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Mein griechisches Niemandsland DDR (Eine Rede)

[„Asteris Kutulas ist bekannt als Autor, Übersetzer, Filmemacher sowie als Event– und Musikproduzent. Als Sohn griechischer Emigranten in Rumänien kam er 1968 mit seiner Familie in die DDR. In seinem Essay »Mein griechisches Niemandsland DDR. Ein Leben zwischen Systemen, Ideologien, Sprachen, Kulturen, Ländern und Mauern« nimmt er die persönliche Lebensgeschichte zum Anlass, um über die Wechselbeziehungen zwischen den Verheißungen der kommunistischen Utopie und den Gegebenheiten des real existierenden Sozialismus, doppelter Fremde und doppelter Heimat, politischer Unfreiheit und geistiger Freiheit nachzudenken.“ Marco Hillemann & Miltos Pechlivanos (Aus dem Vorwort zum Buch „Deutsch-Griechische Beziehungen im ostdeutschen Staatssozialismus (1949-1989)“, Freie Universität Berlin 2017)]

Satellite Clip: Gymnasialklasse von Asteris Kutulas an der Kreuzschule in Dresden und bei Ausflügen in die Sächsische Schweiz um 1977

I Unsere Eltern … (Gesellschaftssysteme und Ideologien)

Unsere Eltern – fast alle kamen sie vom Dorf – kämpften zuerst gegen die deutschen Besatzer, dann (ab Dezember 1944) gegen die „Briten“. Diese hatten die griechischen Kollaborateure der Nazis als neue Verbündete übernommen und sie mit neuen Waffen und englischem Knowhow ausgestattet. Diese bis-eben-noch-Nazi-Kollaborateure bekamen zudem Regierungsgewalt.

Die „Briten“ führten in dieser Zeit am Mittelmeer zwei Kolonialkriege: einen gegen die jüdischen Partisanen in Palästina; den verloren sie, so dass der jüdische Staat Israel entstehen konnte, und den anderen Krieg führten sie gegen die linken griechischen Partisanen, den sie mit Hilfe der USA 1949 letztendlich für sich entscheiden konnten. Daraufhin wurde Griechenland bis 1974 von einem quasi monarchofaschistischen Staatsgebilde beherrscht.

Theo Angelopoulos schuf mit seinem großartigen Streifen „Die Jäger“ das zutiefst melancholische Zeugnis von einem Land, in dem von 1936 bis 1977 (als sein Film entstand) dieselben faschistoiden Personen, dieselben parastaatlichen Strukturen den Machtapparat bildeten und mit der siebenjährigen Diktatur zwischen 1967 und 1974  ihrer Herrschaft schließlich die Krone aufsetzten.

Unsere Eltern,

die in den Bergen als Partisanen zuerst gegen die deutsche Wehrmacht und die SS und gleich anschließend bis 1949 gegen die „Briten“ und „Amerikaner“ gekämpft hatten …, unsere Eltern fanden sich wieder in Verbannungslagern, in Gefängnissen und viele von ihnen in den sozialistischen Ländern hinter einem eisernen Vorhang. Sie wurden von einem übergeordneten Schicksal, das den Namen Hitler oder Churchill oder Stalin oder Tito trug, mit kalten Händen weitergeschoben, bis sie irgendwo in Osteuropa eine Bleibe fanden, in kleinen Orten und Dörfern oder in fernen Großstädten mit für sie exotischen Namen: Bratislava, Oradea, Radebeul, Taschkent, Zgorzelec etc. etc.

Unsere Eltern, hatten hier keinerlei Besitz, das Geld war stets am Ende des Monats alle, aber sie empfanden Dankbarkeit dafür, dass man ihnen Wohnung und Arbeit gab. Sie waren in Textilbetrieben tätig, im Bau- und Handelsgewerbe, viele studierten und wurden Ärzte und Ingenieure, aber sie blieben doch Entrissene und im Innern immer „heimatlos“.

Heimatlos,

weil Griechenland sie als „Vaterlandsverräter“ stigmatisierte, sie dauerhaft aussperrte und häufig im Fall der Rückkehr mit dem Tod bedrohte – und weil die neuen Gefilde auf sie zunächst wie „Transit-Hotel-Leben“ wirken mussten, gastfreundlich und fremd zugleich.

Sie hatten persönlich nichts davon – ihr halbes Leben verbrachten sie wegen einer Chimäre in kalten Landschaften und lebten von der Hand in den Mund. Sie wurden in der Weltgeschichte herumgereicht, von Mächten, auf die sie keinen Einfluss hatten und deren Kalkül und Pläne nicht zu durchschauen waren … Sie kommen mir heute vor wie aufgewirbelte Staubkörner der Weltgeschichte. Aber sie machten das Beste daraus, sie kämpften, sie bildeten sich weiter. Sie waren stark. Trotzdem: Unsere Eltern waren keine Akteure, sie waren Getriebene. Diese Eltern, ich betrachte sie und kann sie nicht in den Himmel heben. Immer fiel aus diesem Himmel das Wasser von oben nach unten, machte ihre Flügel schwer und verwies sie zurück auf den Boden der Tatsachen.

Glaube & Utopie

Wofür das alles? Und: Warum? Einerseits, weil unsere Eltern keine Wahl hatten, andererseits wegen ihrer Ideologie – ich würde es so sagen: um ihres „Glaubens“ willen. Sie hatten die „Utopie des Kommunismus“ verinnerlicht. Und das Leben im Griechenland der 30er und Anfang der 40er Jahre hatte sie gelehrt, dass man sich wehren kann und muss gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, und die einzige Ideologie, die diesen Widerstandskampf damals in Griechenland unterstützte, war die kommunistische.

Der Glaube meiner Eltern hatte zweifellos religiöse Züge. Aber diese „kommunistische Religion“ gründete sich nicht auf die Vorstellung vom Mysterium einer höheren, fernen Macht, sondern bezog sich auf ein real existierendes Gesellschaftsmodell, in dem sie ab 1949 dann tatsächlich lebten. Das heißt, immerhin: die Richtigkeit ihres utopistischen Glaubens konnte am Alltag gemessen und geprüft werden.

Und das war zugleich das „Große Dilemma“, weil zum einen diese Wirklichkeit eben nicht das Ziel der Verheißung, sondern weil diese Wirklichkeit voller Widersprüche war. Zum anderen bedeutete diese Realität vor allem die ständige Auseinandersetzung mit einer humanistischen Utopie – die den Menschen im Mittelpunkt hatte – und der Frage, ob der Mensch hier bereits im Mittelpunkt stand. Bei dieser Auseinandersetzung ging es immer – ich zitiere den Heilsbringer dieser Religion, Karl Marx – um die Freiheit des Menschen in einer von Ausbeutung befreiten Gesellschaft.

Mein griechisches Niemandsland DDR

Von den zwei konkurrierenden Gesellschaftssystemen verhieß das eine – der Sozialismus – Freiheit in einer menschlich gewordenen Gesellschaft und das andere – der Kapitalismus – Wohlstand, verknüpft mit einer absolut individuellen Freiheitsauffassung.

Letzteres Gesellschaftssystem konnte seine Versprechen zwischen 1950 und 1989 in gewisser Weise einlösen, es war überzeugender; das andere, das „sozialistische“, Gesellschaftssystem, in dem auch wir lebten, scheiterte, seine Verheißungen erfüllten sich nicht.

In diesem Dilemma lebten unsere Eltern und wir, ihre Kinder. Mit dem Unterschied, dass unsere Eltern bereits gelitten hatten für ihren Glauben und wir nicht, wir mussten nicht leiden. Ich allerdings – denn ich war etwas merkwürdig drauf – litt unter einer „transzendentalen Obdachlosigkeit“, um einen sehr stimmigen Begriff des Philosophen Georg Lukács zu gebrauchen, den er geprägt hatte, als er jung war.

In der DDR stellte sich dieses Dilemma des Festhängens in einem Leben zwischen Utopie und Wirklichkeit graduell anders dar als in den anderen sozialistischen Ländern, denn in die DDR waren vor allem griechische KINDER gekommen. Diese hatten selbst keine „heroische Epoche“ durchgemacht, sondern wuchsen in einem behütenden sozialistischen Brutkasten auf, mit der „erzählten Erinnerung“ von einer Heimat, die sie nicht kannten und die ihnen bis auf weiteres versagt war, und einer neuen Heimat, die eine vorübergehende sei, in der man viel lernen sollte, um irgendwann als kommunistischer Missionar in die alte, eigentliche, zurückkehren zu können.

Griechenland DDR Asteris Kutulas
Auf einem Bukarester Weihnachtsmarkt mit meiner Mutter um 1963 (Photo © Asteris Kutulas)

II Zäsuren … (Heimat- und Vaterländer)

Drei Jahreszahlen – 1967, 1974, 1981 – und die damit verbundenen Ereignisse waren für uns Griechen im sozialistischen Exil von besonderer Bedeutung:

In der DDR waren wir lange Zeit „heimatlose Menschen“. Das Jahr 1974 hat aus uns „Menschen mit zwei Heimaten“ gemacht.

Wir waren bzw. galten in der DDR als „politisch Verfolgte“. Das Jahr 1981 hat aus uns „politische Gastarbeiter“ gemacht.

1974

Fast 30 Jahre lang, bis 1974, konnten viele „politische Emigranten“ (wie wir – Eltern und Kinder – genannt wurden) nicht nach Griechenland zurückkehren. Dann stürzte die Junta. Konstantin Karamanlis brachte Griechenland die Demokratie. Er ließ durch eine Volksabstimmung die Monarchie abwählen, legalisierte die seit 1947 verbotene Kommunistische Partei und ermöglichte den politischen Emigranten die Rückkehr in ihre alte, inzwischen unbekannte Heimat. Bis dahin hatten wir nur einen Fremdenpass und waren „Fremde“, doppelt Fremde, sowohl in der DDR als auch in Griechenland. 1974 erhielten wir unsere Identität zurück, zum ersten Mal bekamen wir einen „echten“ griechischen Pass. Damit hatten wir auf einmal zwei Heimatländer. Wir konnten uns entscheiden, wo wir leben wollten; vor allem konnten wir nach Griechenland reisen und somit endlich aus unserer Zwangssituation, die fast 30 Jahre gewährt hatte, aussteigen – mental und emotional. Plötzlich hattest du die Wahl, und für einige von uns Griechen der „politischen Diaspora“ im Osten entpuppte sich eben dieser Osten als die eigentliche neue „neue Heimat“.

1981

Dann kam das Jahr 1981 und brachte Griechenland Andreas Papandreou und mit ihm die in der Geschichte Griechenlands erste linke Regierung an die Macht. Durch die längst überfällige Anerkennung des antifaschistischen Widerstandskampfes und durch das Repatriierungsgesetz, das endlich auch die Rentenansprüche Zehntausender ehemaliger politischer Emigranten klärte, war man nicht mehr in der Situation, „politisch“ Verfolgter zu sein. So wurde aus uns allen „politische Gastarbeiter“ im sozialistischen Ausland. Einige zogen die Konsequenzen, reisten aus nach Westberlin und Westdeutschland und tilgten das Adjektiv „politisch“, so dass sie von da an einfach nur „Gastarbeiter“ waren.

Für die in der DDR Gebliebenen galt dasselbe: das Politische wurde abgestreift, es gab keinen „Widerstandskampf“ mehr, ein Rückzug ins Private konnte stattfinden. Durch den Sieg von Andreas Papandreou und durch das Repatriierungsgesetz war der „kommunistischen Basis“ der Boden entzogen – ein Prozess, der 1968 begonnen hatte, der aber dann 1981 manifest wurde. Die Machtübernahme durch die PASOK-Partei 1981 bedeutete für die Kommunistische Partei Griechenlands dasselbe wie für die SED 1989 die Öffnung der Mauer – der Anfang vom Ende.

Das hatte aber auch damit zu tun, dass im Lebens-Alltag der DDR seit Ende der 70er Jahre der Sozialismus als UTOPIE keine Rolle mehr spielte und das Ideologische als erstarrt Floskelhaftes immer mehr zur Karikatur verkommen war.

Die Konsumideologie der westlichen Welt wurde in der DDR immer beherrschender, zumal die „SED“ und ebenso – wenn auch ganz anders – die „KP“ in Griechenland ihre Rolle als jeweilige utopistische Instanz längst eingebüßt hatten. Die Bürokratisierung sorgte für verkalkte Strukturen, die SED war zu einem Macht-Apparat geworden, der sich auf starren Herrschaftspositionen eingerichtet hatte, als wären sie aus dem gleichen Zement gewesen wie die Berliner Mauer. Er hielt noch einige Jahre, dann begann er zu bröckeln. Im Grunde wussten es alle seit Ende der siebziger Jahre: Es war vorbei mit dem sozialistischen Experiment. Dieses war an seiner kleinbürgerlichen (anti-kommunistischen) Führung und seiner stalinistischen Machtstruktur gescheitert.

1968

Für uns Griechen im Ostblock war das Jahr 1968 von entscheidender Bedeutung. Bis zu diesem Zeitpunkt lebte man als Linker, zumal als Kommunist, in einer „fortwährenden Hoffnung“. Ich werde niemals den Silversterspruch meiner Eltern Anfang der sechziger Jahre in Rumänien vergessen: Kai tou chronou stin patrida! Und nächstes Jahr in der Heimat! Aber am 21.4.1967 kam der Putsch der Obristen, und in den folgenden Jahren klang dieser Spruch nicht so optimistisch wie einst.

Das fatalste Ereignis jedoch war die Spaltung der Kommunistischen Partei, die sich im Februar 1968 während des 12.Plenums des Zentralkomitees in Bukarest vollzog. Durch diese Spaltung hatte man plötzlich so etwas wie einen Inneren Feind, man war einem doppelten „Bruderzwist“ ausgesetzt: zu der „unnatürlichen Entzweiung“ zwischen links und rechts seit dem Bürgerkrieg (1946-49) kam nun die noch schmerzhaftere „innere Entzweiung“ zwischen links und links, zwischen „Stalinisten“ und „Revisionisten“. Diese Spaltung führte dazu, dass mein Vater vom Ceausescu-Regime wegen seiner „Moskautreue“ ausgewiesen wurde und zusammen mit seiner Familie ein neues, ein zweites politisches Asyl in der DDR bekam.

Griechisches Niemandsland: Mikis Theodorakis, Jannis Ritsos, Asteris Kutulas
Mikis Theodorakis, Jannis Ritsos, Asteris Kutulas – Kulturpalast Dresden, 1984 (Photo © by Privatier/Asti Music)

III Kulturen & Mauern

Die DDR war ein idealer Lebensort für geistige Anarchisten. Ein Grund war, dass man kaum Geld zum Leben brauchte, oder andersherum gesagt: Geld war nichts wert. Der Lebensunterhalt konnte relativ leicht durch alternative, zum Beispiel künstlerische Tätigkeiten bestritten werden. Vielen Leuten, zu denen ich auch gehörte, ging es darum, einen hohen Grad an geistiger Freiheit zu erringen. So lässt sich der enorme Bücherkonsum erklären, das zum Teil massenhafte Besuchen von Lesungen und Theatervorstellungen, die Bereitschaft sich zu treffen und zuzuhören, der Dialog zwischen einem Großteil der Schriftsteller und einem großen Publikum, die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen – das alles diente nur einem Zweck: seine geistige Unabhängigkeit zu postulieren.

Ich war damals 20, Student in Leipzig, lebte in einer tiefen Melancholie und war von Pessimismus durchdrungen. So entdeckte ich für mich die sogenannte „Dichtung der Niederlage“ aus den fünfzigern, deren meist linke Vertreter, wie Manolis Anagnostakis, Takis Sinopulos, Aris Alexandrou und Michalis Katsaros, sich als eine betrogene Generation, als eine „lost generation“, ohne Perspektive fühlten – genauso wie ich 1981 in der DDR. So konnte ich in der mich damals umgebenden Trostlosigkeit Katsaros‘ Ausruf von 1952 in seinem berühmten Poem „Nach Sadduzäer-Art“ sehr gut nachempfinden: „Toten Wald der Wörter durchschreite ich stumm / entzünde die Laternen die falblichtig lähmen die leeren Straßen / such die zu erheben / die mit ihren Namen aufs Herz mir sind gesunken / in geheimen Konferenzen / die gelynchten Namen die lebenden – weitab gestellt im Vormarsch / Rosa Luxemburg Lenin ihr Lyriker / Thälmann und Tanev / eisklirrend splittern sie hin auf das Teppichrot„.

Jannis Ritsos

Und ich entdeckte für mich und für meine anarchistische DDR Jannis Ritsos und übersetzte die „Monochorde“, viele seiner existentialistischen Gedichte sowie das „Ungeheure Meisterwerk“, wo die Verse stehen:

und auch wir mußten endlich zu einem Schluß kommen zu einem großen roten Vogel zu einem großen Hammer-und-Sichel
und andere waren müde und niedergeschlagen
und andere hüpften wie lahme Spatzen über die Pfützen das Wasser im schlammigen Vorort
und andere hatten Mercedesse erworben und doppelte Dachgartenwohnungen und schauten von oben herab auf Busse Fußgänger auf die zerfetzten Fahnen
und andere schliefen in Kleidern und Schuhen immer zur Illegalität bereit
und andere erkannten in all dem eindeutige Zeichen eines endgültigen Scheiterns
und andere Zeichen der Vitalität der Bewegung
und andere in Kaffeehäusern oder Luxussalons beschäftigte immerfort die ewige Schuldfrage
und andere dreißig und mehr Jahre zurückgeblieben entlausten ständig ihre Jacken glaubend die Geschichte zu korrigieren und die Zukunft aufzubauen
und andere kommentierten unbeteiligt rauchend die Ideen wie Zigaretten
und viele Zigaretten waren auf den Fußboden gefallen
und jene zerdrückten sie mit schön polierten Schuhen
und andere hatten nicht eine Zigarette um ihrer Bitterkeit den Mund zu stopfen
und die Soziologie war zu einem Problem der Nuancen geworden
und die Philosophie zu einem Problem der grauen Flügel
… ich sah die grüne Ader im gelben Blatt
ich wollte gehn
der Nackte ist der Einsamste der Entschlossenste

Sehnsucht

Etwas später traf ich bei der Arbeit an einem Band mit Gedichten von Georgios Seferis den Hallenser Künstler Fotis Zaprassis, der Grafiken für dieses Buch anfertigen sollte. Zaprassis gehörte zu denen, die aus der Situation heraus, nicht nach Griechenland zu können oder später dort kein Zuhause wiederfinden zu können, sein ganzes Leben sich mit dem Griechenland beschäftigte, das ihm zugänglich war. Er kreierte es in seinen Grafiken und wurde während dieses Prozesses, gerade wegen seiner inneren Zerrissenheit, einer, der anderen den Zugang zu Griechenland ermöglichte. Derjenige, der einige Jahre lang, wenn er in Griechenland war, mit seiner Frau zusammen in einem Boot zwischen Festland und Insel hin und her fuhr, wo ihm auf beiden Seiten eigentlich nichts gehörte, er war eine Brücke, ein Vermittler, einer, der teilte, indem er sich mitteilte. Er fühlte sich einsam, befand sich aber in Gemeinschaft derjenigen, die sich als solche erfuhren, die allein waren.

Die Sehnsucht wurde von Fotis Zaprassis immer wieder thematisiert und damit das Motiv der Reise nach Ithaka, das man nie erreichte. In jedem flüchtigen Augenblick war man zuhaus.

Das traf auf die DDR-Griechen zweifach zu. DDR-Bürger, die eigentlich mehr zuhause waren, als ihnen lieb war, die sich an ihr Zuhause gefesselt fühlten und daran zugrunde zu gehen drohten, waren mit Fotis Zaprassis zumindest in Gedanken unterwegs.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das Unterwegs-Sein im Geiste, die Möglichkeit des Denkens in der griechischen, aber auch in einer weiteren Sprache, Heimat ist. Im ständigen Befragen der Heimat, die uns nicht selbstverständlich gegeben war, erschufen wir sie jeden Tag.

Heimat

„Heimat“ war für viele Exilgriechen im Osten die griechische Sprache und die griechische Kultur – und diese Feststellung erinnert mich an AXION ESTI, eine schwere Doppelschallplatte, zwei schwarze Scheiben, die uns ein Freund meines Vaters 1965, als wir noch in Rumänien lebten, aus Athen mitbrachte. Ich war fünf Jahre alt. Heute ist mir, als wäre mir „Griechenland“ durch Theodorakis’ Vertonung und Elytis’ Text wie mit der Muttermilch eingeflößt worden und mir in Fleisch und Blut übergegangen, als hätte ich diese Musik und diese Verse schon 1965 mindestens tausendmal gehört.

Griechisches Niemandsland, Odysseas Elytis, Mikis Theodorakis and Asteris Kutulas
Schallplattencover von Jannis Zaruchis, 1965

Als würde es jetzt passieren, hier: Die Worte legen sich auf meine Zunge, auf meine Haut, steigen mir in die Nase, hallen in meinen Ohren – sie waren das, was nach Griechenland schmeckte, roch, sie waren eine Antwort während der Suche nach der Heimat, die uns genommen war, sie ersetzten das Rauschen des Meeres, die mir unbekannten Inseln, Berge, Menschen. Alles das auf zwei zerbrechlichen Schallplatten, über die mein Vater sanft mit der Hand strich. Dann legte er die eine auf den Plattenspieler, der eingelassen war in das große Radiogerät aus der Sowjetunion. Ich bekam die Plattenhülle gereicht. Eine barbrüstige Frau in der Mitte, das Schwert in der Hand, vier geflügelte Jünglinge mit Blumen um sie herum, vier schön exaltierte Engel. Viel später erfuhr ich, dass das ein Bild von Jannis Tsarouchis war, das geheimnisvolle Bild mit den vier Jünglingen, den Musen des homosexuellen Malers. Märchenfiguren aus einer für mich damals total mysteriösen und doch tagtäglich erklingenden Welt.

Axion Esti

„Axion Esti“ ist das poetische und musikalische Zeugnis eines Volks, so eine Art Tempelbau, ein Torso, der Artefakt, von dem auf das Ganze geschlossen werden kann – und ich setze hinzu, da es mich persönlich betrifft: eines Volks der Diaspora, mitten hinein gestürzt in dieses verfluchte 20. Jahrhundert, dem Elytis den Kampf angesagt hatte. Mit seinen überschwänglichen, hymnischen, melancholischen und durch und durch lyrischen Bildern, mit dem Glauben, durch die Kraft des Geistes die Wirklichkeit formen zu können, mit seiner mir unerklärlichen Gewissheit, dass durch die Veränderung des Bewusstseins eines jeden Einzelnen, die Menschheit zu retten wäre.

Seltsam, wie Literatur zu so etwas wie ein Rettungsanker werden kann. Seltsam, wie sich mir, als wär sie ein Schal, die Trauer um Hals und Schultern legte und mit meinem Körper verwuchs, damals Anfang der achtziger Jahre in Leipzig. Und ich lese in meinem Tagebuch von damals folgende Frage, auf die ich immer noch keine Antwort gefunden habe: „Wo ist der Ort, an dem beides zusammenkommt: meine griechische Seele und mein deutscher Geist?“

© Asteris Kutulas 
(„Mein Griechisches Niemandsland DDR“ – Rede in der Sächsischen Landesvertretung Berlin am 23.4.2015 | Abgedruckt im Buch „Deutsch-Griechische Beziehungen im ostdeutschen Staatssozialismus (1949-1989), Freie Universität Berlin 2017)

Sag: Himmel. Auch wenn keiner ist (Über Jannis Ritsos)

„Eine gute Maske für schwierige Zeiten: der Mythos“ – Über Jannis Ritsos

Als Vorwort zum Jannis Ritsos Film

Der griechische Dichter Jannis Ritsos, der 1909 geboren wurde und 1991 starb, notierte in einem seiner Gedichte: „Mein Beruf: Worte und Worte. Lumpensammler nannte man mich …“ Ritsos war tatsächlich zuallererst Lyriker, allerdings nicht einfach nur „Lyriker“, sondern er lebte wie kaum ein anderer ein „poetisches Dasein“, Tag um Tag, Gedicht um Gedicht, Zeile um Zeile. Er berief sich immer wieder auf die Hunderten von Dramen, die Aischylos oder Euripides geschrieben hatten, und verteidigte sich gegen den (leisen) Vorwurf, ein „Vielschreiber“ zu sein, mit dem Postulat, sich als „Arbeiter des Worts“ zu verstehen. Er war tatsächlich ein homerischer Dichter, der aus allem Poesie machte, der eine unerschöpfliche Phantasie hatte und den eine scheinbar automatische Schreibweise ständig drängte, immer neue irre Bilder, tiefgründige Metaphern und glasklare Verse zu erschaffen.

Mit zwölf verlor Ritsos seinen Bruder und seine Mutter, die innerhalb von drei Monaten starben, mit 17 erkrankte er an Tuberkulose, die ihn zu insgesamt sieben Jahren Sanatoriumsaufenthalt in Tbc-Asylen (zwischen 1927 und 1936) zwang. Nachdem er den gesellschaftlichen Ruin seiner einst adligen Familie aus Lakonien miterlebt hatte, schloss er sich Anfang der dreißiger Jahre der kommunistischen Bewegung Griechenlands an. Und trotzdem blieb er Zeit seines Lebens – ähnlich Pier Paolo Pasolini, dem er mehrere Gedichte widmete – der Bohemien der dreißiger Jahre, der noch während der Verbannung auf den Gefängnisinseln Jaros und Leros Ende der sechziger Jahre in einem Pelzmantel herumlief – sehr zum Befremden vor allem seiner Genossen, und Jahrzehnte schon, bevor die Rapper-Generation dieses Outfit popularisierte. Diese Abgrenzung war notwendig, denn Ritsos hatte zwar das riesengroße Glück, durch die Theodorakis-Vertonungen seiner Gedichtzyklen „Epitaph“ und „Griechentum“ weltbekannt zu werden, aber er hatte auch das riesengroße Pech, in den Augen vieler zur Literatur-Ikone der kommunistischen Linken zu erstarren. Und kein anderer hat darüber so offen, desillusioniert, aber auch humorvoll geschrieben, wie er selbst.

Würde man die innere Zwiesprache, die Ritsos über sechzig Jahre mittels seiner Dichtung geführt hat, nachvollziehen, würde sich die unsichtbare Biografie des Dichters durchaus rekonstruieren lassen: die sehnsuchtsvolle Melancholie der dreißiger Jahre; die ironisch-verzweifelte Sicht auf Krieg und Bürgerkrieg, die „Reinheit“ als Überlebensstrategie in den Vierzigern; die existenzialistische Nachdenklichkeit der fünfziger Jahre; die Flucht in den Mythos, in die als notwendig empfundene Maskierung der sechziger Jahre; Fragmentarismus und die Auseinandersetzung mit dem Tod als soziales Phänomen Anfang der siebziger Jahre; die Entdeckung der neuen Einfachheit und der Dialog mit dem Tod als individuelles Phänomen in den Achtzigern.

Diese – hier grob und schematisch skizzierte – innere Zerrissenheit und außerordentliche geistige Flexibilität blieben bei Ritsos zeitlebens hinter einem in der Öffentlichkeit konsequent vertretenen dialektisch-marxistischen Standpunkt verborgen. Für den Dichter keineswegs ein Widerspruch, denn möglicherweise war diese Fixierung, „ein Dichter des Volkes“ zu sein, wie er populistisch (aber auch voller Sympathie) genannt wurde, für Ritsos die Voraussetzung, seine geistigen Experimente und poetischen Phantasien – gleichsam vor aller Augen im Verborgenen – auszuleben: „Eine gute Maske für schwierige Zeiten: der Mythos“.

© Asteris Kutulas

Cover-Photo © by Asteris Kutulas
Jannis Ritsos Film Poster-Foto © by Privatier/Asti Music

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Ich habe meine Begegnungen mit Jannis Ritsos zwischen 1982 und 1989 in meinen Tagebüchern dokumentiert. Asteris Kutulas 

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Jannis Yannis Ritsos "Sag Himmel: Auch wenn keiner ist"
Plakatentwurf für den Film „Sag Himmel: Auch wenn keiner ist“ (Photo by Privatier/Asti Music)

Sag: Himmel. Auch wenn keiner ist – Begegnungen mit Jannis Ritsos

Directed by Joachim Tschirner
Written by Asteris Kutulas & Joachim Tschirner
Music by Mikis Theodorakis

Cinematography by Rainer Schulz | Editing by Karin Schöning | Dramaturgy by Beate Schönfeldt | Production Management by Hans-Christian Johannsen | Sound Mix by Peter Dienst | Graphics by Margot Hoppe | Motion Graphics by Moser&Rosié
Historic footage from the movie „The Document“ by Tassos Lertas
Many thanks to Pantelis Giatzizoglou and Vaso Kostula (Athens)
Produced by DEFA-Studio für Dokumentarfilme (East Berlin)

57 minutes | 35mm | 1984
Premiere: 10.10.1985, 34th International Film Week Mannheim
Original German title: „Sag: Himmel. Auch wenn keiner ist – Begegnungen mit Jannis Ritsos“ 

Jannis Ritsos Film Erstausstrahlung im DDR-Fernsehen (1.Programm): 12. Mai 1985

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Film-Rezensionen

Mannheimer Morgen, 11.10.1985
Bericht über die Internationale Mannheimer Filmwoche
„… Dem Regisseur Joachim Tschirner (DDR) gelingt es ohne falsches Pathos, ohne eine erzwungene ideologische Botschaft, einen Künstler zu porträtieren, der sich zeit seines Lebens dem einfachen Volk der Fischer und Bauern verbunden fühlte und die Leiden der Armen und Erniedrigten in seinen Versen und Zeichnungen umsetzte. Mit Hilfe von alten Photos und historischem Filmmaterial werden die Stationen im Leben von Ritsos aufgezeichnet, dessen Leidensweg in die Verbannung gleichzeitig für die Geschichte des ganzen griechischen Volkes steht … Beeindruckend sind besonders die Gespräche mit dem Künstler in seiner Athener Wohnung, der ohne viel große Worte zu machen eine beseelte Ausstrahlung besitzt. Ein Künstler, der noch mit 75 Jahren seinen Kampf führt, ‚gegen die Verzweiflung und für das Leben'“. 



Rhein-Neckar-Zeitung, 11.10.1985
… Jannis Ritsos ist bei allem engagierten Widerstand und lautstarkem Protest in seinen Werken und seinem Leben ein ruhiger, nach Harmonie strebender Mensch. Der Film über sein Leben trägt diesem Aspekt Rechnung. Tschirner vermeidet Hektik und Unruhe in seinem Porträt. Bei der Zusammenstellung von Interview-Szenen, Dokumentarmaterial und Landschaftsbetrachtung geht er behutsam vor. Für den Menschen Ritsos, dessen Leben sich in der Umgebung und Historie widerspiegelt, nimmt er sich mit langen Einstellungen viel Zeit. Dafür braucht man Mut. So erkennt Tschirner auch, daß der Dichter Ritsos und die Geschichte Griechenlands nicht voneinander zu trennen sind. Die Biografie des Künstlers ist gleichzeitig ein sensibel umgesetztes Porträt seines Heimatlandes.“

Begegnungen mit Jannis Ritsos (Tagebücher 1982-1989)

 

Im Papiland mit Johannes Jansen & Frank Lanzendörfer

Johannes & flanzendörfer

Während der Vorbereitungen zur Produktion des 1. Bandes des Zeitschriftenprojekts „Bizarre Städte“ brachte Johannes Jansen seinen Freund Frank Lanzendörfer 1987 zu uns nach Pankow. Lanzendörfer hatte die Idee zu einem sehr ungewöhnlichen, im Grunde autobiografischen Text, der sich u.a. damit befassen sollte, dass es von ihm gar keine Fotos aus der Kindheit gab. Er wusste also nicht, wie er als Kind ausgesehen hatte. Ich fand seine Idee auf Anhieb großartig und bot ihm an, dafür die Möglichkeiten meines Atari-Computers zu nutzen und wann immer er wolle, zu kommen und daran bei uns zu arbeiten.  

Ich erinnere mich, dass Lanzendörfer bei dieser, unserer ersten Begegnung ein rotes, weißgepunktetes Halstuch trug. Er reagierte, kaum in unsere Küche eingetreten, sehr allergisch auf das dudelnde Radio und forderte mich auf, es sofort auszuschalten. Später fiel noch der Satz, er stamme von Zigeunern ab. Schon während dieser ersten Begegnung beeindruckte mich sein flüchtiges Wesen; er besuchte mich noch ein paar mal, wir trafen uns manchmal auf der Straße, bei Lesungen, auf U-Bahnhöfen, vor allem auf U-Bahnhöfen – doch am „wirklichsten“ erschien er mir in seinen Texten.

ich treffe niemand
niemand sagt mir:
niemand zu hause
also gehe ich
&
niemand ist da
öffnet die tür
& ich
setze mich zu niemand
& sitze
sagt niemand zu mir:
  geh, keiner da
  bleibe, sagt keiner
ich gehe

Für „Bizarre Städte“ schrieb er das (wie ich als Germanist sagen würde) „autobiografische Poem“  GARUNA, ICH BIN!, ein großartiger Wurf, der mir allerdings die meiste Kritik einbrachte, wenn es um den 1.Band ging; mit einigen wenigen Ausnahmen. Lanzendörfer arbeitete nicht nur verläßlich, es machte ihm sichtlich Spaß, einen Auftrag auszuführen, der ihm freie Hand ließ, sich so auszudrücken, wie er es wollte. So saß er tage- und stundenlang an meinem Computer bei mir zu Hause in Pankow und schrieb, druckte aus, malte, collagierte … Ich hatte ihn um einen zehnseitigen Text gebeten, bekam von ihm aber eine 28seitige Collage im Din-A4-Format – bestehend aus Fotos, Grafiken, Schrift, verschiedenen Texten und Gedichten –, die mich so sehr überzeugte, daß ich sie so, wie sie war, xerokopierte und in den 1.Band aufnahm.

Eine Seite aus flanzendörfers Autobiographie „Garuna, ich bin“, die er für Bizarre Städte, Band 1, 1987 geschaffen hatte

Frank Lanzendörfer

… nannte sich aber flanzendörfer, wahrscheinlich um seine Verwandtschaft mit pflanzlichen und dörflichen Existenzen zu assoziieren, und gehörte zu den wenigen, die ich kannte, für die Schreiben nichts anderes war, als eine zum Extrem verbogene Lebensform.

Lanzendörfer lernte ich durch Johannes Jansen bei der Arbeit an der in der DDR „inoffiziellen“ Zeitschrift BIZARRE STÄDTE kennen. Lanzendörfer gestaltete für den ersten Band der „Bizarren Städte“ eine Collage aus Texten, Fotos, Grafiken und Überarbeitungen mit dem Titel GARUNA, ICH BIN gestaltete. Es war die Autobiographie eines anonymen ICH, so unentschieden zwischen Lanzendörfer und flanzendörfer, dass der Autor mit drei Kreuzen unterschrieb.

Lanzendörfer litt nicht nur an seinem Einzelgängertum sondern auch an der ihn umgebenden Vormundschaft – durch Freunde und Feinde. Im Mai 1988 kam es in meiner Pankower Wohnung zu einer Begegnung der dritten Art, als zwei Stasileute plötzlich bei mir auftauchten und Lanzendörfer, der gerade bei mir zu Besuch war, augenzwinkernd grüßten: „Ach, Herr Lanzendörfer, Guten Tag!“ Woraufhin ich verdutzt fragte: „Sie kennen sich?“ Der jüngere erwiderte: „Kennen, ist gut gesagt! Was, Herr Lanzendörfer! Ich dachte, Sie sind schon längst weg!“ – und spielte damit auf einen längst zurückgezogenen Ausreiseantrag Lanzendörfers an. Die beiden Stasileute wurden unsicher, wie immer, wenn ihnen die konspirative Grundlage genommen war: Ich schwieg, da ich nichts von ihnen wollte, Lanzendörfer saß stumm kippelnd auf einem Stuhl, diese Stummheit dem Raum regelrecht aufzwingend. Nach etwa fünf Minuten einer immer unerträglicheren Stille standen die beiden Stasileute auf und gingen fort.

Diesen Terror der Stille – wie ich es nennen würde – kultivierte Lanzendörfer geradezu, ja diese Art des Terrors gehörte zu den beliebten „Instrumenten“, derer er sich bediente, um sich Spannung in den sonst für ihn langweiligen und trostlosen Augenblick zu holen; ähnliche Szenen, in ganz anderen Zusammenhängen, erlebte ich mit ihm immer wieder. Aber er experimentierte – vor allem – an sich selbst und an allen um sich herum, abstands- und kompromisslos. Bis er abhob und sich in die Tiefe stürzte … Und dabei wollte er doch nur fliegen.

Asteris Kutulas

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Johannes Jansen
„Ich habe keine Lust mehr auf Täuschland“
Briefe von der Front
Vom Armeedienst des braven Jot Jot

Briefe von Johannes Jansen an Ina & Asteris Kutulas, während seines Armeedienstes in der DDR

06.11.85

Lieber Asti & Liebe Ina!

Ich danke Euch noch einmal für das schöne Fest, das gute Essen und die Logie. Das war ein richtig schöner Abschluß. In den letzten Tagen musste alles sehr schnell gehen und im Moment besteht der ganze Lebensinhalt des Soldatseins darin, zu warten und auf Pfiffe zu lauschen. Ich „wohne“ in einem Betonklotz und wenn ich aus dem Fenster sehe, starrre ich auf einen anderen Betonklotz, der schwarze Fenster hat und die ganze Aussicht ist. Das Warten ist nervend und aus Langeweile habe ich angefangen, meine „Stubenkameraden“ zu zeichnen. Ich bin mit 3 Leuten auf dem Zimmer. Zwei waren im Knast wegen Körperverletzung und Alkoholmissbrauch. Ich komme recht gut mit ihnen klar. Sie haben interessante Gesichter, traurige Gesichter. Sie sind ganz glücklich, wenn ich sie zeichne.

Ansonsten ist alles sehr ungeordnet. Keiner weiß, was er eigentlich hier soll und niemand sagt etwas … Angeblich geht übermorgen das Kriegspielen los.

Seid lieb umarmt In Peace
Der brave Soldat Johannes (Jot Jot)

08.12.85

Lieber Asteris!

Herzlichen Dank für Deinen Brief. Habe mich sehr gefreut. Ritsos ist groß (muß ich noch ein paar mal lesen) … Ich habe inzwischen einige Gleichgesinnte gefunden, ein Unteroffizier ist auch dabei. Gestern Nacht haben wir uns bis halb zwei im Photolabor eingeschlossen (weil der Regimentsphotograph auch unter uns ist). Wir haben Texte gelesen, Tee getrunken und über die Schizophrenie im deutschen Militär gesprochen und mußten uns dann heimlich durch die Hintertür ins Bett schleichen, damit kein „Pope“ was mitkriegt, denn „Zusammenrottungen“ dieser Art sind natürlich verboten. Ansonsten ist jeder Tag hier wieder feldgrau. Das einzig gute ist die viele frische Luft. ABER WO IST DER FEIND? Morgen muß ich auf Wache ziehen. LANG LEBE DAS PAPILAND ……………

WER SITZT DANACH AM STRASSENRAND
UND WEINT ………
DER KLASSENFEIND
(Jot Jot)

FEUER!
Kanonier
FEUER!
Kanonier
FÜR DIE HEIMAT
FÜR DIE LIEBE
FÜR DEN KUSS

Kanonier (aus einem Soldatenlied)

Muß Schluß machen.
Viele liebe Grüße auch an Ina
Seid beide lieb umarmt.
Herzlich in Peace Euer (Dein und Dein) braver Soldat und großer Beschützer des Papilandes
JOHANNES (JOT JOT)

DEZEMBER (Arbeitsfassung)

Niemand kommt
klar wie sau
über die tage
vorm fest
sind zuerst
die schweigen
an kandarre und trog

majutka
teilweise
verwitwet
jetzt erst
recht solo
für blinde spiegel
gespendet
das grab der männer
gedeckt und geschändet

Anmerkungen zum Text:
– „kommt klar wie Sau“: Soldatenredeweise (einer der gut zurecht kommt)
– „Majutka“: Name einer Panzerabwehrrakete
– „Ich traf Majutkja mit dem ersten Schuß“: Anspielung auf die Initiative TREFFEN MIT DEM ERSTEN SCHUSS.

Ich fuhr die Straße hinunter und sah die Lichterketten an den Laternen, und die Schützenpanzer fuhren durch meinen Kopf. Ich traf Majutka mit dem ersten Schuß, und Majutka verfehlte ihr Ziel um 2 Millimeter. SPENDET DEN LEIDENDEN UND DEN STERBENDEN …

…. NUR KÜCHEN-
ABFÄLLE.

Unter dem Schnee war schwarzer Schlamm während des Eilmarsches versank ich knietief im Boden. (Ein Film vom Aresfeld / rückwärts)

Regiment Hohenstücken
5.12./7.12.85

Absender: Soldat Jot Jansen, 1800 Brandenburg, PF 23421/B-2

21.12.85

Liebe Ina, lieber Asti!

Hiermit wünsche ich Euch ein fröhliches Weihnachten und ein gesundheitlich gesundes neues Jahr und möchte Euch gleichzeitig zu einem Fest im kleinen Kreis am 5. Januar 86 gegen 19.00 (oder 20.00) einladen. Es wird eine Art vorträgliche Geburtstagsparty in meiner Wohnung, mit der ich meinen Sonderurlaub abfahre. Bringt bitte etwas zu trinken mit und so was wie gute Laune. Ich wäre sehr froh über Eure Anwesenheit.

Herzlich In Peace
Euer Johannes (z.Zt. braver Soldat und Beschützer des Papilandes)

16.1.87

Liebes Ehepaar Kutulas.

Ich danke Euch ganz herzlich für die Neujahrsglückwünsche. Ich sende Euch auch welche von den kältesten Orten Deutschlands, den Kriegsspielplätzen unserer ruhmreichen Armee. Die kälteste Nacht habe ich im Graben verbracht. Was sich die Menschen so ausdenken, um sich zu quälen. Mir wird ganz taub davon. Ich komme gerade von 14 Tagen Feldlager zurück und bin nicht sicher, ob ich noch lebe (was heißt „leben“). Ich habe keine Lust mehr. „Der Frontberichterstatter stirbt immer zu früh. Sein weißes Gesicht leuchtete kurz blau auf wie eine Neonwerbung bevor das Eis über ihm zusammen schlug. Ein Kojote und ein deutscher Soldat sind gestorben in einer Nacht. Es ist zu kalt in diesem Land.“ Ich habe keine Lust mehr auf Täuschland. Wie fühlt man sich in den eigenen Betten mit meinem Schutz im Rücken? Scheiße.

 Jot Jot Johannes

22.2.87

Lieber Asteris!

Ich bin zur Zeit für einen Monat in ein anderes Objekt kommandiert, wo ich was arbeiten sollte. Aber es gibt anscheinend nichts zu arbeiten. Es gibt nur zwei Dinge hier, schlafen und fressen, was dazwischen liegt ist der Versuch, sich abzulenken davon, daß nichts passiert. Einige führen belanglose Gespräche, andere pflegen ihre Fingernägel oder zählen die Wasserflecken an den Wänden. Ich liege auf meiner Pritsche und versuche mit dem Zeigefinger die längliche Form der Neonröhre zu verdecken, indem ich den Finger vor die Augen halte und mir Dunkelheit einbilde. Das Objekt ist fernab jedweder Zivilisation mitten auf einem Feld. Das nächste Dorf ist 5 km weg. Es ist ein Gefängnis mit einer Mauer drumherum und einem Hochspannungszaun, der tödlich ist und ich glaube daran, der Mensch ist ein Schwein. Es liegt viel Schnee hier. Hin und wieder, wenn Wind geht, kann ich das Surren des Zaunes hören. Die Farbe des Himmels wechselt selten. Ich sehe stundenlang auf einen Punkt, ohne daß dort etwas ist, was sich zu beobachten lohnt.

Ich danke Dir für das Buch, für das menschliche Zeichen inmitten dieser Einöde. Die letzten Tage sind die schlimmsten, 64 an der Zahl. Ich werde diese Zeit wohl nie los werden, aber das ist ganz gut. Es ist richtig, wenn man sich merkt, was der Mensch mit dem Menschen macht. Draußen passiert ja auch nichts anderes. Wir vergessen zu schnell. Ich grüße Dich so gut ich kann und Deine Frau auch.

Dein Jot Jot Jansen

*** *** ***
ICH
WEISS
SCHWARZ
GRAUT
DAS PAPIER
VOR AUGEN
UND
WIR TAUGEN
NICHT
FÜR DEN RÜCKWEG
GEFÄHRTEN
LASST EUCH
SEHEN
GEGEN MORGEN
GEHT KEINER
NACH HINTEN LOS.

Jot Jot

***********************************
Diese Briefe schrieb mir Johannes Jansen während seiner Armeezeit. Wir hatten uns einige Jahre vorher in Schwerin kennengelernt. Anlass war einer meiner Poetik-Seminare über Jannis Ritsos. Während eines dieser Seminare stellte ich ihm – genauso wie den anderen Seminarteilnehmern – die Aufgabe, auf der Basis einer Interlinearübersetzung eine Nachdichtung anzufertigen. Einige Monate später schickte er mir folgenden Text zu:

SEHR FREIE NACHDICHTUNG
Nach einem Gedichtfragment von Jannis Ritsos
Hommage a Asteris Kutulas


Ich fürchte mich vor der wiederkehrenden Harmonie
Ständig veränderte ich meine Position um anwesend zu bleiben
So vertrat ich die gleiche Meinung über unsere politischen Veränderungen
Und wechselte die Küchengeräte (Töpfe, Pfannen usw.)
Ich trug sehr moderne Regenmäntel haltbare
Und den schweren Schal vom Fallschirm des russischen Piloten aus den Jahren der Okkupation den ich auf einem verschneiten Gebirgskamm fand
Und da war noch jener getippte Beschluss der illegalen Parteiversammlung
Wo die Genossen mit brüderlicher Behutsamkeit
Gewisse metaphysische Bilder in meinen neuen Gedichten kritisierten
Und ich antwortete mit viel metaphysischeren Gedichten die einen tieferen Realismus besaßen
ähnlich jenem Shdanovs aber zusammen mit den verfehmten Katzen der Achmatowa
Ich glaube sie waren schwarz saßen ausgehungert hinter dem Fenster und betrachteten die Gewässer der Newa oder Moskwa ich erinnere mich nicht genau
Mit breiten Augen wie zwei erstarrte Zeitalter


Schwerin, den 8. August 1984
Johannes Jansen

Zeichnung von Johannes Jansen
Zeichnung von Johannes Jansen

Ein Sondeur, umgeben von tollwütigen Hunden,  flaniert, seinen Sklaven zuwinkend, durch Bizarre Städte (1996)

[Folgend ein Gastbeitrag über die Zeitschriften Bizarre Städte (1987-89)  und Sondeur (1990-91), den ich 1996 für die Zeitschrift SKLAVEN verfasste:]
 
Die Zeitschrift SONDEUR, die zwischen April 1990 und März 1991 zwölf Ausgaben erlebte, war die Weiterführung der in der DDR erschienenen nicht-offiziellen Publikationsreihe BIZARRE STÄDTE (dreizehn Bände zwischen 1987 und 1989). Heute über die Gründe ihres Entstehens und Untergehens zu schreiben scheint mir, das will ich festhalten, wie über eine längst verblichene „märchenhaft-grauenvolle“ Zeit nachzudenken, über untergegangene Phänomene eben. Und wer will daran schon noch einen Gedanken verschwenden? Die Antwort ist einfach und lautet: DIE SKLAVEN. Und IHREM Willen unterwerfe ich mich gern; immerhin waren Wolfram Kempe, Annett Gröschner und Bert Papenfuß-Gorek Autoren der BIZARREN STÄDTE und zum Teil des SONDEUR, zweier Projekte also, die für mich zusammengehören.
DDR & geistige Freiheit
Der SONDEUR war ein Missverständnis, während die BIZARREN STÄDTE ein noch größeres Missverständnis darstellten. Bei letzteren ging es nämlich in allererster Linie um Existentielles: um lange Rotweinnächte (erinnert Ihr Euch: Rosenthaler Kadarka?), um endlose und zumeist absurde, manchmal abstrus-tragische Gespräche, um verquere Energien, um jenes unvergesslich aufregende Kribbeln in der Seele – um „geistige Freiheit“ – innerhalb einer Gesellschaft, in der „Ordnung und Disziplin“ zu herrschen hatten. Also musste man es sich selbst besorgen. Um es anders auszudrücken: Bei den BIZARREN STÄDTEN ging es mehr um die „DDR“ bzw. um das Leben, das wir in diesem Land führten, als um ein „Zeitschriftenprojekt“, während es beim SONDEUR doch mehr um die Zeitschrift ging, aber da gab es kein „Land“ mehr, in dem eine solche Zeitschrift hätte funktionieren können, kein „Um-Land“ für solch ein Ansinnen.
 
Die Umstände veränderten sich 1990-91 in einem so rasanten Tempo, dass kaum einer wusste, WOHIN DAS ALLES FÜHREN SOLL. Nur die Konzernchefs wussten und die Spekulanten und die allerklügsten Politiker. Das war dann der Augenblick, da wir mit SONDEUR nach der 12. Ausgabe aufhörten und Ina, unser Sohn und ich nach Athen zogen, in das Ursprungsland der ANARCHIA. Wenn schon, dann wollten wir es richtig erleben.
 
Zeitschrift Sondeur und Bizarre Städte von Asteris Kutulas
Zeichnung von Johannes Jansen
 
Der innere Grund für mein Engagement in Sachen Zeitschriften war allerdings, dass ich ein ausgekochter Pessimist hinsichtlich gesellschaftlicher Entwicklungen war und weiterhin bin und darum immer der Theorie nachhing, dass man das, was man will, selbst machen muss, sonst passiert gar nichts.
 
So entstanden die Idee zu den BIZARREN STÄDTEN während eines Gesprächs mit Johannes Jansen Ende 1986 und die Idee zum SONDEUR Ende 1989 während einer kalten Dezembernacht bei einer anregenden Diskussion mit Stefan Körbel. In beiden Fällen gaben nicht nur andere den Anstoß zu diesen Vorhaben, die ANDEREN waren auch der eigentliche Grund derselben. Denn innerhalb der „geordneten“ DDR- Gesellschaft Leute kennenzulernen, mit denen man zwar wenig oder gar nichts zu tun hatte, die aber allesamt etwas TATEN, was mich in irgendeiner Form interessierte, war nicht nur spannend und teilweise „amüsant“, es war – das kann ich im nachhinein feststellen – überlebensnotwendig für die eigene Kreativität. 
Nachdenken dürfen?
Ich erinnere mich noch genau der zutreffenden Aussage Claus Trägers, meines Leipziger Literaturtheorie-Professors, der die Frage nach der fehlenden Mobilität im DDR-Roman wie folgt beantwortete: „Was wollen Sie? Wenn Sie in diesem Land, sagen wir mal, in Oschatz geboren worden sind, dann werden Sie in Oschatz leben, in Oschatz arbeiten, und in Oschatz sterben.“ Genau das war in dieser Hinsicht die DDR: man bereitete sich „planmäßig“ auf den Tod vor; keine Visionen, keine Extravaganzen. Nein, alles ging seinen geregelten – aberwitzigen – sozialistischen Trott. Die Bevölkerung schien durch die „Wirtschafts- und Sozialpolitik der Partei“ gelähmt und korrumpiert, was nichts anderes bedeutete, als dass man den Leuten vorgaukelte, auf Konsumebene mit dem Westen Schritt halten zu können (was schließlich die Ursache für den sozialistischen Niedergang bedeutete). Dafür durfte auch keiner aufmucken. Dem „Arbeiter“ ging es gut (solange er nicht anfing nachzudenken), zum Teil „besser“ als heute, dem Intellektuellen (ich meine: dem wirklichen, also dem „Künstler“) ging es schlecht, weil er, um ER zu sein, NACHDENKEN MUSSTE.
 
Man lese heute im „Neuen Deutschland“ von vor 1990, und man wird sofort verstehen, was ich meine: Angesagt war die allgemeine Verblödung im Namen der fortschrittlichsten und revolutionärsten Gesellschaft. Ich habe das schon damals als organisierten Versuch der persönlichen Entmündigung empfunden. Ich konnte aber nicht akzeptieren, dass ein vergreister und realitätsenthobener Erich Honecker mir vorschreiben zu können glaubte, was ich zu denken, zu sagen und zu machen habe. Es war einfach lächerlich, aber auch tot-ernst. Und wenn man bedenkt, dass Honecker sein Dogma mit Hilfe von Leuten wie Sascha Anderson in die konkrete Tat umsetzte – um auf unser unmittelbares Thema zurückzukommen –, war die Wirklichkeit jeder Satire haushoch überlegen. Meine Emphase sei mir verziehen, aber ich kriege immer noch geistigen Ausschlag, wenn ich an bestimmte Vorfälle aus jener Zeit denke.
 
Zeitschrift Sondeur und Bizarre Städte von Asteris Kutulas
Siebdruck von Gottfried Bräunling
Stasi & Bizarre Städte
Ich erinnere mich, wie zwei Literaturbeauftragte der Stasi (Hasi und Nasi, wie Ina sie genannt hat) Anfang 1989 zu mir nach Eggersdorf kamen, in den Händen triumphierend die untergründlerische Zeitschrift „Liane“ haltend, und mich fragten: „Haben Sie schon gelesen?“, so als wären sie auf ihrem täglichen Nachhauseweg bei mir auf einen Kaffee vorbeigekommen, mit der neusten Zeitungsnachricht in petto. Gemeint war ein Artikel des Herausgebers von „Liane“, der gegen das Konzept der BIZARREN STÄDTE mit Schlagworten argumentierte, die einige führende Repräsentanten aus der Szene vorgaben: 
 
– Jede Öffentlichkeit über 100 Personen ist suspekt. 
– Das Politische in der Kunst ist zu verurteilen, es geht nur um Ästhetik.
– Die Aufklärung ist tot, es lebe der Strukturalismus. 
 
Das war die Verkehrung der Werte – das Staatserhaltende, versteckt in der Widerstandsgeste –, und die beiden Stasi-Leute hatten gut lachen. Im Grunde genommen lehnte auch der „Liane“-Autor (wahrscheinlich, ohne es zu ahnen) das ab, was das DDR-System mit der Zeit abgeschafft hatte: Öffentlichkeit, politischen Diskurs, Aufklärung im philosophischen – kantschen – Sinne. Jene aus der Szene, die solche „moralischen Prämissen“ aufstellten, taten es aus gutem Grunde, denn sie arbeiteten für die Stasi.
 
Mit den konkreten BIZARREN STÄDTEN, in denen es darum ging, die eigene Kreativität auszuleben, hatte das wahrlich wenig zu tun. Aber schon das war in der DDR unerwünscht, und ich kenne viele Leute, die, da sie danach lebten, kaputtgespielt wurden. Das beliebteste, einfachste und effektivste Mittel war, durchsickern zu lassen, dass der und der für die Stasi arbeitet. Es gab kaum einen Autor, über den nicht ein anderer gesagt hätte, ich solle mich vor ihm vorsehen – so konnte man weder arbeiten noch leben. Also fassten wir den „historischen Beschluss“, unsere Projekte durchzuziehen und die Stasi-Gerüchteküche gänzlich zu ignorieren. Wir dachten uns, das ist genau das, was die Stasi nicht will, und falls wirklich Leute unter uns sind – was stört es uns. Dieser Beschluss war wie ein Befreiungsschlag: Wir konnten arbeiten (und teilweise genießen).
Sondeur
Ich schreibe das alles, um zu zeigen, innerhalb welcher Koordinatensysteme und Reviere tollwütiger Hunde solche relativ harmlosen – ich meine das ohne jede Koketterie – Projekte wie die BIZARREN STÄDTE entstanden sind. Ich fand es einfach gut (weil sich sonst nicht viel ereignete), verschiedene Leute verschiedener Künste und verschiedenen Alters zusammenzubringen und gemeinsam etwas zu machen, z.B. eine Zeitschrift, Ausstellungen, Lesungen, Bier trinken gehen, sich streiten, leben halt. Diese „Begleiterscheinungen“ waren das Eigentliche bei den BIZARREN STÄDTEN und später beim SONDEUR, wobei der SONDEUR das – allerdings bedeutende – Nachspiel zu den BIZARREN STÄDTEN darstellte, das Satyrspiel zu einer/der „Tragödie“.
 
Mit Hilfe von Tilo Köhler, Ina Kutulas, Jannis Zotos und Marina Bertrand (und natürlich vieler anderer) haben wir in den Wonnemonaten vor und nach der Währungsunion versucht, gute Literatur, spannende Artikel, aufregende Interviews und skurrile Nebensächlichkeiten aufzutreiben und zu veröffentlichen. Mir war von Anfang an klar, dass dieses Projekt eins auf Zeit sein würde. Über soviel kapitalistischen Realitätssinn verfügten wir bereits 1990. Die SKLAVEN haben da sicherlich mehr Chancen, denn sie scheuen nicht die Öffentlichkeit, sie sind politisch und lieben die Aufklärung, oder?
 
Mit hellenischem Gruß
Asteris Kutulas, Sommer 1996
 
(Veröffentlicht in der Zeitschrift SKLAVEN, Heft 30, BasisDruck Verlag, Berlin November 1996)
 
Bizarre Städte: Unabhängige Zeitschriftenpublikation in der DDR (1987-1989)
Sondeur: Monatszeitschrift für Kultur und Politik in der Nachwendezeit (1990-1991)
Sklaven: Monatszeitschrift der Prenzlauer-Berg-Szene seit 1995
 
Titelbild: Zeichnung von © Trak Wendisch als Buchdeckel für „Bizarre Städte“, Band 2 (1988)
 
Zeitschrift Sondeur von Asteris Kutulas
 

Bücher, Publikationen & literarische Übersetzungen

Asteris Kutulas Bücher & Publikationen

1. Jannis Ritsos. Poesiealbum, Auswahl von Asteris Kutulas, Übertragen von Hans Brinkmann, Asteris Kutulas, Dirk Mandel, Steffen Mensching, Thomas Nicolaou, Klaus-Peter Schwarz und Klaus-Dieter Sommer; Verlag Neues Leben, Berlin 1983

2. Mikis Theodorakis. Anatomie der Musik, Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Asteris Kutulas; editions phi, Echternach 1985

3. Jannis Ritsos. Die Rückkehr der Iphigenie – Monolog, Übertragen von Asteris Kutulas; Romiosini Verlag, Köln 1986

4. Mikis Theodorakis. Meine Stellung in der Musikszene – Schriften zur Musik 1952-1984, Herausgegeben, übersetzt und mit Bibliographie und Zeittafel von Asteris Kutulas und Peter Zacher, Mit Anmerkungen von Asteris Kutulas; Reclam-Verlag, Leipzig 1986
4a) Lizenzausgabe: Röderberg-Verlag, Frankfurt/M. 1987

5. Jannis Ritsos. Delfi. Mit Originalillustrationen des Autors, Übertragen und mit Anmerkungen von Asteris Kutulas; editions phi, Echternach 1987 (bibliophile Ausgabe)

Jannis Ritsos, Asteris Kutulas

6. Mikis Theodorakis. Die Wege des Erzengels. Autobiographie, Band 1: 1925-1944, Übersetzt und kommentiert von Asteris Kutulas; editions phi, Echternach 1987

7. Edition BIZARRE STÄDTE (13 Ausgaben), Herausgegeben von Asteris Kutulas, Eggersdorf & Berlin 1987-1989

Bizarre Städte, Asteris Kutulas

8. Jannis Ritsos. Monochorde. Mit Illustrationen von Gottfried Bräunling, Übertragen und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas; GB edition, Berlin 1988 (bibliophile Ausgabe)

9. Giorgos Seferis. Poesiealbum, Auswahl von Asteris Kutulas, Übertragen von Asteris Kutulas und Steffen Mensching, Verlag Neues Leben, Berlin 1988

10. Jannis Ritsos. Chrysothemis – Monolog, Übertragen von Asteris und Ina Kutulas; Romiosini Verlag, Köln 1988

11. Mikis Theodorakis. Die Wege des Erzengels. Autobiographie, Band 2: 1944-1949, Übersetzt und kommentiert von Asteris Kutulas; editions phi, Echternach 1988

12. Jannis Ritsos. Das ungeheure Meisterwerk. Mit einer Radierung und sieben Reproduktionen von Zeichnungen des Dichters, Übertragen, mit Nachwort, Annotationen und einem Interview von Asteris Kutulas; Dürer-Presse (Siebenter Druck), Herausgegeben von Hans Marquardt, Reclam-Verlag, Leipzig 1988 und Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M. 1988 (bibliophile Ausgabe)

13. Jannis Ritsos. Die Mondscheinsonate. Mit Original-Illustrationen des Autors, Herausgegeben von Udo Tietz und Asteris Kutulas, Übertragen von Asteris Kutulas und Steffen Mensching; editions phi, Echternach 1988 (bibliophile Ausgabe)

Jannis Ritsos, Asteris Kutulas

(Taschenbuchausgabe des Titels Nr. 8)
14. Jannis Ritsos. Monochorde. Mit Illustrationen von Gottfried Bräunling, Übertragen und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas; Romiosini-Verlag, Köln 1989

15. Jannis Ritsos. Der Sondeur. Mit Zeichnungen von Trak Wendisch, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas, Übertragen von Ina und Asteris Kutulas; konkursbuch Verlag, Tübingen 1989

16. Jannis Ritsos. Halbkreis. Erotica-Gedichte. Mit Illustrationen von Gottfried Bräunling, Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas; konkursbuch Verlag, Tübingen 1989

17. Mikis Theodorakis. Weil er sich nicht Gesetzen beugte … Liederheft, Auswahl und Vorwort von Asteris Kutulas; Akademie der Künste, Berlin 1989

18. Jannis Ritsos. Steine Knochen Wurzeln. Essays und Interviews, Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort und und Werkregister von Asteris Kutulas; Kiepenheuer Verlag, Leipzig und Weimar 1989

Jannis Ritsos, Asteris Kutulas

19. Giorgos Seferis. Alles voller Götter. Essays, Herausgegeben, übersetzt, mit Nachwort, Anmerkungen und Register von Asteris Kutulas; Reclam-Verlag, Leipzig 1989
19 a) Lizenzausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1990

Seferis, Asteris Kutulas

20. Jannis Ritsos. Agamemnon. Mit Original-Illustrationen des Autors, Herausgegeben und übertragen von Asteris Kutulas; editions phi, Echternach 1990 (bibliophile Ausgabe)

Jannis Ritsos, Asteris Kutulas

21. Giorgos Seferis. „Drossel“. Mit Original-Illustrationen von Gottfried Bräunling, Herausgegeben und übertragen von Asteris Kutulas; editions phi, Echternach 1990 (bibliophile Ausgabe)

22. SONDEUR. Monatsboulevard für Kultur und Politik (12 Ausgaben), Herausgegeben von Asteris Kutulas, Chefredaktion von Asteris Kutulas und Tilo Köhler, Tantalus Verlag, Berlin 1990-1991

23. Konstantin Kavafis. Die Lüge ist nur gealterte Wahrheit. Notate zu Moral und Literatur, Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas; Hanser-Verlag, München 1991

Konstantin Kavafis von Asteris Kutulas

24. Odysseas Elytis. Tagebuch eines nichtgesehenen April. Mit fünf Collagen des Autors, Übertragen und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas; Romiosini Verlag, Köln 1991

25. Mikis Theodorakis. Die Wege des Erzengels. Band 3: Der Alptraum, Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Asteris Kutulas; editions phi, Echternach 1992

26. ausdrückliche klage aus der inneren immigration. texte und grafiken aus der ddr, herausgegeben und mit einem nachwort von asteris kutulas und udo tietz; editions phi, Echternach 1992

27. Nikos Engonopoulos, Poet’s corner 18 (deutsch-griechisch), Ausgewählt und herausgegeben von Asteris Kutulas, Übertragen von Ina und Asteris Kutulas; Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße, Berlin 1993

28. Odysseas Elytis. Der Duft des Mittagsmahls. Mit Illustrationen von Fränz Dasbourg, Übertragen von Asteris Kutulas; editions phi, Luxembourg 1993

29. Konstantin Kavafis. Die vier Wände meines Zimmers. Verworfene und unveröffentlichte Gedichte, Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas, Übertragen von Ina und Asteris Kutulas; Hanser-Verlag, München 1994

Kavais, Asteris Kutulas

30. Mikis Theodorakis, Die Metamorphosen des Dionysos. Libretto & andere Texte. Mit neun Collagen und einem Text von Ina Kutulas, Herausgegeben, übersetzt und mit einem Essay von Asteris Kutulas; Romiosini Verlag, Köln 1995

(Überarbeitete und gekürzte Zusammenfassung der Titel Nr. 6 & 11 & 25)
31. Mikis Theodorakis, Die Wege des Erzengels. Autobiographie 1925-1949, Herausgegeben und übersetzt von Asteris Kutulas; Insel Verlag, Frankfurt/M. & Leipzig 1995
31 a) [Taschenbuchausgabe], suhrkamp taschenbuch, Frankfurt/M. 1998

Mikis Theodorakis, Asteris Kutulas

32. Giorgos Seferis, Sechs Nächte auf der Akropolis, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas, Übersetzt von Asteris und Ina Kutulas; Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1995

33. Mikis Theodorakis & A.R.Penck, Das Meer, der liebe Gott und das Muli (deutsch-griechisch). Mit neun Original-Siebdrucken von A.R. Penck, Übersetzt und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas, Herausgegeben von Asteris Kutulas und Gottfried Bräunling, Mit einer CD von Mikis Theodorakis (Macbeth) und einer Kleinplastik von Gottfried Bräunling; GB edition & Asti Music, Hohenöllen 1995 (bibliophile Ausgabe)

Koutoulas

34. Odysseas Elytis, Köder für Niemand. Mit Original-Illustrationen von Gottfried Bräunling und Fränz Dasbourg, Übertragen von Asteris und Ina Kutulas; editions phi, Echternach 1996 (bibliophile Ausgabe)

Elytis, Asteris Koutoulas

35. Mikis Theodorakis, Siao und andere frühe Gedichte. Mit Illustrationen von Gottfried Bräunling, Übersetzt von Asteris Kutulas, Herausgegeben von Asteris Kutulas und Gottfried Bräunling, GB edition, Hohenöllen 1996 (bibliophile Ausgabe)

36. Jannis Ritsos, Deformationen. Gedichte, Texte, Interviews & Begegnungen 1930-1990, Herausgegeben, übersetzt und mit einem Essay von Asteris Kutulas, Übertragen von Asteris und Ina Kutulas, Romiossini Verlag, Köln 1996

37. Gottfried Bräunling, Übermalungen, Mit 12 Notaten von Asteris Kutulas, edition GB 1996 (bibliophile Ausgabe)

38. [auf griech.:] Asteris Koutoulas, Der Komponist Mikis Theodorakis. Texte – Werkverzeichnis – Kritiken (1937-1996), Livanis Verlag, Athen 1998
38 a) [auf griech.:] Asteris Koutoulas, Der Komponist Mikis Theodorakis. CD-ROM; Livanis Verlag, Athen 1999

Koutoulas

(Taschenbuchausgabe des Titels Nr. 13)
39. Jannis Ritsos. Die Mondscheinsonate. Übertragen von Asteris Kutulas und Steffen Mensching, Mit einem Nachspruch von Elli Alexiou; Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 2001

40. Mikis Theodorakis, Bis er wieder tanzt … Ein Kreta-Roman, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas, Aus dem Griechischen von Asteris und Ina Kutulas; Insel Verlag, Frankfurt am Main 2001

Mikis Theodorakis, Asteris Koutoulas

(Völlig überarbeitete Fassungen der Titel Nr. 3 & 10 & 20)
41. Jannis Ritsos, Die Rückkehr der Iphigenie. Monologe. Mit Fotos von Steinzeichnungen des Dichters, Übertragen und mit einem Nachwort von Asteris und Ina Kutulas; Inselbücherei, Insel Verlag, Frankfurt/M. & Leipzig 2001

42. Konstantin Kavafis, Familie Kavafis, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas, Übertragen von Asteris und Ina Kutulas, Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 2001

Kavafis, Koutoulas

(Überarbeitete und erweiterte Fassung des Titels Nr. 27)
43. Nikos Engonopoulos, Unterhaltungen mit dem Fahrer verboten. Gedichte aus dem griechischen Surrealismus, Ausgewählt und herausgegeben von Asteris Kutulas, Übertragen von Asteris und Ina Kutulas, Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 2001

44. Mikis Theodorakis, In den paradiesischen Gärten meines Schädels. Gedichte – Poèmes (deutsch-französisch), Herausgegeben von Guy Wagner und Asteris Kutulas, Übertragen von Guy Wagner (französisch) & Asteris und Ina Kutulas (deutsch); editions phi, Echternach 2001

45. Jannis Ritsos, Hommage. Mit Grafiken von Gottfried Bräunling, Gedichte aus „Monochorde“, Übertragen von Asteris Kutulas, Redfoxpress 2009 (bibliophile Ausgabe)

46. Dionisis Karatzas, Selbstmord des Reservemonats. Griechische Gedichte über das Meer und die Liebe. Mit Zeichnungen von Trak Wendisch, Ausgewählt und herausgegeben von Asteris Kutulas, Übertragen von Asteris und Ina Kutulas, Edition Raute im Galerie Klinger Verlag, Görlitz 2010

Koutoulas

47. Giorgos Neophytou, DNA. Ein Theaterstück, Übersetzt von Ina und Asteris Kutulas 2012 (Uraufführung: Hessisches Staatstheater Wiesbaden & Satiriko Theatro Nicosia, 21. Juni 2012, Wartburg)

48. die horen, „Sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt …“ – Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land, Zusammengestellt von Asteris und Ina Kutulas, Wallstein Verlag, Göttingen 2013

horen, Koutoulas

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Autor folgender Schwerpunkthefte der Zeitschrift CHRONIKA
  • Jannis Ritsos 9/1996
  • Konstantin Kavafis 10/1996
  • Maria Farantouri 11/1997 (Interview)
  • George Dalaras 4/1998 (Nachdichtungen)
  • Theodorakis – Sonne & Zeit 10/1998 (Nachdichtungen)
  • Alkistis Protopsalti 3/1999 (Nachdichtungen)
  • Jannis Ritsos 4/1999
  • Elli Paspala 5/1999 (Nachdichtungen)
  • Jannis Ritsos, Agamemnon (Nachdichtung mit Ina Kutulas) 6/7 1999
  • Dionisis Karatzas, Lyrik (Nachdichtung mit Ina Kutulas) 8/9 2003
Weitere Übersetzungen sowie eigene Essays bzw. Artikel oder Interviews

– in den Zeitschriften:
ADAC Spezial Reisen, Akzente, Freibeuter, Konkursbuch, neue deutsche literatur, Plärrer, Sinn und Form, Sondeur, Lettre International, Temperamente, Partisanen, Chronika, Sklaven u.a.
– in den Zeitungen:
Die Andere, Der Anzeiger, Das Blatt, Frankfurter Rundschau, Junge Welt, Märkische Oderzeitung, Sonntag, Süddeutsche Zeitung, Stuttgarter Zeitung, TAZ, Union, Wochenpost, Lettre International, Chronika, Sklaven, FAZ, Junge Welt | Vima, Eleftherotypia, Ethnos, Ta Nea u.a.

