebuch der Anne Frank 1943/44 – konturiert eine plakative Yellow-press Schönheit als Vision ohne Zukunft …
Zeitübergreifend katapultiert Kutulas´ melancholisches Epos „Recycling Medea“ unterschwellig Grundfragen der menschlichen Schuld der Elterngeneration in die Gegenwart.
Karin Schmidt-Feister, 18.1.2014
www.tanznetz.de

Recycling Medea by Asteris Kutulas & Mikis Theodorakis
Filmstill aus „Recycling Medea“

prinz.de

In seinem ungewöhnlichen Film zieht der Regisseur Asteris Kutulas überraschende Parallelen zwischen einer klassischen griechischen Tragödie und der gesellschaftlichen Tragödie des heutigen Griechenlands. Durch die Kombination aus expressivem Tanz, der zutiefst bewegenden und überaus dynamischen „Medea“-Opernmusik von Mikis Theodorakis und aktuellen Filmaufnahmen von dramatischen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Polizisten in den Straßen Athens, sowie die Einführung weiterer inhaltlicher Ebenen ist eine Filmcollage entstanden, die nicht nur aufgrund ihrer inhaltlichen Komplexität dazu einlädt, den Film wiederholt sehen zu wollen, sondern es ist vor allem die intensive Emotionalität, die bereits viele Zuschauer begeisterte. Für einen Opern-Ballett-Film ist das außerordentlich. Der Regisseur bezeichnete RECYCLING MEDEA allerdings von vornherein als “not an opera ballet film”. RECYCLING MEDEAein faszinierendes Filmdokument, das die Trostlosigkeit einer Gesellschaft reflektiert, die ihre Kinder zu dem gemacht hat, was sie doch niemals werden sollte: die Verlorene Generation.
prinz.de, 01/2014

Provokantes Opus …

Auf der Basis der »Medea«-Choreographie von Renato Zanella, Chef des Athener Nationalballetts, realisierte Asteris Kutulas einen herben Kontrast: getanzte Kunst in Analogie mit der spontanen Choreographie auf der Straße. Junge Griechen, die bei Demonstrationen in Athen wider die Phalanx der staatlichen Ordnungskräfte anrannten – aus Wut über den Verrat an ihrer Zukunft. Mit schier unglaublicher Präsenz und Ausdrucksfähigkeit verkörpert in dem visuell starken Film die Tänzerin und Primaballerina Maria Kousouni die Rache-Elegie der betrogenen Medea und von Mikis Theodorakis stammt die emotionsgeladene Ballettmusik auf der Basis seiner Oper “Medea” nach Euripides…
Plärrer, 01/2014

Berliner Morgenpost

Asteris Kutulas verarbeitet die Krise in seiner Heimat mit einem poetischen Film, der Straßenkämpfe der Jugend mit dem Mythos der Kindermörderin Medea vereint.
Medea windet sich tanzend zur Musik von Mikis Theodorakis. Die mythische Figur ringt verzweifelt mit der Entscheidung, ihre Kinder aus Rache an ihrem untreuen Ehemann zu töten. Schnitt. Tränengas zieht durch das Zentrum Athens. Junge Leute schleudern Brandbomben. Polizisten hinter Schilden. Schnitt. Ein junges elfenhaftes Mädchen auf grünen Wiesen. Die verlorene Unschuld. So wie die Wiege der europäischen Zivilisation in der aktuellen Krise seine Unschuld verloren hat. Die Lage in Griechenland hat Asteris Kutulas zu diesen Bildern inspiriert … Das Resultat dieser Erfahrungen ist kein Spielfilm, kein Ballettfilm und kein Polit-Streifen. Eher eine poetische Collage, ein 76-minütiger Video-Clip …
Joachim Fahrun, 18.1.2014
Berliner Morgenpost

Medeas Schultern

… Der Film zeigt das Medea-Ballett mit der Musik von Mikis Theodorakis und der Choreographie von Renato Zanella. Kampfszenen aus dem heutigen Griechenland zwischen Demonstranten und Polizei sind dazwischen montiert. Der Anne-Frank-Mythos wird eingearbeitet. Das Staatliche Akademische Orchester und der Chor St. Petersburg spielen und singen. Theodorakis dirigiert. Es ist eine gewaltige, eine hinreißende Musik. Kutulas zeigt, wie sich die Tänzer schminken, zeigt den Choreographen, wie er mit den Tänzern arbeitet und wie er seine Intentionen erläutert. Die Musik trägt den Film, wirbelt ihn in virtuelle Höhen und Tiefen. Und, ich scheue mich nicht zu sagen, auch die Schultern der Primaballerina Maria Kousouni tragen den Film. Es sind Schultern von unglaublicher Kraft, Militanz und Verletzbarkeit, Schultern von großem Glanz. Sie symbolisieren die Abgründe des Medea-Mythos und die Wucht, die leidenschaftliche Frauen in die Waagschale zu werfen haben. Das muss man gesehen haben.
Kopkas Tagebuch, Movie Star, 19.1.2014
kopkastagebuch.wordpress.com

Recycling Medea by Asteris Kutulas & Mikis Theodorakis
Plakatentwurf von Apostolos Tziovaras mit Andre Hennicke und Bella Oelmann (Photo © by Ina Kutulas) 

Abendzeitung München (AZ)

Recycling Medea ist ein Filmexperiment … : Die klassische Tragödie um die Zauberin Medea wird verarbeitet, die ihre Heimat verlässt für einen Mann, der untreu wird, woraufhin sie mordet. Durch Verschmelzung von klassischem Ballett, modernem Tanz und aktuellen Bildern vom Zorn junger Menschen in Griechenland entsteht ein künstlerisches Zeitporträt von Griechenland heute.
Abendzeitung München, 1.2.2014

der Freitag

Jede Generation schafft sich ihre eigene Medea. Die Medea meiner Jugend war ein Monument gegen Duldsamkeit. In “Recycling Medea”, einem Film von Asteris Kutulas, vertritt die Ungehaltene Griechenland. Medea ist aber die berühmteste Ausländerin der Weltliteratur, sie folgt Iason und seinen Argonauten aus einem Barbarenreich (in Sicht der Griechen) am Schwarzen Meer nach Iolkos. Da lässt sie sich zur Tänzerin ausbilden: in Kutulas’ Lesart des Mythos. Recycling Medea verschränkt Proben- und Premierenstimmungen einer klassischen Verwandlung des Dramas in Bewegung mit Straßenkampfszenen.

… Jeder wird Recycling Medea als Kommentar zur griechischen Krise deuten. Doch der Film ertrinkt in seinen Bildern. Seine Aspekte erscheinen zunehmend disparat. Collage, Montage. Filmgedicht. Das Kino als Mobile – ich suche ein Wort, das meine Eindrücke rettet. Ich halte mich an Zanella und seine Compagnie. Ich sehe Mythos und Arbeit. Die Frauen gebären “gegen den Anmarsch der Würmer” (Heiner Müller). Medea, “die Kennerin der Gifte”, kriegt spitz, dass ihr Iason zu Glauke geht. Sie leuchtet der Tochter des Kreon heim, wie dann auch allen anderen. Das ist ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der ganz bestimmt kein betäubter Wille steht.
Jamal Tuschick, 20.01.2014
der Freitag

Neues Deutschland

… „Recycling Medea“ beleuchtet mehrschichtig Zeiten des Widerstandes, des Schuldigwerdens, der Perspektivlosigkeit. Die Kinder sind tot, das Land stirbt. Theodorakis mit Gasmaske unter den Demonstranten. Medea schaut in die erleuchteten Theaterränge. Ein Vermummter blickt in die Kamera. Kunst und Realität greifen ineinander. Asteris und Ina Kutulas widmen ihren zeitenübergreifenden melancholischen Film „den Eltern, die ihre Träume verloren haben und der verratenen Jugend, die um ihre Zukunft kämpft.“
Neues Deutschland, 18.01.2014

artechock.de

Manchmal braucht es ein paar Abstrak­ti­ons­ebenen mehr als Geschichts­bücher und Nach­richten, um Ereig­nisse, aktuelle wie histo­ri­sche, annähernd zu begreifen. Mutige Expe­ri­mente der Filmkunst wie “Recycling Medea” nehmen den Zuschauer mit auf solche Ebenen. “Recycling Medea” ist eine multi­me­diale drama­ti­sche Moritat von der Jugend Grie­chen­lands, die die Gesell­schaft im Zuge der Finan­z­krise um ihre Zukunft bringt, wie es Medea in der grie­chi­schen Mytho­logie mit ihren Kindern gemacht hat.
Natascha Gerold, 23.01.2014
www.artechock.de

Sächsische Zeitung

Kunstvolles und Authentisches paart „Recycling Medea“. Der griechische Regisseur Asteris Kutulas, dessen Lebenswege eine Zeit lang gleichsam durch Dresden führten, erschuf einen Hybrid aus Dokumenten, Spiel- und Musikfilm sowie politischer Reportage. Durch die Kombination aus expressivem Tanz, „Medea“-Opernmusik von Mikis Theodorakis, Statements sowie aktuellen Aufnahmen von Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Polizisten in den Straßen Athens, zeigt er überraschende Parallelen zwischen einer klassischen griechischen Tragödie und der gesellschaftlichen Tragödie des heutigen Griechenlands.
MkF, 21.5.2015
Sächsische Zeitung

Unsere Zeit

Kutulas’ 2014 fertiggestellter Beitrag „Recycling Medea“ ist ein politisch-künstlerischer Filmessay über die griechische Krise. Er verschränkt den Probenprozess 2012 für das „Medea“-Ballett (Choreographie: Renato Zanella, Primaballerina: Maria Kousouni) mit den heftigen Polizeieinsätzen gegen massive Troika-Proteste in Athen. In der Zeit dieses „abfärbenden“ Erarbeitungsprozesses für die Bühne hatte sich der Komponist im Rollstuhl an die Seite der Demonstranten bringen und schützen lassen. Trotz der damals übergestülpten Gasmaske leidet er bis heute an den Verletzungen durch Tränengas.
Hilmar Franz, 14.8.2015
UZ

Recycling Medea Plakat von Asteris Kutulas
Plakatentwurf von Apostolos Tziovaras mit Bella Oelmann (Photo © by Ina Kutulas) 

Theodorakis, Kutulas und die recycelte Medea

… Es wird still im Publikum, als Asteris Kutulas beeindruckender Film auf die Leinwand geworfen wird. „[E]ine bildgewaltige Collage, die Protestmärsche und eine Ballettinsszenierung der Medea zusammenspannt. Mit erschütterndem Effekt […]“, schrieb Andreas Thamm 2013 in der Süddeutschen Zeitung. Dem möchte ich mich anschließen: Chaos, Krise, Kunst, Medea – und dazu Theodorakis, der einen musikalischen Feuerreigen als Soundtrack geliefert hat, und immer wieder Teil des Filmgeschehens wird. Überwältigt, nachdenklich und ein bisschen ratlos stapfe ich durch die Göttinger Kälte nach hause. Es ist mittlerweile 22 Uhr…

Dennis M. Dellschow, 11.12.2015
Göttinger Kulturbüro

Recycling Medea by Asteris Kutulas & Mikis Theodorakis
Rehearsal Medea ballet with Maria Kousouni, Danilo Zeka & Mikis Theodorakis (Photo © by Asteris Kutulas)

berührend  + faszinierend

… Es ist wirklich ein sehr schöner Film geworden. Es war keinen Moment zu lang oder langweilig. Auch die verschiedenen Situationen waren wunderbar aufgeteilt. Und auch die großartige Primaballerina schaffte es, mit sehr klassischem Tanzvokabular diese schwierige Rolle der Medea glaubhaft rüberzubringen!!! Auch das junge Mädchen als die Unschuldige war sehr berührend + faszinierend. 
Ich kann Ihnen nur wünschen, dass dieser Film viel gesehen wird.

Susanne Linke (Tänzerin & Choreografin), 2014

Recycling Medea Asteris Kutulas
Photo © by Bill Bilias

… wenn die Schönheit verschwindet

Dieser Film könnte als Ergebnis eines idealen wechselseitigen künstlerischen Befruchtung verschiedener Generationen und verschiedener Talente aus den Bereichen Theater, Musik, Tanz und Film gelten.

Es war nämlich Euripides, ein Gigant der Sprachkunst und des Theaters,  der “Medea” schrieb. Nur als Autor solchen Ranges konnte er damals so ein Werk verfassen, ohne gesteinigt zu werden. Auf der Text-Grundlage von Euripides’ “Medea” komponierte Mikis Theodorakis eine dem Theaterwerk ebenbürtige lyrischeTragödie.

Das Wirken dieser beiden Koryphäen war die Basis für das Wirken der Jüngeren. Der Choreograph Renato Zanella interpretiert Theodorakis’ lyrische “Medea”-Tragödie mit seinem Ballett und die fantastische Tänzerin Maria Kousouni tut dies in der Rolle der Medea. Der Regisseur Asteris Kutulas, durchdrungen von einer besonderen Art der Sensibilität, bringt diese Tragödie ins Kino. Er verleiht ihr durch seine filmische Umsetzung eine tiefere gesellschaftliche und politische Dimension.

Der Film von Asteris Kutulas wird seinen Weg nehmen durch die Äonen, zusammen mit Euripides, Theodorakis, Zanella, Maria Kousouni und der Sopranistin Emilia Titarenko. Immer dann, wenn die Überheblichkeit der Mächtigen den Menschen an sich und die Völker erniedrigt, immer dann, wenn die Schönheit verschwindet und die Größe des Individuums schrumpft, werden die Menschen zu diesem Film greifen und ihn sich ansehen, um ihre Schönheit und ihre Größe wiederzuerlangen.

Nikos Tzimas, Regisseur
Athen, Januar 2014

Recycling Medea Asteris Kutulas
Photo © by Stefanos Kyriakopoulos

diastixo.gr: „Auf den Punkt gebracht“ von Ioanna Karatzaferi

In der griechischen Geschichte − wie sie uns in der Schule gelehrt wurde, und auf dem Gebiet der Dramaturgie, was meine Erfahrung als Theater-Gängerin anbelangt − gibt es keine andere „Medea“ vor und nach der von Euripides, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Vielleicht hat diese Tragödie das Wort “Kindsmörderin” überhaupt erst hervorgebracht. Diese Kindsmörderin ist keine Griechin, sondern eine Frau aus Kolchis, im antiken Verständnis Barbaren-Land, Tochter eines Königs, die sich mit ihrem Mann Jason und den beiden gemeinsamen Kindern in seiner Heimat Korinth niederlässt. Der Mythos ist bekannt und dessen mögliche Interpretationen sind unterschiedliche. Euripides‘ vorherrschendes Interesse ist das für die Probleme und die Situation einer Frau in einer von Männern beherrschten Welt.

Als ich den Film “Recycling Medea” sah, fühlte ich die Zeit − oder besser die zeitlose Geschichte – sich zuspitzen und in einem Punkt kulminieren. Ich fühlte die Gewalt, die sich ereignete in der Vergangenheit, und die Gewalt, die sich ereignet in der Gegenwart, zu einem Stream werden und in einem Punkt konzentrieren.
Es geht in „Recycling Medea“ um einen neuartigen Entwurf der Synthese der Künste: der Sprache – obwohl im Film kaum gesprochen wird −, der Musik, der Bewegung.

Die Symbolismen könnte man für beliebige halten; wenn wir aber die Erde als Mutter Erde bezeichnen und dementsprechend das Land, in dem wir geboren wurden, als Mutter Heimat und wenn wir ihr in ihrer Eigenschaft als Mutter wegen der Kriege, in die sie uns stürzt, wegen der Konflikte, wegen der Auseinandersetzungen, wenn wir dieser Mutter Heimat ob ihrer Verantwortungslosigkeit vorwerfen können, dass sie ihre Kinder tötet, dann offenbaren die dokumentarischen Filmaufnahmen, dass die Schlüsselaussagen des Films die Situation des Landes auf den Punkt bringen. Im Film gibt es keine gesprochenen Dialoge. Was man erlebt, das sind die Filmbilder, die Musik, der Tanz. Der Soundtrack des Films − die „Medea“-Musik von Mikis Theodorakis für die gleichnamige Oper − wurde von der Staatskapelle St. Petersburg eingespielt. Jede Note wird zu einer Bewegung; eine untrennbare Einheit.

Die Fingerkuppen der unsichtbaren Musiker − die die Instrumente berühren, um den Klang zu erzeugen − und die Zehenspitzen der sichtbaren Tänzer, sie verbinden sich in ihrer Dynamik, sie wirken zusammen und ergeben ein hochenergetisches Ganzes. Die sichtbare Identifikation der Primaballerina Maria Kousouni mit der Medea-Rolle und die Musik – diese Bilder sind so intensiv und packend, dass das nicht nur Bewunderung auslöst, sondern auch einen inneren Schmerz.

Das Ergreifende der filmischen Bilder und der Musik, sie werden punktuell immer wieder konterkariert von den Szenen des Aufruhrs, der Gewalt, die sich auf den Straßen abspielen. Zeugnisse der konfliktreichen Situation, in der die Bürger leben, die sich gegen die aufgezwungene Sparpolitik erheben, gegen die Macht, die einige ihrer Kinder gegen andere Kinder aufhetzt, Bürger, denen Mikis Theodorakis, wie wir im Film sehen, beisteht. Kutulas‘ Montage-Methode avanciert regelrecht zu einem neuen Regieprinzip, um immer dann, wenn die Dramatik einen Höhepunkt erreicht, einen Moment der Entspannung folgen zu lassen, damit die Zuschauer durchatmen können und dem Film weiter folgen werden, bis zum Schluss dieses ergreifenden / packenden Werks.

Der Film wurde im Apollo-Theater – auch La Piccola Scala genannt − in Ermoupoli auf der Insel Syros gedreht. Auf der Bühne vereinigt Renato Zanella durch seine Choreografie Zeit, Musik, Bewegung, Gefühle, Liebe, Hass, Leben und Tod. Es entsteht eine Zeitbrücke, die herüberreicht aus dem Jahr 431 v. Chr., als „Medea“ von Euripides zum ersten Mal präsentiert wurde, ins Jetzt, nach 2014, wo die „Medea“ von Asteris Kutulas erscheint, die das Konfliktpotenzial von Aufstand und Unterdrückung vor Augen führt.

Dieses grandiose Erleben von Bild, Ton, Farbe und Bewegung, (das durch Worte nicht wiedergegeben werden kann − wie der Geschmack von bitter oder süß, der sich nur durch die tatsächliche sinnliche Erfahrung vermittelt), dieses Gesamterlebnis erzeugt Gefühle, Gedanken und Erwartungen, die ungeheuer packend sind. Dieses Werk markiert eine Wende im Bereich der Ausdrucksmöglichkeiten der Künste und des Kinos, das auch die „siebente Kunst“ genannt wird. Einer der seltenen Augenblicke in meinem Leben, da ich mich tatsächlich sehr glücklich schätze.

Ioanna Karatzaferi, 25.6.2014
diastixo.gr

Recycling Medea by Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas

Film der Gegensätze

… Es handelt sich um einen sehr eigenen, besonderen Film, der sich nicht einem der gängigen Filmgenres zuordnen lässt, sondern vielmehr einer dreifachen nicht-linearen Narration folgt, einer narrativen Struktur der Choreographie, der Musik und der Einbindung dokumentarischer Momentaufnahmen, die uns aus der hochästhetischen Welt der Kunst immer wieder in die harte und gewaltsame Realität zurückversetzen, wie sie heute auf den Straßen von Athen in Kameraaufnahmen festgehalten wird.

Der Film ist eine Collage von Szenen, die nicht allein sowohl die urbane Landschaft als auch die Natur, sondern ebenso die Ästhetik des Tanzes und der Musik einzufangen vermögen. Ein Film der Gegensätze, der die Paradoxa und das Erodierende der griechischen Realität widerspiegelt und aufgrund seiner besonderen Ästhetik und der Fragen, die er aufwirft, nur als Kunstfilm bezeichnet werden kann; ein Film, der das Publikum mit Fragen konfrontiert, und dabei überhaupt nicht didaktisch ist …

Eva Kekou, Kuratorin & Kunsthistorikerin, 2016

Recycling Medea | A film by Asteris Kutulas | Music by Mikis Theodorakis | Choreography by Renato Zanella | Written by Asteris & Ina Kutulas | With Maria Kousouni as Medea 

Mauthausen | Songs of Humanity Tour 2020 (Farantouri & Kacholi)

Holocaust Memorial Tour

Ich bin eigentlich schon längere Zeit aus dem Konzertbusiness heraus, aber dieses Jahr hatte ich das Bedürfnis, eine Ausnahme zu machen: Anlässlich des 75. Jahrestages der Beendigung des 2. Weltkrieges und der Befreiung zahlreicher Konzentrationslager im Jahr 1945 organisiere ich zusammen mit Alexandros Karozas für Anfang 2020 eine Holocaust Memorial Konzerttournee mit der griechischen Sängerin Maria Farantouri (Athen) und dem israelischen Tenor Assaf Kacholi (Tel Aviv). Im Mittelpunkt des Konzerts steht der „Mauthausen“-Zyklus von Mikis Theodorakis. 

Holocaust Memorial Tour, directed by Asteris Kutulas
„Songs of Humanity“ Tour Plakat 2020

Hass und „United States of Love“

Für mich wurde es seit einigen Jahren immer beklemmender und furchteinflößender, miterleben zu müssen, wie sich der Hass um mich herum, in Deutschland, in Griechenland, in ganz Europa zunehmend ausbreitete und was er mit den Menschen macht. Wie dieser unsägliche Hass ausbrach und wie diese Hassausbrüche sich mehrten, was fortan beständig dazu führte, dass die Grenzen zur sprachlichen Gewalt und zur körperlichen Gewalt durchlässig und überschritten wurden.

Wir, die wir das Berlin der „United States of Love“ einen Lidschlag lang hatten genießen dürfen und glaubten, in ganz Deutschland wäre „Berlin“ zu erleben, schienen es jäh zu verlieren. Ich schreibe von Berlin, weil Berlin so oft zerrissen war, doch weil aus dieser Zerrissenheit immer wieder große Träume geboren wurden, Hoffnungen. Und daraus kam die Kunst – etwas, das Hoffnung an sich bedeutet. Darum wollten jahrzehntelang so viele nach Berlin. Was auch hieß: durch Berlins Türen in die Welt. Vielleicht kann man hier in Berlin sehr gut Abschied nehmen. Vieles, was ich tue, hängt mit dem zusammen, was ich in Berlin gefunden habe, in Ostberlin, in Westberlin, in Gesamtberlin: ungerade Lebensläufe, Veränderung als Lebensart.

Asteris Kutulas Anti Holocaust Text
Antifaschistisches Poster im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg

„Gespräch über Bäume“

Die Idee zu dieser Tour ist im veränderten Berlin entstanden. Berlin hat sich gewandelt, weil Deutschland sich gewandelt hat. Die Konzerte von Maria Farantouri und Assaf Kacholi sollen dazu beitragen, dass ein Ereignis wie das, zu dem es unlängst in Halle kam, nicht als kleiner Zwischenfall betrachtet wird. Diese Tour soll stattfinden als Bekenntnis unserer Wachheit und Sensibilität. Wir haben uns an solche Attacken wie die in Halle nicht gewöhnt. Eine jede dieser Attacken ist eine Zäsur, sie beschädigt das friedliche Zusammenleben, sie droht einem ganzen Land mit Einschüchterung. Keine dieser Attacken lässt uns ratlos verstummen. Jede löst Fragen und Unterhaltungen aus. Dem terroristischen Akt begegnet im Konzert das Lied. Brecht schrieb: „Was sind das für Zeiten, wo / ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Wir meinen, es sind Zeiten angebrochen, die das Lied und damit unbedingt auch das „Gespräch über Bäume“ brauchen, weil dessen Humanität das Inhumane deutlich werden lässt.

Wahrhaftige Kunst schließt körperliche Gewalt aus. Wir machen diese Tour, um an jedem der Konzertabende, an jedem Veranstaltungsort ein „Gespräch über Bäume“ zu führen, statt in der Schockstarre zu verharren. Ängstliches Schweigen kann es nicht aufnehmen mit hasserfülltem Gebrüll. Die Stille zwischen zwei Noten oder zwischen zwei Liedern sehr wohl. Diese Stille ist stärker als jeder Lärm.

Mein Freund Jörg Krause brachte mich mit dem wunderbaren Sänger und großartigen Menschen Assaf Kacholi aus Tel Aviv zusammen, den viele als Tenor der Cross-Over-Band Adoro kennen, und zusammen mit Ina Kutulas und Alexandros Karozas entwickelten wir das Konzept für diese Tour.

Holocaust Memorial Tour, directed by Asteris Kutulas
Der Tenor Assaf Kacholi aus Tel Aviv

Maria Farantouri und Assaf Kacholi werden sich in ihrem Konzert für „einen Moment“ der dunklen Vergangenheit zuwenden. Sie wollen mit den Liedern des Mauthausen-Zyklus’ von Mikis Theodorakis, basierend auf den Texten von Jakovos Kambanellis, ein helles Licht tragen durch eine finstere Zeit. Diese Musik ist ein Aufleuchten. Melodien sind stärker als Furcht.

75 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz, Mauthausen, Buchenwald, Dachau, Bergen-Belsen und unerträglich vieler anderer Lager erinnern die beiden Solisten an das Leid und zugleich an die Lebenssehnsucht der Millionen Menschen, die einer mörderischen Zeit ausgeliefert waren. Niemand blieb unberührt von diesem Terror. Niemand konnte frei wählen. Im bis vor Kurzem noch satten Europa hatte die Erinnerung sich Jahrzehnte nach 1932 eingerichtet wie in einem Wohnzimmer mit Schrankwand. Wie geht jetzt Hoffnung? Wie macht man Zuversicht? Mit Maria Farantouri und Assaf Kacholi können wir erleben, dass das Lied immer wieder Antwort gibt.

Asteris Kutulas, 15.11.2019

TERMINE

Hamburg, Markthalle – 23. Januar 2020
Düsseldorf, Tonhalle – 24. Januar 2020
Dresden, Staatsschauspiel – 26. Januar 2020

Berlin, Universität der Künste – 27. Januar 2020
„Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“
München, Gasteig (Carl-Orff-Saal) – 29. Januar 2020
Stuttgart, Liederhalle (Mozartsaal) – 30. Januar 2020
Neu-Isenburg (bei Frankfurt am Main), Hugenottenhalle – 01. Februar 2020

Linz, Brucknerhaus – 05. Mai 2020 (verschoben auf 2023)
„Anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen“ 

Australien-Tour – 22. April bis 02. Mai 2020 (verschoben auf 2023)

Mauthausen Trilogy (remastered)

Mauthausen Trilogy & the Holocaust Millennium Nightmare

„Zorba“ Satellite Clip with Stefanos Korkolis

DANCE FIGHT LOVE DIE | The Satellite Clips | STEFANOS

Music (”Zorba theme”) by Mikis Theodorakis
Version for piano by Stefanos Korkolis
„Zorba“ Satellite Clip performed by Stefanos Korkolis
Cinematography by Mike Geranios
Mikis Theodorakis in Düsseldorf (May 2017) filmed by Asteris Kutulas
Edited by Dimitris Argyriou & Asteris Kutulas
Written & directed by Asteris Kutulas

Music published by Schott Music

A Satellite Clip by Asteris Kutulas & Dimitris Argyriou
© Asti Music, 2019


SATELLITEN UMKREISEN THEODORAKIS’ PLANETEN

Über ein Langzeit-Filmprojekt von Asteris Kutulas
Von Sofia Stavrianidou

30 Jahre. 40 Länder. 4 Kontinente.
600 Stunden Film. 54.000.000 Frames.
Der in Deutschland lebende Publizist, Produzent und Filmemacher Asteris Kutulas hat den griechischen Komponisten Mikis Theodorakis zwischen 1987 und 2017 ungezählte Male besucht; er begleitete Theodorakis auf Tourneen und ließ dabei seine Videokamera laufen. Kutulas filmte Theodorakis bei Konzerten, während diverser Proben mit Orchestern, Solisten, Bands, on Stage und Backstage, bei CD-Aufnahmen in Studios, bei Opern- und Ballett-Produktionen, in Hotellobbys und auf Hotelzimmern, in Bussen und Lokalen, auf Ausflügen und während privater Treffen.
Das zwischen 1987 und 2017 gefilmte Material bildet einen umfangreichen Fundus von etwa 600 Stunden. Aufgenommen wurde es in Berlin, Athen, St. Petersburg, Verona, Santiago de Chile, Sydney, Tel Aviv, Budapest, Wien, Kopenhagen, Malmö, Pretoria, Çeşme, Amsterdam, Montreal, London, Brüssel, Luxemburg, Barcelona, Zürich, Oslo, Paris, auf den griechischen Inseln Chios, Kreta und Syros usw. usf.

SATELLITE CLIPS – Das ungenutzte Filmmaterial

Die „Satellite Clips“ umkreisen den Hauptfilm DANCE FIGHT LOVE DIE, der ihnen als Heimatplanet gilt. Die Formel lautet: Satellite-Clips = aus dem für den Hauptfilm nicht genutzter 600-Stunden-mit-Mikis-Fundus + Fiction- und Making-of-Material, das während der Shootings mit den Schauspielern und den jungen Musikern zwischen 2014 und 2017 entstanden ist.
Diese Clips, die auch als „Trailer“ für den Hauptfilm fungieren, werden in den nächsten Monaten bis zur Premiere des Hauptfilms nach und nach im Internet veröffentlicht. Sie tragen den Namen des an der Entstehung des jeweiligen Clips maßgeblich beteiligten Künstlers bzw. Mitarbeiters des Regisseurs.

DANCE FIGHT LOVE DIE – With Mikis On The Road – Der Film

Docufiction von Asteris Kutulas – mit Mikis Theodorakis, Sandra von Ruffin, Stathis Papadopoulos und vielen anderen (2018)

Aus dem während dreier Jahrzehnte entstandenen Fundus mit mehr als 600 Stunden unveröffentlichten Film-Materials wird ein 90minütiger hybrider Film-Essay, der den Zuschauer spannende, überraschende, skurrile, mysteriöse, aber auch sehr typische Augenblicke aus dem On-the-Road-Leben eines unverwechselbaren und charismatischen Künstlers miterleben lässt. Augenblicke, die einen umfassenden und originären Einblick in die „Agenda des geistigen Anarchisten“ Theodorakis erlauben.

Kutulas verschmilzt in seinem Film sehr persönliche Momente mit historischem Material, dokumentarische Aufnahmen mit humorvoll-grotesker, teilweise verstörender Fiktion, und er macht erlebbar, welchen Widerhall Theodorakis’ Musik in den Arrangements junger Künstler findet – u.a. als Rock-, Klassik-, Electro- oder Rap-Version. Im fiktionalen Parallel-Universum des Films (inspiriert vom autobiographischen Roman des Komponisten „Die Wege des Erzengels“) erscheint die „Liebe“ als Chimäre, der „Tanz“ als Verzweiflungstat, der „Tod“ als Kontrastprogramm, der „Kampf“ als verführerischer Widergänger, der uns immer aufs Neue gegenübertritt und prüft.

Photo © by Ina Kutulas/Asti Music

Dance Fight Love Die – Reviews & Statements

Rammstein | Theodorakis | Sehnsucht

Rammstein | Gert Hof | Mikis Theodorakis – Ein griechischer Dialog über deutsche Volksmusik

Athen, 9.9.1999 – was für ein Datum! Ich zeigte heute Mikis, angeregt durch Gert Hof, verschiedene Video-Clips von Rammstein und längere Ausschnitte aus dem Wuhlheide-Konzert, aber auch andere Videos von Gert. Mikis, wie immer hoch interessiert, neugierig, offen, wollte die Song-Texte von Rammstein übersetzt haben, saugte alles auf. Ich war gespannt auf seine Reaktion auf diese ganz eigene „musikalische Befindlichkeit“, auf dieses sehr spezifische deutsche Gesamtkunstwerk. Ihm gefiel die Rammstein-Energie, das Existenziell-Theatralische in ihren Videos und Konzerten und seine Antwort auf meine diesbezügliche Frage kam prompt:

Mikis Theodorakis: Rammstein ist sehr beeindruckend, ist in gewisser Weise etwas Neues für mich. In seinen Rammstein-Inszenierungen benutzt Gert Hof Elemente, die eine „Politisierung“ in sich haben. Ich erkenne bei Hof Anflüge einer gewissen Nostalgie, wenn ich das so sagen darf. Er sieht geschichtliche Elemente „nostalgisch“, er steht der Vergangenheit nicht feindlich gegenüber – obwohl er allen Grund dazu hätte. Und ich habe das Gefühl, dass die Menschen in Deutschland, vor allem im ehemaligen Ostdeutschland, eine „Sehnsucht“ in sich tragen. Nach der anfänglichen absoluten Identifizierung mit der Neuen Gesellschaft, nach der großen Liebe zum Westen, kam die Zeit der Desillusion, falsche Hoffnungen gingen zu Bruch. 