Programmhefte in deutscher Sprache
(Auswahl, Redaktion, Übersetzungen, Nachdichtungen, Interviews von Asteris Kutulas)
Jannis Ritsos
  • Der Sondeur (Theaterstück)
  • Jannis Ritsos (Europa-Tournee 2009)
Mikis Theodorakis
  • Im Belagerungszustand (1990)
  • Theodorakis sings Theodorakis (1991-92)
  • „Theodorakis“ (Tournee Mai 1995)
  • Oracle (Europa-Tournee 1996)
  • Classics (Frankfurt 1996)
  • Classics (Leipzig & Hannover 1996)
  • Songs (Leipzig 1996)
  • Canto General (München 1997)
  • Theodorakis & Livaneli: Together (Tournee Mai 1997)
  • Mikis Theodorakis – Der Komponist (1998)
  • Sonne & Zeit Berlin (1998)
  • Mikis Theodorakis & Gert Hof (Ferropolis 2000)

Theodorakis, Asteris Kutulas

George Dalaras
  • European Tour 1998
  • European Tour 2001
Maria Farantouri
  • Poetica 1997
  • Asmata 1998
  • Nostalgia 2000

Asteris Kutulas

Dionisis Karatzas – Selbstmord des Reservemonats

In Holger Wendlands „Edition Raute“ erschienen im Sommer unsere Übersetzungen der Gedichte von Dionisis Karatzas.

Als ich zum ersten Mal Gedichte von Dionisis Karatzas las, dachte ich, mit dieser, seiner poetischen Welt hätte die meine nichts zu tun. Zu weit entfernt schien mir die erfrischende Meeresbrise seiner Patras-Landschaft von meinem wolkenverhangenen Prenzlauer Berg. Nicht, dass mich seine Lyrik nicht berührt hätte, aber ich nahm sie nicht wahr als „Kunstwelt“. Bis ich herausfand, dass Karatzas es damit ernst meinte: Für ihn war es nicht nur eine Kunstwelt, sondern ein von ihm gelebter „Kosmos“. Diese Erkenntnis offenbarte mir schlagartig neue Einzelheiten, bis dahin wie hinter einem Berg, vielleicht dem Prenzlauer Berg, verborgene, über den ich erst hatte steigen müssen, mich hinwegsetzen über meine literarischen Vorlieben. Trotz ihrer blendenden Helle nahm ich mit einem Mal die Tiefe seiner Bilder wahr, sah ich den Dichter hinabtauchen zum Grund der menschlichen Seele.

DIE BITTERKEIT DER KONSONANTEN

Bedacht sprachst du aus was du entschieden
mit Lippenlauten voller Empörung, mit nasalen Lauten der Verweigerung
und gaumenfeuchten Abschiedsworten.
Auf welche Zähne reduzierst du
mein wäßriges Schweigen?
Du hörst immer auf beim Sigma
auf das Lichtes und Winterliches enden.

Du verschärfst die Trennlaute und übersetzt
die Lippenunmöglichkeiten in solche der Nase, das fürcht ich
und gaumenfeucht will ich dich.
Meine speichelnasses Zischen
unterscheidest du von welchem deiner Symptome für Zahnschmerz?
Du hörst immer auf beim Sigma
auf das Lichtes und Winterliches enden.

Dionisis Karatzas: Selbstmord des Reservemonats. Gedichte, Ausgewählt und herausgegeben von Asteris Kutulas, Aus dem Griechischen von Ina und Asteris Kutulas, Zeichnungen von Trak Wendisch, Edition Raute, Görlitz 2010, ISBN 978-3-933777-20-1

Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern

Asteris Kutulas: Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern

Unser Anliegen war es, mit diesem Bildband über Mikis Theodorakis durch eine Vielzahl von Bildern, die begleitet werden von Selbstreflexionen des Komponisten, eine visuelle Annäherung, eine Reise, eine Blickachse hinüber zum Leben von Mikis Theodorakis zu ermöglichen, zu einem Leben, das in mehrfacher Hinsicht exemplarisch zwischen zwei Polen verläuft: dem Pol der griechischen und dem der europäischen Musik, dem Pol der populären und dem der sinfonischen Tradition, zwischen dem der Peripherie und dem des Zentrums, zwischen Athen und Paris, zwischen künstlerischer Avant-garde und dem Bewusstsein ursprünglicher Herkunft.
Aus dieser Lebensführung ergab sich in gewisser Weise ein Paradoxon. Theodorakis’ apollinischer Verstand strebte der absoluten Musik zu, seine dionysische Seele spürte der Volksmusik nach. Sein Lebensweg gestaltete sich zu etwas wie dem unermüdlichen Versuch, eine Verbindung zwischen jeweils entgegengesetzten Polen herzustellen, um scheinbare oder tatsächliche Gegensätze miteinander in Einklang zu bringen.
So dokumentiert dieser Bildband – nicht nur in hunderten zum Teil sehr seltenen Fotos, sondern auch in bislang unveröffentlichten Aussagen sowohl des Künstlers Theodorakis als auch vieler seiner Wegbegleiter – eine in der Kultur- und Musikgeschichte beispiellose Biografie und ein unikales Werk.
Dieser Bildband über Mikis Theodorakis ist nicht nur einfach als ein Fotobuch von uns konzipiert worden, und auch nicht nur als ein Foto-Text-Buch. Weil durch diesen Musiker griechische und europäische Geschichte „hindurchgeflossen“ ist, offenbart dieser Bildband einen speziellen − vom „Aussterben“ bedrohten − Künstlertypus. Wir haben versucht, ein spannendes Buch zu machen: einen aus 80 Doppelseiten-Szenen bestehenden „Spielfilm“, der sich aus Abbildung, Text, Geschichte und Gefühl speist. Viel Spass damit.

P.S. (Danksagung)

Von den insgesamt mehr als 17.000 Fotos, die wir zusammen für dieses Buch gesichtet haben, stammte der überwiegende Teil aus dem Archiv von Myrto und Mikis Theodorakis. Der andere Teil stammt aus den Archiven von Margarita Theodorakis, Anna Drouza (Archiv Niki Tipaldou), Petros Pandis, Nikos Moraitis sowie dem des Ehepaars Sgourakis. Ihnen allen gilt unser aufrichtiger und tief empfundener Dank. In nicht minderem Maße sind wir auch der Musikbibliothek Lilian Voudouri – wo inzwischen das Gesamtwerk von Theodorakis betreut wird – und seiner Direktorin Stephanie Merakos zu Dank für die tatkräftige Unterstützung unserer Arbeit verpflichtet. Für die Originaltextbeiträge danke ich Michalis Cacoyannis, Konstantin Costa-Gavras, Louis de Bernieres, Klaus Hoffmann, Jack Lang, Zubin Mehta, Henning Schmiedt, Herman van Veen, Roger Willemsen, Guy Wagner und Martin Walser. Unser Dank gebührt ebenso Axel Dielmann, ohne den es die beiden Interviews in dieser Form nicht geben würde, sowie Rena Parmenidou, Guy Wagner und vor allem Peter Hanser-Strecker und dem Schott Verlag in Mainz, der dieses Buch herausgebracht hat.

Asteris und Ina Kutulas

Bildband über Mikis Theodorakis von Asteris Kutulas
S.133 aus dem Buch mit einem Text von Mikis und drei Fotos von Margarita Theodorakis
Zitate aus Originalbeiträgen für das Buch

Zweimal bin ich gereist, um ihn zu hören und mit ihm zu sprechen. Nach Böblingen und nach Annecy. In Böblingen gehörte ich zum enthusiasmierten Publikum. Seine Musik erfüllte jeden Wunsch, den man haben konnte. Sie wurde nicht dadurch beschädigt, dass sie deutlich etwas wollte. Sie war sozusagen engagierte Musik, aber sie blieb griechisch. Das ist immer eine Art Schönheitsgarantie, wenn eine Musik aus einer Folklore lebt, ohne in ihr unterzugehen.

Martin Walser

***

Europa hatte keinen Che Guevera, es hatte Mikis Theodorakis, der später schreiben sollte: „Ich gehöre einer Generation an, die sich einem extremen Idealismus verschrieben hatte. Mein ganzes Leben war ein endloser Kampf zwischen dem Idealischen und dem Wirklichen, dem Alltäglichen und der Vision“. Wir waren mit ihm. Wer nie vom Umsturz der Diktaturen geträumt hat, wird bekanntlich nie erwachsen.

Roger Willemsen

***

Mikis Theodorakis ist besonders wichtig für mich, nicht nur als Musiker, sondern auch als eine Persönlichkeit mit hohem ethischen Anspruch, die einen großen Eindruck auf meine Generation gemacht hat. Theodorakis kämpfte gegen die faschistische Rechte, politisch und mit seiner mächtigen Musik. Er wurde eingesperrt, gefoltert und verbannt. In seiner Heimat war er wegen seines Widerstands gegen die Diktatoren für viele Leute ein Held, und wir alle liebten seine Musik.

Theodorakis ist ein großartiger Komponist, aber die Menschen kommen erst jetzt dazu, seine konzertanten Werke zu hören. Jahre nach unserer ersten Begegnung in den Siebzigern traf ich Theodorakis in Montreal, und ich bot ihm an, ein Konzert mit seinen Werken zu dirigieren. Dieses Konzert mit Auszügen aus einem seiner berühmtesten Werke, dem Ballett „Zorba the Greek“, war ein gewaltiger Erfolg. „Zorba“ ist unvergessliche Musik, besonders das Finale. Es ist eine Musik, die immer im Gedächtnis der Menschen bleiben wird.

Charles Dutoit

***

Lieber Mikis Theodorakis, … Ich hätte Ihre kameradschaftlichen Partnerschaften mit Semprun, Neruda oder Elytis erwähnen können, ja, müssen; Ihren Kampf um die Versöhnung zwischen dem griechischen und dem türkischen Volk, gemeinsam mit Ihrem Freund, dem großen Musiker Zülfü Livaneli; ich hätte daran erinnern müssen, dass der Friedensnobelpreis Ihnen zu Recht zustünde … und über die ganze Größe Ihrer Kunst sprechen müssen. Und hätte dabei den Eindruck einer posthumen Ehrung gehabt. Wohingegen … Mikis Theodorakis: Sie sind hier, lebendig, unter uns, größer denn je.
Im Namen Europas, im Namen der Menschen, im Namen einer gewissen Idee von Europa, dieser Vision der Menschheit, die uns eint und die Sie verkörpern. Dank, vielen Dank, Mikis Theodorakis: Efharisto, Efharisto para poli, Mikis Theodorakis.“ 

Jack Lang

***

Als ich Mikis Theodorakis zum ersten Mal begegnet bin, war ich überrascht von der Stärke, die von ihm ausging. Obwohl er ein so schweres Schicksal ertragen musste, wirkte er auffallend kraftvoll, unbeugsam, ja optimistisch. Es gibt nur wenige Menschen, die eine solche Ausstrahlung, ich möchte sogar sagen, eine solche Aura haben. Unsere wunderbare Zusammenarbeit mit Mikis Theodorakis begann schon 1992 mit der Veröffentlichung von Theodorakis singt Theodorakis auf unserem CD-Label „Intuition“. Seither sind über zwanzig CDs von ihm bei uns erschienen.

Theodorakis genießt meine Hochachtung nicht nur als Person der Zeitgeschichte, sondern vor allem auch als Komponist, der ein ungemein breites Repertoire an Formen und Stilen beherrscht. Das Spektrum reicht vom einfachen Lied bis hin zur großen Oper, vom Chorwerk bis zum Ballett, vom intimen Gitarrenstück bis zum großen Orchesterwerk.

Es ist nun höchste Zeit, dass auch das Musikleben weltweit dieses besondere Œuvre in seiner Vielgestaltigkeit und Besonderheit wahrnimmt. Ich schätze mich glücklich, ihn als Verleger zu betreuen, und ich bin dankbar, dieser außerordentlichen Persönlichkeit begegnet zu sein.

Dr. Peter Hanser-Strecker, Schott Music GmbH

***

Mikis
Ein Mann
ein Wort
eine Melodie
ein Lied
ein Mut
eine Freiheit

Herman van Veen

In memoriam Adolf Endler

„Ich schreibe wie jemand, der sich die Pulsadern aufschneidet“, notierte der Dichter Giorgos Seferis am 7.9.1926 in seinem Tagebuch – was zumindest eine pathetische Umschreibung für den „existentiellen“ Wert der Dichtung in seinem Leben war. Adolf Endler hat genauso geschrieben, gefühlt und gelebt. Er war „Dichter“, durch und durch. Eine Mischung aus Transportarbeiter des Worts, belgischem Bohemien, antifaschistischem Eremiten und „böhmischem Zigeunergeiger“. Er erschien mir immer wie ein pulsierendes Intellektum, ein energiegeladenes Bündel.
Ich „entdeckte“ Endler 1979 über seine wunderbaren Nachdichtungen der Gedichte des Alexandriners Konstantin Kavafis, die mir in gewisser Weise Vorbild waren für meine spätere eigene Arbeit:

Ihr Plätze und ihr Viertel, Gegend, wo ich wohne,
Die ich vor Augen habe und durchmesse, Tag für Tag:
Ich war’s, der euch erfand in größtem Glück und tiefster Traurigkeit,
Die vielen Episoden, mannigfachen Wesen –
Jetzt ganz und gar voll Leben und Gefühl, sei’s nur für mich…
usw.usf.

Endler war für mich eine ernste Angelegenheit, sein Alter Ego Bubi Blazezak ein polternder universeller Geist. Endler gewann eine knisternde Klarheit in seinen ausschweifenden Texten, und zugleich durchdrang ihn ein entwaffnender Humor, den er mehrfach in diversen Samistad-Drucken, z.B. in den „Bizarren Städten“, kucken ließ. Denn von Endler wurde kaum was veröffentlicht zu DDR-Zeiten, dafür konnte man ihn oft im kleinen Kreis erleben, lesen hören, und ab und an schwang er auch sehr gekonnt außer-literarische Fahnen.
Adolf Endlers Existenz war einer der Gründe, warum man es als Intellektueller noch in der DDR aushielt. Ich empfand es jedenfalls damals so. Er war der Tarzan des „Prenzlauer Bergs“, ich war der Neger in Pankow. Endler bedeutete für mich eine Art Heimat in der transzendentalen DDR-Obdachlosigkeit – und seine Texte, frei schwebend, ein Quell reiner Leselust.

Asteris Kutulas

Veröffntlich in: „Partisanen“, Herausgegeben von Holger Wendland, Detlef Schweiger & KulturAktiv e.V., Dresden 2009

Begegnungen mit Jannis Ritsos (Tagebücher 1982-1989)

Asteris Kutulas: „Auch Statuen und Gedichte altern“ – Begegnungen mit Jannis Ritsos

[Im folgenden Text veröffentliche ich neben verstreuten Gedanken zur Persönlichkeit und zum Werk von Jannis Ritsos (1909-1990) auch einen Großteil meiner Notizen über unsere Begegnungen, die zwischen 1982 und 1989 zumeist während meinen Griechenland-Aufenthalten stattfanden. Ich habe meine ehemals flüchtigen Aufzeichnungen lediglich einer stilistischen Überarbeitung – ohne nachträgliche Hinzufügung oder inhaltliche Korrektur – unterzogen.]

Jannis Ritsos, Eri Ritsou & Asteris Kutulas, Athens 1983 – Photo © by Rainer Schulz

18.3.1982, Athen | “Kommen Sie doch bitte zu mir!” Eine helle und klare Stimme aus dem Telefon. Trotz des Trubels, der allmittäglich die Kioske mit ihren zwei oder drei Telefonen im Zentrum Athens einhüllt, war sie deutlich zu hören; interessiert und höflich. “Kommen Sie doch bitte zu mir! Haben Sie meine Adresse? … Ich wohne Koraka-Straße Nummer 39. Kennen Sie den Weg hierher? … Nicht! Sie sind jetzt im Zentrum? … Gut. Dann steigen Sie am besten in die U-Bahn am Omoniaplatz, fahren aber nicht Richtung Piräus, sondern nehmen die Bahn nach Kifissia und steigen an der Haltestelle Heiliger Nikolaos aus. Könnten Sie um eins bei mir sein? … Also, ich erwarte Sie.”

Zwei Zimmer im vierten Stock eines Athener Mietshauses. Plebejisches Viertel. Vom Balkon schaut man auf eine Schule mit riesigem Hof, eingekeilt zwischen leergefegten Straßen und schlohweißen mehrstöckigen Häusern. Ein Brausen aus Motorgeräuschen, Rufen und Kindergeschrei hält sich hartnäckig in der Luft. Links das große Wohnzimmer, das sich durch eine offengehaltene Schiebetür teilen ließe. Rechts Küche und Bad, gegenüber das Schlafzimmer. Der Raum vollgestopft mit Büchern, Briefen, Gemälden, Andenken, Stoffbären in allen möglichen Farben und Variationen, Schallplatten (vorwiegend Bach), ein kleiner, nicht mehr neuer Recorder und die dazugehörigen Kassetten (vorwiegend Bach). Auf Fußboden, Stühlen und Tischen plaziert, in hierarchischer Ordnung, Hunderte von bemalten Steinen, Knochen, Wurzeln. Zwei Sessel für Besucher und zwei Stühle gegenüber seiner Couch, auf der sich links und rechts Briefe und Bücher stapeln.

12.11.1982, Athen |  Von 12 bis etwa 4 Uhr nachmittags bei Ritsos. Ich hatte mich um zwanzig Minuten verspätet, worauf er mich freundlich aufmerksam machte. Ritsos pocht auf Pünktlichkeit, läßt nicht einmal die chaotische Verkehrssituation in Athen gelten. Eri, seine Tochter, ist zu Besuch. Sie hat in Großbritannien Anglistik studiert und kehrte vor kurzem nach Griechenland zurück.

Warum die Zahl 3 in seinen Gedichten so oft vorkommt, will ich wissen. Das war mir bei der Übersetzung der “Monochorde” aufgefallen. “Kommt die 3 oft vor, ja?… Tatsächlich, es sind 336 Monochorde… Warte mal! Ich habe noch zwei Reihen ‚Monochorde‘ geschrieben, die unveröffentlicht sind.” Er steht auf, geht zum schwarzen Schreibtisch, kommt zurück mit einem in Leder gebundenen Block. “Diese Reihe hier besteht aus 332 Monochorden, die andere kann ich jetzt nicht finden … Ja, die 3 scheint wirklich meine Lieblingszahl zu sein. Vielleicht, weil man von jeder anderen Zahl irgendwie auf die 3 kommt. Sie ist das Zeichen christlicher Dreieinigkeit und für vieles ein Symbol. Aber eigentlich liebe ich die 9 noch mehr. Ich weiß selbst nicht warum. Es hat aber nichts mit Mystik zu tun. Vielleicht, weil ich im Jahre 1909 geboren wurde. Wegen dieser 9? Natürlich mag ich auch den Klang dieser beiden Zahlen, TRIA, TRIA, ENEA, ENEA … Und das ist mir besonders wichtig.”

Bedächtig zündet er sich eine nächste Zigarette an. “Als ich mich vor kurzem mit einem französischen Freund darüber unterhielt – er stellte mir dieselbe Frage -, hatte er die Idee, meine Vorliebe für die 9 rühre vom soixante-neuf her, von Liebe auf Französisch, also vom gegenseitigen Oralverkehr.” Er lacht, nimmt eine Zigarettenschachtel und malt mir eine liegende 69 auf. “Das könnte auch der Grund sein, ich weiß es nicht.” Neugierig sieht er mich an und führt die Zigarette zum Mund.

Photo © by Asteris Kutulas

17.9.1983, Athen | Gestern bei Avra Partsalidou gewesen. Alte Genossin der Kommunistischen Partei Griechenlands. Sie selbst wollte uns kein Interwiev über Ritsos gewähren. Sie kenne ihn zu wenig. Erzählte aber folgende Geschichte: “1968 wurde ich auf Jaros deportiert. Unter meinen Mitgefangenen befand sich auch Jannis Ritsos. Er lebte im Männertrakt, ich in der Frauenabteilung. Die Lagerleitung bestimmte die Belegung der Betten im Gefängnis. Ritsos durfte sich sein Bett nicht auswählen. Ihm wurde ein Bett direkt in der Mitte des Gefängnisraums zugewiesen. Das war eine bewußte Schikane. Man wollte ihn in die Mitte zwischen Dutzende andere Gefangene stellen, ins Zentrum des Lärms, um ihm das Nachdenken zu erschweren. Aber während der Stunden, da wir uns gegenseitig besuchen durften, fand ich ihn immer, auf dem Bett sitzend, mitten in dieser Unruhe, ruhig, still, schreiben oder malen. Ihn störte das alles nicht.”

26.9.1983, Athen | Dreharbeiten. Ritsos in bester Laune. Als ich ihn fragte, ob ihn Kritiken noch berühren, meinte er: “Ich habe einen Punkt erreicht, wo Lob und Tadel mich nicht mehr tangieren. Ich versuche, das zu machen, was den anderen ‘nützt’, und natürlich mir selbst.”

Photo © by Rainer Schulz

28.9.1983, Athen | Während eines unserer Interviews, fragte mich Ritsos eher beiläufig: “Übrigens, warum rauchst du nicht? … Du ignorierst diese heilige Handlung, die ein Drittel, ja, ein Viertel des Lebens ausmacht? … Kennst du nicht die Gier nach einer Zigarette nach dem Liebesakt? Wenn man das Streichholz anreißt und dabei die winzigen Funken schlagen und dann im flackernden Licht die Brüste der Frau und der Penis des Mannes sichtbar werden …” Den Einwand – das Zimmer wäre bald vollgesmokt, man müsse aufstehen, das Fenster öffnen und würde sich, der Kälte wegen, nicht mehr aus dem Bett trauen – ließ er nicht gelten: “Du vergißt, daß liebende Körper gegen Kälte gefeit sind. Außerdem: Denk an den herrlichen Akt des Fensteröffnens, wenn der ganze Himmel mit all seinen Sternen ins Zimmer tritt. Denk auch an Lady Chatterley von Lawrence. Wie ihr Liebhaber während ihrer ersten gemeinsamen Nacht nach dem Beischlaf aufsteht, zum Fenster geht, es öffnet – und als er zum Bett zurückkommt, ist er schon wieder erregt. Das überwältigt Lady Chatterley, die nach seinem Penis greift und nun mit ihrer Hymne auf Gott, auf ihr Ein und Alles beginnt.”

Rauchen mache aber krank, versuchte ich dagegenzuhalten. Er zeigte auf die Zigarette zwischen seinen gelblichen Fingern und fuhr fort, ohne meinen Einwand zu beachten: “Oft ist es ja so, daß die Gedanken so schnell ablaufen, daß die Hand gar nicht mit dem Schreiben nachkommt. Erinnerungen, die sich beim Schreiben einstellen – Erlebnisse aus der Kindheit, verloren geglaubte Räume und Landschaften, alltägliche Ereignisse – kannst du gar nicht schreibend einholen … Aber dann greifst du zur Zigarette, bläst den Rauch aus, immer schneller, hastiger, als wärst du eine große Lokomotive, deren Räder sich immer schneller drehen – so hast du durchs Rauchen den Eindruck, schneller zu werden, Gedanken und Schreiben in Einklang zu bringen.” Er nahm die flache Zigarettenschachtel in die Hand, drehte sie um, betrachtete sie.

“Oft meine ich, ein unbändiges Feuer lodere in mir. Dann habe ich, wenn ich den Rauch ausblase, das Gefühl, ich würde etwas Dampf ablassen, was mich sehr erleichtert.” Und sofort fiel ihm noch etwas ein: “Klingelt es an der Tür oder das Telefon läutet, wird dein Gedankengang unterbrochen. Eigentlich müßtest du neu ansetzen oder das Angefangene vernichten. Doch die Zigarrette wird zu einer Brücke, zu einer weißen Brücke vom unterbrochenen Gedanken zu einem neuen. Du stellst dir einfach vor, die Unterbrechung geschah nur, um eine neue Zigarette anzuzünden – ein Streichholz anzureißen, die Zigarette zum Mund zu führen.” Er öffnete die Schachtel mit den Papastratos-Zigaretten und bot mir eine an. Ich lehnte dankend ab und sagte, in diesem Augenblick wirklich verärgert über seine Argumentation, ich würde das Rauchen verbieten. Seine lakonische Antwort beendete unsere Zigaretten-Debatte: “Die Revolution gegen alle Verbote bedeutet wirkliche Freiheit.”

Photo © by Rainer Schulz

4.10.1983, Monemvassia | Die Insel Monemvassia, ganz in Licht gehüllt – ein Felsen, bizarr aus dem Meer ragend. Die Hitze lastet schon seit Tagen neblig-trüb auf den niedrigen Häusern. 

Monemvassia hat eine viertausendjährige Geschichte, sagte der Wächter der Archäologischen Gesellschaft, als er uns zum Geburtshaus von Ritsos führte, hier finden Sie alles Mögliche: antike Säulen, klassizistische Mauerreste, byzantinische Kirchen, die venezianische Burg, türkische Bauten. Dann, betrübt, seine Sorgen: Wenn einige Touristen könnten, würden sie ganze Blöcke von Marmor mitnehmen.

Wir passierten den Vorhof einer alten, halbzerfallenen Kirche. Zwischen zwei graugrünen Feigenbäumen blitzte das Mirtoische Meer. Bei gutem Wetter, sagte der Wächter, kann man Kreta erkennen, zweihundert Kilometer von hier entfernt. Mir fiel der Vers von Ritsos ein, seine Assoziation: “fern der Rauch der Schiffe die dunstgezeichnete Insel Kreta das Blau und das andere Blau”. Und seine Erklärung: “Der Dichter empfindet Geschichte vermittelt über konkrete Erlebnisse, gegenständliche Eindrücke, Kindheitserinnerungen.”

15.11.1983, Dresden | … Und zu warten (worauf nur?) ist so trostlos. Letzteres Wort scheine ich sehr zu “lieben”, jedenfalls in letzter Zeit. Stammt irgendwie von Ritsos, aber doch auch von mir.

22.11.1983, nachts, Leipzig | Arbeit am Szenarium. Langes Gespräch mit Uwe. Mein Grundgedanke: Ritsos verwendet in seiner Poesie Dinge/Gegenstände (Tisch, Baum, Spinne, Schlüssel, Statue usw.), die ihn an sich interessieren, in ihrer scheinbar bedeutungslosen Alltäglichkeit. Dieses Ansich verwandelt sich jedoch sofort in ein Fürsich, nämlich in dem Augenblick, da über diese Gegenstände eine Begegnung mit dem/einem ANDERN und dadurch wiederum mit SICH SELBST möglich wird. Eine seltsame Kausalität entsteht: Die Vergegenständlichung der “Welt” führt zu einer Verwirklichung des “Menschen”, zu einem Sich-Auflösen der Entfremdung durch ein “Treffen”, eine “Begegnung”. So entwickeln sich poetische Gegenstände=Archetype (keine Metaphern), die wiederum in Momenten, da sich Ästhetik im Widerstand befindet, zu einfachen, elemantaren Haltepunkten werden.

23.11.1983, Leipzig | Uwes zentrale Frage: Wie machen/schaffen es bestimmte Leute, sich eine Ideal anzueignen und es dann – allen Widrigkeiten und Anfechtungen zum Trotz – ein Leben lang aufrechtzuerhalten? Ich weiß nicht, ob er das positiv meinte, aber vielleicht ist es gar nicht so positiv. Außerdem merke ich, wie die Begriffe nicht zutreffen, nichts erfassen, ins Bodenlose weisen.

Ritsos hatte, bevor ich ihn im September besuchte, die Geschichte der Mutter eines Mithäftlings von Makronissos erfahren und mir mit Anteilnahme weitererzählt: Als ihr Mann Ende der vierziger Jahre hingerichtet wurde, blieb sie, die blind war, allein mit ihren Kindern, völlig mittellos. Um ihren Mann begraben zu können, mußte sie zu einem Tischler außerhalb der Stadt gehen, der ihr einen Sarg zimmern würde. Sie bat eine Nachbarin, sie zu ihm zu führen. Die beiden Frauen zogen los, die Greisin führte die junge Blinde. Der Tischler machte ihr den Sarg, und sie schleppte ihn auf dem Rücken nach Hause. Die Nachbarin konnte ihr beim Tragen nicht helfen, konnte sie nur führen. Inzwischen war es Nacht.

Ritsos machte eine Pause und schaute mich an: Stell Dir dieses Bild vor, es läßt mich nicht los. Ist schon zu einem Gedicht geworden. Diese Frau nun ließ sich zu jedem 1.Mai die Fahne beschreiben, die aus ihrem Fenster hing. Als ihr Sohn dafür eine Metallstange nahm, wurde sie zornig: Die Fahnenstange, rief sie, muß aus Holz sein, ans Holz wurde auch Christus geschlagen. Und das Tuch muß lang sein, bis auf die Straße muß es reichen, daß es jedem Passanten gegen die Schulter schlägt.

Das erzählte Ritsos voller Bewunderung, und mir wurde klar, wie unterschiedlich wir gleiche Sachen bewundern. Und das nicht nur auf poetischer Ebene. Seine Voraussetzungen: Erlittenes Unrecht, erlebte Utopie. Meine?

24.11.1983. Leipzig, nachmittags | Ein “Gesprächsfilm” mit Ritsos ist fast unmöglich. Wir machten die Erfahrung, daß er immer wieder bemerkte: “Das habe ich aber schon in einem Gedicht gesagt.” Er zitierte auch wiederholt Gedichte, um das (seiner Meinung nach) Eigentliche auszudrücken. Oder solche Bemerkungen: “Aber wie Du merkst, ist das Gedicht viel präziser als meine Interpretation”.

Zweitens, die Aussage von Ritsos, seine Biografie spiele keine Rolle, um seine poetische Gedankenwelt zu erfassen.

Drittens, der “medienscheue” Ritsos. Interessant. Und ein Klischee. Was mir auffällt: So sehr er die große Öffentlichkeit liebt, gibt er doch wenig Interviews. Nicht die Medien. Sein Medium ist die Poesie. Und zur Poesie – der Kreis schließt sich wieder – gehört für ihn das “Volk” … (Wie unterschiedlich dieses Wort im Deutschen klingt. Wenn man schon den Unterschied bedenkt, den das Wort im Griechischen in einem Vers von Ritsos und im Mund eines Politikers bedeutet, dann verlischt jegliche “griechische” Bedeutung dieses Wortes im Deutschen.)

Auf jeden Fall irrig die Annahme, man könne Ritsos “packen”, indem man bestimmte historische Ereignisse der griechischen Geschichte darstellt, und die Dichtung Ritsos’ daraus “deduziert”. Reinster Soziologismus. (Kunert macht mit Recht darauf aufmerksam, daß die Konsequenz dieser Ansicht wäre, daß man Leid und Not erfahren müsse, um ein großer Dichter zu werden.) Nur wenn man über seine Gedichte spricht, spricht man über ihn. Oder andersherum. Nur wenn man (wirklich) über ihn spricht, spricht man über seine Gedichte. Dieses “(wirklich)” hats in sich. Er selbst meinte, sich zum Marxisten erklärend, daß sich durch Übernahme/Verarbeitung marxistischen Ideengutes keinesfalls automatisch eine andere künstlerische Verarbeitung ergäbe. Den “Marxismus” nehme er als Künstler auf, nämlich durch individuelle und gesellschaftliche Erfahrungen …  Seine aristokratische Mutter, die 1918 durch das Haus lief, einen roten Schal um den Hals, und rief: “Ich bin Bolschewikin! Ich bin Bolschewikin!”

Völlig uninteressant erscheint mir heute, an seiner Person die Einheit von Künstler und “Politiker” exemplifizieren zu wollen. Er hält an einem politischen Ideal fest. Das machen aber viele andere auch. Nur oft entgegengesetzter “Tendenz” …

Hans Marquardt, Asteris Kutulas, Jannis Ritsos, Thomas Nicolaou im Gohliser Schlößchen Leipzig 1984, Reclam Verlag, Photo © by Privatier/Asti Music

19.1.1984, Leipzig | Traf heute Quang, der gerade die “Mondscheinsonate” ins Vietnamesische übersetzt. Konfuses Gespräch über die volksfront-poetische Potenz in Ritsos’ Iphigenie-Gestalt. Und: Was interessierte Goethe an Iphigienie? Die Bewahrung, Erhaltung, Ausstrahlung einer elementaren Humanität in einer sie bedrohenden (und damit die Humanität an sich bedrohenden) Umwelt. In solch einer Lage sah sich wohl auch Goethe selbst befangen, zumindest dürfte er das aus der italienischen Distanz so reflektiert haben. Man braucht nur die Tagebücher und Briefe von Anfang 1779 lesen. Tasso ist der andere direktere Verweis auf das existenzielle (geistige) Problem eines humanistischen Künstlertums, das die politische Emanzipation als menschliche postulieren muß … Ausdruck dieses poetischen Konzepts ist Fürstenerziehung einerseits und Hinwendung zum Volk andererseits. Die Seele eines Menschen zu treffen und den Humanismus in ihm zu stärken, unabhängig davon, ob er Bauer oder Fürst ist, Linker oder Faschist. Iphigenie als Symbol, den Humanismus innerhalb einer inhumanen Welt bewahren und behaupten zu können! Das ist wohl schon bei Euripides angelegt. Also “Iphigenie” nicht als Problem der UTOPIE, sondern als reales “politisches” Problem des Dichters.

Im Zug nach Magdeburg | Ritsos läßt einen gewöhnlichen Menschen sprechen, allerdings einen Menschen, der eine  Etikette bekommen hat, z.B. die Maske Iphigenies oder Orests oder Elektras usw. Dieser gewöhnliche Mensch spricht nun über seinen Alltag, aber auch über seinen “Nachruhm”, über den er eigentlich nicht sprechen könnte, über seine von der Nachwelt bestimmte Geschichte. Damit weist Ritsos darauf hin, daß diese in der Mythologie verschlüsselten Konstellationen heute ebenso bestehen, nur unscheinbarer. Zum anderen wird der Mythos selbst kritisch beleuchtet: seine Beständigkeit gegenüber einer anderen – modernen – Umwelt, dem Griechenland der faschistischen Junta beispielsweise.

19.4.1984, Athen | Gestern unterhielt ich mich mit Ritsos über die geschichtsphilosophischen Wurzeln des Pessimismus. So kamen wir auf Schopenhauer zu sprechen. “Schopenhauer war Pessimist”, sagte Ritsos, “weil er der erste desillusionierte Realpolitiker auf philosophischem Gebiet war. Trotzdem suchte auch er, möglicherweise unbewußt, nach dem Prinzip Hoffnung. Ich erinnere mich an eine Stelle in seinen ‚Parerga und Paralipomena‘, wo er dem Gedanken nachgeht, ob es auf anderen Planeten Zivilisationen gäbe, die ihr Leben anders gestalteten als die Menschheit.”

Später befragte ich ihn zu seinem Iphigenie-Monolog. Goethes Iphigenie habe er nicht gelesen. “Ich wollte die Geschichte einer Frau schreiben. Jenseits vom ‚Mythos‘. Sie spricht über ihre alltäglichen Sorgen und Probleme. Sie erinnert sich ihres ganzen normalen Lebens, das das Schicksal der Atriden natürlich einschließt.”

Ritsos schenkte mir ein Exemplar seines soeben erschienen Romans “Mit dem Stoß des Ellenbogens”. Dann las er ein Kapitel aus dem gerade abgeschlossenen Manuskript “Der Alte mit dem Papierdrachen”. Die Geschichte ist einfach: Ein alter Mann beobachtet im Frühling ein paar Jungen, die Drachen steigen lassen. Er beneidet sie und würde am liebsten mitmachen. Aber er schämt sich, zu den Kindern auf die Wiese zu laufen und es ihnen gleichzutun. Eines Abends geht er auf das Flachdach seines Hauses und läßt einen selbstgebauten Drachen steigen. Zwei Kinder von nebenan entdecken ihn und fragen: “Opa, was machst du da, läßt du etwa einen Drachen fliegen?” Der Alte fühlt sich ertappt und beschwichtigt: “Nicht doch, Kinder, ich habe diesen Drachen gerade gefunden. Er wird irgendeinem Kind gehören und hat sich in meiner Veranda verfangen.” – “Dann gib ihn uns!” Darauf der alte Mann: “Das geht nicht, ich muß herausfinden, welchem Kind der Drachen gehört, und ihn zurückgeben.” Er packt den Drachen ein und geht schnell ins Haus.

21.4.1984, Sernikaki | Noch im Gespräch mit Ritsos: Längere Unterhaltung über den Ausschluß des Komponisten Thanos Mikrutsikos aus der Kommunistischen Partei. Diese Entscheidung scheint ihn zu beschäftigen. Ritsos meinte dazu, daß die kommunistische Bewegung in Griechenland nur dann eine Chance habe, wenn jeder auf seinem Gebiet das Beste gibt und vor allem: geben kann, um diese Bewegung zu stärken. Aber dem stehe natürlich die Anmaßung bestimmter Funktionäre entgegen, die glauben, auch auf Spezialgebieten “eine Linie” vorgeben zu müssen. (Er habe Mikroutsikos angerufen und ihm gesagt, er soll sich das nicht zu Herzen nehmen und, seinem Gewissen folgend, weitermachen.) Und erzählte folgende Geschichte:

“Als wir im Dezember 1944 die Schlacht um Athen gegen die britischen Truppen verloren hatten, erhielten die Partisanenabteilungen den Befehl, sich aus der Hauptstadt zurückzuziehen und im Norden Griechenlands eine zweite Republik zu gründen. In der Stadt Lamia wurde der Befehl erlassen, ein Theater aufzubauen. Wir stellten in kürzester Zeit zwei Theatergruppen mit sehr erfahrenen und begabten Schauspielern und Regisseuren zusammen. Da keine Stücke für ein Repertoire existierten, mußten wir selbst welche schreiben. So entstand damals mein lyrisches Drama ‘Die Mutter’, um das eine harte Diskussion entbrannte, weil die Politkomissare die Meinung vertraten, es sei zu schwer für die Soldaten, die oft erschöpft von der Front direkt ins Theater kamen. Ich hatte nämlich längere Monologe verfaßt und, der antiken Tradition folgend, Chorpartien eingeschoben. Die Monologe sollten als ‘subjektivistisches Element’ eliminiert werden, wogegen ich aber protesierte: ‘Kameraden, ich verstehe Eure Bedenken, aber ich werde keine Zeile ändern. Dann wird das Stück eben nicht gespielt. Und ich glaube, daß ihr die Menschen unterschätzt. Auch ohne umfassende Bildung besitzen sie doch einen Instinkt für das Schöne. Und außerdem verstehe ich mehr von künstlerischen Dingen als ihr. Ich mische  mich auch nicht in eure Belange ein, für die ihr die Verantwortung tragt – und dasselbe nehme ich für mich in Anspruch. Sollte das Stück ein Mißerfolg  werden, so können wir es immernoch absetzen. Gebt aber dem Publikum die Chance, selbst zu entscheiden. Das Stück wurde ein großer Erfolg, und gerade die Monologe kamen sehr gut an.”

Mit Nachdruck beharrte er darauf, daß man nur so, innerhalb der eigenen Reihen, etwas unternehmen könne. Und fast beschwörerisch: “Wir haben alle von den eigenen Genossen so viel einstecken müssen, daß wir wissen, wie schwer das ist. Aber nur so kann sich etwas entwickeln.” Mein Gott!

23.5.1984, Dresden | Heute flogen Mikis, Mirto, Eri und Ritsos nach Moskau. Gestern Gespräch mit Ritsos über einen “Ritsosfilm”. Ein solcher Film, so Ritsos, müsse die Verwurzelung seines Werks in der Antike deutlich machen. Seine Beziehung zur Antike sei keine “philologische”. Sie bestimme in großem Maße sein Schreiben und in gewisser Hinsicht auch sein Leben. Der Geist seiner Dichtung ließe sich viel präziser in einer Filmszene mit einer Statue einfangen, als durch alle möglichen theoretischen Abhandlungen.

Dann wäre ja dieser Film, meinte ich, schon formal, kompositorisch eine Abstraktion … Ja, erwiderte Ritsos, Fakten könne jede Biographie liefern. Der Film aber solle von Phantastik durchdrungen sein – wie seine Poesie. Er stelle sich Szenen mit Schlüsseln vor, mit nackten Frauen und Männern, und immer wieder mit Statuen.

Vorgestern in Leipzig Verleihung der Ehrendoktorwürde an Ritsos, den Eri begleitet. In seiner kurzen Ansprache machte er auf einen merkwürdigen Zufall aufmerksam: “Die Leipziger Universität wurde 1409 gegründet, und ich wurde 1909 geboren, also genau 500 Jahre später. Sie feierten in diesem Jahr Ihr 575. und ich meinen 75. Geburtstag. Ich bin in gewisser Weise ein Altersgenosse Ihrer Universität, nur 500 Jahre jünger. Rechnet man mir die griechische Tradition zugute, die in meinen Adern kreist, bin ich natürlich ein paar Tausend Jahre älter. Auf jeden Fall bin ich stolz darauf, Ehrendoktor einer Universität zu sein, an der ein Lessing, ein Leibniz und ein großer, ein sehr großer Autor, nämlich Goethe, studiert haben. Und auch weil mein Freund Pablo Neruda den Titel eines Ehrendoktors hier erhalten hat.”

6.9.1984, Athen | Ich erzählte Ritsos, daß mir die “Perser”-Aufführung im Herodes-Attikus-Theater nicht gefallen habe, ich aber den Text als äußerst modern empfände. “Das Interessante im Stück”, sagte Ritsos, “ist die deutlich artikulierte Liebe des Aischylos zu den Persern. Dieses Werk ist ein Antikriegsstück, weil Aischylos mehr die Niederlage und den Schmerz des persischen Volkes besingt, als den Sieg der Griechen. Man fühlt: Er klagt mit den Persern. Seine Überwindung des ‘hellenischen Nationalismus’ war äußerst wichtig für die gesamte antike Kultur.”

Ich sprach mit ihm über moderne Adaptionen des Mythos. Ritsos: “Gestalten aus der antiken Mythologie wie Orest, Iphigenie, Ismene konzentrieren in sich ganze Welten, deren Ursprünglichkeit und Wesenhaftigkeit durch den Umstand bewiesen werden, daß sie elementar in andere Literaturen Eingang fanden und deren Ausgestaltung mitbestimmten. Schon Platon und Aristoteles sind in ihrer Wirkung für die Literatur insgesamt nicht zu überschätzen. Was wäre ein Goethe ohne die Antike und um wieviel ärmer wäre die deutsche Literatur ohne die Gestalt von Hölderlins Diotima. Was wäre ein Brecht ohne Mythologie, obwohl bei ihm Anknüpfung und Entgegenung Hand in Hand gehen. Ich meine das alles nicht nationalistisch, aber gerade weil die Konstellationen, die die mytholgischen Gestalten repräsentieren, in ihrem Wesen allgemeinmenschlich sind und alle Grundmuster menschlichen Verhaltens in sich bergen, hatten sie diese internationale und diachronische Ausstrahlung.”

Warum er immer einen Bogen um zwei zentrale antike Figuren mache, fragte ich ihn, Ödipus und Klytämnestra treten in seinen Dichtungen nie als Protagonisten auf. “Du hast recht”, antwortete Ritsos, dieses Ausgeliefert-Sein des Ödipus behagt mir nicht. Daß er, ohne es zu wissen, seinen Vater Laios erschlägt und seine Mutter Iokaste heiratet. Alles bei Ödipus ist im voraus bestimmt. Er hat keine Chance. Sogar seine Blindheit ist schicksalsgegeben. Sein Name taucht zwar in vielen meiner Gedichte auf, aber ich gab ihm nie die poetische Eigenständigkeit eines Orest, Agamemnon, Ajax oder einer Chrysothemis. Bei Klytämnestra ist es anders. Auch sie tritt in keinem Gedicht als Protagonistin auf, ist aber in allen den Atridenmythos tangierenden Gedichten anwesend. Diese Frau ist allgegenwärtig; so, wie sie jeder sehen kann – mit ihren Sorgen und befangen in einem verzweifelten Kampf.”

Ritsos erzählte, daß er eine Einladung zu einer Vortragsreihe in die USA mit Poetik-Vorlesungen abgelehnt habe. Es lohne nicht den Aufwand, meinte er.

“Außerdem”, fügte er hinzu, “ich bin nicht stolz darauf, ein ‘Künstler’ zu sein, sondern wäre stolz, als Wort-Arbeiter zu gelten, als Be-Arbeiter des Logos.”

13.10.1984, Athen | Mit Hans und Barbara auf der Akropolis, einer belagerten Hohen Burg; schon Trümmerhaufen oder erst im Evakuierungszustand? Man wartet vergeblich auf Momente, in denen sich “ehrfürchtiges Erschauern” einstellt. Anschließend mit den beiden Ritsos besucht. Hans sprach von der entblößenden Helligkeit des griechischen Lichts. “Das ist richtig”, erwiderte Ritsos, “und für die spezifischen – klimatischen und landschaftlichen – Bedingungen, unter denen in Griechenland Kunst entsteht, ist das sehr wichtig. Wir dürfen nicht vergessen, daß immer nur aus Antinomien heraus große Kunstwerke entstehen. Aus dieser lichtüberfluteten Mittelmeerlandschaft mit ihrer stechenden Helle erwuchs die psychologisch düstre Welt der Tragödie. Die Griechen haben eine impulsive, widersprüchliche Mentalität. Um diese zu kompensieren, wenigstens ein geistiges Gleichgewicht herzustellen, entwickelten sie in der Antike das vernunftgemäße Denken (orthos logos): Ein Offenlegen der Abgründe des menschlichen Geistes durch das überall eindringende und das alles durchdringende griechische Licht, ein oft gelungener Versuch, die Gegensätze auszugleichen, ein immer tieferes Erfassen der sich offenbarenden Antinomien. Auch die Liebe basiert auf diesem Prinzip, das Platon als erster beschrieb: Nicht von Anfang an existiert, sondern nach einer Reihe von Berührungen und geschlechtlichen Vereinigungen, am Ende einer Kette von Liebesbeziehungen, entsteht Diotima als Inkarnation der liebens-würdigen Frau. Bei Shakespeare finden wir dasselbe: Julia ist nicht die erste Liebesbeziehung von Romeo, sondern steht am Schluß vieler Liebschaften.”

Und auf seine eigene Beziehung zu Licht und Dunkelheit befragt: “Ich selbst bin so: brauche Licht, viel Licht überall, und auch beim Lieben. Ich bin ein Mensch des Sehens, nicht so sehr des Hörens. Darum liebe ich offene Fenster. Dunkelheit oder Halbdunkel mag ich nicht. Mein Gehör ist eigentlich nur für eins wirklich geschult: für Musik …”

Zum Abschied gab uns Ritsos den Rat, unbedingt Delfi zu besuchen. Dann verstünden wir seine Worte besser.

15.10.1984, Athen | Heute von Delfi nach Athen zurückgekehrt. Ich erzählte Ritsos am Telefon, daß wir dort spontan beschlossen hätten, ein Buch über den antiken Ort Delfi zu machen. Ritsos‘ Antwort: “Wenn ihr nach Mykene fahrt, beschließt ihr, über Mykene ein Buch zu schreiben, und das gleiche wird euch auf Kreta und an jedem Ort in Griechenland widerfahren.”

26.10.1984, Athen | Die Zeichnungen, die uns Ritsos heute für unsere Ausgabe gab, entstanden zu verschiedenen Zeiten. Die meisten aber während eines Krankenhausaufenthaltes 1975. Wir schilderten ihm unsere letzten Eindrücke von Griechenland. Sprachen auch über die antiken Überbleibsel in der griechischen Landschaft. Hans schwärmte von Delfi, von Delfi im Abendlicht, dieser einzigartigen Symbiose von Bauwerk, Landschaft und Licht. Daraufhin Ritsos: “Ich bin ein absolut visueller Mensch. Man kann sicher viele archäologische, historische und soziologische Bücher lesen, aber entscheidend ist, eine kleine Säule in einer bestimmten – ihr zugehörigen – Landschaft zu sehen. Was natürlich die Sensibilität des Betrachters voraussetzt.”

Mikis Theodorakis, Jannis Ritsos & Asteris Kutulas, Dresden 1984, Kulturpalast, Photo © by Privatier/Asti Music

1.4.1985, Athen | Arbeit in Ritsos’ Archiv. Während ich einige seiner unveröffentlichten Manuskripte durchlas, kam plötzlich Frau Miranda in die Wohnung und brachte für Ritsos einen Teller mit Klößchen aus Reis und Hackfleisch. Er lud mich so beharrlich zum Essen ein, daß ich meine Ablehnung nicht aufrechterhalten konnte …

“Ich bin gebeten worden”, erzählte er kauend, “René Char ein Gedicht zu widmen. Ich habe aus diesem Anlaß wieder Gedichte von ihm gelesen, die mir sehr gefallen. Aber weißt du, was mir dabei auffiel? Daß ich einen bedeutenderen Dichter als Char kenne. Weißt du, wen ich meine?” – “Ich glaube schon.” – “Natürlich kennst Du ihn”, erwiderte er lächelnd. “Jannis Ritsos.”

Dann: “Das Mysterium besteht in der Nacktheit”. Er kenne wirklich nichts Geheimnisvolleres. Und auch nichts Unerschöpflicheres.

17.4.1985, Griechenland | Ich wollte seine Meinung zu den aktuellen Diskussionen wissen, die über sein Werk insgesamt und seine Romane insbesondere geführt werden. Zur Kritik einiger jüngerer Kollegen. “Die jungen Leute hassen mich, und das verstehe ich auch. Sie werfen mir vor, ich hätte in meiner Dichtung keine Idee ausgelassen, keinen Gegenstand, keine Form. Aber sie haben unrecht, denn ich glaube, daß es noch so viel gibt. Das Schreiben ist außerdem nicht nur eine Sache von Talent, auch nicht nur von Arbeit. Sondern es spielt auch eine Rolle, ob dein Leben verbunden ist oder in Beziehung steht mit dem allgemeinen Leben der Gesellschaft. Wenn also was passiert um dich herum, und du bist ein introvertierter Typ und lebst in deiner Stube vor dich hin, dann kriegst du das alles nicht mit. Diese soziale Beziehung ist also sehr wichtig.

In der für mich ruhigen Zeit der 50er und 60er Jahre erreichte ich eine ausgewogene Poetik, einen stabilen Stil. Doch hätte ich “Chrysothemis”, “Graganda” oder gar “Milos geschleift” geschrieben, wenn nicht die Junta gekommen wäre? Sicher nicht. Oder nimm den “Sondeur” – einen der wichtigsten Texte der letzten fünfzehn Jahre. Hätte ich die “Viertel der Welt” geschrieben, wenn nicht der Bürgerkrieg gekommen wäre, wenn ich nicht Makronissos, Agios Efstratios, Kondopuli auf Limnos kennengelernt hätte? Sicher nicht. Ich hatte dieses Gedicht während der Besatzungszeit begonnen, ahnte, was ich machen wollte. Aber ich hätte es niemals zuende gebracht, ohne diese konkreten Erlebnisse.”

28.8.1985, Vrachati | Ritsos auf Samos angerufen. Er sagte, er befände sich in einem Zustand von Entrückung. Er habe in 19 Tagen einen Roman und in weiteren 15 einen zweiten geschrieben. Er schlafe kaum, könne fast nichts essen, arbeite ununterbrochen, zwanzig Stunden am Tag. “Roman” – natürlich, was er darunter versteht.

21.11.1985, Berlin-Pankow | Nocheinmal den “Ariost”-Roman gelesen, der 1942 den meiner Meinung nach zutreffenderen Titel “Übungen in Ehrlichkeit” hatte. Ich mußte an Monsieur Teste denken: “Ich hatte mir eine innere Insel geschaffen, die auszukundschaften und zu befestigen ich meine Zeit verlor …”

“Kleine Einzelheiten, unnütz, ohne jedes Zentrum” – diese Zeile aus dem Gedicht “Das Begräbnis von Orgaz” könnte als Motto dem Buch “Ariost der Vorsichtige berichtet Augenblicke seines Lebens und seines Schlafes” von Jannis Ritsos vorangestellt werden. Beide entstanden zur gleichen Zeit, im Oktober 1942, wobei der aus 49 kurzen Kapiteln bestehende “Ariost” die erste Prosa-Arbeit des Lyrikers Ritsos war.

Der Verfasser des Buches berichtet im ersten Kapitel, er habe sich selbst den Namen Ariost zugelegt, wann und warum wisse er nicht mehr, aber der Name gefalle ihm jetzt, weil er durch eine einfache Buchstabenverschiebung zum Aorist, zum Unsichtbaren werden kann; das Versteckspiel, der Ernst des Lebens, kann beginnen. Der Leser ahnt kaum etwas von der permanenten Bedrohung – so sehr ist alles hinter einem Schmunzeln verborgen.

“Ariost der Vorsichtige”, der Mensch, der sich beobachtet fühlt, obwohl er unbeobachtet ist und eigentlich doch beobachtet wird, versucht durch Ironie, gleichsam lachend, seine Neurosen und Komplexe zu bewältigen. Seine Sucht nach Sauberkeit, moralischer wie körperlicher, läßt den Verdacht aufkommen, er müsse sich wehren gegen die jenseits von ihm okkupierte Wirklichkeit; die wurde allerdings in der Enstehungszeit des Buches von deutschem Faschismus, Hunger, Kälte und Tuberkulose bestimmt.

Doch davon selten ein Wort. In diesem Buch, dessen Kapitel wie  aneinandergereihte lyrische Fotos wirken, wird die den Dichter durchströmende Wirklichkeit surrealistisch seziert in verschiedene Augenblicke des Lebens und des Schlafes, die stets von Träumen, Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten durchzogen sind. Und gerade darüber berichtet “Ariost der Vorsichtige” und offenbart dem Leser die Struktur seiner Psyche: ein scheinbar unnützer, sinnloser und kleiner Akt des Widerstands: Seht her, ich bin verrückt! Man schaut hin, und das Lachen bleibt einem im Halse stecken.

Und immer wieder: “Kleine Einzelheiten, unnütz, ohne jedes Zentrum” – Menschen, die ihr Tagwerk verrichten, nach Hause gehn, einsam sind. Handbewegungen, kurze, abgehackte Sätze. Menschen, die nichts Genaues wissen, wissen wollen, Vorsicht walten lassen, gegenüber sich selbst, der sie umgebenden Welt, den andern. Eine Atmosphäre, in der die Wirklichkeit und die andre Wirklichkeit des Traums, auch des Tagtraums, besonders diese, ineinander greifen, sich verdichten zu poetischen Bildern.

Die Konzentration auf die “kleinen Einzelheiten” ist gewaltig; ihr entspringt, scheinbar unwillkürlich, so etwas wie eine automatische Schreibweise – doch wird der Bilder-Strom aus dem Unterbewußtsein noch reguliert, denn die ungeteilte Aufmerksamkeit gilt den sinnlichen Gegenständen, die gerade im Blick sind, alles andre wäre zu gefährlich; und mit den konkreten Dingen hat man schon genug zu kämpfen. Ariost legt Zeugnis ab von diesem Kampf, von diesem Festhalten – von diesem Seiltanz über den Abgrund.

Juni 1986, Berlin-Pankow | Das ähnelt sich sehr: Pasolinis Foto-Essay “Vergilbte Ikonographie” und Ritsos’ Romanfolge “Ikonostasion anonymer Heiliger”. Nicht nur die Verwandtschaft im Namen, sondern auch die ästhetische. Und die inhaltliche zu Peter Weiss: “Wer aber, fragte ich, vermittelt die Geduld, mit der die meisten hier leben, da es doch grade zum Wesen dieser Geduldigen gehört, alles, was den eignen Zustand betrifft, als der Mitteilung für nicht wert zu erachten …”

Nicht mehr der esoterische Raum, jene “innere Isel”, eines Ariost, nicht mehr die öffentliche Verwandlung, das Hineinschlüpfen – vor den Augen aller – in eine fremde Haut, keine Indizien mehr, die der “Autor” seinem irregeleiteten Fotografen “schier mit Sinn” und wie zufällig hinterläßt, eine farbige Feder etwa oder ein Stück Zeitung, “die über Lodovico Ariosto, den diplomatischen Agenten des Kardinals Ippolito d’Este” schrieb; nichts von alledem im 1983 geschriebenen Prosaband “Was für seltsame Dinge. Roman?”

Hier flaniert der Ich-Erzähler nicht mehr durch die geistigen Passagen Ariosts, sondern bewegt sich im sozialen und historischen Umfeld seiner Biografie, ohne fremden Namen; er heißt Ion. Durch die tagebuchartige Struktur des Schreibens schrumpft die Distanz zwischen ihm und Ion auf einen hauchdünnen Unterschied zusammen: Ion ist nur das veräußerlichte Medium des Dichters. Der “Roman?” der ebenso zufälligen wie notwendigen Tagebuch-Aufzeichnungen, der Reflektion, dahinter sich der neue Ariost, der bei weitem unvorsichtigere, verbergen kann.

Unwillkürlich assoziert man den von Platon verspotteten “Rhapsoden” Ion, den, wie ihn der Philosoph verächtlich nennt, “Sprecher der Sprecher”. Und darum geht es allemal: Wie die Sprachlosen durch den Dichter ihre eigne Sprache finden, wie der Dichter zum Chronisten wird für das alltägliche unheroisch-heroische Leben der andern: “Würde Lefteris Gedichte schreiben und die Technik des Schreibens beherrschen, könnte er Rimbaud und Lautreamont in seine kleine Westentasche stecken”. Denn die Wunden der Geduldigen, der anonymen Heiligen, klaffen weit auseinander; gleich dem von Pfeilen aufgerissnen, aber entrückten Blickes, nichtleidend-leidenden Heiligen Sebastian auf dem Bild von Jannis Zaruchis, das in Ritsos’ Wohnung hängt. Aber Lefteris kann nicht schreiben.

Die ehemals kleinen, unbedeutenden Gegenstände erhalten eine neue Gewichtigkeit, ein “Zentrum”. Ebenso die Vielzahl der Bilder, Erinnerungen, Gespräche, philosophischen und ästhetischen Exkurse, eingeschobenen Zitate und Gedichte. Ein Experimentierfeld des poetischen Bewußtseins. Eine surrealistische Verarbeitung der Kindheit, ein assoziativ-anarchisches Sich-Ausleben, in einer bedingungslos erfahrenen Welt. Eine offene Konzeption, die sich aus der Notwendigkeit des “uneingeschränkten Sprechens” ergibt. Bislang noch nicht Aussprechbares, so die Alpträume eines Freundes auf Makronissos, in denen er eine von den Engländern erhängte Partisanin am Galgen vergewaltigt, kann artikuliert werden, das einst aus politischen und moralischen Gründen Verdrängte strömt heraus, es gleicht einer Befreiung – dieser rhapsodische Fluß.

Nicht zufällig also dieser augenzwinkernde Ion, der sich bei Platon allein der homerischen Tradition verpflichtet fühlt, nicht zufällig die Form dieser Gedichte in Prosa, auch hier Übungen in Ehrlichkeit.

18.8.1986, Karlovassi, mittags | Ritsos erzählte gestern: “Als die Zeitschrift ‘Nea Grammata’ 1936 einige Gedichte von mir veröffentlichte, wußten die Redakteure nicht, daß sie von mir sind. Da mich dieser Kreis, zu dem auch Katsimbalis, Karandonis und Seferis gehörten, ständig bekämpfte und boykottierte, wollte ich wissen, ob die Gründe hierfür mehr künstlerischer oder eher weltanschaulicher Natur waren. Ich schickte also der Zeitschrift einige Gedichte unter dem Pseudonym Kostas Eleftheriou. Die Redaktion war begeistert und druckte sofort meine Texte ab. Als bekannt wurde, daß sie von Ritsos stammen, waren sie dort außer sich.”

Nachmittags | Die beiden Hauptgestalten seiner neun Kurzromane Ariost und Ion seien zwei Seiten einer Medaille. Schließlich gäbe es ein Zusammentreffen der beiden im letzten, dem neunten Roman, wo sich Ariost weigere, heiliggesprochen zu werden. Diese Weigerung bedeute seine Heilung. Ariost ist der nach Innen gewandte, während Ion eher eine äußere Beziehung zur Welt habe. Nach einer diesbezüglichen Frage meinte Ritsos, daß natürlich gewisse Beziehungen zum Ion von Euripides bestünden. Genauso habe er einige Anspielungen auf philosophische Exkurse von Platos Ion gemacht. Dieser Name habe jedoch am meisten mit ihm selbst zu tun: Ioannis Ritsos: Ion. Eine andere wichtige Roman-Gestalt, Petros, habe er als das reine kommunistische Prinzip aufgebaut.

Als ich ihn fragte, wie er Anfang der achtziger Jahre darauf gekommen sei, Romane zu schreiben, erzählte Ritsos: Er hatte einen wunderbaren Traum, den er unbedingt aufschreiben wollte, der aber keine lyrische Form zuließ. So mußte er eine andere Form wählen: Prosa. Als er zu schreiben begann, konnte er nicht mehr aufhören. Er schrieb wie in einer Zwischenwelt. Nach dem fünften Band wurde ihm klar, daß er neun Romane schreiben müsse. “Je älter ich werde, desto mehr beschäftigt mich, woher ich komme, die Erinnerung an meine Kindheit und an die Träume meiner Kindheit. Im ‘Ungeheuren Meisterwerk’ sind übrigens die meisten autobiographischen Angaben enthalten, die ich je in einem meiner Werke mitteilte.”

Nachts. Im Hotel mit Blick aufs dunkle Meer | Allgemein zu den Romanen: “Einen solchen Ton in der Prosa gibt es in der Weltliteratur bis heute nicht. Ich sage das, weil ich weder im französichen Nouveau  Roman, noch in verschiedenen Anti-Romanen, die ich gelesen habe, noch im amerikanischen Romanschaffen eines Updike, Kerouac, Baldwin usw. solch eine dichte Sprache entdecken konnte. In meinen Romanen kann jede Seite, jedes Kapitel auch als eigenständiges Gedicht gelesen werden. Ich meine das im übertragenen Sinn. Alle Figuren wie Petros, Kiparissis, die Tante Alexandra usw. haben ihre eigene Gewichtigkeit und sind keiner Hauptfigur oder irgendeiner Handlung untergeordnet.”

Gestern und heute mit Ritsos lange über Surrealismus gesprochen. Diese Richtung, sagte er, habe vielen Schriftstellern viele Türen geöffnet und besonders jenen geholfen, die sich seine Technik nutzbar machen konnten, aber dabei eins der wichtigsten Elemente des menschlichen Daseins, die Logik – entgegen dem surrealistischen Kanon – nicht ausklammerten, sondern als Denk-Möglichkeit akzeptierten. Denn die Dichtung sei eine komplexe Angelegenheit, und man könne nicht einen wichtigen Teil dieser Komplexität, nämlich die Logik, eliminieren. Zudem stelle sich das für ihn auch anders dar: Durch die strenge Ausklammerung von Logik entstünde eine noch strengere Logik, die ihrerseits jede Nichtlogik ausschließe.

Irgendwie so kamen wir auf die Neue Musik: “Experimente”, sagte Ritsos, “sind immer gut, weil sie die Technik der Kunst vorantreiben. Aber was von dieser Neuen Musik wirklich Bestand haben wird, weiß man nicht. Mir gefällt das alles nicht besonders. Natürlich, einzelne Werke liebe ich sehr, beispielsweise ein, zwei von Stockhausen … Aber allgemein würde ich sagen, eine Musik, die gänzlich der Berechnung von Computern oder anderen Zufallsfaktoren überlassen ist, ist für mich kein künstlerischer Ausdruck, weil sie eines der wichtigsten Elemente des menschlichen Daseins, das Gefühl, ausklammert und programmatisch ausklammern will.” Bach sei für ihn der höchste Ausdruck der Ausgewogenheit. Überhaupt seien Bach, Picasso und Ritsos darum die drei größten Künstler aller Zeiten, weil sie diese Ausgewogenheit zwischen Gefühl und Denken in ihren Werken erreichten. Er lachte.

Gestern schon: “Fortschritt in der Kunst” bedeute seiner Meinung nach niemals Bruch mit der Tradition. Große Werke entstehen nur, wenn der Künstler die Tradition  ausgezeichnet kennt. “Fortschritt ist die Fortführung und Fortsetzung, keine Nachahmung oder Wiederholung, dessen, was bereits existiert. Unsere eigene Generaton der dreißiger Jahre hat doch genau das gemacht. Und zwar in einer Situation, da es schien, daß gar keine neuen Ausdrucksmöglichkeiten möglich wären. Da ‘herrschten’ Kavafis, Sikelianos, Varnalis, Palamas. Und trotzdem erreichten viele von uns eine erstaunliche und eine erstaunlich neue poetische Qualität.”

Ina fragte ihn heute, ob er jemals das Gefühl hatte, nicht mehr schreiben zu können. Seine Antwort: Nein. Niemals. Inas zweite Frage: Ob ihm schon mal vorgeworfen wurde, daß seine Gedichte zu schwierig wären und nicht verstanden werden könnten. Seine Antwort: Ja, schon oft, aber er hatte niemals Probleme damit, weil er genau wußte, daß alle seine Gedichte “verstehen” würden. Dieser Vorwurf sei vor allem von Links gekommen. Aber in letzter Instanz haben solche Leute wie er und Theodorakis die linke Kultur in Griechenland gerettet und das, “weil wir, zumindest in Kunstdingen, niemals dogmatisch waren”.

Ob es ihn sehr gestört habe, wollte ich wissen, daß ihm niemals, obwohl er oft vorgeschlagen worden sei, u.a. von Aragon und Sartre, der Literaturnobelpreis verliehen wurde. “Den Literaturnobelpreis möchte ich nur aus einem Grund bekommen: um ihn abzulehnen. So habe ich zwar den Poesie-Preis von Knooke-le-Zoot verliehen bekommen, bin aber niemals hingereist, um ihn in Empfang zu nehmen, weil er durch die belgische Königin verliehen wird. So habe ich weder Urkunde noch Geld bis zum heutigen Tag. Übrigens haben mir bestimmte Erklärungen von Neruda nach seiner Literatur-Nobelpreis-Verleihung nicht gefallen. So hat er beispielweise erklärt: ‘Endlich ist das Wunder geschehen, und ich habe den Nobelpreis bekommen.’ Er ist  nämlich vierzehn Mal – ich elf Mal – vorgeschlagen worden. Als hätte ein Neruda den Nobelpreis nötig! Das hat mir nicht gefallen.”

Ich lenkte das Gespräch wieder auf die Beziehung zwischen Künstlern. Ritsos: “Die großen Dichter haben niemals das Problem, frei nach ihrem Gewissen zu loben und ihre Meinung zu sagen. So hat mich Palamas 1938 gelobt. Und der Literaten-Kreis der Zeitschrift ‘Nea Grammata’ schäumte vor Wut, als Palamas sein Gedicht auf mich verfaßte. Und einige Autoren von ‘Nea Grammata’ wandten sich gegen ihn. Aber auch Kazantzakis und Sikelianos schickten mir ihre Bücher und Widmungen. Und natürlich: Das, was Aragon für mich getan und wie er über mich geschrieben hat, ist phantastisch. Er hat mich in Frankreich erst bekannt gemacht. Aber er verhalf auch anderen Autoren, Hikmet zum Beispiel, zu Ansehen und setzte sich für sie ein. Unter großen und bedeutenden Dichtern ist das üblich. Nur die kleinmütigen und mittelmäßigen Dichter sind sich untereinander feind und neiden einander alles. Die großen nämlich wissen sehr gut, daß der dichterische Ausdruck so unendlich ist, daß hundert weitere neben ihnen Platz haben und sie trotzdem nicht eingeengt werden.”

Er schwärmte von Oshimas Film “Im Reich der Sinne”. Dieser Streifen sei ein einziges Gedicht. Er habe ihn sehr beeindruckt. Ritsos erzählte ganze Szenen daraus.

Heute. Abends: Wir – Ina, Falitsa, Ritsos, Fereidun – fuhren gegen 21 Uhr zur Kirche des Heiligen Nikolaos. Bis zum Horizont das Meer, in dem sich die untergehende Sonne spiegelte. Wir zündeten Kerzen für die Seefahrer an, die der Heilige auf ihren Reisen beschützt. Ritsos zitierte mit singender Stimme aus dem “Lacrimae rerum” von Lambros Porfiras und der “Alten Violine” von Ioannis Polemis. “Im ‘Ungeheuren Meisterwerk’ spreche ich mit Ironie über die ‘Alte Violine’ von Polemis, der kein so bedeutender Dichter war, obwohl ihn damals alle bewunderten. Während das ‘Lacrimae rerum’ von Porfiras tatsächlich ein großes Gedicht ist.”

19.8.1986, Karlovassi | Er liest gerade die  Novellen von Kleist, die ihm aber zu überladen mit Tragik sind und ihm nicht gefallen (Erdbeben von Chili, Marquise von O). “Mich interessiert der traditionelle Roman, der eine Handlung verfolgt oder auf ‘Helden’ setzt, eigentlich gar nicht mehr. In meiner Prosa wechseln ständig die Personen, und alle werden so behandelt, als seien sie Hauptfiguren.”

Max Frisch habe als erster über die Schlüssel in seiner Dichtung geschrieben. “Und sie sind tatsächlich einer der wichtigsten Topoi in meiner Dichtung.”

Wir fahren jeden Tag mit Ritsos baden. Falitsa fährt uns mit dem Auto zum Strand und holt uns nach einer Stunde wieder ab. Ritsos schwimmt eine Weile, dann raucht er mehrere Zigaretten. Die Leute versuchen, in Kontakt mit ihm zu kommen. Touristen aus Athen baten ihn, ihre elfjährige Tochter mit ihm fotografieren zu dürfen. Ritsos setzte einen Strohhut auf, legte sich ein Badetuch um die Schultern, zündete sich eine neue Zigarette an und stellte sich zum Fotografieren neben das Mädchen.

20.8.1986, Karlovassi | Nach Fragen von mir zu seiner Biografie gab Ritsos gestern folgende Antworten: “Als Kalligraph habe ich in einem Anwaltsbüro gearbeitet, gleich nach meiner Ankunft in Athen Ende der zwanziger Jahre. Ein Jahr lang. Dann erkrankte ich und mußte ins Krankenhaus und anschließend ins Tbc-Asyl ‘Sotiria’. Von 1934 bis 1944 und dann wieder nach 1952 habe ich als Korrektor und Lektor beim Govosti-Verlag gearbeitet. Ich habe sämtliche Dostojewski-Werke lektoriert, so ‘Schuld und Sühne’, ‘Die Karamassows’, den ‘Idioten’ oder Romain Rollands ‘Jean Christoph’, aber auch viele Werke von Stendhal, Lew Tolstoi und Alexej Tolstoi, zum Beispiel ‘Der Leidensweg’. Ich nahm mir die verschiedenen Übersetzungen vor und ging sie zusammen mit einem ehemaligen Russen, der viele Sprachen beherrschte, durch.”

Nachts | Heute Mittag ein langes Gespräch zwischen Ritsos und Ina über’s Gedichteschreiben. Anlaß: ein Gedicht von Ina. Ein Vers mußte heraus. Ritsos erzählte: “1945/46 leitete ich einen Bildungskurs bei der EPON. Zu den Teilnehmern gehörten u.a. Livaditis und Argiriou. Ich behandelte ästhetische Probleme, beschäftigte mich aber auch mit Poetologie. So mußten alle ihre Gedichte vortragen und untereinander kritisieren. Dann analysierte ich die Kritiken und sprach auch über Poesie. Oder ich las ihnen Übersetzungen von Gedichten Aragons, Eluards, Lautreamonts und anderen vor und ließ sie darüber sprechen. Sie sollten auf diese Weise herausfinden, was das Eigentliche in der Dichtung ist: nämlich die Genauigkeit des Ausdrucks. Ich erklärte ihnen, daß es Schönes und Schlechtes in der Dichtung nicht gibt. Es gibt Notwendiges und Überflüssiges. Entweder es gibt Verse, die dem Gedicht helfen, ein Gedicht zu sein, oder sie müssen gestrichen werden. So schön ein Vers auch sein mag, wenn er nicht notwendig ist, muß er gestrichen werden.”

21.8.1986, Karlovassi auf Samos, morgens | Sprach gestern mit Ritsos über Computer und die fortschreitende Technisierung der Welt. Er: “Die Welt ist so schnellebig geworden, die Bilder wechseln einander so rasch ab, eine Stunde jagt die andere, ein Tag den anderen. Die große Gefahr besteht heute darin, daß keine großen Kunstwerke mehr geschaffen werden, die dieser modernen Geschwindigkeit eine neue Langsamkeit entgegenstellen, der Langsamkeit eine neue Gewichtigkeit geben. Denn die Kunst gibt dem Augenblick ein solches Gewicht, das wieder eine Verwirklichung des Menschen, der ja nur im Augenblick lebt und nicht in der Unendlichkeit, möglich macht.”

Heute ein ausgelassener, fratzenziehender Ritsos, ein Ritsos, der Unfug macht und sich vor Lachen nicht halten kann. Der vom Tod spricht, wie von einem alten bekannten Gefährten, aber immerhin.

Ich fragte ihn zur Begebenheit aus dem “Ungeheuren Meisterwerk” (“damals übertrug ich die Chorpartien aus der Antigone des Sophokles ins volkstümliche Hochgriechisch”). “Unser Gymnasialdirektor war ein fanatischer Anhänger des antikisierenden Neugriechisch (Katharevussa). Als ich die Chorstücke der ‘Antigone’ aus dem Altgriechischen in die Umgangssprache (Dimotiki) übersetzte, wurde ich von ihm hart bestraft. Und ich hatte sogar eine Rede über meine Übersetzung gehalten.” 

“Mit 4 Jahren ging ich in die Schule, mit 12 ins Gymnasium. Damals gab es keine Altersbegrenzung. Mit 16 beendete ich das Gymnasium.”

Gestern abend: Über Beziehung von Kunst und Politik, von Künstler und bürokratischer Machtstruktur. Er präzisierte auch etwas, scheint mir, eine alte Antwort zur Chance der Jugend. Während er damals, vor vier Jahren, die Antwort auf eine subjektive Ebene, des individuellen Kampfes gegen den Tod, stellte, antwortet er jetzt konkreter: “In den Augenblicken, wo es diese Widerstände und Widersprüche gibt, die du mir jetzt genannt hast (Unfreiheit und Machtmißbrauch in den sozialistischen Ländern usw.), bedeutet Kunst die Überwindung genau dieser Widerstände. Zusammen mit den täglichen Erfahrungen, dem Reisen, Musikhören, Bildersehen usw. hat man so viel zu geben, so viel zu schaffen, zu erleben.”

Er regte sich auf (Falitsa versuchte zu schlichten) – über meine desillusionierte Sicht auf die Verhältnisse in der DDR. Er war rigoros: “Du hast kein Recht auf Pessimissmus. Der künstlerisch Tätige hat die verdammte Pflicht, sich mit der praktischen Ausübung und dem Mechanismus der Machtausübung auseinanderzusetzen und diese zu begreifen. Erst wenn man diese Dialektik richtig erfaßt hat, kann man bestimmte Phänomene verstehen, die sonst nur moralisch und idealistisch gedeutet werden können. Alle progressiven Kräfte unseres Jahrhunderts haben sich als Machtstruktur und Parteiapparat in Momenten der äußeren Bedrängung konstituiert. Zum Beispiel die EAM-Führer der verschiedenen Stadtbezirke in Athen vor den Dezemberereignissen oder später in Nordgriechenland. Das waren gute und kluge Köpfe während der Kriegshandlungen, hatten eine ausgezeichnete Partisanentaktik bewiesen. Dann, in den ruhigen Zeiten, bekamen sie natürlich andere Aufgaben, denen sie möglicherweise intellektuell nicht gewachsen waren. Sie waren ja einfache Bauern, Fischer usw., zum größten Teil ungebildet, einige sogar Analphabeten.

Das zweite sind die Künstler selbst, die auf bestimmte Ereignisse ganz bestimmt reagieren. Du kennst vielleicht die Schrift von Gorki gegen die Bolschewiki und gegen Lenin gleich nach der Revolution. Lenin riet Gorki daraufhin, nach Italien zu reisen, um sich ein distanziertes Bild von der Revolution zu machen. Als er wieder zurückkehrte, holte ihn Lenin persönlich vom Flughafen ab. Solche Reaktionen von Künstlern gibt es viele.

Drittens ist natürlich die Machtstruktur an sich das Wichtigste: die konkrete Machtstruktur zum Beispiel in den sozialistischen Ländern hat sich in einem ganz bestimmten historischen Moment nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet. Diese Struktur, die allerdings fast unverändert weiterbesteht, ist längst von der Entwicklung überholt worden, wahrscheinlich bereits zwei, drei Jahre nach ihrer Konstituierung. Es gibt die starke Tendenz zur Verfestigung, so daß man neuen Situationen nicht mehr gewachsen ist. Und es ist bezeichnend, daß genau dieselben Fehler ständig reproduziert werden, genau weil das mit der Natur der Sache an sich zu tun hat.

Das muß man begreifen, und versuchen, aus der Partei heraus sein ganzes Wissen einzubringen und zur Veränderung beizutragen. Man darf allerdings niemals sein Wissen über das der anderen stellen, niemals einer Arroganz verfallen. Zum andern muß man das Gefühl für den richtigen Zeitpunkt haben, wann man etwas durchsetzen kann und wann es sinnlos ist, es zu versuchen. Natürlich ist das Ganze, was in der Sowjetunion z.B. mit Pasternak und Achmatowa passierte, verbrecherisch. Das ist klar. Ich sage nicht, das es notwendig, sondern daß es unter den gegeben Umständen unumgänglich war.”

23.8.1986, Patmos | Vorgestern mit Ritsos und Fereidun die letzten beiden Stunden unseres Samos-Aufenthaltes zusammen verbracht. Ich fragte Ritsos, ob er am Anfang eines Gedichts oder Romankapitels den Schluß desselben bereits wisse. “Nein, niemals. Ich fange an und lasse mich treiben von der erschaffenden Kraft der schreibenden Feder. Ich arbeite sehr assoziativ. Meine Technik läßt sich mit der moderner Filmemacher vergleichen. Als ich vor kurzem die Schriften von Sergej Eisenstein las, beeindruckte mich, wie fortschrittlich und aktuell seine Gedanken noch immer sind. Man kann sehr leicht viele meiner Gedichte verfilmen, sie als ein Filmszenarium ansehen. Ich habe einst auch einem Gedicht den Untertitel ‘Kleines Szenarium für einen Film’ gegeben.”

Er betonte noch einmal seine assoziative schöpferische  Arbeitsweise. “Natürlich gibt es bei bestimmten Gedichten, z.B. den mytholgischen ‘Wiederholungen’, einen Unterschied, einfach weil sie einen inhaltlichen Punkt haben, auf den sie hinauslaufen und eine vorausbestimmte Handlung, auf die ich von heute aus hinlenke. Darum hat mich aber Ödipus niemals interessiert. Bei ihm ist nichts umzudeuten, alles ist von den Göttern vorausbestimmt. Ich verstehe nicht, warum er sich geblendet hat. Er konnte ja doch nichts gegen sein von anderen festgelegtes Schicksal tun. Er trug für nichts eine Verantwortung.”

Wir kamen auf Familiengeschichten zu sprechen. “Mein Onkel Nikos Ritsos, Offizier der Königlichen Marine, fiel 1912 während der Expedition zur Befreiung der Insel Chios von türkischer Okkupation. Als ich 6 oder 7 Jahre alt war fand in seiner Schule ein Programm zu Ehren meines Onkels statt, bei dem auch ich eines der zahlreichen meinem Onkel gewidmeten Gedichte zu rezitieren hatte – und das ich immer noch auswendig kann. Während der Veranstaltung saß ich neben meiner Mutter. Doch plötzlich hatte ich überhaupt keine Lust mehr, das Gedicht aufzusagen und flehte meine Mutter an, das Gedicht nicht aufsagen zu müssen. Sie flüsterte mir zu, ich solle mich zusammenreißen, ich könne sie doch jetzt nicht im Stich lassen und blamieren, er sei immerhin mein Onkel. Ich aber: ‘Nein, ich will nicht’, schon ganz weinerlich. ‘Los, steh auf jetzt’, sagte meine Mutter und zwickte mir in die Schenkel. Ich ging vor und trug schluchzend das Gedicht über den tragischen Tod meines Onkels vor. Alle waren begeistert. Sie sagten: ‘So ein kleines Kind und begreift schon das Edle der Tat seines Onkels. Und meine Mutter, mit Tränen in den Augen: ‘Erst murrst du derart herum, und dann rezitierst du so teilnahmsvoll.’ Daraufhin erwiderte ich: ‘Mutter, es war nicht wegen des Gedichts, es war, weil Sie mir so wehgetan haben’.”

Dann erzählte er, wie er in der Verbannung Ende der vierziger Jahre lernte, Kaffe zu kochen, “eine Kunst, sag ich dir!”, Knöpfe anzunähen und Tomatensalat zu machen: “Zuerst die Zwiebeln kleinschneiden, diese dann in dem Saft von den geschnittenen Tomaten mit der Gabel zerdrücken, bis sie sich vollgesaugt haben. Und die Marinade mit den Tomatenstückchen vermischen, Salz und Pfeffer hinzugeben und erst am Schluß das Öl.”

Oktober 1986, Berlin-Pankow | “Das ungeheure Meisterwerk”: Ein Mann kehrt an altbekannte Orte seiner Kindheit und Jugend zurück, um sie fotografisch festzuhalten, stellt jedoch fest, daß sich die Bilder ständig verändern. Nur Momentaufnahmen möglich. Das lyrische Gebilde zerfasert. Eine Splittersammlung, das Fotoalbum. Flanieren durch bekannte-unbekannte Orte. “Es wird zerschlagen, umgruppiert, aber nicht aufgelöst” (Adorno). Das Ziel: “Im Raum des politischen Handelns den hundertprozentigen Bildraum entdecken” (W. Benjamin). Erfahrung, Erinnerung, Analyse, Vision, Traum vereint in einem rhapsodischen Bilderstrom, durchdrungen von einem pragmatisch-sokratischen Skeptizismus. Mit dem erweckten Anschein, mehr Objekt als Subjekt der Geschichte gewesen zu sein, wird eine Tabula-rasa-Welt vorgetäuscht, in der ein Unbeteiligter Eindrücke empfängt und sie als Chronist ordnet, verwaltet, wiedergibt.

5.11.1986, Athen | Ich befragte Ritsos zu seiner Essayistik. Warum gab er seinen Essays die Überschrift “Meletimata” (Betrachtungen)? Seine Antwort: “Voraussetzungen für ‘Dokimio’ (Essay) zu anderen Dichtern sind wissenschaftliche Arbeit, Bibliographie, Sekundärliteratur. Ich hab das alles nicht gemacht. Sondern ich stelle meine eigenen ‘Meletes’ vor, die ich aus Bescheidenheit ‘Meletimata’ nannte. Über Ehrenburg als Dichter z.B. hatte es in Griechenland noch nichts gegeben – und ich verglich ihn mit Solomos.” Warum habe er erst in den sechziger Jahren mit Essayistik begonnen?, wollte ich wissen. “Ich habe schon vor 1945 Essays geschrieben, z.B. über Kavafis und Papadiamandis, aber das alles verbrannte 1945. Ich verlor danach die Lust, wie bei der Prosa. Erst 40 Jahre später, Anfang der Achtziger, beschäftigte ich mich wieder mit dem Ariost-Roman. Der Majakowski-Essay entstand dann nach Aufforderung zur Zusammenarbeit mit der Zeitschrift ‘Probleme des Friedens und Sozialismus’. Das jedenfalls war der äußere Anstoß. In der Verbannung auf Ai Stratis hatte ich wieder Hikmet und Majakowski auf Französisch gelesen und einige Hikmet- sowie Majakowski-Gedichte übersetzt. Dort las ich auch das Buch von Elsa Triolet über Majakowski. Den Gedichtzyklus ‘Der Baum’ von Ehrenburg übersetzte ich aus dem Französischen. Beim Übersetzen kamen mir Gedanken über die Geschichte der Lyrik, die ich aufschrieb. So entstand der Essay über Ehrenburg, der mehr von Dichtung allgemein als von Ehrenburg handelt. Darin kannst du meine Gedanken zum eigenen Metier finden.

Der Besuch von Ehrenburg 1956 war übrigens der Anlaß, daß mir erstmals ein Paß gegeben wurde. Bei einem offiziellen Empfang für Ehrenburg, den Konstantin Karamanlis gab, wurde dieser vom sowjetischen Botschafter angesprochen, der ihm erklärte, daß doch die kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern besser geworden seien, und daß es jetzt an der Zeit sei, daß einige griechische Künstler die Sowjetunion besuchen. Karamanlis stimmte dem zu. Daraufhin kam eine Einladung an verschiedene Leute aus Moskau. Der einzige kommunistische Künstler darunter war ich. Der damalige Außenminister Averof verweigerte mir aber den Paß, bis ihn EDA-Abgeordnete besuchten und ihn dazu bewegten, Karamanlis in dieser Sache anzurufen. Als Averof dies tat, gab Karamanlis sofort die Anweisung, mich fahren zu lassen. Zwanzig Tage später trat ich meine erste Auslandsreise an. Und zwar ging es mit dem Zug von Athen über Thessaloniki und Belgrad.

Der Majakowski-Essay war eine direkte Abrechnung mit der Shdanowschen Theorie, ohne dessen Namen zu erwähnen. Ohne in Frage stellen zu wollen, daß die Dichtung in gewisser Hinsicht eine Widerspiegelung der Realität und Historie darstellt, beschränkt sie sich doch keineswegs darauf! Sie behandelt genauso das gesamte literarische Erbe, die Ontologie und Psycholgie, den Traum und die Phantasie. Und ich vertrat immer die Meinung: Wenn man die Freiheit des Dichters einschränkt, schafft man die Dichtung ab.”

Ob er denn die Zusammenführung der Shdanowschen Theorie mit den verurteilten Katzen der Achmatowa im “Ungeheuren Meisterwerk” ironisch gemeint habe. “Natürlich ist das ironisch gemeint, aber auch so, wie ich es schon mal sagte: Ich akzeptiere das Verlangen nach einer kämpferischen, visionären, optimistischen Kunst, fühle mich aber zugleich solidarisch und stark angezogen von der Haltung der Achmatowa, die wunderschöne Gedichte geschrieben hat und ihrer wegen verurteilt wurde. Man warf ihr vor, sie verfasse Gedichte, in denen sie ihre Einsamkeit besingt, in denen sie beschreibe, wie sie auf ihren Geliebten wartet, während ‘draußen’ die Leute im Krieg umkommen. Aber das war ja gerade das Großartige, daß sie diese existenziellen Dinge tief empfand und so exzellent und präzise in poetische Bilder fassen konnte.”

Januar 1987, Berlin | Beendete spät in der Nacht die Übersetzung von Ritsos’ “Delfi”.

Du fragtest mich, Was wird aus Delfi, in besseren Zeiten?, und ich konnte dir nicht antworten, in besseren Zeiten. Ostberlin kam mir in den Sinn.

Apollo tötete Pytho, die mythische Schlange, vertrieb die Göttin Gäa, die Herrin von Delfi, errichtete auf den Trümmern des alten Heiligtums seinen Tempel, ließ durch sieben ihm treu ergebene männliche Priester die Orakel der “außer sich geratenden” Pythia, die schon vor seiner Ankunft dieses Amt bekleidete, interpretieren, sie zu “vernünftigen”, zumeist gereimten Sprüchen machen und stellte später das Dogma auf, Am Anfang der eigentlichen Geschichte stünde das Wort, der Logos, also Er selbst. Am Anfang der Welt sei das Licht gewesen und nicht die Nacht.

Und Apollos hellenische Priesterschaft, Anhänger der delischen Weltauffassung, und die homerischen Sänger, besonders aber die an seiner Ideologie interessierten Seefahrer der ägäischen Inseln, die verständlicherweise nur an Koexistenz und Handel verdienten und erfolgreich die im Raum des Schwarzen Meeres herrschende, blutrünstige Geburtsgöttin Iphigenie zu einer Dienerin der eigenen aufgeklärten, jüngfräulichen Artemis degradierten – um nur das bekannteste Beispiel anzuführen -, sie alle also zusammen, sorgten für eine rasche Verbreitung der neuen olympischen Religion.

DIE INSEL TAURIS

würden wir uns anders vorstellen – sagte er -, konkreter, nicht so abgehoben in abgeschiedene Denkregionen, nein, die Insel, durch eine Gemeinschaft von Verrückten zum Gefängnis um- und ausgebaut, ist unser runder Erdball, eine zum Kreis abgebogene Spirale, denn die schlechten Unendlichkeiten sind uns abgewöhnt worden. Die Insel also, unser Ozean, in den hinein wir geworfen werden, Goethe hätte heute umsonst versucht, das lichte Hellas zu erreichen, unendliches Taurien, in das wir geworfen sind. Hellas, in unserem heutigen Denken die unauffindbare Insel, müßte neu geschaffen werden: in uns. Und sicher, kleine Kinder statt Ferkel verspeisen wir nicht mehr, dafür lauter kleine kreisförmige Gegenstände, deren Beschaffenheit uns ein Rätsel bleibt.

Theseus, König von Athen, erschlug die ihn über alle Maßen liebende Amazonenkönigin Antiope, die ihm Hippolytos geboren hatte. Theseus, der Repräsentant der neuen olympischen Religion, Antiope, das Sinnbild der alten matriarchalischen Gesellschaft. Alle Mythologie läßt sich in Symbolik auflösen. Die Athener Baumeister hielten diese Szene auf einer Metope in Delfi fest; lächelnd und fast entrückt gibt ihr Theseus den wohl plazierten Todesstoß. Apollo, dem diese marmornen Abbildungen auf dem Fries geweiht waren, hatte sich von klein auf an solche Paradoxa gewöhnt, ja sie, durch eine höhere Macht getrieben, gesucht; vor den Augen seiner Mutter Leto, der Erdgöttin, hatte er mit einem Pfeil Pytho getötet, die chthonische Ausgeburt der Nacht und sich damit von seinem Ursprung abgenabelt. Es folgte die jahrhundertlange systematische Verdrängung dieses Ursprungs; so die Überlieferung, wonach er, der Sonnengott Apollo, unter der Erde geboren wurde; Apollo Smintheus, “Mäuse-Apollo”, ist einer seiner frühesten Titel.

Das ist alles hinlänglich bekannt. Heute, da sich das apollinische Denkprinzip durchgesetzt hat, versuchen sich die Götter und ihre Zeichen, die Statuen, vergeblich vor dem Vergessen zu retten: in den Antike-Museen laufen strenge Wärter herum und fuchteln wild mit den Armen in der Luft, sobald sie einen Touristen entdecken, der sich zusammen mit den Statuen fotografieren will; “Keine Menschen!”, schreien sie, “Halt! Nur die Statuen!”: die Götter haben sich inzwischen in Luft aufgelöst. Und die Menschen, begierig, sich mit ihnen, mit ein wenig marmorner Luft, auf einem Stück Papier zu verewigen – blasphemisch sogar in den Augen der orthodoxen Kirche; was man mit dem einen Glauben macht, macht man auch mit jedem anderen. Aber schon seit dem Beginn des Neuen Zeitalters hatten sich fanatische Mönche und andere christliche Gläubige am modernen Aussehen der Statuen beteiligt; abgeschlagen wurden die Nasen der weiblichen Koren, abgetrümmert die Penisse der männlichen Statuen. Gleich die Gebärden mächtig werdender Religionen.

„Sagt es dem Herrscher: zerstört ist die kunstgesegnete Stätte
Phoibos hat kein Heim mehr und keinen prophetischen Lorbeer;
Nicht mehr dient ihm die Quelle, verstummt ist das murmelnde Wasser.“

Der letzte Spruch der Priesterin aus dem Jahre 363, die letzte delfische Weissagung. Keine Andeutung mehr, keine Kraft mehr zur Andeutung: “Der Herrscher, dem das Orakel in Delfi gehört, verkündet nichts und verbirgt nichts, sondern er deutet nur an”, schreibt Heraklit.

14.8.1987, Samos-Stadt | Sahen uns im Archäologischen Museum den vier Meter hohen Kuros an. Er ist der bisher größte Kuros, der je gefunden wurde. Ritsos (gestern): “Ihr müßt ihn euch unbedingt ansehen. Er hat das geheimnisvolle Lächeln der Mona Lisa, Jahrhunderte vor ihr. Und seine Hände, ähneln denen des David von Michelangelo, oder, besser, die Hände des David ähneln denen des Kuros. Ihr müßt ihn euch unbedingt auch von hinten ansehen, sein langes Haar, das ihm in Wellen bis auf die Schultern fällt.”

Während der Dreharbeiten unseres Ritsos-Films im September 1983 mit (von links) Asteris Kutulas, Achim Tschirner und Jannis Ritsos, Photo © by Rainer Schulz

10.11.1989, Athen | Gestern bei Ritsos gewesen. Er war sehr niedergeschlagen wegen der allgemeinen politischen Situation. “Was habe ich mit all dem zu tun? Welche Beziehung habe ich zu einem Ceausescu, zu einem Breshnew, zu dem greisen Honecker, zu all diesen anderen Leuten und ihren Handlungen?”, fragte er mich. “Weißt Du, was die Sowjetunion für mich war? Als ich 1956 Moskau besuchte, ging ich ins GUM-Kaufhaus und wollte eine Tschaikowski-Schallplatte kaufen. Ich glaube, die 2.Sinfonie. Die Verkäuferin holte aus dem Regal eine Platte, die keine Hülle hatte, denn es gab damals noch keine Schallplattenhüllen in der Sowjetunion. Sie wickelte mir die Schallplatte in Packpapier ein, das man genauso für Fische oder Kleidung benutzte und band eine Schnur drumherum. Das war für mich kolossal: Die Kunst in den Alltagsgebrauch überführt, ohne weiteren Schnickschnack. Das war es. Der innere unentfremdete Wert.”

“Weißt du, was ich noch entdeckt habe? Sogar die Statuen und selbst die Gedichte werden älter.”

Als ich gestern abends in Berlin-Schönefeld landete, war das Land DDR, in das ich ankam, ein anderes, als in dem Augenblick, als ich losflog: die Mauer war „gefallen“.

Oktober 1990, Eggersdorf | Ritsos geht es schlecht. Ich habe erfahren, daß Theodorakis ihn besucht hat. Mikis: “Ich folge meinem Gewissen, dem ich allein Rechenschaft ablege. Ich denke, mein Gewissen ist rein”. Und Ritsos, wie zum Abschied: “Dein Gewissen ist rein und klar und du wirst immer voranschreiten und neue Wege eröffnen. Und ich bin mir sicher, daß all jene, die dich heute wegen deiner Ideen beschimpfen, sich eines Tages bei dir entschuldigen werden.”

Ich habe auch erfahren, daß Ritsos nichts mehr zu sich nimmt, nur noch Wasser trinkt, und das auch nur, weil Falitsa darauf besteht. Die geistige Wirklichkeit war für ihn immer primäre Wirklichkeit, nun wird sie von der Realität schwer mißhandelt. Ab einem bestimmten Punkt ist selbst der Glaube ein Schwieriges. “Der Untergang einer Epoche”, wie Ritsos 1956 in der “Mondscheinsonate” schrieb. Den Untergang seiner Epoche vermochte er nicht zu ertragen.

November 1990, Eggersdorf | Vor Tagen die Nachricht. Ritsos ist “erloschen”. Er hatte wochenlang das Essen verweigert. Als ich das Telegramm in den Händen hielt, erinnerte ich mich plötzlich an eine Geschichte, die er mir vor Jahren erzählt und die ich vergessen hatte: “Alle meine Gäste, nicht nur Freunde und Verwandte, sondern auch Leute, die mich zum ersten Mal besuchen, erzählen mir ihre Sorgen und Probleme mit Beruf, Familie, Politik. Es gab nur eine Ausnahme. Vor einigen Wochen bekam ich regelmäßig Anrufe, bei denen sich aber keiner meldete, wenn ich abhob. Eines Tages klingelte es an meiner Tür. Als ich aufmachte, stand ein junges langhaariges Mädchen davor. Ich hatte kaum geöffnet, da drehte es sich um und rannte die Treppen hinunter. Es nahm nichtmal den Fahrstuhl, obwohl ich im vierten Stock wohne. Einige Tage später stand es wieder vor der Tür, mit einer Umhängetasche über der Schulter. Diesmal ging das Mädchen, ohne eine Wort zu sagen, an mir vorbei ins Wohnzimmer. Ich folgte ihm, und als ich mich auf das Sofa hinsetzte, legte es sich auf den Fußboden hin und schloß die Augen, seine Umhängetasche mit verkrampften Händen festhaltend. Beim Hinlegen waren ihm Haarsträhnen ins Gesicht gefallen, die ich wegstreichen wollte. Bei dieser fast unmerklichen Berührung sprang das Mädchen auf und rannte aus der Wohnung. Seitdem hab ich nichts mehr von ihm gehört. Es rief mich nur einmal an und sagte: ‘Ich bin das Mädchen, das Sie besucht hat. Es ist gut, daß es Sie gibt.’ Sie war also der einzige Mensch, der mich je besucht hat, von dem ich nichts weiß. Vielleicht aber weiß ich darum alles über sie. Vielleicht ist das der Punkt, in dem wir uns gleichen, der uns eint in dieser Welt.”

© Asteris Kutulas, 2009

Georg Lukacs oder Ich bin das Suchen

Irgendwie entdeckte ich während meines Germanistik-Studiums den „jungen Lukacs“. Seine extrem idealistische Lebensphilosophie von um 1900 entsprach sehr meiner damaligen seelischen Verfassung in Leipzig und Dresden Anfang der achtziger Jahre. Die Seele und die Formen eben. Geistigkeit als Fluchtpunkt. Und der Glaube, im Idealischen irgendwie doch Freiheit und Erfüllung einer transzendentalen Sehnsucht zu finden.

Zur selben Zeit war ich glühender Anhänger von Ingeborg Bachmann, unter anderem wurde ich geprägt durch ihre Hörspiele. Das beflügelte mich, Mitte der achtziger Jahre auch ein philosophisches Hörspiel zu schreiben, nachdem ich den Sog der Existenzialisten geriet, unter anderem Schopenhauers, Kierkegaards, Nietzsches und des jungen Lukacs‘. A.K.

Update 22.7.2008: Ich habe meinem Funkessay einen Nachtrag angehängt, der den phänomenalen Augenblick des Wandels des jungen Lukacs vom Idealisten zum Materialisten, vom Freigeist zum Kommunisten zu skizzieren versucht.

Erstveröffentlichung in: Zeitschrift Temperamente, 4/1985

Asteris Kutulas
Der junge Lukacs oder Ich bin das Suchen
(Funk-Essay)

 

1. Sprecher: Philosoph (ungeduldig, aufbauschend, Zweifler)
2. Sprecher: Lukacs-Forscher (ruhig-dozierend, wissend)
Georg Lukacs (helle, expressive Stimme)
Sprecher für Irma Seidler, Hilda Bauer, Leo Popper, Ernst Bloch, Gertrud Bortstieber, Korrespondent

*** *** ***

Lukacs: Die Weltanschauung ist ein tiefes persönliches Erlebnis des einzelnen Menschen, ein höchst charakteristischer Ausdruck seines inneren Wesens, und sie widerspiegelt gleichzeitig bedeutsam die allgemeinen Probleme der Epoche.

1. Sprecher: Da haben Sie es wieder! Selbst Lukacs relativiert auf diese Weise alles. (ironisch) Was kann man schießlich dafür?! Mißverständnisse, Dogmen, Verbote, Widersprüchlichkeiteiten – das gehört zum Leben, und das wenigstens ist gestattet … Es läßt sich alles erklären und verstehen – immerhin ein Genie!

2. Sprecher: Ganz im Gegensatz zu Ihnen bewundere ich seine Ernsthaftigkeit. Wie wäre er sonst Kommunist geworden? Und erst recht geblieben? Doch gehen wir von der Realität aus und fragen: Es gibt Kommunisten. Wie sind sie möglich?

1. Sprecher (einfallend): Die Frage steht bei Lukacs! Nur im anderen Zusammenhang – nämlich in seiner „Heidelberger Philosophie der Kunst“ von 1914, mit ästhetischer und nicht politischer Motivation: „Es gibt Kunstwerke. Wie sind sie möglich?“

2. Sprecher: Ich wollte nur sehen, ob Sie Ihren Lukacs kennen. Immerhin verblüffte er damit den bedeutenden bürgerlichen Soziologen Max Weber, ungeachtet von Lukacs‘ späterer Abscheu gegenüber aller Soziologie. Sie wissen ja, die jugendlichen Sünden verachtet man im Alter.

1. Sprecher (einfallend): Das gebe ich zu. (nachdenklich) Wenn man nicht zum Fetischisten seiner Erinnerungen wird! Scheint Ihnen aber kein Widerspruch zu bestehen zwischen seiner sogenannten kommunistischen Wende und der Kontinuität seiner idealistisch-philosophischen Prämissen? Jener von Ihnen adaptierten Frage nach objektiven Kunstkriterien ging er sein ganzes Leben nach, um sie 1962 – wie er meinte – nur „teilweise“ auf 1.500 Seiten seiner Schrift „Die Eigenart des Ästhetischen“ zu beantworten …

2. Sprecher (froh-eifrig): Was für eine Ausdauer? Und insofern haben Sie recht, als daß Lukacs‘ spätere philosophische Sympathien in seiner vormarxistischen Zeit schon keimten. Tatsächlich ist er damit nie fertig geworden. Doch als er Mitglied der Kommunistischen Partei wurde …

1. Sprecher (einfallend): Ach, was Sie nicht sagen! Diesen Schritt tat Lukacs im Dezember 1918, und das einzige, was ich daraus schließen kann, ist, daß er vom bürgerlichen Dasein die Fresse gestrichen voll hatte. Und nicht das soziale Elend des Proletariats – nein, wo denken Sie hin! –, die Fruchtbarkeit marxistischen Denkens war ihm Grund genug, diesen Entschluss zu fassen.

2. Sprecher (verärgert): Mein Lieber, vergessen Sie nicht, Lukacs kam zum Kommunismus über das Geistige, über die Theorie. (bewundernd) Er war so herrlich konsequent! Lukacs handelte nur, wenn seine Handlung im Einklang mit seinem Denken stand. Stellen Sie sich vor, in seiner Person vereinte er „Theorie“ und Leben! Wo finden Sie das heute noch? Ich sagte Ihnen doch, diese Ernsthaftigkeit …

1. Sprecher (einfallend, leise zitierend): „Aber dann in allem furchtbaren Ernst, ohne Ausblick anderswohin.“

2. Sprecher (mahnend): Was soll dieser ironisch-tragische Ton? Bedenken Sie den erforderlichen Mut und die Ehrlichkeit, die ein großbürgerlicher Intellektueller braucht, um subjektiv seine objektive soziale Stellung und Herkunft abzulehnen. Der Arbeiter dagegen muß sich „nur“ seiner Klassenzugehörigkeit bewußt werden und die Konsequenz daraus ziehen. Sagen Sie, was einfacher ist!

1. Sprecher: Ach, was! Der Arbeiter war weitsichtiger als der Philosoph und hat in den Industrienationen für seine „Ausbeuter“ gestimmt. In Bezug auf den Philosophen jedoch scheint mir dieses Argument einzuleuchten. Was meinen sie, wie konnte Lukacs zu dieser Fehlsicht gelangen?

2. Sprecher: Gestatten sie mir, von vorn zu beginnen. Georg Lukacs stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, die auf der Pester Seite der Donau wohnte, in der aristokratischen Leopoldstadt. Sein Vater, Josef Löwinger, war bereits 1885, bei der Geburt seines zweiten Sohnes Georg, Direktor der ungarischen Niederlassung der Britisch-Österreichischen Bank …

1. Sprecher: Soso, Aristokrat ist er gewesen, der Lukacs, dann ist es allerdings interessant, wie er zum Marxismus fand. Man kennt ja nur seine Bücher, wissen Sie … Doch wieso hieß der Vater Löwinger?

2. Sprecher: Die Familie trug bis 1899 diesen Namen, dann erwarb sich der Vater den Adelstitel „von Lukacs“ …

1. Sprecher: Was heißt das, „erwarb sich“?

2. Sprecher: Nun, er kaufte ihn sich. Das war in der damaligen Zeit so üblich. Dadurch stieg das gesellschaftliche Ansehen, und die Geschäfte gingen besser.

1. Sprecher: Ich ahne schon, wie es in solch einer Familie zugegangen ist, wo alles Äußere von so großer Wichtigkeit war! Wie hat Lukacs in dieser Umgebung reagiert – oder war die Mutter das ausgleichend Prinzip?

2. Sprecher: Im Gegenteil! Seine Mutter Adele Wertheimer, eine gebürtige Österreicherin, war strenge Sachverwalterin des Protokolls im Hause. Mit ihren drei Kindern – Georg hatte noch eine jüngere Schwester – sprach sie nur deutsch, und ansonsten fügte sie sich ganz in die geheuchelte Atmosphäre dieser Gesellschaftsschicht. Gegen ihre konventionellen Anschauungen führte Lukacs einen „Guerillakampf“, der zuerst darin bestand, daß er als Kind die zahlreichen Onkels und Tanten, die er nicht kannte, nicht grüßen wollte.

1. Sprecher: Eine außerordentliche Sünde! Jetzt brauchen Sie mir nur noch zu sagen, daß im Haus die berühmte dunkle Kammer existierte, wo alle eingesperrt wurden, die nicht folgten.

2. Sprecher: Ganz genau so war’s! Und weil der Unterricht am Evangelischen Gymnasium von Leopoldstadt die protokollierte Ideologie des Elternhauses weiterführte, dehnte der junge Lukacs seine Abneigung auch auf die Schule aus, die er zwischen 1894 und 1902 besuchte.

1. Sprecher: Aber fleißig muß er gewesen sein! (anerkennend) Wenn man sich so seine Theaterkritiken durchliest, die er bereits als Gymnasiast schrieb!

2. Sprecher: Ich muß Ihnen widersprechen. Fleißig für die Schule war er nicht gerade, sehr zum Leidwesen seiner Mutter, da er, auch ohne viel zu lernen, in der Schule besser war als sein Bruder Janos, das Lieblingskind der Mutter.

1. Sprecher (zusammenfassend): Lassen sie mich bitte an dieser Stelle eine These aufstellen, die mir ganz klar vor Augen schwebt: Ich denke, ein Grund für seinen späteren Parteieintritt war schon der Umstand, daß ihm in seiner Kindheit die Mutter fehlte. Noch 1914 klagt er über die „transzendentale Obdachlosigkeit“ und wie viele andere bürgerliche Intellektuelle wendet er sich dann der Partei zu wie zu einer Mutter, die ihn davor retten könnte. Auch der Philosoph Ernst Bloch sagt in einem Interview, für Lukacs sei die Partei „Stütze und Zuflucht“ gewesen.

2. Sprecher (verärgert): Bitte, bitte, keine Freudschen Erklärungen! Das sind gesellschaftspolitische Vorgänge! Zugegeben: Sein langjähriger Jugendfreund Bloch hatte allen Grund, dies später zu behaupten. Und es ist auch wahr, daß der „Partisanenkrieg“ gegen die Mutter von Lukacs später wiederholt wurde: innerhalb und gegen die Parteiinstitutionen. Doch bleiben wir bei der Kindheit und den Fakten! Lukacs‘ Antihaltung zeigt sich im Verherrlichen der von seiner konservativen Umwelt verachteten westlichen Moderne.

1. Sprecher: Ist ja nicht zu glauben! Da sieht man schon, was für ein außenseiterisches „Gehirntier“ Lukacs schon in jungen Jahren war.

2. Sprecher (überlegen): Lukacs findet in der Bibliothek des Vaters Max Nordaus Buch „Entartung“, und weil diese Literatur dem offiziösen Geschmack zuwiderläuft, begeistert er sich für Baudelaire, Swinburne, Ibsen, Verlaine, Zola.

Georg Lukacs

Lukacs: Dieser Oppositionsgeist kam zuerst in meinen Schulaufsätzen zum Ausdruck, die bei den Lehrern heftige Entrüstung auslösten. Das und meine Hinwendung zum internationalen Modernismus waren meine Versuche, mich geistig von der intellektuellen Sklaverei des offiziellen Ungarn zu befreien.

1. Sprecher (interessiert): So! Er befriedigt seine Oppositionslust durch Literatur. Das finden Sie bei einigen introvertierten Individualisten noch heute … Übrigens, wir sind unversehens ins Präsens abgerutscht!

2. Sprecher: Macht nichts. Lassen Sie uns so weitermachen. Das wichtigste Merkmal seiner Kindheit ist: Er hat keine Freunde. Das ändert sich erst in seinem fünfzehnten Lebensjahr, da er jenes Interesse für Literatur entwickelt, das die Basis wird, sich mit anderen darüber zu verständigen. Doch jene Vereinsamung hinterläßt Spuren in der Psyche des jungen Lukacs. Die krankhafte Selbstüberhebung des eigenen Ich geht einher mit der Vergötterung der nun gefundenen Freunde.

1. Sprecher: Dieser fast schizophrene Zustand wundert mich nicht bei dem Elternhaus. Haben Sie Anhaltspunkte dafür, ob die jüdische Herkunft auch eine Ursache für das Emanzipatorische in Lukacs Wesen ist?

2. Sprecher: Nein, das dürfte keine unmittelbare Rolle gespielt haben. Bezeichnend dafür ist ein Ausspruch von Lukacs‘ Vater, der am Anfang der zionistischen Bewegung sagte, er wolle bei Konstitution des jüdischen Staates Konsul in Budapest werden. Natürlich färbt dies Selbstbewusstsein auf den jungen Lukacs ab, von dem der Vater verlangt, er solle sich so verhalten, daß er – der Vater – stolz auf ihn sein könne. Dafür gibt er ihm jede materielle Unterstützung.

1. Sprecher: Sehr nobel! Den Vater als Mäzen zu haben, stelle ich mir äußerst amüsant vor. Wann legt er nun sein eremitisches Dasein beiseite?

2. Sprecher: Etwa mit fünfzehn Jahren findet er erste wichtige Freunde und beschließt, Schriftsteller zu werden.

1. Sprecher (einfallend): Diese Hybris der jungen Leute ist bewundernswert! Und mit Erfolg?

2. Sprecher (bedeutsam): Jene Ernsthaftigkeit, die ich zu Beginn unseres Gesprächs so hervorhob, zeigt sich hier zum ersten Mal. Seine Opposition tritt in ihre produktive Phase, der aber Aktionismus allein nichts bedeutet. Denn als Korrektiv wirken ab jetzt seine Freunde. Zunächst Marcel Benedek und Laszlo Banoczi, die ihm das unspekulativ-wissenschaftliche Herangehen an Literatur sowie die moralitè als Lebensmaxime vermitteln.

1. Sprecher: In Ihrem Munde klingt „moralitè“ so bedeutsam. Könnten Sie erläutern, was gemeint ist?

2. Sprecher: Diese Haltung entspricht Lukacs‘ Kindheitserfahrungen, weil sie gegen die Erfolgssucht seiner familiär-bürgerlichen Umwelt den Wert der eigenen moralischen Wahrheit behauptet. Das hatte Lukacs schon als Kind in seinem Lieblingsbuch „Der letzte Mohikaner“ gefallen.

1. Sprecher: Wozu führen die neuen Erfahrungen?

2. Sprecher: Sie werden’s nicht für möglich halten! Lukacs gesteht sich ein, daß er auf schriftstellerischem Gebiet ein Dilettant ist, und schreibt keine Theaterkritiken mehr, die er als Oberprimaner im expressionistischen Stil eines Alfred Kerr für verschiedene ungarische Zeitungen verfaßt hatte.

Lukacs: Und was meine an Hauptmann und Ibsen orientierten Dramen betrifft: Gott sei Dank ist davon nichts geblieben. Mit ungefähr achtzehn Jahren verbrannte ich all meine Manuskripte, und von da an hatte ich ein geheimes Kriterium für die Qualität von Literatur, nämlich was auch ich verfassen könnte ist schlecht.

1. Sprecher: Ich verstehe, seine Revolte erhält damit qualitativ höhere Ansprüche.

2. Sprecher: Ja, er verfaßt vier Jahre lang nichts mehr. Seine Energie widmet er in dieser Zeit der „Thalia-Gesellschaft“, einer freien dramatischen Bühne nach Berliner und Wiener Vorbild, sowie seinen philosophischen Studien.

1. Sprecher: Er studiert also Philosophie?

2. Sprecher: Ja und nein. Dem väterlichen Wunsch entsprechend, studiert Lukacs von 1903 bis zu seiner Promotion 1906 Jura an der Budapester Universität. Doch ihm steht, wie wir sahen, der Sinn nicht nach bankdirektoraler Karriere. Darum vertieft er sich in die abstrakt-idealistischen Philosophien der Jahrhundertwende.

1. Sprecher (einfallend): Was liest er denn?

2. Sprecher: Alles mögliche! Schopenhauer, Nietzsche, Lessing, die Frühromantiker, den Schiller-Goethe-Briefwechsel, Kierkegaard. Das sind wohl die wichtigsten. Bald kommen Dilthey, Simmel und Marx hinzu. Aber entscheidender als die Lektüre ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr, die Lukacs im Elternhaus von Laszlo Banoczi kennenlernt. Der Vater seines Freundes und Studienkollegen gehörte zu den namhaftesten Denkern Ungarns. Er hatte unter andrem auch Kants „Kritik der reinen Vernunft“ übersetzt, die Lukacs nun studiert.

1. Sprecher: Ach dieses unleserliche Buch!

2. Sprecher (gefällig): Lukacs verschlingt es geradezu.

Georg Lukacs

1. Sprecher: Sie deuteten noch Öffentlichkeitsarbeit in dieser Zeit an!

2. Sprecher: Zusammen mit Marcel Benedek und Laszlo Banoczi gründet er im Herbst 1903 die „Thalia-Gesellschaft“, die ab 1904 moderne westliche Stücke zur Aufführung bringt, Strindberg, Wedekind, Shaw, d’Annunzio, aber auch Tschechow und Gorki.

1. Sprecher: Wollte Lukacs durch elitäres Verhalten die etablierte Gesellschaft schockieren?

2. Sprecher: So könnte man es umschreiben, aber sie inszenieren auch für Arbeiter. Nur, daß Lukacs selbst vorwiegend organisatorische Aufgaben in dieser bohemisierenden „Kaffeehausgesellschaft“ erfüllt, nachdem seine Regieversuche fehlschlagen. Eigentlich beginnt er sich ab dieser Zeit in seinen geistigen Konstruktionen einzuigeln. Ach ja, er übersetzt Ibsens „Wildente“ für die „Thalia-Bühne“.

1. Sprecher: Schriftsteller: nichts! Regisseur: nichts! Ihm bleibt nur noch die Philosophie!

2. Sprecher (berichtigend): Die wichtigste Frucht dieser Periode ist eine zweibändige „Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas“. Darin fließen natürlich seine Erfahrungen aus der „Thalia“ mit ein. Aber von seinem Vorhaben, Literaturhistoriker zu werden, nimmt er nach einer Studienreise durch Deutschland wieder Abstand. Ihm erscheint die professorale Analyse, warum die Augenfarbe von Lotte in Goethes „Werther“ blau und nicht wie in Wirklichkeit schwarz gewesen sei, äußerst abwegig und nichtwissenswert. Insofern haben Sie recht, es bleibt die Philosophie als grundlegende Orientierung.

1. Sprecher: Mir fiel schon bei Ihrer Aufzählung seiner Lektüre auf, daß die deutsche Literatur im Mittelpunkt steht. Und jetzt sprachen Sie von einer Deutschlandreise.

2. Sprecher: Er liebt die deutsche Wissenschaftlichkeit – natürlich jene, die den gesellschaftlichen Boden unter den Füßen nicht verliert. Jetzt verstehen Sie vielleicht seine Distanz zur ungarischen, unambitionierten Intelligenz – so dürfte Lukacs sie gesehen haben. Da ist das Flair des Berliner Philosophen Georg Simmel ein ganz anderes gewesen. Im Wintersemester 1906/07 hört Lukacs erstmals Simmels Vorlesungen, die ihn tief beeindrucken.

1. Sprecher (hastig): Dessen Buch „Die Philosophie des Geldes“ kenne ich gut, wo Simmel den längst „überholten“ Marxismus weiterführt, indem er ihm ein Stockwerk unterbaut, so daß die wissenschaftlichen Formen als das Ergebnis tieferer Wertungen und Strömungen, psychologischer, ja metaphysischer Voraussetzungen erkennbar werden.

2. Sprecher (ärgerlich): Dürft ich fortfahren?! Der zweite starke Impuls geht von Wilhelm Dilthey aus, von dem Sie sicher auch wissen, daß er der Begründer der Geisteswissenschaften war und Nietzsche in Deutschland kathederreif gemacht hatte …

1. Sprecher (einfallend): Gestatten sie mir noch eine Frage. Wie verträgt sich das mit Lukacs‘ Aktivitäten in Ungarn? Oder wendet er sich gänzlich von der Heimat ab?

2. Sprecher: Das kommt etwas später. Vorerst entfaltet er eine rege, wenn auch distanzierte Tätigkeit. Er schließt sich der radikal-bürgerlichen „Soziologischen Gesellschaft an, hält im Galilei-Zirkel der revolutionären Studentenschaft Vorträge und wird stark von Endre Adys Buch „Neue Gedichte“ beeinflußt. Ab 1906 veröffentlicht er auch wieder in verschiedenen Zeitschriften Rezensionen und Essays.

1. Sprecher: So war der deutsche Einfluß nur geistiger Natur?

2. Sprecher: Nur! Sie werden sich wundern! Um seinem Dramenbuch ein soziologisches Fundament zu schaffen, liest Lukacs 1908 das „Kapital“ von Marx und analysiert in einem Vorwort tatsächlich die Beziehung von materiellen Verhältnissen und künstlerischen Produkten.

1. Sprecher: Dann ist’s ja ein Katzensprung zum Marxismus! Warum dauert das noch zehn Jahre?!

2. Sprecher (überlegend): Bedenken Sie doch, daß wir Bücher niemals unvoreingenommen lesen, sondern borniert – durch unsere „ideologische“ Brille, durch die wir beständig die geistigen Phänomene betrachten und blind bleiben. Sehen Sie, nach der Marx-Lektüre setzt er in diltheyischer Manier das nur hermeneutisch faßbare „Leben“ voraus und kommt zu dem Schluß, daß das wirklich Soziale in der Literatur die Form sei!

1. Sprecher: Eine fürwahr unmarxistische Deduktion. Was ist denn mit „Form“ gemeint?

2. Sprecher: „Form“ bedeutet für den jungen Lukacs alles und nichts! Eine wahre Formenmetaphysik! Eine Flut von Verwaschenheit.

1. Sprecher: Das müssen sie mir schon näher erläutern! Bis jetzt hab ich folgendes begriffen: Durch Verinnerlichung der modernen Literatur verinnerliche Lukacs uch das Krisengefühl dieser Literatur. Das ist ihm wohl nicht gut bekommen?!

2. Sprecher (einlenkend): Sozusagen… (bestimmt) Die im Verständnis von Lukacs a priori existierenden „Formen“ verdeutlichen sein pubertäres Ungenügen mit der Welt. Hätte er nur zu Drogen oder Aspirintabletten gegriffen! Stattdessen erblickte er die angemessene Heilslehre in der geisteswissenschaftlichen Methode Diltheys, die sich als Kunstlehre ausgibt, mit deren Hilfe man schriftlich fixierte
Lebensäußerungen mühelos auf sich übertragen könne.

1. Sprecher: Ds könnte von einer hinduistisch-meditativen
Neureligion stammen!

2. Sprecher (fortfahrend): Durch „Hineinversetzen“ in paradigmatische Personen aus der Vergangenheit, könne man der schlechten Gegenwart entfliehen…

1. Sprecher: Sagen Sie, Lukacs nimmt dies Rezept gegen sein Weltwehweh ernst?!

2. Sprecher (kalt): Lukacs lebt danach! Vor allem Kierkegaard ist es, dem er sich wahlverwandt fühlt und dessen Leben er versucht, nachzubilden und zu „verstehen“. Das ist das Wesen dieser sogenannten „Essayperiode“.

1. Sprecher (kategorisch): Ihre gelobte Einheit von Theorie und Leben bewähewährt sich hier in sehr fataler Weise. Lukacs fehlt einfach eine Frau!

2. Sprecher: Zu spät!

1. Sprecher (ironisch): Sagen Sie bloß, er ist zu „ernsthaft“ dafür.

2. Sprecher: Mein Lieber, das sind keine Hirngespinste eines bürgerlichen Intellektuellen! Lukacs empfindet schmerzlich die tiefe Zerrissenheit um ihn herum als „radikale Lebensnot“. Hier einige Beispiele:

Lukacs (nachdrücklich): Das Resultat des heute Erschauten ist: der Weg führt bergab. Dies ist die Monumentalität einer grauen Monotonie, und es ist das Gefühl, daß die kaum übersehbare Menge von kleinen und grauen Ereignissen bloß ein verschwindend kleiner Teil der unendlichen Monotonie des Lebens selbst ist. Mein Leben ist nicht bunt, aber auch nicht weiß; kein still ruhender Bergsee, sondern Eile, Lärm und ewiges Rennen – wohin?… Ich weiß: Ich habe nur Taten, nur Taten machen mich zum Menschen, und doch können meine Taten mich nicht zum Menschen machen, weil sie nicht die meinen sind, weil sie aufhören, die meinen zu sein, sobald sie geschehen sind. Sokrates aber wußte, daß das, wonach wir uns sehnen, für immer fremd ist, daß es für unser Sehnen nie eine Erfüllung geben kann. Darum ist das Leben nichts, das Werk ist alles, das Leben ist lauter Zufall, und das Werk ist die Notwendigkeit selbst.

Georg Lukacs

2. Sprecher: Dieses Lebensgefühl von Vereinsamung und Entfremdung fängt Lukacs sehr prägnant in einer Reihe von Essays ein, die in Buchform 1910 unter der Überschrift „Die Seele und die Formen“ erscheinen. Vielleicht interessiert es Sie, zu erfahren, daß Thomas Mann seine Schriftsteller-Situation der Vorkriegszeit in diesem Buch ausgedrückt fand und aus dem Philippe-Essay ganze Passagen in seiner Novelle „Tod in Venedig“ einarbeitete!

1. Sprecher: Worauf wollen Sie hinaus?

2. Sprecher (zusammenfassend): Zweifellos ist dies Erleben der Dichtung, die fragmentarisch-neuromantische Lebensform eine Reaktion auf die „heile“ Welt des Elternhauses und die oberflächlich-glatten Umgangsformen seiner Gesellschaftsschicht.

1. Sprecher: Darum ließ er wohl nach seiner Wende zum Marxismus nur die großen synthetischen Formen gelten?

2. Sprecher: Vielleicht wurde die spätere Dogmatisierung in diesem jugendlichen Erleben vorgeprägt. Doch in der Essayperiode unterhält er freundschaftliche Beziehungen zu vielen zeitgenössischen Schriftstellern und zu der konstruktivistischen Malergruppe „Die Acht“. Malerin ist auch seine große tragische Jugendliebe Irma Seidler, die er im Dezember 1907 kennenlernt.

1. Sprecher: Wieso tragisch?

2. Sprecher: Weil Lukacs jenes Kopieren von Originalen sehr ernst nimmt und auf die Spitze treibt! Er ahmt zum Beispiel Kierkegaards mißverständliche Haltung gegenüber dessen Verlobten Regine Olsen gründlich nach. Nur: Lukacs verlobt sich gar nicht erst, schreibt aber dafür den Kierkegaard-Essay und denkt, das aus der Romantik überkommende Problem der Vermittlung von Kunst und Leben durch eine prosaische Geste zu lösen: Er negiert das wirklichkeitsbefleckte Leben und erhofft sich Seligkeit durch eine rein geistige Liebesbeziehung.

1. Sprecher: Sie finden mich sprachlos. Und dies Platonisieren führt zu einer Katastrophe?

2. Sprecher: Noch nicht. Irma Seidler ist eine schöne, selbstbewußte Künstlerin, übrigens zwei Jahre älter als Lukacs, die gehofft hatte, mit seiner Hilfe und durch seine Liebe ihre innere Vereinsamung zu überwinden. Nun trifft sie aber auf einen philosophierenden Jüngling, der sich ganz seinem Werk widmen will und sie als intellektuelle Mätresse behandelt.

Irma Seidler

1. Sprecher: Ein unerhörter Narzissmus! Und eigentlich feige.

2. Sprecher (bestimmt): Aber konsequent! Natürlich beendet Irma Seidler die Halbheit ihres „kampfähnlichen Beisammenseins“, indem sie im November 1908 einen ungarischen Malerkollegen heiratet. Einen Monat zuvor schreibt sie noch einen verzweifelten Abschiedsbrief:

Seidler: Ich machte in Ihrem Leben, in Ihrer Entwicklung eine große Etappe mit Ihnen zusammen durch, und Sie schenkten mir seelische Erlebnisse – insbesondere über das Geistige. Doch waren wir nicht zusammen dort, wo sich mein entsetzlich menschliches, aus Blut und pulsierendem Stoff bestehendes, in handgreiflichen Dingen lebendiges Leben abspielt. Wir waren nicht zusammen mit allen Teilen unseres Wesens. Denn riesengroß sind in mir die primitiv menschlichen, einfachen, großen Sehnsüchte. Auch das Kunstgefühl in mir ist von solcher Art. Und für das Leben haben eben sie die Dominanz. Und ebenso stark ist in mir die Vorliebe für die in keinerlei Kunstkategorien vorkommenden und in ihnen nicht ausgedrückten Freuden.

1. Sprecher: Der Vorwurf einer Frau kann wirklich nicht elementarer sein! Und die Offenheit der Irma Seidler ist regelrecht erschreckend! Wie reagiert Lukacs?

2. Sprecher: Dem Vorwurf angemessen, antwortet Lukacs mit einer Selbstmordankündigung.

1. Sprecher (erstaunt): Hätte mir das früher jemand gesagt, ich hätt es ihm nicht abgenommen! (ironisch) Es wundert mich aber gar nicht, daß er’s nicht tut!