Asteris Kutulas: Nun ja, Westdeutschland hat es sich leisten können, eine marode Wirtschaft aufzufangen und langsam wieder aufzubauen. Und die DDR-Bürger leben jetzt in einer Demokratie.

Mikis Theodorakis: Das stimmt, aber trotzdem glaube ich, dass die „westliche Welt“ insgesamt als Zukunftsmodell gescheitert ist. Freiheit und Demokratie dienten vor allem der atemberaubenden Entwicklung der großen Konzerne, der corporations. Der gesamte „Fortschritt“ hatte nur einen Zweck: dass einige wenige Leute sehr viel Geld verdienen. So ist der Mensch zur Handelsware degradiert. Das ist für den Einzelnen gar nicht mal so schlecht, weil es Erleichterungen und eine gewisse Freiheit mit sich bringt. Aber wenn es dann soweit ist, dass der Mensch einen bestimmten Lebensstandard erreicht hat, nicht mehr hungert, Bildung hat, ein Auto besitzt etc., ist Schluss. Denn dann stellt man – wenn man sie stellt – die Frage nach dem „Wozu?“ Bei diesem „Wozu?“, bei dem tatsächlich der Humanismus einsetzen würde, bei dem der Mensch „beginnt“, verweigert unsere Gesellschaft die Antwort. Und wenn es den Menschen nicht mehr gibt, kommt das „Tier“ zum Vorschein.

Asteris Kutulas: Irgendwo dort, wo das Tier zum Vorschein kommt, fangen ja auch die Themen von Rammstein an.

Mikis Theodorakis: Das ist das Gute an Rammstein: der konzeptionelle und inhaltliche Ansatz, ihre Ästhetik. Aber ich bin skeptisch, was die musikalische Form betrifft. Rammstein folgen größtenteils noch dem Vorbild, dem Archetyp, der amerikanischen Musik und „Unterhaltung“. Sie tappen in die eigene Falle. Das ist wie im Krieg: wenn ich die Waffen des Feindes benutzen, sie aber nach eigenen Vorstellungen einsetzen will. Ich bin da sehr pessimistisch: Die anderen sind (fast immer) viel stärker. Ich kann sie nicht mit den eigenen Waffen schlagen. Wenn du deutsche Jugendliche fragst, was sie an Rammstein mögen, was sie „bekommen“, dann wirst du merken, dass es im Grunde auf das „Amerikanische“ im Gestus und im Rhythmus der Musik hinausläuft.

Asteris Kutulas: Aber die Rammstein-Texte sind doch so etwas wie die Faust in den Bauch des deutschen Kleinbürgers. Das müsste dir doch sehr entgegenkommen. Und vor allem: Es sind deutsche Texte. Zudem findet das Inhaltliche seine Entsprechung in der musikalischen Form.

Mikis Theodorakis: Das, was gut ist, sind das „Gesamtkunstwerk Rammstein“ und die Texte, also die Message, aber das hat etwas mit Logik zu tun. Was die amerikanische Musikindustrie geschafft hat, ist: den Menschen – also ihren „Kunden“, zugleich ihre „Ware“ – zum „Tier“ zu degenerieren, so dass er immer gleichgültiger wird gegenüber jedweder Botschaft. Die Message wird mit der Zeit ohnehin immer unbedeutender. Höhepunkt dieses Prozesses ist für mich die Technomusik, die fast gänzlich auf Worte verzichtet. Das einzige, was interessiert, ist ein gemeinsamer Nenner für Abertausende von jungen Menschen. Und dieser gemeinsame Nenner ist der Rhythmus. Ein sich immer wiederholender Rhythmus, der, je ursprünglicher und lauter er daherkommt, die Massen in einem gemeinsamen Vibrieren eint. Das ist die Rückkehr in den Dschungel. Und da sich der Mensch in unser heutigen Gesellschaft tatsächlich wie in einem Dschungel vorkommt, vermittelt ihm dieser Techno-Beat die Illusion einer Gemeinschaft mit anderen Menschen, was sicherlich auch eine Art von Widerstand darstellen kann. Aber das sind wirklich nur Illusionen. Diese Gemeinschaft existiert nur für den Moment des Konzerts. Oft spielen dabei auch Drogen eine Rolle, was mir zeigt, dass der Mensch in diesen Augenblicken vergessen, sich aber nicht erinnern will. Er will sich vom Menschen befreien und nicht zum Menschen werden.

Asteris Kutulas: Aber du selbst benutzt auch oft in deiner Musik diesen Rhythmus, zwar griechischen Ursprungs, aber immerhin …

Mikis Theodorakis: Ja, auch bei mir spielt der Rhythmus eine große Rolle, aber er unterstützt die Melodie. Die Melodie ist das menschliche Element. So habe ich es erfahren. Und ich weiß, dass das seit der Antike so ist. Die deutsche Musik hat der Welt in den letzten drei Jahrhunderten, besonders während der klassischen und der romantischen Epoche, große Melodien geschenkt. Und da wir hier am Fuße der Akropolis sitzen, bin ich angehalten zu sagen, dass dies das Vorbild des Schönen ist, nach dem wir Menschen der westlichen Kultur gelebt haben. Die Chinesen haben eine andere ästhetische Kategorie des Schönen, die Ägypter wieder eine andere. Für uns entäußerte sich das Schöne in der Musik, in der Melodie. Wenn du die Melodie eliminierst und nur noch der Rhythmus bleibt, ist es so, als würdest du einem sehr kräftigen, muskulösen Menschen das Gehirn amputieren, so dass nur ein Muskelprotz übrig bleibt.

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas
Photo © by Privatier/Asti Music

Asteris Kutulas: Könntest du dir eine Zusammenarbeit mit so einer Band wie Rammstein vorstellen?

Mikis Theodorakis: Ich sehe, dass das, was ich selbst musikalisch geschaffen habe, keine Resonanz findet bei einem größeren Publikum. Es gibt natürlich viele Menschen – die trotzdem eine Minderheit darstellen –, mit denen ich kommuniziere. Das große Publikum, das ich einst als Komponist hatte, waren vor allem die Jugendlichen Ende der sechziger Jahre und Anfang der Siebziger, die noch Visionen hatten. Ich glaube nicht, dass die jungen Leute von heute Visionen haben. Ich sehe nicht, dass meine Musik in die heutige Zeit passt. Sie richtet nur „Schaden“ an. Ich erlebe es in Griechenland. Die meisten Leute, die Unterhaltung und das Vergessen suchen, empfinden schon meine Anwesenheit als problematisch. Die Anwesenheit eines Menschen mit meiner Vergangenheit, die Anwesenheit eines durch und durch engagierten Menschen, stört. 

Asteris Kutulas: Du weichst der Frage aus.

Mikis Theodorakis: Wenn die Rammsteiner Melodien von mir auf ihre Art und Weise covern, in ihre Farben kleiden würden, in ihre Rhythmen, nach ihrer Auffassung, wäre das eine Ehre für mich. Das würde mich sehr freuen. Und es wäre gut. Aber ich würde ihnen nicht dazu raten, wenn sie kommerziell denken. Sie würden Publikum verlieren. Und zurzeit sind sie ja ganz oben.

Asteris Kutulas: Was du sagst, klingt sehr nach Resignation …

Mikis Theodorakis: Um die Wahrheit zu sagen … ich glaube nicht, dass die Welt letztendlich den „amerikanischen Weg“ gehen wird. Es wird Reaktionen geben. Und ich glaube, dass das, wofür ich und viele andere stehen, sich schließlich durchsetzen wird. Ich weiß nicht, auf welchem Weg. Vielleicht werden es die „Rammsteiner“ sein, die, wie die Russische Armee von 1905, das Winterpalais im Sturm erobern werden. Vielleicht. Auf jeden Fall wird der Mensch doch Mensch bleiben. Denn die jungen Menschen, die heute in die Konzerte oder Clubs gehen, fragen sich danach: Was machen wir jetzt? Wohin gehen wir? Die Gesellschaft hindert sie daran, das Geschenk des Lebens zu genießen. Und das Geschenk des Lebens ist das Schöne: Die Natur, die Farben, die Liebe. Und das Schönste von allem ist das Geschenk der Musik, und Musik ist Melodie. Eine einzige Melodie in immerwährender Veränderung. Und in jeder Epoche klingt sie anders. Wenn man den jungen Leuten die „Melodie“ vorenthält, bringt man sie um. Aber sie wollen nicht umgebracht werden.

Guido Karp Photo
Photo © by Guido Karp

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So endete unser Gespräch über die transzendentale Obdachlosigkeit des zeitgenössischen Menschen und über das Gesamtkunstwerk „Rammstein“ an einem heißen, lichtüberfluteten griechischen Septembertag.

Der Tag neigte sich dem Abend zu, der Parthenon blickte durch die Fenster und das laute Grillenzirpen vom Philopappus-Hügel erinnerte mich an Sokrates, denn hier musste er den Schierling trinken, um zu sterben. Und da entsann ich mich seiner Apologie: angeklagt, die Jugend zu verführen und vom wahren Glauben abzulenken. However, das obige Gespräch, in einer überarbeiteten Fassung, diente Gert Hof – in Absprache mit Rammstein – als Nachwort-Text für das erste Rammstein-Buch, das er als Herausgeber publizierte: Rammstein, Die Gestalten Verlag, Berlin 2001

(Das Gespräch führte ich auf Anregung und im Beisein von Gert Hof, der sich intensiv daran beteiligte.)

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Nachtrag, 29.7.2022

Durch meinen damals neuen Arbeits-Partner, den Regisseur Gert Hof, lernte ich im Sommer 1999 die Band Rammstein kennen, deren Bühnen- und Lichtdesigner er war. Mich begeisterte diese Band vom ersten Augenblick an. Gert Hof liebte und verehrte Theodorakis und wollte unbedingt, dass wir ihm die Musik und die Videos von Rammstein vorstellen, zumal die Bandmitglieder Mikis natürlich kannten. Gert und ich bereiteten damals die Millennium-Events auf der Akropolis in Athen und an der Siegessäule in Berlin vor. Als wir im September 1999 Mikis in Athen besuchten, brachte Gert Aufnahmen von mehreren Rammstein-Videoclips sowie Ausschnitte aus dem legendären Rammstein-Konzert in der Wuhlheide mit.

Bei unserem zweiten Besuch schlug ich Mikis vor, sich diese Videos anzuschauen. Ich erinnere mich, wie er mich ansah und fragte: „Eine deutsche Band? Und sie singen auf deutsch? Und sie machen, wie du mir gerade erklärt hast, Industrial Rock?“ Mikis fand diesen Begriff toll: Industrial Rock. Den kannte er bis dahin noch nicht. Er kannte Punk-, Metal und vor allem Techno-Musik, aber der Begriff „Industrial“ war neu für ihn. Mikis fragte weiter: „Und du willst unbedingt, dass ich mir das anhöre und anschaue?“ Ich nickte und schob die erste VHS-Kassette in die Anlage, drehte die Lautstärke voll auf, es lief der Clip „Du hast“.

Nachdem Mikis das gesehen hatte, fragte er: „Gibt’s noch mehr?“ Es folgten: „Du riechst so gut“, „Engel“ und zum Abschluss Ausschnitte aus dem Wuhlheide-Konzert. Während die Videos liefen, wollte Mikis, dass ich ihm die Texte übersetzte, was ich gern tat.

Gert fragte immer wieder: „Und? Was sagt er? Wie findet er das?“ Es folgte ein Gespräch, das ich auf Kassette aufnahm und das später von Gert in Absprache mit den Rammsteinern als Nachwort zu ihrem Buch „Rammstein“ beim Gestalten-Verlag 2001 veröffentlicht wurde. So schaffte es Gert, zwei seiner großen Leidenschaften, Mikis und Rammstein, zusammenzubringen.

Dieses denkwürdige Gespräch mit Mikis über Rammstein – vom 9.9.1999 – veröffentlichte ich später in einer überarbeiteten Fassung hier in diesem Blog-Eintrag. Einiges, was Mikis in diesem Interview sagte, finde ich immer noch äußerst spannend. In gewisser Weise könnte man Rammsteins Opus magnum „Deutschland“ und den großartigen Wurf „Zeit“ als eine „Antwort“ auf einige Gedanken von Mikis verstehen, die er in diesem Gespräch äußert.

Vorhin dachte ich, dass die Essenz von „Deutschland“ und „Zeit“ möglicherweise der von Mikis Theodorakis‘ Oratorium „Axion Esti“ Mitte der Sechzigerjahre entspricht, als dieses Werk zum künstlerischen Ausdruck eines ganzen Landes wurde. Tolle lyrische Texte. Existenzielle Themen von großer gesellschaftspolitischer Relevanz. Eine komplexere musikalische Struktur. So eine geniale filmische Umsetzung wie jetzt die von „Deutschland“ und „Zeit“ war natürlich 1963 noch gar nicht möglich – aber immerhin bekam der Dichter Odysseas Elytis 1979 für „Axion Esti“ den Nobelpreis.

Anlässlich des heutigen 97. Geburtstags von Mikis und der laufenden Rammstein-Tour habe ich diese Geschichte festgehalten, damit sie nicht unerzählt bleibt.

Asteris Kutulas

Dance Fight Love Die – Reviews & Statements

DANCE FIGHT LOVE DIE – WITH MIKIS THEODORAKIS ON THE ROAD | REVIEWS & STATEMENTS | SELECTION FROM GERMAN & GREEK PRESS

– BeNow TV: It’s a mighty essay film; a tremendous, hypnotic collage that doesn’t seek out what’s concrete and tangible, but instead aims to penetrate the poetry of Theodorakis’ oeuvre … It is like a notebook, filled by Kutulas with images, thoughts, associations and visions of Theodorakis and his music. The result feels like a cinematic river, frequently turning into a roaring torrent. The movie oscillates between energy and meditation; it possesses a great sense of form, lives off its bold contrasts and juxtapositions, comes with lavish orchestration and almost operatic accents – it is told like a piece of music. 

– Süddeutsche Zeitung: “Dance Fight Love Die“ splices music and moving images into a condensed representation of the life and work of an enfant terrible of recent European musical history: Greek composer Mikis Theodorakis.

Dance Fight Love Die by Mikis Theodorakis and Asteris Kutulas
Official movie poster of Dance Fight Love Die

– programmkino.de: Kutulas projects a challenging blend of historic document, artful essay and fast-paced onslaught of imagery.

– der Freitag: Theodorakis is always in motion; he connects continents with his appearances. More than once, his larger-than-life persona shines through. 

– junge welt: Kutulas loves ballet, turning this life-in-film into a ballet of many acts. It is more of a dance than a journey through time, as the title itself suggests … Kutulas’ film is far more than a biopic. Through the composer’s music, it tells the history of Greece. Using the life of this musical and physical giant, he describes what it means to be Greek. 

– nachrichten.net: Without any flattery, bells or whistles, Kutulas sends viewers on a voyage of discovery, exploring the universe of a great Greek, Mikis Theodorakis. Employing quickly changing scenes and a completely dialogue-free plot, Kutulas effortlessly bridges the gap between space and time, reality and dream, all overshadowed by Theodorakis’ incredible music … Kutulas’ work is a true cinematic highlight!

Mikis Theodorakis on the road by Asteris Kutulas
Stathis Papadaopoulos as Akar in Dance Fight Love Die (Making of photo © by Stella Kalafati/Asti Music)

– filmjournalisten.de: Like a volcanic eruption, Asteris Kutulas – who also wrote the script together with Ina Kutulas – hurls 30 years of Mikis Theodorakis’ efforts and works onto the silver screen … Like fireworks, one capture after another erupts onto the screen, revealing a bottomless pool of musical ideas that don’t shy away from artistic experiments (Air Brush) and invariably put a spotlight on war, Holocaust, military dictatorship, Greek-Turkish reconciliation and the Cold War. Like eruptions triggered by the clash between universe and humanity’s own destructiveness … The excerpts ejected by this cinematic volcano are sourced from many different parts of the world. In one, several decades after Zorbas, we find Theodorakis dancing the sirtaki with Anthony Quinn on Munich’s King’s Square. In another, he enthuses about Soviet Alpine chocolate, retrieved from a “great cabinet”. And when his hands aren’t busy conjuring up chocolate, they love to direct and compose. This man is a marvel. 

– film-rezensionen.de: „Dance Fight Love Die“ is definitely enthralling – not least of all because of the very different interpretations – but occasionally quite strange and, in its own way, mesmerising. 

– WELT: This is what everything, from left to right, leads to: People will never be the way Mikis Theodorakis, the Marxist methusaleh, shapes them as musical figures. Mikis, the man, extends his arms as if to fly or dance, and states: “I am free”. 

– kino.de: Asteris Kutulas has produced an idiosyncratic portrait of Mikis Theodorakis. The film consists of four- to six-minute clips that come together in a wild trip across four continents. Personal moments receive just as much space as the music of Mikis Theodorakis. This cinematic essay is portrait, historic document and road trip in one. 

– filmdienst.de: You have to let yourself succumb to this patchwork of visual clips and musical maxims. Then, the artistic synthesis of “Dance Fight Love Die” transcends its piecemeal approach and becomes enthralling. 

– indiekino.de: A life in transit, peppered with ever-new encounters. Kutulas lets us participate in this turbulent trip and immense abundance that makes and shapes Theodorakis as a fantastic musician and humorous human with a huge heart. 

– kino-zeit.de: “Dance Fight Love Die“ is a rush of impressions that invites us to delve (even) deeper into Theodorakis and his oeuvre. 

– motzkunst.de: Using poetic and occasionally disturbing visuals for their road movie “from the spirit of music“, Asteris and Ina Kutulas head for a tunnel with the famous Attic light at the end, opening up new cinematic realms. 

– TV TODAY: An unusual mix of collage, essay and portrait of an exceptional artist. 

– Telepolis: Kutulas shows an illustration of the Mauthausen concentration camp, given to him by Simon Wiesenthal, and uses Wiesenthal’s own words to remind us that the Nazis weren’t only reprehensible for their murders, but also because they trampled all over human dignity. In many ways, “Dance Fight Love Die“ is a political film that uses retrospectives to reference current global affairs. 

– koki-es.de: DANCE FIGHT LOVE DIE is neither a conventional music documentary nor a traditional biography featuring artist interviews, explanations or a tried-and-tested chronological structure … The film centres around the many – occasionally very personal – moments and scenes of Theodorakis during tours, (private) travels and productions. All recordings portray a highly focused, perfectionist composer in his element who feels music in every vein. 

– spielfilm.de: We’re on the road with the enthusiastic Greek composer – and this continent-hopping tour is often surprisingly funny … an audio-visual, associative journey that uses images and sounds from a 30-year collaboration to capture the man and artist Mikis Theodorakis. 

– Sächsische Zeitung: There are few words in “Dance Fight Love Die“. It is mostly about inspiration, eros and, naturally, one of the most formative composers of a century. 

– hardsensations.com: In “Dance Fight Love Die“ Asteris Kutulas documents the furious productivity of Mikis Theodorakis. He frames Eckermann-esque labours of love in passe-partouts and stages them like a slide show. For thirty years, Kutulas has been collecting private and public slivers of the Greek national hero who doesn’t mind the camera by this side. Theodorakis lives in an incessant creative frenzy.

– Frankenpost: “Dance Fight Love Die“ – the soundtrack of a life … This also turns the film into a soundtrack of 20thcentury Greece and its dark chapters during which Theodorakis fought and suffered – from the Second World War to the civil war and up to the country’s military dictatorship. According to Kutulas, he managed to escape from a death chamber in 1944, but was buried alive during the subsequent civil war in1948 and had to suffer a mock execution by the ruling junta in 1967. For him, death is as much part of life as dancing, fighting and loving. 

– programmkino.de: … Theodorakis is an important symphonic composer; he is a director and choirmaster who delves deep into the respective work and remains skilled at conveying thought-provoking ideas – on love, on death, on fear. Unfettered by dramaturgical structure, this documentary captures his life in a wealth of images and short scenes: Theodorakis and his art graced Athens and Crete as well as the Himalayas and St. Petersburg, Jerusalem as well as the Bavarian town of Passau and San Francisco, South Africa as much as the Turkish cities of Ephesus or Cesme. Naturally, the film also shows his attitude and statements on political issues: on fighting his country’s former German occupation, on the Greek junta and military dictatorship, on their opposition, on the Mauthausen concentration camp (Symphonia Diabolica), on the murdered Anne Frank or the Nazi hunter Simon Wiesenthal. He loves ballet as much as symphonies, oratorios as much as opera, with its many arias and chorals featured in the film from Medea, Antigone, Elektra or the Mauthausen oratorio. Then, there are lyrics and poems; he talks about war and love; he dreams of the highly problematic Greek-Turkish friendship; he ponders how humanity hurts the Earth. Altogether, an impressive life and, altogether, an impressive film. 

Mikis Theodorakis and Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis in the movie Dance Fight Love Die

– Griechenlandzeitung: It’s a frequently beguiling rush of music and colours. Not structured chronologically, but associative, not biographical, but experimental, poetic, humorous, existential. It sketches stages of a world-encompassing, unifying music and captures the sheer diversity of a powerful, artistic existence. Theodorakis places the harmony of music and art above the disharmony of humans. “Imagine the Earth without people”, he dreams at once point. And then adds that „humankind is a dischord.“

– Zeitungsgruppe Mittelhessen: The film is a worthy homage to the musician, democrat and humanitarian, without putting him on a pedestal, which wouldn’t suit the musical anarchist anyway. Instead, it offers an associative cinematic collage in the style of Alexander Kluge. Across a range of short clips, young dancers and artists who underscore his work’s relevance to the present, demonstrate just how contemporary Theodorakis music remains, also giving musical room to well-known contemporaries like George Dalaras, Maria Farantouri or Zülfü Livaneli. Plus, naturally, many impressions of the seminal artist himself who remembers early moments stargazing with his father and the loving care of his Turkish mother, but also tongue-in-cheek ruminations about his own cosmos of air, earth, water and universe. 

– unsere zeit: During the ninety minutes of his latest, genre-busting film, “Dance Fight Love Die”, Kutulas meshes very personal moments and historic material, documentary footage and unsettling fiction – in specially produced, epic, feature-style scenes of lovers, pregnancy, in-fighting or demonstrative suicides … Focusing on Theodorakis, who regularly can’t stop himself from singing along while conducting, this travel film collage jumps between the times and locations. The contrasting clips and camera captures follow musical associations on an “echo wall”. 

– ZITTY: What a huge project: Film-maker Asteris Kutulas spent three decades trailing the famous musician, composer and writer Mikis Theodorakis with his camera. From the resulting 600 hours of footage he has now distilled this film. And delivered an extensive portrait of a restless soul. 

evensi.de: The film “Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road“ is neither traditional biopic nor concert film, but a visually stunning collage that conveys the art and personality of this important European composer and helps us understand how this passionate, exceptional artist could become the role model for an entire nation. 

– screeneye.gr: … an anarchically structured, but dynamic trip to different destinations where music has the first word in everything Asteris Kutulas and his wife Ina capture. The film features the voices of Mikis and countless young and old artists who cover his songs. In some instances, Kutulas references his own 2015 film, Recycling Medea. There is no logic: Anarchy rules the film’s structure, but this anarchic structure also accounts for this work’s inherent charm.

Mikis Theodorakis and Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis and Tatjana Vassilieva (Behind the scene photo © by Asteris Kutulas)

Elias Malandris (author and theatre critic): … The enchanting female characters in Kutulas work feel like the protagonists of a painting, just like they do in his film “Recycling Medea”. Asteris Kutulas knows Mikis very well and lets us catch glimpses of some the artist’s more personal sides, of his cosmos, of situations with people who are close to him, of his thoughts and ideas – and of disturbing moments in short, very private captures. The film is a precious document of an entire life. 

Ioanna Karatzaferi (author & film scholar): … How did Asteris Kutulas “build” this work? The director made an intelligent decision and assembled the film from 4-6-minute sequences, each of which introduces us to a specific “Theodorakis episode” like a fast-paced timelapse. So, the proceedings are not dominated by the – often witnessed – laboured attempts of a director to equal the portrayed, here Mikis Theodorakis. It doesn’t erect a museum or pedestal, but focuses on the musical action. Overall, the film is impressive in both its artistic and technical execution. Mikis’ and Asteris’ work – they encounter each other and fuse into a hard, indestructable, shining, well-cut diamond. Both Kutulas’ film and his previous film essay, “Recycling Medea”, which revealed his “own Medea”, give me renewed hope for the future of film-making; a hope for films without incessant weapons-waving, films that don’t exclusively focus on horrid crimes, films not dominated by perpetual battle cries or catastrophic invasions … 

– heilewelt blog: I have seen quite a few music documentaries in my life. But I’ve never seen one like DANCE FIGHT LOVE DIE about Mikis Theodorakis, a Greek composer. I haven’t known his music beforehand and it’s not a traditional documentary, I feel like I now know what drives Mikis… I found this a very refreshing way of showing a life’s work. Music is emotion and that’s is what the film transports… At some point you get used to the tempo of the film… I highly recommend this movie. You don’t even need to understand Greek or German.

– BeNow TV: “A unique cinematic collage“: This is certainly no film to be expected. Nor a conventional artist portrait … The film doesn’t set out to explain. It is a somewhat enigmatic work – and there’s nothing wrong with that. It even needs to be. In its choice of images, music and montage, the film contains many signs and codes … Its perspective remains mysterious and multi-faceted. Time and again, it throws up new impressions with Theodorakis as the anchoring factor. The rest of the film blurs, fluctuates and keeps surprising us with unusual ideas … Because Kutulas‘ film is less tame-informative documentary and more essay-style exploration of the mythical person of Theodorakis resp. the mythical power of his music … it is a cinematic odyssey. 

– elHype.com: … Although a global name as a composer, Theodorakis also enjoys a fanatical cult following, earning him the stature of a living legend who is still working today into his tenth decade… When one has to account for all the footage they have acquired since 1987, filming the legendary composer travelling and working on tour, condensing all that into less than 90 minutes was not an easy task. However, this is a exactly what director Asteris Kutulas set for himself and the results are the film Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road (2017), a record of time the director has spent with Theodorakis on the road from 1987 to the present, organizing more than 150 concerts in 100 locations, in places as diverse and far and wide as Canada, Chile, Russia, Israel, South Africa, Turkey, Australia and most European countries, amounting to over 600 hours of footage… Ultimately, the documentary plays like snippets or teaser trailers cut together. Every inclusion seemed like a dramatic advert for a concert in a particular place at a particular time. Linking all these clips into 87 minutes made for big decisions and attempts at lucid seamlessness…

André Hennicke (actor & author): “Dance Fight Love Die“ – a film like a day dream. Like a breathing memory of a large, adventurous life that doesn’t want to end. The huge, lanky man with a crutch. Who doesn’t want to accept that he can’t fly. He searches for a way to fly anyway. His music. It allows any listener to fly. The many, different shreds of his music that – like fragile filaments – connect those small, human moments with the amazing peaks of his success. Very emotional. Almost as if this was our own memory …

– greeksnewagenda.gr: Filming Greece – “Dance Fight Love Die“: an idiosyncratic portrait of an idiosyncratic artist … Based on over 600 hours of filmed material starring Mikis Theodorakis in any possible situation, “Dance Fight Love Die“ by Asteris Kutulas is a hybrid film on the hybrid life of one of Greece’s most prolific figures, composer Mikis Theodorakis. For thirty years (between 1987 and 2017), Asteris Kutulas organized many major Theodorakis concerts around the world, while he accompanied and occasionally filmed Theodorakis on his travels. This resulted in accumulated film footage of Theodorakis’ travels around the world. Kutulas complemented this material with „fictional“ shootings (filmed by DOP Mike Geranios) adding a subplot inspired by Theodorakis‘ autobiography „The ways of the Archangel“. This docu-fiction film, an experimental portrait of the artist, offers an insight to lesser known aspects of Theodorakis‘ personality, while it cites the universal influence of his music.

Hans-Eckardt Wenzel (songwriter & author): A very impressive film. The ornamental aspect doesn’t get out of hand and the documentary angle adds a sense of soft realism to everything. The film approached Theodorakis’ music in a very astute way while also unleashing its global nature, untethered to the language of words or country norms. The most impressive part was the visual sequence featuring the dancer and Mikis wearing a gas mask at the demonstration. You can feel this sense of justice, this gentle humanism that is sorely lacking in today’s world. The film shows a good way to approach the all-pervading power of music. I can only guess how much work this movie was. Excellent editing, great musical structuring, those breaks between sound and silence, between movement and rigor. I am truly impressed! This film entirely matches my own view and understanding that the only way to escape the current crisis cannot be political, but must be cultural.

Annett Gröschner (author): It’s a collage of staged scenes, backstage video snippets, interviews with Theodorakis and performances around the world. The film also recapitulates the life of the frequently controversial composer who was never just an artist, but always someone who meddled in politics, earning him torture, prison, banishment, exile and, finally – four years ago – an eye injury from a tear gas attack at the Syntagma Square protests. His entire life, Theodorakis was an intellectual free spirit, an autonomous republic in the best sense of the word. Now, at the end of his life, he is forced to state that nothing has improved in Greece, that – after facism, civil war, junta and corrupt neoliberal governments – the climate remains poisoned and the Greeks’ dignity woefully wounded …

Composer’s Statement
 
Asteris Kutulas already revealed to me an independent approach of a most personal point of view in his very first work: the film “Recycling Medea”. For me – looking at it from an artistic point of view – this was a fortunate coincidence. Through his perspective and approach, he introduced completely new ways of expressing and dealing with my own work and my personal life. At first it wasn’t easy for me to adjust to his special approach, because of the vast amounts of work I had already made, as well as the fact that I had been developing my own aesthetic and philosophical codes for a long time. But instead of Asteris’ unusual directorial interpretation of my work and life repulsing me, the opposite happened; they enriched me psychologically, spiritually and creatively because they inspired me to see myself and my work with the fearless eyes of today and tomorrow. I will say, this approach has made me feel young, because this view redeems both my work and me from dozens of years formerly burdened by my untamed life.
 
Mikis Theodorakis, Athens 2018

Photo with Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas (1983) © by Rainer Schulz

Satellite Clips – Ein Konzeptkunst-Projekt

DIE SATELLITE CLIPS UND DER MUTTERPLANET

Die „Satellite Clips“ umkreisen den Hauptfilm DANCE FIGHT LOVE DIE, der ihnen als Heimatplanet gilt. Die Formel für dieses Konzeptkunst-Projekt lautet:

Satellite Clips =
Musik von Mikis Theodorakis
+ aus dem für den Hauptfilm nicht genutztem 600-Stunden-Fundus
+ Fiction- und Making-of-Material, das während der Shootings mit den Schauspielern und den jungen Musikern zwischen 2014 und 2022 entstanden ist

Die Clips tragen den Namen des an der Entstehung des jeweiligen Clips maßgeblich beteiligten Künstlers bzw. Mitarbeiters des Regisseurs. Die ersten beiden „Satellite Clips“ mit dem Titel STELLA und MELENTINI verbanden die „Berliner Ästhetik“ des Regisseurs mit der „Universellen Harmonie“ von Mikis Theodorakis und sind in Zusammenarbeit mit der jungen Filmemacherin Stella Kalafati, die während der Entstehung des Hauptfilms als Regieassistentin gearbeitet hat, und der Musikerin Melentini produziert worden. 

Satellite Clips – STELLA
Satellite Clips – MELENTINI

ARTIST’S STATEMENT

DANCE FIGHT LOVE DIE ist ein Film-Phänomen. Der Regisseur war mit dem Komponisten unterwegs, drei Jahrzehnte, hat ihn umkreist, überall auf der Welt. Der Regisseur mit seiner Kamera war Auge und Festplatte zugleich. Der Komponist ist das Zentrum; um ihn dreht sich alles. Wie Ideen um eine Erscheinung. Es ereignete sich die Geburt des Films aus dem Geiste der Musik. Die Kamera des Regisseurs war der Satellit. Ein Langzeitprojekt in einer Welt, die verrückt geworden und aus den Fugen geraten ist. Die Welt ist der Killersatellit. Deshalb Musik. Deshalb Film, Text und Tanz. Deshalb die SATELLITE CLIPS. Der Komponist hat sich nicht auffressen lassen von wilden Tieren oder von Jahrzehnten. 