2. Sprecher: Nein, er hatte es „nur“ theoretisch vor, was für Lukacs damals viel entscheidender war, als wenn er es wirklich getan hätte. Immerhin galt ihm die geistige als primäre Wirklichkeit… Dafür nimmt sich Irma Seidler drei Jahre später das Leben – ohne schriftliche Ankündigung! Darauf komme ich noch zurück. Jetzt will ich sie auf die Sackgasse aufmerksam machen, in der sich Lukacs befindet. Er versteht, daß nicht mal der Tod die Vollendung seiner Philosophie hätte sein können! Gerade das bestimmt aber seine Sicht auf Novalis und dessen „Lebensphilosophie des Todes“ in einem Essay über den Frühromantiker …

1. Sprecher (einfallend): Jetzt verstehe ich den Ausspruch von Ernst Bloch über den jungen Lukacs, nämlich daß dieser sich nicht damit begnüge, über Ethik zu schreiben, er lebe auch danach! Erkennt er nicht, daß auch das alltägliche, egoistische, gemeine Leben real und nicht wegzuphilosophieren ist?

2. Sprecher: Sehr langsam! Vorerst gefällt er sich in einer Apologie des psychischen Leidens nach Nietzsches Vorbild, schafft es aber nicht, die „undurchdringliche Maske“ seiner Klugheit abzulegen. Aus dieser weihevollen Untergangsstimmung reißen ihn sein bester Freund der Essayperiode, der Kunsthistoriker Leo Popper, und Hilda Bauer, die Schwester von Bela Balazs. Fünf Monate nach der Trennung von Irma Seidler geht er mit ihr das neue Liebesverhältnis ein, zumal Hilda Bauers Mentalität eine völlige Ergebenheit ausdrückt:

Bauer: Schonen Sie die Frauen nicht, bedauern Sie sie nicht, damit entwerten Sie sie. Wir sind nicht da, um Hindernisse, sondern um Stufen zu sein, über die die Männer höher steigen.

1. Sprecher: Das läßt sich Lukacs nicht zweimal sagen!?

2. Sprecher: Sehr richtig! Im Sommer 1909 fährt er zu ihr nach Ammerland, wo es zu „Entgleisungen“ kommt.

1. Sprecher (erstaunt): Wie alt ist Lukacs, da er seine asketische Erstarrung aufgibt?

2. Sprecher: Vierundzwanzig. Die Beziehung wird nicht fortgeführt, das breitere Fundament der Ehe verursacht ihm schon als Vorstellung schlaflose Nächte.

1. Sprecher: Ich verstehe. Seine Ablehnung des von Doppelmoral gekennzeichneten bürgerlichen Lebens umfaßt auch die bürgerlich-sanktionierten Institutionen, wie beispielsweise die Ehe …

2. Sprecher (ausrufend): Bei dieser „gesellschaftlichen Moral“ der puritanistischen High-Society in der Habsburger Doppelmonarchie! Was erwarten Sie!? Zudem dürfte sich Lukacs noch sehr gut an das steril-protokollierte Ehegebaren seiner Mutter erinnert haben. Oder an die damals von ihm verlangten „Küß die Hand“-Floskeln … Nein, Ehe wird für den aristokratisch verzogenen und frustrierten jungen Mann erst möglich, wenn sie den Rahmen der Bürgerlichkeit sprengt.

Hilda Bauer

1. Sprecher (ironisch): Wir leben zum Glück nicht mehr in der „Welt von Gestern“… Sie wollten noch über den Freund erzählen, den er so vergöttert:

2. Sprecher: Ja, Leo Popper, den Lukacs als Genie bewunderte. Für Popper sind die verschiedenen Essays Lukacs‘ – über Storm, George, Sterne, Kassner, Paul Ernst – „Lebensbewältigungen“, insofern ist er der einzige, der Lukacs durchschaut. Er hatte im Juni 1908 Irma Seidler und Lukacs nach Florenz begleitet und das Werden wie das Ende ihrer Liebe beobachtet. Durch seine Kritik will er die humorlose, ins Tragisch-Düstere stilisierte Weltanschauung seines Freundes in eine heitere Region verwandeln.

Popper: Äußerlich sieht es so aus, als sammelst du für die Dichter-Monographien Lebenserfahrungen, nur wer gut hinschaut, bemerkt, dass es umgekehrt ist. Und innerlich, was die auf Dich fallenden Reflexe deiner Schriften anbelangt: Sie enthalten so viel Resignation und Trauer, daß sie der vorherigen, äußerlichen Auffassung gleichsam als Nährboden dienen. Wie ich Dich kenne, fürchtest Du dich schon jetzt, man könnte etwas von Deiner Lyrik merken und davon, dass Literatur für Dich nur eine Gelegenheit zum Selbstporträtieren ist. Doch darf man aus den Menschen nicht die Frage herauskitzeln, wie der Kassner dazu kommt, den Georg Lukacs zu symbolisieren. Dass Deine Essays lyrisch sind, wissen die Leute schon daher, dass sie sie nicht verstehen. Warum soll also das einzige, was sie endlich mitbekommen, soviel sein, dass das ganze Mysterium der Verfasser selbst ist?

1. Sprecher: Hilft die radikale Kopfwäsche? Oder hat sich Lukacs so sehr in seine essayistische Lebensweise vernarrt, dass er die Sehnsucht nach einem wirklich eigenen Ich nicht mehr spürt?

2. Sprecher: Sie haben das zentrale Problem getroffen, sein Essayband hätte auch „Die Sehnsucht und die Formen“ heißen können! In den lebensphilosophischen Essays steht nicht, wie im Dramenbuch, die soziologische, sondern die existentielle Problematik im Vordergrund. Doch stets wird jene mitgedacht. Entgegen dem gebräuchlichen neukantianischen Modell, welches das Sein umstandslos sich nach Denken richten läßt strebt Lukacs eine Versöhnung der Antinomien durch seinen Formbegriff an! „Form“ wird so zum Lebenselixier.

1. Sprecher (einfallend, zitierend): „Ich bin der Eindruck, der sich verwandeln wird“ …

2. Sprecher (fortfahrend): Von Leo Poppers Kunstphilosophie beeinflußt, zählt er jedes künstlerische Werk, das das Formprinzip sprengt, zerstört zum Kitsch. Diesen Ordnungsfimmel hat er sich bis ins hohe alter bewahrt.

1. Sprecher (leise): Das Schlimme ist nur, daß andere ein Dogma draus machten.

2. Sprecher: Wir wollten nicht auf diese späten Debatten, die unfruchtbar-selbstzerstörerisch waren, eingehen! (fortfahrend) Für Lukacs bedeutet die ausbleibende Reaktion auf seinen 1910 erschienenen Band „Die Seele und die Formen“ eine persönliche Niederlage. Sicher, Lukacs ist ein bekannter Mann, was ihm auch sein Freund Bela Balazs bestätigt, doch die erhoffte Anerkennung bleibt aus. Da nützt es nichts, daß seine Aufsätze und ersten Bücher von den ungarischen Insidern gelesen werden, daß er eine bedeutende philosophische Zeitschrift gründet, die zwei Nummern erlebt, dass er mit Balazs versucht, aus der Zeitschrift „Renaissance“ ein eigenes Organ zu machen. Er bleibt im geistigen Leben Ungarns ein Outsider: durch die starke geistige Bindung an die deutsche philosphisch-dichterische Tradition, durch die strikte Ablehnung seiner anachronistischen Heimat, dem habsburgischen Österreich-Ungarn, das ihm wie eine zur Zerstörung bestimmte Sinnlosigkeit erscheint. Im selben Jahr reist er für mehrere Monate nach Berlin und Florenz. Aus Berliner Ferne zieht er resigniert Bilanz, die zugleich ein Loslösen von der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik anzeigt:

Lukacs: Was ich im Frühjahr anfing, ist, wie es scheint, gelungen: die Ausschaltung des „Lebens“. Das bedeutet nicht unbedingt Askese. Das bedeutet lediglich, daß der Schwerpunkt von allem endgültig und nunmehr unerschütterlich in der Arbeit liegt. Jene Art von „Liebe“, die es da gab – Liebe als ganzes Leben sozusagen – ist jetzt erledigt. Daneben sind Frauen, vielleicht sogar eine Ehe durchaus möglich. Nur hat alles einen ganz anderen Wert als damals. Ich muß so unendlich viel lernen, bis die Dinge in mir vollends klar werden, bis das, was ich sage, wissenschaftlich stichhaltig wird – daß ich nicht weiß, wie weit ich bin. (Unter „wissenschaftlich“ verstehe ich, was zum Beispiel Hegel dazu sagen würde; nicht dasselbe wie im Frühjahr.) Was mir zu leisten gestattet ist, das bin ich; wissen kann ich das nicht, nur es suchen, doch ich: ich bin eben das Suchen…

2. Sprecher: Wie Sie sehen, wir haben’s mit einer doppelten Neuorientierung zu tun – wenn ich das so sagen darf. Die erste ist die Entscheidung, sich ganz dem Werk zu widmen, eine Sache, die sich lange ankündigte und der er bis zu seinem Lebensende treu bleibt. Man erzählt sich, Lukacs konnte bis ins hohe Alter nicht einen Nagel in die Wand schlagen. Auch hierin bleibt er also konsequent! Die zweite, für seinen Weg zum Marxismus äußerst entscheidende Neuorientierung bedeutet seine Wende zu Hegel. Die Ethik der essayistischen Lebensform überwindet er und damit auch die Verzweiflung, die aus dem uralten Zwiespalt dieser Form entsteht.

1. Sprecher: Was für einen Zwiespalt meinen Sie?

2. Sprecher: Den zwischen Kunst und Wissenschaft. Lukacs löst ihn zugunsten des letzteren auf, behält aber im Mittelpunkt seiner weiteren wissenschaftlichen Forschungen das künstlerisch-brisante Problem der Totalität und Entfremdung …

1. Sprecher (einfallend): Und das ist auch das Neue, das Lukacs Anfang der zwanziger Jahre in die philosophische Diskussion um den Marxismus mit seiner Schrift „Geschichte und Klassenbewusstsein“ einbringt. (überlegend) Wie kommt er aber auf Hegel, der ihm diese Sicht überhaupt erst ermöglicht? Sie sagten doch, daß in Ungarn vor allem Kant gelehrt wurde.

2. Sprecher: Er kannte natürlich Diltheys „Jugendgeschichte Hegels“ von 1906, die zusammen mit anderen Schriften den allgemeinen Übergang vom Neukantianismus zum Neuhegelianismus vorbereitete. Aber ausschlaggebend war die Bekanntschaft mit dem gleichaltrigen Philosophen Ernst Bloch, den er 1910 in Budapest kennenlernt. Bloch, der Marx und Karl May für die originellsten Schriftsteller hält, tut so, als hätten nach Kant, Hegel und Marx keine anderen Philosophen existiert. Das beeindruckt Lukacs. Bloch dagegen ist von Lukacs nach ihrer ersten Budapester Begegnung enttäuscht. die Schriftstellerin Emma Ritook erzählt es Lukacs. Seine Antwort, daß man als guter Philosoph kein Menschenkenner sein muß, gefällt Bloch so gut, daß sie zur Grundlage einer langen Freundschaft wird.

1. Sprecher: So finden sich nur große Geister… Ist das nicht die Zeit, da Lukacs nach Heidelberg geht und dort sein zweites Buch „Die Theorie des Romans“ in Deutschland veröffentlicht?

2. Sprecher: Seien Sie nicht so ungeduldig! Tatsächlich findet die Übersetzung des Essaybandes in Deutschland einen größeren Anklang, und seine Freunde dort, Paul Ernst, Franz Baumgarten, sowie sein ehemaliger Lehrer Georg Simmel, aus dessen Kreis euch Bloch stammt, setzen sich für das Werk Lukacs‘ ein. Doch erst nachdem 1911 Irma Seidler nach einer unglücklichen Ehe und einem mißglückten Liebesverhältnis mit Balazs Selbstmord begeht und Leo Popper wenige Monate später an Tuberkulose stirbt, hält ihn nichts mehr in Ungarn.

Lukacs: Das Alleinsein, das ich wollte, stürzte jetzt auf mich ein als Urteil des Lebens. Wenn irgend jemand sie hätte retten können, wäre ich es gewesen…, und ich wollte und konnte es nicht: ich war ihr „guter Freund“, ich weiß – doch nicht dies hatte sie nötig. Anderes. Mehr. Dann starb Leo. Jetzt ist alles anders. Jetzt bin ich wieder in mich selbst zurückgesunken. Nacht und Leere umgeben mich. Alle Bande sind gerissen. Und jetzt gibt es nur Zielgemeinschaften; und Dinge; und Arbeit.

2. Sprecher: Lukacs packt seine Koffer und fährt nach Florenz, wo er den ganzen Winter bleibt und, von Bloch dazu aufgefordert, an einer systematischen Ästhetik arbeitet. Bloch ist es auch, der ihn im Frühjahr 1912 überredet, sich in Heidelberg niederzulassen, dem damaligen geistigen Zentrum Deutschlands.

1. Sprecher: Bis wann bleibt Lukacs in Heidelberg?

2. Sprecher: Mit kleineren oder größeren Unterbrechungen bis 1918. In Heidelberg verschaffen ihm seine Beziehungen und seine Schriften schnell den Zugang zu den sonntäglichen Teenachmittagen bei Max Weber und den soziologischen Abenden bei dessen Bruder Alfred Weber.

1. Sprecher: Nach der tragischen Zeit in Ungarn muß ihm die sture deutsche Geistigkeit in diesem Brutkasten bürgerlichen Theoretisierens sehr wohlbekommen sein. Studiert er bei Max Weber?

2. Sprecher: Lukacs studiert bei niemandem! Er kommt nach Heidelberg als geltungsbedürftiger, aber selbstbewußter Philosoph. Er führt zwischen 1912 und 1914 den Plan einer „Heidelberger Philosophie der Kunst“ aus. Und den Gegensatz zu den edlen Vertretern des süddeutschen Neukantianismus dokumentiert schon die geistige Symbiose mit Bloch. Sie waren sich so in ihren Anschauungen, daß sie wie „kommunizierende Röhren“ funktionierten und einen „Naturschutzpark der Differenzen“ bauen mußten, um vor dritten Personen nicht dasselbe zu sagen!

1. Sprecher: Alles beginnt mit Hoffnung! Auch wenn’s nicht zum Prinzip werden kann. Nach dem Fragmentarismus seiner früheren Jahre erscheint ihm wohl die Hegelsche Philosophie wie eine Offenbarung.

2. Sprecher (sachlich): Anders als der Neukantianismus und Positivismus ermöglicht der Hegelsche Idealismus eine synthetische Weltsicht. Totalität in ihren kosmischen Dimensionen ist Lukacs‘ neues Schlagwort.

1. Sprecher (lacht): Jetzt wird mir einiges klar! Beispielsweise seine fast pathologische Abneigung in den
folgenden Jahrzehnten gegenüber allem Montierten,
Expressionierten, Surrealen … kurz: gegenüber allen totalitären Kunstformen. Für ihn war das alles der Rückfall in eine romantisierende Fragmentphilosophie. (barsch) Übrigens glaube ich, Lukacs wählt das Hegelsche System auch aus Gründen der Eitelkeit: Erstens mißtraut er zutiefst allen institutionalisierten Philosophien, seit seiner Kindheit hält er grundsätzlich zur Opposition; zweitens hegelianisiert außer seinem Freund Bloch kein anderer weit und breit. Er ist immer Individualist geblieben.

2. Sprecher (kritisch): Sie sind also wie Bloch der Meinung,
Lukacs sei ab dieser Zeit ein ausgekochter Neoklassizist
gewesen, der alles Formzerstörende als dekadent und als
„Falschmünzerei“ bezeichnet!

1. Sprecher (bedeutsam): Wer will es ihm verübeln, daß er
das Klassisch-Universale auch noch in den Himmel hebt?! Das
zeugt doch nur von seiner – wie Sie sagen – konsequenten
Haltung: die Welt als Psychotest!

2. Sprecher (intervenierend): Das geht zu weit! Sie
quacksalbern! (ruhig) Ich werde Ihnen das erklären… Im
Mittelpunkt von Lukacs‘ Heidelberger Kunstphilosophie steht
die Suche nach dem „Begriff“, der die „leer und sinnlos
werdende Wirklichkeit“ zumindest benennen könnte. Doch die
theoretisch-ästhetische Klärung gelingt nicht. Die Ästhetik
scheitert gerade daran: weil in der Wirklichkeit der Sinn
fehlt. Und worin, denken Sie, erblick Lukacs die
Alternativen zur bürgerlichen Welt! (auftrumpfend) In den
gegen den Zarismus gerichteten Bomben der russischen
Anarchisten und in den Werken Dostojewskis, die die bürgerlich-frigide Pseudomoral total negieren. Was, meinen Sie, sollten die Bomben anderes bewirken, als die bestehende gesellschaftliche Formation zu zerstören und wenn möglich in die Luft zu jagen?

1. Sprecher: Das ist purer Extrextremismus!

2. Sprecher (überlegen): Auch als Philosoph kann man extrem
sein. Wir haben ja heute noch die Schriftsteller… Doch
Lukacs geht einen Schritt weiter: Er heiratet!

1. Sprecher (entgeistert): Was! Er heiratet?

2. Sprecher: Eine russische Anarchistin! So ist – unter
solchen Vorzeichen – von vornherein eine bürgerliche Ehe,
wie sie Lukacs fürchtete, nicht möglich. Übrigens ist es Ihr
vielgeliebter bloch, der Lukacs‘ Frau, die Malerin Jelena
Grabenko treffend charakterisiert:

Bloch: Sie war eine aktive Revolutionärin, die während der
Revolution von 1905 in der Ukraine an Bombenattentaten
mitgewirkt hatte. Bei einer dieser Aktionen war zum Beispiel
eine Bombe in einem Kissen versteckt worden, auf dem ein
Baby lag, als deren Mutter sich die Grabenko ausgab; sie
hatte den Auftrag, diese Bombe explodieren zu lassen. Dabei
konnten sowohl das Baby wie auch sie selbst ums Leben
kommen. Dies beeinflußte Lukacs‘ Ethik in durchaus
erotischer Weise.

Die Malerin & Anarchistin Jelena Grabenko, Ehefrau von Georg Lukacs

1. Sprecher: Ein bombenliebender der Hegelianer – Sie müssen
schon entschuldigen, das ist zuviel!

2. Sprecher: Was wollen Sie! Im Grunde ist es doch ein
religiöser Glaube an die spontan-menschliche Veränderbarkeit
der Welt. Ein bodenloser Utopismus, den sich Lukacs über das
intensive Erleben der modernen Literatur erworben hatte.
Denken Sie nur an Rilke, Zola, Kafka, Gorki und an die
Gedichte des Ungarn Endre Ady.

Lukacs: Bei Ady ist von Anfang an jene „Ich lasse mich nicht
kommandieren“-Stimmung vorhanden, die bei mir Hegels Phänomenologie und Logik immer als Begleitmusik untermalt
hat. Auf diese Weise kam eine Mischung zustande, die in der
damaligen Literatur nicht existiert hat, daß jemand als
Hegelianer gleichzeitig einen linken und sogar bis zu einem
gewissen Grad einen revolutionären Standpunkt einnahm.

2. Sprecher: Mit dieser geistigen Verfassung lernt Lukacs
also 1913 in der italienischen Küstenstadt Bellaria Jelena
Grabenko kennen und heiratet sie ein Jahr später in
Heidelberg.

1. Sprecher (zweifelnd): Geht nun diesmal alles gut?

2. Sprecher: Je nachdem, was Sie darunter verstehen. Zwischen den beiden harmoniert es nicht besonders. Bela Balazs, der Lukacs in Italien begleitet hatte, vermerkt in seinem Tagebuch, daß für Lukacs Lena eine „Versuchsstation, eine menschliche Realisierung seiner Probleme und ethischer Imperative“ sei.

1. Sprecher: Die Ehe als „Versuchsstation“, als Exotikum,
als in der Realität nicht existierender Ort anarchisch
vollendeter Freiheit: das passt wieder zu Lukacs – und zu
Hegel! Sehen sie, das Idealische, das Durchgeistigte läßt sich nicht unterkriegen!

2. Sprecher: Da mögen Sie recht haben. In dieser Beziehung ist Lukacs ein Pragmatiker. Eine Heirat nämlich bedeutet für die aristokratisch-intellektuellen Kreise Heidelbergs die erste Stufe bürgerlicher Seriosität. Und da Lukacs Habilitationsabsichten hegt, muß er auf Konventionen achten!
Doch während des Krieges, der auch verhindert, dass er zu
einem „interessant-exentrischen Privatdozenten“ wird,
trennen sie sich. Lena lebt bis zum Kriegsende mit einem
Musiker zusammen, Lukacs bleibt loyal! Er läßt sich erst
nach dem Krieg von ihr scheiden. Eigentlich zeigt seine Ehe
mit ihr nur einen verzweifelten Versuch, nicht nur geistig,
sondern auch im realen Alltagsleben der Bürgerlichkeit zu
entkommen. Seinem Ausspruch: „Das Äußere ist nicht zu ändern – schafft eine neue Welt aus dem Möglichen!“ folgt er als erster.

1. Sprecher: Ist es nicht traurig!?

2. Sprecher: Was?

1. Sprecher: Wie er sich rumquält, wie er sich ernst nimmt, wie er aus jedem theoretischen Gedanken, von dessen Richtigkeit er überzeugt ist, eine praktische Konsequenz zieht …

2. Sprecher (verblüfft): Wieso ist das traurig? Heute ist’s doch viel trauriger, da schon die Sehnsucht nach Substanz verlorengeht und die Jugend nur immer melancholischer wird, selbst nicht wissend, daß es so ist!

1. Sprecher: Da pflichte ich Ihnen bei. Der Himmel ist immer noch geteilt, doch die Hoffnung fiel in die Spalte zwischen den Hälften.

2. Sprecher (betont): Ich würde diese extreme Formulierung nicht unterschreiben. Bei ihrer Bloch-Verehrung und bei dessen Einfluß auf Lukacs. Ich erhebe Bloch nicht zum marxistischen Theoretiker! Er ist für mich ein Künstler, ein Sprachkünstler, mit einer tiefen marxistischen Gesinnung. Seine Schriften sind immer essayistisch geblieben, durchtränkt von einer religiösen Zuversicht in die Zukunft. Er tut nicht den Schritt zur praktischen Politik, während Lukacs immerhin langjähriger Funktionär der Kommunistischen Partei Ungarns gewesen ist. Doch das ist keine Forderung! In unserer Zeit ist Blochs Hoffnungsphilosophie mit ihrem phantasievoll aktivierendem Optimismus sehr wichtig. Die sollten Sie sich zu eigen machen. Die beeindruckt 1913 auch Lukacs. Von beiden ging in Heidelberg die Sage, sie seien Gnostiker. Auf die Frage nach den vier Evangelisten antwortete man damals: Marcus, Matthäus, Lukacs und Bloch! doch zurück zu Lukacs‘ Ehe. Bloch als auch Balazs machen auf jenen Irrtum aufmerksam: Lena Grabenko gleicht nach beider Zeugnis so sehr einer Schöpfung Dostojewskis, daß Lukacs es schwer hat zu begreifen, daß sei keine ist!

1. Sprecher: Vielleicht würde uns eine solche fatamorganisierende Erscheinung auch nicht schaden! Der Hintergrund dafür sind 1914 die antibürgerlichen Moralauffasungen Dostojewskis? Ich kann das gut nachvollziehen, zumal Dostojewski für viele radikale Intellektuelle die einzige Alternative bietet, weil die Analyse seines Lebens und Werks Lösungen verspricht – so schreibt Karl Mannheim bereits 1912 an Lukacs – und auch auch weil Dostojewskis Welt mit ihrer eigenen in hohem Maße verwandt ist, samt all ihren Missständen, Unerfülltheiten und Verzerrungen.

2. Sprecher: Diesen Messianismus überträgt Lukacs in seiner
ersten marxistischen Periode auf die Arbeiterklasse. Für mich ist nur neu, daß seine Hinwendung zur Ethik, die ihn schließlich zur Revolution führt, schon vor dem ersten Weltkrieg beginnt.

1. Sprecher: Ja, noch 1913 hofft Lukacs, der entsetzt ist „vom geistigen Niedergang Deutschlands“, auf ein „Wiedererwachen der deutschen Philosophie und Religiosität“, auf die Gemeinschaft einer „unsichtbaren Kirche“ für das desorientierte, verlassene Individuum. Die ethische Komponente macht deutlich: Lukacs wird zu einem Zoon politikon! Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges treten die ästhetischen Fragestellungen noch mehr in den Hintergrund, und an ihrer Stelle kommt Geschichtsphilosophie.

2. Sprecher: Ich würde so weit gehen und behaupten, daß Lukacs mit Kriegsbeginn das akademische Theoretisieren bleiben läßt und in der „Theorie des Romans“, die das Einleitungskapitel einer nicht fertiggestellten Dostojewski-Monographie bildet, die ganze existierende Gesellschaft als unmenschlich verwirft.

1. Sprecher (stolz): Ist mir bekannt! Mit Fichte charakterisiert er die Gegenwart als eine „Epoche der vollendeten Sündhaftigkeit“ und den sie widerspiegelnden Roman als „Epopöe der gottverlassenen Welt“. Darum mißt er der Innerlichkeit eine immer größere Bedeutung bei, aber daß die politische Konsequenz von Lukacs gezogen wird – das scheint mir zu überintepretiert!

2. Sprecher: Natürlich kann in Lukacs‘ Verständnis jeder Mensch für sich das Primat der Seele behaupten. Doch gerade im Krieg wird die Nivellierung des einzelnen in der sich schlachtenden Masse offenkundig, ist eine unentfremdete Lebensform völlig ausgeschlossen, ja erweist sich „die Wesensverschiedenheit von Ich und Welt, die Inkongruenz von Seele und Tat“, als eigentliches Merkmal der bürgerlichen Gesellschaft.

1. Sprecher: Und wie steht er zu den verschiedenen politischen Systemen?

2. Sprecher: Lukacs lehnt alle am Krieg beteiligten Staaten mit ihren verschiedenen Systemen als unmoralisch und wertzerstörend ab: das zaristisch-absolutistische Russland, die westlichen Demokratien Frankreichs und Englands, die Monarchien der Hohenzollern und Habsburger.

Lukacs: Es ist eine Todsünde an den Geist, was das deutsche Denken seit Hegel erfüllt: jede Macht mit metaphysischer
Weihe zu versehen. Eine metaphysische Realität besitzt aber
nur die Seele, nicht der Staat. Und hier muß – um die Seele
zu retten – gerade die Seele geopfert werden: Man muß, aus
einer mystischen Ethik heraus, zum grausamen Realpolitiker
werden und das absolute Gebot, das „Du sollst nicht töten“,
verletzen. Aber im letzten Wesenskern ist es ein uraltes
Problem, das vielleicht Hebbels Judith am schärfsten
ausspricht: „Und wenn Gott zwischen mich und meine Tat eine
Sünde stellen würde, was bin ich, das ich mich ihr entziehen
dürfte?“ Nur die Situation ist neu, und die Menschen sind neu.

1. Sprecher (beeindruckt): Vom Haß gegen die Heuchelei des
bourgeoisen Elternhauses bis zum Haß gegen alle bürgerliche
Staatsformen: Es war mühsam erlebte Erkenntnis. Lukacs ist,
da er das 1915 schreibt, dreißig Jahre alt. Und er ist in
seiner politischen Anschauung radikalisiert. Ich verstehe,
wenn Sie sagen, daß die Oktoberrevolution jenen Ausweg aus
dieser alternativlosen Welt bedeutete.

2. Sprecher: Den Übergang zum Kommunismus vollzieht er theoretisch im Herbst 1918 mit der kleinen Studie „Taktik
und Ethik“, die auch mit dem Hebbel-Zitat endet und die
moralische Rechtfertigung für die revolutionäre Gewalt
beinhaltet! Auch in diesem Fall folgt der theoretischen
Versicherung der praktische Beitritt zur Kommunistischen Partei Ungarns im Dezember 1918, einen Monat nach deren Konstituierung.

1. Sprecher: Ja, weil Lukacs‘ Kommunismusauffassung durch und durch idealistisch geprägt ist, und wie Bloch richtig bemerkt, bedeutet die Oktoberrevolution für Lukacs eine Erfüllung im theologischen Sinn – er findet endlich das Zuhause, das lang ersehnte. Der wahre Christus führt die Revolution an – wie in Alexander Blocks Poem „Die Zwölf“…

2. Sprecher: Die Wende zur kommunistischen Theorie ist noch ganz anders heilsam. Sie haben zwar den permanenten Widerspruch zwischen einer eher konservativen Lebensphilosophie und einer linkstragischen Weltanschauung angedeutet, aber nicht ausgesprochen. Dieser Widerspruch wird nun aufgelöst: anstelle der „rechten Erkenntnistheorie“ tritt der Marxismus.

1. Sprecher: Ja, das meinte ich, die psychotherapeutische Heilwirkung. Doch sagen Sie, kommt dieser Schritt im Dezember 1918 nicht auch etwas unvermittelt?

2. Sprecher: Mir scheint er eher logisch. Auch die drei Jahre unmittelbar davor bereiten den Entschluss Lukacs‘ vor. Er muß vom Herbst 1915 bis zum Sommer 1916 nach Ungarn zurückkehren und kann, trotz eines ärztlichen Attestes vom Psychologen Karl Jaspers, seine Befreiung vom Militärdienst nicht verlängern. Er dient als Hilfssoldat bei der Briefzensur, nachdem der Einfluß des Vaters Schlimmeres verhindert hatte. In dieser Zeit tritt er sich im Hause Balazs‘ jeden Sonntag mit Karl Mannheim, Emma Ritook, Arnold Hauser und anderen, um über Literatur, Philosophie und Religion zu sprechen.

1. Sprecher (einfallend): Der berühmte „Sonntagskreis“, der
von fünfzehn bis drei Uhr morgens tagte. Arnold Hauser macht
darauf aufmerksam, daß zehn von zwölf Stunden Lukacs sprach
und daß Politik kaum eine große Rolle spielte. Die Basis des
Kreises bildete wohl die Kriegsgegnerschaft. Wenn man die
unpolitische Haltung dieses eher pazifistischen Kreises
bedenkt, verblüfft der Schritt zur KP noch mehr.

2. Sprecher: Der abgrundtiefe Haß macht, daß Pazifismus nicht zum Problem wird, nicht zu einer neuen Sackgasse in einer ausweglosen Welt. Zudem wird seine politische linke Ethik radikalisiert; er liest Rosa Luxemburgs Schriften und lernt über Ervin Szabo, den marxistischen Führer der linken Sozialdemokratie, die Theorie der französischen Syndikalisten kennen.

1. Sprecher: Ach, Sorel muß ihm sehr entsprochen haben: seine Unerbittlichkeit gegenüber jedem Opportunismus und auch die Mystifizierung der „Partei“ … Dann konnte er ja in der Revolution die Verwirklichung seiner inneren Vision sehen!

2. Sprecher: Doch zu diesem Entschluss bedurfte es noch des Anstoßes einer Frau.

1. Sprecher: Hat er nicht genug von ihnen?

2. Sprecher (bedeutsam): Jetzt sind es doch Lebensentscheidungen und keine Experimente mehr! Der Partei und der neuen Frau bleibt er bis zu seinem Lebensende treu!

1. Sprecher: Soso!

2. Sprecher: Die Liebe fürs Leben ist Gertrud Bortstieber, die später bekannte Marxistin und Nationalökonomin, die für Lukacs eine Art „Weltidee im Weibe“ repräsentiert!

1. Sprecher: Was meinen Sie denn damit?

2. Sprecher: Gertrud Bortstieber, die inzwischen mit einem
Mathematiker verheiratet ist und zwei Kinder hat, kennt
Lukacs seit seiner frühen Kindheit. Schon 1906 schreibt sie ihm einen Brief, wo sie das nur freundschaftliche Stadium ihrer Beziehung bedauert.

Bortstieber: Ihre Gedanken habe ich ohne jeglichen Widerstand aufgenommen – kritisieren will ich nicht, halte mich auch nicht kompetent genug dazu, und schließlich wünschen Sie ja auch nicht das, sondern nur, daß ich „aufnahmebereit“ lese. Diese Rolle übernehme ich jederzeit gerne, wann immer Sie einen Leser brauchen, stehe ich Ihnen mit größtem Vergnügen zur Verfügung. Ich bedaure sehr, daß ich kaum eine Gegenleistung von Ihnen werde erbitten können.

1. Specher (amüsiert): Gut, das überzeugt mich. Und sie rät
ihm, in die Partei einzutreten?

2. Sprecher: So ist’s! Und er widmet ihr das geistige Produkt dieses Umwandlungsprozesses, sein Buch „Geschichte und Klassenbewusstsein“. Wie er zuvor „Die Seele und die Formen“ Irma Seidler sowie „Die Theorie des Romans“ Jelena Grabenko widmete.

1. Sprecher (bewundernd): Für jede Etappe seines Lebens ein
Buch und eine Frau – wahrlich, da kann man wirklich von „gelebten Denken“ sprechen!

Lukacs: Ich weiß nicht, ob ohne Gertrud die innere Umwandlung meines Denkens zwischen 1917 und 1919 verwirklichbar gewesen wäre. Nicht nur, weil jetzt – zum ersten Mal  im Leben – weltanschauliche Entscheidung = Änderung der ganzen Lebensweise, sondern zugleich als Weltanschauung Alternativen ganz anderer Art.

Gertrud Bortstieber, zweite Ehefrau von Georg Lukacs

1. Sprecher: Und so wird der Sohn eines der reichsten Bankiers Ungarns, eben dieser Georg von Lukacs, über Nacht zu einem der wichtigsten Organisatoren der Ungarischen Revolution von 1919?

2. Sprecher: Ja, bereits im Januar 1919, einen Monat nach seinem Beitritt zur KP, wird er in das sogenannte „zweite Zentralkomitee“ kooptiert und nach Ausrufung der Ungarischen Räterepublik im März ist er stellvertretender, ab dem Sommer allein verantwortlicher Volkskommissar für Unterrichtswesen und Politkommissar der 5. Roten Division an der Front gegen die Armeen der Entente. In dieser Funktion läßt Lukacs sechs Soldaten erschießen, da sie beim ersten Feuer der Schlacht davonlaufen. Hier merken Sie sehr deutlich jene Ernsthaftigkeit, auf die ich hindeutete.

1. Sprecher: Sie haben mich überzeugt, besser gesagt, Ihr Nachvollzug von Lukacs‘ Beharrlichkeit hat mich überzeugt … Außerdem denke ich, daß dieser Widerspruch zwischen aristokratisch-bürgerlicher Herkunft und revolutionärer Gesinnung sich als fruchtbare Quelle für die Produktion eines ganzen Lebens erweist!

2. Sprecher: Ja, diese Antinomie fiel schon damals auf, z.B. dem englischen Korrespondenten von der Front im Sommer 1919:

Korrespondent: Lukacs geht in einer Lederjacke umher, ein ernsthafter kleiner Professor, sehr gebildet und intelligent, liebenswürdig und humorvoll, seine plötzliche Umwandlung amüsiert ihn riesig. Aber auch er kämpft mit, geht mit den Soldaten in die Schlacht.

1. Sprecher: Verblüffend! Aktivismus ist nun nicht mehr Anarchie, es ist verwirklichte Sehnsucht? Wär’s nur heute auch möglich – im Zeitalter der Fernziele und Sternenkriege! Aber bedenkt man, was noch folgt in Lukacs‘ Leben, findet der Spruch „Ende gut, alles gut“ keine rechte Anwendung!

2. Sprecher: Völlig richtig, jetzt fängts erst richtig an – das, was er selbst später als Lebenswerk gelten lassen wird!

1. Sprecher: Und was wird man von unserem Gesagten gelten lassen? …(zitierend) „Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen, und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen“!

2. Sprecher: Resignieren Sie nicht, auch wenn die Zeit danach sein sollte – Rilke schrieb sich heraus aus den Verzweiflungen seiner Zeit. Uns beiden aber wird bleiben: das ernsthafte, oft ausweglose Suchen nach der persönlichen Wahrheit, nach einer unentfremdeten Seinstotalität. Vielleicht ist gerade dieses Suchen die neue Substanz, der neue Widerhall in diesem so abgedroschen klingenden Satz:

Lukacs: Die Weltanschauung ist ein tiefes persönliches Erlebnis des einzelnen Menschen, ein höchst charakteristischer Ausdruck seines inneren Wesens, und sie widerspiegelt gleichzeitig bedeutsam die allgemeinen Probleme der Epoche.

© Asteris Kutulas, 1984-85

(Erstveröffentlichung: Zeitschrift Temperamente, 4/1985)

*** *** ***

Nachtrag

Als Georg Lukács im Januar 1919 ins „zweite Zentralkomitee“ der Kommunistischen Partei Ungarns (nach der Verhaftung der Mitglieder des „ersten Zentralkomitees“ unter Bela Kun) berufen wurde, war er gerade erst seit einem Monat Mitglied der Arbeiterpartei. Der adlige Sohn der reichsten Bankiers Ungarns und einer der bekanntesten bürgerlich-liberalen Philosophen nahm schon drei Monate später den Posten des Volkskommissars für Kultur und Unterricht in der Ungarischen Räterepublik an und beteiligte sich als Politkommissar bei der militärischen Verteidigung der Revolution gegen die Entente.

Der feine Widerspruch, der sich in gewisser Weise als fruchtbare Antinomie erwies, und für die uns bekannte literarische Produktion seines ganzen weiteren Lebens reichte, fiel damals schon auf: „Er geht in einer Lederjacke umher, ein ernsthafter kleiner Professor, sehr gebildet und intelligent, liebenswürdig und humorvoll – seine plötzliche Umwandlung amüsiert ihn riesig … Aber auch er kämpft mit, geht mit den Soldaten in die Schlacht … ‚Wir stehen im Krieg’, sagte Lukács, als ich wegen der Erschießung von sechs Mann aus jener ersten Kompanie protestierte, die ‚beim ersten Feuer einfach davonliefen’. ‚Im Krieg müssen Deserteure und Verräter erschossen werden. Wenn nicht, gut, dann lassen wir einfach die Tschechen herein, und die Revolution ist vorbei.’“ (LiB,103) Verblüffend sind Worte und Haltung eines Menschen, der bis dahin stets abseits von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und politischen Fragestellungen stand und den nach eigener Aussage nur der Erste Weltkrieg daran gehindert hatte, „ein ‚interessant’-exzentrischer Privatdozent“ in Heidelberg zu werden, also im damaligen Zentrum des süddeutschen Neukantianismus, der – Nietzsche, Freud, Dilthey etc. verinnerlichend –, versuchte, durch Vereinnahmung des Marxismus oder dessen Ablehnung gesellschaftliche Konzepte zu entwickeln, die dem kapitalistischen System eine theoretische Lebensbasis bieten sollten. (Das ist natürlich relativ zu sehen, wenn man die doch divergierenden Anschauungen von Lask, Weber, Windelband, Rickert, George, Gundolf etc. betrachtet.)

Dass Lukács’ Reaktion auf den 1. Weltkrieg im Gegensatz zu jener der Mehrzahl deutscher Intellektueller stand, die den Weltkrieg vorbehaltlos begrüßten und in ihm oft als Freiwillige dienten, zeigte sich in seiner moralisierenden Ablehnung des Kriegs, etwa in einem Brief vom April 1915 an den Freund und Schriftsteller Paul Ernst: „Die Macht der Gebilde scheint in stetigerem Zunehmen zu sein als das wirklich Seiende. Aber – dies ist für mich das Kriegserlebnis – wir dürfen das nicht zugeben. Wir müssen immer wieder betonen, dass das einzige Essentielle doch nur wir sind, unsere SEELE.“ Lukács’ Ablehnung des „Moloch(s) des Militarismus“ (B,358) ist eine absolut theoretische, darum aber auch so elementare: sie behauptet die Autonomie des Individuums, die Autonomie der Seele gegenüber einer Kriege gebärenden Gesellschaft.

Umso verblüffender dann die Wandlung: von diesem quasi pazifistischen Standpunkt hin zu einem, der eine auch bewaffnete Teilnahme an der Räterepublik-Regierung für akzeptabel hält in eine auch bewaffnete Teilnahme an der Räterepublik-Regierung. Die Metamorphose der Gesinnung vollzog sich bei Lukács jedoch nicht radikal, sie war in seinem früheren Denken angelegt: viele ästhetische und philosophische Diskurse aus seiner Jugendzeit beschäftigten ihn auch unter den veränderten weltanschaulichen Prämissen sein ganzes Leben lang.

Letztendlich führte die Analyse der „Frage der Gewalt“ in der Geschichte Lukács dazu, dass er sich der Kommunistischen Partei anschloss; zeigte sie doch, „dass die Theorie in den Köpfen der Menschen nicht genau das Gleiche bedeutet wie die Praxis“ (LiB,83). Das war eine wesentliche Erfahrung, die er auch in seiner Tätigkeit als Volkskommissar für Kultur und Unterricht machen konnte. In der Zeit der Räterepublik von März bis August 1919 reformierte die Kulturpolitik der Kommunistischen Partei – die von Lukács entscheidend mitgeprägt wurde – das kulturelle Leben Ungarns grundlegend. Das musikalische Direktorium leiteten Béla Bartók, Ernö Dohnànyi und Zoltàn Kodàly, im Schriftstellerdirektorium arbeiteten u.a. Babits, Kassak und Dery mit, auf dem Gebiet der bildenden Kunst wurde eine Sozialisierung von Kunstwerken organisiert, sämtliche wichtigen Positionen im Universitätsbetrieb wurden durch führende Repräsentanten der radikalen Lehrer-Gewerkschaftsbewegung neu besetzt.

Ähnlich Lenins Kampf (natürlich aus anderen Positionen heraus) gegen den „destruktiven Proletkult“, bekämpfte auch Lukàcs z.B. von Kassaks Streben, „der offizielle Hofdichter des Kommunismus“ zu sein. In der Zeitung Vöros Ujság erschien am 19.4.1919 der Artikel „Zur Aufklärung“, der seine Position klar umreißt: „Das kommunistische Kulturprogramm unterscheidet nur zwischen guter und schlechter Literatur und ist keineswegs bereit, Shakespeare oder Goethe unter der Devise zu verwerfen, dass sie keine sozialistischen Schriftsteller waren. Es ist aber ebenso wenig bereit, unter dem Vorwand des Sozialismus den Dilettantismus auf die Kunst loszulassen … Das Volkskommissariat für Unterricht will keine offizielle Kunst, aber auch nicht die Diktatur der Parteikunst. Der politische Gesichtspunkt wird noch lange ein selektierender bleiben, kann aber die Richtung der literarischen Produktion nicht vorschreiben. Er soll nur Filter, nicht aber Quelle sein.“ (LiB,98) Voilà, die Geschichte kann beginnen.

© Asteris Kutulas, 1986

„Kassandra“ von Christa Wolf (Tagebücher)

Christa Wolf. Die für mich interessanteste und spannendste Schriftstellerin der DDR, diesem Niemandsland der Hoffnung. Christa Wolf hat mich lange verfolgt, noch vehementer dann als „Kassandra“. Ein Flirren zwischen Heimat und  Lifestyle. Rockmusik in meiner Seele. In meinem Kopf ein Widerhall von Gesprächsfetzen bei ihr zu Hause und einmal auch in Tübingen. Das Blubbern des Bluts in den Adern. Und sie verhalf mir zu meiner damaligen realsozialistischen Einsicht Ende der siebziger Jahre: Der Himmel ist immer noch geteilt, aber die Freiheit fiel in die Spalte zwischen den Hälften …

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„Nur wer Konflikte kennt, hat etwas zu erzählen“ – Tagebucheintragungen zur Kassandra von Christa Wolf

16.02.84, Berlin, Cafe Friedrichstraße

Gestern beschäftigte ich mich in der Staatsbibliothek vorwiegend mit der Real-Enzyklopädie: Tauris, Artemis etc., äußerst interessante Feststellungen gemacht. Besonders eine: die Verschmelzung der arkadisch-lakonischen Festlandsreligion von einer Artemis, die fraulich-mütterlichen Charakter besaß (Schutz für Geburt, Jugend etc.), mit der Letoidenreligion des ionischen Kleinasiens (besonders jener der Insel Delos), wonach die zwei Letokinder mehr der Seefahrerideologie zugewandt waren, also Kriegs- und Handelsgötter darstellten. Resultat: Heterogenität bei Homer(Zunahme des Begriffs der Jungfräulichkeit). Auch Verschiebung von der Vorstellung der Artemis als Gattin des Zeus (die ihn eigentlich beherrschte: Matriarchat) zur Schwester des Apoll und Tochter des Zeus (® patriarchalische Machtverschiebung). Nebenbei festgestellt: Fehler Goethes mit Tauris; Stadt/Insel in der Adria …

Während der Mythos in den letzten 2000 Jahren überhöht und immer als solcher „symbolisiert“ und „allegorisiert“ verwendet wurde (auch bei Brecht, den Franzosen etc.), ist jetzt mit Peter Weiss, Christa Wolf und natürlich bei Jannis Ritsos eine Tendenz – nicht nur zur „Entmythologisierung“, sondern zu einer Verpflanzung in alltägliche heutige Konstellationen festzustellen. Die „Brisanz“ besteht in einer neuen Sicht auf diese Dinge; nicht aber in der platten Analogie. Natürlich gewinnt dieser Vorgang durch die tausendjährige Verfremdung eine neue Art von Symbolik: dass der Sprung aus dem Tierreich noch nicht geschafft sei. Die Denkmuster seien noch gleich. Christa Wolf schreibt: „Mein Anliegen bei der Kassandra-Figur: Rückführung aus dem Mythos in die (gedachten) sozialen und historischen Koordinaten.“ (142) Beim Lesen das Gefühl, Christa Wolf decke sich zu sehr mit Kassandra: „Man darf Kassandra nicht glauben, das ist ein Gesetz, solange man nichts, vor allem nicht sich selbst, verändern kann.“ (140)

„Das Troja, das mir vor Augen steht, ist – viel eher als eine rückgewandte Beschreibung – ein Modell für eine Art von Utopie.“ (108) Also, ein neues „matriarchalisches Gesellschaftskonzept“ als sozialistische Utopie? „Mir ist bewusst, dass mein Rückgriff in eine weit, ur-weit zurückliegende Vergangenheit (der beinahe schon wieder zum Vor-Griff wird) auch ein Mittel gegen diese unauflösbare Trauer ist, die Flucht zurück als eine Flucht nach vorn. Eigenartige Selbstbeobachtung, dass die Einsicht, Menschen und Verhältnisse seien in dreitausend Jahren nicht sehr weit aus sich und über sich hinausgelangt, eher in Gelassenheit mündet als in Hoffnungslosigkeit.“ (94) Interessant, wenn „Terracottafiguren … das Gefühl vermitteln, dass es im Grunde die gleichen Menschen waren, wie wir es sind …“ (75) „Sind wir nicht jenseits aller Verkündigungen und Prophezeihungen, also jenseits der Tragödie? (37)

Prophetenglaube ist, denke ich, größtenteils Glaube an die Kraft des Wortes … Die Zentrierung um den Logos, das Wort als Fetisch – vielleicht der tiefste Glaube des Abendlandes, jedenfalls der, dem ich in inbrünstig anhänge.“ (23)

Christa Wolfs Programm: „ … die Fragen [zu stellen; A.K.], die Kassandra aus Mythos und Literatur herauslösen können“. (23)

Wie ein roter Faden durch das ganze Buch: Problem der Alternative. Denn: „… es wächst das Bewußtsein der Unangemessenheit von Worten, vor den Erscheinungen, mit denen wir es jetzt zu tun haben“. (110) „In Troja aber, das glaube ich sicher, waren die Leute nicht anders, als wir es sind. Ihre Götter sind unsere Götter, die falschen. Nur sind unsere Mittel nicht ihre Mittel gewesen.“ (122) Die DDR als ein mythologisch gewandetes Troja.

21.2.84, Cafe Friedrichstraße

Weiter bei Christa Wolf: „Kassandra erfährt bis auf den Grund, was es heißt, zum Objekt fremder Zwecke gemacht zu werden. Zunehmend entzieht sie sich dann dem Dienst an den Ihren, der sozialen Maschinerie, in die sie eingebaut ist … Ihre innere Geschichte: Das Ringen um Autonomie“ (151). Für Wolf ganz wichtig: „Alternativen“ & „Autonomie“. Das Herauslösen aus der realsozialistischen Wirklichkeit und der Glaube, dass es auch „anders“ geht.

Und sie wird deutlicher: „Zu zeigen, wie die historische Kassandra, von der ich ausgehe, und ihre historische Umgebung durch Ritual, Kult, Glauben und Mythos gelenkt werden, während für uns das gesamte Material „mythisch“ ist … Ich sehe sie nüchterner, sogar mit Ironie u. Humor. Durchschaue sie. Dann stürzte ihre Umgebung auf mich ein: ihre Freundinnen, ihre Familie. Ich muss sie ja kennen. Stelle fest: Ich „kenne“ sie, schon lange. Immer mehr Abstraktionen füllen sich mit Fleisch u. Blut, mit Gesichtern, Gesten.“ (152)

Dann der Sprung: „Schlüsselerzählung“ statt „Lehrstück“ (152)

Ich glaube nicht, daß Wolf wirklich interessiert, wie „Kassandra war, bevor andere über sie schrieben“. Das Buch, das ich lese, erzählt etwas anderes: Eine Frau spricht sich aus, die nichts mit dem „dunklen Jahrhundert“ von vor 3.000 Jahren, wohl aber alles mit Christa Wolf Anfang der 80er Jahre zu tun hat.

Gespaltenheit [Schein, Ideal/Wirklichkeit] … Pathos / Alternative … Aineias, Resultat: Beischlaf.

27.2.84

„Kassandra“ ausgelesen. Ein atemberaubendes Buch, emotional packend dazu, das mich sprachlos macht. Mein Inneres vibrierend zwischen Lobeshymnen und Ablehnung. Ein unverschämt gutes Werk ….

21.08.84, im Flugzeug nach Athen

„Kassandra“ (Vorlesung + Erzählung) läßt mir keine Ruhe: Irgendwie okkupiert Wolf durch ihren genialen Wurf die ganze Antike, sie läßt „mir“ keinen Raum. Sie ist gerade „in“ – in beiden deutschen Staaten, sie tritt eine gewissen Nachfolge in den permanenten Mode-Welten an, die von Kritik und kleinbürgerlich-moralistischen Befindlichkeiten getragen werden. Vielleicht ohne es zu wollen, schafft sie mit der „Kassandra“ eine programmatische („Schlüssel“-)Erzählung und wirkt dadurch wie ein Dogma. Besonders in den Vorlesungen wird dieser Allein-Anspruch deutlich: Wenn man ideologisch und patriarchalisch nicht infiziert sei, müsse man ja die Antike so verstehen wie sie: als reale Geschichte doch (vertane) Chance, in einer von Frauen (weiblich) regierten Welt friedlich, harmonisch und naturverbunden zu leben. Das, was mich dabei am meister verblüfft, ist ihr niemals revidierter Anspruch, über jene Kassandra zu schreiben, die jeglicher interpretatorischer Sicht entbehren soll, also über die historische Kassandra, „so, wie sie wirklich war, bevor man über sie schrieb“. Völlig klar jedoch ist, dass sie nur über eine Kassandra von 1981/82 schreiben konnte. In diesem schizophrenen Widerspruch liegt das Konfliktpotential des Buches …. die Beschlagnahme der Antike. Immerhin. Unter der Haut, was die historische Alternative als auch diese psychologisierende Verschiebung betrifft, wird unhistorisches Denken befördert. Walter Benjamin läßt grüßen.

Bei alldem interessiert mich persönlich allein die Frage: Wie kann ich heute über „Delfi“ schreiben? Natürlich ist die Ausgangslage anders als für Einen, der das Land der Griechen mit der Seele suchen und finden muss. Die Hervorhebung jener existenziellen Bezüge stehen für mich an erster Stelle. Jenes immer mehr in die Vergangenheit-Fliehen von Wolf in die Romantik, die Vor-Antike, jenes auf metaphorische Weise Bewältigen von aktuellen Problemen sind für mich nicht relevant. Was aber dann?

22.08.84, Athen, Akropolis

Auch die Ermordung der zwei Kinder durch Medea als Rache gegenüber ihrem Mann ist nur als Verzweiflungsakt einer einst über den Mann herrschenden Frau zu verstehen. Allein aus dieser Macht-Agonie heraus ist die Schlachtung zu verstehen, in ihrer Brutalität viel elementarer, weil selbstzerstörerischer als jene der Männer. Vielleicht ist die Selbstzerstörung der brutalste Widerstand, der existieren mag.

Bei Christa Wolf manipulatorisch-unhistorisches Herangehen. Beispiel Frauen auf Kreta als direkte Nachfahren Kassandras zu sehen  die vor-antike Verwurzelung im eigenen Verständnis als allgemein-gültiges anzuerkennen … Wo bleibt die byzantinische Traditionswurzel, wo die besondere Rolle des Christentums und der orthodoxen Kirche, wo (aber und vor allem) die 400jährige osmanische Herrschaft? Die direkte Beziehung ist so konstruiert und auch als Modellfall nicht anzunehmen. Das eigentliche Problem beginnt allerdings erst dort, wo sie all das nicht als Kunst, sondern als Vorlesung mit wissenschaftlichem Anspruch, der klar ausgesprochen wird, postuliert. Da wird’s spekulativ.

03.05.86, Zug Berlin-Greifwald

zu Christa Wolf

  • auf der einen Seite geht es immer um das eigene Verständnis der Vergangenheit … abhängig von der Gegenwart und von der Persönlichkeit des Schriftstellers (siehe Goethes „falsches Verständnis“ von der Antike)
  • auf der anderen um die historische Situation an sich … ihre Durchdringung durch die Wissenschaft, ihre unterschiedliche Interpretation durch die heutigen oder die vergangenen Wissenschaftler

17.05.86, Berlin

Christa Wolf schafft ebenfalls „bürgerliche Verhältnisse“ bzw. sie gelangt zu einer „bürgerlichen Auffassung“ eines Thomas Mann, imprägniert mit Schopenhauers Pessimismus.

  • gegen Blochs Utopie-Konzeption
  • s.a. Problem der Wiederholung … vgl. zu Ritsos!
  • Schluss bei Wolf … Löwentor bei Ritsos

Ich suche vergeblich auch ein nur annäherndes Bild von Griechenland, von dem, das ich kenne, von den Menschen, die ich kenne, in ihren Vorlesungen: vergeblich. Sie war in einem anderen Griechenland, in einem Griechenland mit Wolfschem Sehraster. So ist nun mal Kunst. Ich sollte nicht von einem Apfelverkäufer Birnen verlangen.

Asteris Kutulas, 1986

Bild-Ausschnitt eines Steindrucks von Angela Hampel für die Bizarre-Städte-Edition „ausdrückliche klage aus der inneren immigration“ (1989)

Mythos Rebetiko

Gedanken zu einer musikalischen Subkultur


„1934 sah ich zum erstenmal in meinem Leben echte Zebekes. Sie stiegen in Smyrna aufs Schiff, mit dem ich nach Konstantinopel reisen wollte. Sie trugen die alten Trachten der Zebekes. Einer von ihnen, ein Fünfunddreißigjähriger, sprach etwas Griechisch, und so konnten wir uns unterhalten. Er berichtete voller Bewunderung von einem seiner Kameraden, der so hervorragend tanzen könnte, daß ihm keiner darin nachkomme. Als die Sonne unterging, verließ das Schiff mit Ziel Konstantinopel den Hafen. Und in diesem Augenblick begann besagter junger Mann tatsächlich auf dem Deck zu tanzen. Er war klein und gedrungen, veränderte sich aber sofort bei den ersten Schritten. Er war nicht mehr derselbe. Seine fast wilde Männlichkeit wurde seltsamerweise von etwas wie Demut und Dankbarkeit unterstrichen, einer Dankbarkeit, von der man nicht wußte, wem sie galt. Mir schien es, als danke er voll Ergebenheit einem Gott für das Wunder, das das Leben ist. Der Tanz wurde von einem Tumbeleki begleitet, einer türkischen Trommel, die den magischen 9/8-Takt vorgab. Ich spürte Erotik und Männlichkeit und gleichzeitig den entfernten Hauch des Todes.“

Der Maler Jannis Zaruchis, von dem diese Zeilen stammen, hat in Hunderten von Skizzen und Bildern verschiedene Motive von Zebekiko-Tänzern festgehalten. Für viele griechische Maler, Komponisten und Dichter ging seit den dreißiger Jahren von diesem Tanz und von dieser Musik eine seltsame Faszination aus. Möglich, daß sie im Neid auf solch elementare Wirkung von Kunst wurzelte, möglich auch, daß sie das Erstaunen über diese spontane, noch mitten im 20. Jahrhundert existente Identifikation mit einer Kunstform ausdrückte. Zaruchis verdeutlicht zumindest eine Ursache dieser Faszination: Der Zebekiko-Tanz gilt ihm als Sinnbild, ja als Hervorkehrung des ewigen Kampfes des Menschen gegen den Tod, also gegen sich selbst. Der Tänzer verwandelt sich, ist nicht mehr der, der er vorher war und der er danach wieder sein wird. 
Die Zebekes, über die Zaruchis schrieb, gaben dem Tanz den Namen. So bezeichneten sich die Krieger eines Stamms, der in Kleinasien und Thrakien ansässig war, jedoch nicht die muslimische Religion angenommen hatte. Der Zebekiko, der Kriegstanz dieses Stamms, wurde später, von der griechischen Rebetiko-Kultur assimiliert, zum wichtigsten Tanz der rebetischen Musik. Das rhythmische Kennzeichen des Zebekiko ist der unregelmäßige 9/8-Takt, der durch den überhängenden Schlag Unruhe und Schwermut erzeugt – typisch für die Atmosphäre des Rebetiko. Eines der klassischen Rebetika, das auch textlich zu den interessantesten gehört, ist das Lied „Mondlose Nacht“ des Komponisten Apostolos Kaldaras aus dem Jahre 1947. Der, wie so oft, mehr allegorische Inhalt setzt sich mit der Situation während des griechischen Bürgerkriegs auseinander. Dieser Zebekiko wurde so bekannt, daß er von der griechischen Militärregierung 1947 verboten wurde. 

Es ist mondlose Nacht und die Dunkelheit tief; 
und doch kann der junge Mann nicht schlafen. 
Was wartet er die ganze Nacht, bis der Tag anbricht, 
am schmalen Fenster, durch das Licht in die Zelle fällt? 
Die Tür geht auf, die Tür geht zu, doch doppelt ist das Schloß; 
was hat der Junge nur getan, daß sie ihn ins Gefängnis sperrten? 
Die Tür geht auf, die Tür geht zu, mit lautem Stöhnen; 
ich wollt, ich könnt erfahren, was sein Herz ersehnt.

II 
Die Ursprünge rebetischer Musik, zu der auch der Zebekiko gehört, verlieren sich im 19. Jahrhundert, in der Zeit nach der Befreiung Griechenlands von türkischer Herrschaft um 1830 und der Konstituierung eines griechischen Nationalstaats. Der erste von den Schutzmächten England, Frankreich und Russland eingesetzte griechische König – Otto I. von Bayern – sorgte dafür, daß sich weder eine selbstbewußte nationale Bourgeoisie entwickeln konnte, noch daß die wichtigsten nationalen Probleme gelöst wurden. Der neue griechische Staat entstand als Mißgeburt mit großen Identitätsproblemen. Die ehemaligen Angehörigen der griechischen Befreiungsarmee, die vorher meist leibeigene Bauern der griechischen und türkischen Großgrundbesitzer waren, hatten die osmanischen Okkupanten nach jahrelangem Kampf zwar besiegt, wurden dafür aber weder mit demokratischen Rechten, noch mit der geforderten bürgerlichen Bodenreform belohnt. Viele von ihnen, genauso wie ehemalige Generäle (wie Makrijannis und Kolokotronis), wurden, weil sie gegen die neuen Machtverhältnisse protestierten, zu langen Freiheitsstrafen verurteilt, die sie zumeist in den eigens dafür erbauten Gefängnissen der damaligen Haupstadt Nafplion verbüßen mußten. Hier entstanden viele Lieder, die später eine wichtige Quelle für die Rebetika waren. Die Gefangenen begleiteten ihren Gesang mit einem selbstgebauten Instrument, dem Baglamas, einer kleineren Version des Buzukis, das besser unter dem Mantel zu verstecken war und sich sehr leicht anfertigen ließ. 
Markos Vamvakaris, ein klassischer Vertreter des Rebetiko, schrieb 1936 den Zebekiko „Die Gefängnisse hallen wider“ – eine Adaption des Mitte des 19. Jahrhunderts in Nafplion entstandenen Liedes „Es hallt in zwei Gefängnissen wider“ – und stellte sich damit thematisch wie musikalisch bewußt in die Tradition der alten Gefangenenlieder: 

Die Gefängnisse von Nafplion hallen wider. 
Die Glockenschläge hallen auch. 
Bist du eine Mutter und fühlst Schmerz, 
komm eines Tags und besuch mich. 
Komm, bevor sie mich verurteilen, 
weine, daß sie mich freisprechen mögen. 

Zwar wurde der bayerische König 1862 abgesetzt, doch zu einer eigenständigen ökonomischen Politik, die auch zu einer Industrialisierung hätte führen können, kam es nicht. Trotzdem spielte sich das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben, bedingt durch Handel und Seefahrt, zunehmend in der Stadt ab. Große Häfen entstanden, in denen ein reger – auch kultureller – Austausch stattfand. Vor allem mit der griechischen Küste Kleinasiens, die sich natürlich jahrhundertelang die orientalische Kultur einverleibt hatte. Die Rebetiko-Musik entwickelte sich als neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeit einer gerade im Entstehen begriffenen Bevölkerungsschicht, die nicht mehr einer bestimmten und intakten Dorfgemeinschaft angehörte, sondern sich vielmehr aus Entwurzelten zusammensetzte, deren neue Heimat die schnell wachsenden Städte waren. Ihre kulturellen Bedürfnisse wurden in einer Übergangsphase vorwiegend durch orientalische bzw. orientalisierende Musik befriedigt, angefangen beim Tsifteteli, dem Bauchtanz, bis hin zum Zebekiko. Die Assimilation dieser ganzen Kultur durch griechische Sänger und Instrumentalisten erfolgte langsam, konnte aber durch nichts aufgehalten werden, da die neue Musik die Sehnsüchte und Ängste der Matrosen, Händler, Handwerker und vieler verarmter Bauern, die in der Stadt nach Arbeit suchten, am besten auszudrücken vermochte. Etliche von ihnen entschlossen sich, den Ozean zu überqueren und in Amerika ihr Glück zu versuchen. Diese Gastarbeiter machten Aufnahmen von Rebetiko-Liedern und produzierten die ersten Schallplatten mit Rebetiko-Musik. Die Ferne zur Heimat und Schwierigkeiten mit der neuen Umgebung führten zur intensiven Suche nach der eigenen Identität und damit zu einer kulturellen Blüte in Übersee. Ein historisches Dokument ist das Rebetiko-Lied „Schätzchen“, das um 1910 in den USA entstand:

Mein Schätzchen, der Kopf tut mir weh. 
Mein Schätzchen, wo sonst findest du so einen wie mich? 
Was schaust du mich so an, denkst du, ich hab Angst vor dir? 
Ich hab meinen Mantel verloren, ich hab nicht aufgepaßt.

III 
Dieser bruchstückhafte, banale Inhalt ist für die Anfangsphase des Rebetiko charakteristisch und blieb es, abgesehen von einigen Ausnahmen, bis zu seiner Endphase. Ganz anders als die episch angelegte demotische Dichtung der dörflichen Volkslieder, entwickelte sich die rebetische Musik als textliche und musikalische Improvisationskunst. Bei ihr kam es darauf an, eine momentane Befindlichkeit musikalisch und textlich festzuhalten, wobei melodische Phrasen und eine feste Rhythmik als Grundgerüst natürlich existierten. 
Das Anfang des Jahrhunderts in den kleinasiatischen griechischen Hafenstädten gegründete Cafe-Aman war der Ort, an dem Musiker und zumeist eine Sängerin und eine Tänzerin solche auf festen Metren basierende Improvisationen, oft war es der Bauchtanz, darboten. Diese Musizierweise hatte einen gewissen Einfluß auf die Rebetiko-Musiker, die zunächst – in enger Anlehnung an die orientalische Tradition – ihre Lieder weder in Moll noch in Dur komponierten, sondern türkische Skalen benutzten. Später gelangten sie zu einer Annäherung und Verschmelzung mit den westlichen Dur-Moll-Tonleitern – das eigentlich Interessante an dieser Musik. 
Im Cafe-Aman sang die Sängerin, wenn ihr kein Text mehr einfiel, das Wort „Aman“, das sie solange wiederholte, wie sie brauchte, um sich eine neue Strophe auszudenken. In der späteren Phase des Rebetiko wurde dieser Ausruf, der so viel wie „o weh“ heißt, als feste Floskel in vielen Liedern benutzt. 
Die allmähliche Verschmelzung orientalischer und griechischer, auch demotischer Tradition zur neugriechischen Musikkultur des Rebetiko führte zu einem neuen Klang-Ergebnis, das eine gänzlich neue Tradition begründete und all seine Quellen absorbierte. Das führte dazu, daß die griechischen Rebeten Lieder im orientalischen bzw. anatolischen Stil komponierten und sie als solche auswiesen. Dabei benutzten und verarbeiteten sie das orientalische musikalische Material nach eigenen Kriterien, was sich auf die Instrumentierung als auch auf Melodik und Rhythmik auswirkte. 
Das Moment der Improvisation in der rebetischen Musik, das auch in ihrer Blütezeit als Buzuki-Improvisation (Taximi) die Virtuosität des Solisten zu Beginn des jeweiligen Liedes unter Beweis stellte, gab Anlaß zum Vergleich von Rebetiko und Jazz-Musik. Neben musikalischen Aspekten war es vor allem das soziale Umfeld, in dem diese Musik entstand, das zu diesem Vergleich anregte. 

IV 
Nach den Balkankriegen und dem 1. Weltkrieg versuchten das griechische Königshaus und die griechische Oligarchie 1922 in einem Krieg gegen die Türkei, ihre Vorstellungen von einem Groß-Griechenland mit der Hauptstadt Konstantinopel militärisch durchzusetzen. Doch Konstantinopel blieb Istanbul, und die verheerende Niederlage der griechischen Armee gegen die Truppen des Kemal Atatürk 1923 ging als Kleinasiatische Katastrophe in die Geschichte ein. Der folgende Friedensvertrag von Lausanne sah einen Bevölkerungsaustausch vor, in dessen Folge 1,5 Millionen Griechen aus Kleinasien nach Griechenland strömten. Die meisten von ihnen gründeten um Athen neue Siedlungen, die ähnlich den Slums der amerikanischen Großstädte einen Gürtel um das Stadtzentrum bildeten. Die kleinasiatischen Emigranten kamen nicht nur mit ihrer Kultur nach Griechenland, sondern auch mit ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung über die verlorene Heimat. Viele der Entwurzelten – und das kennzeichnet eine ähnliche Situation wie die der ehemals auf Veranlassung des Königs gefangenen Soldaten der Befreiungsarmee 1830, nur betraf es diesmal eine viel größere Schicht der Bevölkerung – griffen nach dem in ihrer ehemaligen Heimat gebräuchlichen Haschisch, um ihre Lage wenigstens für einige Stunden vergessen zu können. Dieses sich mit den Emigranten rasch verbreitende Ritual wurde meist in unterirdischen Tavernen, den Tekedes, vollzogen, die nur Eingeweihten bekannt waren. 
Einer der Raucher hatte ein Buzuki mit, und sobald es ihn, wie es im Jargon hieß, „überkam“, fing er mit einer Improvisation an. War einer der Zuhörer in Stimmung, stand er auf und gab sich einem wiegenden, ja meditativen Tanz hin, was den bislang auf dem Buzuki Improvisierenden veranlassen konnte, ein Lied zu singen, wie etwa Michalis Jenitsaris 1937 seinen klassischen Zebekiko „Ich sah aus wie ein Filou“, in dem die Befindlichkeit des Sängers durch Slang und Interpretationsweise besonders deutlich wird: diese Ihr-könnt-mich-mal-Haltung, gepaart mit einer hintergründigen Verletzlichkeit. 


„Es war bewundernswert, wie der Tanzende seine Lider mit einer süßen Unterwürfigkeit senkte, was ganz im Gegensatz zu der Kraft seines Körpers stand, denn zur gleichen Zeit trat er mit den Füßen, mit denen er die Erde traktierte, auf etwas Unsichtbares ein, das sich am Boden bewegte. Man hatte den Eindruck, daß, während er dem im Denkmal verewigten Krieger glich, der den Drachen bekämpft, er sich zugleich mit ihm vereinte – nicht aber durch sein unsichtbares Schwert, sondern mit seinem unsichtbaren Glied.“ Der Vergleich mit dem Erzengel Gabriel stammt ebenfalls von dem schon zu Beginn zitierten Maler Jannis Zaruchis. Die Verklärung des Rebetiko hat bei ihm rein künstlerische Gründe: Das erotische Moment, die übersteigerte und gleichzeitig rührselige, vom Schicksal gezeichnete Männlichkeit, war tatsächlich für die Rebetiko-Kultur sehr typisch. Der egoistische, sein Gefühlsleben kultivierende Mann. Doch der Aussteiger offenbart sich nicht nur im Tanz oder beim Singen und Spielen; er mißachtet auch die gesellschaftlichen Normen. Mit Blick auf den Entstehungsprozeß des Rebetiko Mitte der zwanziger Jahre ist er nicht von der Subkultur und der Unterwelt getrennt zu sehen. Totschlag, Raub und andere Delikte waren in der Szene alltäglich, wovon auch viele Lieder berichten. Aber das betraf, sogar in ihrer Anfangsphase, nicht die ganze Rebetiko-Kultur als solche, sondern lediglich eine kleine Schicht der damals ohnehin nur in wenigen Städten bekannten Rebeten. Erstaunlich ist jedoch, daß zu einer Zeit, da in Deutschland Hermann Hesse seinen Steppenwolf von den Alternativen Narkotikum, Musik und meditativer Kult probieren ließ, zu einer Zeit, da in Frankreich eine Gruppe von Künstlern die surreale Revolution über den Umweg des Rausches und Schocks auszulösen suchte, daß also zur selben Zeit in Griechenland eine Gruppe von ungebildeten Leuten ihren blinden Protest gegen die Gesellschaft durch anderes Verhalten, Kleiden, Sprechen und besonders durch die Flucht in den Rausch der Droge und der Musik dokumentierte. Eines der berühmtesten Zebekika von Vasilis Tsitsanis aus dem Jahre 1942 besingt diesen Drang zur Flucht und das gleichzeitige Bewußtsein über die Vergeblichkeit dieses Versuchs. Denn für Tsitsanis, der zusammen mit Vamvakaris die Rebetiko-Musik auf eine neue qualitative Ebene erhob, spielte Drogenkonsum als Lebensinhalt keine Rolle mehr. 

Herr Polizist, schlag mich nicht, ich Armer kann nichts dafür. 
Spiel, Christo, dein Buzuki,/ schlag den Takt; 
sobald mein Hirn benebelt ist,/ beginn den Zebekiko. 
Ich will tanzen in meinem Rausch,/ schön und voller Demut, 
mein Herz ist so schwarz/ vom vielen Leid. 
Spiel, Christo, noch ein Lied;/ schwarze Gedanken hab ich; 
eines Tags werd ich in der Gosse landen,/ wo man mich dann findet.

VI 
Ab 1890 stellten staatliche Gesetze den Drogenkonsum unter Strafe, doch wurden diese kaum befolgt. Darum verhägten die Gesetzgeber 1923 wesentlich härtere Strafen. 
Aus der Haschisch-Szene kam auch der bedeutendste Vertreter des Rebetiko, der von der Insel Siros stammende Markos Vamvakaris, der seit Mitte der dreißiger Jahre durch seine rauhe Stimme, seine Kompositionsweise, die Orientalisches mit Griechischem und Europäischem verschmolz, und seine Texte, die den Alltag des einfachen Menschen besangen, zum Begründer des klassischen Rebetiko-Stils wurde. Vamvakaris lebte von 1905 bis 1971. Er begann seine Laufbahn in Athener Haschischkneipen, den Tekedes, die 1936 mit Errichtung der faschistischen Metaxas-Diktatur, schließen mußten. Seine legendären Konzerte gab er von 1936 bis Kriegsbeginn 1940 in einem Athener Vergnügungslokal. In einem seiner berŸhmten Lieder singt er:

Die Kränze deiner Wimpern lassen deine Augen strahlen 
wie Blumen auf den Wiesen.

Deine Lider schlägst du nieder, 
das raubt mir die Vernunft und jeden klaren Gedanken. 

Der zweite bedeutende Komponist, der ab 1945 in der Nachfolge von Vamvakaris seinen eigenen Stil herausbildete, war Vasilis Tsitsanis. Von ihm stammt das wohl bekannteste Lied des Rebetiko „Bewölkter Sonntag“. Es hat musikalisch wie inhaltlich eine neue Qualität, die sich zum einen als unbewußte Verarbeitung der gesamten griechischen Musiktradition – konkret eines byzantinischen Hymnus aus der Ostermesse sowie demotischer Motive – und zum andern in der textlichen Auseinandersetzung mit der faschistischen Okkupation Griechenlands im 2. Weltkrieg äußerte.

Bewölkter Sonntag, du bist so wie mein Herz, 
das immerzu bewölkt ist – o Christus und Mutter Gottes. 
Du bist wie der Tag, an dem ich all meine Freude verlor; 
bewölkter Sonntag, du verwundest mein Herz. 
Bist du so verregnet, find ich keine Ruhe; 
du machst mein Leben schwarz, daß ich immer stöhnen muß.

VII 
Mitte der fünfziger Jahre war der Höhepunkt der Rebetiko-Musik überschritten, die dann massiv Einzug in die Vergnügungszentren verschiedener Coleur hielt und besonders von den Massenmedien vermarktet wurde. Es folgte die totale Kommerzialisierung dieser Musik, die durch ständige Nachahmung verflachte und ihre einst kathartische Wirkung, die den Maler Zaruchis so fasziniert hatte, einbüßte. Zum Modeprodukt verkommen, konnte sich das Rebetiko nur durch das Wirken weniger herausragender Persönlichkeiten wie Vamvakaris, Papaioannou, Tsitsanis und einiger anderer weiterhin als authentischer Ausdruck eines Lebensgefühls behaupten. 
Die gesellschaftliche und musikästhetische Anerkennung erfuhr die Rebetiko-Musik allerdings erst durch Manos Hadjidakis und Mikis Theodorakis, die ihre Kompositionen seit Ende der vierziger Jahre immer mehr auf die nationale Tradition und besonders auf das Rebetiko stützten. Doch das wäre schon ein nächstes Kapitel. 

Postskriptum 
Wenn man akzeptieren kann, dass das Lied der Schlüssel zur Seele ist, erscheint der Gedanke nicht so abwegig, dass das Rebetiko den musikalischen Beweis für das ewige Streben des Liedes darstellt, über die Seele schließlich ins Denken des Menschen zu gelangen. Der Ausdruck des Willens nach Selbstlosigkeit, die Sehnsucht nach einer Liebe, die sich nach ungezählten melancholischen Augenaufschlägen erfüllt. Die nach Gegenliebe nicht fragen muss. Was fällt uns ein, wenn wir „Kellerlokal“ hören? Dass sich im Vollrausch der grundlegende Charakter eines Menschen offenbart. Nicht ganz sauber. Nicht ganz astrein. Aber sie alle brauchen Stoff Stoff Stoff. Ein Rebetiko ist ein One-Night-Stand. Es könnte dabei hässlich werden. 

© Asteris Kutulas

Das Phänomen „Rebetiko“ ist für jeden griechischen Intellektuellen ein Thema … Meine Auseinandersetzung mit der griechischen Variante des „Blues“ habe ich in meinem hier oben (in einer gekürzten Fassung) veröffentlichten Essay „Über Rebetika“ festgehalten, der zuerst abgedruckt wurde im Buch: Partitur der Träume. Über Musik und Klänge, konkursbuch Verlag, Tübingen 1990. A.K. 

*** *** ***

Der Bouzouki-Virtuose Lakis Karnezis (links), der zusammen mit Kostas Papadopoulos den Zorbas-Soundtrack von Mikis Theodorakis 1963 eingespielt hatte, mit dem Komponisten und Produzenten Alexandros Karozas, Athen 1995 (Photo © by Asteris Kutulas)

[Mikis Theodorakis hat mir gestattet, seinen kleinen Text von 1984 über das Rebetiko hier abzudrucken, wofür ich ihm sehr danke:]

Mikis Theodorakis: Anmerkungen zum Rebetiko

Das rebetische Lied spielte eine ganz entscheidende Rolle bei der Entwicklung der griechischen Volksmusik. Im Gegensatz zum demotischen Lied, zur Kantate und auch zur bis dahin überlieferten Unterhaltungsmusik suchte das Rebetiko die Befindlichkeit des Volks, des „einfachen Mannes von der Straße“ auszudrücken, die Befindlichkeit von Menschen also, die in der jüngsten griechischen Geschichte der Denkweise eines neuen gesellschaftlichen Systems, dem des Kapitalismus, zu folgen begannen. Dieses System entwickelte sich zunächst in den Hinterhöfen, im Umfeld von Werkstätten und Fabriken, wobei sich zugleich eine neue gesellschaftliche Klasse, das Proletariat, herausbildete. Eine Randgruppe dieser neuen Klasse war das sogenannte Lumpenproletariat, das wegen der mannigfachen Unterdrückungsmechanismen, unter denen es zu leiden hatte, alsbald in Narkotika und damit in der Flucht aus der Wirklichkeit eine Lösung seiner Probleme suchte. Träume aber währen nicht länger als die Wirkung einer Droge, ein Lied, ein Tanz.

Die Musik Anatoliens bot ihrem Wesen nach die damals beste Entsprechung einer von Verzweiflung und Verbitterung beherrschten Stimmung. Mit Buzuki und Baglamas verfügte man über die geeigneten Instrumente, den seelischen Schmerz klanglich zu entäußern; im Chasapiko und vor allem im Zebekiko, dem Tanz der Einsamkeit, fand man den perfekten Ausdruck der Psychologie des Fatalismus. Die Entstehungsorte dieser Musik hatten wir sozusagen vor der Haustür: In Thessaloniki, Anatolien, in Ostmakedonien, Konstantinopel und Smirni lebten Griechen und Türken, existierten das türkische und das griechische Element gleichberechtigt nebeneinander. Wir können davon ausgehen, dass unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und nach der Kleinasiatischen Katastrophe alle, die im türkisch geprägten Umfeld lebten, vom Zauber der türkischen Musik angetan, ja davon ergriffen waren. Sicher ist, dass man türkische Lieder hörte, sang, zu ihnen tanzte. Später, in den fünfziger Jahren zeigte sich, dass das türkische Element in der Musik nach wie vor sehr viele ansprach. Und schließlich dominierte irgendwann jene Musik, bei der griechische Instrumentaltechnik und griechische Texte mit türkischen Melodien kombiniert wurden, man alles miteinander verschmolz. Bald schrieben die Instrumentalisten unter dem Einfluss des Türkischen auch erste eigene Lieder, um das, was sie unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen selbst erlebt hatten, künstlerisch zum Ausdruck zu bringen. Was sich darin aussprach, waren die Erfahrungen eben jener oben genannten Randgruppe, des Lumpenproletariats. 
Wie gelang es aber den griechischen Musikern dieser Zeit, anatolische Einflüsse zu verarbeiten und daraus griechische Lieder zu machen? In welchem Maße wurden diese Lieder in den Jahren ihrer Blütezeit (1925-1945) vom griechischen Volk aufgenommen? Wie verhielten sich die Autoren – als Künstler und als Menschen – in der Phase der Okkupation und des nationalen Widerstands? Wenn man diesen Fragen nachgeht, sieht man, dass die Teilnahme am nationalen Widerstand sich deutlich im täglichen Kampf des Volkes um Überleben und Freiheit zeigte und dass sie nicht so sehr eine historische Tat als vielmehr eine moralische und gefühlsmäßige Entscheidung war. 
Wie man weiß, gab es in dieser Phase eine Tendenz der starken Betonung des Griechentums. Vermutlich aber mangelte es damals an ausgeprägten Musikerpersönlichkeiten und an profunder musikalischer und Allgemeinbildung, so dass das Besondere jener Zeit, nämlich das Rebetiko, nicht zum Allgemeingut, dem Volkstümlich-Nationalen, werden konnte. 
Erst mussten Vamvakaris und später Tsitsanis kommen, damit sich das als Rebetiko und dann als neues Volksliedgut etablierte, was zunächst Inspiration durch das neue musikalische Genre bedeutet und was sich dann verbunden hatte mit demotischen, byzantinischen und anderen Elementen, die gleichermaßen musikalischer als auch allgemein gesellschaftlicher Natur waren. Die Schaffung der neuartigen laizistischen Musik liegt also unzweifelhaft im Rebetiko begründet. Und ohne das laizistische Lied wäre andererseits das Rebetiko in der neugriechischen Kunstgeschichte ein Fundament geblieben, auf dem letztendlich doch kein Haus hätte gebaut werden können. 
Genauso lässt sich sagen, dass die neuere volkstümliche Kunstmusik wiederum eine Weiterführung des laizistischen Liedes ist und dieses schließlich als festen Bestandteil in der Geschichte der griechischen Musikentwicklung verankert hat. Dabei wurden allerdings zwei qualitative Sprünge vollzogen: zum einen der der Verbindung der Poesie mit der Volksmusik und zum anderen der der Akzeptanz des Volkslieds als Ausdrucksmittel einer sozialen Bewegung. 
Das ist der Entwicklungsweg, die Entstehungspyramide des griechischen Lieds. Anfang der achtziger Jahre habe ich zum erstenmal anatolische Skalen verwendet. Der Unterschied zwischen mir und den Musikern der zwanziger und dreißiger Jahre besteht darin, dass ich östliches und westliches musikalisches Material zwar ebenfalls nutzte, es aber weiter bearbeitete und dass das Ergebnis schließlich weder östlich noch westlich geprägt, sondern einfach nur griechisch ist. Nicht das Material an sich, sondern die Art und Weise seiner Verwendung ist entscheidend.

Athen, 1984 
© Neu übersetzt ins Deutsche von Asteris & Ina Kutulas, 2008

*** *** ***

Zwei weitere Fragen an Mikis Theodorakis zum Rebetiko

Asteris Kutulas: Ist es richtig, dass es eine klare Traditionslinie von den „Tropen“ der antiken Musik bis zum Rebetiko gibt?

Mikis Theodorakis: Im antiken Griechenland gab es Tropen, sie werden in byzantinischer Zeit übernommen und Echoi genannt, und in der laizistischen Musik erscheinen sie als „Straßen“ (oder Läufe; A.K.). Diese tragen türkische Namen, zum Beispiel Sabah, Kiurdi, Niaved. Hier kann man gut die Beobachtung machen, wie die Türken und Araber die byzantinische Musik aufnahmen, verinnerlichten, ihr türkische Bezeichnungen gaben, bis wir griechische Komponisten die byzantinische Tradition über die türkischen „Straßen“ erneut rezipierten. Die „Straßen“ der laizistischen Musik – zwischen ihr und der Rebetiko-Musik besteht ein großer Unterschied – haben ihren Ursprung in der byzantinischen Musik und besitzen einen vollkommen eigenständigen harmonischen Kosmos.

Kutulas: Und in welcher Beziehung zur byzantinischen steht die demotische Musik?

Theodorakis: Die antike, byzantinsche, demotische und laizistische Musik beruhen auf den gleichen Tonarten. So entspricht die erste dorische Leiter dem ersten plagalen Echo usw. Wir haben es mit einer viermaligen Metamorphose zu tun. Dabei spielte die Türkei eine Mittlerrolle Die byzantinischen Echoi existierten als Tropen in der westlichen Musik – die Modi der modalen Musik. Die große Revolution in Europa, die durch Bach besiegelt wurde, war der Übergang vom modalen zum tonalen System. In Griechenland hingegen markiert erst das laizistische Lied diesen Übergang vom Modalen zum Tonalen. Vamvakaris und Tsitsanis stützten sich in ihren Liedern auf das modale wie auf das tonale System. Wir, die Griechen von heute, hatten in der Nachfolge von Vamvakaris ein tiefes Bedürfnis nach tonaler Musik. Darum ist auch mein Volksliedschaffen ausgesprochen tonal. In Zentraleuropa verlief diese Entwicklung ähnlich, wobei die Europäer immer noch fast ausschließlich tonale Musik hören. Das war über einen längeren Zeitraum notwendig, um die Phase der Atonalität zu erreichen. Das sind akustische Notwendigkeiten. 
Meine Musik ist sehr stark von modalen Elementen beeinflußt worden, wobei ich das Modale ganz spontan der demotischen Musik entnahm, ohne das Modale der türkischen „Straßen“ zu kennen. Das verwendete ich erst in meinen zuletzt komponierten Liedern, zum Beispiel im Zyklus „Kariotakis“, nachdem ich es wissenschaftlich analysierte. Der Unterschied nämlich ist gewaltig. Die neuen harmonischen Horizonte, die durch die „Straßen “ der laizistischen Musik eröffnet werden, sind sehr groß. Eine Ursache für die erneute Hinwendung zum Rebetiko in Griechenland liegt sicher auch im Zauber des Modalen begründet, den die „Straßen“ in sich bergen.

© Übersetzt von Asteris & Ina Kutulas & Peter Zacher

© Asteris Kutulas (Aus einem Interview mit Mikis Theodorakis, 1983)

Bizarre Städte im Fadenkreuz 1987-89

Ein unmelancholischer Rückblick 20 Jahre später (2008-09)

Das Projekt Bizarre Städte entsprang einem elementaren Freiheitsbedürfnis: sich nämlich nicht von vergreisten, kleinbürgerlichen und ungebildeten Herren vorschreiben zu lassen, was man zu denken, zu lesen, abzubilden und wie man zu leben hat. Die BS waren keine Publikation von oder für Dissidenten, ja, ich würde sagen, nicht mal von Oppositionellen im landläufigen Verständnis, sondern eher Ausdruck eines anarchischen Lebensgefühls gegenüber der uns damals umgebenden kulturellen Wirklichkeit und deren opportunistischer und größtenteils dümmlicher Repräsentanten, die da alle Ebenen des öffentlichen Lebens der DDR abweideten und in einigen Fällen ihre Machtgelüste und/oder ihren Kleingartenfrieden auslebten: Verlagsmenschen, Zeitschriftenredakteure, Kulturfunktionäre, Schallplatten- und Rundfunkproduzenten, Fernsehreporter, Festival- und Konzertveranstalter, Abteilungsleiter, Sekretäre, Jugendklubbetreiber etc. etc.(*) Die meisten von ihnen übten sich in Selbstzensur, zwangen ihre Befindlichkeiten anderen auf, und die Gespräche, Argumentationen und Diskussionen, die da liefen, waren oft dermaßen absurd und abwegig, dass man den Eindruck hatte, da sprachen keine erwachsenen Menschen … (**) Was im Namen des für alle Zeiten staatlich verordneten „wissenschaftlichen Kommunismus“ und der „historisch-materialistischen Dialektik“ dahergesagt, besprochen und vor allem ernst genommen wurde, war der Stoff unserer Albträume und provozierte bei uns eine enorm kreative Frustration. Vor allem die Schutz-Behauptung der dafür verantwortlichen Kulturfunktionäre, es gäbe gar keine guten nicht-veröffentlichten Texte in der DDR, ignorierte eine ganze Generation von Autoren, die seit Ende der siebziger Jahre Publikationsverbot hatten und – eine Gesetzeslücke ausnutzend – in Lyrik-Grafikeditionen, später in selbstverlegten Zeitschriften bis zu 99 Exemplaren ihre Werke publizierten. Das taten auch wir mit den BS, und es war ungemein erfrischend, den Grafiker Horst Hussel während der Arbeit an einem unserer Hefte hin und wieder sagen zu hören: „Frechheit siegt“ oder mich mit Volker Brauns Frage konfrontiert zu sehen: „Warum unterschreibst du dein Vorwort zu den BS eigentlich mit Asteris Kutulas? Unterschreib einfach mit: Ein Neger“.

Bizarre Städte Nr. 23 (1988), Originaleinband von Trak Wendisch

Die BS hatten also nichts mit „Konterrevolution“ oder mit „Untergrund“ zu tun. Das, was wir betrieben, war eher die Durchsetzung der alten Kantschen Lebensmaxime, „sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass man es zu tun hatte mit einem total pervertierten Sozialismus – denn das wollten wir schon glauben: dass das absolute Postulat der Freiheit im „idealen Kommunismus“ eines Karl Marx nicht nur ein Feigenblatt, sondern dessen Voraussetzung und Ziel war. In dem Koordinatensystem, in dem wir uns damals befanden, schwankten wir also zwischen unserem jugendlichen Hoffen auf eine gerechtere, freiheitlichere Gesellschaft und auf den „Welt-Frieden“ einerseits und dem Er-Leben einer tagtäglich selbstherrlich agierenden und entmündigenden Realität andererseits.

Nicht nur die Staatsgewalt in Gestalt zweier Herren der Staatssicherheit – was wir allerdings erwartet hatten – kam auf mich zu, sondern auch Sascha Anderson, der Papst, Mentor und Mäzen der untergründlerischen Prenzlauer-Berg-Szene, der mich aufforderte, meinen „Bizarre-Städte“-Unsinn doch zu lassen. Der direkte Angriff „im Namen der Szene“ kam aber Ende 1988 von Klaus Michael (damals noch „Michael Thulin“), der in einem sehr fragwürdigen Pamphlet die apolitische „Reinheit“ der Szene gegen die „politisierenden“ BS zu verteidigen versuchte. Das war ganz im Sinne von Anderson, der später als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wurde, sich zu DDR-Zeiten aber immer mehr zu einem unumstrittenen Herrscher des „Untergrunds“ stilisiert hatte.

Ich fand die „Szene“, zu der ich nicht gehörte und nicht gehören wollte, gut, weil es sie gab, weil sie – neben anderen – ein Hort des selbstbestimmten Denkens und Tuns für einige Künstler, Querköpfe und Hochstapler in der DDR war. Ihr Problem – und möglicherweise ihr Daseinsgrund – bestand darin, dass sie von den verkappten Stasileuten Anderson & Rainer Schedlinski in gewisser Weise kontrolliert und von ambitionierten Schreiberlingen beherrscht wurde, die weder die Courage eines Lutz Rathenow oder die literarische Qualität z.B. von Kathrin Schmidt, Gregor Kunz, Kerstin Hensel besaßen, noch die satirische Kraft eines Steffen Mensching oder Hans-Eckart Wenzel – die allesamt vom Gros der „Szene“ niedergemacht bzw. bespöttelt wurden. Glücklicherweise gab es da die – in meiner Wahrnehmung – isoliert dastehenden Leuchttürme Bert Papenfuß-Gorek, Detlef Opitz, Stefan Döring und ihre Texte, die allerdings die „Szene“ nicht gebraucht hätten, sondern auch aus sich heraus hätten schöpfen können, wie es Reinhard Jirgl, Jan Faktor, Frank Lanzendörfer, Johannes Jansen, Eberhard Häfner u.a. getan hatten, die sich dem arrogant-schwimmeligen Szene-Dunstkreis sukzessive entzogen, oder andere wie Uwe Kolbe oder Durs Grünbein, die gar nicht erst in diesen hineingerieten.

Bizarre Städte Nr. 2 (1988), Originaleinband von Erika Stürmer-Alex

Ich schreibe all das, weil sich die BS seltsamerweise nicht nur im Fadenkreuz staatlicher Ermittlungen, sondern auch im Fadenkreuz der „Szene-Regierung“ befanden, denn Anderson & Schedlinski agierten wie deren Premier- und Propaganda-Minister – dabei nicht nur die politischen, sondern auch und vor allem die geschäftlichen und bilateralen Beziehungen zum Westen regelnd. Diese beiden mal farbschillernderen, mal blasseren Oberhäupter hatten die geistige und teilweise auch faktische Regentschaft über das Erscheinen einiger „Untergrund“-Publikationen in Prenzlauer Berg und anderswo inne und wähnten sich kompetent genug, festlegen zu dürfen, wer in dieser Szene salonfähig war und wer nicht, waren also ebenfalls kleinbürgerlich, wenn auch mit abgetretenen Kelimteppichen und Ledersesseln, khakifarben von Alterspatina, in den Arbeitsräumen und/oder bekleidet mit einer ewigen beuys-kreuz- und -flecken-dekorierten Weste.

Trotz dieser doppelten „Restriktion“, die unsere Arbeit ständig begleitete, will ich nicht behaupten, dass die BS in gesellschaftlicher oder kultureller Hinsicht „wichtig“ waren, aber sie veränderten immerhin in konstruktiver Weise die persönlichen Produktions- und Dialog-Bedingungen einiger Leute, die sich mit Kunst und Literatur beschäftigten, und wurden damit zu einem selbstbewussten Ausdruck unserer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ in diesem seltsamen Niemands-Land DDR. Immerhin veröffentlichten wir einige Texte, die sonst keine Chance auf Publikation hatten, wie z.B. Annett Gröschners „Maria im Schnee“, Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee IV“, Matthias „Baader“ Holsts Gedichte oder Frank Lanzendörfers Foto-Text-Collage „Garuna, ich bin“, um nur einige zu nennen. Wir haben aber auch mit unseren Schwerpunkt-Heften Maßstäbe gesetzt und – im Rückblick betrachtet – einige bis dahin anderswo nicht behandelte Themen aufgearbeitet, wie z.B. über das Wirken der Malergruppe „Lücke“ um A.R.Penck und Wolfgang Opitz Anfang der siebziger Jahre oder über die Umweltzerstörung in der DDR, u.a. in dem programmatischen Text von Jurij Koch „Die Schmerzen der auslaufenden Art“. Wer sich zudem unsere beiden Dresden-Editionen anschaut, erhält einen guten Einblick in die „alternative“ Dresdner Literatur- und Malerszene um 1988-89.

Bizarre Städte Nr. 1 (1987), Originaleinband von Horst Hussel

Der andere wichtige Punkt für das Entstehen der BS war die Sehnsucht nach einer Kommunikation, wie es sie im öffentlich-offiziellen Raum der DDR nicht (oder nur verklausuliert) geben konnte. Die Möglichkeiten, die uns dahingehend die BS verschafften, lebten wir wahrlich aus. Das Eigentliche war für uns der Weg, der Produktionsprozess, nicht die Bände an sich, die es ohnehin nur in wenigen Exemplaren gab und die keine Öffentlichkeit herstellen konnten. Wir wollten weder dem elitär gemeinten „Diskurs“ der Szene-„Theoretiker“ folgen, noch ein vormundschaftliches staatsdoktrinäres Denken akzeptieren. Wir versuchten, uns außerhalb dieser vorgegebenen Muster zu bewegen, Spaß zu haben und gute Hefte zu machen. In einem Artikel vom 14.2.1989 fasste ich unser BS-Vorhaben wie folgt zusammen: „Ziel war, ein Forum für das Schreiben und Denken von verschiedenen Autoren zu schaffen, eine offene Konzeption nach allen Seiten hin zu vertreten (sich nur verweigernd dem „rechten“ und „linken“ Opportunismus) – all das geleitet von einem elementaren Respekt vor dem Autor/Künstler und seiner Produktion. Eine Zeitschrift also, die sich als unabhängiges Blatt/Medium für  das geschriebene und gedachte/gesprochene Wort ihrer Autoren versteht“. Und einen Monat später verwies ich in meinem Nachwort zu unserem ersten Dresden-Band auf die existentiellen Gründe unserer Arbeit an den BS: „Wichtig bei solch einer Produktion ist zweifellos ihr innovativer Charakter für die Mit-Macher, wahrscheinlich (: für das geistige Über-Leben) das Wichtigste überhaupt… Und ich schreibe das, obwohl der Begriff der „Vergeblichkeit“ zu den für mich prägendsten gehört. Aber auch Pessimismus empfinde ich zuweilen als „Produktivkraft“, vor allem wenn Selbsthelfertum zu den wenigen Möglichkeiten gehört, der um mich herum herrschenden bekotzten Trantütigkeit und Schlappheit widerstehen zu können.“ (März 1989)

Bizarre Städte – Dresden Band Nr. 2, Originaleinband von Thomas Haufe

Zu unserem redaktionellen Team, das genau dieses offene Konzept umsetzte, gehörten neben anderen vor allem Gerd Adloff, Thomas Haufe, Johannes Jansen, Gregor Kunz, Ina Kutulas, Steffen Mensching, Harald & Christiane Müller, Lothar Trolle und Peter Wawerzinek. Durch die BS sind ein paar interessante Botschaften aus dieser Zwischen-Welt und Zwischen-Zeit geblieben, viele Erinnerungen an eine konstruktive und spannende Zeit und ein ziemlich bitterer Geschmack von Freiheit. Klaus Michael konstatierte rückblickend 1990: „Der Überbau ist entmachtet, der Untergrund tot. Und was sich Ende der achtziger Jahre abzuzeichnen beginnt, ist die Rückkehr der Literaten zur Literatur.“ Ich wage die These, dass die BS die erste und einzige selbstverlegte Zeitschrift in der DDR war, die diese Entwicklung publizistisch ausdrückte und begleitete.

© Asteris Kutulas, Berlin, Juli 2008/09

(*) Ich will nicht alle in einen Topf werfen – die Wirklichkeit war viel komplexer und diffiziler, es gab auch großartige Ausnahmen, aber einige Zuspitzungen seien mir gestattet.

(**) Ihr Hauptsatz war: „Das verstehen unsere Menschen nicht … Diese Zeile geht nicht …“ und anderer solcher Unsinn.

Veröffentlicht in „Partisanen“, Herausgegeben von Holger Wendland, Detlef Schweiger & KulturAktiv e.V., Dresden 2009)

Bizarre Städte (1987-1989) – Ein Interview

Die tierische Fabelhaft-Triade: Till Lindemann, Udo Lindenberg & Volker Braun

 

Das Lindenberg: Geilomat molluscisch

Das Lindenberg ist ein seltsames Tier. Es gehört zum Stamm der Mollusca und kann sowohl an Land, als auch im Wasser leben. Charakteristisch für seine Gattung ist ein weicher Körper, der sich bei Gefahr sofort hinter den harten Panzer seines Schneckenhauses zurückzieht. Beim Lindenberg allerdings stellen wir fest, dass sich seine äußeren Verhärtungen mit der Zeit nach innen kehren, aber auch, dass sein weicher Kern in den letzten Jahren durch alle möglichen Öffnungen nach außen drängt. Die vielen – vor allem gefiederten – Feinde des Lindenbergs bringt dieser Vorgang ziemlich aus der Fassung. Eine weitere Seltsamkeit besteht darin, dass das Lindenberg vor allem seichtes Wasser liebt, dabei aber die Untiefen der Meere nicht verschmäht. Bei einem seiner ausgedehnten Raubzüge in ihm unbekannten Gewässern hat das Lindenberg das verborgene Atlantis entdeckt und sich seitdem dort häuslich eingerichtet. Einen Namen hat sich das Lindenberg vor allem als Lautmaler gemacht, indem es seinen ödipalen Komplex in die molluscische Kunst – insbesondere in die Bildhauerei – einbrachte.

*** *** *** 

Der Till Lindemann 

… ist, schaut man genau hin, eine Lindenfrau. Versenkt man sich wiederholt in ihren Anblick, erkennt man ihren weiblichen Charakter deutlich am Wurzelwerk, das die Erde umklammert und nicht wieder loslässt, ein Leben lang. Auch die klagenden germanischen Lieder, die immerfort im Rauschen ihrer Blätter hörbar werden, sind Ausdruck ihres femininen Charakters, genauso wie ihre vegetative Vermehrung: durch Stockausschlag und Wurzelbrut. Vor allem junge Leute verehren in der Lindenfrau Freya die germanische Göttin der Liebe und des Glücks. Das Gerücht, Lindemann sei männlich, lässt sich allerdings, wie die letzten Jahre gezeigt haben, nicht so schnell ausräumen und wird von ihr selbst sehr bewusst immer wieder in Umlauf gebracht. 

Das fraulich weiche Holz der Linde ist jedenfalls gekennzeichnet durch seine geringe Dauerhaftigkeit gegenüber Witterungseinflüssen. Daher wird es bevorzugt im Innenbereich als gutes Schnitzholz eingesetzt. Unter anderem hat Till Riemenschneider im Mittelalter seine Werke aus Lindenholz hergestellt. Von ihm entlehnte die sich in Lindemann verbergende Lindenfrau wohl auch den Vornamen, bei dem sie gerufen werden will. Vielleicht schämt sie sich inzwischen auch für ihre Vergangenheit, als sie nämlich vor 2.000 Jahren als „Gerichtslinde“ bekannt war, unter der die germanischen Gerichtsversammlungen abgehalten wurden. Anders als unter der als männlich verschrienen Stieleiche fielen die Urteile unter der Linde meist „linde“, also milde aus. Und dann ist da noch – sehr passend – der Wilhelm Müller: 

Ich musst auch heute wandern 
Vorbei in tiefer Nacht, 
Da hab ich noch im Dunkel 
Die Augen zugemacht.

Oft wird mir die Frage gestellt, warum die als Till Lindemann bekannte Lindenfrau sich nicht zu ihrem Sexus bekennt: dazu, dass sie nämlich eine Korbflechterin ist und kein Korbflechter. Ich glaube, sie tut es nicht, um ihren weichen Kern nicht preiszugeben. Lieber hüllt sie sich in eine grobschlächtige, gleichsam vor Männlichkeit strotzende Gestalt. Doch schon dieser Erklärungsansatz ist reine Spekulation. Und ich sehe ihn/sie leider nur sehr sporadisch, als dass ich den Mut und die Entschlusskraft aufbringen könnte, ihm/ihr solche Fragen direkt zu stellen. Und weiter gehts bis ans Ende der Nacht: 

Lindemanns Messer im Kopf

schleimschwer * brennts dir in den Augen * blattfarben * Spritzer von Spucke * sprich und sprich erzähl faß dich * kurz * Viper rote * Biest du * beiß dir ins Fleisch * wo * alles bleibt * wo * alles treibt * ich beginn * aufatme von vorn * Sporn * noch einmal * keinmal * steigen * in den Fluß * deine Blicke * unberedt * Fluß der von dir geht * fort * gehen muß * Fluß der sich anschleicht an mich * außer sich * bringt Federn * fängt Feuer * alles im Flug * Lot * mich in den Fängen * dich in den Engen * wutrot * alles bleibt * wo * in mir * wo * in dir * den Laut stoß * in die Höhle des Mundes * Hasenhundes * ausgehöhlte * hohle Worte * blasen sich auf * drohen * Wächter des Erdigen * des engelgefüllten Wagen * mein Wage hab ich * vollgelade * voll mit ihnen allen * Schleim auf der Linse * grinse * Lippen rissige * Worte bissige * such ich * dich suchend * weglos in mir * wo die Leere * Herzhöhle aufwartet * wo du * vergnügst dich * verhaßte Sehnsucht * geliebte Liebesflucht * sonnsternige * verläßt meine Augen * Lärm und Putztücher * die mir drohwinken * am Hals hast du sie * über der Schulter * als wär ich dir zur Linken * zu Lasten * als du zu mir kamst * beginn von vorn * denk dran * die Treppe * des Apfels Kern * ich ging kam herein * trat auf meinen Schein * Schatten * der dir in die Füße schnitt * dich fand * im Zorn im Angesicht * es strömte * nur so * Linien in denen ich las * und zurechtbog * Schrift * DEIN HINVERLANGEN * am langen Arm mich * mit meinem heimlichen Hang * Flucht * Sucht * verlier diese Spur * aus dem Blick die Stadt * die Stelle * Helle * den Ort * wo wir uns fertig gemacht * ausgelacht * abgeschlacht * die Ackerblume * Krume * der Platz * das Feld * das weite * mit tausend Ohren * Horen * aus dem Sinn * drum lad ich * alle meine Tage * die Fasern deiner Haut * die Falschheit meiner Waage * aus stell ich mich * schaff an immer an * Tag für Tag * Abend für Abend * schaff an * mein Gesicht mit dem Ausdruck darin * ganz schön * hab ich zugelegt * mich zu dir * das Nasse zum Trocknen * die Schere zur Pinzette * ins Bette die Schwere * den Spiegel zur Ehre * Seele ins Wort * Scherz beiseite * die Wahrheit * einzig gewahrt * diesen Unsinnsort * ich häng * an dir wie am Tropf * und durchtrenn den Schlauch * und feiere die Welt * ein Feuerwehrmann * ein allzu weiser Erdenheld * das Ende seh ich * bekämpf und lösch es mit Wasser und Schwert mit Feuer und Herd Messer Gabel Schere Licht * beschwer mich nicht * mit Speichel und Schleim und Rotz und Sporen und Quecksilberporen * ich werd und werd * nie wieder * Grad Celsius * nie wieder erreich ich den Punkt * neunhundert Jahre muss ich nun warten * bleib * die Viper * braucht Leib alle Zeit * häuten * will sich auch etwas in mir * ein Elendsgarten * leg mich * nicht auf die Seele dir * verlaß die Befehle * Laut der Kehle …..

*** *** ***

Das Volkerbraun mit A.K. im Selfiemodus

Das asymmetrische Volker Braun

Wir glaubten, überall sei eine Wanze – in den Betten, den Kisten, den Lampen. Wir mussten sehr lachen, denn wir wussten, die Bestecke zu benutzen. Das Braunvolker, das einzige Braun unter den vielen Negern. Es kippte Rotwein über die Hand jeder erschrockenen Frau. Danach war sie abgeschreckt. Manche bildeten sich ein, das sähe man ihm an.

Das Braun ist ein homerisch Dichtendes, dem allerdings die Zunge abgeschnitten wurde. Nur kurze Zeit später lernte es auch mit fehlender Zunge zu sprechen, was bis dahin keinem anderen Wesen vor ihm gelungen war. Allerdings schmerzte dies das Braun heftig, weswegen es sich gezwungen sah, verschiedenste Drogen einzunehmen, die wiederum Halluzinationen auslösten, was sich in Schriften wie „Gegen die symmetrische Welt“ oder „Es genügt nicht die einfache Wahrheit“ niederschlug. Das wurde – vor allem von seinen blutrünstigen Feinden als auch von seinen zahllosen Verehrerinnen – als verzweifelter Versuch gewertet, aus der realen Welt in eine entprägte zu entfliehen, in der dann alles möglich war.

Ich lernte das Braun kennen, nachdem die beiden Auguren Hasi und Nasi (Tierwesengestalten der anderen Art) mich heimgesucht hatten und ich – getrieben von Angst – Zuflucht bei ihm fand. Das Braun erzählte mir, dass es sich bei den beiden um die „Literaturbeauftragten“ der Stasi handele,  die mit allen Schreiberlingen und Szene-Literaten „Kontakt hielten“ … Dann kam das Braun zu einer eher hesiodischen Schlussfolgerung, als es zu mir sagte: „Du bist der Neger … und ich bin halt das Volkerbraun.“ Ich begriff nicht recht, wie das zu verstehen war, da ich als griechische Wesenheit – wie auch das Braun selbst – mit dem schwarzen Kontinent nicht unbedingt viel zu tun hatte, aber das Braun bestand darauf …

Das Braun war einer der theoretischen Vorbereiter für die spätere antike Schrift „Das Mittagsmahl“ und ebnete damit der Renaissance den Weg in die beste aller möglichen Welten, in der es damals lebte. Zwar warf man dem Braun vor, dass es müllere, aber eigentlich kippelte es immer nur und versuchte, sich durch detaillierte Nachforschungen auf dem Gebiet der Nibelungen einen Namen zu machen. So entstand ein Buch über das Schweigen und über die Pflicht zu sprechen. „Wer, wenn nicht wir?“ Es ging dem Braun nicht darum, die Wunden zu ironisieren, auch nicht, die Geometrie des Leidens zu beschreiben, sondern: das Leiden zu historisieren.

Als es in der attischen Demokratie drüber und drunter ging, flüchtete das Braun sich in den Bergbau und wäre dort sicher für immer geblieben, wenn nicht Pestilenzen und Kriege es an seine Bürgerpflichten erinnert hätten. So kam es dazu, dass das Braun auch als Feldherr keine sehr unbedeutende Rolle spielte, was es nicht nur in unzähligen Schlachten unter Beweis stellte, sondern auch dadurch, dass es diese in seiner Kampfschrift „Wir und nicht sie“ für die Nachwelt dokumentierte.

Nachsatz zu Volker Braun

Wir glaubten, überall sei eine Wanze – in den Betten, den Kisten, den Lampen. Wir mussten sehr lachen, denn wir wussten, die Bestecke zu benutzen. Volker, der einzige Weisse unter den vielen Negern. Er kippte Rotwein über die Hand jeder erschrockenen Frau. Danach war sie abgeschreckt. Manche bildeten sich ein, das sähe man ihm an.

© Asteris Kutulas, 2008

(Udo Lindenberg & Volker Braun photos © by Asteris Kutulas)

Bizarre Städte – Bibliographie

Bizarre Städte Bibliographie

Inoffizielle Buch-/Zeitschriftenedition in der DDR (1987-89)

Folgend das Inhaltsverzeichnis (Bibliographie) aller Veröffentlichungen des selbstverlegten Projektes „Bizarre Städte“:

Band 1 (1987)

Texte Grafik Fotos, Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1987 (120 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Harry Mohr – Grafik
Heiner Müller – Was jetzt in der Sowjetunion…/ Rede
Steffen Mensching – Wetter-Bericht/ Essay
Gregor Kunz – Expedition/ Gedichte und ein Text
Asteris Kutulas – Nafplion/ Ein Tagebuch
Harry Mohr – Grafik
Heinz Czechowski – Weltbild/ Gedichte, Essay
Volker Braun – Der Eisenwaggon/ Gedicht
Lothar Walsdorf – Ratten/ Gedichte und Texte
Ina Koutoulas – Echolot/ Gedichte
Horst Hussel – Grafik Horst Hussel – Hageböck und andere Vignetten
Hans Brinkmann – Chanson/ Gedichte und eine Handzeichnung
Harry Mohr – Grafik
Johannes Jansen/Bernd Janovski – Gehsteig/ Collage-Fragment
frank lanzendörfer – garuna, ich bin!/ texte, fotos, grafik

Dem Band ist eine eingelegte Handzeichnung von Johannes Jansen beigegeben.

21 nummerierte und signierte Exemplare.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Einband für Bizarre Städte Band 1 von Horst Hussel

Band 2 (1988)

Texte Grafik Fotos, Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1988 (186 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Erika Stürmer-Alex – Collage
Hans-Eckardt Wenzel – Immer wieder Gemeinsinn…/ Rede
Klaus-Peter Schwarz – Ein Saporosher schreibt…/ Brief
inka – Collage
bert papenfuß-gorek – ausdrückliche klage aus der inneren immigration
Klaus-Peter Schwarz – Dokument 17 und Splittersammlung
inka – Collage
Volker Braun – Der Freizeitpark inka – Collage
Heiner Müller – Wolokolamsker Chaussee IV
Ina Koutoulas – Passierschein/ Gedichte
Kerstin Hensel – 1 Märchen, 3 Gedichte und 11 Anschläge
Gerd Adloff – Modebericht/ Gedichte
Erika Stürmer-Alex/Ina Koutoulas – Herkunft Fritz
Rudolf Fries – Alexanders neue Welten/ Aus dem Filmszenarium
Horst Hussel – 6 Briefe an Herrn S. und 1 Zeichnung
Lothar Walsdorf – Frauen ohne Unterleib/ Gedicht vinka – Collage
Lothar Walsdorf – Erwachen/ Variationen…
Rabea Graf – Dialog 1979/ Das Mattenspringen
Asteris Kutulas – Delfisches Gespräch (12 Uhr mittags)
bert papenfuß-gorek – remembering cerstin remembering cerstin
peter böthig – kleiner versuch über den schaden/ essay
peter wawerzinek – mir tut die zunge weh…/ prosa
Bernd Janowski – Es lebe Österreich-Ungarn!/ Photo-biografischer Versuch über die Szene
Hans-Eckardt Wenzel – PAS DE DEUX ALLEMAND/ Ein Spiel
Ulrich Burchert – Bizarre Städte/ 4 Original-Fotos
Anhang – Texte zur Tonkassette

Dem Band ist eine Tonkassette beigegeben mit den “Städteballaden” von Hans-Eckart Wenzel und der Produktion “ation aganda” von bert papenfuß-gorek.

26 nummerierte und signierte Exemplare.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Einband für Bizarre Städte Band 2 von Erika Stürmer-Alex

Band 3 (1988)

Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1988 (115 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Steffen Mensching – Aus Gesichtern älterer Freunde/ Gedichte
Kathrin Schmidt – Der eben um die Ecke …
Adolf Endler – Fakt/ Notizen zu einem phantasmagorischen Unterhaltungstatsachenroman
Jan Faktor – Brief
Trakia Wendisch – Tanz/ 5 Bilder
Ina Koutoulas – Kein Sterbenswort/ Gedichte
inka – Beim letzten Ton des Zeitzeichens/ Collagen-Gedicht
Uwe Lummitsch – Ich, Hamlet oder …/ Texte
Volker Braun – Schiff im Land/ Gedicht (1963)
inka – Die unerwartete Rettung der Tochter
Volker Braun – Friedens-Fibel
Heinz Czechowski – Kraft meines Amtes/ Gedichte
Jan Faktor – Kaedings ausgedehnte Häufigkeitsuntersuchungen
Johannes Jansen – Fang/ Texte
Adolf Endler – Bubi Blazezaks gedenkend/ Prosa
Anhang: Giorgos Seferis – Zu einer Wendung von Pirandello/ Essay

Dem Band sind eine Tonkassette mit dem Feature “Stalingrad” von Christiane Müller sowie je eine Grafik von Gottfried Bräunling, Johannes Jansen und Harry Mohr beigegeben, die in einer von Trak Wendisch gestalteten und bemalten Kassette liegen.

24 nummerierte und signierte Exemplare.

Einband für Bizarre Städte Band 3 von Trak Wendisch

Dresden Band 1 „Querkette“ (1988)

Texte Grafik Fotos, Auswahl und Redaktion von Gregor Kunz und Thomas Haufe, Hrsg. von Asteris Kutulas, Dresden 1988 (55 Textseiten)
Gregor Kunz – Anstatt blumen/ Vorwort
Matthias Bolz – Fotografik
Tobias Wellemeyer – viola die tauben…/ gedichte
Simon Schade – Versuchsreihen/ Gedichte
Manfred Wiemer – Die Verhinderung des Tages/ Gedichte
Gudula Ziemer – Die Probe/ Erzählung
Leonore Adler – frau im sandhaus/ Leporello
Thomas Haufe – recht/fertig/vorwärts – Texte
Bernhard Theilmann – gruß vom Wolfplatz zwei/ Gedicht
Uwe Hübner – Teatime mit William/ Zwei Texte
Lutz Fleischer – Der kluge Kurt/ Text-Grafik
Yuri Winterberg – Ellens lange Strumpfhosen/ Gedichte
Lothar Barth – verendeter walzer/ Gedichte
Holger Wendland – Gori/ Text
Frank Herrmann – Zwei Fotos
Gregor Kunz – Statuengruppe/ Gedichte
Michael Wüstefeld – Junielegie…/ Gedicht
Uwe Hübner – Länder… / Prosa
Steffen Fischer – Vier Grafiken
Durs Grünbein – Versuch über Melli B./ Text
Manfred Wiemer – Orts Bestimmung der Zeit/ Essay
Ulrike Rösner – Grafik
Asteris Kutulas – Postskriptum des Herausgebers

Alle hier angeführten Grafiken, Fotos und Collagen sind signierte Originale, die im Buch eingebunden sind. Zusätzlich ist dem Band ist eine Grafik von Carsten Nicolai beigegeben.

47 nummerierte und signierte Exemplare.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Einband für Bizarre Städte Dresden Band 1 (1988) von Thomas Haufe

Dresden Band 2 (1989)

Auswahl und Redaktion Thomas Haufe und Gregor Kunz, Edition Bizarre Städte, Hrsg. von A.Kutulas, Dresden & Eggersdorf 1989 (43 Textseiten) (Veröffentlicht 1991)
Lutz Fleischer – Der Müllionär/ Graphik
Gregor Kunz – An Stadtrand. Kein Vorwort
Thomas Haufe – der teutsche michel/ auch kein vorwort
Thomas Rosenlöcher – Das Echo/ Gedicht
Manfred Wiemer – Zur Elbe/ Text
Reinhard Sandner – Im Steinbruch/ Sprachblätter
Thomas Haufe – krenzSituation
Gregor Kunz – Variationen/ NUR WORTE I-IV
Maja Nagel – Zwei Graphiken
Gregor Kunz – Variationen – NUR WORTE V – VII
Carsten Nicolai – Zwei schlafende Augen kleine Menschen fassen/ Graphik
Uwe Hübner – Wenn es am schönsten wird, kommt der Abgrund/ Zu Hermann Lenz
Lothar Barth – Dresden im Oktober/ Gedicht
Roger Bonnard – Zwei Siebdrucke
Lothar Barth – grafschaften & bistümer/ reise durch die bezirke
Gudrun Trendafilov – Leporello
Barbara Köhler – DRESDEN DER KLASSISCHE BLICK/ Texte
Leonore Adler – graugrünes wetter/ graphik-text-blatt Michael Wüstefeld – 2 Texte
Inge Thies-Böttner – Konstruktion
Michael Wüstefeld – 1 Text
Klaus Werner – I.K.A.N./ Rede & Graphik
Bertram Kronenberger – „Gott ist tot“/ Versuch über Friedrich Nietzsche
Jürgen Dreißig – Graphik
Holger Wendland – Patt/ Text
Frank Hermann – Graphik
Heinz Czechowski – Dresden, 13.Februar 1990
Asteris Kutulas – Editorial

Alle hier angeführten Grafiken, Fotos und Collagen sind signierte Originale, die im Buch eingebunden sind. Dem Band ist zusätzlich eine Grafik von Wolfgang Opitz beigegeben.

25 nummerierte und signierte Exemplare.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Einband für Bizarre Städte Dresden Band 2 (1989) von Thomas Haufe

Band 4 (1989)

Hrsg. von Asteris Kutulas und Gerd Adloff, Eggersdorf 1989 (82 Seiten)
Asteris Kutulas – Statt einer Vorrede
stefan döring – sinnlos/ gedichte
Gerd Adloff – Als mein linkes Bein…/ Gedichte
Ina Koutoulas – Ausreise/ Gedicht
frank lanzendörfer – sicherheitstrakte/ text
Johannes Jansen – Papageien sterben …/ Essay über Lanzendörfer
Mario Persch – Schonkost, Appetit und Selbstverpflegung/ Essay
Matthias Baader Holst – Ist es einfach, Punk zu sein?/ Selbsttötungen …
olaf nicolai – die fäden der ariadne/ annäherung
Jörg Niebelschütz – Imaginäre Rede/ Texte
Mario Persch – Autopsie/ Gedichte & Texte
Matthias Baader Holst – viel spaß auf der titanic/ texte
Thomas Bischoff – Im Standbild des Treptower Parks
Kerstin Hensel – Kassberg/ Erzählung
Annett Gröschner – Maria im Schnee/ Texte
Zu „Maria im Schnee“: F. Legler/ K. Hensel/ T. Köhler/ K.Laabs
Elisabeth Wesuls – Neunmalklug ist auch wieder dumm/ Essay
Annett Gröschner – Anekdoten/ Essay
Freymuth Legler – Fetzer/ Stück
Gerd Adloff – Nachrede
Anhang: Asteris Kutulas – 1 Erwiderung & 1 Anmerkung

54 Exemplare.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas

Sonderheft 1 (1989)

Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1989 (73 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Heinz Czechowski – Hotel Smolka/ Gedichte
Jurij Koch – Die Schmerzen der auslaufenden Art/ Essay
Steffen Mensching – Literatur und Wirkung/ Rede
Uwe Kolbe – Rundfunk-Essay
Lothar Trolle – Meine Klassiker und ich/ Geständnisse
Uwe Hage-Ali – „Wir sind kein Familienkreis…“/ Betrachtung
Adolf Endler – Randnotiz über die Engel Sarah Kirschs
Christiane Müller – Das Private…/ Drei Interviews mit Malerinnen
1) Doris Ziegler
2) Annemirl Bauer
3) Angela Hampel
Anmerkungen

54 Exemplare.

Sonderheft 2 (1989)

Hrsg. von Asteris Kutulas, Eggersdorf 1989 (74 S.)
thomas haufe – die sanfte hölle & das pro im contra
rainer schedlinski – aussichtslos…/ 3 gedichte & 1 brief
Erich Sobeslavsky – Antwort an Ralf Winkler/ Gedicht
Fritz Rudolf Fries – Nun ja! …/ Für C. Wolf
Trakia Wendisch – Extremistische Prosa
Matthias Flügge – „Kunst, Sprache, Kunstkritik“ (Rede) Jörg Wolf – Zum Verhältnis Kultur-Volkskultur Angela Hampel – Rede
Hubertus Giebe – Rede
Johannes Heisig – Rede
Zur „Lücke“ (1971-76)
Wolfgang Opitz – Ralf Winkler und die dresdner „Lücke“ (Interview)
Ullrich Burchert – Wolfgang Opitz/ Foto
Ralf Winkler – Manifest 1971
Harald Gallasch – Negation…/ 3 Texte & 1 Siebdruck
Anhang: Mikis Theodorakis – Anti-Manifest (Auszug)

49 nummerierte und signierte Exemplare.

Sonderheft 3 (1989)

Hrsg. von Asteris Kutulas, Eggersdorf 1989 (56 Seiten)
Volker Braun – Die Wende/ Gedichte
janet fiedler – unterstellen wir…/ Essay
Holger Teschke – Durch die Geschichte…/ Rede
Holger Jackisch – Nach der Art unseres Landes/ Essay
rainer schedlinski/andres koziol – editorial zur ariadnefabrik
asteris kutulas – .usf 1,2,3/ rede
Heinz Czechowski – Wohin?/ Rede
thomas haufe – kopfsäge/ 2 texte
lothar barth – annoncen/ 1 film & 2 gedichte
Lothar Trolle – Barackenbewohner/ Bibelgeschichte
Reinhard Jirgl – Brunnen-, Ecke Invalidenstraße …
detlef opitz – fliehend bomben/ erzählung
Helga Schubert – Die Parade
Gundula Ziemer/Holger Jackisch – Akropolis Nr.13/ Reportage
Anhang I: Odysseas Elytis – Immerzu kauen die Pferde …/ Texte
Anhang II: Jannis Ritsos – 9 Tristichen

60 Exemplare.

Sonderheft 4 (1989)

Hrsg. von Asteris Kutulas, Eggersdorf 1989 (71 Seiten)
Steffen Mensching – Notate im November
Heinz Czechowski – Ein bißchen zuviel/ Gedicht
Christoph Hein – Gutgemeint ist das Gegenteil von wahr/ Rede
Fritz Rudolf Fries – Die Westmark fällt weiter – eine Utopie?
Elmar Jansen – Stadt-Bilder, Traum Bilder/ Skizzen zu einem Roman-Führer
Peter Böthig – Subverstanden/ Essay zu Lanzendörfer
frank lanzendörfer – brandvorsatz/ 2 texte
cornelia sachse – around. before LISA in america/ Text
Lothar Trolle – Die Frauen/ Bibelgeschichte
Thomas Bischoff – Thesen zum (Theater)Naturalismus in der DDR
Fritz Rudolf Fries – Notate zu Bildern von Heinz Trökes und Otto Möhwald
Asteris Kutulas – Nachbemerkung
Anhang
Therese Dietrich – Philosophiekongreß 89
Christoph Hein – Öffentliche Erklärung
Heinz Czechowski/Thomas Rosenlöcher – Brief
Mikis Theodorakis – Meine Zusammenarbeit mit den griechischen Konservativen/ Interview
Fritz Rudolf Fries – Braucht die neue Republik neue Autoren? Versuch einer ernsten Glosse
Asteris Kutulas – Bibliographie der Bizarre-Städte-Produktion

60 Exemplare.

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Grafikedition Bizarre Städte (1988)

(Mappe in bemaltem Schuber)
Mit Grafiken von Gottfried Bräunling, Horst Hussel, Johannes Jansen, Harry Mohr, Erika Stürmer-Alex, Trak Wendisch. Mit einem Text von Elmar Jansen. Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1988.

26 nummerierte und signierte Exemplare.

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johannes jansen & rainer görß, problemtext/problemskizzen (1989)

edition bizarre städte, hrsg. von asteris kutulas, eggersdorf 1989.

39 nummerierte und signierte Exemplare.

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Ina Kutulas & Gottfried Bräunling – Gedichte & Grafik (1987)

Sonderedition Bizarre Städte, Berlin & Athen (o.J.) [1987] Mit 12 mehrfarbigen Siebdrucken.

100 nummerierte und signierte Exemplare.

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Bizarre Städte Bibliographie. Alle Bücher/Hefte (auch die Grafikedition) im Din A4-Format. Das jansen/görß-Heft im Din A5-Format. Sämtliche Texte in den „Bizarren Städten“ sind mit einem Atari-Computer geschrieben und mit einem Tintenstrahldrucker vervielfältigt worden. Einige Beiträge von Band 1 und alle von Band 2 und 3 wurden auf getöntem Recycling-Papier xerokopiert. Für den zweiten Dresden-Band wurde weißes Recycling-Papier für die Fotokopien verwendet. Die Sonderedition hat ein eigenes Format. Der Text ist gesetzt und gedruckt worden, das Buch fadengeheftet.

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Auf die Idee, eine „unabhängige“ Zeitschriftenedition in eigener Regie zu produzieren, kamen wir mit Johannes Jansen und Ina irgendwann mal im Frühjahr 1987. Von Johannes kam auch der Titelvorschlag in Anlehnung an das Gedicht „Bizarres Städtchen“ von Vítezslav Nezval. Das ganze war eine Art gelebter Utopie an diesem „Kein Ort. Nirgends“, der damals für uns Pankow hieß. Der erste Band erschien 1987, der letzte 1989, kurz nach dem Mauerfall. Im Nachhinein betrachtet, war es schon irgendwie „Selbstbetrug“, eine große Portion „Feigheit“, gepaart mit einer kleinen Portion Mut. Ein winziger Kreativitäts-Strohhalm in einem stürmischen Meer. Wir waren jedenfalls nicht ganz Herr der Lage.

Asteris Kutulas, Herausgeber der „Bizarren Städte“, 1991

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Autoren, Maler, Fotografen oder Musiker, die in BIZARRE STÄDTE veröffentlicht haben (alphabetisch)

Adler, Leonore
Adloff, Gerd
Barth, Lothar
Bauer, Annemirl
Bischoff, Thomas
Böthig, Peter
Bolz, Mathias
Bonnard, Roger
Braun, Volker
Bräunling, Gottfried
Brinkmann, Hans
Burchert, Ulrich
Czechowski, Heinz
Dietrich, Therese
Döring, Stefan
Elytis, Odysseas
Endler, Adolf
Faktor, Jan
Fiedler, Janet
Fischer, Steffen
Flanzendörfer
Fleischer, Lutz
Flügge, Matthias
Fries, Fritz Rudolf
Gallasch, Harald
Giebe, Hubertus
Görß, Rainer
Gröschner, Annett
Grünbein, Durs
Hage-Ali, Uwe
Hampel, Angela
Haufe, Thomas
Hein, Christoph
Heisig, Johannes
Hensel, Kerstin
Herrmann, Frank
Holst, Matthias „Baader“
Hübner, Uwe
Hussel, Horst
Jackisch, Holger
Janowski, Bernd
Jansen, Elmar
Jansen, Johannes
Jirgl, Reinhard
Koch, Jurij
Köhler, Barbara
Köhler, Thilo
Kolbe, Uwe
Koutoulas, Ina
Koziol, Andres
Kronenberger, Bertram
Kunz, Gregor
Kutulas, Asteris
Laabs, Klaus
Lanzendörfer, Frank
Legler, Freymuth
Lummitsch, Uwe
Mensching, Steffen
Mohr, Harry
Müller, Christiane
Müller, Heiner
Nagel, Maja
Nicolai, Carsten
Nicolai, Olaf
Niebelschütz, Jörg
Opitz, Detlef
Opitz, Wolfgang
Papenfuß-Gorek, Bert
Persch, Mario
Ritsos, Jannis
Rösner, Ulrike
Rosenlöcher, Thomas
Sachse, Cornelia
Sandner, Reinhard
Schade, Simon
Schedlinski, Rainer
Schubert, Helga
Seferis, Giorgos
Schmidt, Kathrin
Schwarz, Klaus-Peter
Sobeslavsky, Erich
Stürmer-Alex, Erika
Teschke, Holger
Theilmann, Bernhard
Theodorakis, Mikis
Thies-Böttner, Inge
Trendafilov, Gudrun
Trolle, Lothar
Walsdorf, Lothar
Wawerzinek, Peter
Wellemeyer, Tobias
Wendisch, Trakia
Wendland, Holger
Wenzel, Hans-Eckardt
Werner, Klaus
Wesuls, Elisabeth
Wiemer, Manfred
Winkler, Ralf
Winterberg, Yuri
Wolf, Jörg
Wüstefeld, Michael
Ziegler, Doris
Ziemer, Gudula

Bizarre Städte im Fadenkreuz 1987-89

Bizarre Städte (1987-1989) – Ein Interview

Aus dem Leben eines Taugenichts-Germanisten (Tagebücher 1979-84)

Tagebuch-Notizen (während meines Germanistik- und Philosophie-Studiums 1979-84)

Ich habe hier einige meiner zahllosen Tagebuch-Notizen aus der Zeit meines Germanistik-Studiums in einer kleinen Auswahl zusammengefasst, die ein Puzzle von Eindrücken aus jenen Jahren ergeben, die für mich unglaublich intensiv und sehr spannungsreich verliefen. Diese Notizen sollen die ständige Suche, Naivität, Unverfrorenheit und Lust offenbaren, die mein Leben damals prägten und einen ausschnitthaften Blick in die ziemlich melancholische „Welt eines Germanistik-Studenten“ ermöglichen, der zwischen DDR und Griechenland changierte. 




25.10.79 ||| Die Zeit ist so schnell vergangen, wie im Fluge. Kein Halten. Nun bin ich Germanistik-Student. Alle Tage lernen, lesen, lernen, lesen ad infinitum. Die Deutsche Bücherei: meine zweite Heimat, Wohnung, ein Bett dort wäre gut. Das Studium ist mein Element. Hoffentlich bleibt es das auch. 
Vergangenes Wochenende war ich in Weimar beim Zwiebelmarkt. Der Zug kam um vier Uhr früh im Weimarer Hauptbahnhof an. Die Fahrt über musste ich stehen, weil er überfüllt war – ich zwischen den Aussteigern der Gesellschaft, den Rockern, Intellektuellen und Sehnsuchtsvollen. Es herrschte eine unwahrscheinliche Kälte. Auf dem Bahnhofsvorplatz standen die Hundertschaften der Polizei mit Hunden Spalier. Das Willkommen der Staatsmacht, aus reiner Vor-Sorge, damit wir wissen, wer hier die Kontrolle und das Sagen hat. ||| Ich hoffte, Tati zu finden. Doch sie war mit Bettina Wegner bereits nach Halle-Neustadt gefahren, wohin auch ich mich am Sonnabend begab. Dort tauchte dann Peter auf. Allerdings war Tati inzwischen wieder nach Leipzig getrampt und suchte mich. Das Konzert mit Bettina Wegner in Halle war melancholisch, voller Trauer. Ich übernachtete in irgendeinem Zelt der zugereisten Wegner-Fans. Nach dem Konzert, irgendwann mal spät nachts, bot mir ein abgefahrener Freak an, mit seiner Freundin zu schlafen. Was diese Leute zusammenführt und zusammenhält sind Illusion, Selbstbetrug, Mode, Hass, Träume. In Halle-Neustadt waren Werkstatt-Tage der Jungen Gemeinde. Unter dem Dach der Kirche lasst es sich einfacher opponieren. 