DANCE FIGHT LOVE DIE – ein 90-Minuten-Film, gemacht aus 600 Stunden Ausgangsmaterial. „With Mikis on the Road“ – von Anfang bis Ende die Musik des Komponisten. Doch dieser Film will sich nicht beenden lassen. Die übriggebliebenen 599 Stunden wollen zu Satelliten werden, die um den Mutterplaneten kreisen. Das Zentrum ruft, und jeder Satellit springt in eine Bahn, um ein eigener Film zu werden, ein Clip mit eigener Musik.

Das unbenutzte Material schreit danach, benutzt zu werden. Und all die Dutzenden Künstler, die mit ON THE ROAD waren bei diesem Film schreien danach, gezeigt zu werden. 

Satelliten kann man abschalten. Aber nicht die KUNST, nicht das Zentrum. Es werden weitere Satelliten kommen. Einer heißt „Stella“, einer heißt „Air Cushion Finish“, einer heißt „Achilleas”, einer heißt „Stathis“, einer heißt „Sandra“, einer heißt „Melentini“. Wo ein Satellit ist, folgt schon der nächste.

Asteris Kutulas, 2019

The SATELLITE CLIPS on Vimeo

Das Makedonien-Problem – Ein Brief von Mikis Theodorakis

Brief von Mikis Theodorakis an Wim Wenders

[Der folgende Brief von Mikis Theodorakis an Wim Wenders (Herbst 1992), in dessen Eigenschaft als Vorstandsmitglied der European Film Academy, ist eine Reaktion auf die Nominierung eines Films aus der „Skopje-Republik“ unter der Staatsbezeichnung „Makedonien“ für den europäischen Filmwettbewerb FELIX 92. Daraufhin protestierten eine Reihe griechischer Filmemacher, u.a. Theodoros Angelopoulos und vor allem Melina Mercouri. Theodorakis erklärte seinen Austritt aus der Akademie für den Fall, dass diese ihren Beschluss nicht rückgängig machen würde, woraufhin Wim Wenders in einem Brief die Entscheidung der Film Academy verteidigte. Der daraufhin hier abgedruckte Brief, sowie der griechische Protest, führten zur Revision der Nominierung und der Annahme des am Schluss des Theodorakis-Briefes vorgeschlagenen Kompromisses.

Theodorakis setzte sich seitdem aktiv dafür ein, die Beziehungen zwischen Griechenland und „Skopje“ zu normalisieren und zu verbessern. 1996 reiste er als erster und einziger griechischer Künstler in die Nachbarrepublik, traf sich mit dem damaligen Präsidenten Kiro Gligorov zu Gesprächen und dirigierte das Staatsopernorchester von Skopje. 2010 prangerte er die griechische Regierung an, dass sie unfähig und aus populistischen Gründen unwillens sei, das zwischenstaatliche Problem der zwei Nachbarländer politisch zu lösen. Dieselbe Haltung brachte er in seiner Rede am 4. Februar 2018 auf dem Syntagma-Platz zum Ausdruck, wobei einige selbstkritische Töne dazukamen. Diese sehr antifaschistische Rede, in der er Brecht zitierte und sich als internationaler Patriot“ bezeichnete, der „alle Heimatländer liebt“, betonte er: 1) dass die Griechen selbst und alle griechischen Regierungen der letzten Jahrzehnte eine große Mit-Schuld an der derzeitigen Situation in Beziehung zum Nachbarland haben, 2) dass Griechenland kein Recht hat, unserem Nachbarland vorzuschreiben, wie es sich nennen soll, 3) dass Griechenland akzeptieren muss, dass unser nördlicher Nachbar in der Märchenvorstellung lebt, vom antiken griechischen Makedonien abzustammen, 4) dass das Einzige, was Griechenland tun kann, folgendes ist: dieses „Märchen“ nicht mit unserer Unterschrift zu bestätigen, aber ein freundschaftliches Verhältnis mit unserem Nachbarland zu pflegen und dieses zu vertiefen. Und dass es 5) für den Fall, dass eine griechische Regierung darüber nachdenkt, dieses „Märchen“ dennoch bestätigen zu wollen, eine Volksabstimmung dazu geben sollte – wegen der großen nationalen Tragweite dieser Entscheidung. // Folgend der Brief von Mikis Theodorakis an Wim Wenders vom Herbst 1992:]

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Lieber Wim Wenders,

ich danke Ihnen für Ihren Brief, auf den ich, wie Sie sehen, sofort antworte, da mir beim Lesen Ihrer Zeilen deutlich wurde, dass es ein prinzipielles Missverständnis hinsichtlich der Beweggründe, die mich zu meinem letzten Brief an die Akademie bewegt haben, auszuräumen gilt. Ich bin nämlich keineswegs von politisch geprägten Prämissen oder gar nationalistischen Vorurteilen gegenüber irgend einem Volk oder einer Minderheit geleitet worden. Ich habe einen Großteil meines Lebens, fast 50 Jahre, dem Kampf für die Freiheit und Gleichberechtigung aller Menschen gewidmet, was mich, so hoffe ich, vom Verdacht, auch nur im Geringsten souveräne Rechte anderer Völker – wie dem der Skopje-Republik – verletzen zu wollen, befreit. Nicht zufällig, lieber Wim Wenders, war ich es, der – als erster – während seiner Rede bei der Regierungssitzung vom 6.11.1991 in Athen die Ansicht vertreten hat, dass der Skopje-Staat nicht von Griechenland anerkannt werden soll, solange in seiner Staatsbezeichnung das Wort „Makedonien“ gebraucht wird, solange also die Herrschenden dort versuchen, etwas zu usurpieren, was ihnen nicht gehört. Zu diesem Vorschlag, auf den ich stolz bin, bewogen mich, neben der Liebe zu meiner Heimat, meine Eigenschaft als Intellektueller und meine Fixierung auf die humanistischen Ideale.

Die Erfindung einer „Makedonischen Nationalität“

An dieser Stelle komme ich nicht umhin, einige historische Fakten anzuführen: Ausgehend vom Namen „Makedonien“, den Tito 1945 im Interesse seiner panslawischen Anschauung für den südlichen Bezirk Jugoslawiens einführte, gingen die später in Skopje Herrschenden einen Schritt weiter, indem sie eine nicht-existierende „Makedonische Nationalität“ erfanden, um letztendlich „die Befreiung des griechischen Makedoniens vom griechischen Joch“ zu verlangen!

Das, was mir schon immer an den Menschen und insbesondere an den Skopjanern nicht gefiel, ist die Verneinung ihrer Herkunft, die Verheimlichung und Verleugnung ihrer historischen Wurzel. Alle wissen, dass im Skopje-Staat heute vorwiegend Albaner und Slawen leben. Letztere kamen in den ersten Jahrhunderten nach Christi auf den Balkan. In den historischen Dokumenten tauchen sie als Bulgari auf, während ihre Sprache eine Mischung aus bulgarischem Dialekt und anderen slawischen Dialekten war. Sie koexistierten mit den Griechen, den Bulgaren, Albanern, mit Christen und Muslimen. Sie schufen wie alle anderen Völker ihre eigene Kultur, ihre eigenen Lieder, Tänze und Mythen. Im jugoslawischen Völkerbund versuchten sie, ihre eigene, rein slawische, Physiognomie zu entwickeln. Aber statt auf ihre Herkunft, ihre Wurzeln, ihre Sprache, ihre Symbole stolz zu sein, beschlossen sie – verleitet von einem politischen Annektionismus, der sie für die eigenen Interessen zu instrumentalisieren trachtete –, sich zu verwandeln, und zwar: in Griechen!

Die Makedonier sind Griechen

Denn die Makedonier lebten im griechischen Makedonien tausend Jahre, bevor die Slawen auf den Balkan kamen, und keiner bezweifelte bislang, dass Alexander der Große Grieche war, und dass sein Lehrer Aristoteles griechisch sprach und schrieb. Mit alledem will ich nur darauf hinweisen, dass es sich hierbei keineswegs um eine politische Auseinandersetzung handelt, sondern um eine Frage moralischer Natur: Kann man akzeptieren, dass sich ein Staat anmaßt, die Geschichte eines anderen Volkes, dessen Symbole und Namen zu usurpieren?

Schließlich wählte der Skopje-Staat als Symbol für seine Staatsflagge die SONNE VON VERGINA, das Wappen von Phillip, das kürzlich im Grab des Königs von Makedonien am Fuße des Olymp, also im Herzen Griechenlands, gefunden wurde. Vorher schon druckte Skopje auf seine Geldscheine den Weißen Turm von Thessaloniki und schmückte all seine Institute mit dem Abbild Alexanders des Großen, um nur einige der zahllosen Aneignungsversuche griechischer Wahrzeichen und Geschichte anzuführen.

Anspruch auf griechische Territorien

Sie könnten mir entgegnen: Wenn sich die Skopje-Slawen so sehr als Makedonier fühlen, warum fordert ihr sie nicht auf, heim ins Reich, nach Griechenland, zu kommen? Aber zum Glück – oder sollte ich „leider“ sagen? – haben wir Griechen nicht die Mentalität einer Großmacht, nicht den Anspruch, das auserwählte Volk zu sein, keinerlei Arroganz gegenüber Schwächeren. In unserm Fall beobachten wir das andere Extrem: Ein kleiner Bezirk Jugoslawiens, der vor einigen Jahrzehnten willkürlich auf einen griechischen Namen getauft wurde, bekommt mit der Zeit immer mehr Appetit – unterstützt von mächtigen Interessengruppen in der ganzen Welt –, erklärt im weiteren Geschichtsverlauf die Existenz einer „Makedonischen Nation“ und krönt nun seine Staatsdoktrin, indem es Anspruch auf griechische Territorien erhebt, darunter auf Makedonien selbst, den Nordbezirk Griechenlands, mit seiner Hauptstadt Thessaloniki.

Sie schreiben mir, dass sich „Europa in einer Übergangsphase befindet, die Landkarte neu gestaltet wird, Nationen und Grenzen aufgelöst und neu definiert werden …“. Ich hoffe sehr, Sie meinen damit nicht, dass auch unsere Grenzen neu definiert werden sollten … Und Sie fahren fort: „Deshalb sind sie auch beide unsere Kollegen und Freunde – die Filmemacher Griechenlands und die Filmemacher Mazedoniens.“ Auch wenn ich wollte, könnte ich dem nicht zustimmen, dass es heute Griechen und Makedonier gibt. Denn ganz einfach: die Makedonier sind Griechen, genauso wie die Sachsen Deutsche sind.

Mikis Theodorakis Makedonien Problem, Asteris Kutulas
Photo by © Privatier/Asti Music

Und so möchte ich meinen Brief mit einem absurden und monströsen Szenarium beenden, das, hoffe ich, Ihnen hilft zu verstehen, was genau geschieht und in welch unvorstellbare Situation uns der „Trotz“ einer Handvoll Menschen gebracht hat, die fortfahren, sich als etwas anderes auszugeben, als sie in Wirklichkeit sind:

1945 beschließen Stalin und polnische Staatsfunktionäre, um später „rechtmäßig“ deutsche Territorien beanspruchen zu können, an den östlichen Grenzen zu Deutschland einen Bezirk mit dem Namen „Sachsen“ zu gründen. Seine Einwohner haben keinerlei Beziehung zum deutschen Volk. Sie sind eine Mischung aus Slawen unterschiedlicher Herkunft, Polen, Zigeunern, Albanern und Muslimen. Dieses seltsame „Sachsen“ entwickelt einen eigenen Dialekt mit slawischen, albanischen und polnischen Einflüssen. Diesen Dialekt taufen die Herrschenden „Sächsische Sprache“. Des weiteren gründen sie (mit reichlich Geld) Institute in Australien, Kanada, den USA und in Europa, in denen die „Sächsische Nation“ propagiert wird. Die neuen „Sachsen“, oder besser die Pseudo-Sachsen, erklären sich mit der Zeit zum alleinigen Erben des sächsischen (und damit auch: deutschen) Kulturgutes. Walther von der Vogelweide, Luther, Bach, Immanuel Kant werden zu ihren nationalen Idolen. Sie drucken Landkarten von „Groß-Sachsen“ mit der Hauptstadt Dresden, nehmen den Dresdner Zwinger als Staatssymbol in ihre Fahne auf und geben Briefmarken mit dem Abbild August des Starken heraus. Schließlich wählen sie im Jahre 1991 eine Verfassung, die den Grundsatz festlegt, dass das Staatsziel „Sachsens“ darin besteht, ganz Sachsen, also auch den noch deutschen Teil, vom deutschen Joch zu befreien! Aber das deutsche Volk rebelliert. Die deutsche Regierung sieht sich zum Handeln gezwungen. Das Thema wird im EU-Rat behandelt, der gerade in Lissabon tagt und der einstimmig beschließt, dass die Pseudo-Sachsen aufhören müssen, einen fremden, einen deutschen Namen zu führen und die deutsche Geschichte zu usurpieren. Aber die Pseudo-Sachsen machen weiter … So schicken sie auch zum Filmfestival nach Athen einen pseudo-sächsischen Regisseur, den wir hier in Griechenland sofort als echten Sachsen anerkennen, also de facto als Repräsentanten des – deutschen! – „Groß-Sachsens“. Und wenn Sie als deutscher Künstler – und das deutsche Volk – protestieren und darauf hinweisen, dass es sich dabei um eine unverhohlene Geschichtsanmaßung handelt, antworten wir Ihnen, dass es uns nicht möglich ist, Unterschiede zu machen und dass für uns die „Sachsen“ (in Anführungsstrichen) und die Deutschen gleichermaßen Kollegen und Freunde sind, was nichts anderes bedeutet, als dass wir anerkennen, dass Deutsche und Sachsen (ohne Anführungsstriche) was vollkommen anderes sind und damit ebenfalls, dass Dresden, Meißen, Chemnitz, Leipzig, die Sächsische Schweiz eigentlich zum slawischsprechenden „Sachsen“ gehören. Obwohl dessen Vorfahren ja eigentlich noch Tausende von Meilen entfernt lebten, als das sächsische/deutsche Volk bereits das Nibelungenlied, einen Dürer, Lessing, Schiller, Mozart hervorbrachte. Jedenfalls stelle ich mir ungern vor, was passiert wäre, wenn nicht Griechenland, sondern tatsächlich Deutschland von so einem Problem betroffen gewesen wäre.

Die Verleugnung der eigenen Tradition

Mein Szenarium hat mit streng historischen Fakten zu tun. Und zusätzlich mit folgender Tatsache: Wenn ein Volk, und mehr noch ein Künstler seine Wurzeln verleugnet, wird das, was er künstlerisch ausdrückt, eine Lüge sein. Und wie Sie sehr gut wissen, sind Kunst und Lüge wie Feuer und Wasser. So wird ein Pseudo-Sachse, der angibt, sein Werk gründe sich auf – nichtexistente – deutsche Wurzeln, genauso lügen müssen wie ein Pseudo-Makedonier, der auf seiner – natürlich nichtexistenten – makedonischen, also griechischen Herkunft besteht. Das ist ganz einfach Betrug, und ich bin mir sicher, dass auch Sie sich über kurz oder lang dessen bewusst werden.

Was nun, wenn die „unpolitische“ European Film Academy mit einem pseudo-makedonischen Regisseur konfrontiert wird? Wir leben in einer organisierten Weltgemeinschaft, in der bedauerlicherweise der einzelne Künstler darunter leiden muss, wenn es darum geht, seinen Staat, mit dem er sich identifiziert, in die Schranken zu weisen, falls dieser Staat das friedliche Miteinander der Weltgemeinschaft bedroht. Und die Film Academy ist eine Organisation dieser Weltgemeinschaft und kann nicht de facto das Prinzip der Gleichberechtigung des Einzelnen über das Völkerrecht stellen. So wird, meiner Meinung nach, auch die Film Academy als künstlerische Institution nicht umhin können, will sie beiden Grundrechten gerecht werden, einen Weg des Kompromisses zu gehen, der z.B. darin bestehen könnte, dem Künstler als Einzelperson – und nicht als Repräsentanten eines vom EU-„Anerkennungsboykott“ betroffenen Staates – die Teilnahme am Filmfestival nahezulegen, so wie das mit den jugoslawischen Sportlern bei den letzten Olympischen Spielen geschehen ist.

Ich hoffe sehr, dass Sie nun meine Haltung besser verstehen, aber auch diesen langen, allzu langen Brief, mit dem ich Sie bemüht habe, weswegen ich Sie auch um Verzeihung bitte, zugleich meine Achtung und Liebe Ihnen und Ihrem Werk gegenüber bekundend.

Herzlich –

Ihr Mikis Theodorakis
Athen, 1992

Übersetzt von Asteris Kutulas

Mikis Theodorakis: „Wenn ich an den Holocaust denke: Ich schäme mich, als Mensch geboren zu sein“

Dance Fight Love Die – Ein extremer Film (Interview)

INTERVIEW MIT DEM FILMREGISSEUR UND AUTOR ASTERIS KUTULAS

Griechenland Aktuell sprach mit Asteris Kutulas, dem Filmregisseur, Übersetzer griechischer Literatur, Gründer der Deutsch-Griechischen Kulturassoziation e.V. und Festivaldirektor des 1. Festivals Hellas Filmbox Berlin, über seinen neuen Film „Dance Fight Love Die“, über Mikis Theodorakis und über die Präsenz der Musik von Theodorakis in der Bundesrepublik:

Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas, Tübingen 1988

Griechenland Aktuell: Nach „Recycling Medea“ kommt nun ein weiterer Film von Ihnen über das Leben und künstlerische Schaffen des wohl heute bekanntesten Griechen Mikis Theodorakis mit dem markanten Titel „DANCE FIGHT LOVE DIE“. Erzählen Sie uns von der Hauptidee Ihres Films.

Asteris Kutulas: In „Recycling Medea“ – meinem ersten Film der „Thanatos Tetralogie“ – steht nicht Mikis Theodorakis im Mittelpunkt des Geschehens, sondern der antike Mythos einer Mutter, die ihre zwei Kinder tötet, um sich an ihrem Mann zu rächen, der erst fremdgegangen ist und sie dann wegen dieser anderen Frau verlassen hat. Theodorakis’ Musik dient sowohl bei diesem als auch bei meinem neuen Film DANCE FIGHT LOVE DIE als „Soundtrack“. Und das wird wieder so sein bei „Elektra“ und „Antigone“, den anderen beiden Filmen der Tetralogie, die in den kommenden Jahren entstehen sollen.

Leben und Werkschaffen von Theodorakis ist – auf sehr poetische und eigenwillige Art und Weise – tatsächlich das Thema unseres Films „DANCE FIGHT LOVE DIE – With Mikis on the Road“. Ein schnell geschnittenes, rasantes Roadmovie über Musik, Rock’n’Roll, Sehnsucht, Kampf, Träume, Liebe und Tod. Ich wollte mit filmischen Mitteln die Frage beantworten: Was ist Kunst? Und ich wollte einen Film machen, der sich unterscheidet von allem, was ich vorher gesehen hatte.
Einen Film, geboren aus dem Geiste der Musik. Sehr modern und zugleich sehr emotional.

Griechenland Aktuell: In der Filmankündigung heißt es, dass Sie Theodorakis 30 Jahre lang, von 1987 bis 2017, auf vier Kontinenten begleiteten. Bei dem, was Sie an Filmmaterial in Ihrem Archiv haben, handelt es sich um einen riesigen Fundus. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach war, daraus ein lebendiges Ganzes entstehen zu lassen, also tatsächlich einen Film von 87 Minuten Länge.

Asteris Kutulas: Das Problem bestand darin, dass die etwa 600 Stunden Material, die ich 30 Jahre lang mit kleinen, unprofessionellen Kameras gedreht hatte, niemals dazu bestimmt waren, zu einem „Film“ zu werden. Darum mussten wir einen Weg finden, dieses Material mit neu gedrehten Szenen zu „kreuzen“, um eine filmästhetisch überzeugende Lösung zu finden. Ich wollte durchaus so etwas wie einen „atemberaubenden Film“ für das Kino schaffen, was uns – meiner Meinung nach – gelungen ist. Auch die allermeisten Publikumsreaktionen bestätigen das. Selbst Menschen, denen der Name Mikis Theodorakis kein Begriff ist und die seine Musik noch nie gehört haben, fühlen sich von dem, was sie sehen und hören, stark angesprochen und mitgenommen auf diese Reise. Eine Bilder-Explosion, ein „Baden“ in Musik und in ganz vielen – konträren – Film-Ideen. Kann man schwer beschreiben, ist was Neues, sollte man sich unbedingt ansehen.

Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas, Leipzig 1983

Griechenland Aktuell: DANCE FIGHT LOVE DIE kommt ab heute, den 10. Mai, in die deutschen Kinos, was ein großer Erfolg ist. Das hat sicherlich auch mit der Person von Mikis Theodorakis zu tun?

Asteris Kutulas: Theodorakis ist für mich ein „musikalischer Anarchist“, ein moderner Mozart. Er gehört zu den größten Melodikern des 20. Jahrhunderts. Seine Melodien überwinden Sprach- und Ländergrenzen, pflanzen sich fort, als wären sie zeitlos. Sie erreichen Musiker, Sänger, Tänzer, Hörer bis heute. Dieses musikalische Material inspiriert, als wäre es gerade erst geschrieben worden. Das offenbart DANCE FIGHT LOVE DIE auf sehr filmische Art und Weise. Ein extremer Film, sowohl hinsichtlich seiner inhaltlichen Konsequenz als auch seiner Form.

Griechenland Aktuell: Es lässt sich annehmen, dass die Musik von Mikis Theodorakis wie auch seine enorme Persönlichkeit in Deutschland nach wie vor bekannt sind. Ist Mikis Theodorakis in der heutigen Bundesrepublik noch immer beliebt?

Asteris Kutulas: Ganz sicher kann man sagen, dass Theodorakis beliebt ist. Er hat anderen nie nach dem Munde geredet und seine Meinung nie hinter der Meinung anderer versteckt. Er war immer sehr eigenständig, unabhängig. So ist auch seine Musik. Dieses Idol, das er bereits vor Jahrzehnten war, ist er für sehr viele Menschen in Deutschland geblieben. Seine Musik, oft tief emotional, schenkt Momente der Erlösung und der Motivation, sie gibt Kraft. Das haben nicht wenige früher erlebt, und um das heute wieder erleben zu können, hört man diese Musik, geht in diese Konzerte. Ich war gerade jetzt, am 4. Mai, bei einer Aufführung seines Werks „Canto General“ im ausverkauften Dresdner Kulturpalast, mit einem völlig enthusiastischen Publikum, der Applaus wollte nicht enden, Chor, Orchester und Solisten hätten noch x Zugaben geben können. Letztes Jahr erlebte ich das bei nach der Aufführung seiner 2. Sinfonie und des „Adagio“ aus der 3. Sinfonie, die von den Düsseldorfer Sinfonikern gespielt wurden. Bei Konzerten seiner „Liturgie Nr. 2“ in Brandenburg und Magdeburg war das zu erleben, und ich erlebe so etwas Ähnliches nach den Vorführungen von „Dance Fight Love Die“, wo das Publikum den Theodorakis, den es kennt, teilweise neu entdecken kann.

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen sich wünschen, diesem Mann wieder begegnen zu können, sich wünschen, dass ihre Kinder und Enkel ihn und seine Musik erleben. Es ist tatsächlich so, als würde man seine Batterien aufladen können, wenn man diese Musik hört. Oftmals erzählt sie von der Sehnsucht des Menschen, ein Tänzer zu sein. Es ist nicht nur ein hoher Beliebtheitsgrad, von dem man sprechen kann, wenn man darüber redet, was für Theodorakis und seine Musik kennzeichnend ist, sondern es ist Dankbarkeit dafür, dass man mit dieser Energie in Kontakt sein kann, dass man bei einer Begegnung zusammen sein kann mit diesem wachen, interessierten Mann, der einem auf den Grund des Herzens schaut und der ein ausgezeichneter Gesprächspartner ist. Er ist ein freier Geist, ein ungewöhnlicher Mensch, und seine Musik ist unikal. Ich erlebe sehr erfolgreiche Musiker und Komponisten, Dirigenten und Chorleiter, die sich vor diesem Werk verneigen. Mir scheint das sogar häufiger geworden zu sein, als es z.B. vor zwanzig Jahren der Fall war. Ich bin absolut sicher, dass Theodorakis’ Musik noch oft neu entdeckt werden wird und Menschen ergreift.

Griechenland Aktuell, 10. Mai 2018

Dance Fight Love Die (Cinema Trailer)

DANCE FIGHT LOVE DIE
WITH MIKIS THEODORAKIS ON THE ROAD

A film by Asteris Kutulas
based on the music of Mikis Theodorakis

Ein clipartiges Notebook. 60 mal Musik. 60 Stories. 1 Anti-Romanze. Ein ungewöhnlicher Film über den musikalischen Anarchisten Mikis Theodorakis.

A clip-style journal. 60 bits of music. 60 stories. 1 anti-romance. The most extraordinary film about musical anarchist Mikis Theodorakis.

With Mikis Theodorakis, Sandra von Ruffin, Stathis Papadopoulos

Featuring (in alphabetical order) | Rafika Chawishe, Rosa Merino Claros, Uwe Förster, Constantinos Isaias, Stella Kalafati, Katharina Krist, Inka Neumann, Aiste Povilaikaite, Sofia Pintzou, Anna Rezan, Carlos Rodriguez, Marilyn Rose, Tatjana Schenk, Kat Voltage a.m.o.

With the Cover Orchestrators, Singers, Dancers, Soloists and Artists
(in alphabetical order) | Air Cushion Finish, Anna RF, Alexia, Çiğdem Aslan, Bejeranos & Microphone Mafia, Zoe Chressanthis, George Dalaras, Deerhoof, July Dennis, Francesco Diaz, Thanassis Dikos, Maria Dimitriadi, Galina Dolbonos, Eves Karydas, Maria Farantouri, Elliot Fisk, Ekaterina Golowlewa, Lakis Karnezis, Alexandros Karozas, Loukas Karytinos, Rainer Kirchmann, Maria Kousouni, Johanna Krumin, Ilse Liepa, Zülfü Livaneli, Melentini, Lorca Massine, Elinoar Moav, Petros Pandis, Kostas Papadopoulos, Maria Papageorgiou, Dulce Pontes, Anthony Quinn, Henning Schmiedt, Sebastian Schwab, Margarita Theodorakis, George Theodorakis, Kostas Thomaidis, Emilia Titarenko, Vladimir Vasiliev, Tatjana Vassilieva, Kalliopi Vetta, Nadja Weinberg, Renato Zanella, Jannis Zotos and many others

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DANCE FIGHT LOVE DIE is an exuberant visual epic: a poetic road movie; an associative film collage from the cosmos of composer Mikis Theodorakis, the ingenious enfant terrible of our recent European musical history, who inspired millions around the world, a standout artist shaped by his dramatic century, a man who made history.

From 1987 to 2017 director Asteris Kutulas was a constant at Theodorakis’ side. He captured countless moments of the composer’s life over 3 decades, 4 continents, 100 locations, and 600 hours of footage. For this exceptional film, Kutulas spliced extremely personal moments with treasures from the archives, documentary recordings with fictions, even the humorously grotesque, adding Theodorakis’ own music as reinterpreted by many, mostly young, artists who add to the master’s compositions their own personal inflections, be it from jazz, classical, electro or rap.

An 87-minute music extravaganza… Very few words. DANCE FIGHT LOVE DIE is a unique film on inspiration, Eros and Thanatos.

Dance Fight Love Die by Mikis Theodorakis and Asteris Kutulas
Official movie poster of Dance Fight Love Die

DANCE FIGHT LOVE DIE

Directed by Asteris Kutulas
Written by Asteris & Ina Kutulas
Sound & Music Mixing, Editing & Mastering | Alexandros Karozas
Cinematographer | Mike Geranios
On the Road cameras 1987-2017 | Asteris Kutulas
Editing | Cleopatra Dimitriou & Yannis Sakaridis
Make Up Artist | Johanna Rosskamp
Costumes | Heike Hartmann & Anabell Johannes
Art Director | Achilleas Gatsopoulos
Graphic Design & Motion Graphics | Achilleas Gatsopoulos & DomQuichotte
Color Correction | Matthias Behrens
Online Editing | Domingo Stephan
Camera Assistent | Max Valenti
Gaffer | Vassilis Dimitriadis
Production Manager (fiction part) | Marcia Tzivara

Post Production Management | Dimitris Argyriou
Artistic Consultancy | Ina Kutulas, DomQuichotte, James Chressanthis & Klaus Salge
Additional Photography | James Chressanthis (ASC), Stella Kalafati, René Dame, George Theodorakis, Reinhold Spur, Matthias Seldte, Achilleas Gatsopoulos, Vasilis Nousis, Stefanos Vidalis, Lefteris Eleftheriadis, Ioannis Myronidis, Zafeiris Haitidis
Additional Editing | Dimitris Argyriou, Stella Kalafati, Antonia Gogin, James Chressanthis, Lemia Monet, Bernd Lützeler, George Theodorakis, Zoe Chressanthis
Translations | Sonja Commentz (English) & Ina Kutulas (Deutsch)
Press & PR | Sofia Stavrianidou & Tony Agentur
Festival Strategy & Distribution | NewBorn Short Film Agency (Dimitris Argyriou)
Associated Producers | Klaus Salge, Christopher Kikis & Uwe Förster

Music Publishers | Schott Music GmbH & Co. KG & Romanos Productions Ltd.

Co-Produced by Yannis Sakaridis & ERT TV
Co-Produced by Schott Music GmbH & Co. KG

Produced by Asteris & Ina Kutulas
© Asti Music, 2018

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas in Vrachati 1982 (Photo © by Rainer Schulz)
A letter from Mikis Theodorakis on the occasion of the German cinema premiere of the film Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road in May 2018:
Λυπάμαι πολύ που δεν θα μπορέσω να βρεθώ σήμερα μαζί σας στο Βερολίνο και στο πλευρό του αγαπημένου μου φίλου, του Αστέρη Κούτουλα. Κιόλας μέσα από το πρώτο του έργο, Recycling Medea, διέκρινα την ιδιαίτερη προσωπική του ματιά που πραγματικά ήταν μια ευτυχής έκπληξη για μένα, γιατί μου αποκάλυπτε εντελώς νέους εκφραστικούς τρόπους στη διαχείριση της ζωής και του έργου μου. Σας διαβεβαιώ, ότι αυτή η παραδοχή δεν ήταν εύκολη για μένα λόγω του όγκου του έργου μου και της πολυτάραχης ζωής μου μέσα από τους δύσκολους δρόμους της σύγχρονης ιστορίας μας. Κι ακόμα γιατί ήταν επόμενο να έχω καταλήξει στους δικούς μου προσωπικούς κωδικούς ως προς την φιλοσοφία και την αισθητική, όπως σμιλεύτηκαν μέσα από τις εμπειρίες και τις σκέψεις μου. Αντιθέτως όμως, θα έλεγα ότι αντί να με απωθήσουν οι νέοι ορίζοντες που άνοιγε με στον τομέα της κινηματογραφικής σκηνοθεσίας, με πλούτισαν ψυχικά, πνευματικά και διανοητικά, γιατί με βοήθησαν να δω τον εαυτό μου και το έργο μου με το ανανεωμένο και τολμηρό βλέμμα του σήμερα και του αύριο. Θα ‘λεγα ότι αυτή η προσέγγιση με κάνει να νιώθω νέος ανάμεσά σας, καθώς συντρίβει τα δεκάδες χρόνια με τα οποία με έχει φορτώσει η αδάμαστη ζωή μου. Έτσι θα βρίσκομαι με τη σκέψη μου στο πλευρό του Αστέρη και όλων των συντελεστών του έργου του.
Μίκης Θεοδωράκης, 2.5.2018

Recycling Medea – Movie Reviews & Statements

On the movie Recycling Medea (press excerpts & reviews)

… Asteris Kutulas has made a film on the crisis, on the protests and the story of Medea, the child murderess from Greek mythology. The result, however, is no documentary, but rather a cinematic essay, a visually striking collage that interweaves the protest marches and a Medea ballet production. And he does it to harrowing effect since the presence of prima ballerina Maria Kousouni, combined with the burning streets of Athens, proves an artful plot device with resounding pathos. Not to forget composer Mikis Theodorakis who does not remain the mute composer behind the scenes, but chooses to voice his own opinion. “If I was young today, they might also call me a terrorist”, he states …
Andreas Thamm, 15 November 2013
Süddeutsche Zeitung

Recycling Medea by Asteris Kutulas with Maria Kousouni
Maria Kousouni as Medea (Photo © by Stefanos Kyriakopoulos)

… Society: a power hungry, child-murdering entity. In this case, Greece. Two years ago in Athens, Asteris Kutulas watched the Medea choreography by Renato Zanella, head of the Athens National Ballet. The ensemble’s performance inspired this filmic experiment and contemporary reflection of the Greek situation. It explores the tragic figure of Medea who decides to take murderous revenge against her husband’s – avaricious and vain – betrayal. In Zanella’s Medea, terrific prima ballerina Maria Kousouni plays the leading role and key part in a film that is based on two choreographies, artistic and spontaneous. In the latter, Kutulas frequently contrasts the dance sequences with recordings of Greek youngsters, caught up in protests against a state that has robbed them of their future…
Jochen Schmoldt, December 2013
plärrer, Nuremberg

Recycling Medea by Asteris Kutulas at the EPOS festival in Tel Aviv. Israel
Review of Recycling Medea in the programme of the EPOS film festival in Tel Aviv, Israel.

Excerpt from the FAZ review of the premiere

… The ballet’s key scene also defines the entire film; it is its quintessence: Jason casts Medea out because he wants to marry another. A “shift in values” that requires and demands unfettered freedom. “If you wish to be free”, Medea retorts, “you will lose your children.”
Prima ballerina Maria Kousouni is from Athens and a brilliant, fantastic Medea. Renato Zanella, whose masterly choreographies have already graced Stuttgart, Berlin and especially Vienna, commands Kutulas’ film with his ensemble … Kutulas and his editor Babette Rosenbaum have edited Zanella’s stern danse macabre into harsh scenes of the Greek youth’s physical actions against the government. These monochrome documentary sequences, rarely illuminated by the occasional orange glow of burning streets, see them face the state’s power. It is a ballet of a different kind: that of stamping police boots, light-footed sneakers on the run and injured human bodies hitting the pavement.

Kutulas’ achievement, and that of his team, is the seamless interplay of these dance and street scenes. The almost wordless narration of the suffering murderess, carried by Theodorakis’ powerful music; Medea’s staged emergence from her terrible past; the viewer’s involuntary involvement in the atrocious present, in this everyday war of the generations set against the splendid façade of the parliament on Syntagma Square …

An audience of 1,200 – mostly young people – had flocked to the film’s premiere at Athens’ Theater Badminton. A rousing success, considering the enforced lack of advertising or public announcements: On express government orders, and a mere week before the film’s release, Recycling Medea’s intended promotional partner – state-owned TV and radio station ERT – had ceased operations. The enthusiastic audience, however, not only celebrated Kutulas and his dancers, but most of all wheelchair-bound Mikis Theodorakis, who had been pushed into the theatre by helpers. Edited into one of the work’s vicious fight scenes, the 53-year-old director lets the 87-year-old composer sigh, “If I was young today, they might also call me a terrorist”.

So, what kind of work is this? A music or ballet film? A political work or a documentary? According to the director, it is all of this and none at all. And yet, its context makes this a political film, first and foremost …
Hansgeorg Hermann, 4 July 2013
Frankfurter Allgemeine Zeitung

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The moral lesson of this epic poetic feature film raised my consciousness from the inside out. This is not art for art’s sake. It is art with a deep compassion for humanity. The pacing is fast and the message clear: the future of our children has been seriously compromised. Kutulas’ film should be viewed by a wide and diverse audience.
Spyros D. Orfanos, Ph.D., 2015
New York University – Psychotherapy & Psychoanalysis

Ballet film Recycling Medea by Asteris Kutulas
Poster draft „Recycling Medea“ (Photo © by Bill Billias)

Recycling Medea blends classical and modern dance with contemporary scenes of young people protesting austerity measures. According to the description of this powerful cinematic experiment, “Greece murders its children by destroying their future” … Spun from the associative and music-led montage of dance scenes and images showing frail and belligerent youths arises a filmic and identity-defining national anthem on contemporary events, retelling the legend against the backdrop of current crises.
Dunja Bialas, 14 November 2013
artechock.de

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Recycling Medea is a stirring and disturbing film about today’s child-murdering society. “To me, the Medea film”, explains Theodorakis, “is a Greek work of art.” A true statement. In the spirit of its Greek origins, it tells – in grand style – of our origins. It is a work about us all.
Junge Welt, 27 June 2013

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Asteris Kutulas’ filmic poem Recycling Medea conjures up consistent, bold and occasionally cryptic associations, narrated from the perspective of lost children. Playing off and with top-class and exquisitely emotional opera sequences, the direction splices the Greek tragedy (431 BC), verse by metaphorical verse, with the current Greek tragedy and its lost generations.

To this end, director Kutulas cuts the antique myth, through impressive camera and editing, into a clash of ‘stage ballet’ and ‘street ballet’, thus creating an entirely different collage and opera-ballet-documentary-art-film …

At the same time, Kutulas’ film not only documents the play, but also focuses on the repeated, occasionally baffling disruptions of Medea’s dance-based tragedy by streets filled with hooded and masked youths, armed police forces and burning cars. The time of innocence is gone. With its multi-layered approach, Recycling Medea illuminates times of resistance, of guilt, of lacking perspectives. Text and image fragments (inspired by Lars von Trier, Pasolini, Carlos Saura, Theo Angelopoulus et. al.) open up new room for thought. The children are dead, the country dying, a gasmask-wearing Theodorakis appears among the protesters; Medea stares up at the bright balcony seats, a masked protester straight at the camera. Art and reality start to mesh.
The epic narrative is underscored by stylistic elements, including the film’s typography: a cartoon font softens the harsh reality of Euripides’ quotes. On a different layer and level, the startling juxtaposition of 15-year-old blond “artlessness” – Bella’s internal monologue – appropriates authentic quotes from Anne Frank’s 1943/44 diary, thus adding contours to a striking yellow press beauty to embody a vision without a future …
With its timeless and encompassing approach, Kutulas’ melancholic epic Recycling Medea subliminally catapults fundamental questions of a parent generation’s guilt all the way into the present.
Karin Schmidt-Feister, 18 January 2014
tanznetz.de

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Provoking opus …

Based on the Medea choreography by Renato Zanella, head of the Athens National Ballet, Asteris Kutulas achieves a harsh contrast: fleet-footed art meets the spontaneous choreography of the streets in the guise of young Greek demonstrators in Athens who tackle a phalanx of law enforcement to vent anger about their stolen future. The visually captivating film leaves plenty of space for the sheer incredible presence and expressiveness of dancer and prima ballerina Maria Kousouni performing the elegiac revenge of a jilted Medea, while the charged and emotional ballet music was composed by Mikis Theodorakis, based on his opera Medea by Euripides …
Plärrer, January 2014

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Asteris Kutulas transforms the crisis gripping his native country into a poetic film that splices adolescent street fights with the ancient legend of child-murderess Medea. Medea twists and dances to Mikis Theodorakis’ music. The mythical figure finds herself caught in a desperate struggle, grappling with the decision to kill her children to punish her unfaithful husband. Cut. Tear gas wafts through the centre of Athens. Young people flinging fire bombs. Police behind shields. Cut. A young, elfish girl on a green meadow. Lost innocence incarnate. Just like the cradle of European civilisation lost its innocence in the ongoing crisis. The current situation in Greece inspired Asteris Kutulas’ imagery … and the result of these experiences is no feature film per se, no ballet film or political flick. Rather, it is a poetic collage, a 76-minute video clip …
Joachim Fahrun, 18 January 2014
Berliner Morgenpost

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… Another film that deserves mention is Asteris Kutulas’ film ”Recycling Medea”. It is a fascinating motion picture adventure, a cinematic canvas that mixes ballet dancing with opera music composed by the iconic Mikis Theodorakis, narration, images of youth protests in the streets of Athens and a character inspired by Anne Frank. Visually stunning and masterfully choreographed by Renato Zanella, the dancing vividly conveys an array of feelings ranging from love, hate, revenge and ultimately Media’s denial of the unbearable crimes she has committed. –
Hollywood Greek Reporter, 24 June 2015

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Medea’s shoulders
… The film shows the Medea ballet set to Mikis Theodorakis’ music and Renato Zanella’s choreography, cut with fight scenes between police and protestors in today’s Greece. The Anne Frank story, too, joins the narrative. The State Academic Orchestra and the St Petersburg Choir play and sing. Theodorakis conducts. It is an overwhelming, a ravishing music. Kutulas shows the dancers applying make-up as well as their choreographies, he reveals how he works with the ensemble and explains his intentions. The music carries the film, propels it into virtual highs and lows. As do, it should be said, the shoulders of prima ballerina Maria Kousouni. Shoulders of incredible strength, militancy and vulnerability; shoulders of great radiance. They symbolise the Medea legend’s dire abyss – and the sheer might passionate women can add to the scales. Something that simply needs to be seen.
Kopkas Tagebuch, Movie Star, 19 January 2014

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Based on the intensely dramatic and exceptionally emphatic opera Medea by composer Mikis Theodorakis as well as Renato Zanelli’s no less expressive ballet choreography, danced by exceptional prima ballerina Maria Kousouni, Asteris Kutulas spins surprising links between the choreographies of stage and street where, on Athens’ Syndagma Square, police and young protesters find themselves embroiled in bitter battle.
Greek News Online, May 26th 2014

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Fascinating Flicks at 9th Los Angeles Greek Film Festival
… Among the high caliber films shown at the festival that made impressions were, Asteris Kutulas’ film ”Recycling Medea,” a fascinating motion picture adventure. Kutulas; cinematic canvas mixes ballet dancing with opera music composed by the iconic Mikis Theodorakis, narration, images of youth protests in the streets of Athens and a character inspired by Anne Frank.  Visually stunning and masterfully choreographed by Renato Zanella,  the dancing  vividly conveys an array of feelings ranging from love, hate, revenge and ultimately Media’s denial of the unbearable crimes she has committed.
The National Herold, New York, June 14, 2015

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Passion, sexual betrayal, conflict, revenge, and infanticide are boiler plate themes for opera. The eminent Greek composer and political activist Mikis Theodorakis premiered his opera Medea in 1991 at Teatro Arriaga in Bilbao, Spain. Theodorakis, now 95 years old and still a radical, emphasizes the humanity of the myth, particularly with the themes of passion, dignity and loss. The last aria of the opera is, in my estimation, one of the most beautiful ever composed. In an earlier 1969 iteration as a song, Theodorakis had called it “The Oracle.”
„Recycling Medea“ is a passionate and poetic cinematic essay. It is a striking visual collage integrating scenes of protest marches, Theodorakis in a gas mask and stomping police boots in the burning streets of modern Athens with the passionate choreography of Renato Zanella. The exquisite prima ballerina Maria Kousouni portrays Medea. She manages to amaze the spectator with her sublime movements and the reach of her limbs. Her movements are immensely more expressive than the libretto. They represent a Medea we pity and fear – a woman and mother who is more than vengeful, she is tender, frightened, loving, heartbroken, mad. The music and the dance combine to both reassure and haunt my dreams. The contradictions in mood are stunning. Mother and society have betrayed the children. They have killed their future, and perhaps ours.
Spyros Orfanos, 7 August 2020
New York University Postdoc Blog

Recycling Medea | A film by Asteris Kutulas | Music by Mikis Theodorakis | Choreography by Renato Zanella | With Maria Kousouni as Medea

Recycling Medea Website

Mikis Theodorakis on „Recycling Medea“

Recycling Medea – Photos

Recycling Medea | A film by Asteris Kutulas | Music by Mikis Theodorakis | Choreography by Renato Zanella | Written by Asteris & Ina Kutulas | With Maria Kousouni as Medea 

Bella Oelmann & Nicolaus Kausch during the shootings of „Recycling Medea“, Berlin 2012 (photo © by Ina Kutulas)
Recycling Medea Asteris Kutulas Mikis Theodorakis Maria Kousouni
Maria Kousouni, world premiere of „Recycling Medea“, Badminton Theatre Athens 2013 (photo by © Wassilis Aswestopoulos)
Photos Recycling Medea Asteris Kutulas Remato Zanella
Renato Zanella & Mikis Theodorakis during „Medea“ ballet rehearsal, May 2011 (photo © by Asteris Kutulas)
Recycling Medea Asteris Kutulas Mikis Theodorakis
Asteris Kutulas speech before the screening of „Recycling Medea“ at the Gasteig Munich
Recycling Medea Asteris Kutulas Mikis Theodorakis Tel Aviv Israel
„Recycling Medea“ at the EPOS Israel International Art Film Festival, Tel Aviv 2014 (photo © by Ina Kutulas)
Maria Kousouni rehearsing Medea, Syros 2011 (photo © by Asteris Kutulas)
Recycling Medea Asteris Kutulas Mikis Theodorakis
Asteris Kutulas, Bella Oelmann & Velissarios Kossivakis, press conference Greek cinema premiere of „Recycling Medea“, Athens 2013 (photo © by Mike Geranios)
Recycling Medea Asteris Kutulas Mikis Theodorakis Nikos Tzimas
Film directors Nikos Tzimas & Asteris Kutulas before screening of „Recycling Medea“ at the Goethe-Institute Athens, 2015
Recycling Medea Photos Asteris Kutulas Mikis Theodorakis Renato Zanella
Mikis Theodorakis & Renato Zanella, Athens, May 2011 (photo © by Asteris Kutulas)
World premiere of „Recycling Medea“, Badminton Theatre Athens 2013 (photo by © Wassilis Aswestopoulos)
Recycling Medea Asteris Kutulas Mikis Theodorakis Maria Kousouni
Alexander Kutulas & Maria Kousouni, world premiere of „Recycling Medea“, Badminton Theatre Athens 2013 (photo by © Wassilis Aswestopoulos)
Renato Zanella & Danilo Zeka, world premiere of „Recycling Medea“, Badminton Theatre Athens 2013 (photo by © Wassilis Aswestopoulos)
Recycling Medea Photos Asteris Kutulas Mikis Theodorakis Inna Sewtschenko Femen
Ukrainian FEMEN activist Inna Sewtschenko with Asteris Kutulas during the award ceremony of the Cinema for Peace Most Valuable Documentary Award (for Recycling Medea), Berlin  2014 
Maria Kousouni as Medea, ballet performance 2011, Apollon Theatre Syros (photo © by Stefanos Kyriakopoulos)
Danilo Zeka, Maria Kousouni & Sofia Pintzou, world premiere of „Recycling Medea“, Badminton Theatre Athens 2013 (photo by © Wassilis Aswestopoulos)
Recycling Medea Photos Asteris Kutulas Mikis Theodorakis
Mikis Theodorakis, world premiere of „Recycling Medea“, Badminton Theatre Athens 2013 (photo by © Wassilis Aswestopoulos)
Recycling Medea Photos Asteris Kutulas Mikis Theodorakis
Maria Kousouni & Mikis Theodorakis during the rehearsals of MEDEA ballet, Athens 2011 (photo © by Asteris Kutulas)
Bella Oelmann & Andre Hennicke during the shootings of „Recycling Medea“, Berlin 2012 (photo © by Ina Kutulas)
Recycling Medea Photos Asteris Kutulas Mikis Theodorakis
Danilo Zeka, Maria Kousouni & Mikis Theodorakis during MEDEA ballet rehearsal, Athens 2011 (photo © by Asteris Kutulas)
Recycling Medea Photos Asteris Kutulas André Hennicke
André Hennicke during the shootings of Recycling Medea, Berlin 2012 (photo © by Asteris Kutulas)
Recycling Medea Photos Asteris Kutulas Mikis Theodorakis James Chressanthis
Mikis Theodorakis & cinematographer James Chressanthis in Athens, 2014 (photo © by Asteris Kutulas)

 

During the shootings of „Recycling Medea“, Berlin 2012 (photo © by Klaus Salge)
Recycling Medea Photos Asteris Kutulas Joachim Krol
German actor Joachim Król holding the  Cinema for Peace Most Valuable Documentary Award 2014 for „Recycling Medea“ during the award ceremony (photo © by Asteris Kutulas)
Mike Geranios (DOP), Wassilis Dimitriadis & Asteris Kutulas during the shootings of „Recycling Medea“, Berlin 2012 (photo © by Klaus Salge)
Recycling Medea Photos Asteris Kutulas Alexander Payne Mikis Theodorakis
Mikis Theodorakis & Alexander Payne meeting before private screening of  „Recycling Medea“, Athens 2013 (photo © by Asteris Kutulas)

Recycling Medea | A film by Asteris Kutulas | Music by Mikis Theodorakis | Choreography by Renato Zanella | Written by Asteris & Ina Kutulas | With Maria Kousouni as Medea 

Recycling Medea – Movie Reviews & Statements

Phänomen Mikis Theodorakis

Ein musikalischer Anarchist

Mikis Theodorakis, der Komponist, der Weltbürger, der kompromisslose Demokrat war Zeit seines Lebens ein Vollblutmusiker, der unaufhörlich komponierte, dirigierte, produzierte – Songs und Sinfonien, Ballette und Opern, Filmmusiken und Kammermusik. Sein musikalisches Schaffen und sein gesellschaftliches Engagement führten häufig zu extremen Gegenpositionen, er selbst galt stets als gedanklicher Extremist. Für die Linken ein Rechter, für die Rechten ein Linker. Für akademische Musikkritiker ein Popmusiker, für die Popmusiker ein klassischer Komponist. Er richtete sich auf keinem dieser Plätze ein.

Er war und blieb ein Anarchiker. Ein weltoffener Geist, mit einem minutiösen Gedächtnis, rhetorisch versiert, gebildet, sensibel, voller Humor, umgeben von einer pulsierenden Aura, äußerst diszipliniert, ein begnadeter Geschichtenerzähler, sehr ernsthaft, spontan, lesehungrig – „ein deutscher Komponist, der im Raum der Ägäis geboren wurde“, wie er selbst sagt, „und ein kretischer Liedermacher, der in Paris gelebt hat“.

Eine Umfrage außerhalb Griechenlands ergab, dass Theodorakis Ende der 1980er Jahre der berühmteste Grieche im Ausland war. Er hat weltweit mehr als 70 Millionen Platten und CDs – mit „griechischer Musik“ – verkauft. In Griechenland selbst kennt ihn jedes Kind. Für die Griechen ist er „Mikis“. Sie haben ihn geliebt und gehasst, ihn gehört und ihn verboten. Er musste mehrmals ins Gefängnis, und er wurde weltweit gefeiert. Für viele war/ist er der Inbegriff Griechenlands. 

Die Gründe, die Ursachen für dieses einmalige Phänomen Mikis Theodorakis sind für Nicht-Griechen wahrscheinlich kaum nachvollziehbar. Es entstand, als Theodorakis ab 1960 die hohe Dichtung seines Landes (Elytis, Ritsos, Seferis, Gatsos etc.) „in den Blutkreislauf der breiten Masse einzuspeisen begann“. Der Brite Ron Hall brachte es wie folgt auf den Punkt: „Es war, als hätte Benjamin Britten Verse von Auden vertont, und die Platte, besungen vom Erzbischof von Canterbury, hätte die Beatles aus den Hitlisten verdrängt“. Oder, um das für Deutschland zu übersetzen: Man stelle sich vor, Hans Werner Henze würde Gedichte von Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Erich Fried und Hans Magnus Enzensberger vertonen und die damit veröffentlichten Platten, besungen von Hermann van Veen oder Konstantin Wecker, würden sich fünf Jahre lang durchschnittlich 12 Millionen mal verkaufen. Genau das geschah mit Theodorakis’ Liedkompositionen in Griechenland zwischen 1961 und 1966.

Musik und Lyrik

Allein die Single von „Am Strand“ (mit dem gleichnamigen Text von George Seferis) verkaufte sich 1964 mehr als 400.000 mal, bei einer Bevölkerungszahl von damals 7 Millionen Griechen. 1963 bekam George Seferis den Literatur-Nobelpreis – auch für den Zyklus, den Theodorakis bereits 1961 vertont hatte. Und für das Werk „Axion Esti“, auf dessen Grundlage Theodorakis 1960 sein gleichnamiges Oratorium komponierte, wurde Odysseas Elytis 1979 der Literatur-Nobelpreis verliehen. Es gibt selbst heute kaum einen Griechen, der diese Lieder nicht kennen und singen könnte, der also nicht durch Theodorakis‘ Musik die „hohe Dichtung“ inhaliert hätte.

Musik und Freiheit

Der zweite Grund für die Existenz des Phänomens Mikis Theodorakis, eng verzahnt mit dem eben beschriebenen, bestand im kulturpolitischen Impetus, den seine Musik umgab. Theodorakis verband Anfang der sechziger Jahre seine Kunst sehr bewusst mit einem emanzipatorischen Anspruch: mit dem Gedanken an die Freiheit des Individuums. Im monarchistischen und polizeistaatlich geführten Griechenland zu Beginn der sechziger Jahre entwickelte diese Kombination von Dichtung, Musik und individuellem Freiheitsanspruch eine unglaubliche Dynamik. Und es verwundert nicht, dass viele seiner Lieder damals nicht nur vom Staatlichen Rundfunk – wegen „Aufhetzung gegen die herrschende Ordnung“ (gemeint waren Liebeslieder) – verboten, sondern auch von der kommunistischen Linken stark kritisiert und zum Teil unter Verdikt gestellt wurden (wie die Revue „Lied des toten Bruders“).

Mikis Theodorakis Komponist von Asteris Kutulas
Maria Callas & Mikis (Photo © by Asteris Kutulas)

Sinfonik und Kunst

Dabei beschäftigte sich Theodorakis bis 1960 ausschließlich mit der sogenannten ernsten Musik. Seine Ballette, Klaviersonaten und sinfonischen Werke wurden in London, Paris, Rom, Athen und Stuttgart etc. aufgeführt. Er hatte bei Olivier Messiaen sein Zusatzstudium absolviert und erhielt für sein sinfonisches Schaffen Ende der fünfziger Jahre von Kollegen wie Kodály, Casals, Eisler, Schostakowitch und Milhaud eine Reihe von hochdotierten Preisen und Ehrungen. Das Ballett „Antigone“ (1959) wurde in der Choreographie von John Cranko vom Royal Ballet mehr als 150 mal in Covent Garden aufgeführt.

Der Bruch von 1960

Theodorakis‘ Rückkehr nach Griechenland 1960 und seine Besinnung auf das Lied geschahen aus der Erkenntnis heraus, dass er zu seinen Landsleuten gehörte – zu ihnen, mit denen zusammen er Anfang der vierziger Jahre gegen die Deutschen und Italiener gekämpft, mit denen er den Bürgerkrieg durchlitten und die schweren Jahre nach 1950 durchgemacht hatte. Diese „unterirdische“ – biografisch-seelische – Verbundenheit mit seinen Landsleuten war für ihn die Basis, um seine Kunst-Lieder (die wie „Volkslieder“ funktionierten) schreiben zu können und sie den Menschen zu geben.

Theodorakis „musste“ 1960 das akademische London und das mondäne Paris verlassen, und er musste sich mit dem „Bouzouki“ die Hände dreckig machen. Er tat es für sich und seine Landsleute, die ihn dafür umjubelt und gleichzeitig verdammt haben. Und nach weiteren 20 Jahren Beschäftigung mit dem Lied und seiner „Metasinfonik“, kehrte er 1980 nach Paris zurück, komponierte bis 2001 seine großen Sinfonien und schuf mit seinen Opern „Medea“, „Antigone“ und „Elektra“ eine „neugriechische Opernform“, die er „lyrische Tragödie“ nannte. Theodorakis hat uns Griechen einfach „zu viel“ gegeben, und wir tun uns schwer damit, ihm das jemals zu verzeihen.

© Asteris Kutulas, 2010/2017 | Cover photo of Mikis Theodorakis © by Privatier/Asti Music

(Mehr Informationen und Musik im Buch „Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern“ bei Amazon.)

Dance Fight Love Die – The Satellite Clips

Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road: The Satellite Clips (Trailer)

The Satellite Clips from the Unused Material of the film DANCE FIGHT LOVE DIE.

The Satellite Clips: ASTERIS (Kreuzgymnasium Dresden)
With the classmates of the Kreuzschule by Asteris Kutulas

The Satellite Clips: MAYDAY MIKIS (Dimitris)
With Mikis Theodorakis, Rainer Kirchmann, Maria Farantouri by Dimitris Argyriou

The Satellite Clips: MELENTINI
With Melentini & Mikis Theodorakis by Stella Kalafati

The Satellite Clips: ANNA
With Anna Rezan & Mikis Theodorakis by Dimitris Argyriou & Asteris Kutulas

The Satellite Clips: STELLA
With Stella Kalafati & Mikis Theodorakis by Stella Kalafati

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SATELLITEN UMKREISEN THEODORAKIS’ PLANETEN
Über ein Langzeit-Filmprojekt von Asteris Kutulas
Von Sofia Stavrianidou

30 Jahre. 40 Länder. 4 Kontinente.
600 Stunden Film. 54.000.000 Frames.
Der in Deutschland lebende Publizist, Produzent und Filmemacher Asteris Kutulas hat den griechischen Komponisten Mikis Theodorakis zwischen 1987 und 2017 ungezählte Male besucht; er begleitete Theodorakis auf Tourneen und ließ dabei seine Videokamera laufen. Kutulas filmte Theodorakis bei Konzerten, während diverser Proben mit Orchestern, Solisten, Bands, on Stage und Backstage, bei CD-Aufnahmen in Studios, bei Opern- und Ballett-Produktionen, in Hotellobbys und auf Hotelzimmern, in Bussen und Lokalen, auf Ausflügen und während privater Treffen.
Das zwischen 1987 und 2017 gefilmte Material bildet einen umfangreichen Fundus von etwa 600 Stunden. Aufgenommen wurde es in Berlin, Athen, St. Petersburg, Verona, Santiago de Chile, Sydney, Tel Aviv, Budapest, Wien, Kopenhagen, Malmö, Pretoria, Çeşme, Amsterdam, Montreal, London, Brüssel, Luxemburg, Barcelona, Zürich, Oslo, Paris, auf den griechischen Inseln Chios, Kreta und Syros usw. usf.

SATELLITE CLIPS – Das ungenutzte Filmmaterial
Die „Satellite Clips“ umkreisen den Hauptfilm DANCE FIGHT LOVE DIE, der ihnen als Heimatplanet gilt. Die Formel lautet: Satellite-Clips = aus dem für den Hauptfilm nicht genutzter 600-Stunden-mit-Mikis-Fundus + Fiction- und Making-of-Material, das während der Shootings mit den Schauspielern und den jungen Musikern zwischen 2014 und 2017 entstanden ist.
Diese Clips, die als Trailer für den Hauptfilm fungieren, werden in den nächsten Monaten bis zur Premiere des Hauptfilms nach und nach im Internet veröffentlicht. Sie tragen den Namen des an der Entstehung des jeweiligen Clips maßgeblich beteiligten Künstlers bzw. Mitarbeiters des Regisseur. Die ersten beiden „Satellite Clips“ mit dem Titel STELLA und MELENTINI verbinden die „Berliner Ästhetik“ des Regisseurs mit der „Universellen Harmonie“ von Mikis Theodorakis und sind in Zusammenarbeit mit der jungen Filmemacherin Stella Kalafati produziert worden, die während der Entstehung des Hauptfilms als Regieassistentin gearbeitet hat.

DANCE FIGHT LOVE DIE – With Mikis On The Road (Der Film)
Docufiction von Asteris Kutulas – mit Mikis Theodorakis, Sandra von Ruffin, Stathis Papadopoulos und vielen anderen (in Postproduktion, Fertigstellung: voraussichtlich Ende 2017)

Aus dem während dreier Jahrzehnte entstandenen Fundus mit mehr als 600 Stunden unveröffentlichten Film-Materials wird ein 90minütiger hybrider Film-Essay, der den Zuschauer spannende, überraschende, skurrile, mysteriöse, aber auch sehr typische Augenblicke aus dem On-the-Road-Leben eines unverwechselbaren und charismatischen Künstlers miterleben lässt. Augenblicke, die einen umfassenden und originären Einblick in die „Agenda des geistigen Anarchisten“ Theodorakis erlauben. Kutulas verschmilzt in seinem Film sehr persönliche Momente mit historischem Material, dokumentarische Aufnahmen mit humorvoll-grotesker, teilweise verstörender Fiktion, und er macht erlebbar, welchen Widerhall Theodorakis’ Musik in den Arrangements junger Künstler findet – u.a. als Rock-, Klassik-, Electro- oder Rap-Version. Im fiktionalen Parallel-Universum des Films (inspiriert vom autobiographischen Roman des Komponisten „Die Wege des Erzengels“) erscheint die „Liebe“ als Chimäre, der „Tanz“ als Verzweiflungstat, der „Tod“ als Kontrastprogramm, der „Kampf“ als verführerischer Widergänger, der uns immer aufs Neue gegenübertritt und prüft.

Sofia Stavrianidou

With Mikis on the Road | Interview in Greek (doctv.gr story)

 Ταξιδεύοντας με τον Μίκη (Ένα φιλμικό τρίπτυχο του Αστέρη Κούτουλα στο doctv.gr)

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas DOCTV Interview
Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas, Leipzig 1983 (at Moritzbastei) – Photo © by Privatier/Asti Music

2.000 ώρες με τον Μίκη (Interview with doctv.gr)

Mikis Theodorakis Asteris Kutulas DOCTV Interview
Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas, East Berlin 1985 (Rehearsal of „Canto General“) – Photo © by Privatier/Asti Music

Ο σκηνοθέτης Αστέρης Κούτουλας, μιλά με αφορμή το project Dance, Fight, Love, Die – With Mikis On The Road

ΧΡΥΣΟΣΤΟΜΑΚΗΣ ΛΑΚΤΑΡΙΔΗΣ, laktaridis@doctv.gr, 28 Μαρτίου 2017

Χ. Λακταρίδης: Η μουσική σας οδήγησε στον κινηματογράφο ή το αντίστροφο; Πώς προέκυψε η διοργάνωση συναυλιών και ποια ήταν η ανταπόκριση του κόσμου σε αυτές και στα cd στα οποία υπήρξατε παραγωγός;

Αστέρης Κούτουλας: Καταρχάς, πρέπει να πω πως όταν ήμουνα στο Λύκειο, στη Δρέσδη, το 1976, ήταν η πρώτη φορά που τότε στο πλαίσιο του λεγόμενου Φεστιβάλ Πολιτικού Τραγουδιού στο Βερολίνο, είχα πάρει μια πρωτοβουλία και είχαμε καλέσει τον Νότη Μαυρουδή και τη Μαρία Δημητριάδη. Αυτή ήταν η πρώτη παραγωγή που έπαιξα κάποιο αποφασιστικό ρόλο να φέρουμε Έλληνες μουσικούς και συνθέτες στην τότε Ανατολική Γερμανία. Μετά ήμουν αναμεμιγμένος σε μια παράσταση της Μαρίας Φαραντούρη το 1978 στο Berliner Ensemble, όπου τραγούδησε τραγούδια του Bertolt Brecht μαζί με τον Eckehard Schall. Ακολούθησε η πρώτη φορά που ήρθε ο Μίκης Θεοδωράκης στην Ανατολική Γερμανία –γιατί ήταν απαγορευμένος κατά την περίοδο 1971, περίπου, μέχρι το 1980. Το 1980 μπόρεσε να έρθει ξανά στην Ανατολική Γερμανία. Τότε εγώ ήμουν κοντά του πρώτα ως διερμηνέας, μετά συμμετείχα ενεργά στην οργάνωση πολλών συναυλιών που είχαμε κάνει στην Ανατολική Γερμανία μέχρι το 1989, ιδιαίτερα με τα συμφωνικά του έργα: „Δεύτερη Συμφωνία“, „Τρίτη Συμφωνία“, „Έβδομη Συμφωνία“, „Κατά Σαδδουκαίων Πάθη“, „CantoGeneral“, „Λειτουργία Αρ. 2“, καθώς και τη γερμανική εκδοχή τού „Άξιον Εστί“.