30.10.79 ||| Ich wachte heute in einem mir fremden Bett auf. Sie dachte, was er will. Und sagte, beruhig dich. Die andern sind nicht mehr da, du kannst wieder aufstehn, dich waschen, deine Zigarette rauchen, deine Angst ablegen. Diese Maske, dachte sie. Und flüsterte, oder schlaf einfach. Du musst nichts tun. Keiner wartet mehr auf dich. In seinem Gehirn überschlugen sich Bilder, er tastete unentwegt den leeren Raum ab, schrie, Erbarmen! Habt Erbarmen mit uns! Mit uns?, fragte sie, schaute ihn an, stand auf, sich gegen seinen Wahn zu wehren, irgendwie. Er aber starrte nur, verstand ihre Frage nicht. Das ist so, erklärte er, sie schüttelte damals die Furcht ab und schritt langsam durchs Wohnzimmer, das sie schon seit Jahrhunderten umgab. Er versuchte vergeblich, diese Assoziation zu verdrängen, es riss ihn tiefer und tiefer in den Sumpf.

23.12.79 ||| Der Wievielte ist denn nun heute? Diese Frage stelle ich mir jeden Tag, und ich kann nicht glauben, in welch rasantem Tempo die Wochen verfliegen. Selbstbetrug. Nachdenken – Zeit der Rechenschaft, als ob ich Dir etwas oder wenig verraten kann. Ach ja, Festival ist, und damit kam auch die Erinnerung an meine Einsamkeit zurück. Schade, dass sich Gedanken ohne Anmeldung einstellen. Rufe ich sie denn? – wie das Gedächtnis, das mich nicht fragt nach Einstellung und Passion. Wie Dich und all die anderen. Verständnis … All das fällt mir so schwer … Literatur als Rettungsanker.

31.3.80 ||| Die Sonne rettet mich immer wieder, obwohl meine Naivität immer wieder versucht, mir Fallen zu stellen. Dann stürze ich jedes Mal ins Bodenlose – mit dem Kopf zuerst. Und vielleicht rettet mich das jedes Mal (dieses Stürzen + Sonne), weil man doch mit dem Kopf denkt. ||| Immer: Zeichen von Kontinuität mit Sinn. Denn, nur dann lernt der Mensch und das ist zwingend. Habe in letzter Zeit schöne Briefe bekommen. ||| … Es gibt Menschen, die mir viel bedeuten und denen ich niemals wehtun möchte und es vielleicht doch mit jedem Wort tun muss, weil ich nicht lügen kann … ||| … So, jetzt weißt du über mich bestens bescheid, ist jetzt schon nach Mitternacht. Lass mal hören, was Du zurzeit treibst. ||| Ich … Und … Die Tropfen meiner vergessen geglaubten Gedanken versickern langsam und sinnlos in die Erde.

5.4.80 ||| Du. Vermeintliche Stille. Du. Die sich in meinem Verstand bewegend, erinnernd versucht, mich abzulenken. Um dich zu berühren, muss ich dich verletzen. Um dich zu verstehen, muss ich mich bezwingen. So, wie die Tränen bitter die Wange hinuntergleiten, gleich einer suchenden Lupe, die verlöschende Spur der Einsamkeit hinterlassend, sehe ich dich mir zulächeln. ||| Schrei. Aufschrei. Beschrei ihn doch. Er ist nur – das Glück. (Dieser schmutzige Bastard der Einbildung.) Aufschrei deines Magens und der deiner Beine gegen das Eintreten in die Alltäglichkeit. Und der deiner Geschlechtsorgane, die ihre Identität verloren. Sumpf deiner Erinnerung. Essen. Aufessen. Iss doch – deine Gemütlichkeit Gabel – dein Stumpfsinn Maul. Du bist doch … der glücklichste Mensch.

1.6.80 ||| Die mich glücklich machen, wissen es nicht.

13.6.80||| Jeder Germanist soll ein verkappter, ein gescheiterter Lyriker sein. Bei mir stimmt das zu 100%. Griechenland rückt näher. Verlorenes Lachen. Sucht deine Lippen. Flüchtig. Insektengleich mit leichten Flügeln. Ein saurer Geschmack. Berührt. Deine Lippen. Versucht. Deine Augen. Versucht. Und erstickt an einem Tropfen. Versinkt darin. Wie die Selbstverständlichkeit deiner Unruhe. 



14.6.80 ||| Heute Sprachtheorie-Klausur. Dann nach Dresden gefahren. Bekam Besuch. Habe mich wieder einmal unmöglich (d.h. sehr gereizt und nervös) verhalten.

23.6.80 ||| Prüfungsvorbereitung von morgens bis abends. Die Germanistik treibt mich in den Lyrismus.

29.7.1980, Dresden ||| Schluss. So fühle ich mich auch. Das erste Studienjahr der Germanistik ist vorbei. Am Freitag wartete ich auf die Straßenbahn, um zum Bahnhof zu fahren – und für einen Augenblick war ich traurig bis tief in die Seele. So, nur ganz kurz, fühlte ich, wie ich an diesem Leben hänge (Literatur, Literatur, Literatur). Auf eine existentielle Art und Weise hat mir Leipzig viel gegeben – die Spannung, das Studium, die Leute. Nur aufpassen, dass mir das alles nicht über den Kopf wächst. Leider komme ich noch nach einem Jahr nicht mit allen Leuten aus meiner Seminargruppe zurecht: „Richtig“ kenne ich niemanden. Das liegt auch an meiner Überheblichkeit – Literatur ist alles … Jetzt sind Ferien … Schluss.

10.9.80, Athen ||| „Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger gelesen: ein großes Erlebnis – ich habe gelacht, mir kamen die Tränen. Es entsprach mir sehr. Amerika muss irre sein. Eine verrückte, sinnlose, alles absorbierende Welt. ||| Ich müsste langsam anfangen, etwas zu schreiben. Mir ist irgendwie alles egal – einerseits, andererseits bin ich schrecklich arbeitsbesessen. Salinger-Einfluss. Ich fühle mich wohl und zugleich deprimiert. Ich kann mich auf nichts richtig konzentrieren und es ausdauernd betreiben – fühle, dass ich eine langwierige Krise durchmache – so unsicher, so sicher, voll von Kram, leer, Punkt Punkt Punkt, Musik ist was Schönes und Kerzen und Liebe, außerdem die kühle Feuchtigkeit der Träne und das erloschene Licht und italienisch … 

    

16.9.80, Athen ||| Heute fahre ich ab, zurück nach Leipzig. Erwartung, Hoffnung – verflogene Traurigkeit … ||| Im Zug: „Vielleicht“ – das Wort gefällt mir sehr. Nicht, dass ich es „kenne“, aber ich mag es. Schon wieder. All diese Zeit, vergangen (was sehr wichtig ist), hinter den hohen Wolken vereint, trotzen, ohne Sinn; zum Teil verwest, wer weiß. Blicke aus blassgrünen Augen, versuchen deine Stirn zu berühren.

1.10.80, Berlin ||| Shakespeares‘ „Zähmung der Widerspenstigen“ im Berliner Ensemble gesehen. Oder auch: mehr zu wissen als andere, sich in die Lüfte erheben, auskosten das miese Leben und all diejenigen hintergehen, die uns umgehen und nicht wissen, wer wir sind. Ja, ja, nur so kann das Glück für uns Glück bedeuten.

17.10.80 ||| Bin inzwischen definitiv theatersüchtig. Freitag Carl Sternheims „Bürger Schippel“ gesehen. |||Sonnabend mit M. verbracht, die mich nach Dresden begleitete (eigenartiger Mensch; über sie muss ich mal nachdenken). Sektfrühstück: schöne Sache. Noch schöner … wenn man sich lieben würde. ||| „Woyzeck“ mit Klaus Kinsky gesehen, Wahnsinn. Großartiger Film von Werner Herzog. Ja, so kann man Büchner für heute, für die Gegenwart erschließen. Und dazu noch mit einer fast wörtlichen Textkonsequenz. ||| Sonntag: „Lina Braake“ von Bernhard Sinkel gesehen.

16.11.80 ||| Intensive Zeit, weil ich viel schaffe. Vielleicht nicht fachlich, aber immerhin: Einige spannende Filmklassiker gesehen: Eisensteins „Que viva Mexiko“, Ingmar Bergmanns „Das siebente Siegel“, Georgi Danelijas „Marathon im Herbst“. Und im Staatstheater Dresden eine grandiose Aufführung von Lessings „Nathan der Weise“.||| Außerdem Übersetzungen von Ritsos‘ „Makronissos“ und „Griechentum“ abgeschlossen.

25.11.80, Leipzig ||| Letzte Woche viele Konzerte besucht: von Schicht „Lieder des Thyll Ulenspiegel“, von Karls Enkel das „Mühsam“-Programm, Brigade Feuersteins* „Spektakulum“, Schwarze Pumpe, Gruppe „Neue Musik“ Weimar usw.||| Immer wieder in der Diskussion: „Volksverbundenheit der Kunst“ – was soll das sein? Was „Wahrheit“. Sinnbestimmung. ||| Auch in Dresden: Prof. Günter Meyer, mit dem ich mich lange über Hanns Eisler unterhielt.

31.12.1980, Silvester ||| Obwohl sie ihn hasste wegen seines ekelhaften Aussehens, seiner gewöhnlichen Art, seines langweiligen, von anderen im Voraus festgelegten Schicksals, obwohl sie ihn sofort getötet hätte, wäre der Befehl erteilt worden, wusste sie nichts von ihm, kannte nicht ihren Feind, er war ihr gänzlich unbekannt, unerkannt hätte er sich ihr nähern können, sie hätte sich womöglich in ihn verliebt, hätte sich ihm hingegeben, ihm ihre Schenkel geöffnet, aber nein, das wäre unmöglich gewesen, ihre Insel und seine Wüste waren zu weit voneinander entfernt. Übergangslos … durch perfekte Grenzen geschieden, allen Normalen der Zugang versperrt, nur wenigen der Übertritt gelingend, und der mit Verlusten verbunden, mit Schmerzen. Bist du ein Zuhälter, was bist du?, schrie sie ihn an.

5.1.81 ||| Nachdem ich das Heinrich-Böll-Buch verschlungen hatte, sah ich heute dessen Verfilmung: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Volker Schlöndorff.

14.1.81, Berlin ||| Ich konsumiere ein Theater-Stück nach dem andern: im Berliner Ensemble: „Hofmeister“ von J.M.R. Lenz in der legendären Bearbeitung von Brecht, „Jegor Bulytschow und die anderen“ von Maxim Gorki, „Der große Frieden“ von Volker Braun. ||| Das Unbegreiflichste: 1. meine Abgestumpftheit, 2. A. u. A. wollen sich scheiden lassen. ||| Wo ist der Ort, an dem ich innehalten, sein könnte?

20.1.81 ||| Letzte Woche Flauberts „Madame Bovary“ und Turgenjews „Vorabend“ ausgelesen; außerdem Verfilmung von „Franziska Linkerhand“ (Brigitte Reimann) und „Unser kurzes Leben“ von Lothar Warneke gesehen. Gestern „Die Überfahrt“ von Anna Seghers beendet. Aber jetzt bin ich beim bislang Allerbesten: Fjodor Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Völlig verrücktes Buch. Stadtkneipe, Student & Beamter: Gespräch über Zukunft (Motiv des Vertrauens): Man braucht einen Menschen, einen Platz im Leben. Parallel zu Dostojewski studiere ich Bakunins Anarchismus-Analyse … und lese nebenbei Juri Trifonow. Eines der Hauptthemen der Sowjet-Literatur: das Problem des Gewissens, Immanuel Kants „Sittengesetz in uns“ – aber alles beginnt mit Dostojewski. Vergleiche auch mit Tendrjakows „Das Gericht“ (Gewissen) oder Aitmatows „Weißer Dampfer“ oder Rasputin: „Leb und vergiß nicht“ & „Matjora“ oder vieles von Schukschin. ||| Beim Lesen von „Woher sie kommen, wohin sie gehen…“ (Seghers-Essay) zu Schiller und Dostojewski, kam mir in den Sinn: Dostojewski-Konferenz (Ausgangspunkt für schonungslose Kritik) auch für DDR relevant (wann endet endlich diese furchtbare Formalismus-Debatte, dieses Dogma?). ||| Die eigentliche Errungenschaft bei Dostojewski in „Idiot“ und „Gebrüder Karamassow“: neue Romanstruktur entwickelt, eine polyphone Struktur (Werk: Modell der Welt! / keine bloße Widerspiegelung). ||| Die großen Individuen (Haupthelden) verschwinden … Goethes „Faust“ führt zu Dr. Faustus und einer zweiten Hauptfigur bei Thomas Mann. Oder bei Dostojewski selbst: Gebrüder Karamassow (3 plus 1 unehelicher Sohn). Der Idiot (Menschen gehören zusammen, aber tragische Zeit). ||| 1849 der Wendepunkt bei Dostojewski. Seine Beinah-Hinrichtung. Epilepsie. Ich liebe das Düstere, Melancholische und Kraftvolle bei Dostojewski. ||| Grund für die Todesstrafe Dostojewskis, die in Verbannung in Sibirien umgewandelt wurde: Belinskis Brief an Gogol, den Dostojewski vor Anhängern Petraschewzis vorlas. Unter Gogols Einfluß entstand bereits 1846 auch sein Erstlingswerk „Die armen Leute“ – nach E.T.A. Hoffmanns „Der Doppelgänger“ (das doppelte Wesen/ der bürgerliche Intellektuelle/ Entfremdung/ die doppelte Existenz … kritischer Realismus). Dostojewski lehnt das Bürgertum bereits ab, bevor dieses richtig an die Macht kommt! / vor ihm schon Gogol 1842 in „Tote Seelen“. Reisen durch Westeuropa: Kennenlernen des europäischen Kapitalismus.



25.1.81, Dresden ||| „Wie es euch gefällt“ von Shakespeare im Großen Haus. ||| Zur Zeit meine Fächer im Germanistik-Studium: Althochdeutsch (Prof. Große), Weltliteratur/ Englische Literatur (Prof. Seehase), Sprachgeschichte (Dr. Weber), Literatur des 19. Jahrhunderts (Dr. Albus & Prof. Richter), Geschichte der deutschen Sprache (Dr. Weber), Lexikologie (Dr. Fleischer), Klassizismus und Moderne/ Goethe (Dr. Träger), Lexikologie (Dr. Barz), Englisch (Dr. Middell), Dramatik (Dr. Träger), Heinrich-Heine-Seminar, Marxismus-Leninismus, Geschichte der Ästhetik (Prof. Uhlig), Politische Ökonomie.

24.2.81, Leipzig ||| Am Wochenende viel unternommen: Das Stück „Arno Prinz von Wolkenstein“ von Rudi Strahl und „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller gesehen. Strahl langweilig, Schiller herausragend. Stendhals „Rot und Schwarz“ ausgelesen. ||| Lese Maxie Wanders „Tagebücher und Briefe“: beeindruckend und sehr wahr, irgendwie, als ginge es immer um Leben und Tod. „Ich bin glücklich, ich bin am Ende.“ | „Wir wissen nicht, was wir haben, erst wenn die Wände zittern und der Boden unter unseren Füßen wankt, wenn diese Welt einzustürzen droht, ahnen wir, was Leben bedeutet …“ | So viel „DDR“ in ihren Tagebüchern, so viel Melancholie. | „Doch was lernen unsere Kinder? Leistung, Konsum, Stillhalten, Konformismus, Egoismus …“ | „Ich weiß ja, wie schwer es allen wird, irgendetwas zu sagen, aber ein bissl Anteilnahme erwartet man halt doch, ist leider so, und nicht nur das allgemeine stumpfe Schweigen!“ Sie hat recht. | „Das, was wir hier betreiben, Tanja, dass Menschen sich lange Briefe schreiben oder nächtelang ernsthaft diskutieren, das ist doch ein Luxus! Du beklagst Dich mit Recht, aber die Tatsache, dass Du in der Lage dazu bist, das nötige Bewusstsein hast, spricht für Deine privilegierte Situation, im Weltmaßstab gesehen.“ | „Aber Menschen sind nun mal keine Tomaten.“ | Erinnert mich an Brecht, Tagebuch 26. März 1921: „Alles, was ich nicht gelebt habe, die tiefe Trauer über ungelebtes Leben, wieviel Schönheit uns verlorengeht, für immer. Und wir lebten manchmal so, als ob wir unermesslich viel Zeit hätten!“ | Unsere Kinder: „gezähmte Elefanten“ |  „Sie ist schwer zu ertragen, diese Einsamkeit unter den Menschen.“ | „Warum bin ich so bitter, warum bin ich so hell?“ | „Mach nur weiter, das ist vernünftig, normal und notwendig, das alles wird von Dir verlangt, nicht denken, nicht daran rühren, mach nur so weiter, du wirst schon sehen, es geht, probiere!“ | T. Williams wird zitiert: „Die Zeit stürzt auf uns zu mit ihren Medikamententischen voll zahlloser Betäubungsmittel, während sie uns doch schon vorbereitet auf die unvermeidliche, die tödliche Operation.“ | Oft habe ich ähnlich gefühlt wie Tolstoi, der zitiert wird (211): „In diesen beiden Jahren beharrlicher geistiger Arbeit entdeckte ich eine einfache Wahrheit, die ich aber nur so kenne, wie niemand sie kennt: Ich entdeckte, dass es Unsterblichkeit gibt, dass es Liebe gibt und dass man für den anderen leben muss, um ewig glücklich zu sein!“

24.2.1981 ||| Auf der Straße vor dem großen Haus beobachtete ich einen Mann, der einen kleinen Kanister aufschraubte und sich mit Benzin übergoss. Die Passanten erstarrten, einige glotzten auch neugierig, vielleicht aus Lust oder Angst oder aus einer Mischung dieser beiden Gefühle, warteten ab. Der Mann stellte den Benzinkanister wieder neben den Stuhl, dunkelbraun und verziert mit seltsamen Schnitzereien aus der Jugendstilzeit. Nackte romantische Frauen hatte ich schon oft gesehen. Warum also diese Konzentration in solch einem Augenblick auf diesen Stuhl, da ich niemals zuvor (und danach auch nicht) auf so etwas geachtet. Der Mann, offensichtlich verrückt, trotz seiner klaren blauen Augen, nahm aus der Westentasche eine Schachtel, zündete mit ruhiger Hand ein Streichholz an, rief mit sonorer Stimme das unbegreifliche Wort: Nostalgia! und führte das brennende Streichholz an seine Jacke. Das zischte und erlosch. In diesem Moment herrschte völliges Schweigen. Er sprach langsam und deutlich: Ein Mann wird kommen und mit ihm die Hoffnung … Amen! schrien die anderen. Amen! Amen! Ich dachte an eine Filmszene, fühlte mich bedrängt von der schamlosen Menschenmasse, verloren im Osten.

27.2.81, Berlin ||| Premiere „Mann ist Mann“ von Brecht im Berliner Ensemble gesehen. Nein, Maria, ich habe Dich nicht vergessen. Nur – meine Worte sind mir ausgegangen; die Leidenschaft hat sich verkrochen in einen stumpfen Winkel, wartet, wartet … Dass Du zu mir gehörst – wie wäre es anders – ein Teil bist von mir; jetzt Legende: oft denke ich an Dich, wie an eine verzauberte Fee: als Ideal? Soll ich es mir wünschen? Du bist fern – das Leben fließt, nimm mich mit – habe viel gelernt. So hast Du mir also geholfen – am Anfang, ohne dass ich es merkte, jetzt habe ich es verstanden. Wenn ich spreche – werde ich verstanden? Wenn ich nicht spreche – sage ich Dir nicht viel mehr? 



1.3.81 ||| War heute bei Elektra und Jochen. Privat-Party: Claus, Marlies, Thomas … bis 4 Uhr früh – viele politische Gespräche. Ein interessanter Gedanke dabei: in der DDR herrscht Feudalsozialismus – ein in Gebiete und unter einem hierarchischen System von „Bonzen“ aufgeteilter Staat. ||| Tagsüber Schinkel-Ausstellung besucht. Schinkel-Winkelmann-Ideal: „Blick in Griechenlands Blüte“. Sogar die arbeitenden Menschen – einen Tempel erbauend – werden als schöne „Menschen“ dargestellt. Was für eine Illusion.

22.4.81, Leipzig ||| Seminar bei Frau Dr. Christine Träger: Jeder Generalsekretär der SED versuchte, den Kommunismus einzuführen. Am schizophrensten die 10 Gebote von Walter Ulbricht. Proletkult: es ist nichts aus dem Nichts zu schaffen. Aber in 8 Tagen zu schaffen: der Kommunismus. Was für ein Schwachsinn. Am schönsten ist das 9.Gebot: „Du sollst sauber und anständig leben …“

24.4.81 ||| Gestern mit Angela im Casino-Kino gewesen: „Der Richter und sein Henker“ von Maximilian Schell und Friedrich Dürrenmatt. ||| Vom 3. bis zum 10.5. war ich in Berlin. Unter anderem: „Dantons Tod“ von Georg Büchner am Deutschen Theater, sowie Hauptmanns „Einsame Menschen“ und Gogols „Revisor“ am Maxim-Gorki-Theater gesehen.

29.5.81 ||| Lese Wilhelm Raabes „Abu Telfan“. Ich sollte auch versuchen, das zu tun, was Nikola (für einen Tag lang) tat: „Mein Herz habe ich begraben und die Welt angenommen, wie sie ist; ich habe das Buch meiner Hoffnungen und Träume abgeschlossen und mich in das Unabänderliche ergeben!“ Irgendwann muss ich erkennen, was mich treibt. Und wie ist mein Geist mit Griechenland verbunden. Und was bedeutet für mich Heimat? Noch mal Raabe: „… sich ‚tot zu stellen‘ in der Hand des Fatums ist unter allen Umständen das Vernünftigste und Bequemste.“

1.6.81, Leipzig ||| Ein schönes Wochenende mit I. verbracht. Aber die Unsicherheit bleibt … ||| Lese Schopenhauer, heute über die „Grundwahrheit“ in „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Bereits in diesem Sinne Schrift „Über die Weiber“ von Ernst Brandes aus dem Jahr 1787, zitiert von Friedrich Schlegel (Bd.1, S.19).

26.6.81, Leipzig ||| Meine Philosophie-Prüfung bei Prof. Wolfgang Lorenz mit 1 gemacht. Bin über Kants Ethik und Hegels Anmerkung der Doppelmoral befragt worden, und ich habe alles gewusst. Schwein gehabt.

2.6.81 ||| War vorgestern beim „Engerling“-Konzert in der Moritzbastei. Anschließend unterhielt ich mich länger mit Gunther Krex, dem Bassisten. Vorher hatten wir DDR-Literatur-Seminar in der HB mit Dr. Hartinger. Über „Wundertäter“ bzw. über Initiativbewegung in der DDR. Gestern zusammen mit L. einen angenehmen Abend verbracht. Waren im Kino: „Bis dass der Tod euch scheidet“ von Heiner Carow. Sind anschließend ins „Regina“.

19.10.81, Leipzig ||| Habe gesucht: das berühmte Zitat „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“. Mein Freund Udo Tietz belehrte mich, dass dies so nicht stimme. Ich solle doch in Fichtes „Wissenschaftslehre“ nach dem Originalzitat schauen. Bin in dessen „Zweiter Einleitung“ (10. Abschnitt) fündig geworden: „Was in einem vernünftigen Wesen als Anlage liegt, liegt in allen.“ Auf Wirksamkeit der Vernunft „gründet sich die Möglichkeit alles Bewussten“. Und dann kommt er, ganz anders gemeint, viel tiefgründiger und apokrypher, der Satz: „Zur Einsicht in die Notwendigkeit ist Freiheit notwendig“. Und weiter: „Wenn dieses Vermögen der Freiheit nicht schon da ist und geübt ist, kann die Wissenschaftslehre nichts mit dem Menschen anfangen.“ Ach, sind das schöne Sätze, Sauerstoff für mich, der ich bereits 1975 auf dem Kreuzschule-Gymnasium konfrontiert wurde mit dem Rosa-Luxemburg-Satz: „Freiheit bedeutet die Freiheit der Andersdenkenden“. Und wieder weiter bei Fichte: das sind Kenntnisse, „die wir nur aus uns selbst, zufolge einer vorher erlangten Freiheit schöpfen können.“ ||| Wie schön diese Menschen dachten, damals Ende des 18., Anfang des 19.Jahrhunderts, kurz nach der Französischen Revolution. Der Atem einer neuen Zeit: „Bildung des ganzen Menschen von seiner frühesten Jugend an; dies ist der einzige Weg zur Verbreitung der Philosophie“. Fichte, alter Junge, lass wieder die Fenster verdunkeln, lass wieder die Menschheit in sich gehen, zu sich selbst kommen, das Ich und das Über-Ich erkennen, die WAHRHEIT sehen, begreifen. Denn: das „philosophische Genie“ ist jenes, „das sich in der allgemeinen Erschlaffung dennoch zu einem großen Gedanken erhebt“. ||| Für Fichte ist die „Wissenschaftslehre“ ein System des „transzendentalen Idealismus“. Daraus ergibt sich konsequenterweise die Ablehnung aller „Systeme“. Allerdings kann in jedem „Einzelnen“ die Philosophie einen Impuls auslösen, sich ihren „Zweck und Umkreis“ zu eigen zu machen! Wie unterschiedlich zum heutigen das damalige Verständnis von „Philosophie“. Philosophie als Wissenschaft – „wenn auch etwa jener Eine sie gar nicht, außer sich darzustellen wüsste“ …

20.10.81, Leipzig ||| „Gegenwart“: gebrochenes Verhältnis zu diversen Punkten der Vergangenheit: kann man auch mit „Geschichtsbewusstsein“ umschreiben. Irgendwie muss ich an Ritsos dabei denken. ||| B: Da war ein Haus mit einem roten Dach. Eine schöne, einladende Treppe führte zur Tür. | (A tritt auf, sucht etwas auf dem Boden in der rechten Ecke der Bühne) | B: Es war eine schöne Tür, mit goldenem Griff; die Nachbildung eines Löwenkopfes. Aber genau erinnern kann ich mich nicht. Nein … wartet! Da fällt mir etwas ein: Hinter der Tür begann das Meer. Das wusste ich nicht. Begonnen hatte alles am Montag. Montag früh. Aber ich wollte euch von der Tür erzählen … | A: (richtet sich auf) Verdammt, ich kann’s nicht finden! | B: Verzeiht, ich muss diesem Menschen helfen (zu A) Gehst du jetzt? (zum Publikum) Er ist doch einer? (wird nachdenklich) Er ist doch einer?! (blickt etwas erschrocken) Ich bin am Ende nicht hingefallen? Nein, nein, weiß von nichts! Warum sollte dieser von Dresden gehört haben? … Was soll das jetzt? Wie komme ich darauf? (Abwehrend) Ich wollte diesem Menschen helfen. | A: Wo ist es nur? 




3.3.82, Leipzig ||| Bin gerade mit der Ritsos-Übersetzung fertig: 336 Monochorde. Einer davon: „Eine gute Maske für schwierige Zeiten, der Mythos.“ Jetzt beginnt die Feinarbeit … ||| Vor zwei Wochen fasste ich den Entschluss: Ich stelle den Antrag, für ein Jahr vom regulären Studienbetrieb freigestellt zu werden, um durch Lateinamerika zu reisen. Die Idee wurde bei Gisela geboren, die auch den Stein ins Rollen brachte. Dann bekam ich unverhofft Unterstützung von Prof. Claus Träger, er riet mir zu und versprach zu helfen; daraufhin gab auch die Sektionsleitung grünes Licht. Mit meinem Vater sprach ich am 10.2. darüber. Er hat große Vorbehalte, Angst, ist absolut dagegen … Als Uwe von meinen Reise-Plänen nach Südamerika hörte, war er hingerissen. Zwar versetzt er mich ständig … mein bester Freund, aber was soll’s … Über ihn lernte ich auch Udo kennen, einen angehenden, abgefahrenen Philosophen. Ich liebe diese Voyeure des Geistes, diese hirngeborenen Praktiker. Alles durcheinander in ihren Köpfen: Existenzialismus, Kommunismus, Neukantianismus, die freie Liebe, der junge Marx, die DDR, Max Weber, Sehnsucht nach irgendwas, vielleicht nach …, ja, doch nach Freiheit. 



25.6.82, Berlin ||| 12.30 in der Akademie der Wissenschaften Treffen mit Dr. Malina. Wir unterhielten uns lange. Sie fragte mich, ob ich nächstes Jahr zum Kazantzakis-Geburtstag etwas schreiben wolle. ||| Dann gegen 13.30 bei Kiriakos – habe aber nur Rula getroffen, die mir zu essen machte und mit der ich mich sehr lange unterhielt. Sie nannte ihren Vater einen Dogmatiker und erzählte mir von ihren Schwierigkeiten beim Studium und im Kommunistischen Jugendverband Griechenlands. Ich zeigte ihr meine Nachdichtung der „Monochorde“ sowie vom Gedicht „Einsamkeit“. Erzählte ihr von meinen Plänen, nach Lateinamerika auszuwandern, sie war perplex. Sie selbst ist unzufrieden mit dem Studium und besonders mit der Art, die Prüfungen abzulegen. Sie will bei der Berliner Zeitung anfangen. Bot mir an, in ihre Berliner Wohnung zu ziehen. ||| Monochord 31: „Mit euch, ja (und nicht in der Einsamkeit), einsam.“ Monochord 88: „Wenn du niemals die Augen schließt, wächst du nicht.“

28.10.82, Leipzig ||| Die letzten zwei Tage mit Uwe in meiner Wohnung gearbeitet: Rede (für morgen auf der Philosophischen Arbeitstagung) ausgearbeitet: „Drei Modellfälle zum Zusammenhang von Literatur und Philosophie. Skizzierung eines Problemfeldes“. Ich liebe meinen Schopenhauer. ||| Dabei viel in Lukacs‘ Vorwort zur „Eigenart des Ästhetischen“ gelesen. Da steht: „Denn die genaue Analyse der Tatsachen wird hier besonders deutlich zeigen, dass die gedankliche Bewusstheit über das im Gebiet des Ästhetischen praktisch Geleistete immer hinter diesem zurückgeblieben ist.“ ||| Heute 45 Minuten-Unterhaltung mit Prof. Werner über Ritsos-Projekte. Trank mit B. einen Gin-Tonic und verknallte mich in sie. Was wird Uwe dazu sagen? ||| Sah mir anschließend im Casino-Kino Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“-Film von 1969 an. ||| Lese nachts weiter bei Lukacs: „Es kommt dabei natürlich auf die Entwicklung der objektiven ästhetischen Tatsachen an, nicht darauf, was ihre Vollstrecker über ihr eigenes Tun gedacht haben. Gerade in der künstlerischen Praxis ist die Divergenz zwischen Tat und Bewusstsein über sie besonders groß.“ Auch sehr interessante Darlegung seiner verwendeten Methode („der Bestimmungen im Gegensatz zu der der Definitionen“). Hinweis auf Lob von Max Weber sehr bezeichnend. Werde morgen Uwe fragen, was er davon hält. 

5.11.1982, Leipzig ||| Claus Träger hält eine Vorlesung in „Literaturtheorie“. Im Saal rumort es. Viele unter uns Studenten können nicht akzeptieren, dass einige hundert Meter weiter die Kulturkonferenz der FDJ sich sehr diffamierend äußert zum Besten, was die DDR-Literatur zu bieten hat, zu Heiner Müller und Volker Braun zum Beispiel.  Der Professor sieht sich gezwungen, etwas zu sagen: Er versucht Haltung zu wahren und mit einem Hinweis auf das „liberale“ 6.Plenum der SED wenigstens die „Parteipolitik“ zu retten. Er merkt an unseren Reaktionen (einige lachen, andere stöhnen), dass es nicht gut ankommt. Er bemerkt, dass die Kulturkonferenz reines Bla-Bla sei und aus politischen Staments bestünde. Und dann der schöne Satz: „Meine Damen und Herren, von der Warte des Weltgeistes aus gesehen ist die Kulturkonferenz doch eine sehr periphäre Angelegenheit.“

6.1.83, Leipzig ||| Komme gerade von Uwe. Haben uns heute im Barbe getroffen und ich hab ihm meinen Teil der Arbeit für Prof. Bönisch übergeben. Er informierte mich beiläufig, dass I. ihn nicht mehr grüßt, da er ihr über den Mund gefahren sei. Er hatte aber eine abweisende Haltung mir gegenüber: „Hast du deine Probleme mit den Pappfeinden hinter dir?“ – so argumentierte er. ||| Wir verabredeten uns für 17 Uhr. Als ich hinkam, war er nicht da, ich schrieb ihm einen Zettel und lief die Treppe runter. Da sah ich sie: I. an Uwe gelehnt; beide traut lächelnd. Als sie mich sahen, waren sie für einen Moment schockiert, dann Uwe ziemlich verlegen. ||| Wir gingen hoch, ich nahm den Zettel, den ich ihm an die Tür gesteckt hatte und sagte: „Ich wollte eigentlich mit dir über die drei Seiten zu Georg Lukacs für Prof. Bönisch sprechen, also über Philosophie.“ Er schaute mich verzweifelt an: „Darüber aber nicht heute.“ Ich schlug ihm vor, uns am nächsten Tag um 17 Uhr in der Unibibliothek zu treffen. Wollte gehen. Da sagte er: „Das gefällt mir jetzt nicht.“ – „Was denn?“, fragte ich und floh nach draußen.

März 1983 ||| Literaturtheorie-Vorlesung. Claus Trägers versucht die Frage nach der fehlenden Mobilität im DDR-Roman wie folgt zu beantworteten: „Was erwarten Sie, meine Damen und Herren? Wenn Sie in diesem Land, sagen wir mal, in Oschatz geboren worden sind, dann werden Sie in Oschatz leben, in Oschatz arbeiten, und in Oschatz sterben.“ ||| So ist tatsächlich die DDR: man bereitet sich „planmäßig“ auf den Tod vor; keine Visionen, keine Extravaganzen. Nein, alles geht seinen geregelten – aberwitzigen – sozialistischen Trott. Die Bevölkerung scheint durch die „Wirtschafts- und Sozialpolitik der Partei“ gelähmt und korrumpiert, was nichts anderes bedeutet, als dass man den Leuten vorgaukelt, auf Konsumebene mit dem Westen Schritt halten zu können (was für eine Absurdität). Dafür darf auch keiner aufmucken. Dem Arbeiter geht es – „den Umständen entsprechend“ – gut (solange er nicht anfängt nachzudenken), dem Intellektuellen (auch jedem „Künstler“) geht es schlecht, weil er, um ER zu sein, NACHDENKEN MUSS. Man lese im „Neuen Deutschland“: Angesagt ist die allgemeine Verblödung im Namen der fortschrittlichsten und revolutionärsten Gesellschaft. Ein organisierter Versuch der persönlichen Entmündigung. Und ein vergreister und realitätsenthobener Erich Honecker glaubt, mir vorschreiben zu können, was ich zu denken, zu sagen und zu machen habe. Es ist einfach lächerlich, und tot-ernst zugleich.

9.7.83, Leipzig ||| Am 4.7. hatte ich bei Dr. Weber Sprachwissenschafts-Prüfung: machte eine glatte 4. Nun ja, kein Kommentar. Ein Desaster. Gestern las ich „Das Gemälde“ von Daniil Granin aus. Letzte Woche, in Vorbereitung auf die Literaturwissenschaftsprüfung, führte ich mir eine Reihe von Büchern erneut zu Gemüte: „Die Geliebte der Morgenröte“ (3 Erzählungen) und „König Ödipus“ von Franz Fühmann, „Tod in Venedig“ von Thomas Mann, „Stechlin“ von Fontane, Lessings „Miss Sara Sampson“, Annette Droste-Hülshoffs „Die Judenbuche“, Grillparzers „Der arme Spielmann“, Hauffs „Das kalte Herz“, E.T.A. Hoffmanns „Der goldene Topf“, Novalis‘ „Hymnen an die Nacht“, Hugo von Hoffmannsthals „Eine Reitergeschichte“.

27.10.83, Leipzig ||| Am Montag zog ich bei Uwe ein. Dann tranken wir Whisky. Ziemlich viel, glaube ich. Nabil war kurz da. Seit vorgestern übersetzte ich zehn Seiten vom Tonband: das Ritsos-Interview für die Zeitschrift „Sinn und Form“. Las in den letzten Tagen alles Mögliche von Euripides: „Die Troerinnen“, „Helena“, „Elektra“, „Iphigenie auf Tauris“. Was für ein Autor! Doziere stundenlang über meine „Entdeckungen“ und meine „Erkenntnisse“ – Uwe hört geduldig zu und macht seine weisen Bemerkungen. Überflog heute wieder den Ritsos-Roman „Was für eigenartige Dinge“. Eine Fundgrube! ||| Von Uwe entdeckt, für mich aufgeschrieben: „Das Reich der Vernunft ist das Reich der Freiheit und keine Knechtschaft ist schimpflicher, als die man auf diesem heiligen Boden erleidet. Aber viele, die sich ohne innere Befugnis darauf niederlassen, beweisen, dass sie nicht freigeboren, bloß freigelassen sind.“ Friedrich Schiller, 13. Juli 1793

1.11.83, Leipzig, nachts ||| Heute Nachmittag hier bei Uwe angekommen, seitdem durchgearbeitet. Er ist immer noch nicht da. Bei mir häuft sich wieder alles: Gestern in Dresden fand ich 1) vom Verlag Neue Musik die griechische Fassung der „Sadduzäer-Passion“ zum Korrektur-Lesen; heute schon erledigt. 2) Die Fahnen des Jannis-Ritsos-Poesiealbums zur Korrektur (heute erledigt); bei einigen meiner Gedichtübersetzungen sind Veränderungen vorgenommen worden, vorwiegend Interpunktion, aber auch anderes. Und 3) ein Telegramm von Rainer: Bis zum 6. Dezember will das Fernsehen mein Szenarium für den Ritsos-Film haben. Ich muss übersetzen, schreiben, übersetzen. Wo bleibt nur Uwe, dass ich ihm das alles erzählen kann …

2.11.83, Leipzig ||| Heute früh kam Uwe. Wir sprachen lange über meine verkorkst-normale Geschichte mit B. usw. Wollten dann zu Nabils Doktoranden-Verteidigung gehen. In der Stadt traf ich B., sie bebte am ganzen Körper, ich schlug ihr vor, dass wir zusammen einen Kaffee trinken. Sie nahm meinen Arm und wir gingen in die Teestube. Blieben dort 1 1/2 Stunden. Bin fix und fertig. Uwe versucht, mich aufzumuntern.

8.11.83, Leipzig, nachts ||| Heute vor einem Jahr starb Vater. Ich ging mit Uwe einen Wodka auf ihn trinken. Wenn ich könnte, würde ich jetzt für ihn Padmoskowskje Vetschera singen … ||| Gestern kam ich in Leipzig an und wir unterhielten uns lange. Abends dann zu Czecho und Ingrid, ich holte sie ab, wir sahen den „18. Brumaire“ von Karls Enkel. Auch Peter Geist war da und die ganze Clique der 11. Etage. ||| Lernte Peter Gosse kennen. Sprach wieder lange mit Steffen & Wenzel. Steffen bemerkte zu meinem Ritsos-Text, dass die Konstruktivität der Dichtung und Sprache als Fakt noch hineingehört. ||| Übersetzte gestern und heute für unseren Film Ritsos-Interviews. Bin etwas paralysiert. Kann nicht viel anderes machen. Um 19.00 bis 21.30 im Rundfunk DDR II „Athener Abend“: furchtbar! 



23.5.1984, Dresden ||| Vorgestern in Leipzig Verleihung der Ehrendoktorwürde an Ritsos, den Eri begleitet. In seiner kurzen Ansprache machte er auf einen merkwürdigen Zufall aufmerksam: „Die Leipziger Universität wurde 1409 gegründet, und ich wurde 1909 geboren, also genau 500 Jahre später. Sie feierten in diesem Jahr das 575jährige Bestehen Ihrer Universität und ich meinen 75. Geburtstag. Ich bin in gewisser Weise ein Altersgenosse Ihrer Universität, nur 500 Jahre jünger. Rechnet man mir die griechische Tradition zugute, aus der ich komme, bin ich natürlich ein paar Tausend Jahre älter. Auf jeden Fall bin ich stolz darauf, Ehrendoktor einer Universität zu sein, an der ein Lessing, ein Leibniz und ein großer, ein sehr großer Autor, nämlich Goethe, studiert haben. Und auch weil mein Freund Pablo Neruda den Titel eines Ehrendoktors hier erhalten hat.“

Mai 1984, Leipzig ||| Abschlussvorlesung von Prof. Claus Träger. Sein letzter Satz: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn diese Fakultät – ich eingeschlossen – ihnen nach fünf Jahren Germanistikstudium beibringen konnte, WIE man ein Buch liest, bin ich sehr zufrieden.“ Mein Studium ist zu Ende …

© Asteris Kutulas

Mythos Konstantin Kavafis

Kavafis und kein Ende

Darüber habe ich oft nachgedacht in den letzten zwanzig Jahren, über Kavafis‘ scheinbar unerschöpfliche Modernität, wobei dieser Ausdruck nicht genau das trifft, was ich meine. Macht nichts, die Ungenauigkeit beschreibt letztendlich vielleicht besser den Kern. Jedenfalls sehr erstaunlich und ein Phänomen, dass Kavafis mit seinem spröden und kargen poetischen Stil noch so viele Menschen überall auf der Welt anspricht. Unerwartete Begegnungen mit seinen Gedichten oder Gedichtfetzen zu den verrückstesten Gelegenheiten. Ein Rätsel für mich auch, wie er als homosexueller Dichter innerhalb der griechischen Gemeinde Alexandriens so gut überleben konnte, scheinbar entrückt in eine eigene Realität, gemacht aus Worten …

Mein erster Kavafis-Band mit Werken aus seinem Nachlass, veröffentlicht 1991 im Hanser-Verlag

Gedanken zu Konstantin Kavafis 

I

Der „Mythos“ Kavafis setzt sich aus folgenden Ingredienzien zusammen: 

  • Konstantin Kavafis hat zeitlebens kein Buch veröffentlicht und nur 154 Gedichte als Opus hinterlassen, abgesehen von etwa zwanzig anderen, in seiner Jugend veröffentlichten lyrischen Texten, deren Autorenschaft er leugnete. 
  • Kavafis, der die griechische Literatur erneuerte, hat niemals in Griechenland gelebt, was einige zu der These veranlasste, diese gerade deshalb revolutioniert zu haben. 
  • Kavafis war homosexuell und hat – was einige Kavafologen behaupten und andere bestreiten – darunter gelitten. Auch gibt es diesbezüglich die These, Kavafis sei nicht in Wirklichkeit homosexuell gewesen, sondern nur im Geiste usw. usf. 
  • Kavafis war ein Dichter des introvertierten „geschlossenen Raums“, der Bibliothek, im Gegensatz zur „Extrovertiertheit“ seiner anderen griechischen Dichterkollegen. Das galt sowohl für den Ton als auch für die Thematik seiner Lyrik. 

Der Grund jedoch für die Existenz des Mythos ist: Kavafis war ein sehr guter Autor. Und obwohl die Beschränkung auf die bekannten 154 Gedichte tatsächlich Programm war und geholfen hat, seine eigentliche Intention deutlich zu machen, haben die im Verlauf der letzten siebzig Jahre nach und nach veröffentlichten anderen Texte seinen Ruhm nur noch mehr gefestigt und am Mythos „Kavafis“ weitergestrickt. Ich muss gestehen, dass mich Kavafis früher auch mehr als Mythos fasziniert hat, denn als Dichter. Darum fand ich meinen Zugang zu diesem eigenwilligen Autor über seine Prosa, konkreter über seine Notate, die mir eine für mich reizvolle Welt eröffneten. Diese Notate also waren mir der Anlass, Kavafis zu übersetzen. Inzwischen ist aus mir, dem ehemaligen Skeptiker, fast ein Kavafologe geworden – wobei dieses „fast“ von ausschlaggebender Bedeutung ist. 

II

Kurz vor seinem Tod bemerkte Kafavis: „Zwei Dinge hätte ich machen können: Gedichte und ein Geschichtsbuch. Das Geschichtsbuch habe ich nicht geschrieben und nun ist es zu spät“. Der das sagte hinterließ ein poetisches Werk, das – bestehend aus 154 von ihm selbst veröffentlichten Gedichten – wie kaum ein anderes die griechische Moderne tief beeinflußt hat. Konstantinos Kavafis, der als achtes Kind eines reichen Großhändlers am 29.April 1863 geboren wurde und auf den Tag genau siebzig Jahre später, am 29.April 1933, starb, brachte – in seiner Eigenschaft als Dichter K.P.Kavafis, wie er etwa seit seinem vierzigsten Lebensjahr an die Öffentlichkeit trat – einen neuen „sachlichen“ Ton in die griechische Lyrik ein. Zu einer Zeit des in Griechenland vorherrschenden Symbolismus mit den sprachgewaltigen Bildern eines Angelos Sikelianos (1884-1951) oder der blumigen Poesie des vom demotischen Lied tief beeinflußten Kostas Kristalis (1868-1894) oder der hehren Wortkaskaden des schon zu Lebzeiten als unantastbaren Klassiker verehrten Kostis Palamas (1859-1943), dem poetischen Gegenpol zu Kavafis, entwickelte dieser eine karge, epigrammatische Sprache, die Ausdruck einer prosaischen, da pessimistischen, Weltsicht war. Kavafis sah in der Gegenwart den Schlußpunkt eines fatalen Geschichtsverlaufs: Der untergehende, in seinen Strukturen verfaulte Hellenismus der vorchristlichen Zeit diente ihm als poetische Metapher für das im 19.Jahrundert – nach einer vierhundertjährigen osmanischen Okkupation – krankgeborene moderne Griechentum. Seltsam genug: Kavafis tritt, nur wenige Jahrzehnte nach der Gründung des neugriechischen Staates im Jahre 1829, in seinen Gedichten als Chronist einer Endzeit auf. Und die „Trojaner“ eines jeden belagerten Troja, wie die im gleichnamigen Gedicht von 1900, tragen, obwohl sie sich noch im Kampf befinden, das Wissen um ihre endgültige Vernichtung mit sich herum: 

Aber das Verderben ist uns gewiß. Dort oben, 
auf den Mauern, beginnen schon die Totenklagen. 

Kavafis studiert griechische, römische und byzantinische Geschichtsbücher und beschreibt, in kurzen poetischen Skizzen, als würde es gerade geschehen, den Untergang der Diadochenreiche Alexander des Großen, den Sieg der Römer über die Griechen, apokalyptische Bilder aus dem byzantinischen Reich – für einen griechischen Intellektuellen um die Jahrhundertwende vertraute Assoziationen, möchte man heute meinen. Doch dem war nicht so. Eher beherrschten die heroischen Taten der griechischen Stadtstaaten im Kampf gegen die Perser, so der Kampf des Spartanerkönigs Leonidas bei den Thermopylen, und die klassischen Meisterwerke, etwa der drei Tragiker, die Bilderwelt der neugriechischen Literatur nach der Revolution von 1821. Fast alle Schriftsteller verstanden sich als geistige Verfechter der nationalen Wiedergeburt. Die Aussparung der klassischen Antike in seinen „historischen“ Gedichten, die das Gros seines poetisches Werkes ausmachen, ging bei Kavafis einher mit einem intensiven Gefühl für aktuelle Ereignisse und einem unnachgiebigen Skeptizismus: Die Gedichte „Krieger für den achäischen Bund“ (1922), „Die Schlacht von Magnesia“ (1913), „Zu Antiochos Epiphanes“ (1911) und viele andere beschwören den Untergang der Nation, sie „beginnen schon die Totenklagen“ im Augenblick der nationalen Euphorie. Kavafis schuf sein reifes Werk in einer Zeit großer kriegerischer Auseinandersetzungen, die von seinen Dichterkollegen stürmisch begrüßt und patriotisch besungen wurden: 1897 der Kampf um Kreta und die Niederlage Griechenlands gegen die türkischen Truppen, 1903 bis 1908 die militärischen Operationen in Makedonien, 1909 die revolutionäre Bewegung auf Kreta, 1912 bis 1913 die Balkankriege, 1915 bis 1918 die Teilnahme Griechenlands am 1.Weltkrieg und schließlich 1922 die Kleinasiatische Katastrophe mit ihren verheerenden Folgen und dem Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei. Vielleicht half ihm die „Ferne“ Alexandriens solche, in der griechischen Literatur unerhörten, Gedichte wie „Wartend auf die Barbaren“ (1904) zu schreiben oder folgende, im Heimatland kaum denkbare, Antinomie im Gedicht „Der Darios“ (1917) aufzustellen: 

Im Krieg – stell dir vor!, griechische Gedichte. 

Denn im griechischen Mutterland hätte man viel eher ausgerufen: 

Im Krieg – jetzt erst recht!, griechische Gedichte. 

und sich vielleicht an die „Perser“ von Aischylos erinnert. So setzt Kavafis oftmals gegen den rhethorischen Wortschwall der griechischen Dichter die Lapidarität historischer Kommentare, die die distanzierte Haltung zum poetischen Geschehen verstärken und jede emotionale Regung unterdrücken oder gar ironisch erscheinen lassen. 

Giorgos Seferis (1900-1971), der erste griechische Literaturnobelpreisträger, nannte Kavafis in einem seiner vielen Essays über den „Alexandriner“ einen „proteischen Dichter“ – in Anlehnung an Proteus aus der antiken Sage, dem alten Meergreis, der sich in verschiedene Wesen verwandeln konnte: Kavafis, der Gelehrte des geschlossenen Raumes, der Bibliothek, der am liebsten Historiker hätte werden wollen, der durch diese Wendung nach innen, durch das intensive Er-Leben – ähnlich wie wir es bei dem bedeutenden argentinischen Schriftsteller J.L.Borges finden – der aus den Büchern erfahrenen Geschichte des Griechentums, sich diese Fähigkeit des Hineinschlüpfens in andere geschichtliche Persönlichkeiten, wirklichen und imaginären, erworben hatte. Diese kavafische Methode, die Gegenwart durch die Brille der Vergangenheit abzubilden und zu verfremden, bezeichnete Seferis in Anlehnung an den Dichter T.S.Eliot als „historischen Sinn“, der dem Dichter ermögliche, sich selbst und seine Epoche ins Gedicht mit einzubringen. Die Lakonie seiner Poetik übertrug Kavafis sehr konsequent auch auf seine Selbstdarstellung als Künstler. Folgende biographische Notiz gab er 1924 einer Athener Zeitschrift, die ihn dem griechischen Publikum vorstellen wollte:

Ich stamme aus Konstantinopel ab, bin aber in Alexandria geboren worden – in einem Haus auf der Serif-Straße; bald danach verließ meine Familie diese Stadt und ich verbrachte einen guten Teil meiner Kindheit in England. Dieses Land besuchte ich noch einmal viel später, doch nur für kurze Zeit. Wir haben auch in Frankreich gewohnt. In meiner Jugend lebte ich über zwei Jahre in Konstantinopel. In Griechenland bin ich schon sehr lange nicht mehr gewesen. 
In der letzten Zeit arbeitete ich als Beamter im Büro des Ministeriums für öffentliche Bauten in Ägypten. Ich spreche Englisch, Französisch und ein wenig Italienisch.

III

Ich muß gestehen, daß mich Kavafis früher mehr als Mythos fasziniert hat, denn als Dichter. Darum fand ich meinen Zugang zu diesem eigenwilligen Autor über seine Prosa, konkreter: über seine Notate, die mir eine mich faszinierende Welt eröffneten. Diese Texte habe ich in den Mittelpunkt des bei Hanser erschienen Bandes mit Kavafis-Prosa gestellt, den ich – zugegebenermaßen – nur ihretwegen gemacht habe:

Konstantin Kavafis, Die Lüge ist nur gealterte Wahrheit. Notate, Prosa und Gedichte aus dem Nachlass. Herausgegeben von Asteris Kutulas. Übersetzt von Asteris & Ina Kutulas, Hanser Verlag, München 1991

Die Notate also waren für mich der Anlaß, Kavafis zu übersetzen. In diesen ersten Hanser-Band nahm ich außerdem einige der „Unveröffentlichten Gedichte“ auf, erstens weil ich Bücher mag, die Unterschiedliches beinhalten und dadurch spannender zu lesen sind, zum anderen weil die Gedichte mir von der Thematik zusagten. Ich war allerdings davon überzeugt, daß ihre Qualität nicht an die der bekannten Gedichte heranreicht. Doch durch die Übersetzung entschärfte sich der im Griechischen zum Teil existierende Schwachpunkt, nämlich die sprachliche Substanz – das Problem, das Kavafis so sehr beschäftigte. Sie wurden durch die Optik des Übersetzers zu deutschen Texten, gänzlich herausgelöst aus ihrem natürlichen sprachlich-stilistischen Umfeld. Und plötzlich unterschieden sie sich nicht mehr – im Deutschen – von den sogenannten anerkannten Gedichten. So kam es, daß in einigen Rezensionen zu diesem Buch eine deutsche Edition mit allen „Unveröffentlichten Gedichten“ verlangt wurde, was mich veranlaßte, meine anfänglich ablehnende Haltung zu revidieren. Es erschien zwei Jahre später bei Hanser der zweite Kavafis-Band mit den 78 unveröffentlichten und den 23 verworfenen Gedichten sowie weiteren Texten aus dem Nachlaß:

Konstantin Kavafis, Die vier Wände meines Zimmers. Verworfene und unveröffentlichte Gedichte. Herausgegeben von Asteris Kutulas. Übersetzt von Ina & Asteris Kutulas, Hanser Verlag, München 1994

Ich muß dazu sagen, daß mein Verleger Michael Krüger, der selbst ein ausgezeichneter Literat ist und als Herausgeber der Edition Akzente Vorbildliches leistet, mich bereits während der Arbeit am ersten Buch zu einer Übersetzung dieser nachgelassenen Gedichte gedrängt hatte, ich aber mit Verweis auf deren unzureichende Qualität davon abgeraten hatte. Inzwischen ist aus mir, dem ehemaligen Skeptiker, fast ein Kavafologe geworden (wobei dieses „fast“ von ausschlaggebender Bedeutung ist). 
Nachdem nun in Griechenland 1995 die „Unfertigen Gedichte“ veröffentlicht wurden, von denen ich zehn in deutscher Erstübersetzung in der Chronika-Zeitschrift 1996 vorstellte, arbeite ich an einem dritten Nachlaß-Band, der autobiographische Texte, einen längeren Essay sowie die 30 „unfertigen Gedichte“ von Kavafis beinhalten wird. Wobei ich mich in Sachen Kavafis immer noch wie auf einer Entdeckungsreise wähne, also mir mehr mit Spaß, Lust und wachsendem Interesse seine Texte für mich „aufschließe“ und sie ins Deutsche übertrage, wie um sie besser zu verstehen … Doch sehen wir uns abschließend systematischer an, welche Editionen nach dem Tod von Kavafis erschienen sind:

  • Zunächst Prosa, also Essays, Buchkritiken, Notate, Erzählungen, Kolumnen, Autobiografisches: Das meiste davon ist gesammelt in drei Bänden (1963 Unveröffentlichte Prosa,1963 Prosa,1983 Unveröffentlichte Notate), viele andere kleinere Prosastücke erschienen in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften.
  • Unveröffentlichte Gedichte: 78 von Kavafis vollendete und der Nachwelt willentlich hinterlassene Gedichte (1968).
  • Verworfene Gedichte: 23 von Kavafis in seiner Jugend in Zeitschriften Alexandriens veröffentlichte und später verleugnete Texte (1983).
  • Und schließlich erschienen 1996 in Griechenland 30 „Unfertige Gedichte“. Also Texte, die mehr oder weniger ausgearbeitet waren. Bedeutend ist, daß sie fast ausschließlich aus dem letzten Jahrzehnt seines Schaffens stammen, und daß es Texte sind, die Kavafis hatte unbedingt zu Ende schreiben wollen. 

Diese Editionen runden (in großem Maße) das Bild vom Dichter und Menschen Kavafis weitgehend ab. Und Georgios Savidis, dem bedeutendsten Kavafologen zufolge, ist aus dem Archiv kaum etwas Neues in größerem Umfang zu erwarten. Ab jetzt bleibt es also dem Leser vorbehalten, sich sein eigenes Kavafis-Bild zu machen bzw. dem „Mythos Kavafis“ in seine Unergründbarkeit zu folgen. 

© Asteris Kutulas, 1991/2002

Mein zweiter Kavafis-Band mit Werken aus seinem Nachlass, veröffentlicht 1994 im Hanser-Verlag

Kutulas/Zotos/Petzold – Deformationen, eine Jannis-Ritsos-Klanghommage

Der 1909 geborene griechische Dichter Jannis Ritsos sah sich zeit seines Lebens mit den unterschiedlichsten Deformationen konfrontiert – mit gesellschaftlichen, geistigen, politischen und psychischen Miss- oder Verbildungen, mit gewissen Konstellationen, Energiezuständen und mit Bildern, die in unserem Kopf, vor unserem inneren Auge ablaufen, was philosophisch treffend mit dem „großen Unterbewusstsein“ umschrieben wurde, das dafür ein Reservoir bildet. Die Unmassen an Verdrängtem, unsere heimlichen und unheimlichen Sehnsüchte, verdichtete Ritsos zu phantasmagorischen Alpträumen des Tags und der Nacht – uns durch ihre Monstrosität die Gewissheit vermittelnd, sie hätten nichts, absolut gar nichts mit uns zu tun. Andererseits lässt es sich mit ihnen plötzlich leben, durch ihre poetische Ausformulierung werden sie uns seltsam nahegebracht, verlieren ihre erschreckende Fremdheit.

Das Konzept dieser strapaziösen, schmerzlichen und zum Teil befreienden Poetik bildete die Grundlage für das einstündige „Deformationen“-Programm, dessen Text-, Musik- und Klangstruktur von Jannis Zotos, Dietrich Petzold und mir entwickelt wurde. Unser Freund Stefan Körbel produzierte diese Aufnahme und wollte sie im DDR-Rundfunk spielen, was aber, glaube ich, nicht klappte.

Alle Texte von Jannis Ritsos
Asteris Kutulas, Übersetzung & Rezitation
Jannis Zotos, Gitarre & Bouzouki & Percussion, Vocals
Dietrich Petzold, Violine & Percussion, Vocals
Aufgenommen und produziert von Stefan Körbel
Live aufgenommen 1988 in Ostberlin

Hier also die Erst-Veröffentlichung dieses akustischen Experimental-Stücks:

*** *** ***

Deformationen

Diese Frau zählte viele schöne Liebhaber. Jetzt / hat sie genug davon; sie schminkt nicht mehr ihre Augen; zieht nicht mehr / die Härchen um ihren Mund mit der Pinzette einzeln heraus; / sie bleibt bis um zwölf Uhr mittags im breiten Bett; / ihr Gebiss hat sie unter dem Kopfkissen liegen. Die Männer / bewegen sich nackt von einem Zimmer zum andern, sie gehen / oft ins Bad, drehen mit großer Vorsicht die Wasserhähne zu; / rücken wie zufällig eine Blume auf dem in der Mitte des Zimmers stehenden Tisch zurecht / im Vorbeigehen, so lautlos, widerwillig, so ohne Leidenschaft jetzt, / ohne Ungeduld und Geilheit, – die Leidenschaft indessen / ist deutlicher noch zu erkennen, wenn sie verlischt. Der Männer dichte Behaarung / lichtet sich, verwelkt, ergraut. Die liegende Frau / schließt die Augen, um die Zehen ihrer Füße nicht länger sehen zu müssen, / die voller Schwielen, ganz deformiert; sie, die einst robuste – / hat nichtmal die Kraft, die Augen soweit zu schließen, wie sie will, / so beleibt, versunken in ihrem Fett, erschlafft, / wie die Dichtung wenige Jahre nach der Revolution. 

Jannis Ritsos, Athen, 29.1.72

*** *** ***

DEFORMATIONEN

… das war die Überschrift eines Gedichts von Jannis Ritsos aus dem Jahre 1972. Ich musste während der aufwühlenden Monate zwischen November 1989 und Ende 1990 ständig daran denken – der Untergang des Sozialismus vorweggenommen in einem krassen poetischen Bild. Und alle privaten und verinnerlichten Deformierungen führten unweigerlich in die Katastrophe bzw. die Erlösung, je nachdem welcher Denkungsart man war.

Im Mai 1984 konnte ich während drei Tagen in Dresden mit Jannis Ritsos zusammen sein. Er war einer Einladung zu den Musikfestspielen gefolgt, während denen die 7. Symphonie von Mikis Theodorakis uraufgeführt wurde, die auf Gedichten von ihm beruht. Es wurde eine bedeutsame Begegnung, schon durch die Art, wie dieser Mensch seinen Visionen durch seine Sprache Körperlichkeit gab. Für mich ist sie unvergesslich geworden.

Nun erschien im Romiosini Verlag: „Deformationen“, eine geradezu aufregende Anthologie, herausgegeben von Asteris Kutulas. Er zeichnet nicht nur für die Auswahl verantwortlich, sondern gibt im Anhang auch die notwendigen Erläuterungen, zudem fügt er ein vollständiges Werkverzeichnis an, sowie alle deutschsprachigen Erstausgaben, eine Diskographie und eine Liste aller Theateraufführungen, die auf Ritsos-Texten beruhen.

Über dieses Buch zu schreiben beginnen, heißt daher von vornherein, unvollständig zu sein und fragmentarisch zu bleiben: Allzu viel findet sich auf diesen 318 Seiten, allzu reichhaltig ist das Angebot, allzu vielseitig die Auswahl, allzu üppig der Stoff.

Asteris Kutulas, ein enger Vertrauter von Mikis Theodorakis und Jannis Ritsos, der Übersetzer und Herausgeber von Konstantin Kavafis’: „Die vier Wände meines Zimmers“ und „Die Lüge ist nur gealterte Wahrheit“ (Akzente, Hanser), sowie u.a. der dreibändigen Theodorakis Autobiographie (Ed. Phi, und verkürzt, Insel Verlag) nennt „Deformationen“ eine „innere Biographie“ von Ritsos und sieht sich einig mit dem großen Dichter, der in seinem Werk immer auch und immer wieder Zwiesprache mit sich selbst hält.

Kutulas hat sehr genau hingehört und vor allem, sehr genau gelesen.

Bevor er dieses Buch veröffentlichen und dabei mit sich selbst im Reinen bleiben konnte, wissend, dass er den geliebten großen Mann der griechischen Dichtung nicht verriet, sondern dem Leser näher zu bringen imstande war, musste er alles lesen, was Ritsos je geschrieben hatte.

Das schreibt er denn auch gleich am Anfang seines „Editorischen Nachwortes“: „In Vorbereitung auf dieses Buch habe ich da gesamte editierte Werk – fast 100 Bände unterschiedlichen Umfangs – sowie viele der unveröffentlichten Gedichtzyklen von Jannis Ritsos (1909-1990) durchgesehen. Von den über 7.000 Gedichten, die er zwischen 1930 und 1989 geschrieben hat, wählte ich etwa 320 aus.“ Sie stellt er in chronologischer Reihenfolge vor, blendet aber dazwischen einzelne Prosatexte, Essays und Vorworte von Ritsos ein, die das Geschriebene weiter erhellen.

Dabei handelt es sich fast nur um Texte, die bisher noch nicht auf deutsch veröffentlicht worden sind: Nur etwas mehr als zehn Prozent erschienen in anderen Ausgaben.

Ein besonderer Abschnitt des Buches ist Ritsos genialer Dichtung „Das Ungeheure Meisterwerk“ vorbehalten, für den Dichter selbst seine tiefste Aussage über sich selbst, für Kutulas, eine „Spiegelung“ seiner eigenen Auswahl, „de facto eine „autorisierte“ innere Biographie des Dichters“.

Abgerundet, ja, auch besondere Weise vertieft, wird die Edition durch ein Tagebuch des Herausgebers, das dieser vom 18.3.1982 bis zum November 1990 führte und in dem er über seine Begegnungen, seine Treffen, seine Gespräche, seine fruchtbaren, erhellenden Diskussionen und seine persönlichen Empfindungen gegenüber dem Schicksal Ritsos‘ berichtet.

Sie bewirken genau das, was Kutulas damit erreichen will: Sie bringen uns diese Persönlichkeit näher, machen sie besser verständlich und machen vor allem deutlich, warum Ritsos nicht mehr leben wollte, als alles, woran er kritisch geglaubt und für das er gelitten hatte, für ihn und in ihm zusammenbrach, als deutlich wurde, wie sehr die „geistige Wirklichkeit“ (Kutulas) des Kommunismus durch den „real existierenden Sozialismus“ pervertiert worden war und ein politisch erstarrtes Gefüge in sich selbst zusammenbrach: „Den Untergang seiner Epoche vermag er nicht zu ertragen“ (Kutulas).

Zum Ende seines Lebens nimmt Ritsos nichts mehr zu sich, trinkt nur noch Wasser und „erlischt“ (id.) regelrecht.

Eigentlich ist damit schon fast gesagt, was unbedingt gesagt werden musste, nämlich, wie wichtig, wie unersetzlich diese Veröffentlichung sein wird für all jene, die mehr (oder überhaupt etwas) über einen der größten Meister des Wortes unseres Jahrhunderts erfahren wollen, die sich mit seinen unendlich schönen Versen auseinandersetzen wollen, für die durch seine Bilder neue Türen aufgestoßen werden und die sich von seinen Visionen mittragen lassen wollen.

Dies zumal, da die Übertragungen ins Deutsche ungemein einfühlsam und rhythmisch prägnant sind, und hier soll der Beitrag von Ina Kutulas gewürdigt werden, die selbst eine echte Dichterin ist und mit sensibler Behutsamkeit jeden Vers so präzise und so geschlossen werden lässt, dass er nicht anders sein kann in ihrem „Hinüber-Setzen“ in eine andere, die deutsche Sprache.