Επίσης, είχα φέρει κι άλλους καλλιτέχνες στην Ανατολική Γερμανία, όπως τον Θάνο Μικρούτσικο το 1981, τη Δήμητρα Γαλάνη, το συγκρότημα Iskra, αργότερα την Έλλη Πασπαλά κλπ. Όμως, από τα μέσα της δεκαετίας του ’80 έκανα και το tour management για τον Μίκη και από τότε είχα και την κάμερά μου και είχα αρχίσει να βιντεοσκοπώ όλες αυτές τις συναυλίες και τις περιοδείες που κάναμε για προσωπικούς λόγους.

Ταυτόχρονα είχα ασχοληθεί και με το φιλμ και συνεργαζόμουν με σκηνοθέτες τού τότε πολύ καλού DEFA στούντιο για documentary film της Ανατολικής Γερμανίας και είχα συνεργαστεί ως σεναριογράφος σε δύο φιλμ: το ένα ήταν η κοινή, ας πούμε, ιστορία τού Πάμπλο Νερούδα και του Μίκη Θεοδωράκη πάνω στο έργο „Canto General“ (1982) και το άλλο ήταν ένα μεγάλο ντοκιμαντέρ για τη γερμανική τηλεόραση για τον Γιάννη Ρίτσο (1984), όπου είχα γνωρίσει και είχα πάρει συνεντεύξεις κι από τον Τάσο Λειβαδίτη, την Έλλη Αλεξίου, τον Μάνο Κατράκη και πολλούς άλλους. Συνεπώς, τα περισσότερα φιλμ στα οποία είχα συνεργαστεί είχαν σχέση με τη μουσική. Αυτό σημαίνει ότι έρχομαι και από τη μουσική και από το φιλμ, όμως αυτά τα δύο τα συνδέω, και σε όλα τα κινηματογραφικά μου έργα, όπως, για παράδειγμα, στο „Ανακυκλώνοντας τη Μήδεια“, όπως και σε άλλα ντοκιμαντέρ που έχω κάνει για την ARTE, όπως, „Ο Ήλιος κι ο Χρόνος“ (2000) ή „Μίκης Θεοδωράκης. Συνθέτης“ (2010) και άλλα. Το ίδιο συμβαίνει και με την ταινία „Dance Fight Love Die“ που προετοιμάζουμε τώρα και τα βίντεο κλιπ που πρωτοπαρουσιάζονται μέσα από το DOCTV και στα οποία συνεργάστηκα με δύο νέες καλλιτέχνιδες, την Στέλλα Καλαφάτη και την καταπληκτική Μελεντίνη Τοϊλά.

Χ. Λακταρίδης: Ποια είναι τα χαρακτηριστικά της λεγόμενης βερολινέζικης αισθητικής και σε τι διαφέρει, αν διαφέρει, από την υπόλοιπη γερμανική αισθητική;

Αστέρης Κούτουλας: Πρώτα απ’ όλα, το Βερολίνο είναι πρωτεύουσα της Γερμανίας, για την οποία πάρα πολλοί λένε ότι αυτή τη στιγμή είναι η πρωτεύουσα της Ευρώπης. Το Βερολίνο, για όλους εμάς εδώ που ζούσαμε πολλά χρόνια, ήταν για πολλές δεκαετίες πρωτεύουσα του Ψυχρού Πολέμου και ταυτόχρονα η πρωτεύουσα του Τείχους. Δεν υπήρχε σ’ όλη την Ευρώπη άλλη πόλη κομμένη στη μέση. Εμείς ζήσαμε το καθεστώς του Τείχους με φίλους να πηγαίνουν φυλακή, ν’ αυτοκτονούν, να προσπαθούν να περάσουν το Τείχος με κάθε τρόπο. Σ’ αυτή την πόλη φαινόταν πιο ξεκάθαρα από παντού ότι η μεγάλη ουτοπία του κομουνισμού, που ήταν ουτοπία της ελευθερίας του ανθρώπου, είχε ναυαγήσει εντελώς. Και ας μην ξεχνάμε ότι το 1989 το Τείχος έπεσε εδώ, κι εμείς το ζήσαμε αυτό. Ήταν ένα, ενεργειακό ξέσπασμα, όπως θα έλεγε ο Joseph Beuys.

Σε καμία άλλη γερμανική πόλη δεν υπάρχει αυτό το αμάλγαμα από Δύση και Ανατολή, Σοσιαλισμό και Καπιταλισμό, ελευθερία και καταπίεση και, ταυτόχρονα, μέσα στην καταπίεση τόση ελευθερία και μέσα στην ελευθερία τόση καταπίεση. Επίσης, στα 3,5 εκατομμύρια κατοίκους του Βερολίνου, περίπου 500.000 είναι ξένοι ή με ξένες ρίζεςˑ ζούν άνθρωποι από 189 χώρες και με 200.000 Τούρκους, έχουμε τη μεγαλύτερη τουρκική κοινότητα εκτός Τουρκίας. Ας μην ξεχνάμε επίσης ότι για πολλούς λόγους στο Δυτικό Βερολίνο τότε, και τώρα σε όλο το Βερολίνο, μαζεύτηκε η μεγαλύτερη gay κοινότητα της Ευρώπης.

Για να πάμε λίγο στα πιο καλλιτεχνικά, ταυτόχρονα σ’ αυτή την πόλη υπάρχει η μεγαλύτερη techno κοινότητα του κόσμου, με τα πιο γνωστά techno clubs παγκοσμίως. Και από την άλλη, ταυτόχρονα, είναι η μόνη πόλη που έχει τρεις μεγάλες κρατικές όπερες. Και σ’ αυτό φαίνεται το μεγάλο φάσμα τού τι γίνεται στο Βερολίνο.

Μαζί μ’ αυτά, είναι και η ιστορία της Γερμανίας: ο Β΄ Παγκόσμιος Πόλεμος από εδώ ξεκίνησε, εδώ αυτοκτόνησε ο Χίτλερ, εδώ ήταν η πρωτεύουσα του Holocaust. Όλα αυτά δημιουργούν σήμερα ενός τύπου, ενεργειακό πλάνο, για να μείνουμε στον Joseph Beuys, που είναι μοναδικό όχι μόνο στη Γερμανία αλλά σε όλη την Ευρώπη. Και όλα αυτά θα έλεγα ότι δημιουργούν μια συγκεκριμένη άποψη για τη ζωή και για την τέχνη, που θα βρείτε μόνο εδώ. Πιστεύω ότι αυτό φαίνεται στη δουλειά πολλών καλλιτεχνών στο Βερολίνο –και στη δική μου: μπήκανε μέσα στην καθημερινή άποψη για τη ζωή και την τέχνη όλων μας. Κι αυτά είναι όντως μοναδικά.

Χ. Λακταρίδης: Πότε γεννήθηκε η ιδέα για το project; Από την δεκαετία του ’80, όταν ξεκινήσατε να κινηματογραφείτε τον Μίκη, ή προέκυψε στην πορεία;

Αστέρης Κούτουλας: Η ιδέα για το project αυτό γεννήθηκε πριν από περίπου 15 χρόνια, όμως όχι για την ταινία αλλά για την έκθεση. Τότε είχα δει μια μεγάλη έκθεση του Joseph Beuys και συνειδητοποιώντας ότι είχε μαζευτεί πάρα πολύ φιλμικό υλικό σκέφτηκα, γύρω στο 2003, να υλοποιήσω ένα ενεργειακό πλάνο, όπως το ονόμασε εκείνος, πάνω σ’ αυτό το υλικό. Ανέπτυξα, λοιπόν, την ιδέα μιας έκθεσης, στην οποία ο επισκέπτης θα βρίσκεται μέσα σε μιαν αίθουσα από κινούμενες εικόνες –από πάνω, απ’ τα πλάγια, από κάτω– να είναι μέσα σ’ αυτόν τον ενεργειακό παλμό, όπου θα χρησιμοποιηθεί το αυτούσιο υλικό που είχα τραβήξει επί δεκαετίες. Μ’ αυτόν τον τρόπο ήθελα μιαν απάντηση, ανεξάρτητα από τον συγκεκριμένο καλλιτέχνη, του, τι είναι τέχνη; ‚H τι είναι ο καλλιτέχνης; Οπωσδήποτε, ο Μίκης προσφερόταν πάρα πολύ για την απάντηση αυτής της ερώτησης, μιας που ήταν, ας πούμε, ένας rock & roller on the road, έτσι όπως τον είχα ζήσει εγώ. Η ιδέα τελικά να γίνει η ταινία ήρθε από την γυναίκα μου η οποία είναι συγγραφέας και σεναριογράφος. Πριν από 5 περίπου χρόνια, η γυναίκα μου είχε ανακαλύψει όλο αυτό το υλικό και είπε ότι θα έπρεπε κάτι να το κάνω. Όμως, είχα ένα μεγάλο πρόβλημα αισθητικής: πώς θα αντιμετωπίσεις 600 ώρες φιλμικό υλικό και να το κάνεις μια ώρα ταινία; Ύστερα από κάποιες σκέψεις πού διήρκεσαν ένα χρόνο, βρήκα μια αισθητική λύση και η Ίνα, η γυναίκα μου, έκανε το loging της ταινίας, δηλαδή χρειάστηκε, πιστεύω, περίπου 2000 ώρες, για να δει όλο αυτό το υλικό και να το καταγράψει. Με βάση αυτήν της καταγραφή διαλέξαμε από τις 600 ώρες μία ώρα υλικό, στο οποίο έκανα editing με την Κλεοπάτρα Δημητρίου περίπου έναν χρόνο, και μετά γύρισα καινούργιο υλικό, το fictional part της ταινίας, το οποίο το δούλεψα μετά με τον Γιάννη Σακαρίδη, τον σκηνοθέτη του Amerika Square (Πλατεία Αμερικής). Έτσι, θα είναι έτοιμη σε λίγο αυτή η ταινία που λέγεται Dance, Fight, Love, Die και που είναι ένα roadmovie με τον Μίκη, πάνω στη μουσική τού Μίκη και, ταξιδεύοντας με τη μουσική του.

Χ. Λακταρίδης: Ποια θα είναι η πορεία του project μετά την δημοσιοποίησή του; Πού και πώς θα παρουσιαστεί; Ποια είναι τα επόμενα σχέδια σας;

Αστέρης Κούτουλας: Με τη βοήθεια του DOCTV γίνεται μια δημοσίευση όλου αυτού του project για πρώτη φορά και ελπίζω την ταινία να την προχωρήσουμε τώρα γρήγορα και να είναι έτοιμη το καλοκαίρι. Μετά θα δούμε πώς θα πορευτεί. Είναι μία ειδική ταινία. Ουσιαστικά είναι ένα, ας πούμε, όργιο, εικόνων και μουσικής: είναι 60 ιστορίες βασισμένες πάνω σε 60 εντελώς διαφορετικές μουσικές. Είναι μια ταινία που βγαίνει από το πνεύμα της μουσικής, οπότε θα δούμε τι μπορούμε να την κάνουμε, γιατί είναι, όπως σας είπα, πολύ ιδιότροπη. Όσον αφορά το δεύτερο θέμα, που είναι η έκθεση, ελπίζω να την παρουσιάσουμε για πρώτη φορά στην Αθήνα (που θα το ήθελα πάρα πολύ), στο πλαίσιο της Biennale Athens. Τα βίντεο κλιπ, τα satellite clips, τα πρώτα δύο ήδη τα παρουσιάζουμε, είναι για το διαδίκτυο, και τις επόμενες εβδομάδες ελπίζουμε να παρουσιάσουμε το τρίτο, τέταρτο, πέμπτο, έκτο κ.λπ. Ευχαριστώ πάρα πολύ!

[Πηγή: www.doctv.gr]

A letter from Mikis Theodorakis on the occasion of the German cinema premiere of the film Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road in May 2018:
Λυπάμαι πολύ που δεν θα μπορέσω να βρεθώ σήμερα μαζί σας στο Βερολίνο και στο πλευρό του αγαπημένου μου φίλου, του Αστέρη Κούτουλα. Κιόλας μέσα από το πρώτο του έργο, Recycling Medea, διέκρινα την ιδιαίτερη προσωπική του ματιά που πραγματικά ήταν μια ευτυχής έκπληξη για μένα, γιατί μου αποκάλυπτε εντελώς νέους εκφραστικούς τρόπους στη διαχείριση της ζωής και του έργου μου. Σας διαβεβαιώ, ότι αυτή η παραδοχή δεν ήταν εύκολη για μένα λόγω του όγκου του έργου μου και της πολυτάραχης ζωής μου μέσα από τους δύσκολους δρόμους της σύγχρονης ιστορίας μας. Κι ακόμα γιατί ήταν επόμενο να έχω καταλήξει στους δικούς μου προσωπικούς κωδικούς ως προς την φιλοσοφία και την αισθητική, όπως σμιλεύτηκαν μέσα από τις εμπειρίες και τις σκέψεις μου. Αντιθέτως όμως, θα έλεγα ότι αντί να με απωθήσουν οι νέοι ορίζοντες που άνοιγε με στον τομέα της κινηματογραφικής σκηνοθεσίας, με πλούτισαν ψυχικά, πνευματικά και διανοητικά, γιατί με βοήθησαν να δω τον εαυτό μου και το έργο μου με το ανανεωμένο και τολμηρό βλέμμα του σήμερα και του αύριο. Θα ‘λεγα ότι αυτή η προσέγγιση με κάνει να νιώθω νέος ανάμεσά σας, καθώς συντρίβει τα δεκάδες χρόνια με τα οποία με έχει φορτώσει η αδάμαστη ζωή μου. Έτσι θα βρίσκομαι με τη σκέψη μου στο πλευρό του Αστέρη και όλων των συντελεστών του έργου του».
Μίκης Θεοδωράκης, 2.5.2018

Athen & Rückkehr nach Berlin, 6. & 11.6.2016

Mosche Dajan in Griechenland, Berlin, 11.6.2016

Ich besuchte heute nocheinmal Mikis Theodorakis nach unserer Rückkehr in Athen. Die Kreta-Reise hat ihn verjüngt. Er strahlt. Er spricht und spricht – wie früher:
„Es geht heute natürlich nicht um einen bewaffneten Widerstand, das ist absurd. Aber es geht um die innere Haltung der Menschen. Es geht um unsere nationale Souverenität, die wir längst verloren haben. Es sind neue Arten von Diktaturen, auf die wir uns jetzt einstellen müssen. Wie überlebt Demokratie unter solchen Umständen, denen wir jetzt ausgesetzt sind? Während der Diktatur zwischen 1967 und 174 waren die Dinge eindeutig. Als die Obristen am 21. April 1967 in Griechenland putschten, war das eine Militärdiktatur nach altem Muster, die errichtet wurde. Ich erinnere mich, dass Mosche Dajan, der damals in Athen war, einen Tag nach dem Putsch meine Frau aufsuchte und sie bat, ein Treffen mit mir möglich zu machen. Ich lebte in der Illegalität, war untergetaucht. Zwei Tage später kam es zu diesem Treffen, und Mosche Dajan (der einige Wochen später als Verteidigungsminister in Israel den Sechstagekrieg entscheiden sollte) sagte zu mir: ‘Mikis, lass uns zusammen den Widerstand gegen die Junta in Griechenland aufbauen! Du übernimmst die politische Arbeit, und ich werde den militärischen Flügel der Befreiungsorganisation PAM leiten.’ Ich erwiderte: ‘Mosche, das ist keine gute Idee. Wenn das bekannt wird, haben wir alle Geheimdienste der Welt am Hals. Ich bleibe hier in der Illegalität, und du gehst zurück nach Israel und machst Druck gegen die griechische Junta in der israelischen Öffentlichkeit und bei der Regierung.’ Damals waren die Dinge klarer. Das Feindbild war klarer. Heute gleiten wir in einer ‘verschwommenen Situation’ in die Diktatur hinein bzw. aus der Demokratie heraus.“

© Asteris Kutulas

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Rhythmus und Klang, Athen, 6.6.2016

In einem Spiegel-Artikel lese ich gerade die Aussage einer Studentin: „Allein kann man viel mehr bewegen als mit einem störenden Apparat im Hintergrund“. Und weiter der Reporter: „Sie wolle sich eben nicht als Parteimitglied engagieren, sondern als Mensch… Die alten Feindbilder, die strengen Lagergrenzen zwischen links und rechts hätten ausgedient – und deswegen auch das Interesse, an Wahlen teilzunehmen…“ Mikis verhielt sich irgendwie immer „wie die Jugend von heute“.
Ich höre, es ist frisch in Chania. Aus Deutschland haben sich die Unwetter verzogen, die Europameisterschaft hat begonnen. Es wird Sommer. In ein paar Wochen hat Theodorakis wieder Geburtstag. Widerstand ist eine Sache von Rhythmus und Klang einer „Mantinada“. Das erfährt man, wenn man auf Kreta ist.

© Asteris Kutulas

Kreta-Tagebuch, 4. & 5.6.2016

Licht in dunklen Tagen
(Mit Mikis Theodorakis unterwegs in Kreta, 4.6.2016)

Das Theodorakis-Museum in Galatas ist noch lange nicht fertig. Heute zeigt sich, dass bisher nur die Arbeiten an der äußeren Hülle so weit fortgeschritten sind, dass man sagen kann: In Ordnung. Aber sowohl die Stadt Chania als auch der griechische Komponist wollen ein Zeichen setzen für die Zukunft. Der Bürgermeister von Chania erklärt: Wie Salzburg die Stadt Mozarts und Bayreuth die Stadt Richard Wagners ist, so soll Chania die Stadt Mikis Theodorakis’ werden. Chania legt am heutigen Tag ihrem berühmtesten Sohn alles zu Füßen, was sie hat: Ehrenbürgerschaften, Auszeichnungen der Präfektur, Auszeichnungen der Universitäten Kretas, Ehrendoktorwürde.

 

Mikis dankt mit einer Rede. Ganz langsam, Satz für Satz, liest er aus Perkikles’ (in Thukydides’ Geschichte des Peloponnesischen Krieges überlieferte) Gefallenenrede. Über Demokratie. Über Freiheit. Über Bürgerrechte. Zu jedem Absatz macht Mikis eine Anmerkung im Hinblick auf die gegenwärtige Situation. Bei dem Satz: „Männern, die sich durch ihre Taten ausgezeichnet haben, sollte man auch durch Taten die letzte Ehre erweisen“ hält er inne, und sagt: „Wir sind Kreter. Ich erzähle Euch etwas über meine Vorfahren… 1915, während des 1. Weltkriegs, versuchten mein Vater, der damals 15 war, und sein Bruder, der damals 17 war, an die Front zu kommen, heimlich, weil sie Angst hatten, mein Großvater hätte sie niemals gehen lassen. Der war ein Hüne, mit einem riesigen Schnauzbart. Die beiden kamen tatsächlich bis zum Hafen von Suda und versteckten sich im Laderaum eines Schiffes. Plötzlich stand ihr Vater an Deck, irgendwo über ihnen, schaute zu ihnen hinunter und rief ihnen zu: Hier, nehmt dieses Brot mit und auch diese Taler. Ihr werdet sie auf dem Weg an die Front brauchen. Und noch eins: Kämpft, und macht uns keine Schande!“

Das Publikum im übervollen Saal absolut still. Mikis fährt fort: „Als ich 1967 gefangen genommen wurde, hielt man mich 60 Tage in Einzelhaft fest, in der Sicherheitszentrale von Bouboulinas, und kurz vor dem Tribunal durfte ich meinen Vater sehen, wovon man sich erhoffte, dass er mich zur Raison bringen würde. Ich sollte mich ‘einsichtig’ zeigen und meinen Überzeugungen abschwören. Als man uns beide zusammenbrachte, sagte der zuständige Offizier zu meinem Vater: ‘Herr Theodorakis, Ihr Sohn wird angeklagt nach dem Paragraphen 447 des Kriegsrechts.’ Mein Vater: ‘Können Sie mir das bitte bringen?’ Er schlug die entsprechende Seite langsam auf, sah mich an und sagte: ‘Mein Sohn, das ist ein Kriegsrechtsgesetz, und es steht mit roter Tinte darunter: Kann zur Verurteilung zum Tode führen.’ Er schaute den Offizier an. Dann, wieder mir zugewandt: ‘Du hast meinen Segen.’“

Er sieht seinen Zuhörern in die Augen: „Haben wir heute Demokratie in unserem Land? Nein. Verhalten wir uns gastfreundlich gegenüber den Fremden? Nein.“ Mikis kommt zu einem Thema, das in ganz Europa so aktuell ist wie noch nie zuvor. Wie wehrhaft ist unsere Demokratie? Wie weit kann oder muss man gehen, um sie zu verteidigen? Und seine Botschaften an die Zuschauer im Saal sind zwei: “ Sie haben euch eure Unabhängigkeit genommen. Sie haben euch eure Demokratie genommen. Sie haben euch euer Geld genommen. Und was macht ihr? Ihr geht zum Strand, trinkt einen Kaffee und vergnügt euch.“ Und in Anlehnung an Perikles’ Aussagen, dass die Athener „Kampf und Tod für besser hielten als Unterwerfung und Leben“ sagt er: „Ich verfluche meine Beine, weil sie mich nicht mehr tragen können und weil ich keine ‘Kalaschnikow’ mehr halten kann, um mich zu verteidigen. Ihr müßt Widerstand leisten. Ihr müßt wieder das verbotene Wort Revolution denken.“ Im Saal wird es noch stiller. Vor genau 75 Jahren, Ende Mai 1941, fand die Luftlandeschlacht um Kreta statt. Wer auf Kreta lebt, lebt schon immer im Widerstand, vor 1941 und danach. Bevor deutsche Fallschirmjäger kamen und danach.

Nach etwa fünfzig Minuten beendet Theodorakis seine Rede. Im Saal braust Beifall auf, und die Kulturbeauftragte der Stadt Chania schluchzt ins Mikrophon: „Danke, Mikis, für dein Licht in diesen dunklen Tagen.“

© Asteris Kutulas

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Bürgerkriegsland
(Mit Mikis Theodorakis unterwegs in Kreta, 5.6.2016)

Im Auto, unterwegs zu einem großen Konzert zu Ehren von Theodorakis am Fuße des Weißen Gebirges, meinte Stathis: „Wir hier auf Kreta haben alles. Selbst der Menschenschlag ist ein anderer hier Wir könnten unser eigenes Ding machen.“ Giorgos widerspricht: „Quatsch! Wir sind Griechen. Wir gehören zu Griechenland.“ Und zu mir gewandt: „Das Problem, das viele Griechen mit Mikis haben, offenbart das ganze Dilemma Griechenlands. Er gehört seit den 50er Jahren zu den wenigen – und manchmal war er auch der Einzige –, die die Entzweiung unseres Volkes in die Bürgerkriegsparteien, in Linke und Rechte, niemals hinnehmen wollten. Parteigrenzen waren ihm egal. Er wollte, dass die Griechen sich vereinigen, unabhängig davon, ob sie links oder rechts sind, um ein demokratisches und unabhängiges Land aufzubauen. Aber das war über Jahrzehnte das Schlimmste, was man in Griechenland denken und äußern konnte. Griechenland ist bis heute ein Bürgerkriegsland geblieben.”

© Asteris Kutulas

Kreta-Tagebuch, 3.6.2016

Kreta, eigentlich
(Mit Mikis Theodorakis unterwegs in Kreta)

Das Flugzeug von Athen nach Chania ist voll. Mein Sitznachbar zur Rechten, der ein offenbar großes Redebedürfnis hat, erklärt mir: „Kreta gehört eigentlich nicht zu Griechenland. Kreta ist das eigentliche Griechenland.“ Links neben mir sitzt Anastassia, eine griechische Lyrikerin, die aus dem selben Grund wie ich nach Kreta fliegt. Sie meint: „Vielleicht ist das seine letzte Reise. Da muss man dabei sein.“ Vorn in der ersten Reihe der fast 91jährige Mikis Theodorakis mit seiner Tochter Margarita und seiner Assistentin Rena. Das ist vielleicht tatsächlich seine letzte Reise. Am Telefon hatte er mir gesagt: „Ich muss checken, ob sie mein Grab richtig bemessen haben. Ich bin 1,97 groß, und ich will nicht, dass sich während meiner Beerdigung plötzlich herausstellt, dass das Grab zu kurz ist.“ Die griechische Ikone Theodorakis fliegt nach Kreta, in das Land seiner Vorfahren, um in Galatas, dem Vorort von Chania, das zukünftige Theodorakis-Museum zu besichtigen, das im Haus seiner Eltern eingerichtet wird.

Gleich nach meiner Ankunft besuchte ich Stelios Lainakis. Einer der bedeutendsten Erforscher kretischer Musik. Der Taxifahrer, der mich zu ihm hinbringt, fragt mich: „Kannst Du auf die Quittung verzichten? Dann verdiene ich wenigstens was. Die Mehrwertsteuer ist auf 24% erhöht worden, Benzin ist teurer geworden und auch die Wartung. Weisst Du, wieviel hängenbleibt bei mir als Fahrer von den 25 Euro? 3,50 Euro! Davon kann man nicht leben, nur langsam sterben, und hoffen, dass man nicht krank wird. Mit meinen 55 Jahren und bei der Arbeitslosigkeit habe ich keine Chance. Komme mir inzwischen wie ein Bettler vor. Die Krise frisst uns alle auf.“

Stelios Lainakis zeigte mir die Instrumente, die er entweder geerbt oder selbst gebaut hatte: Laute, Bouzouki, Saz, Bulgari, Gitarren. Dann holte er seinen Sohn Leonidas, der wie er Instrumentenbauer und Musiker ist, und sie spielten mir eine Mantinada, ein kretisches Volkslied, für Mikis vor. „Du nimmst das jetzt auf und spielst ihm das vor. Ist das klar?“ Als sie fertig waren, sagte er zu mir: „Diese Mantinada hat einer unserer Onkel geschrieben, der wie Mikis erst gegen die deutsche Wehrmacht und dann im Bürgerkrieg Ende der 40ern gegen die Engländer gekämpft hat. Also genau wie Mikis. Er wird jedes Wort des Liedtextes verstehen.“ Und dann voller Stolz: „Weißt du, was Mikis auf der Todes-Insel Makronisos seinen Folterern entgegnete, als er die Reueerklärung unterschreiben sollte? Er hat nicht gesagt: Ich unterschreibe nicht, weil ich Kommunist bin. Sondern er hat gesagt: Ich unterschreibe nicht, weil ich Kreter bin.“

© Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 30.7.2015 (Rückflug)

Vierfüßige Schlangen

Während der Pressekonferenz zur Gründung der HELLAS FILMBOX BERLIN fragte gestern im Außenministerium eine junge Journalistin den deutschen Kultur-Presse-Attaché, welchen griechischen Lieblingsfilm er habe. Er antwortet: „My Big Fat Greek Wedding“. Woraufhin der griechische Kulturminister erwiderte: „Im Gegensatz zu unseren deutschen Freunden, die – wie es sich herausstellt – keine griechischen Filme kennen, kenne ich alle Filme von Schlöndorff, Wenders, von Trotta, Herzog, Fassbinder etc. Diese Filme haben mir geholfen, die deutsche Realität und die deutsche Mentalität zu begreifen. Unsere deutschen Freunde jedoch wissen offensichtlich gar nichts über uns … außer einigen touristischen Allgemeinplätzen. Vielleicht hilft die Hellas Filmbox Berlin, dieses griechische Filmfestival in der deutschen Hauptstadt, das zu ändern.“

Jemand erzählte mir im Flugzeug, es habe in der so genannten Urzeit vierfüßige Schlangen gegeben. „Schlangen mit Füßen?“, fragte ich. „Wozu Füße?“ Sie lebten unter der Erde, so die Erklärung, in Höhlen, und gruben sich an die Erdoberfläche vor. Ein grässliches, sechzehnfüßiges Reptil schlief bis eben hinter dem Imithos-Berg. Kavafis hat in seinem Gedicht davon erzählt: Manchmal, alle paar Jahrhunderte, erwacht es und zuckt kurz mit dem Lid, dann schläft es weiter. Diesmal nicht. Diesmal behält es die Augen etwas länger offen, spürt seinen Hunger, richtet sich auf, öffnet seinen Rachen und rollt seine Zungen aus. Es muss kein Feuer speien. Es muss nicht brüllen. Keine Kraftverschwendung. Nur die Zungen ausrollen und sich holen, was zu holen ist. Häuser, Wohnungen, Gärten und was die Menschen sonst noch haben. Die Ersparnisse von den Konten werden langsam abgeräumt. Das Reptil hat keine Eile. In Grenzregionen bringen sie das Geld nach Bulgarien. Den Zungen des Reptils sind Grenzen einerlei.

Morgen werd ich im Babylon stehen und sagen „DANCE FIGHT LOVE DIE – Unterwegs mit Mikis“. Ja, ich will ertrinken in meinen Bildern. Absichtlich. Bevor die Zungen des Reptils uns holen. Aus 39 Grad in Athen stürze ich runter auf 16 Grad in Berlin oder rauf. Je nachdem, wie man das verstehen möchte.

© Asteris Kutulas, 17.7.2015

(Athens Photos © by  Ina Kutulas)

 

Mikis Theodorakis: On the film „Recycling Medea“ by Asteris Kutulas

Recycling Medea by Asteris Kutulas, Music by Mikis Theodorakis

Mikis Theodorakis on „Recycling Medea“

From the beginning, the tragic element in music has exerted a stronger spell on me than any other. It certainly suits my character. So, for me it seemed only natural to turn to ancient drama – initially, as a lover of this artistic genre, and later also as a composer. I started to write theatre and film scores for ancient tragedies and later proceeded to explore lyrical tragedy, i. e. in my operas.

When Renato Zanella came across the music of my lyrical tragedy “Medea”, he decided to base his corresponding ballet choreography on this score. Finally, Asteris Kutulas came along to create an entirely new work of art, itself based on the elements mentioned above. However, Kutulas did not simply create a filmic document of the ballet, but decided to transform these elements into something entirely new, thus lending the result a deeply social and political dimension.

He made a film with a very contemporary message: Despite the tragedy Greece has been forced to face by the criminal international economic system, the country still stands, although deeply wounded. Euripides’ Medea screams – expressed by Maria Kousouni in dance and vocalised by singer Emilia Titarenko – because betrayal drives her to the most terrible crime imaginable: the brutal slaughter of her own children. Today’s Greece comes together in the infernal screams on the country’s streets and squares because – as a victim of ruthless actors within and those attacking Greece from without – it, too, finds itself driven to the most terrible crime: killing the future of its own children.

I think we are dealing with a true work of art, one that prompts us take responsibility. A work that doubles as an anthem for the struggle of the people and nations to achieve freedom and true independence.

Mikis Theodorakis, Athens, June 7th, 2013

(Article for the newspaper Elefteros Typos)

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Recycling Medea by Asteris Kutulas with Mikis Theodorakis
Poster draft with Maria Kousouni (Photo © by Stefanos Kyriakopoulos)

Mikis Theodorakis: Zum Film „Recycling Medea“ von Asteris Kutulas

Das tragische Element in der Musik hat mich von Anfang an stärker in seinen Bann gezogen als jedes andere. Zweifellos entspricht es meinem Charakter. Es war also nur zu natürlich, dass ich mich dem antiken Drama zugewendet habe, zuerst als ein Liebhaber dieser Kunstgattung, dann als Komponist. Ich begann, Theater- und Filmmusik zu antiken Tragödien zu schreiben, um letztendlich zur Lyrischen Tragödie, also zu meinen Opern, zu kommen.

Renato Zanella entdeckte für sich die Musik meiner Lyrischen Tragödie „Medea“, und sie wurde die Basis seiner gleichnamigen Ballett-Choreographie. Und dann kommt Asteris Kutulas und erschafft ein neues Kunstwerk, das sich seinerseits auf alles soeben von mir Genannte stützt. Aber er filmt das Ballett nicht einfach ab, sondern er kreiert etwas vollkommen Neues und verleiht dem Ganzen dadurch eine zutiefst gesellschaftliche und politische Dimension.

Er macht einen Film, der eine ganz aktuelle Botschaft beinhaltet: Trotz der Tragödie, in die Griechenland vom verbrecherischen internationalen ökonomischen System hinein manövriert wurde, steht das Land, obwohl tief verwundet, noch aufrecht. Die Medea des Euripides schreit – im Tanz ausgedrückt durch Maria Kousouni und gesanglich interpretiert durch die Stimme von Emilia Titarenko –, weil sie durch den Verrat an ihr zum furchtbarsten Verbrechen getrieben wird, das es geben kann: zum Abschlachten der eigenen Kinder.

Das heutige Griechenland schreit infernalisch auf den Plätzen und in den Straßen, weil es – Opfer der verantwortungslos Handelnden im eigenen Land und derer, die von außen Griechenland angreifen – ebenfalls zum furchtbarsten Verbrechen getrieben wird: die Zukunft seiner eigenen Kinder zu töten.

Ich denke, wir haben es hier mit einem wahren Kunstwerk zu tun, das dazu auffordert, Verantwortung zu übernehmen. Ein Werk, das zugleich eine Hymne ist für den Kampf der Menschen und Völker für deren Unabhängigkeit und Freiheit.

Mikis Theodorakis, Athen, 7.6.2013

Recycling Medea | A film by Asteris Kutulas | Music by Mikis Theodorakis | Choreography by Renato Zanella | Written by Asteris & Ina Kutulas | With Maria Kousouni as Medea 

Recycling Medea Website

Recycling Medea – Film-Rezensionen & Kritiken

 

Dionisis Karatzas – Selbstmord des Reservemonats

Ina Kutulas & Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas: Trialog über Dionissis Karatzas,

der 1950 in Patras geboren wurde. Er studierte an der Philosophischen Fakultät der Athener Universität und begann seine berufliche Laufbahn als Lehrer. Dionissis Karatzas war an verschiedenen Oberschulen der Peloponnes tätig. Heute ist er Stellvertretender Direktor eines Gymnasiums in Patras. Seinen Einstieg in die griechische Literaturszene hatte er 1972 mit dem Lyrikband „Tagesanbruch auf Erden“. Seitdem publizierte Dionissis Karatzas mehrere Gedichtbände, und längst gilt seine Poesie in der Literaturlandschaft seiner Heimat als unverkennbar. Zur Zusammenarbeit mit dem Komponisten Mikis Theodorakis kam es daher nicht zufällig. Theodorakis hat mehrere der Gedichtzyklen von Dionissis Karatzas vertont („Gesichter der Sonne“, „Wie ein antiker Wind“). Darauf folgten Projekte mit anderen Komponisten wie z.B. mit Ilias Andrianopoulos und zuletzt mit Giorgos Andreou. Dem deutschen Publikum sind Gedichte von Dionissis Karatzas bereits bekannt durch den Liederzyklus „Poetica“ von Mikis Theodorakis, gesungen von Maria Farantouri.  | Dionisis Karatzas – Selbstmord des Reservemonats

Dionisis Karatzas, Asteris Kutulas, Ina Kutulas, Trak Wendisch
Buchcover des Gedichtbandes „Selbstmord des Reservemonats“

Vorwort zur Buchausgabe „Dionisis Karatzas – Selbstmord des Reservemonats“ von Dionisis Karatzas

… hier passiert Meer

Je öfter ich die Gedichte von Dionisis Karatzas las, desto rätselhafter wurden sie mir, wurden zu einer merkwürdigen „Angelegenheit“, zu einer Sache für sich, wurden Ding, Geschichte, wurden zu seltsamen Augenblicken. Diese Gedichte machten mehrere Stadien durch, meinte ich, bis mir klar wurde, dass ich es war, die diese Metamorphosen vollzog.

Zuerst war mir, als hätte ich einen einzigen langen Text gelesen, später, als seien es zwanzig verschiedene zu immer dem gleichen Thema, und noch später, als würden beinahe jedes Mal die gleichen Worte benutzt, um damit immer wieder etwas anderes zu sagen. So als hätte jemand Karatzas eine Grundausstattung für dessen poetischen Unternehmungen ausgehändigt, mit der Bemerkung: Damit musst du auskommen und nun kannst du loslegen. Himmel, Wasser, Herz, Blick, Traum. Und, falls die Kraft dafür noch reicht: Wind, Licht, Tod, Inseln plus einige Mikrogramm Undsoweiter, falls er eine Schwäche dafür haben sollte. In fast jedem dieser Gedichte: Wasser, hauptsächlich salziges, wenn ich mich recht entsinne. Und weil es Gedichte eines Griechen sind, der noch dazu in einer Stadt am Meer wohnt, drängte sich mir die Frage auf: Wie könnte es auch anders sein?

Es brauchte eine ganze Weile, bis ich wusste, dass diese Poesie unspektakulär ist, im besten Sinne des Wortes. Eingedenk der fliegenden Händler, des Hafenbetriebs, des Durchgangsstationsnaturells des Ortes, aus dem Karatzas sich nicht weg zu bewegen, sondern im Gegenteil: an dem er geradezu auszuharren scheint, eingedenk der vielen Wege, auf denen man in diese Stadt hineinkommen und sich von ihr wieder entfernen kann, eingedenk auch des vielen Lärms, der sich dabei erzeugen lässt, wirkte es auf mich phänomenal, dass Karatzas schreibt, als sei er irgendwo lebenslang im Urlaub und habe die Welt um sich her vergessen, die Sensationen, das Gedränge, den Höllenlärm, womöglich selbst zwei Drittel des Periodensystems der Elemente. Von Hitze kein Wort. Eher von Winter und Regen.

Wohnte er in einer Stadt an einem fließenden Gewässer, dann würde man vielleicht sagen: Nun gut, niemand schreibt zweimal über den gleichen Fluss. Doch weshalb sollte dieses Prinzip nicht auch für die Auseinandersetzung mit dem Meer gelten?

Karatzas ist jemand, der beständig über den Wandel reflektiert, die Unbeständigkeit der Erscheinungen und Beziehungen. Wieder und wieder. Meermals. Viel Wasser, wenig Erde, oft Wind, Verzicht auf Flugzeuge, Herbeibemühen des Himmels. Wenig City wird verlangt. Landarbeiter nennt Karatzas sich, und an dieser Stelle war mir beim Lesen, als wäre Feigenbaumholz zu riechen gewesen und Seegrasfeuer. Den Dichter sah ich – Wassermann auf freiem Feld. Kein Supermarkt weit und breit, kein Postamt, größere Wohngemeinschaften glänzten durch Abwesenheit. Nur er und seine Freundin, die ihn ab und zu am langen Arm verrecken ließ, ihn an der langen Leine führte, auf Abstand hielt, dann aber plötzlich an sich riss und um den kleinen Finger wickelte, mit Worten überhäufte, mit der Zunge schnalzte und ihn gesprächsfügig machte. Manchmal band sie die Leine irgendwo an und ging schwimmen, Ertrinken spielen, zog die Aufmerksamkeit des Dichters mit sich in die Untiefe, machte sie zu ihrer Rettung, wurde Gegenspieler ihrer selbst, wurde seine Gegenwart, sein Wortschatz, silbenreicher Ansturm, der dem Dichter in den Ohren lag, jähes Verstummen, schwacher Vers, flacher Atem, hoher Mut, Über Unter Durch. Ein beständiges Annähern und Entfernen, der Rhythmus des Meeres, verinnerlicht, ein Schürfen und Seufzen, Aufschrecken, Einschläfern, das durchzieht diese Gedichte.

Im Gegensatz zum Wasser des Flusses hat das des Meeres die Eigenschaft, in Wellen zurückzurollen, die Flaschenpost, in die man die Botschaft steckte, wieder ans Ufer zu werfen. Karatzas ist imstande, anstatt darüber zu verzweifeln, dies als Aufforderung zu verstehen: die Flasche öffnen, die Botschaft mit eigenen Augen nochmals lesen, mit anderen Augen, wie man inzwischen wissen kann, sie umschreiben, zerreißen, hinunter schlucken, vergessen, erinnern, die Flasche mit Atemwind meerseufzen machen, sie in Papier wickeln, eingraben, aus dem Blick verlieren, von jemand anderem finden, ausgraben lassen, auf diese Flasche und dieses Stück Land als seinem Eigentum bestehen, auf beides verzichten, beides in sich wissend, schwimmend unter dem Himmel gehen, da dieser sich selten spiegelt im Meer. Ja, der Herr Karatzas, er kommt mir allmählich wie ein Flaschenteufel vor, der seine Gedichte doch niemals zu Meerchen werden lassen wird. In allen Wassern ist er zuhause, gewaschen und getränkt sind seine Verse mit dem Nass der Flüsse und Seen, des Himmels, der Augen, Brunnen, Tümpel, Becken, bis die Farben sich aus ihnen lösten, bis sie ausbluteten, bis die Verse schwarz zu werden begannen und die Farben sich in sie stürzten.

Man legt diese Zeilen beiseite, vergräbt sie unter denen anderer Dichter, und dann sind sie plötzlich wieder da, in ihrer soundsovielten Verkörperung – lärmend, aufgeheizt, penetrant, mit starkem Eigengeruch, Geburtsschweiß einer Stadt, der gegenüber das Meer sich seit ewiger Zeit vergeblich zu verschließen sucht. Und eine Flasche liegt auf dem Boden und das Meer wird weiter untergraben und erntefrisch zerredet. Dionisis Karatzas will nichts wissen von Rettung. Immer bleibt er und immer nimmt eine wie Calypso Reißaus.

Ina Kutulas, Herbst 2010

Dionisis Karatzas, Asteris Kutulas, Ina Kutulas, Trak Wendisch
Originalzeichnung von Trak Wendisch zu den Gedichten von Dionisis Karatzas

… hier passiert Musik

Ich schätze und bewundere Dionisis Karatzas, was sich auch in meiner umfangreichen Zusammenarbeit mit ihm zeigt: «Die Gesichter der Sonne», «Beatrice», «Gleich einem antiken Wind», «Die lyrischsten Lieder». Vier auf Gedichten von Dionisis Karatzas basierende Liederzyklen, die die Hinwendung meiner Musik zum lyrischen Leben bedeuten, also des Lyrismus’ absolute Herrschaft über mein Denken, mein Leben und mein Werk.

Dabei half mir die Art und Weise, mit der Karatzas dem dichterischen Wort begegnet: seine Poesie ist voller überraschender Bilder und Bedeutungsinhalte, die direkt zum Wesen einer idealen Welt hinführen, der der lyrische Extrakt des Lebens immanent ist.

Mein Versuch, den Klang dieser vielfarbigen Sensibilität einzufangen und hörbar zu machen, ließ mich zu neuen melodischen und harmonischen – horizontalen wie vertikalen – Ausdrucksweisen finden und offenbarte damit ein völlig anderes Gesicht meiner Musik, ein mir selbst bis dahin verborgen gebliebenes, was den fundamentalen Einfluss des Wortes auf die Musik beweist.

Aus all diesen Gründen möchte ich Asteris Kutulas dazu beglückwünschen, dass er den Versuch gewagt hat, das deutschsprachige Publikum mit diesem herausragenden Repräsentanten der neueren griechischen Dichtung bekannt zu machen, ein Autor, der – trotz der Unkenrufe über den Verfall der modernen Kunst – den Beweis antritt, dass die wahrhaftige Dichtung immer existiert, um die Befindlichkeit des wahrhaftigen Menschen, der voranschreitet, auszudrücken, zumal der Ozean der Gefühle, der in ihm wogt, stets geheimnisvoll und unerforschlich ist und bleiben wird.

Mikis Theodorakis, 12.9.2009

Dionisis Karatzas, Asteris Kutulas, Ina Kutulas, Trak Wendisch
Originalzeichnung von Trak Wendisch zu den Gedichten von Dionisis Karatzas

… hier passiert Sonne

Als ich zum ersten Mal Gedichte von Dionisis Karatzas las, dachte ich, mit dieser, seiner poetischen Welt hätte die meine nichts zu tun. Zu weit entfernt schien mir die erfrischende Meeresbrise seiner Patras-Landschaft von meinem wolkenverhangenen Prenzlauer Berg. Nicht, dass mich seine Lyrik nicht berührt hätte, aber ich nahm sie nicht wahr als „Kunstwelt“. Bis ich herausfand, dass Karatzas es damit ernst meinte: Für ihn war es nicht nur eine Kunstwelt, sondern ein von ihm gelebter „Kosmos“. Diese Erkenntnis offenbarte mir schlagartig neue Einzelheiten, bis dahin wie hinter einem Berg, vielleicht dem Prenzlauer Berg, verborgene, über den ich erst hatte steigen müssen, mich hinwegsetzen über meine literarischen Vorlieben. Trotz ihrer blendenden Helle nahm ich mit einem Mal die Tiefe seiner Bilder wahr, sah ich den Dichter hinabtauchen zum Grund der menschlichen Seele.

Dionisis Karatzas ist ein See-Reisender, er sitzt in seinem Haus in Patras, schaut auf das Ionische Meer und schickt seinen Geist auf Expeditionen. Sein Erfahrungsschatz, den er dabei sammelt, besteht aus WORTEN. Aus sonst nichts. An jedem Werktag geht Karatzas morgens in die Schule und lehrt griechische Literatur. Auch diese, seine berufliche Mission besteht im Dienst an den Worten, bei dem er sich übt in Respekt vor ihnen und ihrer Wirkung. Wie ein mediterraner J.S. Bach widmet er sich, fast nie seine Heimatstadt Patras verlassend, der „Kunst des Wortes“.

Es ist ein eigenwilliges, flutendes Allseitsgriechenland, in das Karatzas mich hinüber lockt, sehr verschieden von meiner zweiten, weiter nördlichen Heimat, in der ich jetzt lebe. Schlafwandelnd ging ich vielleicht schon oft durch die des Dionisis Karatzas. Sie ließ Eros in mir aufschrecken und etwas wachküssen: des Liebesgottes erschreckend jungenhaftes Spiegelbild, das eines Frauenverführers und Kleinmädchenverwirrers, eines Herzerfrischers und Nacktbaders, der dem Papiertiger und Bürohengst Paroli zu bieten vermag und sie aussöhnt mit mir als dem Süßwassergriechen und Grauhimmelberliner, der ich geworden bin, dass ich daran nicht kranken muss.

Die Uhr in meinem Herzen hab ich eingetauscht gegen einen Kompass, dessen Nadelstich mich versöhnlich stimmt bezüglich meiner kühlen Bergbewohnergelüste. In Patras regnet es nun fast das ganze Jahr, möchte ich meinen, und Dionissis Karatzas beginnt sein Ortsgespräch mit der Wasseruhr. Oder war es ein anderer Dichter, der aus den Bergen herabstieg, ans Meer kam und sich erinnerte, dass manches Sprechen Speichelspritzer erzeugt. Landsmann, sei mir gegrüßt, lass deine Schüler Meerdiktate schreiben!

Asteris Kutulas, 11.12.2009

Dionisis Karatzas, Asteris Kutulas, Ina Kutulas, Trak Wendisch
Originalzeichnung von Trak Wendisch zu den Gedichten von Dionisis Karatzas

DIE BITTERKEIT DER KONSONANTEN

Bedacht sprachst du aus was du entschieden
mit Lippenlauten voller Empörung, mit nasalen Lauten der Verweigerung
und gaumenfeuchten Abschiedsworten.
Auf welche Zähne reduzierst du
mein wäßriges Schweigen?
Du hörst immer auf beim Sigma
auf das Lichtes und Winterliches enden.

Du verschärfst die Trennlaute und übersetzt
die Lippenunmöglichkeiten in solche der Nase, das fürcht ich
und gaumenfeucht will ich dich.
Meine speichelnasses Zischen
unterscheidest du von welchem deiner Symptome für Zahnschmerz?
Du hörst immer auf beim Sigma
auf das Lichtes und Winterliches enden.

Dionisis Karatzas: Selbstmord des Reservemonats. Gedichte, Ausgewählt und herausgegeben von Asteris Kutulas, Aus dem Griechischen von Ina und Asteris Kutulas, Zeichnungen von Trak Wendisch, Edition Raute, Görlitz 2010

Odysseas Elytis Begegnungen

Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern

Asteris Kutulas: Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern

Unser Anliegen war es, mit diesem Bildband über Mikis Theodorakis durch eine Vielzahl von Bildern, die begleitet werden von Selbstreflexionen des Komponisten, eine visuelle Annäherung, eine Reise, eine Blickachse hinüber zum Leben von Mikis Theodorakis zu ermöglichen, zu einem Leben, das in mehrfacher Hinsicht exemplarisch zwischen zwei Polen verläuft: dem Pol der griechischen und dem der europäischen Musik, dem Pol der populären und dem der sinfonischen Tradition, zwischen dem der Peripherie und dem des Zentrums, zwischen Athen und Paris, zwischen künstlerischer Avantgarde und dem Bewusstsein ursprünglicher Herkunft.
Aus dieser Lebensführung ergab sich in gewisser Weise ein Paradoxon. Theodorakis‘ apollinischer Verstand strebte der absoluten Musik zu, seine dionysische Seele spürte der Volksmusik nach. Sein Lebensweg gestaltete sich zu etwas wie dem unermüdlichen Versuch, eine Verbindung zwischen jeweils entgegengesetzten Polen herzustellen, um scheinbare oder tatsächliche Gegensätze miteinander in Einklang zu bringen.
So dokumentiert dieser Bildband nicht nur in hunderten zum Teil sehr seltenen Fotos, sondern auch in bislang unveröffentlichten Aussagen sowohl des Künstlers Theodorakis als auch vieler seiner Wegbegleiter eine in der Kultur- und Musikgeschichte beispiellose Biografie und ein unikales Werk.
Dieser Bildband über Mikis Theodorakis ist nicht nur einfach als ein Fotobuch von uns konzipiert worden, und auch nicht nur als ein Foto-Text-Buch. Weil durch diesen Musiker griechische und europäische Geschichte „hindurchgeflossen“ ist, offenbart dieser Bildband einen speziellen − vom „Aussterben“ bedrohten − Künstlertypus. Wir haben versucht, ein spannendes Buch zu machen: einen aus 80 Doppelseiten-Szenen bestehenden „Spielfilm“, der sich aus Abbildung, Text, Geschichte und Gefühl speist. Viel Spass damit.

P.S. (Danksagung)

Von den insgesamt mehr als 17.000 Fotos, die wir zusammen für dieses Buch gesichtet haben, stammte der überwiegende Teil aus dem Archiv von Myrto und Mikis Theodorakis. Der andere Teil stammt aus den Archiven von Margarita Theodorakis, Anna Drouza (Archiv Niki Tipaldou), Petros Pandis, Nikos Moraitis sowie dem des Ehepaars Sgourakis. Ihnen allen gilt unser aufrichtiger und tief empfundener Dank. In nicht minderem Maße sind wir auch der Musikbibliothek Lilian Voudouri – wo inzwischen das Gesamtwerk von Theodorakis betreut wird – und seiner Direktorin Stephanie Merakos zu Dank für die tatkräftige Unterstützung unserer Arbeit verpflichtet. Für die Originaltextbeiträge danke ich Michalis Cacoyannis, Konstantin Costa-Gavras, Louis de Bernieres, Klaus Hoffmann, Jack Lang, Zubin Mehta, Henning Schmiedt, Herman van Veen, Roger Willemsen, Guy Wagner und Martin Walser. Unser Dank gebührt ebenso Axel Dielmann, ohne den es die beiden Interviews in dieser Form nicht geben würde, sowie Rena Parmenidou, Guy Wagner und vor allem Peter Hanser-Strecker und dem Schott Verlag in Mainz, der dieses Buch herausgebracht hat.

Asteris und Ina Kutulas

Bildband über Mikis Theodorakis von Asteris Kutulas
S.133 aus dem Buch mit einem Text von Mikis und drei Fotos von Margarita Theodorakis
Zitate aus Originalbeiträgen für das Buch

Zweimal bin ich gereist, um ihn zu hören und mit ihm zu sprechen. Nach Böblingen und nach Annecy. In Böblingen gehörte ich zum enthusiasmierten Publikum. Seine Musik erfüllte jeden Wunsch, den man haben konnte. Sie wurde nicht dadurch beschädigt, dass sie deutlich etwas wollte. Sie war sozusagen engagierte Musik, aber sie blieb griechisch. Das ist immer eine Art Schönheitsgarantie, wenn eine Musik aus einer Folklore lebt, ohne in ihr unterzugehen.

Martin Walser

***

Europa hatte keinen Che Guevera, es hatte Mikis Theodorakis, der später schreiben sollte: „Ich gehöre einer Generation an, die sich einem extremen Idealismus verschrieben hatte. Mein ganzes Leben war ein endloser Kampf zwischen dem Idealischen und dem Wirklichen, dem Alltäglichen und der Vision“. Wir waren mit ihm. Wer nie vom Umsturz der Diktaturen geträumt hat, wird bekanntlich nie erwachsen.

Roger Willemsen

***

Mikis Theodorakis ist besonders wichtig für mich, nicht nur als Musiker, sondern auch als eine Persönlichkeit mit hohem ethischen Anspruch, die einen großen Eindruck auf meine Generation gemacht hat. Theodorakis kämpfte gegen die faschistische Rechte, politisch und mit seiner mächtigen Musik. Er wurde eingesperrt, gefoltert und verbannt. In seiner Heimat war er wegen seines Widerstands gegen die Diktatoren für viele Leute ein Held, und wir alle liebten seine Musik.

Theodorakis ist ein großartiger Komponist, aber die Menschen kommen erst jetzt dazu, seine konzertanten Werke zu hören. Jahre nach unserer ersten Begegnung in den Siebzigern traf ich Theodorakis in Montreal, und ich bot ihm an, ein Konzert mit seinen Werken zu dirigieren. Dieses Konzert mit Auszügen aus einem seiner berühmtesten Werke, dem Ballett „Zorba the Greek“, war ein gewaltiger Erfolg. „Zorba“ ist unvergessliche Musik, besonders das Finale. Es ist eine Musik, die immer im Gedächtnis der Menschen bleiben wird.

Charles Dutoit

***

Lieber Mikis Theodorakis, … Ich hätte Ihre kameradschaftlichen Partnerschaften mit Semprun, Neruda oder Elytis erwähnen können, ja, müssen; Ihren Kampf um die Versöhnung zwischen dem griechischen und dem türkischen Volk, gemeinsam mit Ihrem Freund, dem großen Musiker Zülfü Livaneli; ich hätte daran erinnern müssen, dass der Friedensnobelpreis Ihnen zu Recht zustünde … und über die ganze Größe Ihrer Kunst sprechen müssen. Und hätte dabei den Eindruck einer posthumen Ehrung gehabt. Wohingegen … Mikis Theodorakis: Sie sind hier, lebendig, unter uns, größer denn je.
Im Namen Europas, im Namen der Menschen, im Namen einer gewissen Idee von Europa, dieser Vision der Menschheit, die uns eint und die Sie verkörpern. Dank, vielen Dank, Mikis Theodorakis: Efharisto, Efharisto para poli, Mikis Theodorakis.“ 

Jack Lang

***

Als ich Mikis Theodorakis zum ersten Mal begegnet bin, war ich überrascht von der Stärke, die von ihm ausging. Obwohl er ein so schweres Schicksal ertragen musste, wirkte er auffallend kraftvoll, unbeugsam, ja optimistisch. Es gibt nur wenige Menschen, die eine solche Ausstrahlung, ich möchte sogar sagen, eine solche Aura haben. Unsere wunderbare Zusammenarbeit mit Mikis Theodorakis begann schon 1992 mit der Veröffentlichung von Theodorakis singt Theodorakis auf unserem CD-Label „Intuition“. Seither sind über zwanzig CDs von ihm bei uns erschienen.

Theodorakis genießt meine Hochachtung nicht nur als Person der Zeitgeschichte, sondern vor allem auch als Komponist, der ein ungemein breites Repertoire an Formen und Stilen beherrscht. Das Spektrum reicht vom einfachen Lied bis hin zur großen Oper, vom Chorwerk bis zum Ballett, vom intimen Gitarrenstück bis zum großen Orchesterwerk.

Es ist nun höchste Zeit, dass auch das Musikleben weltweit dieses besondere Œuvre in seiner Vielgestaltigkeit und Besonderheit wahrnimmt. Ich schätze mich glücklich, ihn als Verleger zu betreuen, und ich bin dankbar, dieser außerordentlichen Persönlichkeit begegnet zu sein.

Dr. Peter Hanser-Strecker, Schott Music GmbH

***

Mikis
Ein Mann
ein Wort
eine Melodie
ein Lied
ein Mut
eine Freiheit

Herman van Veen

Mythos Rebetiko

Rebetiko Subkultur – Gedanken zu einer alternativen Musikrichtung

I  Der Zeibekiko-Tanz

„1934 sah ich zum erstenmal in meinem Leben echte Zebekes. Sie stiegen in Smyrna aufs Schiff, mit dem ich nach Konstantinopel reisen wollte. Sie trugen die alten Trachten der Zebekes. Einer von ihnen, ein Fünfunddreißigjähriger, sprach etwas Griechisch, und so konnten wir uns unterhalten. Er berichtete voller Bewunderung von einem seiner Kameraden, der so hervorragend tanzen könnte, daß ihm keiner darin nachkomme. Als die Sonne unterging, verließ das Schiff mit Ziel Konstantinopel den Hafen. Und in diesem Augenblick begann besagter junger Mann tatsächlich auf dem Deck zu tanzen. Er war klein und gedrungen, veränderte sich aber sofort bei den ersten Schritten. Er war nicht mehr derselbe. Seine fast wilde Männlichkeit wurde seltsamerweise von etwas wie Demut und Dankbarkeit unterstrichen, einer Dankbarkeit, von der man nicht wußte, wem sie galt. Mir schien es, als danke er voll Ergebenheit einem Gott für das Wunder, das das Leben ist. Der Tanz wurde von einem Tumbeleki begleitet, einer türkischen Trommel, die den magischen 9/8-Takt vorgab. Ich spürte Erotik und Männlichkeit und gleichzeitig den entfernten Hauch des Todes.“

Der Maler Jannis Zaruchis, von dem diese Zeilen stammen, hat in Hunderten von Skizzen und Bildern verschiedene Motive von Zebekiko-Tänzern festgehalten. Für viele griechische Maler, Komponisten und Dichter ging seit den dreißiger Jahren von diesem Tanz und von dieser Musik eine seltsame Faszination aus. Möglich, daß sie im Neid auf solch elementare Wirkung von Kunst wurzelte, möglich auch, daß sie das Erstaunen über diese spontane, noch mitten im 20. Jahrhundert existente Identifikation mit einer Kunstform ausdrückte. Zaruchis verdeutlicht zumindest eine Ursache dieser Faszination: Der Zebekiko-Tanz gilt ihm als Sinnbild, ja als Hervorkehrung des ewigen Kampfes des Menschen gegen den Tod, also gegen sich selbst. Der Tänzer verwandelt sich, ist nicht mehr der, der er vorher war und der er danach wieder sein wird. 
Die Zebekes, über die Zaruchis schrieb, gaben dem Tanz den Namen. So bezeichneten sich die Krieger eines Stamms, der in Kleinasien und Thrakien ansässig war, jedoch nicht die muslimische Religion angenommen hatte. Der Zebekiko, der Kriegstanz dieses Stamms, wurde später, von der griechischen Rebetiko-Kultur assimiliert, zum wichtigsten Tanz der rebetischen Musik. Das rhythmische Kennzeichen des Zebekiko ist der unregelmäßige 9/8-Takt, der durch den überhängenden Schlag Unruhe und Schwermut erzeugt – typisch für die Atmosphäre des Rebetiko. Eines der klassischen Rebetika, das auch textlich zu den interessantesten gehört, ist das Lied „Mondlose Nacht“ des Komponisten Apostolos Kaldaras aus dem Jahre 1947. Der, wie so oft, mehr allegorische Inhalt setzt sich mit der Situation während des griechischen Bürgerkriegs auseinander. Dieser Zebekiko wurde so bekannt, daß er von der griechischen Militärregierung 1947 verboten wurde. 

Es ist mondlose Nacht und die Dunkelheit tief; 
und doch kann der junge Mann nicht schlafen. 
Was wartet er die ganze Nacht, bis der Tag anbricht, 
am schmalen Fenster, durch das Licht in die Zelle fällt? 
Die Tür geht auf, die Tür geht zu, doch doppelt ist das Schloß; 
was hat der Junge nur getan, daß sie ihn ins Gefängnis sperrten? 
Die Tür geht auf, die Tür geht zu, mit lautem Stöhnen; 
ich wollt, ich könnt erfahren, was sein Herz ersehnt.

Rebetiko Subkultur Asteris Kutulas Mikis

II Ursprünge des Rebetiko

Die Ursprünge rebetischer Musik, zu der auch der Zebekiko gehört, verlieren sich im 19. Jahrhundert, in der Zeit nach der Befreiung Griechenlands von türkischer Herrschaft um 1830 und der Konstituierung eines griechischen Nationalstaats. Der erste von den Schutzmächten England, Frankreich und Russland eingesetzte griechische König – Otto I. von Bayern – sorgte dafür, daß sich weder eine selbstbewußte nationale Bourgeoisie entwickeln konnte, noch daß die wichtigsten nationalen Probleme gelöst wurden. Der neue griechische Staat entstand als Mißgeburt mit großen Identitätsproblemen. Die ehemaligen Angehörigen der griechischen Befreiungsarmee, die vorher meist leibeigene Bauern der griechischen und türkischen Großgrundbesitzer waren, hatten die osmanischen Okkupanten nach jahrelangem Kampf zwar besiegt, wurden dafür aber weder mit demokratischen Rechten, noch mit der geforderten bürgerlichen Bodenreform belohnt. Viele von ihnen, genauso wie ehemalige Generäle (wie Makrijannis und Kolokotronis), wurden, weil sie gegen die neuen Machtverhältnisse protestierten, zu langen Freiheitsstrafen verurteilt, die sie zumeist in den eigens dafür erbauten Gefängnissen der damaligen Haupstadt Nafplion verbüßen mußten. Hier entstanden viele Lieder, die später eine wichtige Quelle für die Rebetika waren. Die Gefangenen begleiteten ihren Gesang mit einem selbstgebauten Instrument, dem Baglamas, einer kleineren Version des Buzukis, das besser unter dem Mantel zu verstecken war und sich sehr leicht anfertigen ließ. 
Markos Vamvakaris, ein klassischer Vertreter des Rebetiko, schrieb 1936 den Zebekiko „Die Gefängnisse hallen wider“ – eine Adaption des Mitte des 19. Jahrhunderts in Nafplion entstandenen Liedes „Es hallt in zwei Gefängnissen wider“ – und stellte sich damit thematisch wie musikalisch bewußt in die Tradition der alten Gefangenenlieder: 

Die Gefängnisse von Nafplion hallen wider. 
Die Glockenschläge hallen auch. 
Bist du eine Mutter und fühlst Schmerz, 
komm eines Tags und besuch mich. 
Komm, bevor sie mich verurteilen, 
weine, daß sie mich freisprechen mögen. 

Zwar wurde der bayerische König 1862 abgesetzt, doch zu einer eigenständigen ökonomischen Politik, die auch zu einer Industrialisierung hätte führen können, kam es nicht. Trotzdem spielte sich das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben, bedingt durch Handel und Seefahrt, zunehmend in der Stadt ab. Große Häfen entstanden, in denen ein reger – auch kultureller – Austausch stattfand. Vor allem mit der griechischen Küste Kleinasiens, die sich natürlich jahrhundertelang die orientalische Kultur einverleibt hatte. Die Rebetiko-Musik entwickelte sich als neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeit einer gerade im Entstehen begriffenen Bevölkerungsschicht, die nicht mehr einer bestimmten und intakten Dorfgemeinschaft angehörte, sondern sich vielmehr aus Entwurzelten zusammensetzte, deren neue Heimat die schnell wachsenden Städte waren. Ihre kulturellen Bedürfnisse wurden in einer Übergangsphase vorwiegend durch orientalische bzw. orientalisierende Musik befriedigt, angefangen beim Tsifteteli, dem Bauchtanz, bis hin zum Zebekiko. Die Assimilation dieser ganzen Kultur durch griechische Sänger und Instrumentalisten erfolgte langsam, konnte aber durch nichts aufgehalten werden, da die neue Musik die Sehnsüchte und Ängste der Matrosen, Händler, Handwerker und vieler verarmter Bauern, die in der Stadt nach Arbeit suchten, am besten auszudrücken vermochte. Etliche von ihnen entschlossen sich, den Ozean zu überqueren und in Amerika ihr Glück zu versuchen. Diese Gastarbeiter machten Aufnahmen von Rebetiko-Liedern und produzierten die ersten Schallplatten mit Rebetiko-Musik. Die Ferne zur Heimat und Schwierigkeiten mit der neuen Umgebung führten zur intensiven Suche nach der eigenen Identität und damit zu einer kulturellen Blüte in Übersee. Ein historisches Dokument ist das Rebetiko-Lied „Schätzchen“, das um 1910 in den USA entstand:

Mein Schätzchen, der Kopf tut mir weh. 
Mein Schätzchen, wo sonst findest du so einen wie mich? 
Was schaust du mich so an, denkst du, ich hab Angst vor dir? 
Ich hab meinen Mantel verloren, ich hab nicht aufgepaßt.