Guy Wagner

Theodor Storms Novelle „Hans und Heinz Kirch“

Theodor Storms Novelle „Hans und Heinz Kirch“
von Asteris Kutulas (1981)

I

„Auf einer Uferhöhe der Ostsee liegt hart am Wasser hingelagert eine kleine Stadt, deren stumpfer Turm schon über ein Halbjahrtausend auf das Meer hinausschaut.“ (364) Gefangennahme der Phantasie; sacht, aber unerbittlich werden die Sinne hineingezogen in diese Stimmung einer „abgeschlossenen Einsamkeit“. Die „kleine Stadt“ am Meer, gleichsam ruhig, ohne Lärm, nur im „Frühling“ durch das „unablässige Geschrei der Strand- und Wasservögel“ in ihrer scheinbaren Trägheit etwas gestört. Schöne Landschaft – Eindruck einer Idylle, in der Veränderung kaum denkbar; der Turm ist schon seit einem „Halbjahrtausend“ stumpf, die Leuchttürme „entzünden“ wie von allein „ihre Feuer“. Doch dann der leise Hauch einer Bewegung: „die sogenannte Bürgerglocke“ hängt nicht mehr „wie seit Jahrhunderten“ im Kirchturm auf dem Markte. Das „Gesinde“ oder auch der „Haussohn“ brauchen sich nicht mehr der absoluten Herrschaft des Familienoberhauptes unterzuordnen.

Dann die Entschuldigung der „tüchtigen Menschen“ für ihre, „noch vor kurzem“ bestehende, Rückständigkeit. Es ist der Hinweis auf die Bewohner der „kleinen Stadt“, „unabhängig von dem Gelde und dem Einfluss der umwohnenden großen Grundbesitzer“, aus „alten Bürgergeschlechtern“ (364 f.) stammend. Die gleichen genetischen Wurzeln münden in die gegenwärtige Agonie zwischen einem „kleinen Patriziat“ mit stattlicheren Wohnungen und den anderen Bewohnern in den „niedrigeren Häuserreihen“ (365). Und dann erscheint ein „Aber“, wie zur Beruhigung, dass auch die jetzt Reichen noch „bis zum letzten Jahrzehnt“ sich ihre „Wohlhabenheit“ auf dem gleichen „Weg“ wie ihre „Vorfahren“ erworben haben. Die Aussage braucht nur weitergeführt zu werden: Jetzt müssten die Söhne nicht mehr diesen Weg gehen…

Der Auseinanderfall zwischen Arbeit und Reichtum, zwischen Reichtum und Rechtschaffenheit überschattet die Beziehungen zwischen den Bürgern der Stadt. Der zwingende „Stufengang der bürgerlichen Ehren“, dessen eine Stufe ihren Ausdruck im privilegierten Schifferstuhl mit dem „Barkschiff“ hat, lässt sogar „statt der Andacht ein ehrgeiziges Verlangen“ im „kleinen Bürgerstande“ aufkommen. Die dadurch ihrem Wesen entfremdete Kirche führt statt zu „gottseligen Gedanken“ (365 f.) zu „erregten weltlichen Entschlüssen“ (366). Die Horizonte und die Ideale – ihre eigentlichen Grenzen.

II

Rückversetzung in die Zeit davor. Zeit zwischen Zeiten: erzählte Zeit. Die „Abschaffung der Bürgerglocke als eines alten Zopfes war in der Stadtverordnetenversammlung von einem jungen Mitgliede zwar in Vorschlag gebracht worden, aber zwei alte Herren hatten ihr das Wort geredet … Und nach wie vor, wenn es zehn vom Turm geschlagen hatte, bimmelte die kleine Glocke hinterdrein“ (389). Fünfzehn Jahre vor diesem Sieg der alten Herren über den Geist der neuen Epoche verabschiedete Hans Kirch seinen Sohn Heinz zu einer mehrmonatigen Bewährungsreise als Matrose. Dass der nicht wiedergekommen, liegt an der Eigenheit einerseits des Vaters, der dem Sohn einen zornigen Brief mit Vorwürfen über dessen Verhalten am Vorabend der Fahrt schreibt und andererseits des Sohnes, der daraufhin, in der Überzeugung, zu Unrecht beschuldigt worden zu sein, nicht nach Hause zurückkehrt, sondern eine „neue Heuer“ annimmt, so seinem Vater trotzend. Doch „je weiter die Zeit verrann, desto fester wurzelte der Groll“ in Hans Adams Herzen, so dass er, als ein Jahr später ein unfrankierter Brief des Sohnes ankommt, diesen ungeöffnet zurückweist. Die Rückkehr des Heinz, auch vom Vater heimlich gewünscht, findet somit auch in den nächsten fünfzehn Jahren nicht statt – währenddessen die Mutter stirbt und seine Schwester Lina die Ehe eingeht.

Nach insgesamt siebzehn Jahren Trennung erfährt Familie Kirch, dass der Totgeglaubte sich in Hamburg unter falschem Namen aufhält. Dem „alten Schiffer …ist, als fühle er eine erkaltende Hand, die den Druck der seinigen erwarte“: Das Versprechen, das er seiner sterbenden Frau gegeben, ist das „Perpendikel“ für ihn, seinen Sohn nach Hause zu holen, der, zwar „widerstrebend“, ihm aber doch folgt, denn auch er muss „Gott weiß was, herunterspülen“.

Jedoch „kostet es Künste, in diesem Burschen mit dem roten Bart den alten Heinz herauszufinden“ (406), wie der Vater bemerkt, nachdem in der Stadt ein Gerücht seine Kreise zieht, „der Heimgekehrte sei gar nicht Heinz Kirch, er sei der Hasselfritz, ein Knabe aus dem Armenhause, der gleichzeitig mit Heinz zur See gegangen war“ (404). Da sich zudem der Zurückgekommene nicht „heimisch“ fühlt, ihn die Hausangelegenheiten „wie etwas Fremdes“ anmuten und eines abends „allerlei in seiner Erinnerung“ aufwacht, so dass sein Wesen hervorbricht und er die Nacht in einer verrufenen Kneipe verbringt, glaubt sich der Vater gezwungen, einen Schlussstrich zu ziehen und „hastig“ (422) den Sohn fortzuschicken. Diesen hält ebenfalls nichts mehr in seiner Heimatstadt: Wieb, seine Kinder- und Jugendliebe, ist inzwischen verheiratet. So reist er ab, ohne „the alms“ (424) des Vaters anzunehmen. Letzterer, gedrückt und gebrochen jetzt, erfährt durch eine Vision vom Tod seines Sohnes, „und der Tote hatte alle Rechte, die er noch eben dem Lebenden nicht mehr hatte zugestehen wollen.“ Buße mit Hilfe und an der Seite Wiebs, deren Mann „sich totgetrunken“. Der alleinige Gewinnende aus dieser Familienkatastrophe: der Schwiegersohn Christian Martens.

III

Nachdem der Ort und die Einwohner vorgestellt, charakterisiert der Erzähler die Hauptfigur: „Zu diesen strebsamen Leuten gehörte Hans Adam Kirch“ (366). Ein Mann, der ein Ziel hat und alles „rastlos“, „eilfertig“ darauf zusteuert – den „Platz im Schifferstuhle hatte er sich errungen; jetzt schwebten höhere Würden … vor seinen Sinnen“ –, ein Mann im sozialen Aufstieg begriffen, der alles diesem Aufstieg unterordnet, „denn auch die Sitze im Magistratskollegium, wenn sie auch meist den größeren Familien angehörten, waren mitunter von dem kleineren Bürgerstande aus besetzt worden“ (367). Dem entspricht die Darstellung seiner Familienverhältnisse, seines Eigentums: das Haus „aus der väterlichen Erbschaft… ein Stück Wiesenland … Eine Frau hatte Hans Kirch sich im Stillen vor ein paar Jahren schon genommen; zu der Häkerei … kam nun noch eine Milchwirtschaft: auch ein paar Schweine“ (366). Einbeziehung der Frau in die Aufzählung, um das Verständnis dieser patriarchalischen Familienform zu offenbaren.

Einerseits strebt Hans Kirch nach Reichtum und nach politischer Macht, andererseits sind in seinem Innern eine „angeborene Rechtschaffenheit“ sowie ein „Ehrgeiz“ fest verwurzelt, die ihn als einen „zuverlässigen Geschäftsmann“ (367) charakterisieren. Zwei Tatsachen, die unter den neuen, durch den Erzähler am Anfang skizzierten gesellschaftlichen Entwicklungen einander ausschließen.

Zu der Zeit, in der die Handlung der Novelle angesiedelt ist, in dieser „Zwittergesellschaft“, sind die Erwirtschaftung eines Schiffes und das Ablegen eines Steuermannexamens möglich, „aber auch die schon in die Kaufmannschaft Übergetretenen, die ersten Reeder der Stadt, hielten … hier oben unter den anderen Kapitänen ihren Gottesdienst“ (365). Hans Kirch muss in seinem Versuch scheitern, ehrlich zu Reichtum und Macht gelangen zu wollen. Seine Schwester Jule wird dies, nach der Wahl des Bäckermeisters, „mit dem er freilich weder an Reichtum noch an Leibesgericht sich messen durfte“, in einem von Kirch beanspruchten Ratsherrnstuhl aussprechen: „Du hast einen scharfen Kopf, und den können die regierenden Herren nicht gebrauchen, wenn er nicht zufällig auf ihren eigenen Schultern sitzt; da passt ihnen so eine blonde Semmel besser, wenn sie denn doch einmal an uns Mittelbürgern nicht vorbeikönnen.“ (380) Das ist deutlich genug! Und darin liegt die Ursache für einen Konflikt zwischen Hans Adams Wesen, seinem Ideal und dessen Realisierung.

In seinem Sohn Heinz spiegelt er sich, spiegelt er den Sinn seines Lebens wider, „sagen die Leute doch, er sei sein Ebenbild“ (367). Wollte er diese Einstellung verwerfen, müsste er sein Leben verwerfen. Er muss eins sein mit dieser Einstellung, „glaubte er doch selber nur den Erben seiner aufstrebenden Pläne in dem Sohn zu lieben“ (369). Jedoch bleibt noch eine Möglichkeit: Hans Kirch „glaubte … nur“. Denn, und das wird am Schluss der Novelle deutlich, ist in ihm noch eine andere Art Liebe verwurzelt, eine Liebe des Vaters zum Sohn, die zuerst mit der Liebe zum Erben (also zu sich) zusammenfällt, unsichtbar in seinem Innern harrt, sich jedoch schließlich von diesem löst und verselbständigt. Dieser innere Konflikt ist der dramatische Höhepunkt, das psychologische Zentrum der Novelle.

IV

Kurz bevor Heinz das Elternhaus für immer verlassen soll, wird dieser scheinbar unsichtbare Konflikt „hervorgekehrt“: „Plötzlich fuhr er auf, seine grauen Augen öffneten sich weit: ‚Hans! Hans!’ hatte es gerufen; hier im leeren Zimmer, wo, wie er jetzt bemerkte, schon die Dämmerung in allen Winkeln lag. Aber er besann sich; nur seine eigenen Gedanken waren über ihn gekommen; es war nicht jetzt, es war schon viele Jahre her, dass ihn diese Stimme so gerufen hatte …“ (422). In diesem „leeren Zimmer“ ist er allein, allein mit sich, und die Stimme ruft aus ihm heraus, als würde sie Besinnung fordern seitens des anderen Ich’s, das Kirch wie eine äußere Gewalt vorkommt. Hans Kirch verstößt gegen die „Ewigkeit“ (434), verstößt gegen die ewigen menschlichen Gesetze, gegen das „Sittengesetz in uns“ und muss so seinen Sohn verlieren.

Erst als Heinz für ihn stirbt, kann es zu einem Erkennen seines Irrtums kommen – meisterhafte Gestaltung dessen durch Storm. Erst nachdem „die letzten Trümmer lang gehegter Lebenspläne“ (422) weggeräumt sind in ihm, als es „in der grauen Zukunft keine Hoffnung mehr für ihn“ (427) gibt, erst nach Heinz’, als er in ihm nicht mehr den Erben sehen kann, ist die Grundlage geschaffen, den menschlichen Sohn zu erkennen.

Abstrakt gefasst, vollzieht sich die innere Auseinandersetzung des Hans Kirch zwischen den historisch determinierten Werten, Normen und den dem Menschen wesenseigenen Gefühlen. Storm schreibt am 12. Dezember 1885 an Wilhelm Petersen, dass der Stoff der Poesie „nicht auf vorübergehenden Zuständen beruhen soll, sondern auf rein menschlichen Konflikten, die wir ewig nennen“. (in Briefe 2, 342)

V

Der Titel der Novelle weist uns auf den äußeren Konflikt hin, jedoch bedeutet er mehr. Erwartet der Vater absoluten Gehorsam von Heinz, so muss dessen Persönlichkeitsentwicklung unvermeidlich zu einer Kollision führen. Der Aufeinanderprall als Mittel, den inneren Konflikt auszulösen. Heinz’ erste Handlung ist passiv: „Erstaunt und furchtsam“ (369) sieht er zum Vater hoch, der die Hand gegen ihn erhoben hatte. Dieser duldete keinen Widerstand vom Sohn, und so kommt die „Zärtlichkeit des … (Vaters) gleicherweise immer seltener zutage, je mehr der eigene Wille in dem Knaben“ (369) wächst. Dessen Passivität verschwindet und macht einer charakteristischen Persönlichkeitsentwicklung Platz. Im sechsten Lebensjahr ist die Charakterentwicklung noch in einem kleinen „aber“ enthalten: „Als Heinz das sechste Jahr erreicht hatte, nahm ihn der Vater zum ersten Mal mit sich auf die Fahrt, als ‚Spielvogel’, wie er sagte…; der Knabe aber freute sich über sein blankes Hütchen und lief jubelnd über das schmale Brett an Bord …“ (367)

Ein Jahr später, mit sieben, tritt sie schon deutlicher zutage, musste Heinz doch „mit Gewalt an Bord gebracht werden …“ – „Er fürchtete seinen Vater und trotzte ihm … zugleich.“ (369) Heinz war wohl des Vaters „Ebenbild: die fest auslugenden Augen, der Kopf voll schwarzbrauner Locken seien väterliche Erbschaft, nur statt des krummen Rückens habe er den schlanken Wuchs der Mutter.“ (367) Aussehen als entäußertes Wesen: der nicht gebeugte Rücken. Und der Ausspruch des Pastors – „Seeleute und Studenten, das waren die freien Männer“ (406) – trifft so auf das Wesen des Heinz Kirch zu. Natürlich war es die erzwungene Freiheit eines Ausgestoßenen, eines von „Vaters Hand“ Verstoßenen. Er erfährt in der Novelle einen so großen Individualitätsgewinn, dass er sein „altes Gesicht“ verliert. Deshalb ist es für Hans Kirch unwichtig, ob dieser sein Sohn ist, er „war in dieser Gesellschaft für jetzt nicht wohl zu präsentieren“, und über die Vergangenheit Heinz’ „frug er so leise, als ob es niemand hören dürfe“.

Die Einheit von äußerer Erscheinung und innerem Wesen wird auf die Spitze getrieben: Heinz’ Unkenntlichkeit ist Ausdruck seiner ausgeprägten Individualität als Abgrenzung von der heimatlichen Umwelt, in der er aufgewachsen ist. Der Pessimismus Storms, der hier zutage tritt (als einzige Alternative bleibt die „Piraterie“), zeigt das Fehlen jeglicher Alternative. Der Tod Heinz’ wird notwendig – übrig bleibt eine Hoffnung im Sinne humanistischer Aufklärung: Erst nachdem die Vaterliebe, durch den Tod Heinz’ ermöglicht, in Hans Kirch gesiegt, als dieser die volle Persönlichkeit seines Sohnes in der Person der Wieb anerkennt, wird er selbst zum menschlichen Individuum: „’Er ist tot’, sagte er, ‚ich weiß es jetzt gewiss; aber – in der Ewigkeit, da will ich meinen Heinz schon wiedererkennen’.“ Damit ist allerdings eine andere „Ewigkeit“ gemeint als die in den „Köpfen alter Weiber“ (434), die ihm der alte Tischler und „Sozialdemokrat“ (433) Jürgen vorwirft. 

VI „Die Macht des bloßen Geredes …“ (Theodor Fontane)

Hans Adams Hoffnungen haben ein vergegenständlichtes, zeitgeronnenes Ideal. Die „Marmorbürste eines stattlichen Mannes in gewaltiger Allongeperücke …; gleich seinem Heinz nur eines Bürgers Sohn, der gleichwohl als Kommandeur von dreien seiner Majestät Schiffen hier in die Vaterstadt zurückgekommen war“ (375). Dieses allgemein-gültige Ideal, in der Kirche aufgestellt, offenbart die verweltlichte Funktion dieser Institution, aber auch das Verschmelzen der kirchlichen und der weltlichen Macht unter der Herrschaft des Geldes. Wie sehr die Geschicke des Sohnes durch die Pläne des Vaters, aber auch durch die Zwänge der Gesellschaft bestimmt wurden, zeigt ein Ausspruch des Pastors gegenüber Hans Kirch: „… und wenn er kommt, er ist ja von Ihrer Art, Herr Nachbar, so wird es nicht mit leeren Händen sein!“.

„Plötzlich, Gott weiß woher, tauchte ein Gerücht auf und wanderte emsig von Tür zu Tür …“ So tritt punktuell eine Bewusstseins-Verdopplung in Kraft, die Hans das Erkennen seines eigenen Sohnes nicht gestattet. Die Entwicklung seines Vater-Seins ist die Verwirklichung seines Wesens als privates bürgerliches Individuum. Zweimal verstößt Hans Kirch seinen Sohn von zu Hause, beide Male steht als Anlass und als konsequente Ursache die „öffentliche Meinung“ (als Sprachrohr und als Ausdruck gesellschaftlicher Organisierung) dahinter, beide Male personifiziert durch seine Schwester Jule. Und immer wird diese Beeinflussung begleitet von einer persönlichen Verstimmung und geschäftlicher Einbuße. „Verdrießlich war er eben aus einer Deputiertensitzung gekommen“ (379), da der Bäcker auf dem Ratsherrnstuhl saß, als Jule ihm mit dem Vorurteil gegen „die schmucke Wieb, die kleine Matrosendirne“ den Anstoß gibt, „einen Brief an seinen Sohn“ zu schreiben, „in welchem in verstärktem Maße sich der jähe Zorn ergoss, dessen Ausbruch … verhindert worden“ (382) war.

Dann kommt der unfrankierte Brief in dem Augenblick, als er „mit seinem Verlustkonto beschäftigt“ war, „das sich diesmal ungewöhnlich groß erwiesen hatte“ (385). Und wieder schiebt sich zwischen ihn und den Sohn seine Weltanschauung, sein Ideal: „Nicht mal das Porto hatte er gehabt! Und der, der sollte im Magistrat den Sitz erobern, der für ihn, den Vater, sich zu hoch erwiesen hatte!“ (386). Hans Kirch – in seiner Beschränktheit, in seinen festgefahrenen Horizonten, erkennt nicht bzw. kann nicht erkennen, was er an diesem Sohn hat, obwohl sich in seinem eigenen Haus, vor seinen Augen die normale, gesetzmäßige Entwicklung der Gesellschaft abspielt.

Der „Ehrgeiz“ hat sich in „anderer Form“ (392) entwickelt, der durch die jüngere Generation, durch seinen Schwiegersohn Christian verkörpert wird. Dabei tritt ein dem kleinbürgerlichen Geist immanenter aristokratischer Drang nach Repräsentation immer mehr hervor: Für „einen feinen Mann gelten, mit den Honorationen einen vertraulichen Händedruck wechseln, etwa noch eine schwergoldene Kette auf brauner Sammetweste“ schienen ihm notwendige Bedürfnisse zu sein. Das ist aber sogar Hans Adam mit seinem patriarchalischen Verständnis fremd, und so „drängte (es) ihn nicht mehr, in den Gang der kleinen Welt, welche sich um ihn her bewegte, einzugreifen.“ (427). Aber auch die erste Seite „seines Wesens“ verwirklicht er nicht mehr, „hatte er das Steuer … in der Hand des jüngeren Teilhabers der Firma übergehen lassen“ (427). Die Teilung des Individuums in zwei Wesen und, gerade diese Spaltung (hier privates Geschäft, dort öffentliches Wohl) ist bekannt. Das Auftreten von Entfremdungserscheinungen ist nicht zu verkennen „Die Spaltung des Menschen in den öffentlichen und in den Privatmenschen“ geht durch die Persönlichkeit von Hans Kirch. Indem er sich von beiden Wesen lossagt, da er dem neuen Nützlichkeitsprinzip nicht huldigen kann, überwindet er auf diese Art und Weise die beschränkte bürgerliche Individualität in sich und kommt zur wahren Menschlichkeit. Die Entwurzelung von seinen bisherigen Lebensprinzipien ist die Grundlage, aus der Endlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft geistig in die „Ewigkeit“ des Menschseins zu gelangen, weiterhin aber in der alten Welt physisch verwurzelt zu bleiben. Womit er die neu geschaffenen Lebensinhalte ablehnt.

Der Name „Harmoniegesellschaft“ (392) ist bezeichnend; „Harmonie“, da doch bekannt ist, „dass nur angesehenere Bürger zugelassen“ werden. Die Differenzierung der Gesellschaft ist im Verlauf der Handlung der Novelle spürbar geworden. Man „spricht schon von dem ‚reichen’ Christian Martens, und Hans Adams Tochtername wird der Stadtrat nicht entgehen“ (435). Das ist er – der Weg, den Hans Kirch für seinen Sohn vorgesehen hatte, der Sinn seines Lebens. Dahinter steckt Zwang. Denn nur dieser Weg, dieser Lebensinhalt bleibt ihm übrig, will er mit seinem relativ kleinen Vermögen sich und seine Familie ernähren, will er überleben. Das bedeutet für ihn also Schutz, eine Absicherung vor dem Verfall; gleichzeitig aber gibt es Momente, in denen er seinen Sohn, dessen Ungebändigtsein er beneidet, vielleicht versteht, hatte sich doch auf „Hans Adams Antlitz … mehrmals bei solcher Auskunft ein recht ungeeignetes und fast befriedigendes Lächeln gezeigt“ (374). Dass „Heinz … mehr lernen (sollte), als jetzt noch in der Rektorschule für ihn zu holen war“ (370), ist auch Ausdruck für das Streben Hans Adams, seinem Sohn die Möglichkeit zu geben, sich aus seiner, des Vaters Welt, freizumachen. Jedoch geht das nicht auf ehrliche, menschlich-reine Weise. Das ist die wahre, die große Tragik des Hans Adam Kirch: Der Unternehmer, der kalt kalkulierende Kapitalist, handelt. Er, dem „die Verschollenheit des Haussohnes … wenigstens den zweiten Grund zum Werben um Hans Adams Tochter abgegeben“ (397) hat, ist der Aktive, der Überlebende, der Gewinner: Christian Martens.

Resignation des Dichters, die Abkehr des Hans Kirch von der Welt, die Besinnung auf sein wahres Ich (die Einbeziehung der „Sterne“ (434), des Universums seiner Anschauung) kann und muss als Kritik verstanden werden, aber auch diese recht zweifelhafte Auswegmöglichkeit kann nur unter der Voraussetzung des Todes von Heinz wahrgenommen werden.

Dass die „Werther“-Alternative von Storm aufgeworfen wird, ist erstaunlich. Außerhalb der Gesellschaft ist jedoch für ihn menschliche Existenz unmöglich bzw. nur unter Preisgabe dieser denkbar. „Bleib lieber in deines Vaters Stor und spiel mit deines Nachbars Katze.’“ – der Verweis, innerhalb der Gesellschaft zu bestehen, kommt von Heinz Kirch selbst … In dieser aber gehen die menschlichen Bindungen, die menschlichen Bande der Familie durch die Versachlichung der Beziehungen und durch die aufkommende Doppelmoral der Gesellschaft zugrunde. Und Storms Sympathie gilt eindeutig auch dem Hans Kirch, denn dessen „Schuld“ wurzelt in seiner „angeborenen Rechtschaffenheit“, die in diesem Zeitalter zu seinem Untergang führen muss. Die Wehmut, die sich in dieser Novelle entäußert – Ausdruck eines humanistischen Pessimismus –, zeugt von einer absoluten Ausweglosigkeit, von dem Sehnen nach einer „intakten Vergangenheit“ und von einer verlorenen Identität.

© Asteris Kutulas, Leipzig, 18.5.1981

Anmerkungen: Alle Zahlenangaben in Klammern beziehen sich auf Theodor Storm, Sämtliche Werke in vier Bänden, Berlin 1978

Bizarre Städte Diskurs

Eine Erwiderung auf Michael Thulin (1988/89)

Zunächst muß betont werden, dass ich Michael Thulins allgemeinen Frust verstehe und seine theoretischen  Prämissen akzeptiere, obwohl sie die meinen nicht sind. Allerdings erhoffte ich mir eine kritische Würdigung oder eine würdige Kritik (je nach dem) der ersten drei Bücher der „Bizarren Städte“ (weiter: BS), weil, wie in meinen Vorworten festgehalten, das Projekt für uns ein Experiment war. Aber auch weil Thulin vom „Unvermögen“ seiner zwei Kollegen Peter Wawerzinek und Olaf Nicolai, die drei Bücher „richtig“ einzuordnen, ausgeht, also von einer Behauptung, die nur durch eine fundierte Analyse der BS-Bücher aufrechterhalten werden könnte. Und schließlich erwartete ich bei der Beurteilung der Produktion der drei Bücher und  der Arbeit der Autoren, Grafiker und Fotografen eine gewisse Sensibilität, besonders wenn man bedenkt, auf welch unsicherem  Terrain sich der autonome Literaturbetrieb in der DDR bewegen muss.

Seriöse Kritik?

Ich spreche nicht von weniger, sondern von fairer, ernsthafter Kritik. Doch Thulins Behauptungen und Unterstellungen werden de facto durch die in den letzten drei Monaten fertiggestellten vier neuen BS-Bücher  (Sonderheft 1 und 2,  Dresden-Heft, Band 4) widerlegt. Diese Art der Entgegnung entspricht mir – einem „Macher“ – mehr, als mich theoretisierend ins Weltgeschehen einzubringen. Trotzdem möchte ich Thulins „Kritik“ (die mich an T.S. Eliots Feststellung erinnerte, die meisten Kritiker bemühten sich nur um Vernebelung, indem sie u.a.  behaupten, der einzige Unterschied  zwischen ihnen und den anderen  liege darin, dass sie selber nette Menschen und die andern recht zweifelhaften Rufes seien) zum Anlass nehmen, ein paar allgemeine Bemerkungen zu der Geisteshaltung zu machen, die sich dahinter verbirgt.

Wegen der Vernebelung, die Thulins „kritischer“ Methode eigen ist, meint man, einen Krimi zu lesen, der in London spielt und in dem  die  Polizei mit einer extra dafür konstruierten Maschine Nebel produziert, um darin zu verschwinden und nicht als Verbrecher entlarvt zu werden; was es tatsächlich gegeben haben soll. Wachtmeister Thulin  geht wie folgt vor: Er unterscheidet nicht zwischen den drei BS-Büchern als fertige Produkte – für die der Herausgeber ohne  weiteres „belangt“ werden könnte – und den bezeiten geführten Gesprächen: Den sich verändernden, widersprechenden verbalen Aussagen zwischen März und April 1988 – die, ihrer Natur gemäß, nichts Apodiktisches besaßen – verschiedener am Projekt beteiligter Autoren und  Grafiker, den Herausgeber mit eingeschlossen.

Das Gespenst der Aufklärung

Thulin macht nichteinmal den Versuch,  Licht in diese düstere Affäre zu bringen und läßt im Dunkeln, worauf er seine >Dekonstruktionen< stützt: auf die drei BS-Bücher mit den darin versammelten Texten? Auf Gespräche? Auf eine Diskussion? Auf Gerüchte? Die  Verwirrung beginnt bereits bei den Begriffen; so geht – nach Thulin – ein Gespenst in der Gesellschaft um, das allerdings – nach Thulin – gescheiterte Gespenst der >Aufklärung<. Was er darunter versteht (Landläufiges, Weltläufiges, Prenzelbergläufiges?), verschweigt der Meister. Zudem bleibt Thulin die Erklärung schuldig, wie sein Wahn-Gebilde, obwohl (fast) tot, noch so viel Unheil unter den Lebenden anrichten kann, aber wahrscheinlich will er uns vor Nekrophilie schützen, vor solch verwerflichem Gedankengut: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus der  selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen,  sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines  andern zu bedienen …“

Die gescheiterte Aufklärung

Also warnt Wachtmeister Thulin vor  dem Grufti Immanuel Kant und deutet – nach durch ihn heimlich begangenem Mord – auf die Leiche: Diese >Aufklärung ist gescheitert<! (Der  Widerspruch wird deutlich, wenn Thulin selbst als ein „restlos Aufgeklärter“ auftritt,  so dass man die Horkheimer/Adorno-Feststellung: „Aufklärung ist totalitär  wie nur irgendein  System“ leicht auf sein eigenes Gedankengebäude anwenden kann.) Ähnlich konfus, ohne ihrer Begrifflichkeit Herr zu werden, verwendet er auch andere Wörter, zum Beispiel >Selbstverständnis<, >Lebensweise<; und wenn er gar das bittere Ende  der BS prophezeit, greift er zum Polizistenjargon: >wenn es je so etwas wie ein authentisches Gesicht (des Editionsunternehmens BS; A.K.) gegeben hat, – sieht man einmal von  der Aufmachung ab -,  dann ist ihm der Boden unter den Füßen entzogen<, um zu beweisen, dass nicht nur Lügen, sondern auch Gesichter kurze Beine haben, was aber Thulins  wachendem Auge  nicht entgeht, genausowenig wie der Umstand, dass  sich hinter einer ordinären >Aufmachung< ein >authentisches Gesicht< verbergen kann.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Einband von Trak Wendisch für Bizarre Städte, Band 3 (1988)
Literatur & Politik

Der Sinn jeder seriösen Kritik – und gerade einer Gegenkritik, die anhand des besprochenen Gegenstandes die andere Meinung postuliert! –,  hätte für mich darin bestanden, die Texte (hier: in den BS), den inneren Zusammenhang jedes Heftes, die inhaltliche Klammer des gesamten Projekts etc. zu untersuchen. Aber nicht für Thulin: kein Wort über die Autoren, kein Wort über die Struktur der Beiträge, über die formale und inhaltliche  Entwicklung von Band 1 bis Band 3, nichts über Art und Prinzip der Edition. Sind es überhaupt die BS, für die  sich Thulin interessiert? Denn, seltsam genug, er argumentiert “politisch” und nicht literarisch, obwohl er nicht müde wird zu behaupten, ihm ginge es nur um „Literatur“.

Zunächst „beweist“ er, wie beschränkt die  beiden Kritiker Olaf Nicolai und Peter Wawerzinek sind, die sich bislang zu dem Projekt geäußert haben. Dann zeigt Thulin, auf welch verlorenem Posten die BS stehen, mit einem  Hinweis auf das gegenüberliegende leuchtende Ufer der „ariadnefabrik“ (die ich übrigens schätze) und der anderen von ihm gelobten Zeitschriften. Und zu guter Letzt entlarvt er den Herausgeber als >Manager<, der die Autoren nur beim Denken und Arbeiten stört. Man gewinnt den Eindruck, liest man  Thulins Untersuchungsbericht, dass  der Herausgeber – dem es >um das Verteilen (sic!) und Verlegen von Literatur (geht), wenn die anderen (die  schutzlosen Autoren!  A.K.) von  ihren  eigenen Problemen  sprechen< wollen – aus dem nicht-öffentlichen  Verkehr gezogen werden muß.

flanzendörfer, Böthig, Hensel, Jansen, Schmidt u.a.

Dabei muß man nur einen Blick in die BS werfen, um zu sehen, dass die BS zumindest eins erreicht haben, was Legitimation genug für ihr Bestehen (das Bestehen jeder beliebigen  literarischen Zeitschrift) ist: Es sind im Auftrag der Redaktion Texte, Grafiken und Fotos entstanden: so der längste Text, den Frank Lanzendörfer, angeregt  auch von Johannes Jansen, je geschrieben hat: die 25seitige aus Gedichten,  Fotos  und Zeichnungen bestehende Collage „garuna, ich bin!“, genauso wie der im 4. Band abgedruckte Text „zwischen hoffnung und resignation“, weiterhin Peter Böthigs „kleiner versuch über den  schaden“,  Walsdorfs  „frauen  ohne  unterleib“, Kathrin Schmidts „der um die Ecke einbog“, Janovskis „photobiographischer versuch über die szene“, Jansens grafisch-poetischer Beitrag „Fang“, Kerstin Hensels „Anschläge über das  Literaturinstitut“, Uwe Lummitsch‘ „Zwiesprache“, Kunz‘ „Messer im Kopf“, Menschings „Die Stadt“, Adloffs „Bemerkung“, Schwarz‘ „Splittersammlung etc.etc. Ganz abgesehen von den Grafiken,  Zeichnungen, den beiden Kassetteneditionen, der Grafikmappe mit dem dafür geschriebenen Text von Elmar Jansen und natürlich den Erstveröffentlichungen von fast allen Texten (darunter immerhin Brauns „Freizeitpark“ und „Schiff im Land“, Endlers „Bubi Blazezaks  gedenkend“, Papenfuß‘ „remembering cerstin“, Czechowskis „Das Zwingende“ und „Tag im Februar“, Menschings  „Wetterbericht“). Das  alles ist Thulin keiner Erwähnung wert. Viel wichtiger scheint ihm  dagegen, diese gesamte  Produktion auf den Begriff der >kulturpolitischen Pauke< zu reduzieren – tatsächlich: >inhaltlich  ist  damit leider noch nicht viel gesagt< (sic!) –,  was ihm zumindest ermöglicht, den Herausgeber ob seines anti-literarischen Verhaltens zu rügen.

Thulins Diffamierungen

Da  Thulin es ist, der von Wawerzinek und Nicolai eine durchdachtere Kritik des Experiments BS verlangt, erwartet man diese verständlicherweise von ihm: vergebens: Nach „politischen“ Unter-die-Gürtellinie-Schlägen gegen Olaf Nicolai – auf dessen  harmlosen Satz hin: „der verlust von gesellschaftlichem  interesse an kunst führt zu elitären zirkeln, die in der folge selbst ein mangelndes interesse an bestimmten gesellschaftlichen prozessen sich zueignen“ sich Thulin zur Behauptung hinreißen läßt, hier spräche ein Shdanow (sogar ein Seferis, ein Eliot und ein Enzensberger, denen man schwerlich Stalinismus vorwerfen kann, hätten diesem Satz zugestimmt!) – und gegen Peter Wawerzinek – der aufgefordert wird, seine nächste Kritik doch im „Sonntag“ zu  veröffentlichen – (deutlich in beiden Fällen ein Angriff auf der Ebene der (im weitesten Sinne) politischen und persönlichen Diffamierung) sieht sich Thulin dem Dilemma gegenüber, behaupten zu müssen, dass die Autoren, Maler und Fotografen (wie Faktor, Wendisch, Brinkmann, Fries, Burchert, Hussel, Wenzel, Stürmer-Alex etc.) sich vom Herausgeber haben einwickeln und benutzen lassen. Er kommt nicht auf die Idee (und will nicht sehen), dass diese – im Gegenteil – mit ihrer Mitarbeit einen Versuch unterstützt haben, der ihnen wichtig war. Thulin hat für deren Mittun eine gewichtige  Erklärung parat: Sie alle seien dem Herausgeber >auf den Leim<  gegangen, >geblendet von der gediegenen Aufmachung<! Doch Wachtmeister Thulin eilt herbei, die hier versammelte getäuschte   Autorenschaft der DDR vor dem gerissenen Griechen zu warnen und dessen Treiben ein Ende zu setzen! Denn: in den BS >geht (es) um allerlei, bloß nicht um Literatur<!

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Originalsiebdruck von Karsten Nicolai für Bizarre Städte, 1988
Worum es uns ging

Ich habe es eher so empfunden: Für die meisten Autoren von BS war es wichtig, dass „Literatur“ im Verständnis des Herausgebers mit Mündigkeit und Freiheit, mit Phantasie und Toleranz zusammenhängt.  Literatur in BS hatte und hat nichts mit Engstirnigkeit und Borniertheit zu tun, die den eigenen Literaturbegriff als alleinigen Maßstab anerkannt wissen und die „Literatur an sich“ damit in Beschlag nehmen will. Der Herausgeber hält es mit Bloch, mit einem jener von Thulin verabscheuten und für tot erklärten Aufklärer: Literatur hat allemal  mit Utopie zu tun, die Thulin – daraus mache  ich  ihm keinen Vorwurf, ich lese es nur aus seinem Text heraus – völlig fehlt. Anliegen der BS ist, Voreingenommenheit und Verhärtung, Isolation und fehlende Gesprächsbereitschaft zwischen Autoren abzubauen, zwischen ihnen zu über-setzen, „Aussagen zur Zeit“ zu dokumentieren, und sich zum andern gegen die „industrielle“ Ver-Wertung von „Idealen“, ausgedrückt in der offiziellen Doktrin der Interessenvertretung des ganzen Volkes durch die monopolistisch geführten Massenmedien (als wäre das  möglich!) zu wehren. Die vor einem Jahr fertiggestellten drei Bände – in denen (erstmals so breit) wenigstens Ko-Existenz möglich war – haben die Grundlage für Kommunikation (noch  nicht: Dialog) geschaffen, die in den nächsten Büchern in Form von Interviews und neuen  Konzepten angestrebt wird. Das steht (mehr oder minder deutlich) in den Vorworten.

Moralisches Aus

Aber  Thulins „kritische“ Methode ist nicht in erster Linie durch die frappierenden Unterlassungen gekennzeichnet, die ich angedeutet habe,  auch nicht durch die versuchte  Verwischung seines eigentlichen Anliegens, worauf ich noch zurückkomme, sondern durch die eklatante Unfähigkeit, auch nur eine einzige stimmige Argumentationskette aufzubauen. Ich möchte das an einem Beispiel erläutern, und zwar an einem wichtigen Punkt seiner „Kritik“: >Das Anliegen der BS ist, wie  die Vorworte zeigen, zunächst einmal ein kulturpolitisches: Veränderung der Druck- und Veröffentlichungspraxis, eine Autorenzeitschrift. Glasnost, um Kutulas zu zitieren. Aus diesem Grunde geht es den Heften weder um die darin versammelten Autoren, noch um die  Individualität und spezifische Qualität der einzelnen Beiträge. Autoren und Beiträge sind Makulatur, sie sind heranzitiert und versammelt zur Demonstration eines Beweises …< Wie die Vorworte  zeigen? Thulin zitiert? Aber vergebens sucht man in den Vorworten  die Worte >Glasnost<,  >Autorenzeitschrift<; auch keine Spur von dem in Thulins Augen unzüchtigen Anliegen, die Druck- und Veröffentlichungspraxis zu verändern (geschweige denn die Forderung danach (meine diesbezügliche Meinung steht hier nicht zur Debatte). Also aus diesen – nichtvorhandenen – Gründen unterstellt Thulin dem Herausgeber ein  Verhalten, das, wenn es ruchbar würde, sein moralisches und damit faktisches Aus bedeutete. Ich will es bei diesem Beispiel belassen. (Angesichts der pejorativen Belastung dieser Begriffe, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren,  Thulin sei gegen Glasnost, gegen eine Liberalisierung und Demokratisierung  der Druck- und Veröffentlichungspraxis etc., wenn ich sehe, wie blind er um sich schlägt, als wolle er nicht argumentieren, sondern provozieren – den BS so eine Art politische Plattformbildung unterstellend).

Bizarre Städte Statement

Obwohl, wie gesagt, das Wort „Autorenzeitschrift“ in keinem der Vorworte  auftaucht – weil die ersten drei Bände der BS diesem Namen nicht gerecht würden –, möchte ich jenes Prinzip (das auch eine solche  Zeitschrift charakterisieren würde) erläutern, das von Anfang an die  editorische Praxis der Redaktion bestimmte: Ziel war, ein Forum für das Schreiben und Denken von verschiedenen Autoren zu schaffen, eine  offene Konzeption nach allen Seiten hin zu vertreten (sich nur verweigernd  dem „rechten“ und „linken“ Opportunismus) – all das geleitet von einem elementaren Respekt vor dem Autor/Künstler und seiner Produktion. Eine Zeitschrift also, die  sich als unabhängiges Blatt/Medium für  das  geschriebene und gedachte/gesprochene Wort ihrer Autoren versteht – und die auch so von den verschiedensten  Autoren angenommen und befördert wurde.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Siebdruck-Plakat von Erika Stürmer-Alex zur Vorstellung von Bizarre Städte Nr.1 bis 3 in der Akademie der Künste, 1988
Elfenbeintürme

Während einer Lesung in der Akademie der Künste berichtete Christa Wolf über Gespräche,  die sie mit Franz Fühmann (wenn ich mich recht  entsinne) darüber geführt hatte, was sie gemeinsam geschrieben, welche Themen sie angepackt hätten, wäre  ihnen eine Spalte in einer  Wochen- oder Tageszeitung angeboten worden. In einem Land, das sich leisten kann, auf solche Angebote nicht zu reagieren, ja, sie gar nicht wahrzunehmen, ist es, gelinde gesagt, unverantwortlich, so blauäugig für andere  Elfenbeintürme (oder Gefängnisse?) in die Landschaft  stellen zu wollen, in denen man sich Ende des 20. Jahrhunderts als Schriftsteller eh nur selbstkasteien kann. Ich habe nichts dagegen,  wenn Thulin für sich einen  solchen Turm errichtet – ich werde der letzte sein, der ihn daran hindert. 

Der Standpunkt,  den Thulin angreift – die eher provokativ gestellte Forderung während zweier Lesungen (nicht nach >Institutionalisierung<, sondern:) nach einer unabhängigen, ausschließlich von Autoren herausgegebenen  Publikation, was Thulin wohlweislich verschweigt, also eine Forderung, die so in der DDR,  soweit mir bekannt, noch nicht gestellt wurde –, hat nicht nur nichts mit dem konkreten Projekt zu tun und wird in keinem der drei Bücher vertreten, er ist auch als verbaler Standpunkt seit fast einem Jahr nicht mehr im Gespräch. Das Weiterbestehen von BS hing für die Redaktion von der Bewahrung des autonomen Charakters des Projekts ab. Das Interessante an Thulins Kritik ist die a priori mitgemeinte Diffamierung des Begriffs „Institution“, interessant, weil sie einerseits vom demokratischen Impetus der BS absieht (es würde zu  weit führen, und es ist nicht unser Thema, darzustellen, wie die BS produziert wurden), weswegen überhaupt viele der Autoren sich am  Projekt beteiligt haben, und andererseits von der dogmatischen Praxis auch jeder nichtoffiziellen „Institution“, die es in der imaginären „Szene“ (ich weiß, ein ungenauer Begriff), die Thulin  beschützen möchte,  in vielerlei Gestalt gab und zum Teil noch gibt,  und von der auch die von ihm genannten Zeitschriften (genauso wie die BS) gar nicht frei sein können, was Adolf Endler in seiner Besprechung  des  Buches „Sprache & Antwort“ als Gefahr für einige dieser Blätter auswies, „ins schwiemelige Abseits des Sektiererhaften und Dumpf-Provinziellen“ zu geraten.   

Demagogie

Thulins Demagogie erreicht in dieser Hinsicht einen (ungewollten) Höhepunkt: Einerseits wirft er den BS vor, ein fatales  Öffentlichkeitsverständnis zu haben, andererseits übersieht er geflissentlich, dass eine repräsentative Auswahl aus „mikado“ in einer Auflage von mehreren Tausend als Taschenbuch bei „Luchterhand“ vertrieben  wird;  einerseits behauptet er, die von ihm gelobten Zeitschriften wendeten sich vor allem >an den Kreis ihrer Autoren< und der unmittelbar Interessierten (>Mehr möchte man nicht …<!), andererseits verschweigt er, dass eine Reihe von Gesprächen aus dem „schaden“ in der „Collection S. Fischer“ veröffentlicht wurden (das von Egmont Hesse herausgegebene  interessante Buch „sprache & antwort“); einerseits regt sich Thulin auf, weil BS versucht haben, neue – unabhängige – Freiräume und Möglichkeiten für Kommunikation zu schaffen, andererseits stört es ihn überhaupt nicht, dass „ariadnefabrik“, „schaden“ etc. in westlichen  Gazetten wie „Niemandsland“ sowie die literarische, musikalische  und künstlerische „AvantgardeSzene“ drüben genauso wie neuerdings auf hiesigen Veranstaltungen vereinnahmt und vermarktet werden (was  nicht in jedem Fall im Sinne der Künstler ist,  aber es geht mir  um die Tendenz); Thulin reicht es einerseits, dass während eines Gesprächs, das verbale Angebot gemacht wird, man möge sich doch überlegen, ob in der DDR ein oder mehrere Publikationsorgane möglich wären, die selbständig von Autoren herausgegeben werden, um diesen Gedanken als >Schwachsinn< und als >nebulöse Globalforderung< abzutun, entdeckt aber andererseits  keine >konzeptionelle Unaufrichtigkeit< im Ver-Öffentlichen jener von ihm hochgelobten (angeblich) öffentlichkeitsabstinenten Literatur beim Aufbau-Verlag, in „Sinn und Form“, sogar im Verlag Neues Leben etc., also einer Literatur, die seinem Verständnis zufolge für einen erlauchten Kreis von Auserwählten geschrieben wurde – eine Ansicht, der ich nicht folgen kann. (Papenfuß‘ Band „dreizehntanz“ z.B. war nicht nur längst „fällig“, er gehört außerdem zu den herausragenden Veröffentlichungen der letzten Zeit.) Und, so viel ich weiß, gibt es auch keine abstrakte „Zeitschrift“, unabhängig von  ihren Texten und der Intention der Autoren!

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Aus Johannes Jansen Textcollage „FANG“, Bizarre Städte, Band 2 (1988)
Die „Brisanz der Gegenwart“

Thulin übersieht schließlich, dass die meisten der von ihm doktrinär vereinnahmten Autoren eine mehr oder minder konträre Haltung zu seiner Position erkennen lassen. Ich bezweifle, dass Reiner Schedlinski, Egmont Hesse, Andreas Koziol, Ulrich Zieger etc., die Thulin in Beschlag nimmt, einen Anwalt wie ihn brauchen, besonders wenn ich an theoretische Texte von Hesse und Schedlinski denke. Da halte ich mich lieber an ihre Bücher und Schriften – und nicht an die Karrikatur, die Thulin von ihnen zeichnet. Immerhin plädiert Schedlinski in einem Brief an den Verlag Neues Leben für die größte Öffentlichkeit literarischer und essayistischer Texte, wenn er  auf  deren Publikation in der Tages- und Wochenpresse der westlichen Kulturlandschaft (seit einigen Jahren auch der Sowjetunion) als einen normalen geistigen Zustand  aufmerksam macht. Und die Herausgeber der Zeitschrift „mikado“ Uwe Kolbe, Lothar Trolle, Bernd Wagner beschreiben im Vorwort des äußerst aufschlußreichen Buches „Mikado oder Der Kaiser ist nackt“ den gesellschaftlichen Kontext,  der sie zum editorischen Selbsthelfertum geführt hat: „Es bedurfte etlicher Winter der Depression, einer Bibliothek voll ungedruckter Texte und schließlich des Zurückgewiesenwerdens einer gesamten Schriftstellergeneration,  bevor der Blick überhaupt in  eine solche Richtung gehen konnte“. Der für sie wichtige Ansatz – „Wir suchten die Brisanz der Gegenwart  in der Sprache, diesseits und jenseits des Vokabulars der Macht und der Anpassung“ – könnte genauso für die  BS gelten. 

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Aus flanzedörfers Werk „Garuna, ich bin“ aus Bizarre Städte, Band 1 (1987)

Ich habe den Eindruck, dass es Thulin nicht darum gegangen ist, darzustellen, was in den BS versucht wurde, diesen Versuch mit anderen zu vergleichen und anschließend zu werten, sondern die  Tatsache, dass etwas versucht wurde, von vornherein zu verurteilen,  weil es nicht mit seiner bornierten und dogmatischen Konzeption übereinstimmt. (: Eine Methode, die er mit der hierzulande weit verbreiteten orthodoxen Literatursoziologie gemein hat:) Das treibt dann in seinem Text   absonderliche Blüten: >Literatur wird (in den BS;  A.K.) lediglich benutzt, um ein außer ihrer Produktionssphäre liegendes Ziel – nämlich die Veränderung des Institution Kunst – zu bewirken<. Um Gottes willen! Und weiter: >Kunst … wird durch dieses Anliegen instrumentalisiert und  mit einer genau umrissenen Funktion belegt: als Mittel der Aufklärung und Durchsetzung kulturpolitischer Zwecke<! Kein Kommentar.

Thulins „Gegen-Kritik“ stellt die Daseinsberechtigung der BS in Frage, und zwar nicht aufgrund einer ernsthaften Auseinandersetzung – man sucht vergebens den Willen dazu und die  dafür erforderliche analytische Genauigkeit –, sondern durch eine moralische Denunziation: Was er in seinem  Beitrag angreift ist – schlicht und einfach und kaum kaschiert – die Integrität des  Herausgebers und der Redaktion, also die Grundlage für solche   Editionsarbeit außerhalb der „zentralisierten Öffentlichkeit“ (Böthig). In der DDR ist es scheinbar gang und gäbe, so etwas zu tun,  indem man den Herausgeber der Zusammenarbeit mit der Stasi, der FDJ, oder, wie bei Thulin (etwas abgeschwächter!, danke!), mit dem Schriftstellerverband  und den Verlagen bezichtigt. Aber die Zeit, für die Thulin streitet, ist längst vorbei, der Zug, auf den er wartet, abgefahren.

Bizarre Städte Diskurs

Diese Erwiderung, das merke ich jetzt, war mir wichtig, um auf jenes „kulturpolitische Terrain“ hinzuweisen, auf dem sich Thulin bewegt. Sie sollte auch zeigen, worum es ihm eigentlich geht: nämlich nicht  um eine Kritik der literarisch-editorischen Arbeit, sondern um eine Kritik der Gesinnung (was sich u.a. hinter der ganzen Aufklärungs-Diskussion verbirgt, die einer gesonderten Erwiderung bedürfte). Die ideologische Brille hat Thulin die Sicht auf BS getrübt, und die beiden Besprechungen von Nicolai und Wawerzinek waren ihm ein willkommener Vorwand, seine ideologischen Vorbehalte gegen die Haltung, die er als Grundlage für das Projekt BS vermutet, auszuspielen.  Mir ist klar, dass es zwei und mehr „Sprachen“ gibt, dass gewisse Differenzen bestehen. Darüber kann man sich einigen. Doch das ist ein anderes Thema.

Asteris Kutulas, Eggersdorf, 12.-14. Februar 1989

Anmerkung: Die in > < eingefaßten Wörter bzw. Sätze entstammen Michael Thulins Feder. 

Veröffentlicht in: Bizarre Städte, Band 4, Hrsg. von Asteris Kutulas und Gerd Adloff, Eggersdorf 1989

Titelbild: Zeichnung von Johannes Jansen für Bizarre Städte, 1988.

Der bürgerliche Name von Michael Thulin ist Klaus Michael, Autor, Publizist und Mit-Herausgeber der inoffiziellen Zeitschrift „Liane“ (1988-89). Zu diesem Diskurs vergleiche auch:

Bizarre Städte (1987-1989) – Ein Interview

Griechische Literatur in Deutschland – Ein Interview

Der bittere Geschmack der Freiheit

Axel Dielmann im Gespräch mit Asteris Kutulas über die griechische Literatur in Deutschland, Frankfurt/Main 2001

Axel Dielmann: Asteris Kutulas, seit wann übersetzen Sie aus dem Griechischen ins Deutsche?

Asteris Kutulas: Meine ersten Übersetzungsversuche machte ich 1975, allerdings beschäftigte ich mich seit 1979, als ich mein Germanistik-Studium begann, immer intensiver damit. Ich habe damals in der DDR gelebt, wo eine andere »Übersetzungskultur« existiert hat als in der Bundesrepublik Deutschland. Ich will nicht sagen: besser oder schlechter, auf jeden Fall war es eine andere.

Nachdichten in der DDR

Das hatte einige praktische Konsequenzen, zum Beispiel die, dass man in der DDR als Nachdichter und Übersetzer relativ gut bezahlt wurde – was in der Bundesrepublik nur partiell der Fall war und ist –, zu 99 Prozent beruht das Ganze auf Selbstausbeutung. Diese »Arbeit« ist sehr aufwendig und so zeitraubend, dass man im Normalfall selbst bei den großen etablierten Verlagen kaum eine Chance hat, wirklich das an Honorar zu bekommen, was man an Knowhow, Zeit und Gefühl reinsteckt. Vor allem bei klar nicht-kommerziellen Projekten, um die es bei uns zumeist geht. Aber das weiß ja jeder Übersetzer vorher, und wir sprechen hier ohnehin über eine Sache, die sehr viel mit Passion zu tun hat.

Zum anderen gab es einige bedeutende Literaten in der DDR, unter anderem Erich Ahrend, Stephan Hermlin, Franz Fühmann, Sarah Kirsch oder Heinz Czechowski, die sich intensiv mit der literarischen Übersetzung beschäftigten, so dass das Nachdichten zu einer Art Kult in der literarischen Szene wurde. Das hatte natürlich auch mit dem Eingeschlossensein in der DDR zu tun. Alles von »draußen« hatte den Geschmack von Freiheit, zugegeben einen ziemlich bitteren Geschmack. Also hatte das Übersetzen auch einen meta-literarischen, gesellschaftlichen Stellenwert. Dieser Aspekt war damals sehr wichtig für mich.

Dielmann: Wenn Sie diese Zeitspanne seit den siebziger Jahren überblicken: Was hat sich am – gegenseitigen deutsch-griechischen – literarischen Interesse verändert oder getan?

Kutulas: Sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik ist griechische Literatur nach dem 2. Weltkrieg selektiv und mehr zufällig rezipiert worden und hatte immer mit dem persönlichen Einsatz bzw. den Vorlieben und dem Geschmack von drei, vier Übersetzer-Persönlichkeiten zu tun, wie z.B. Isidora Rosenthal-Kamarinea oder Helmut von den Steinen. Ohne diese und zwei, drei andere Leute gäbe es fast gar nichts aus den fünfziger und sechziger Jahren. Sie haben in gewisser Weise Pionierarbeit geleistet.

Übersetzt wurde bis Ende der sechziger Jahre natürlich und vor allem Nikos Kazantzakis – und dann hört es fast schon auf. Eine wichtige Veröffentlichung war 1962 der Gedichtband von Georgios Seferis, sogar ein Jahr, bevor er den Literaturnobelpreis verliehen bekam, was sehr für den Herausgeber Hans Magnus Enzensberger und den Übersetzer Christian Enzensberger spricht. Im selben Jahr kam auch die Kavafis-Übersetzung von Helmut von den Steinen bei Suhrkamp heraus. Daneben erschienen noch Bücher von Pantelis Prevelakis, Stratis Myrivilis, Elias Venesis und ein paar anderen. Ich habe jetzt nicht alles genannt, aber es waren insgesamt etwa 30 Bücher in 25 Jahren. In der DDR erschienen noch weniger griechische Bücher, wobei fast ausschließlich sogenannte »linke« Autoren berücksichtigt wurden, wie Melpo Axioti, Elli Alexiou, Dimitris Chatzis, Menelaos Ludemis und Andreas Frangias.

Nach meiner Einschätzung gibt es seit dem 2. Weltkrieg in der Rezeptionsgeschichte der griechischen Literatur in Deutschland drei Zäsuren.

Erste Zäsur: Junta

Die erste Zäsur setzte die Junta-Zeit. Zwischen 1967 und 1974 – als die Obristen an der Macht waren und Griechenland ohnehin in den Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit rückte – kulminierte in beiden deutschen Staaten das Interesse an der griechischen Literatur. Das fiel mit der 68er Bewegung hierzulande zusammen. Viele deutschsprachige Künstler, wie Hap Grieshaber, Günter Wallraf, Heinrich Böll, Günter Grass, Margarete Hannsmann, Joseph Beus und andere, solidarisierten sich mit ihren griechischen Kollegen, die in die Gefängnisse und Verbannungslager verschleppt worden waren. Die Musik von Theodorakis war in Griechenland verboten, der Komponist selbst im Gefängnis, und Jannis Ritsos wurde auf die Inseln Jaros und Leros verbannt und später jahrelang unter Hausarrest gestellt – um die zwei prominentesten Beispiele zu nennen.

Jannis Ritsos

Ritsos kam damals mit einigen Übersetzungen auf den deutsch-deutschen Markt, wurde aber leider mehr als »politischer Autor« gesehen, obwohl er seine »Mondscheinsonate« – für mich ein Höhepunkt der griechischen Literatur dieses Jahrhunderts – bereits 1958 veröffentlicht hatte. Ritsos musste sich lange mit dem Image eines »politischen Autors« herumschlagen, bis weit in die 80er Jahre hinein, bis er sowohl aus der Sicht der bundesdeutschen als auch der DDR-Dichtung als nationaler griechischer Dichter neben Seferis, Elytis und Kavafis akzeptiert wurde. Während der Junta-Zeit kamen in Deutschland Bücher u.a. von Vassilis Vassilikos, Kostas Kotzias, Antonis Samarakis, Melina Mercouri und Giorgos Theotokas heraus. Es trat auch eine neue Übersetzer- und Herausgeber-Generation auf den Plan, zu der u.a. Günter Dietz, Danae Coulmas, Gisela von der Trenck, Vangelis Tsakiridis, Hans Eideneier und Argyris Sfountouris gehörten.

Nach dem Sturz der Obristen 1974 wurde es in Deutschland um die griechische Literatur wieder ruhiger. Hervorzuheben ist die systematische Veröffentlichung der Werke von Odysseas Elytis durch den Suhrkamp-Verlag, nachdem Elytis 1979 der Nobelpreis verliehen worden war.

Zweite Zäsur: Romiosini Verlag

Die zweite Zäsur war die Gründung des Kölner Romiosini-Verlages durch Niki Eideneier Anfang der achtziger Jahre, der seitdem über 150 Titel auf den Markt brachte. Ich wage die Hypothese, dass Griechenland wohl kaum 2001 in den Genuss gekommen wäre, Gastland der Frankfurter Buchmesse zu sein, wenn es diesen Verlag nicht gäbe. Ich weiß, dass der Romiosini-Verlag viel Kritik einstecken musste, aber was er an Basis-Arbeit für die Propagierung der griechischen Literatur in Deutschland geleistet hat, überwiegt bei weitem. Zur gleichen Zeit, also in den achtziger Jahren, wirkten in der DDR drei Autoren, die systematisch griechische Lyrik und Prosa übersetzten und herausgaben, Thomas Nicolaou, Georg Aridas und ich. In dem Zusammenhang sind zwei DDR-Verlage zu nennen, der Verlag Volk und Welt und insbesondere der Reclam-Verlag mit Horst Möller als verantwortlichem Lektor für antike, byzantinische und neugriechische Literatur. Bei mir genießt dieser Mann Kultstatus. Es gab aber in der DDR auch den fundamentalen Ritsos-Essay von Günter Kunert kurz vor seiner Übersiedlung nach Westdeutschland und die wegweisenden Kavafis-Nachdichtungen von Adolf Endler. Letztere sind unter Neogräzisten sehr umstritten, aber ich habe viel bei Endler gelernt.

Anfang der neunziger Jahre wurde der dialogos-Verlag gegründet, der zwar nur zwei, drei Jahre durchhielt, aber immerhin über zehn griechische Bücher in deutscher Übersetzung herausbrachte, sowie die Berliner Monats-Zeitschrift »Chronika«, die seitdem eine imposante Reihe von Übersetzungen, Nachdichtungen und Porträts griechischer Autoren veröffentlichte.

Dritte Zäsur: Buchmesse

Die dritte Zäsur schließlich war die Frankfurter Buchmesse 2001 – natürlich eine einmalige Gelegenheit, die griechische Literatur in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses in Deutschland zu rücken. Innerhalb eines Jahres wurden so viele griechische Bücher publiziert wie in den gesamten letzten zehn Jahren zusammen, ganz abgesehen vom PR- und Marketing-Effekt. Das von meiner Seite aus ganz kurz zur Geschichte.

Jannis Ritsos von Asteris Kutulas
Essayband von Jannis Ritsos, herausgegeben und übersetzt von Asteris Kutulas, Kiepenheuer Verlag 1989

Dielmann: Was könnte deutsche Bücherwürmer an der griechischen Literatur besonders reizen? Was wäre für hiesige Leser lesenswert? Was macht die griechische Literatur wichtig?

Kutulas: Griechische Literatur ist – wenn sie gut ist – genauso wichtig und reizvoll wie jede andere Literatur. Das, was sie spezifisch macht, nämlich die griechische Sprache, die seit fast dreitausend Jahren kontinuierlich gesprochen und geschrieben wird, ist ohnehin in einer anderen Sprache nicht vermittelbar. Das andere Charakteristische ist die »Bürde« für viele griechische Schriftsteller, dass bereits vor etwa 3000 bis 2500 Jahren ein Euripides, eine Sappho und ein Homer in derselben Sprache geschrieben haben.

Klischees

Zum anderen gibt ein paar Klischees im Hinblick auf die griechische Literatur, die meiner Meinung nach zum Teil der Realität entsprechen. Das eine Klischee ist, dass die neu-griechische Literatur kaum herausragende Dramatik, kaum herausragende Prosa – ich betone »kaum«! –, aber sehr viel herausragende Lyrik hervorgebracht hat. Ich meine Lyrik von Weltformat, und ich denke, das stimmt einfach. Kavafis, Ritsos, Seferis und einige Gedichtbände von Elytis – denn nicht jede Lyrik ist »adäquat« ins Deutsche übertragbar –, kann ich jedem empfehlen.

Bei der Prosa gibt es natürlich die große Ausnahme des quasi Klassikers Nikos Kazantzakis, der ja der meistübersetzte griechische Autor ist, ich glaube in über 50 Sprachen, und dessen Bücher sich überall auf der Welt sehr gut verkauft haben. Aber wenn man von ihm absieht, bleibt nicht viel übrig. Das heißt, man kann sehr viel entdecken in der griechischen Lyrik und sehr wenig, von einer höheren Warte aus gesehen, in der griechischen Prosa und noch weniger in der neueren Dramatik. In der globalisierten Welt mit einer inzwischen globalisierten Literatur werden natürlich viele Dinge auch quantitativ entschieden. Wenn 500 Millionen Menschen Englisch sprechen und davon 1 Million schreibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Genie darunter ist, weitaus größer, als in einem Land mit 10 Millionen Einwohnern, von denen 20.000 Menschen schreiben. Unter diesem Aspekt stehen wir mit zwei Literaturnobelpreisen – im Übrigen für zwei Lyriker – innerhalb der letzten vierzig Jahre blendend da!

Dielmann: Gibt es denn Zeitgenossen, vielleicht sogar junge Autoren in Griechenland, die Sie uns hier ans Herz legen würden – den Verlegern wie den Lesern?

Kutulas: Aus dem, was ich bisher gesagt habe, geht bestimmt hervor, dass ich zu den eher konservativen Literatur-Rezipienten gehöre. Außerdem bin ich nicht so bewandert in der jüngsten Prosa. Ich kann mir kein Urteil anmaßen. Es gibt bestimmt 30, 40 interessante Autoren, die einfach gut sind. Aber meiner Meinung nach ist keiner von Weltformat darunter, über dessen Buch man sagt: Dieser Roman ist so genial geschrieben, den muss man einfach gelesen haben! Wie das etwa weltweit mit »Der Gott der kleinen Dinge« von Arundhati Roy passiert ist. Unter den heute lebenden Lyrikern gibt es natürlich Altmeister Manolis Anagnostakis, ein ganz großer europäischer Dichter, sowie eine Reihe anderer bedeutender Autoren, wie Titos Patrikios oder Kiki Dimoula. Schließlich will ich doch zwei Romane empfehlen, allerdings älteren Datums und von zwei ausgesprochenen Lyrikern geschrieben: »Die Kiste« von Aris Alexandrou und »Die Wache« von Nikos Kavadias.

„Griechische“ Buchmesse

Wegen der »griechischen« Frankfurter Buchmesse bestand ein natürlicher »Zwang« zur Übersetzung und Veröffentlichung, und das ist ja auch Sinn der Sache gewesen. Aber die neue – »junge, dynamische, gutaussehende« – Schriftstellergeneration wird sich behaupten müssen. Auf jeden Fall erhielten durch Frankfurt sowohl viele griechische Autoren als auch das deutsche Lesepublikum die hervorragende Gelegenheit, einander kennenzulernen. Im Nachhinein stelle ich fest, dass das Interesse an griechischer Literatur kaum nachhaltig und eher wie ein Strohfeuer war. Es gibt zwar Ausnahmen, aber ich habe den Eindruck, dass wir im Grunde eine Chance verpasst haben.

Dielmann: Gibt es in Griechenland so etwas wie eine literarische Szene? Und falls ja: Ist die eher überaltert oder eher jünger? Im Sinne von literarischen Zirkeln, Stichwort ”Kaffeehaus-Literatur« und so weiter. Also, wenn wir beispielsweise an Engonopoulos und an das Umfeld denken …

Kutulas: Es gab seit den 30er Jahren eine stark ausgeprägte Künstler-Szene, die bis in die 60er Jahre hinein aktiv war – die Kaffeehäuser »Flokas«, »Zonars«, »Rossiko«, »Dolce«, »Brasil« und ein paar andere in Kolonaki sind dadurch berühmt geworden. In den dreißiger Jahren war es der Kreis um Georgios Katsimbalis, Georgios Seferis, Jannis Zaruchis, Andreas Embirikos, Odysseas Elytis, später kamen Nikos Engonopoulos, Manos Chatzidakis, Nikos Gatsos, der Maler Nikos Chatzikiriakos-Ghikas und die Choreographin Rallou Manou dazu. Diese Symbiose zwischen Komponisten, Malern und Dichtern hat in Griechenland eine äußerst wichtige Rolle gespielt. In den dreißiger Jahren entstand aus dieser Symbiose die berühmte Zeitschrift »Nea Gramata«, in den fünziger Jahren das »Griechische Ballett«. Dieser Künstlerkreis entdeckte Anfang der dreißiger Jahre die naive Malerei um Theophilos, die Volksdichtung und die »Memoiren« des General Makrijiannis sowie in den vierziger Jahren die Rebetiko-Musik. Das betrifft das »bürgerliche Lager« der Intellektuellen.