Rebetiko Subkultur Asteris Kutulas Mikis

III Die Rebetiko-Lieder

Dieser bruchstückhafte, banale Inhalt ist für die Anfangsphase des Rebetiko charakteristisch und blieb es, abgesehen von einigen Ausnahmen, bis zu seiner Endphase. Ganz anders als die episch angelegte demotische Dichtung der dörflichen Volkslieder, entwickelte sich die rebetische Musik als textliche und musikalische Improvisationskunst. Bei ihr kam es darauf an, eine momentane Befindlichkeit musikalisch und textlich festzuhalten, wobei melodische Phrasen und eine feste Rhythmik als Grundgerüst natürlich existierten. 
Das Anfang des Jahrhunderts in den kleinasiatischen griechischen Hafenstädten gegründete Cafe-Aman war der Ort, an dem Musiker und zumeist eine Sängerin und eine Tänzerin solche auf festen Metren basierende Improvisationen, oft war es der Bauchtanz, darboten. Diese Musizierweise hatte einen gewissen Einfluß auf die Rebetiko-Musiker, die zunächst – in enger Anlehnung an die orientalische Tradition – ihre Lieder weder in Moll noch in Dur komponierten, sondern türkische Skalen benutzten. Später gelangten sie zu einer Annäherung und Verschmelzung mit den westlichen Dur-Moll-Tonleitern – das eigentlich Interessante an dieser Musik. 
Im Cafe-Aman sang die Sängerin, wenn ihr kein Text mehr einfiel, das Wort „Aman“, das sie solange wiederholte, wie sie brauchte, um sich eine neue Strophe auszudenken. In der späteren Phase des Rebetiko wurde dieser Ausruf, der so viel wie „o weh“ heißt, als feste Floskel in vielen Liedern benutzt. 
Die allmähliche Verschmelzung orientalischer und griechischer, auch demotischer Tradition zur neugriechischen Musikkultur des Rebetiko führte zu einem neuen Klang-Ergebnis, das eine gänzlich neue Tradition begründete und all seine Quellen absorbierte. Das führte dazu, daß die griechischen Rebeten Lieder im orientalischen bzw. anatolischen Stil komponierten und sie als solche auswiesen. Dabei benutzten und verarbeiteten sie das orientalische musikalische Material nach eigenen Kriterien, was sich auf die Instrumentierung als auch auf Melodik und Rhythmik auswirkte. 
Das Moment der Improvisation in der rebetischen Musik, das auch in ihrer Blütezeit als Buzuki-Improvisation (Taximi) die Virtuosität des Solisten zu Beginn des jeweiligen Liedes unter Beweis stellte, gab Anlaß zum Vergleich von Rebetiko und Jazz-Musik. Neben musikalischen Aspekten war es vor allem das soziale Umfeld, in dem diese Musik entstand, das zu diesem Vergleich anregte. 

IV Zur Geschichte des Rebetiko

Nach den Balkankriegen und dem 1. Weltkrieg versuchten das griechische Königshaus und die griechische Oligarchie 1922 in einem Krieg gegen die Türkei, ihre Vorstellungen von einem Groß-Griechenland mit der Hauptstadt Konstantinopel militärisch durchzusetzen. Doch Konstantinopel blieb Istanbul, und die verheerende Niederlage der griechischen Armee gegen die Truppen des Kemal Atatürk 1923 ging als Kleinasiatische Katastrophe in die Geschichte ein. Der folgende Friedensvertrag von Lausanne sah einen Bevölkerungsaustausch vor, in dessen Folge 1,5 Millionen Griechen aus Kleinasien nach Griechenland strömten. Die meisten von ihnen gründeten um Athen neue Siedlungen, die ähnlich den Slums der amerikanischen Großstädte einen Gürtel um das Stadtzentrum bildeten. Die kleinasiatischen Emigranten kamen nicht nur mit ihrer Kultur nach Griechenland, sondern auch mit ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung über die verlorene Heimat. Viele der Entwurzelten – und das kennzeichnet eine ähnliche Situation wie die der ehemals auf Veranlassung des Königs gefangenen Soldaten der Befreiungsarmee 1830, nur betraf es diesmal eine viel größere Schicht der Bevölkerung – griffen nach dem in ihrer ehemaligen Heimat gebräuchlichen Haschisch, um ihre Lage wenigstens für einige Stunden vergessen zu können. Dieses sich mit den Emigranten rasch verbreitende Ritual wurde meist in unterirdischen Tavernen, den Tekedes, vollzogen, die nur Eingeweihten bekannt waren. 
Einer der Raucher hatte ein Buzuki mit, und sobald es ihn, wie es im Jargon hieß, „überkam“, fing er mit einer Improvisation an. War einer der Zuhörer in Stimmung, stand er auf und gab sich einem wiegenden, ja meditativen Tanz hin, was den bislang auf dem Buzuki Improvisierenden veranlassen konnte, ein Lied zu singen, wie etwa Michalis Jenitsaris 1937 seinen klassischen Zebekiko „Ich sah aus wie ein Filou“, in dem die Befindlichkeit des Sängers durch Slang und Interpretationsweise besonders deutlich wird: diese Ihr-könnt-mich-mal-Haltung, gepaart mit einer hintergründigen Verletzlichkeit. 

Rebetiko Subkultur Asteris Kutulas

V Aussteigerkultur, Drogen und Revolution

„Es war bewundernswert, wie der Tanzende seine Lider mit einer süßen Unterwürfigkeit senkte, was ganz im Gegensatz zu der Kraft seines Körpers stand, denn zur gleichen Zeit trat er mit den Füßen, mit denen er die Erde traktierte, auf etwas Unsichtbares ein, das sich am Boden bewegte. Man hatte den Eindruck, daß, während er dem im Denkmal verewigten Krieger glich, der den Drachen bekämpft, er sich zugleich mit ihm vereinte – nicht aber durch sein unsichtbares Schwert, sondern mit seinem unsichtbaren Glied.“ Der Vergleich mit dem Erzengel Gabriel stammt ebenfalls von dem schon zu Beginn zitierten Maler Jannis Zaruchis. Die Verklärung des Rebetiko hat bei ihm rein künstlerische Gründe: Das erotische Moment, die übersteigerte und gleichzeitig rührselige, vom Schicksal gezeichnete Männlichkeit, war tatsächlich für die Rebetiko-Kultur sehr typisch. Der egoistische, sein Gefühlsleben kultivierende Mann. Doch der „Aussteiger“ offenbart sich nicht nur im Tanz oder beim Singen und Spielen; er mißachtet auch die gesellschaftlichen Normen. Mit Blick auf den Entstehungsprozeß des Rebetiko Mitte der zwanziger Jahre ist er nicht von der Subkultur und der Unterwelt getrennt zu sehen. Totschlag, Raub und andere Delikte waren in der Szene alltäglich, wovon auch viele Lieder berichten. Aber das betraf, sogar in ihrer Anfangsphase, nicht die ganze Rebetiko-Kultur als solche, sondern lediglich eine kleine Schicht der damals ohnehin nur in wenigen Städten bekannten Rebeten. Erstaunlich ist jedoch, daß zu einer Zeit, da in Deutschland Hermann Hesse seinen Steppenwolf von den Alternativen Narkotikum, Musik und meditativer Kult probieren ließ, zu einer Zeit, da in Frankreich eine Gruppe von Künstlern die surreale Revolution über den Umweg des Rausches und Schocks auszulösen suchte, daß also zur selben Zeit in Griechenland eine Gruppe von ungebildeten Leuten ihren blinden Protest gegen die Gesellschaft durch anderes Verhalten, Kleiden, Sprechen und besonders durch die Flucht in den Rausch der Droge und der Musik dokumentierte. Eines der berühmtesten Zebekika von Vasilis Tsitsanis aus dem Jahre 1942 besingt diesen Drang zur Flucht und das gleichzeitige Bewußtsein über die Vergeblichkeit dieses Versuchs. Denn für Tsitsanis, der zusammen mit Vamvakaris die Rebetiko-Musik auf eine neue qualitative Ebene erhob, spielte Drogenkonsum als Lebensinhalt keine Rolle mehr. 

Herr Polizist, schlag mich nicht, ich Armer kann nichts dafür. 
Spiel, Christo, dein Buzuki,/ schlag den Takt; 
sobald mein Hirn benebelt ist,/ beginn den Zebekiko. 
Ich will tanzen in meinem Rausch,/ schön und voller Demut, 
mein Herz ist so schwarz/ vom vielen Leid. 
Spiel, Christo, noch ein Lied;/ schwarze Gedanken hab ich; 
eines Tags werd ich in der Gosse landen,/ wo man mich dann findet.

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VI Markos Vamvakaris & Vassilis Tsitsanis

Ab 1890 stellten staatliche Gesetze den Drogenkonsum unter Strafe, doch wurden diese kaum befolgt. Darum verhägten die Gesetzgeber 1923 wesentlich härtere Strafen. 
Aus der Haschisch-Szene kam auch der bedeutendste Vertreter des Rebetiko, der von der Insel Siros stammende Markos Vamvakaris, der seit Mitte der dreißiger Jahre durch seine rauhe Stimme, seine Kompositionsweise, die Orientalisches mit Griechischem und Europäischem verschmolz, und seine Texte, die den Alltag des einfachen Menschen besangen, zum Begründer des klassischen Rebetiko-Stils wurde. Vamvakaris lebte von 1905 bis 1971. Er begann seine Laufbahn in Athener Haschischkneipen, den Tekedes, die 1936 mit Errichtung der faschistischen Metaxas-Diktatur, schließen mußten. Seine legendären Konzerte gab er von 1936 bis Kriegsbeginn 1940 in einem Athener Vergnügungslokal. In einem seiner berŸhmten Lieder singt er:

Die Kränze deiner Wimpern lassen deine Augen strahlen 
wie Blumen auf den Wiesen.
Deine Lider schlägst du nieder, 
das raubt mir die Vernunft und jeden klaren Gedanken.

Der zweite bedeutende Komponist, der ab 1945 in der Nachfolge von Vamvakaris seinen eigenen Stil herausbildete, war Vasilis Tsitsanis. Von ihm stammt das wohl bekannteste Lied des Rebetiko „Bewölkter Sonntag“. Es hat musikalisch wie inhaltlich eine neue Qualität, die sich zum einen als unbewußte Verarbeitung der gesamten griechischen Musiktradition – konkret eines byzantinischen Hymnus aus der Ostermesse sowie demotischer Motive – und zum andern in der textlichen Auseinandersetzung mit der faschistischen Okkupation Griechenlands im 2. Weltkrieg äußerte.

Bewölkter Sonntag, du bist so wie mein Herz, 
das immerzu bewölkt ist – o Christus und Mutter Gottes. 
Du bist wie der Tag, an dem ich all meine Freude verlor; 
bewölkter Sonntag, du verwundest mein Herz. 
Bist du so verregnet, find ich keine Ruhe; 
du machst mein Leben schwarz, daß ich immer stöhnen muß.

Rebetiko Subkultur Asteris Kutulas Mikis

VII Die Kommerzialisierung des Rebetiko

Mitte der fünfziger Jahre war der Höhepunkt der Rebetiko-Musik überschritten, die dann massiv Einzug in die Vergnügungszentren verschiedener Coleur hielt und besonders von den Massenmedien vermarktet wurde. Es folgte die totale Kommerzialisierung dieser Musik, die durch ständige Nachahmung verflachte und ihre einst kathartische Wirkung, die den Maler Zaruchis so fasziniert hatte, einbüßte. Zum Modeprodukt verkommen, konnte sich das Rebetiko nur durch das Wirken weniger herausragender Persönlichkeiten wie Vamvakaris, Papaioannou, Tsitsanis und einiger anderer weiterhin als authentischer Ausdruck eines Lebensgefühls behaupten. 
Die gesellschaftliche und musikästhetische Anerkennung erfuhr die Rebetiko-Musik allerdings erst durch Manos Hadjidakis und Mikis Theodorakis, die ihre Kompositionen seit Ende der vierziger Jahre immer mehr auf die nationale Tradition und besonders auf das Rebetiko stützten. Doch das wäre schon ein nächstes Kapitel. 

Postskriptum 
Wenn man akzeptieren kann, dass das Lied der Schlüssel zur Seele ist, erscheint der Gedanke nicht so abwegig, dass das Rebetiko den musikalischen Beweis für das ewige Streben des Liedes darstellt, über die Seele schließlich ins Denken des Menschen zu gelangen. Der Ausdruck des Willens nach Selbstlosigkeit, die Sehnsucht nach einer Liebe, die sich nach ungezählten melancholischen Augenaufschlägen erfüllt. Die nach Gegenliebe nicht fragen muss. Was fällt uns ein, wenn wir „Kellerlokal“ hören? Dass sich im Vollrausch der grundlegende Charakter eines Menschen offenbart. Nicht ganz sauber. Nicht ganz astrein. Aber sie alle brauchen Stoff Stoff Stoff. Ein Rebetiko ist ein One-Night-Stand. Es könnte dabei hässlich werden. 

© Asteris Kutulas

Das Phänomen „Rebetiko“ ist für jeden griechischen Intellektuellen ein Thema … Meine Auseinandersetzung mit der griechischen Variante des „Blues“ habe ich in meinem hier oben (in einer gekürzten Fassung) veröffentlichten Essay „Über Rebetika“ festgehalten, der zuerst abgedruckt wurde im Buch: Partitur der Träume. Über Musik und Klänge, konkursbuch Verlag, Tübingen 1990. A.K. 

*** *** ***

Rebetiko Subkultur Asteris Kutulas Mikis Theodorakis
Mikis Theodorakis (Photo © by Asteris Kutulas)

[Mikis Theodorakis hat mir gestattet, seinen kleinen Text von 1984 über das Rebetiko hier abzudrucken, wofür ich ihm sehr danke:]

Mikis Theodorakis: Anmerkungen zum Rebetiko

Das rebetische Lied spielte eine ganz entscheidende Rolle bei der Entwicklung der griechischen Volksmusik. Im Gegensatz zum demotischen Lied, zur Kantate und auch zur bis dahin überlieferten Unterhaltungsmusik suchte das Rebetiko die Befindlichkeit des Volks, des „einfachen Mannes von der Straße“ auszudrücken, die Befindlichkeit von Menschen also, die in der jüngsten griechischen Geschichte der Denkweise eines neuen gesellschaftlichen Systems, dem des Kapitalismus, zu folgen begannen. Dieses System entwickelte sich zunächst in den Hinterhöfen, im Umfeld von Werkstätten und Fabriken, wobei sich zugleich eine neue gesellschaftliche Klasse, das Proletariat, herausbildete. Eine Randgruppe dieser neuen Klasse war das sogenannte Lumpenproletariat, das wegen der mannigfachen Unterdrückungsmechanismen, unter denen es zu leiden hatte, alsbald in Narkotika und damit in der Flucht aus der Wirklichkeit eine Lösung seiner Probleme suchte. Träume aber währen nicht länger als die Wirkung einer Droge, ein Lied, ein Tanz.

Die Musik Anatoliens bot ihrem Wesen nach die damals beste Entsprechung einer von Verzweiflung und Verbitterung beherrschten Stimmung. Mit Buzuki und Baglamas verfügte man über die geeigneten Instrumente, den seelischen Schmerz klanglich zu entäußern; im Chasapiko und vor allem im Zebekiko, dem Tanz der Einsamkeit, fand man den perfekten Ausdruck der Psychologie des Fatalismus. Die Entstehungsorte dieser Musik hatten wir sozusagen vor der Haustür: In Thessaloniki, Anatolien, in Ostmakedonien, Konstantinopel und Smirni lebten Griechen und Türken, existierten das türkische und das griechische Element gleichberechtigt nebeneinander. Wir können davon ausgehen, dass unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und nach der Kleinasiatischen Katastrophe alle, die im türkisch geprägten Umfeld lebten, vom Zauber der türkischen Musik angetan, ja davon ergriffen waren. Sicher ist, dass man türkische Lieder hörte, sang, zu ihnen tanzte. Später, in den fünfziger Jahren zeigte sich, dass das türkische Element in der Musik nach wie vor sehr viele ansprach. Und schließlich dominierte irgendwann jene Musik, bei der griechische Instrumentaltechnik und griechische Texte mit türkischen Melodien kombiniert wurden, man alles miteinander verschmolz. Bald schrieben die Instrumentalisten unter dem Einfluss des Türkischen auch erste eigene Lieder, um das, was sie unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen selbst erlebt hatten, künstlerisch zum Ausdruck zu bringen. Was sich darin aussprach, waren die Erfahrungen eben jener oben genannten Randgruppe, des Lumpenproletariats. 

Wie gelang es aber den griechischen Musikern dieser Zeit, anatolische Einflüsse zu verarbeiten und daraus griechische Lieder zu machen? In welchem Maße wurden diese Lieder in den Jahren ihrer Blütezeit (1925-1945) vom griechischen Volk aufgenommen? Wie verhielten sich die Autoren – als Künstler und als Menschen – in der Phase der Okkupation und des nationalen Widerstands? Wenn man diesen Fragen nachgeht, sieht man, dass die Teilnahme am nationalen Widerstand sich deutlich im täglichen Kampf des Volkes um Überleben und Freiheit zeigte und dass sie nicht so sehr eine historische Tat als vielmehr eine moralische und gefühlsmäßige Entscheidung war. 
Wie man weiß, gab es in dieser Phase eine Tendenz der starken Betonung des Griechentums. Vermutlich aber mangelte es damals an ausgeprägten Musikerpersönlichkeiten und an profunder musikalischer und Allgemeinbildung, so dass das Besondere jener Zeit, nämlich das Rebetiko, nicht zum Allgemeingut, dem Volkstümlich-Nationalen, werden konnte. 
Erst mussten Vamvakaris und später Tsitsanis kommen, damit sich das als Rebetiko und dann als neues Volksliedgut etablierte, was zunächst Inspiration durch das neue musikalische Genre bedeutet und was sich dann verbunden hatte mit demotischen, byzantinischen und anderen Elementen, die gleichermaßen musikalischer als auch allgemein gesellschaftlicher Natur waren. Die Schaffung der neuartigen laizistischen Musik liegt also unzweifelhaft im Rebetiko begründet. Und ohne das laizistische Lied wäre andererseits das Rebetiko in der neugriechischen Kunstgeschichte ein Fundament geblieben, auf dem letztendlich doch kein Haus hätte gebaut werden können. 
Genauso lässt sich sagen, dass die neuere volkstümliche Kunstmusik wiederum eine Weiterführung des laizistischen Liedes ist und dieses schließlich als festen Bestandteil in der Geschichte der griechischen Musikentwicklung verankert hat. Dabei wurden allerdings zwei qualitative Sprünge vollzogen: zum einen der der Verbindung der Poesie mit der Volksmusik und zum anderen der der Akzeptanz des Volkslieds als Ausdrucksmittel einer sozialen Bewegung. 

Das ist der Entwicklungsweg, die Entstehungspyramide des griechischen Lieds. Anfang der achtziger Jahre habe ich zum erstenmal anatolische Skalen verwendet. Der Unterschied zwischen mir und den Musikern der zwanziger und dreißiger Jahre besteht darin, dass ich östliches und westliches musikalisches Material zwar ebenfalls nutzte, es aber weiter bearbeitete und dass das Ergebnis schließlich weder östlich noch westlich geprägt, sondern einfach nur griechisch ist. Nicht das Material an sich, sondern die Art und Weise seiner Verwendung ist entscheidend.

Athen, 1984 
© Neu übersetzt ins Deutsche von Asteris & Ina Kutulas, 2008

*** *** ***

Zwei Fragen zum Rebetiko an Mikis Theodorakis 

Asteris Kutulas: Ist es richtig, dass es eine klare Traditionslinie von den „Tropen“ der antiken Musik bis hin zum Rebetiko gibt?

Mikis Theodorakis: Im antiken Griechenland gab es Tropen, sie werden in byzantinischer Zeit übernommen und Echoi genannt, und in der laizistischen Musik erscheinen sie als „Straßen“ (oder Läufe; A.K.). Diese tragen türkische Namen, zum Beispiel Sabah, Kiurdi, Niaved. Hier kann man gut die Beobachtung machen, wie die Türken und Araber die byzantinische Musik aufnahmen, verinnerlichten, ihr türkische Bezeichnungen gaben, bis wir griechische Komponisten die byzantinische Tradition über die türkischen „Straßen“ erneut rezipierten. Die „Straßen“ der laizistischen Musik – zwischen ihr und der Rebetiko-Musik besteht ein großer Unterschied – haben ihren Ursprung in der byzantinischen Musik und besitzen einen vollkommen eigenständigen harmonischen Kosmos.

Kutulas: In welcher Beziehung zur byzantinischen steht die demotische Musik?

Theodorakis: Die antike, byzantinsche, demotische und laizistische Musik beruhen auf den gleichen Tonarten. So entspricht die erste dorische Leiter dem ersten plagalen Echo usw. Wir haben es mit einer viermaligen Metamorphose zu tun. Dabei spielte die Türkei eine Mittlerrolle Die byzantinischen Echoi existierten als Tropen in der westlichen Musik – die Modi der modalen Musik. Die große Revolution in Europa, die durch Bach besiegelt wurde, war der Übergang vom modalen zum tonalen System. In Griechenland hingegen markiert erst das laizistische Lied diesen Übergang vom Modalen zum Tonalen. Vamvakaris und Tsitsanis stützten sich in ihren Liedern auf das modale wie auf das tonale System. Wir, die Griechen von heute, hatten in der Nachfolge von Vamvakaris ein tiefes Bedürfnis nach tonaler Musik. Darum ist auch mein Volksliedschaffen ausgesprochen tonal. In Zentraleuropa verlief diese Entwicklung ähnlich, wobei die Europäer immer noch fast ausschließlich tonale Musik hören. Das war über einen längeren Zeitraum notwendig, um die Phase der Atonalität zu erreichen. Das sind akustische Notwendigkeiten. 
Meine Musik ist sehr stark von modalen Elementen beeinflußt worden, wobei ich das Modale ganz spontan der demotischen Musik entnahm, ohne das Modale der türkischen „Straßen“ zu kennen. Das verwendete ich erst in meinen zuletzt komponierten Liedern, zum Beispiel im Zyklus „Kariotakis“, nachdem ich es wissenschaftlich analysierte. Der Unterschied nämlich ist gewaltig. Die neuen harmonischen Horizonte, die durch die „Straßen “ der laizistischen Musik eröffnet werden, sind sehr groß. Eine Ursache für die erneute Hinwendung zum Rebetiko in Griechenland liegt sicher auch im Zauber des Modalen begründet, den die „Straßen“ in sich bergen.

© Übersetzt von Asteris & Ina Kutulas & Peter Zacher
Text © Asteris Kutulas (Aus einem Interview mit Mikis Theodorakis, 1983)

Mikis Theodorakis Werkverzeichnis / Catalogue of Works

[Einleitung zum Theodorakis-Werkverzeichnis auf Deutsch: siehe unten.]

Asteris Kutulas | Αστέρης Κούτουλας
MIKIS THEODORAKIS: CATALOGUE OF WORKS |  WERKVERZEICHNIS | ΕΡΓΟΓΡΑΦΙΑ ΜΙΚΗ ΘΕΟΔΩΡΑΚΗ

English version prepared by © Gail Holst-Warhaft
*AST numbers refer to the original catalogue of Theodorakis’s works (1937-2010) compiled in Greek by © Asteris Kutulas
*** *** ***
AST 1
[FIRST MUSICAL NOTEBOOK]
„Collection of songs composed by Mich. G. Theodorakis“
Songs
2 Romances for harmonica
Patras, 1937
AST 2
[SECOND MUSICAL NOTEBOOK]
Songs
„In two parts: Four songs about religion and homeland. Eight songs concerned with nature and life.“
Poems by Michalis Stassinopoulos, Georgios Drossinis, Martzounis, Kostis Palamas, A. Valaoritis, Sp. Damiratos
12 songs
Patras, 1937-38
First performance (selections): Athens, 1993
Opus 1
AST 3
[SONGS FOR YOUNG AND OLDER CHILDREN] (TRAGOUDIA GIA PAIDAKIA KE PAIDIA)
Songs
Poems by Kostis Palamas (5), Michalis Stassinopoulos (2), Georgia Deliyannis, Georgios Drosinis, Odysseas Elytis, Aristotelis Valaoritis, Dionysios Solomos (2), Metastasio (Solomos), Charis Sakellarios, Angelos Vlachos, Grigoris Konstantinopoulos (2), Lorentzos Mavilis, Kostas Hatzopoulos, Aristotelis Valaoritis, Fotis Angoules, P. Granitis, Vassilis Rotas (3), Alekos Fotiadis, Nikos Maragoudiakis (3), Antigone Metaxas & Mikis Theodorakis
35 songs
Patras and elsewhere, 1937-52
First performance (selections): Athens, 1994
First recording: POLYGRAM, 1994
AST 4
[THIRD MUSICAL NOTEBOOK]
Songs
„Musical compositions by M.G. Theodorakis – 3rd form high school student“
Poems by Aristotelis Valaoritis (3), Georgios Drosinis (3), Georgia Deliyannis, T. Trofonopoulou, Kostis Palamas, Ap. Kalogira & Mikis Theodorakis (2)
21 songs
Pyrgos, Patras, Tripolis, 1939-40
First performance (selections): Athens, 1993
First recording: POLYGRAM, 1994
AST 5
[SMALL PIECES FOR VIOLIN] (including sketches)
Violin
19 pieces
Pyrgos and Tripolis, 1939-43
AST 6
[DISPERSED SONGS, 1939-1958] (SKORPIA TRAGOUDIA)
[Anthology no. 1]
Songs
Poems by Kostis Palamas (3), Dionysos Solomos (7), Yorgos Kouloukis (2), Kostas Hatzopoulos (2), Aristotelis Valaoritis, Heinrich Heine, Ioannis Gryparis (2), Labros Porfyras, Angelos Vlachos, A. Klias, Fotis Angoules, Sofia Mavroidis-Papadakis, Kostas Kalatzis, William Shakespeare, Nikos Maragoudiakis (2), Michalis Katsaros, Antigone Metaxas (2) & Mikis Theodorakis (12)
Voice and piano
85 songs
Pyrgos, Troplis, Athens, Ikaria, Makronissos, 1939-58
First recording (selections): Athens, 1993
Opus 2
AST 7
SONGS OF EXILE 1 (TIS EXORIAS A’)
Song Cycle
Poems by Panos Lampsidis & Mikis Theodorakis (2)
3 songs
Pyrgos, Ikaria, 1939-1948
First recording: MINOS, 1976
AST 8
ECCLESIASTICAL CANTATAS (including sketches)
Choral – Ecclesiastical
23 pieces
Tripolis, 1940-43
First performance: 1942-43 Church of St. Barbara, Tripolis (selections)
First recording: MINOS, 1978 (selections)
AST 9
[SMALL PIECES FOR PIANO] (including sketches)
Piano solo
23 pieces
Tripolis and Athens, 1940-43
AST 10
HYMN TO GOD [unfinished]
Choral
[Also exists with the titles: THE LORD and GOD]
For four-part chorus, harmonic accompaniment
First performance: Tripolis, 1942
AST 11
SONATINA FOR PIANO
Piano solo
„Dedicated to Dora Apostolakou“
3 movements
Tripolis, 1942 – Athens, 1943
First performance: Tripolis, 1942
AST 12
RECOLLECTIONS (ANAMNISIS)
Piano solo
„Work for piano dedicated to my poet friend George Kouloukis“
5 pieces
Tripolis, 1942
AST 13
SORROWFUL NATURE (THLIMMENI PHYSI)
Song Cycle
Poem by Mikis Theodorakis
For voice and piano
Tripolis, circa 1942
 (lost)
AST 14
CHORAL PIECES (CHORODIAKA)
Choral
Poems by Angelos Vlachos, Dionysos Solomos, Ioannis Gryparis & Mikis Theodorakis
For mixed and all-male choir
5 pieces
Tripolis, Athens, 1942-46
[arrangement for mixed choir (1976) = AST 229]
Opus 3
AST 15
TROPARION KASSIANIS
Choral, Ecclesiastical
For four-part male choir
[arrangement for mixed choir (1983) = AST 257]
Tripolis, 1943
First performance: Church of St. Barbara, Tripolis, 1943
First recording: MINOS, 1978
AST 16
SYMPHONY NO. 1
Symphonic
Poem by Mikis Theodorakis
For narrator, double string orchestra and four-part mixed choir
9 parts
Tripolis, Athens, 1943-45
AST 17
FANTASY (FANTASIA)
Piano Solo
„In the style of Beethoven On a theme from the 5th Symphony“
Athens, 1943-44
AST 18
HYMN [incomplete]
Choral
For string orchestra and four-part mixed choir
3 parts
Athens, 1944
AST 19
FIVE SAILORS (PENTE NAFTES)
Song Cycle
Poems by Photis Angoules & Mikis Theodorakis (2)
For Voice and Piano
3 songs
Athens, 1944-45
[New arrangement (1957) = AST 107]
First performance: Athens, 1945
AST 20
LITTLE SYMPHONY (MIKRI SYMPHONIA)
(Inspired by Prometheus Bound)
Symphonic
For string orchestra
3 movements
Athens, 1945
Opus 4
AST 21
EXERCISE (ASKISI)
(Study for Two Violins)
Chamber Music
„On a free development of a theme for two violins“
7 movements
Athens, 1945
First performance: Athens, 1945
AST 22
ANDANTE [sketch]
Chamber Music
For cello and piano
Athens, 1945
AST 23
ELEGY I
Chamber Music
For cello and piano
Athens, 1945
AST 24
ELEGY II
„On the Death of the Freedom-Fighter“
Chamber Music
Athens, 1945
For violin and piano
3 movements
First performance: Athens, 1945
AST 25
THE CEMETERY (TO KIMITIRIO)
Symphonic
Poem by Dionysios Solomos
For choir and string orchestra
Athens, 1945
[Arrangement for string quartet (1946) = AST 30]
[Arrangement for small orchestra and choir (1949-50, incomplete) = AST 60]
First performance: Athens, 1945
AST 26
THEATRICAL SONGS [incomplete]
Music for Theatre
Poem by Vassilis Rotas
For chorus, oboe or cor anglais, flute, two cellos and percussion
7 parts
Athens, 1945
AST 27
FOUR PIECES FOR DECEMBER
Chamber Music
Poem by Mikis Theodorakis
Athens, 1945
[Arrangement for string orchestra (1946) = AST 34]
First performance: 1946
AST 28
STRING QUARTET
Chamber Music
4 movements
Athens, 1946
AST 29
DUET [sketch]
Chamber Music
For two violins
Athens, 1946
AST 30
THE CEMETERY
„To Argyris Kounadis“
Chamber Music
5 movements
Athens, 1946
Arrangement for string quartet [see AST 25 & AST 60]
First performance: Athens, 1946
AST 31
LOVE AND DEATH
„Four songs for Myrto“
Song Cycle
Poem by Mikis Theodorakis (2) & Lorentzos Mavilis (2)
For voice and piano
4 songs
Athens, 1946-48
[Arranged for voice and string orchestra (1955) = AST 94]
[Arranged for choir (nos 1 & 2, 1983) = AST 261]
[Arranged for 8-voice choir (no. 3, 1983) = AST 262]
First performance: Athens, 1952
AST 32
PROMETHEUS BOUND
Symphonic
Athens, 1946
First performance: Athens, 1952
Opus 5
AST 33
MARGARITA
Symphonic
„Symphonic poem“
Poem by Nikoforos Vrettakos
For symphony orchestra, choir and recitation
4 movements
Athens, 1946
[Transcription for piano = AST 39]
First performance: Athens, 1977
AST 34
FOUR PIECES FOR DECEMBER
Symphonic
Arrangement for string orchestra
Athens, 1946
[see AST 27]
AST 35
THE FEAST OF ASI-GONIA
„Cretan Piece“
Symphonic
For string orchestra
3 movements
Athens, 1946
[„Symphonic Scherzo“ – arrangement for large orchestra (1947) = AST 38]
[Transcription for piano four hands (sketch) = AST 48]
AST 36
[SYMPHONIC WORK]
Symphonic
For large orchestra
Athens, 1946-7
AST 37
PASSACAGLIA (Adagio)
Chamber Music
For violin and piano
Athens, 1946 (?)
AST 38
THE FEAST OF ASI-GONIA [Sketch]
Chamber Music
Transcription for piano four-hands
1946 (?)
[See AST 35 and AST 48]
AST 39
MARGARITA
Piano Solo
Arrangement for piano
1946 (?)
AST 40
CHILDISH DREAM (PAIDIKO ONIRO)
Piano Solo
For piano
Athens, 1947
Opus 6
AST 41
TRIO
Chamber Music
For violin, cello and piano
„Dedicated to Tatsi Apostolidi“
4 movements
Athens, 1947
[Transcription for wind orchestra = AST 45 and AST 46]
First performance: Athens, 1952
First recording: MOTIVO, 1986
Opus 7
AST 42
SEXTET
Chamber Music
For piano, flute and string quartet
[Title in original sketches: „SYMPHONY“]
3 movements
Ikaria and Athens, 1947
First performance: Athens, 1952
As „SYMPHONIETTA“: Melbourne (Australia), 1995
AST 43
THEMES AND CYCLES (THEMATA KE KYKLI)
Symphonic
For large orchestra
Athens, Makronissos, Athens Military Hospital, 1947-9
Opus 8
AST 44
PRELUDES (PRELUDIA)
Piano Solo
For Piano
11 Preludes
Athens, 1947
First performance: Athens, 1952
First recording: PHILIPS 1985
AST 45
SUITE FOR WINDS AND PIANO
(Allegro Vivace)
Sketch
Ikaria, Summer 1947
Opus 9
AST 46
SUITE FOR PIANO, WINDS AND PERCUSSION
Ikaria, 1947
Opus 10
AST 47
(GREEK) CARNIVAL (ELLINIKI APOKRIA)
Ballet suite for orchestra
August, 1947 – 12.5.1953
First performance: Athens 15.11.53, KOA, Conducted by Andreas Paridis
First Ballet performance: 14.3.54, State Opera Rome, Greek Chorodrama
Choreography: Rallou Manou
[See „Le Feu aux Poudres“ = AST 117]
[See „Zorba il Greco“ = AST 281]
First recording: EDA, 1964
Edinburgh Symphony Orchestra
Opus 11
AST 48
THE FEAST OF ASI-GONIA
Symphonic
„SCHERZO SYMPHONICO“ –
Arranged for large orchestra
Athens, 1947
[See AST 35 and AST 38]
First performance: Athens, 1950
Opus 12
AST 49
SYMPHONY IN THREE MOVEMENTS
Symphonic
„For Philoctetes Economides. My revered and beloved teacher“
Athens and Ikaria, 1947-48
First performance: Athens, 1952
AST 50
OEDIPUS TYRANNUS
Symphonic
Ode for string orchestra – First version
Athens, 1948
[„Final version“ 1956-58 = AST 103]
AST 51
SPRING (ANIXI)
Chamber Music
For string orchestra
Athens, 1948
AST 52
„INTRODUCTION“ („ISAGOGI“)
Symphonic
For symphony orchestra
Ikaria, 1948
Opus 13
AST 53
ELEGY AND THRINOS FOR VASSILIS ZANNOS
Symphonic
For large symphony orchestra
Ikaria, Makronissos, Alexandroupolis and Chania, 1948-51
First performance: Makronissos (Adaptation for mandolin and guitars)
Athens, 1952 (Orchestral version)
Opus 14
AST 54
FIRST SYMPHONY
Symphonic
For large orchestra
Ikaria, Makronisson, Chania, Athens, 1948-53
3 movements
First performance: Athens, 1955
First recording: DELTA, 1972
Second Recording: INTUITION/WERGO/WERGO, 1996 (Conducted by Mikis Theodorakis)
AST 55
STUDY FOR VIOLIN AND CELLO
Chamber Music
Ikaria, 1948
AST 56
MAYPOLE (GAÏTANAKI) [sketch]
(poco allegro)
Piano Solo
Small suite for piano
Ikaria, 1948
AST 57
PRELUDE – STRUMMING – DANCE (PRELUDIO – PENIA – CHOROS)
Symphonic
For string orchestra, celeste, triangle and two tympanum
Ikaria, 1948-9
[Arrangement for piano four hands (1950) = AST 63]
First performance: 1950 (?), Athens
AST 58
STUDY FOR STRINGS
Chamber Music
For two violiins and ‘cello
Ikaria, 1949
AST 59
TENT E 5 – YARD D (SKINI E 5 – KLOVOS D) [sketch]
(Andante espressivo – in two slow movements)
Symphonic
For symphony orchestra
Makronissos, 1949
AST 60
THE CEMETERY [unfinished]
Symphonic
Poem by Dionysios Solomos
Arrangement for small orchestra and chorus
3 movements
Ikaria and Thessaloniki, 1950
[See AST 25 and AST 30]
Opus 15
AST 61
SUITE No. 1
Symphonic
For piano and orchestra
5 movements
Crete and Paris, 1949-55
First performance: Athens, 1957
First recording: COLUMBIA, 1963
AST 62
FIVE SOLDIERS (PENTE STRATIOTES)
Symphonic
„Symphonic Poem“
For voice and orchestra
Poem by Mikis Theodorakis
Athens, 1950
[Arrangement for voice and piano (1957) = AST 106]
[Arrangement for baritone, male choir and orchestra as SUITE No. 4 (1958) = AST 115]
AST 63
PRELUDE – STRUMMING – DANCE
Piano Solo
Arrangement for piano four hands
Athens (?), 1950 (?)
[See AST 57]
AST 64
THE EAGLE (O AETOS) [unfinished]
Symphonic
Crete, 1951 (?)
AST 65
FOLK THEMES (DIMOTIKA THEMATA) [sketches]
Songs
4 Folk songs
Athens and Chania (?), 1950 (?)
AST 66
FIVE CRETAN SONGS
Symphonic
Lyrics: Folksongs
For solo violin, choir and string orchestra
Chania, 1951
First performance: Crete, 1951
AST 67
SYRTOS DANCE FROM CHANIA (SYRTOS CHANIOTIKOS)
(Allegro Vivace)
Symphonic
For piano and orchestra
[Arrangement for piano and percussion (1952) = AST 70]
Chania, 1952
First performance: Crete, 1951
AST 68
LAMBROS [melodic sketches for opera]
Songs
Lyrics by Dionysios Solomos
4 songs
Athens, 1951
AST 69
CONCERTO FOR PIANO AND ORCHESTRA („Helicon“) [fragment]
Symphonic
Athens, 1952
Opus 16
AST 70
SYRTOS DANCE FROM CHANIA (Allegro Vivace)
Chamber Music
„For Michailis Katsaros“
Athens, 1952
Arrangement for piano and percussion
[Arrangement for piano and orchestra (1952) = AST 67]
First performance: Athens, 1952
AST 71
[MANOS KATRAKIS’S POETIC EVENINGS]
Musical Accompaniments
For viola, clarino, santouri and percussion
4 movements
Athens, 1952
First performance: Athens, 1952
AST 72
ORPHEUS AND EURYDICE
Ballet Music
Lyrics by Notis Pergyalis
For string orchestra and chorus
9 parts
Athens, Chana, 1952
[Arrangement for piano (sketch, 1952) = AST 73]
[As a variation entitled LOVE AND DEATH (1956) = AST 102]
First performance (music only) : Athens, 1952
As a ballet: Mycene, 1952
Choreography: Rallou Manou
AST 73
ORPHEUS AND EURYDICE [sketch]
Piano Solo
Arrangement for piano
Athens, 1952
[See AST 72 and AST 102]
Opus 17
AST 74
DESERTERS (LIPOTAKTES)
Songs
4 Poems by Yannis Theodorakis
Chania, 1952 (?)
[Reworked as a song cycle (1960-61) = AST 138]
Paris, 1957
[Orchestral arrangement for popular and symphonic instruments (1979) = AST 242]
[Arrangement for choir (1983) = AST 259]
Opus 18
AST 75
SONATINA NO. 1
Chamber Music
For violin and piano
3 movements
Athens, 1952
[Arrangment for piano (unfinished, 1952-53) = AST 77]
[New arrangement as SONATINA FOR PIANO (1955) = AST 99]
First performance: Athens, 1953
First recording: FIDELITY, 1960
AST 76
THE MAGIC FLUTE (I MAGIKI FLOGERA)
Musical Accompaniment
Sketch for radio broadcast, Athens, 1952
Sketch by Rita Boumi-Papa
First performance: Athens, 1952
AST 77
SONATINA No. 1
Piano Solo
Arrangement for piano, Athens, 1952-3 (?)
[See AST 75 and AST 99]
AST 78
THEME AND VARIATIONS ON POEMS BY CAVAFIS [sketch]
Chamber Music
Recitation accompanied by orchestra (viola, oboe, clarinet in C, bassoon)
4 parts
Athens, 1952-53 (?)
AST 79
INCANTATION [sketch]
Piano Solo
For piano
Athens, 1952-53 (?)
AST 80
EVA
Film Score
Film Music for Small Symphonic Ensemble
Athens, 1952-53
First performance: Athens, 1953
Directed by Maria Plyta-Hatzinakou
AST 81
THE BAREFOOT BATTALION (TO XYPOLITO TAGMA)
Film Score
Film music for symphony orchestra
Athens, 1953
First performance: USA, 1953
Directed by Gregg C. Tallas
AST 82
CARMEN
Background Music
Music for radio sketch
Sketch by Iakovos Kambanellis after the novel by Prosper Mérimée
Athens, 1953
First performance: Athens, 1953
AST 83
THE CALVARY OF AN ORPHAN GIRL (O GOLGOTHAS MIA ORPHANIS)
Film Score
Film music for symphony orchestra
5 movements
Athens, 1953
First performance: Athens, 1953
Directed by Spiros Nikolaïdis
AST 84
THE CARNIVAL DANCERS OF THRACE (I KOUKOUGERI TIS THRAKIS)
Background Music
Radio sketch
Sketch by Iakovos Kambanellis
Athens, 1953
First performance: Athens, 1953
AST 85
THE BELL AND THE SWALLOW (I KAMBANA KE TO CHELIDONI)
Background Music
Radio sketch
Sketch by Iakovos Kambanellis
Athens, 1953
First performance: Athens, 1953
AST 86
SIX RHYTHMS (ECHI RYTHMI)
Ballet Music
For piano
Athens (?), ca. 1953
AST 87
EAST SUNDAY (I IMERA TIS LABRIS)
Symphonic
Cantata for choir and orchestra
Based on poem by Dionysos Solomos
Athens, 1954
AST 88
AGIOUPA (BED OF GRASS) [sketches]
Film score
Film music [sketches]
Athens, 1954
Directed by Gregg C. Tallas
AST 89
ASTROPOYIANNOS
Background Music
Radio sketch
Sketch by Notis Pergialis
For two violins, viola, cello and oboe
3 movements
Athens, 1954
First performance: Athens, 1954
Opus 19
AST 90
SMALL SUITE FOR PIANO (MIKKRI SOUITA GIA PIANO)
Piano Solo
4 movements
Paris, 1954
First performance: London, 1958
First recording: PHILIPS, 1982
AST 91
THE BRIDGE OF ARTA
Background Music
Radio sketch
Sketch by Giorgos Theotokas & Nikos Gatsos
For viola, flute, oboe, clarinet, two horn, tympanum and percussion
Athens, 1954
First performance: Athens, 1954
AST 92
LAMBROS AND MARIA
Background Music
Radio sketch
Sketch by Manolis Skouloudis & Notis Pergialis
For violin, cello, clarinet, cor anglais, horn and tympanum
Athens, 1954
First performance: Athens, 1954
AST 93
I GENIA TOU KREMASMENOU (THE GENERATION OF THE HANGED MEN) 
Background Music
Radio sketch
Sketch by Vassilis Andreopoulos
Athens, 1954
First performance: Athens, 1954
Opus 20
AST 94
LOVE AND DEATH (EROS KE THANATOS)
Symphonic
„Four Songs for Myrto“
Poems by Mikis Theodorakis (2) & Lorentzos Mavilis (2)
Arranged for voice and string orchestra
Paris, 1955
[See AST 31, AST 261 and AST 262]
First performance: Athens, 1958
First recording: HMV, 1957
AST 95
THEOFANO
Background Music
Radio sketch
Sketch by Angelos Tertzakis
For strings, two trumpets, horn, drums and tympanum
Athens, 1955
First performance: Athens, 1955
Opus 21
AST 96
PASSACAGLIAS
Chamber Music
For two pianos
Paris, 1955
[Arrangement for orchestra as ballet suite EROFILI (1956) = AST 113]
AST 97
A TEAR IN THE SEA (ENA DAKRI STI THALASSA)
Background Music
Radio sketch
Sketch by K. Myrat after H.C. Andersen
For voice, cor anglais and guitar
Athens, 1955
First performance: Athens, 1955
AST 98
THE SONG OF NALA
Background Music
Radio sketch
Sketch by Michalis Katzaros (after Mahabarata)
For oboe, bass flute, trumpet, clarinet and two horns
Athens, 1955
First performance: Athens, 1955
Opus 22
AST 99
SONATINA FOR PIANO
Piano Solo
„For my dear friend Manos Hatzidakis“
Paris, 1955
[See AST 75 and AST 77]
First performance: Paris, 1956
First recording: PHILIPS, 1985
Opus 23
AST 100
SUITE NO. 2
Symphonic
First arangement: For orchestra
Paris, 1955-56
Second arrangement: For orchestra and three-part women’s choir
Poem by Kostas Varnalis
First performance: Athens, 1958
Opus 24
AST 101
SUITE NO. 3: „THE MOTHER“ (I MANA)
Symphonic
„To my mother…“
Poem by Dionysos Solomos
For orchestra, mixed choir and mezzo-soprano
Paris, 1956
First recording: Greek Radio and Television (not released), 1980
AST 102
LOVE AND DEATH (AGAPI KE THANATOS)
Ballet Music
Version of the Ballet „ORPHEUS AND EURYDICE“
Paris, 1956-58
[See AST 72 and AST 73]
First performance: Athens, 1956
Choreography: Rallou Manou
Opus 25
AST 103
OEDIPUS TYRANNUS
Symphonic
Ode for string orchestra – Final form
Paris, 1956
First performance: Athens, 1958
First recording: Columbia, 1960
AST 104
ILL MET BY MOONLIGHT
Film Score
Film music for symphony orchestra
London, 1956-57
First performance: Rome, 1958
Directed by Michael Powell and Emeric Pressburger
First recording: DECCA, 1957
Opus 26
AST 105
THE CIRCLE (O KYKLOS)
Song Cycle
„Pour Arda Madikian“
7 folk songs for mezzo-soprano and piano
Paris, 1957
First performance: Rome, 1958
First recording: HMV, 1957
AST 106
FIVE SOLDIERS (PENTE STRATIOTES)
Song
Poem by Mikis Theodorakis
Arrangement for voice and piano
Paris, 1957
[See AST 62 and AST 115]
AST 107
FIVE SAILORS (PENTE NAFTES)
Song Cycle
„Pour Louis-Jacques Rondeleux“
Poems by Fotis Angoules & Mikis Theodorakis
3 Songs
Paris, 1957
For voice and piano
[See AST 19]
Opus 27
AST 108
PIANO CONCERTO
Symphonic
For piano and orchestra
Paris, 1957-58
(final coda, 1996)
First performance: Piraeus, 1966
In final form, London, 1998.
First recording: BALKANTON, 1988
AST 109
QUARTET FOR STRINGS [incomplete ?]
Chamber Music
Paris, 1958
Opus 28
AST 110
LES QUATRE ELUARD
Song Cycle
„pour Jeanne Bathori“
Poems by Paul Eluard
4 Songs
Paris, 1958
For voice and piano
First performance: Paris, 1958
Opus 29
AST 111
LES SIX ELUARD
Song Cycle
„pour Jeanne Bathori“
Poems by Paul Eluard
6 Songs
Paris, 1958
For voice and piano
[Arrangement for choir (1983) = AST 263]
First performance: Paris, 1958
Opus 30
AST 112
EPITAPHIOS (EPITAPH)
Song Cycle
„To my friendship with Vyronas Samios“
Poetry of Yannis Ritsos
8 Songs
Paris, 1958
First performance: Eleusis, 1960
First recording: COLUMBIA, 1960 (arranged by Mikis Theodorakis, sung by Grigoris Bithikotsis) & FIDELITY, 1960 (arranged by Manos Hatzidakis, sung by Nana Mouskouri)
AST 113
EROFILI
Ballet Music
For orchestra
Paris, 1958
[Based on Pasacaglias for Piano = See AST 96]
First performance: Athens, 1958
Choreography: Rallou Manou & Dora Tsatsou
Opus 31
AST 114
SONATINA No. 2
Chamber Music
For violin and piano
Paris, 1958
First performance: Volos, 1959
First recording: COLUMBIA, 1960 & FIDELITY, 1960
AST 115
SUITE No. 4: „FIVE SOLDIERS“ [Unfinished]
Symphonic
Poem by Mikis Theodorakis
Arrangement for baritone, male chorus and orchestra
[See AST 62 and AST 106]
Paris, 1958
AST 116
HONEYMOON
Film Score
„Verson B [Powell] d’après le film HONEYMOON „
Film music for symphony orchestra
[includes the music from the ballet „LES AMANTS DE TERUEL“ and the song „If You Remember My Dream“]
Lyrics: Nikos Gatsos
Paris, 1958
First performance: London, 1958
Choreography: Leonide Massine
Directed by Michael Powell
First recording: DURIUM, 1958
AST 117
LE FEU AUX POUDRES
Ballet Music
For orchestra
[New arrangement of GREEK CARNIVAL]
Athens, 1958
First performance: Paris, 1959
Choreography: Paul Goubé
Opus 32
AST 118
LES AMANTS DE TERUEL
Ballet Music
[On the score also: „Titre à l’origine: Isa / Suite Nr. 4“]
For symphony orchestra
20 parts
Paris, 1958
[Arranged for the film LES AMANTS DE TERUEL (1961-62) = AST 146]
First performance: Paris, 1959
Choreography: Milko Sparembleck
Directed by Raymond Rouleau
First recording: PHILIPS, 1959
Opus 33
AST 119
ANTIGONE
Ballet Music
Based on the tragedy by Sophocles
For symphony orchestra
10 parts
Paris, 1958-59
[Arrangement for two pianos (1959) = AST 61]
[Some themes taken from Suite No. 1 = AST 61]
First performance: Royal Opera House London, 1959
Choreography: John Cranko
AST 120
THE SUFFERING OF THE VIRGIN MARY [sketch]
Choral
Based on a poem by Kostas Varnalis
For mixed choir
Paris, 1958 (?)
AST 121
ANTIGONE – BALLET
Chamber Music
Arrangement for two pianos
Paris, 1959
[See AST 119]
Opus 34
AST 122
THE PHOENICIAN WOMEN (PHINISSES)
Music for Theatre
Tragedy by Euripides
For mezzo-soprano, choir, 2 cellos, double bass, 2 flutes, 2 horns, 2 trombones, 2 trumpets, Bb clarinet, piano and percussion.
Paris,1959-60
[Arranged for symphony orchestra as the second movement of the Symphony No. 4(1986-87) = AST 275]
First performance: Epidaurus Theatre, 1960
Opus 35
AST 123
ARCHIPELAGOS
Song Cycle
Poems by Nikos Gatsos (4), Odysseas Elytis, Panos Kokkinopoulos, Dimitris Christodoulou (2), Yannis Theodorakis & Mikis Theodorakis (4)
13 Songs
Paris, Athens, London, 1959-61 (No. 13, 1957)
First performances: Athens, 1960-61
First recording: COLUMBIA, 1960-61 (minus No. 13) FIDELITY, 1960 (complete)
Opus 36
AST 124
DISPERSED SONGS, 1959-69 (SKORPIA TRAGOUDIA)
[Anthology no. 2]
Songs
Poems by J. Plante, Kostas Virvos, Nikos Gatsos, G. Papakyriakis, Enricos Thalassinos (3), Michalis Katsaros (3), Christos Kolokotronis (3), Dimitris Christodoulou (2), Klitos Kyrou & Mikis Theodorakis (4)
15 + 6 Songs
Athens, Paris, 1959-65
First performances:1961-3
First recording: No. 21: MINOS, 1975 (on record ENEMY OF THE PEOPLE ) and MINOS, 1976 (on record OF EXILE )
Complete collection of songs: EMI, 1988
AST 125
ANTIGONE
Piano Solo
For piano
Paris, ca. 1959
AST 126
SUITE No. 5 [sketch]
Symphonic
For orchestra
Paris, 1959-60
Opus 37
AST 127
AXION ESTI (IT IS WORTHY)
Meta-symphonic
Poetry of O. Elytis
For baritone, popular singer, small choir, santouri, popular and classical orchestra
Paris & Athens, 1960-63
[Second arrangement: Elaboration of choral part and additional instruments added 1993 = AST 292]
First performance: Cyprus, 1964
As ballet: Perth. Australia, 1991
First recording: COLUMBIA,1964; Swedish version: FOLKSANG, 1980; German version: ETERNA, 1983
Opus 38
AST 128
THE SONG OF THE DEAD BROTHER
Song Cycle
Lyrics by Mikis Theodorakis and Kostas Virvos
Song cycle from the musical tragedy of the same name.
Paris and Athens, 1960-63
[New musical arrangment and addition of songs nos. 10 -12 (1979-80) = AST 244]
First performance: Athens, 1962
First recording: HMV, 1962
Opus 39
AST 129
ISLAND OF THE AZORES AND BARREL-ORGAN (NISOS TON AZOROS & ROMVIA)
Songs
Texts by Bost
Athens, 1960
First recording: COLUMBIA, 1960
AST 130
MICHALIS OF SKIATHOS
Film Score
Film music for flute, clarinet, bassoon, horn, guitar, mandolin, bouble bass, 6 violins and 4 cellos
Athens, 1960
First performance: 1961
Directed by John Ingram
Opus 40
AST 131
CITY (POLITIA)
Song Cycle
Poems by Dimitris Christodoulou (4), Tassos Livaditis (5), Kostas Virvos
10 songs
Paris & Athens, 1960-61
(songs no. 9 & 10 from the film DREAM DISTRICT )
First performance: Athens, 1960-61
First recording: COLUMBIA, 1960-61
AST 132
THE BACCHAE [sketch]
Music for Theatre
Tragedy by Euripides
For choir, winds and percussion
Paris, 1960
AST 133
FACES IN THE DARK
Film Score
Film music for ondes Martenot and percussion
London, 1960
First performance: U.K. 1961
Directed by David Eady
Opus 41
AST 134
AJAX
Music for Theatre
Tragedy by Sophocles
For choir, flute, Bb clarinet, bassoon, trumpet, horn, piano, guitar and percussion
Paris, 1960-61
First performance: Epidaurus, 1961
AST 135
MYRTLE (MYRTIA)
Film Score
Film music for voice and popular orchestra
Athens, 1960-61
First performance: Greece, 1961
Directed by Kostas Karagiannis
AST 136
DREAM DISTRICT (SYNIKIA TO ONEIRO)
Film Score
Film music for voice and popular orchestra
Lyrics: Tassos Livaditis & Kostas Virvos
Athens 1960-61
First performance: Athens, 1961
First recording (songs): COLUMBIA, 1960
Directed by Alekos Alexandrakis
Opus 42
AST 137
EPIPHANY (EPIPHANIA)
Song Cycle
Poetry of George Seferis
4 Songs
Paris, 1960-61
[Arrangement for small instrumental ensemble with popular and classical instruments (1979)]
[Arrangement for mixed choir (1983) =AST 260]
[New and extended version of 3 (Epiphany 1937) as EPIPHANIA AVEROF (1968-69) = AST 181]
First performance: Athens, 1961
First recording: COLUMBIA, 1961 & LYRA, 1979
(Opus 17)
AST 138
THE DESERTERS (LIPOTAKTES)
Song Cycle
Poems by Yannis Theodorakis
Arrangement for harpsichord, classical guitar, 12-string guitar, flute, piano, violin and percussion
Athens, 1960-61
[See AST 74, AST 242 and AST 259]
First recording: COLUMBIA, 1961
AST 139
THE SHADOW OF THE CAT
Film Score
Film music for symphony orchestra
London & Paris, 1961
First performance, London, 1961
Directed by John Gilling
AST 140
A MEETING ONE NIGHT (SYNANTISI MIAS NICHTAS)
Film Score
Film music for voice and popular orchestra
Athens, 1961
First performance: Athens, 1961
Directed by Enrikos Thalassinos
AST 141`
BEAUTIFUL CITY
Music for Theatre – Song Cycle
Musical review
Lyrics by Bost (2), Dimitris Christodoulou (3), Enrikos Thalassinos (6), Akos Daskalopoulos
13 parts
Athens & Paris, 1961-62
First performance: Athens, 1962
First recording: Columbia, 1962
AST 142
PHAEDRA
Film Score
Film music for voice, clarinet, 2 guitars, 2 violins, viola, cello and double bass
13 parts
Paris, 1961
First performance: Paris, 1962
Directed by Jules Dassin
First recording: UAS, 1962
AST 143
BETRAYED LOVE (PRODOMENI AGAPI)
Film Score
Film music for two voices and popular orchestra
Lyrics: Enrikos Thalassinos
Athens, 1961-2
First performance: Athens, 1962
Directed by Enrikos Thalassinos
First recording: COLUMBIA, 1962
AST 144
ELECTRA
Film Score
Film music for voice, piccolo, clarinet, santouri, double bass and percussion
Suites I-XIV
Paris, 1961-2
First performance: Greece, 1962
Directed by Michalis Cacoyannis
First recording: PHILIPS, 1962
(re-recorded without songs: BMG, 1988)
AST 145
MANOLIS
Film Score
Film music for two bouzoukis and symphony orchestra
London, 1961-2
First performace: London, 1962
Directed by Paul Crosfield
AST 146
LES AMANTS DE TERUEL
Film Score
Film music for symphony orchestra
Paris, 1961-2
[See AST 118]
First performance: Paris, 1962
Directed by Raymond Rouleau
First recording: COLUMBIA, 1962 (Edith Piaf)
Opus 43
AST 147 & AST 148
THE HOSTAGE (ENAS OMIROS)
Song Cycle
Play by Brendan Behan
Suite for voice, 2 bouzoukis, guitar, cello, bass, flute, oboe, piano, harpsichord and percussion
16 parts
Paris, 1962
[See AST 147]
First recording: LYRA, 1962
AST 149
LINNEAR MUSIC (GRAMMIKI MOUSIKI)
Symphonic
For orchestra
5 movements
Paris & London, 1962
[Incorporated in the film score for FIVE MILES TO MIDNIGHT – See AST 150]
AST 150
LA TROISIEME DIMENSION (FIVE MILES TO MIDNIGHT)
Film Score
Film music for solo violin, ondes Martenott, 6 first violins, 6 second violins, cellos, bass, trombone, bass trombone, piano and percussion
Paris, 1962
[See AST 149]
First performance: Paris, 1962
Directed by Anatole Litvak
AST 151
LONGHEADS AND ROUNDHEADS [sketches]
Music for Theatre
Play by Bertolt Brecht
2 Songs
Athens, 1962-3
First recording: COLUMBIA, 1963
Opus 44
AST 152
PROPHETIC (PROPHITIKA)
Songs
„On the murder of Grigoris Lambrakis“
Lyrics by Mikis Theodorakis
2 Songs
Athens, 1963
First recording: COLUMBIA, 1963
AST 153
MAGICAL CITY (MAGIKI POLI)
Music for Theatre
Musical review by Theodorakis-Hadjidakis
With music of Manos Loïzos & Christos Leontis
Lyrics by Mikis Theodorakis (2), Notis Pergyalis & Iakovos Kambanellis
4 Songs
Athens, 1963
First performance: Athens, 1963
First recording, COLUMBIA, 1963
Opus 45
AST 154
THE ANGELS’ QUARTER (I GITONIA TON ANGELON)
Music for Theatre
Musical Drama
Lyrics by Iakovos Kambanellis
10 parts
Athens, 1963
First performance: Athens, 1963
First recording: COLUMBIA, 1963
AST 155
GREAT WALL OF CHINA [sketches]
Music for Theatre
Play by Max Frisch
Athens, 1963
AST 156
LIOUTSA [melodies]
Music for Theatre
Play by Dimitris Liberopoulos
Athens, 1963
First performance: Athens, 1963
Opus 46
AST 157
LITTLE CYCLADES (MIKRES KYKLADES)
Song Cycle
Poems by Odysseus Elytis
7 songs
[See AST 311]
Athens, 1963
First performance: Athens, 1963
First recordings: EMIAL, 1964 & LYRA, 1964
Opus 47
AST 158
CITY 2 (POLITIA B‘)
Song Cycle
Poems by Kostas Varnalis (2), Dimitris Christodoulou (2), Nikos Gatsos, Panos Kokkinopoulos
6 songs
Paris, Athens, 1964
First recording: COLUMBIA, 1964
AST 159
ZORBA THE GREEK
Film Score
Film music for two bouzoukis, flute, oboe, cello, percussion, bass, piano, strings and popular orchestra
Based on the novel ALEXIS ZORBAS by Nikos Kazantzakis
Athens, 1964
[some themes reappear in the ballet of the same name of 1987-88. See AST 281]
First performance: New York, 1964
Directed by Michalis Cacoyannis
First recording: 20th CENTURY FOX, 1964
Opus 48
AST 160
GOLDEN-GREEN LEAF (CHRYSSOPRASSINO PHYLLO)
Film Score
Songs for the film THE ISLAND OF APHRODITE
Lyrics by Leonidas Malenis, Nikos Gatsos, Antis Pernaris & Mikis Theodorakis
Athens, 1964
First performance: Athens, 1965
Directed by Charilaos Papadopoulos
First recording: COLUMBIA, 1965
AST 161
A MONTH IN THE COUNTRY (ENAS MINAS STIN EXOCHI)
Music for Theatre
Play by Ivan Turgenev
For cello and other classical instruments
Athens, 1964
AST 162
UNE BALLE AU COEUR
Film Score
Film music for voice and popular orchestra
Athens, 1964-5
First performance: France, 1965
Directed by Jean Daniel Pollet
First recording: BARCLAY, 1966
AST 163
THE TROJAN WOMEN (TROADES)
Music for Theatre
Tragedy by Euripides
For alto, choir, santouri, 2 flutes, Bb clarinet and percussion
Athens, 1965
First performance: Epidaurus, 1965
AST 164
SOTIRIS PETROULAS
Choral
Poem by Mikis Theodorakis
For mixed choir and baritone solo
Athens, 1965
Opus 49
AST 165
FARANTOURI CYCLE (SIX SONGS)
Song Cycle
Lyrics by Nikos Gatsos, Dimitris Christodoulou, Tassos Livaditis, Gerasimos Stavrou
6 songs
[See AST 313]
Athens, 1965
First recording: COLUMBIA, 1965
AST 166
THE ROADBLOCK (TO BLOKO)
Film Score
Film music for voice and popular orchestra
Athens, 1965
First performance: Athens, 1965
Directed by Adonis Kourou
AST 167
THE PENDULUM (TO EKREMES)
Music for Theatre
Play by Aldo Nicolai (Dimitris Myrat) & Nikos Gatsos
Athens, 1965
For voice and popular orchestra. (includes some of the FARANTOURI CYCLE)
First performance: Athens, 1965
Opus 50
AST 168
MAUTHAUSEN
Song Cycle
Poems by Iakovos Kambanellis
4 songs
[Arrangement for choir (1983 ) = AST 258]
Athens, 1965
First performance: Athens, 1966
First recording: COLUMBIA, 1966
Opus 51
AST 169
GREEKNESS (ROMIOSSINI)
Song Cycle
Poems by Yannis Ritsos
9 songs
Athens, 1966
First performance: Athens, 1966
First recording: COLUMBIA, 1966
Opus 52
AST 170
LETTERS FROM GERMANY (GRAMMATA AP‘ TI GERMANIA)
Song Cycle
„The Minor Odyssey“
Poems by Fontas Ladis
13 Songs
Athens, 1966
First performance: Athens, 1966
First recording: LYRA, 1975
AST 171
LYSISTRATA
Music for Theatre
Comedy by Aristophanes
For choir, flute, trombone, mandoline, guitar, cello, santouri, double bass and percussion
Athens, 1967
First performance: Athens, 1967
AST 172
THE DAY THE FISH CAME OUT
Film Score
Film music for voices, synthesizer, santouri, bouzoukis, clarinet, flute, electric guitar, electric bass, drums and perc