Die linken Autoren

Auf der anderen Seite hatten die vielen linken Autoren und Intellektuelle kaum die Gelegenheit, »Kaffeehaus-Literatur« zu zelebrieren, da sie seit der Metaxas-Diktatur 1936 zu den Verfolgten gehörten. Bis Anfang der 50er Jahre hatten sie es mit Krieg, Bürgerkrieg und Verbannungslagern zu tun. Jannis Ritsos kam erst 1952 frei, nach über fünf Jahren Haft, und hatte auch lange Publikationsverbot – um 1967 wieder eingesperrt zu werden. Ähnlich erging es Tassos Livaditis, Michalis Katsaros, Manos Katrakis, Aris Alexandrou, Nikiforos Vrettakos, Takis Sinopoulos, Manos Elefteriou und vielen anderen linken Intellektuellen. Daraus resultierte ein anderes Klischee, das ja zum Teil auch der Wirklichkeit entspricht, nämlich, dass der überwiegende Teil der griechischen Autoren links angesiedelt ist – beziehungsweise war; denn inzwischen hat sich das auch alles geändert. Aber wir sprechen in diesem Augenblick noch von den 50er, 60er Jahren, und damals war das sicherlich so. Jedenfalls hatten sie kaum Gelegenheit, sich in literarischen Zirkeln zu treffen.

Griechische Literatur Seferis von Asteris Kutulas
Essayband, herausgegeben und übersetzt von Asteris Kutulas, Reclam Verlag 1988

Dielmann: Womit hat solch ein Phänomen zu tun wie dieses: Dass eine griechische Dichterin wie Kiki Dimoula in Publikums-Zeitschriften – vergleichbar dem Stern oder der Bunten – über sechs, acht, zehn Seiten hinweg porträtiert wird? Das wäre hier kaum denkbar, kommt aber in Israel bei­spielsweise auch nicht selten vor – gibt es auch in Griechenland so etwas, das der Israeli Yehuda Amichai einmal die »mediterrane Dichtungs- und Dichterliebe« genannt hat?

Kutulas: Ja, das ist richtig. Die großen Zeitungen bringen regelmäßig zum Teil sogar ganze Beilagen über Dichter und Schriftsteller. Das liegt sicher in der griechischen Tradition begründet. Zeitschriften und Zeitungen haben sich seit jeher mit den großen nationalen Dichtern geschmückt. Das hat damit zu tun, dass Griechenland noch ein sehr junger Nationalstaat ist, noch keine 200 Jahre alt, zum Teil – siehe Kreta und Nordgriechenland – keine 100 Jahre. Erst 1830 befreite sich Zentralgriechenland von der osmanischen Herrschaft und konstituierte sich als Nationalstaat. Bis zur Zeit nach dem 1. Weltkrieg kamen dann immer mehr Teilgebiete dazu, bis es zu dem Griechenland, wie es heute existiert, wurde. Wir sprechen also über einen noch sehr jungen Staat, der sich über seine Dichter auch im Nationalbewusstsein definiert. Diesen Faktor darf man nicht unterschätzen.

Dielmann: Wenn du im Vergleich mit Deutschland die Verlags-Landschaft beschreiben solltest: Wie sieht die in Griechenland aus?

Kutulas: Es gibt in diesem kleinen Land – wenn man es sich genau überlegt, sind es ja nur zwei Städte, nämlich Athen und Thessaloniki – verblüffend viele Verlage, die verblüffend gut aufgemachte Bücher herausbringen. Die Aufmachung, der Druck, Papier-Qualität, zum Teil auch von Kleinverlagen, ist sehr gut. Verblüffend ist auch die Anzahl der Verlage und dass sie offenbar überleben – aber fragen Sie mich nicht, wie sie das machen!

Dielmann: Gut, die Frage muss ich mir dann wohl leider verkneifen. – Spielen Literatur-Zeitschriften eine Rolle?

Kutulas: Literatur-Zeitschriften spielen in Griechenland eine große Rolle. Vor allem die führenden »Lexi«, »Dendro«, »Endefktirio« und »Diavaso«. Aber es gibt noch viele andere. Sehr beliebt und sehr gut gemacht sind deren thematische Ausgaben, die bestimmten Dichtern oder literarischen Epochen gewidmet sind. Die finden auch den besten Absatz.

Dielmann: Welchen Einfluss haben die griechischen Feuilletons? Ist der ähnlich stark wie hier, so dass da regelrechte Lese-Marschrichtungen festgelegt werden?

Kutulas: Sie sind wichtig. Aber inwieweit sie nun die Lesergemeinde wirklich beeinflussen, kann ich nicht sagen. Ich habe nicht das Gefühl, dass das Feuilleton eine ähnlich große Rolle spielt wie in Deutschland. In Griechenland ist vielmehr die Mund-zu-Mund-Propaganda von außergewöhnlicher Bedeutung.

Dielmann: Wenn wir die Blickrichtung umdrehen: Welche deutsche Literatur wird in Griechenland gelesen oder wahrgenommen? Und, über Deutschland hinaus, welche europäische oder auch sonstige ausländische Literatur ist präsent?

Kutulas: Das ist sehr breit und bunt und geht in jede Richtung. Noch einmal: Ich finde es erstaunlich, was alles erscheint und gemacht wird – im Verhältnis zu dem kleinen Markt, um den es da geht. Vor allem in den letzten Jahren gehen die großen Verlage systematischer vor: Sie beobachten genau, was jenseits der Grenzen gut läuft und gut ankommt, um die Rechte an diesen Büchern zu erwerben und sie zu übersetzen. Als ich letztes Mal in Griechenland war habe ich die übersetzte Ausgabe der Memoiren von Reich-Ranicki gesehen.

Dielmann: Wenn wir einmal – wie haben Sie es vorhin genannt? – von dieser Zäsur, von der Buchmesse absehen: Was wären, in Ihren Augen, wünschenswerte Aspekte einer intensiveren und längerfristig auch wirkungsvollen gegenseitigen Kultur- und Literatur-Vermittlung?

Kutulas: Die großen deutschen Verlage haben sich, was die griechische Literatur angeht, in den letzten Jahrzehnten sehr zurückgehalten. Man kann das nun beklagen oder nicht, ich jedenfalls bin mir sicher, dass inzwischen, wenn irgendwo auf der Welt gute Texte entstehen, diese auch übersetzt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wirklich bedeutende Geschichten aus irgendeinem Land heute unübersetzt bleiben. Insofern wünsche ich mir als Grieche natürlich, dass alle Sachen übersetzt werden. Aber das ist eine mehr platonische Vorstellung. Ich bin Realist genug zu sehen: Es gibt so viele Literaturen, und es wird so viel ins Deutsche übersetzt, dass man schon gute Bücher vorweisen muss, um im internationalen Vergleich bestehen zu können.

Dielmann: Ich nähere mich, ohne ihn gesehen zu haben, Ihrem Schreibtisch. Rein handwerklich gefragt: Viele Ihrer Übersetzungen sind Koproduktionen mit Ihrer Frau Ina. Ich kenne das etwa auch von Paulus und Lydia Böhmer, die gemeinsam aus dem Ifrit / Israelischen übersetzen – wie arbeiten Sie zusammen? Wie geht das vonstatten? Wie stellt man sich die gemeinsame Übersetzens-Arbeit vor?

Übersetzen mit Ina

Kutulas: Das ist gewachsen. Ich habe ja vor vielen  Jahren alles allein übersetzt, später aber auch mit Steffen Mensching und anderen zusammen Nachdichtungen gemacht. Und obwohl ich nun schon sehr lange in Deutschland lebe und hier auch Germanistik und Philosophie studiert habe, überkam mich oft das Gefühl, dass ich Texte zwar sachlich »richtig«, aber in der Sache »unrichtig« übersetzt hatte. Seit Inas Mitarbeit ist dieses Gefühl allmählich in den Hintergrund getreten, weil sie Lösungen findet, die meiner Ratio zwar »falsch«, meinem poetischen Empfinden aber als »richtig« erscheinen. Und dann lassen wir das so stehen. Dasselbe passierte auch bei der Zusammenarbeit mit anderen Autoren. Ina geht ganz anders als ich an die Texte heran. Sie ist eine deutsche Autorin, eine deutsche Lyrikerin. Sie hat verschiedenes veröffentlicht, u.a. zwei Bücher, einen Lyrik- (Herbstzeitlose) und einen Prosa-Band (Vielleicht Athen – Berlin vielleicht), dazu viel in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien. Ihre Distanz zu meinen Übersetzungen kommt mir also sehr entgegen, obwohl sie andererseits Griechisch spricht und den Klang dieser Sprache vernommen hat. Ihre Variationen lösen sich natürlich oft vom Original oder, besser gesagt, von dem, was ich für das Original halte, aber ich muss gestehen, dass ich mit der Zeit immer mehr ihren Vorschlägen folge. Früher war ich restriktiver und klebte auch mehr an der griechischen Vorlage. Jedenfalls kann man inzwischen unsere Arbeit nicht mehr auseinanderhalten. Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, will ich am Schluss betonen, dass es uns beiden natürlich immer um den Sinngehalt geht, den der Originaltext beinhaltet. Wir hatten zudem das Glück, mit einigen griechischen Autoren, deren Bücher wir übersetzt haben, gut bekannt bzw. sehr befreundet gewesen zu sein, wie z.B. mit Mikis Theodorakis, Jannis Ritsos oder Odysseas Elytis. Wir haben viele Stunden mit ihnen verbracht, und oft ging es um Poesie und um konkrete Gedichte, die wir gerade übersetzten.

Dielmann: Sie sind ja nun in der spannenden Situation, mehrere Berufe neben dem des Literaten und des Übersetzers zu haben. Sie sind unter anderem Musik-Produzent und Veranstaltungs-Organisator. – Was, meinen Sie, könnte man aus diesen Bereichen übertragen in die Literaturwelt, was könnten die dort von den anderen Bereichen lernen?

Kutulas: Die Verleger können sehr viel lernen von der Lifestyle-Marktsegmentierung, die der Musikbranche zugrunde liegt. Menschen mit unterschiedlichem Lifestyle hören unterschiedliche Musik – es ist doch auch klar, dass sie unterschiedliche Literatur lesen. So kann man davon ausgehen, dass einer, der World-Musik hört, zu einem ganz anderen Bücherregal gehen wird, als ein Britney-Spears-Fan. Natürlich kann man – eingedenk des universalen Anspruchs der Literatur – zu dem Schluss kommen, dass die Literaturwelt lernen soll, dies gerade nicht zu lernen. Wie dem auch sei. Ich denke, man kann etliches, z.B. Lesungen, Präsentationen, Pressekonferenzen, spannender gestalten – Literatur spannender vermitteln. Das „Hehre“, das noch immer über dem Literaturbetrieb schwebt, gehört, hinweggefegt zu werden. Die Zukunft wird anders aussehen.

Dichtung und Musik

Was Griechenland angeht, so sollte man diese unglaubliche Nähe und Verquickung zwischen Musik und Dichtung nutzen, um die Literatur weltweit bekannt zu machen. Zum Teil ist das ja auch passiert. Ich nenne ein Beispiel: Mikis Theodorakis hat »Axion esti« von Odysseas Elytis zwischen 1960 und 1964 vertont. Diese Platte war in Griechenland ein riesiger Erfolg und hat dann auch vor allem während der Junta-Zeit 1967 bis 1974 einen internationalen Durchbruch gehabt. In den verschiedenen Ländern wurden die Textpassagen der vertonten Teile auf den Schallplattenhüllen abgedruckt, so dass diverse Verlage dieses Werk entdeckt und es vollständig übersetzen und in regulären Buchausgaben haben erscheinen lassen. Der schwedische Nachdichter von »Axion esti« hat sogar eine sangbare Nachdichtung geschaffen, so dass das Werk in schwedischer Sprache auf verschiedenen Platten veröffentlicht wurde und einen Riesenerfolg hatte. Daraufhin erschien das gesamte Poem in einer schwedischen Buchausgabe. Das passierte genau drei Jahre, bevor die Schwedische Akademie Odysseas Elytis für diese Gedichtkomposition den Literaturnobelpreis verlieh.

Viele Literaten sind in Griechenland und weltweit einem größeren Publikum durch Lied-Vertonungen vor allem von Theodorakis, aber auch von Manos Chatzidakis, Thanos Mikroutsikos, Jannis Markopoulos etc, bekannt geworden. Und das ist eine Chance, die Griechenland hat, und es ist, glaube ich, das einzige Land, das diese Chance so hat – durch Musik die Literatur bekannt zu machen.

Konstantin Kavafis von Asteris Kutulas
Essay- und Lyrik-Band von Konstantin Kavafis, herausgegeben von Asteris Kutulas

Dielmann: Ich springe noch einmal zurück an Ihren Schreibtisch: Welche Ihrer eigenen zahlreichen Übersetzungen ist Ihnen die liebste?

Kutulas: Das ist schwer zu beantworten. Eines der fundamentalsten Werke, die ich herauszugeben und zu übersetzen das Glück hatte, war der Band »Deformationen. Eine innere Biografie« (Romiosini Verlag) mit Gedichten, Texten und Interviews (1930-1990) von Jannis Ritsos, der bald in einer überarbeiteten und erweiterten Ausgabe herauskommen wird. An diesem Buch habe ich mehr als zehn Jahre gearbeitet. Ähnlich essentiell sind die Seferis-Essays im Band »Alles voller Götter« (Suhrkamp Verlag).

Eine Entdeckung für mich, und auch – wie ich hoffe – für das deutsche Lesepublikum, ist die wunderbare Poesie von Nikos Engonopoulos (Dielmann Verlag). Außerdem war es ein hartes Stück Arbeit. Über zwei Jahre haben wir für diese paar Gedichte gebraucht. Das Komplizierte bestand darin, diese surrealistische Sprache im Deutschen wiederzugeben und ihr gleichzeitig diese originäre Leichtigkeit zu verleihen.

Sehr wichtig sind mir schließlich der höchst spannende »Kreta-Roman« (Insel Verlag) von Mikis Theodorakis sowie der einzige Roman von Seferis, »Sechs Nächte auf der Akropolis« (Suhrkamp Verlag), der im Athen von 1928 spielt. Jetzt merke ich gerade, dass ich in meiner Aufzählung weitermachen müsste, also höre ich an dieser Stelle auf.

Dielmann: Asteris Kutulas, dann wünschen wir Ihnen und uns und vor allem allen griechischen Autoren viele deutsche Leser. Und wir danken dir herzlich für das Gespräch!

Frankfurt am Main, 2001

Das Interview gab ich Axel Dielmann 2001. Es wurde vollständig veröffentlicht in der Zeitschrift Listen/ Rezensionszeitschrift, Heft 62, Frankfurt 2001 – aus Anlass der Frankfurter Buchmesse mit dem Schwerpunkt Griechenland. A.K.

Konstantin Kavafis – Genealogie

Familie Kavafis

Konstantin Kavafis setzte sich über einen sehr langen Zeitraum seines Lebens mit seiner Familiengeschichte (Genealogie) auseinander und verwendete sehr viel Energie und Geduld auf die Studien bezüglich seiner Herkunft und seiner Vorfahren. Er beschäftigte sich mit dieser Thematik mindestens von 1882 bis 1911, ließ dann aber das zusammengetragene Material als unfertiges Dokument liegen, möglicherweise, weil er es zu einem späteren Zeitpunkt vervollständigen und vielleicht veröffentlichen wollte. Gegen letztere Hypothese spricht allerdings, dass Kavafis Informationen über sein Privatleben grundsätzlich nicht einmal an Bekannte und Freunde, geschweige denn an Dritte weitergegeben hätte. Insofern gleichen die gesammelten Notizen über seine Familiengeschichte eher einem Zettelkasten, den er womöglich später, nach 1911, wenn alle gewünschten Informationen beisammen gewesen wären, aus einem inneren Bedürfnis heraus, vervollständigt und geordnet hätte. Dazu kam es nicht. Das unfertige Manuskript der „Genealogie“ erschien 1948 in der Zeitschrift „Nea Hestia“ und 1983, zusammen mit allen anderen Angaben, in dem Buch von Karajannis, das mir als Arbeitsgrundlage diente.

Kavafis’ Notate zu seiner Familiengeschichte offenbaren nicht nur eine in Deutschland bisher unbekannte Seite des Dichters, sondern auch viel von der psychischen Verfassung des Menschen Kavafis. Bezeichnend sind die innige Beziehung zu seiner Mutter, die distanzierte Sicht auf den Vater und die fast beschwörerische und charakteristische Feststellung: „Aber meine Familie stammt aus Byzanz“. Bezeichnend ist außerdem der Satz, er kenne die türkische Bedeutung seines Namens nicht. Einige Kavafologen haben daraus den Schluss gezogen, Kavafis hätte dies in einem Anflug von Eitelkeit behauptet, da Kavafis im Türkischen „Schuhmacher mit nur gering entwickelten Fähigkeiten“ bedeute und im allgemeineren Sprachgebrauch auch Synonym für „unfertiger, niederer Mensch“ sei.

Charakteristisch sind auch die überschwänglichen Worte im Hinblick auf seinen Bruder, den „Erleuchteten“. Von all seinen Verwandten war dieser Bruder John derjenige, mit dem ihn die Liebe zur Literatur verband. John Kavafis veröffentlichte einen eigenen Gedichtband („Early Verses by John C. Cavafy“) und übersetzte viele Gedichte seines Bruders Konstantinos ins Englische. Im Kavafis-Archiv finden sich neun Hefte mit diesen Übersetzungen, sowie ein Briefwechsel der beiden Brüder zur Problematik des Übersetzens. Außerdem unterstützte John seinen Bruder jahrelang finanziell.

© Asteris Kutulas

Konstantin Kavafis Genealogie von Asteris Kutulas
Konstantin Kavafis: Familie Kavafis, Herausgegeben von Asteris Kutulas im Dielmann Verlag

Konstantin Kavafis Genealogie

Ich habe aus dem teilweise ungeordneten Material der Karajannis-Studie eine Auswahl getroffen und sie für eine deutsche Veröffentlichung in eine mir günstig scheinende Reihenfolge gebracht. Mir ging es darum, die Zeugnisse der wunderbaren Passion des Dichters – nach seinen Wurzeln zu suchen – dem Leser zugänglich zu machen:

Konstantin Kavafis, Familie Kavafis, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas, Übertragen von Asteris und Ina Kutulas, Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 2002

Hier daraus seine Ausführungen über seine Mutter:

„Chariklia Fotiadis-Kavafis wurde 1835 in Genikioi geboren und heiratete mit 14 Jahren. Die ersten beiden Jahre ihrer Ehe verbrachte sie in Konstantinopel im Haus ihrer Schwiegermutter. Dieser Aufenthalt dort war für die junge Braut nicht sehr angenehm. 1852 zog sie zusammen mit ihrem Ehemann nach England. Auf dem Weg dorthin blieben sie längere Zeit in Paris, was die junge Frau sehr beeinflusste, die bis dahin nichts von der Welt gekannt hatte außer den Ort Peran. Sie und ihr Mann blieben für einige Monate in London. In Liverpool wohnten sie dann in der Bedford Street. Sie lebten ruhig und zurückgezogen, keinesfalls entsprechend den Bedürfnissen einer 18jährigen. Chariklia schloss nur wenige Bekanntschaften, wovon die engsten die mit Frau Skilitsis und Frau Rallis waren. Petros Ioanis engagierte Lehrer für seine Frau Lehrer, die Französisch, Englisch und Zeichnen lernte. 1854 oder 1855 ging sie mit ihrem Ehemann nach Alexandria, eine Stadt, die sich gerade zu entwickeln begann. Es gab erst wenige Europäer in der Stadt. Die griechische Gemeinde war damals schon die größte, und sie ist es noch heute. Die griechische Gemeinde zählte damals noch nicht mal 3.000 Mitglieder. Jetzt, 1903, hat sie mehr als 30.000. Das Leben der Stadt konzentrierte sich in der Gegend um den Großen Platz herum … In Alexandria ging es recht munter zu, zumal die meisten Neuankömmlinge erfolgreiche Börsianer und Händler waren. Tanzveranstaltungen und Bankette waren an der Tagesordnung. Chariklia Kavafis hatte ihren Einstand auf dem großen Ball von Herrn Pastres … Die Abkömmlinge dieser Familie – jetzt Comtes Pastre – leben in Paris … Die alexandrinische Gesellschaft sah in Chariklia Kavafis die schönste Frau der Stadt. Einige Fotos aus jener Zeit zeigen sie – trotz der damals recht problematischen Art und Weise zu fotografieren – als eine wirklich sehr schöne Frau. 

Als die Familie nach Alexandria kam, war Said Pascha der Vizekönig von Ägypten. Sein Nachfolger wurde Ismail Pascha, der in Kairo einen „europäisierten Hof“ unterhielt, und bei allen Veranstaltungen machte der Vizekönig Chariklia Kavafis den Hof und bot ihr oft auch seinen Arm.

Das Haus, das sie anfangs bewohnte, lag am Großen Platz. Dann zog sie um in ein Haus auf der Serif Pascha Straße, das 14 Zimmer hatte und wo sich die gute Gesellschaft Alexandrias traf. Jedes Jahr unternahm sie mit ihrem Ehemann Reisen nach Europa, und so besuchte sie die meisten Städte Italiens und Frankreichs. Sie besuchte auch Korfu und Malta.“ (Aus: Konstantin Kavafis Genealogie)

© Übersetzt von Asteris und Ina Kutulas

Konstantin Kavafis von Asteris Kutulas
Konstantin Kavafis

Matthias „Baader“ Holst & Peter Wawerzinek über Rockmusik, deutsche Texte und Schlager

Ein Gespräch, das ich mit „Baader“, einem sehr eigenwilligen und höchst talentierten Verrückten, und Peter Wawerzinek, einem anderen eigenwilligen und höchst talentierten Verrückten über die DDR, Rockmusik und Lyrik während der Wende-Zeit geführt hatte. Baader starb wie er gelebt hatte: er wurde einige Wochen nach diesem Gespräch im Morgengrauen eines feuchten Junitages in Pankow von einer Straßenbahn erfasst und erlag wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

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Matthias „Baader“ Holst & Peter Wawerzinek & Asteris Kutulas

„Aus dem Nichts heraus kommen, aus dem Nichts heraus was machen“

Gespräch über Rockmusik, Schlager und Lyrik, Frühjahr 1990

Asteris Kutulas: Wir wollen uns zunächst über „Rockmusik“ unterhalten, darum als erstes die Frage nach eurer Beziehung zu diesem Genre.

Matthias „Baader“ Holst: Ich hab in einer Punk-Band mitgemacht, bei „Den letzten Recken“. Und letztes Jahr noch ’ne Leibach-Variante: „Frigitte Hodenhorst Mundschenk“ als Sänger und Texter.

Peter Wawerzinek: Ich hab schon als Sänger, Texter und Schauspieler gearbeitet. Ich interessiere mich für Rockmusik, weil ich mal selber Sänger werden wollte. Und da musste ich erstmal sehen, was die anderen alle machen, damit ich das nicht auch mache. Außerdem habe ich mich nicht nur für Rockmusik, sondern auch für die Texte interessiert, damit ich das singen kann, was ich wirklich meine.

Kutulas: Was mir nach einigen Gesprächen aufgefallen ist: eure sehr eigene „Beziehung“ zur Rockmusik, also eigentlich zur Rockmusik in der DDR. Ihr habt eure Haltung zu dem, was ihr unter Rock versteht, und ihr habt eure Meinung zu dem, was andere darunter verstehen.

Holst: Auslöser unserer Diskussion waren vor über einem Jahr der Film „Flüstern und Schreien“ und die Rock-Texte, die ich von verschiedenen Gruppen gekriegt hab. Da war von vornherein so ein Abstand zu diesen Schallplatten, zu diesem modischen Kram. Der Abstand kommt aus einer natürlichen „Rockhaltung“, und auch, weil man vielleicht irgendwelche Sachen verteidigen will, die inzwischen eben in so ’nem ganzen Modekram untergegangen sind.

Kutulas: Das Wichtige an diesem Film über die Punk-Musik in der DDR war nicht so sehr, was die Musiker machen … klar, das spielt auch ’ne Rolle, dieses Lebensgefühl, sondern dass die Leute, die das hören, das als echtes Lebensgefühl annehmen.

Holst: Das war eben die Gefahr bei dem ganzen Ding. Wir kommen aus einer ganz anderen Generation als diese Siebzehnjährigen und haben den Punk vor zehn Jahren ganz anders erlebt. Da war das noch keine Mode, da war das noch keine Geschichte, da war nicht jeder Dritte Punk. Das ist ja auch in dem Film so, wo der eine sagt: „Ich seh aus wie ein Autonomer, aber ich bin kein Autonomer.“ Und ich seh aus wie ein Punk, aber ich bin kein Punk. Oder wie ’n Skinhead, aber bin kein Skinhead. Das ist so ’n Lebensgefühl. Und da kommen wir eigentlich schon aus ’ner anderen Richtung.

Wawerzinek: Also bei mir ist der „Hass auf die Rockmusik“ eher Neid. Weil: ich neide das den Leuten, dass die einfach mehr Publikum haben als ein normaler Lesender. Und das ist ’ne andere Sache. Da kann man dann wirklich Leute oder die Masse erreichen. Ich bin bloß nicht davon überzeugt, dass das irgendwie einen Sinn hat. Es ist schon ’ne Faszination da, wenn du vierhundert, fünfhundert oder tausend Leute vor dir hast, und du kannst ein, zwei Texte loskriegen. Deswegen stört es mich, dass diese Gelegenheit nicht genutzt wird, wenigstens zwei, drei Texte rüberzukriegen, die zeigen: dieser Meinung sind wir; sondern dass immer wieder Texte gemacht werden, die dem Publikum gefallen sollen. Deswegen glaube ich, wenn man irgendwie was nicht mag, dann sollte man sich richtig damit beschäftigen, dass irgendwas dabei rauskommt. Jemand hat mal gesagt: Du musst den Blues hassen, um guten Blues zu machen.

Holst: Man muss das im Zusammenhang mit den Texten sehn, die damals in der Zeitschrift „Temperamente“ abgedruckt worden sind. Wir kriegten stapelweise Rocktexte von diesen ganzen Bands. Das war echt erschreckend. Ich hatte die Meinung: na die Gruppen sind okay, gute Musik. Oder die Musik machte mich in dem Moment an. Aber die Texte gingen so: „Gorbi, Gorbi“ im Bogo-Rhythmus, „Gorbi, Gorbi ist die Hoffnung“.

Wawerzinek: Ich bin mit diesem Problem auch nicht klargekommen. Ich hatte nämlich die ganze Zeit das Gefühl, dass es bedauerlich ist, dass ich die Texte nicht verstehe, weil die Musik sie immer überschrie, und die kümmerte sich wenig um die Texte. Und ich dachte immer, das müsste zumindest rüberkommen, dass ich das auch verstehe. Dann hatte ich das plötzlich schwarz auf weiß vor mir, und dann saßen wir zu dritt (mit Baader und Mario Persch) zusammen und dann war gar nischt. Wo jeder genau wusste: Also, dazu brauch man gar nichts sagen, das ist so flach und so banal, dass ich jetzt sage: Ein Glück, dass man öfter die Texte nicht versteht!

Kutulas: Ihr sprecht jetzt vor allem über die sogenannten Neuen Bands, wie man sie vor zwei, drei Jahren in der DDR noch nannte. Interessant ist doch, dass jetzt international verstärkt Bands aus den Sechzigern ihr Comeback feiern. Das sind Bands, die eine „Message“ in den 60ern und Anfang der 70er hatten, als die Texte noch ’ne relativ große Rolle spielten, natürlich mit einem ganz anderen sozialen Background. Jetzt treten diese Bands wieder auf. Zum Teil mit neuen Songs, zum Teil auch mit den alten. Das Publikum setzt sich zusammen aus 30- bis 40- jährigen, die sich das leisten können, für 50, 60, 80 Mark ins Konzert zu gehen, aber auch aus vielen jungen Leuten. Seht ihr einen Zusammenhang zwischen den jetzt aktuellen Bands, egal, ob sie Disko, Punk oder Rap machen, und den alten Bands, die wieder im Kommen sind?

Holst: Das hängt mit dem Raum zusammen, in dem man lebt. Ich meine, es ist ja nun mal ein postmoderner Raum, in dem sich die Werte total verschieben und in dem es das gibt und das und das. Es gibt keine eindeutige Tendenz, dass man sagen könnte: in die Richtung gehts. Dass man sagen könnte: die Leute wollen eine Message. Also das ist, glaube ich, die Schwierigkeit, da jetzt ’ne Tendenz hinzukriegen und zu sagen: So ist es oder so. Und ich glaube, dass ein Teil der neuen Bands auch beeinflusst ist durch die 60er zum Beispiel. Dadurch verstärkt sich natürlich auch wieder diese Tendenz zur Message. Daß die Leute eben dastehen und wieder den Messias haben wollen.

Wawerzinek: Ich bin für jede Wiederentdeckung, also auch für jede Rückbesinnung, nur vermisse ich oft, dass dann das, was wirklich mal wichtig gewesen ist und was wirklich mal der gute Ansatz war, auch wiederentdeckt wird. Das bleibt meist bei solchen Dingen, die sich zu Wellen ausweiten, dann bleibt das wieder liegen.

Und mich interessiert am meisten der Zustand, wo sich Dichter oder Lyriker oder Texter mit anderen Musikern oder mit Malern oder mit Filmemachern zusammengesetzt haben und gemerkt haben: alleine nur die Texte rüberbringen, schafft nicht genug Raum, sie rüberzubringen. Und gesagt haben: Na, 20 Minuten, und dann ist die Aufmerksamkeit weg, bei Musik kannst du bis zu 20 Stunden und wenn es immer besser wird, noch länger. Und da gab’s ja verdammt viele gute Sachen in dieser DDR, auch in den 70er Jahren. Da ging es doch los.

1976 begannen Lyriker mit Musikern oder sogar allein zu spielen, nur, um wenigstens diesen Pegel der Aufmerksamkeit etwas anzuheben. Und wenn das in der Rückbesinnung irgendwie mal wiederentdeckt wird, was Tom die Roes, Sascha Anderson oder Papenfuß gemacht haben, dann sähe ich ein ganz kleines bisschen Hoffnung, dass diese leere Insel ausgefüllt wird, und dass man dann wieder mehr Strukturen hat. Bloß, ich vermute, dass das nicht so kommen wird.

Kutulas: Es ist vor allem im Westen viel über diese Aktivitäten in der ehemaligen DDR geschrieben worden. Und nicht zu vergessen sind ja auch die Maler, die sich sehr stark mit Musik, Film und Aktion beschäftigt haben. Ralf Winkler zum Beispiel hat auf vielen Schallplatten als Musiker gespielt. Oder Helge Leiberg, Frank Lanzendörfer, Johannes Jansen und viele andere. Und bei euch selbst ist es ja auch so, dass ihr Lyrik, Aktion und Musik zu verbinden versucht, immer wieder dieser Bezug zur Malerei, zur Fotografie. Warum braucht ihr noch eine andere Dimension? Als Abgrenzung zu den Bands, die auf die Bühne gehen und „Musik“ machen?

Holst: Weil es einfach eine Sache von verschiedenen Medien ist, die auch mit den eigenen Tendenzen zusammenhängen. Dass du eben Lust hast, jetzt mal zu malen oder meinetwegen Musik zu machen oder zu texten oder was anderes eben. Aber deswegen werden wir ja auch angegriffen, denn in dem Moment, wo wir nicht sensibel mit der Rotweinflasche am Herzen sitzen, haben die anderen Leute einfach den Verdacht: einer, der aktiv ist und der was auf der Bühne macht, ja, der muss einfach schlechte Texte machen oder der lenkt von seinem Text ab durch seine Aktion. Aber das ist nur ein Verdacht. Warum kommt keiner drauf, wenn sich ein sensibler Lyriker hinsetzt und seine Strohhalmgedichte irgendwie abstottert? Da sagt jeder: Na ja, gut, der macht das aber wenigstens, und das kann ich hören; der andere aber lenkt ab. Es gibt auch Leute, die einfach texten und zum Beispiel mit Musik irgendwas machen wollen, weil sie merken, dass die Wirkung stärker ist. Vielleicht ist es auch einfach eine Eitelkeit, daß man sagt: man kann damit Leute erreichen. Das sind ja alles Sachen, die dazukommen. Jedenfalls geht es mir so und bestimmt auch anderen: Wenn man in so einem Raum ist, dann fühlt man sich schon in einem Medium irgendwie eingeengt, oder man kann in diesem einen Medium nicht allein leben oder pipapo …

Und, klar, es scheint ein Verfall der Werte zu beginnen. Dadurch, dass der Raum offen ist, bist du erstmal anderen Provokationen ausgesetzt, aber du unterliegst auch anderen Einflüssen und hast damit natürlich ganz andere Möglichkeiten für deine eigenen Sachen.

Wawerzinek: Ich kann sogar für mich formulieren, dass ich es ablehne, für einen puren Literaten gehalten zu werden, für einen puren Sänger oder puren Clown oder Faxenmacher. Ich würde aber gern alles sein: Sänger, Schauspieler, Faxenmacher. Dann muss man mit den Musikern nämlich auch reden, damit man in deren Festlegung reinkommt. Die wollen ja dann Musiker sein, und dann haben die ganz bestimmte Vorstellungen. Wenn du jetzt wieder einen Musiker hast, der nicht nur ein Musiker sein will, dann kommt Zusammenarbeit auf. Dann geht das klar. Dann kann man es probieren, und dann hat es auch am meisten Spaß gemacht für beide oder für drei. Aber die Schwierigkeit, die ich in letzter Zeit gesehen hab und die auch jetzt nichts mit der Wende zu tun hat, war – und das sehe ich auch als Schwierigkeit demnächst noch –, dass man sich jetzt festlegen muss, welche Richtung man einschlägt. Angeblich ist alles möglich jetzt, und komischerweise engt das ein. Man besetzt Märkte, man will Marktlücken entdecken oder weiß der Teufel, was da die Gedanken sind. Und das behindert dann natürlich schon das, was du vorhin gesagt hast, dass nämlich plötzlich nicht jeder mehr seinen Charakter und seine persönliche Stimme nach außen trägt, an den Mikrophonen.

Holst: Weil nun wieder der Streit der Medien losgeht. Und da geht das wieder so, dass die Leute, die eben ihre dreitausend Fans haben, natürlich ganz andere Möglichkeiten haben als andere, die nur fünfzig Fans haben. Und das halte ich eben für eine Gefahr, gerade für die sogenannte „Underground“-Kultur; „underground“ ist aber kein guter Begriff … dass in so einem Raum eine Konkurrenz einsetzt, was ich nicht gut finde, weil man sich jetzt zur Zeit, also auch im Osten, gegenüber diesem ganzen Westquatsch absetzen und trotzdem auch mit den Einflüssen umgehen kann, und nicht darum kämpft, die sechste Gruppe von Ute Arne zu werden. Das kann nicht mein Ding sein. Ich kann doch nur versuchen, an meinem eigenen Ort, auf meinem eigenen Terrain, mit meinen eigenen Phantasien, Visionen, wie man das auch immer nennen will, was zu machen, damit umzugehen. Und nicht, dass ich versuche, mich zu integrieren. Das habe ich ja vorher auch nicht gemacht.

Es ist doch ein Unterschied, ob ich mich irgendwo einklinke und sage, das ist hier mein Raum … Denn mit 25 oder mit 30 oder mit 35 habe ich zumindest auch unter diesen Bedingungen in diesem Lebensraum und mit diesen Erfahrungen gelebt. Da kann ich nicht einfach umkippen, weil irgendwo da hinten jetzt ein Markt ist, wo ich irgendwie was machen könnte. Das ist halt falsch, wenn man versucht, das so für sich mitzunehmen und ’ne totale Umkehr macht. Das kann nur schiefgehen, wenn man jetzt dem Druck nachgibt und sich vornimmt: Ich will jetzt international sein, ich will jetzt über die Anklamer Straße hinauskommen. Völliger Blödsinn. Also, entweder ich mache das und es ist für mich ein natürliches Ding und ich lebe mit diesem Riss und diesen Provokationen, diesen Umsetzungen, oder ich lebe eben nicht drin. Aber immer mit diesem Druck leben … Ich halte das nicht für gut.

Kutulas: Schappi, du hast vorhin gesagt, dass es eigentlich darum geht, Text rüberzubringen …

Wawerzinek: Also, ich hab was zu sagen, und ich muss andere Medien nutzen. Ich will keine supergroße Zusammenarbeit anstrengen. Aber wenn es Musiker gibt, die mit mir was zusammen machen wollen, denen es aber piepegal ist, was da rüberkommt von mir und nur ihre Musik dazu machen, dann kann man die Zusammenarbeit auch abbrechen, die nicht stattgefunden hat. Und wenn das nur mit einem Maler ginge, dann muss ich mir eben den Maler suchen, mit dem es mir wirklich Spaß macht, das, was ich soundso zu sagen hab, in dieser Form rüberzubringen.

Kutulas: Könnte man das, was ihr macht, „Pop Art“ nennen, im Sinne von Papenfuß‘ „Pop Art Periode“, als er Konzerte gemacht hat und es ihm auf Kommunikation ankam? Sind eure Auftritte „Pop Konzerte“?

Wawerzinek: Letztendlich so, wie es nachher ankommt, sind sie zu dem geworden. Das kann man so sagen. Aber dieser Begriff … Ich nehm den mal so an, so heikel, wie er ist. Auch weil Bert Papenfuß das in einem Interview so benannt hat, weil es auch wirklich stimmt.

Nur, das andere Problem ist, dass ich Schwierigkeiten habe, meine Texte selber erstmal zu verstehen und dass ich das wirklich dann fast schon als Zumutung empfinde, wenn ich nun noch von anderen verlange, die sollen es auch noch verstehen. Aber jeder Auftritt mit einer Gruppe oder mit einem Musiker zusammen ist ein Versuch, mich selbst mehr zu verstehen, oder er wird zu einem Dilemma: dass ich zum Schluss gar nichts mehr verstehe. Und das andere: dass man dabei auch auf Entdeckung geht zu sich selber. Ich hätte mir zum Beispiel nie im Leben vorgenommen, Phonetik zu machen, aber vor tausend Leuten ist mir das plötzlich dann aufgefallen, dass man jetzt auch mal was Unverständliches sagen müsste, damit man endlich mal verstanden wird. Und dann habe ich irgendwelche „uet uet uet“ gemacht, also irgendwelche Geräusche, und plötzlich war das das, woran sich die Leute erinnerten. Da kam dann plötzlich irgendjemand zu mir und hat gesagt: Hier ist ein Mikrophon. Und dann noch jemand vom Rundfunk, und der hat dann gesagt: Wir machen Phonetik, und du bist uns empfohlen worden als der Phonetiker. „Lautgedichte“ hab ich da plötzlich gemacht. So ist das entstanden. Und da hat es auch seine Wirkung gehabt. Ich würde mich aber jetzt nie hinsetzen bei Kerzenschein und Rotwein, dann geht ein Lichtchen an, man wird vorgestellt und dann trägt man sein Gedichtchen vor. Denn für mich ist ja wichtig, dass man, wenn man sowas macht, nicht bloß sagt, was man sowieso zu sagen hat, sondern auch etwas, was man vorher gar nicht vermutet hat, dass es auch noch sagbar ist oder dass es aus einem rauskommt. Mario Persch von „Expander des Fortschritts“ hat das so gefasst, was ich gut finde: „Aus dem dem Nichts heraus kommen, aus dem Nichts heraus was machen“, das finde ich eine schöne Dopplung. Kannst du gleich als Überschrift nehmen, als Forderung und als Arbeitsmonogramm …

Holst: Das ist eigentlich die Möglichkeit, um noch mal zurückzukommen auf Konversation und das, was Papenfuß sagte, das ist schon die Chance, dass man, desto offener die Räume sind und je mehr Mut man hat, diese Räume zu betreten und auch auszuprobieren, man auch merkt, dass der Kreis diesen kommunikativen Charakter verstärkt.

Kutulas: Wir sind uns im klaren, dass es nun nicht um Kommunikation mit einer „Masse“ geht, sondern um eine mehr oder minder substantielle Kommunikation, die danach strebt, weg von drei Leuten hin zu fünfzig zu kommen … Ich wollte noch mal die Ebene klar benennen.

Wawerzinek: Also weg von drei?

Kutulas: Weg von „drei“, hin zu „fünfzig“ …

Wawerzinek: Nicht mehr als fünfzig …

Holst: Also, der Wahnsinn dieser Medien ist, dass es soundsoviel Medien gibt, die nur diese Kreise erreichen – das ist völlig klar. Es gibt eben nicht DAS Medium. Es ist klar, dass du mit Lyrik nicht mehr als fünfzig Leute erreichst. Das hängt auch mit dem Raum zusammen, in dem wir leben.

Wawerzinek: Wichtig ist auch irgendwie für mich, dem Vorwurf „Das kann ja jeder!“ durch Machen zu entkommen. Wenn das stimmt, dann muss man es machen, dann muss man alles machen. Aber das ist nicht das Ziel. Es ist viel produktiver, wenn einer zu dir kommt, und sagt, dass kann ja jeder, und du gehst dann los, und sagst: Na, werd ich mal sehen, ob ich’s kann, ob ich’s nicht auch machen kann. Farbe ranschmeißen an die Leinwand kann eigentlich jeder. Bloß, es macht nicht jeder. Am wenigstens die, die es dauernd den Leuten vorwerfen, dass es jeder machen kann. Die tun am wenigsten.

Kutulas: Wie ist eure Beziehung zum Schlager? Im Gegensatz zur Rockmusik, der sich mehr an eine „Gruppe“ wendet, richtet sich der Schlager (und die Disco-Musik als dessen Ableger für die Teenager) mehr an den „Einzelnen“. Wenn Adamo singt „Ich liebe Dich“, fühlt sich jede einzelne Frau persönlich angesprochen. Andererseits ist es nicht zufällig, dass im Rockkonzert versucht wird, ein gemeinschaftliches Hochgefühl beim zumeist jungen Publikum zu bewirken. Das will ich nicht bewerten. Es ist für mich nicht ’ne Frage von Bewertung, sondern von Funktionalität. Das ist etwas völlig anderes. Darum sprach ich von Adamo, der nicht fünfzig, sechzig oder hunderttausend meint. Der spricht jede Zuhörerin persönlich an.

Wawerzinek: In Wirklichkeit meint er vielleicht nur sich selber …

Kutulas: Das Gefühl habe ich eher bei euren Auftritten. Wenn ich an Konzerte von „Expander des Fortschritts“ oder von „Schappi und Baader“ denke, dann werde ich den Eindruck nicht los, ihr wendet euch weder an den Einzelnen, noch an eine Gruppe, Menge. Es ist eine seltsame Geschichte. Eigentlich wendet ihr euch nur an euch selbst.

Wawerzinek: Da sollte es hingehen. Ich fänd es wunderbar, wenn ich sagen könnte auf der Bühne: Seht mich an, ich liebe mich! – und es würde ein wahnsinniger Tanz nach dem Motto „Er liebt sich, er liebt sich“ oder „Er hasst sich, er hasst sich“ losgehen. Sie können ja auch abhauen. Aber wenn dann die Frage beim Zuschauer entsteht, wie ist das denn mit mir, liebe ich mich auch oder hasse ich mich auch, wenigstens wie der auf der Bühne, oder liebe ich mich anders, oder hasse ich mich anders. Dann hat was stattgefunden. Aber es findet nichts statt, wenn du sagst, du bist schön, ich liebe dich und jeder hört sich das an, dann wirds eben zu diesem komischen Phänomen.

Kutulas: Es ist tatsächlich ein seltsamer Widerspruch zwischen „Einfühlung und Abstraktion“, eine seltsame Ausgewogenheit, die durch den Umstand des „Produzierens“ hergestellt wird. Es ist, wenn ich an „Schappi und Baader“ denke, eigentlich ein schizophrener Zustand. Und wer setzt sich gern einem solchen aus – auch wenn er einem hilft, „sich selbst besser kennenzulernen“?

Holst: Das ist aber auch ’ne Frage der Identität. Ich meine den Vorwurf, den ich nicht als solchen verstehe, dass man in diesem Widerspruch eigentlich auch lebt, dass man weder den Einzelnen noch die Gruppe in irgendeiner Weise vertritt und wo natürlich die Frage der Identität ungeklärt bleibt. Also ich weiß nicht, wie Peter Alexander oder Adamo oder Bernd Klüwer dazu stehen, ob das nicht so ihr Ding ist, wenn sie sagen: „Ich liebe mich“ oder „Ich liebe dich“. Diese Pseudo-Einfühlung, die da passiert, hat natürlich ’ne ganz andere Richtung. Dadurch kriegt das Ganze einen kollektiven Wahn und kommt als pseudoindividualistisches Ding daher. Aber das ist so ’ne Sache, wo mehr die Plattenfirma oder der Raum was damit zu tun hat als Bernd Klüwer persönlich. Ich weiß nicht, ob Peter Alexander und die alle so starke Individualisten sind …

Wawerzinek: Das Verrückte an der ganzen Sache ist, dass die Leute meistens denken, es ist ein Glückszustand, wenn man eine Bühne und ein Medium hat, um irgendwas an die Massen zu bringen. Das ist nämlich eigentlich das Dilemma, ’ne Bühne zu haben und ein Medium und ein Mikrophon, und diese Schizophrenie können wir nicht auflösen, weil das alles schon da ist. Du wirst aber gewertet, wenn du auf einer Bühne stehst, nämlich, dass du es geschafft hast, auf der Bühne zu stehen. Aber anders kommst du an die Menschen nicht ran. Du kannst doch nicht ewig in ’ner Kneipe rumsitzen.

Kutulas: Für mich war eine wichtige Erfahrung, als ich Thomas Anders, den früheren Sänger von „Modern Talking“, auf einer Tournee durch die Noch-DDR als Tour-Manager begleitet habe. Die Jugendlichen, vor allem die Mädchen, haben geschrieen vor Begeisterung. Es schien, als wäre für viele dieses Konzert eine Art Höhepunkt in ihrem Leben – und das war sicher nicht nur den spezifischen DDR-Bedingungen geschuldet. Bei Peter Alexander oder bei Adamo tritt das sicher nicht so auf, aber gerade in der Disco und Popmusik, wo bewusst für Teenager produziert wird, erreicht die Identifikation ein wahnsinniges Ausmaß. Sie wollten Thomas berühren, wollten Sachen von ihm haben, kannten die Songs auswendig – für sie ist das ’n Lebensinhalt.

Wawerzinek: Bei uns tritt das in der Masse nicht auf. Bloß die Leute, die nach der Lesung kommen und sagen, es war toll, und die sogar stehen bleiben, bis du endlich aufgehört hast zu plappern und dann zu dir kommen, das sind dieselben Anfasser. Bloß, wenn so ’ne Masse auftritt, denkt man, das muss gut sein, das muss wahnsinnig gut sein, was auf der Bühne geboten wird.

Kutulas: Es gibt natürlich einen gewaltigen Unterschied.

Wawerzinek: Die Macher sollen den Nerv treffen, den vorbereiteten Nerv treffen. Es muss wieder Einer kommen, und dann kommt Er und dann ist Er da.

Holst: Es funktioniert wie das Aufbauen eines Politikers. Man soll sich doch nicht wundern, wo Millionen drinnen stehen, es ist völlig klar, da kann ich alles machen, weil ich ja auch die Inhalte verschieben kann, weil es in diesem Raum immer irgendwelche Leute gibt, die mit diesen Inhalten oder Nicht-Inhalten auch einfach spielen können. Du kannst immer jemanden aufbauen, und dann brauchst du ihn den Leuten nur jeden Tag reindonnern fünfmal am Tag, so, und dann sind die Höschen feucht – das ist auch okay, und dann kommt Thomas Anders, bringt 30 Hemden mit, und das Ding ist gelaufen, und dann sagen alle: Das is ’n wunderbarer Typ, der sagt, was ich denke – was ja unter Nichtdenkenden kein Problem ist. Der braucht die Folgen nicht zu tragen. Das ist ja auch ’n Unterschied, der kommt ja nicht als Individuum. Und das ist auch das Problem dieser ganzen Identität. Identität fängt nur dort an, wenn es etwas Namenloses ist.

Wawerzinek: Du siehst das ja bei Michael Jackson … Wie viel der sich umoperieren lassen muss, das ist doch nicht nur sein Interesse, bloß, weil er schön aussehen will, sondern weil er zu dieser Plastikpuppe werden musste, weil das Individuum nicht mehr interessiert … Bei Michael Jackson ist das für mich sogar erschreckend, was der jetzt noch so alles macht. Ich glaube, wenn ihm jetzt die Hintermänner sagen: Du musst jetzt langsam trauriger werden, du musst langsam Brüste kriegen, dann ist das zwar nicht sein Problem, aber er wird sich Brüste anschaffen, und er wird mit ihnen auf der Bühne wackeln, und alle werden kreischen … Nur, wenn das alles wirklich sein Problem wäre, dann hätte er noch wenigstens Glück gehabt in diesem ganzen Geschäft.

Holst: Dann hätte er natürlich keine Chance, weil nur mit Namenlosigkeit können Millionenauflagen erreicht werden. Du stehst oder sitzt auf der Bühne und bringst deine Traurigkeit rüber, dann ist es völlig klar, es würde dich keiner anhören – gut, fünf sind vielleicht betroffen. Ich meine: Wenn du dein namenloses Leid in die Gegend wirfst oder dein namenloses Glück – zum Beispiel „Herzen haben keine Fenster“ – kann jeder Idiot sagen, na wunderbar, das ist auch mein Lebensgefühl irgendwie.

Im Gegensatz dazu merkst du schon, wenn du dich im Underground bewegst – das ist schon irgendwo ein Rahmen, wo ’ne ganze Menge an Reibung und Tötung und Öffnung läuft, dass das schon nicht stimmt, also auch von der Direktheit her. Weil man sich schon täglich damit auseinandersetzt, seine täglichen Erfahrungen macht. Ich glaube, dass da ’ne Menge ablief. Eine Liebe ist es schon deswegen, weil es – ich will das nicht verallgemeinern – unter Druck entstand und viel direkter war. Ich weiß nur nicht, ob es wirklich auch das ist, was in der Vergangenheit war.

Wawerzinek: Ich komme nie ins Schwärmen beim Thema Underground. Ich glaube, es gab nie was, was sich jetzt beweisen müsste, dass es doch sowas gab. Das ist ja die aktuelle Forderung dieser Zeit: wirklich mir klarzumachen, es hat doch sowas gegeben. Es muss was gegeben haben, was Sascha Anderson heißt. Es muss was gegeben haben, was Papenfuß, Lorek usw. heißt. Was das überhaupt war. Ganz wissenschaftlich muss man das jetzt irgendwie machen. Ich hoffe, wenn sozial etwas mehr Schärfe reinkommt, dann wird die soziale Orientierung des Publikums stärker auf einen Dialog hinauslaufen.

Kutulas: Wobei der „Dialog“ durch den verstärkten Einzug der englischen Sprache sehr eingeengt wird. Die deutsche DDR-Rockmusik wird verschwinden. Nur wenige werden es sich leisten können, qualitativ gute deutsche Texte zu machen. Diese Ausnahmen gibt es natürlich. Aber die Bundesrepublik ist heutzutage das einzige europäische Land, in dem man das Radio einschaltet und nicht erkennt, dass man in Deutschland ist, da zu 95% nur englischsprachige Titel laufen. In allen anderen Ländern Europas ist das anders, von Griechenland, über Italien, Spanien, bis nach Frankreich und Schweden, wo zum Teil klare Quotenregelungen bestehen. Ich hoffe sehr, dass sich das auch in Deutschland ändert.

Wawerzinek: Weißt du, wie wichtig das dann wird, wenn mal einer deutsch singt. Ich würde das sogar positiv bewerten, wenn 95% nur Englisch machen, dann wird’s bei den restlichen 5% hier passieren müssen. Deshalb ist es wichtig, wenn mal wieder jemand auf deutsch singt, dass er dann aber auch weiß, dass ihm nur 5% gehören, und dann kann er sich so einen Schwachsinn nicht erlauben.

Kutulas: Oder es passiert das Gegenteil: Die deutschen Texte werden noch schlechter – wenn das möglich ist –, um zu bestehen, und die englischen werden das neue authentische Lebensgefühl wiedergeben …

Wawerzinek: Wenn du dich in England das erste Mal verliebt hast oder dich ein Mädchen aus England eingefangen hat, so dass es zu dir gehört, wenn du dich mit Mutter/Vater auf Englisch gestritten hast, dann werde ich es dir nicht übelnehmen, wenn du darüber auf Englisch singst. Aber wenn du damit nicht gelebt hast, dann ist das ja Anschiss. Dann stinke ich ab bei der Flachheit, die übernommen wird aus dem Sumpf der Klischees. Wenn man also keinen Anteil hat an dieser Sprache, dann empfinde ich das als Betrug.

Berlin, Frühjahr 1990

© Asteris Kutulas

Foto von Peter Wawerzinek © Asteris Kutulas 

Zeitschrift Sondeur (1990-91) – Bibliographie & Editorials

Folgend das Inhaltsverzeichnis aller 12 Ausgaben (April 1990 bis März 1991) der Zeitschrift „Sondeur – Monatsboulevard für Kultur und Politik“:

SONDEUR Nr.1

Matthias Biskupek – Mürrische Rede. Unlust. Schnauze voll
Yury Winterberg – Wer hat Angst vor Markus Wolf?
Elisabeth Wesuls – Ärzte zum Schwangerschaftsabbruch 1990
Claudia Gehrke – Plädoyer für scharfe Schamlippen
Ulrike Zimmermann – Frauen und Pornografie
Adolf Endler – Bubi Blazezak und der Berliner Fernsehturm
Fritz Rudolf Fries – Wiederbelebung
Kathrin Schmidt – Der eben um die Ecke …
Heinz Czechowski – Dresden, 13. Februar 1990
Niemandsland DDR – Asteris Kutulas im Interview mit Rainer Fetting und Trak Wendisch
Steffen Mensching – Notate im November 1989
Fritz Rudolf Fries – Braucht die neue Republik neue Autoren?
Heinz Czechowski – Zur Situation von Literatur in der DDR
Lothar Trolle – Gerede eines alten Mannes
Peter Wawerzinek – Mudular Hans Müller
Matthias Holst – Ist es einfach, punk zu sein?
Elmar Jansen – Stadt-Bilder, Traum-Bilder
Uwe Kolbe – Über das Gelegenheitsgedicht
Mulack – Gitarre für Anfänger
K.-P. Schwarz – Die „NVA“, Böll & ich
Asteris Kutulas – Nachgestelltes Geleitwort

SONDEUR Nr.2

Freymuth Legler – President debilee
Claudia Gehrke – Pornografie/ Hinsehen oder Wegsehen?
Ulrike Zimmermann – Frauenschaulust und Gewaltpornos
Elfriede Jelinek – Schamgrenzen?
Barbara Frischmuth – Dünger für mein Augenfeld
Yury Winterberg – Denk ich an Keuschland in der Nacht
Matthias Biskupek – Wie ein DDRler jetzt sprechen lernen sollen müßte
Robert Rauschenberg – Wenn das keine Kunst ist, mag ich es (Interview)
Jurij Koch – Die Schmerzen der endenden Art
Ziemer-Jackisch – Akropolis Nr.13 (Reportage)
Fritz Rudolf Fries – Die Westmark fällt weiter. Eine Utopie?
Holger Jackisch – Über das Leipziger Literaturinstitut
Matthias Holst – chingachgook/ein ghetto voller petersilie
Peter Wawerzinek – In der Schwein Welt

SONDEUR Nr.3

Ulrike Zimmermann – Pornos und andere Filme von Frauen
Yury Winterberg – Verfolgte Randgruppen/Heute: Der Fleischer …
Thomas Rosenlöcher – Kreischbild mit Bundeskanzler
Horst Hussel/Lothar Trolle – Stoßgebet der Frau Pastorin
Matthias Biskupek – Wirklicher und Geheimer Rat in Tartu
Mikis Theodorakis – Für einen vierstündigen Arbeitstag
John Cage – Stille als Klangform des Dunkels (Interview)
Odysseas Elytis – Zur Collagen-Technik
Annemirl Bauer – Feminismus, Frankreich, Fandarole (Interview)
Matthias Flügge – Inseln, die nur eines tragen
Gert Neumann – Toccata
Kerstin Hensel – Welsch
Hans-Eckardt Wenzel – Die Entstehung des Marsches …

SONDEUR Nr.4

Yury Winterberg – Sündimentale Reise in den Wilden Osten
Thomas Böhme – Leipzig-Abtnaundorf
Freymuth Legler – Reise in den Zwischenraum
Fritz Rudolf Fries – Shop kaputt
Lothar Trolle – Erinnerung an eine HO Gemüseverkaufsstelle
Hans-Eckardt Wenzel – Die vergessenen Dörfer Vorpommerns
Matthias Baader Holst – Wieder Berlin
Gerd Adloff – Café Wolff
Gregor Kunz – Bunte Republik (Äußere) Neustadt Dresden
Barbara Köhler – Dresden der klassische Blick
Thomas Haufe – zurück&kein zurück
Michael Wüstefeld – Meißen 1988
Matthias Biskupek – Mitten in der Rinde
Horst Hussel – Der Ort
Uwe Hübner – Länder oder Über die ewige Völkerwanderung
Thomas Rosenlöcher – Schaum
Annett Gröschner – Niederndodeleben
Till Sitter – Bin ich ein Schlüpfer-Fetischist?
Balduin Baas – Der grüne Penis
Sabine Kebir – … geschlechterfrieden?
Gudula Ziemer – Die Probe
Charlotte Oberwasser – Unter Blitzlicht
Doris Ziegler – Das Private, das Politische und die Malerei
Jan Skacel – Trennung
Heinz Czechowski – Dem Gedenken Jan Skacels
Andreas Hüneke – DAfDADAt? DAtDADAtDAf!
Johannes Baader – Brief an Johannes Schlaf (Erstveröffentl.)
Rainer Schedlinski – Das Sägen am eigenen Ast
Peter Wawerzinek – Hirn einschalten beim Schweigen

SONDEUR Nr.5

Bernd Nitzschke – Die Wut gegen Pornographie
Mircea Dinescu – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Wolfgang Kröber – Jämmerliche Kultur des Jammerns
Rainer Schedlinski – Was ist das Linke am Sozialismus?
Rabea Graf – Aus Postkarten meiner reiselustigen Freunde
Peter Wawerzinek – Abschied ist ein dunster Ort
Andreas Klich – Über Camburg
Barbara Köhler – Wieder Chemnitz
Angela Hampel – Vom Geheimnis im Bild (Interview mit Asteris Kutulas)
Eine Vergewaltigungsgeschichte oder Die Aggressionen der Kritiker
   Annett Gröschner – Maria im Schnee
   Freymuth Legler – Wer viel und laut übers Bumsen redet …
   Kerstin Hensel – Vor der Schlafzimmertür
   Tilo Köhler – Der Schrei um Hilfe
   Klaus Laabs – „Im Kopf eine verwüstete Landschaft“
   Elisabeth Wesuls – Neunmalklug ist auch wieder dumm
   Annett Gröschner – Anekdoten
Frank Lanzendörfer – techtels & mechtels
Peter Böthig – Subverstanden (Über F.L.)
Ina Kutulas – In einem dunklen dunklen Wald. Zu Lanzendörfer

SONDEUR Nr.6

Stefan Heym – Rette sich wer kann
Gudula Ziemer – Was ich in Rom sah oder hörte
Mitch Cohen – I Tell Ya
Ursula Ziermann – Männer als Maschinen
Claudia Gehrke – „Das Sichtbare ist das Geheimnis“ (Interview mit Asteris Kutulas)
Charlotte Oberwasser – Die erogene Zone
Fritz Rudolf Fries – Cuba Libre mit viel Liebe in New York
Matthias Biskupek – Mitleid für die abgefederten Sieger
Stefan Heym – Ausstellungseröffnung
Peter Schönhoff – Georg Baselitz‘ Arschlöcher
Angela Hampel – Ich hört ein Sichlein rauschen … (Interview mit Asteris Kutulas)
Ines Eck – Wenn ich tot bin, warst Du es
Eva Bartsch – Die Chance, grenzenlos verkannt zu werden
Thomas Bischoff – Thesen zum (Theater-)Naturalismus in der DDR
Fritz Rudolf Fries – Miles Davis/ Die Autobiographie
Matthias Baader Holst – Old Shatterhand oder Die Wohnungsfrage

SONDEUR Nr.7

Tilo Köhler – Der Untergang des Abendlandbrotes
Klaus Rahn – Das Glas Marmelade
Detlev Opitz – Eva-Mania
Claudia Gehrke – Die inszenierte Lust der Frauen (Interview mit Asteris Kutulas)
Peter Wawerzinek – 14 Pornotizen
Yury Winterberg – Schreiben als Perversion
Stephan Ost – Die Rivalin im Teppich
Fritz Rudolf Fries – Die hohe Kunst der Korruption
Adolf Endler – Neues von Bubi Blazezak
Elke Erb – Ein Jahrzehnt mit Endler
Gert Neumann – Brief in die DDR

SONDEUR Nr.8

Robert Gernhardt – Triste Überdosis
Alban Nicolai Herbst – Börsenbrief (Literatur)
Milan Kundera – Das spannende Auge Gottes
Jannis Ritsos – Camera obscura
Eberhardt Häfner – Die Verelfung der Zwölf
Claudia Gehrke – Der verpönte Blick (Interview mit Asteris Kutulas)
Gala Breton – Die Ostmuschis kommen
Peter Brasch – Die Entgleisung
Branko Cegec – Melancholische Annalen
Yury Winterberg – Der Hauptmann im Triebkrieg/ A. Stramm
Wolfgang Opitz – Ralf Winkler und die Sechziger in Dresden (Interview mit Asteris Kutulas)
Jan Faktor – Ein Satz zu Adolf Endlers Schichtenflotz
Horst Hussel – 6 Briefe an Herrn S.
Mitch Cohen – Papierflieger
Heinz Czechowski – Früher/ Drei Texte
Gert Neumann – Eröffnungstext

SONDEUR Nr.9

Lothar Trolle – Frau Minister mit besonderen Aufgaben
Jose Ortega y Gasset – Das zweigeteilte Deutschland
Rainer Schedlinski – Der dogmatische Schlaf der Vernunft
Friedrich Kröhnke – Eine letzte Satire
Hermann Nitsch – Ich bin kein Instinkttäter
Jannis Ritsos – Nach dem Ende / 3 Texte
Jörg-Michael Koerbl – Jugenddivision „Onanierende Zukunft“
Reinhard Jirgl – Tantalos an der Götter Tafel
Yury Winterberg – Vom Inzest mit Gehirntieren (Schmidt)
Autonome Huren – Besuch aus dem hohen Norden
Alban Nicolai Herbst – Deutsche Literaturbörse: Dezemberbrief
Cornelia Sachse – before LISA in america
Alain Jadot – Nicht übertragbar
Elke Erb – Brief aus der DDR
Die Redaktion – Danksagung

SONDEUR Nr.10

Peter Wawerzinek – Her mit dem nächsten Krawall
Christoph D. Brumme – Liquidationen
Alban Nicolai Herbst – Literatur-Börse: Gutes für Vergehendes
Volkmar J. Zühlsdorff – Partei fürs geliebte Deutschland
Tilo Köhler – Mit dem Rücken zur Wand, die es nicht mehr gibt
Domenico Zindato – Pastone und Broda
Zdravko Kecman – Nächtliche Lieben der Spinnenfrau
Koeppen/Wawerzinek – Akt-Kalendarium 1991
Peter Böthig – Ein Wanderer und sein Licht-Schatten
Matthias Baader Holst & Peter Wawerzinek & Asteris Kutulas – Die zappelnden Versfüße Michael Jacksons (Gespräch)

SONDEUR Nr.11

Berthold Dirnfellner – Geld
Stefanie Menzinger – Geldgeld
Gala Breton – Happy Week-End
Alban Nicolai Herbst – Börsenbrief Februar 1991
Yury Winterberg – Motz-Art lebt
Axel Dielmann u.a. – Franco Fantis Verzweigungen
Nenad Popovic – Freund Watson
Werner Heiduczek – Bitterfelder Wegelagerer
Fritz Rudolf Fries & Uwe Grüning – Streitgespräch
Ralf Winkler – Manifest 1971
Harald Gallasch – Das Unvorstellbare
Wolfgang Opitz – Die Dresdener „Lücke“ (Interview mit Asteris Kutulas)
Mitch Cohen – Ohne Eine

SONDEUR Nr.12

Konstantinos Kavafis – Notate
Heinz Czechowski – Das Zwingende
Gabriele Gabriel – Schießstandrecht
Michael Wüstefeld – Abbau einer Losung
Adolf Endler – Wiedererweckung
Peter Wawerzinek – Moppel Schappik
Horst Hussel – Damengespräch
Thomas Rindsfüsser – Depression
Ulrich Preuss – Ein Tag im Leben der Mama
Jannis Ritsos – Erwachen
Elke Erb – Russische Symbolisten
Sinaida Gippius – Dem Dichter
Annenski – Nerven
Alban Nicolai Herbst – Börsenbrief/Hundstod
Gert Neumann – Produktionsgewässer
Peter Brasch – Hämorrhoide im Kopf
Asteris Kutulas/Thilo Köhler – Editorial

SONDEUR. Monatszeitschrift für Kultur und Politik
Herausgegeben und produziert von Asteris Kutulas
Redaktion: Tilo Köhler, Ina Kutulas, Marina Bertrand, Andre Kahane (Artwork), Jannis Zotos, Asteris Kutulas (Chefredakteur)

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NACHGESTELLTES GELEITWORT
der ersten Ausgabe (1990)

Zahllose Gründe sprechen gegen das Projekt. Galt noch bis vor kurzem das LESEN in diesem Teil Deutschlands – zumindest bei den wachgebliebenen seiner Bewohner als TUGEND –, so dürfte heut kaum mehr damit gerechnet werden: das Schauen, das Hören, das Streiten, das Reisen, das Debattieren, das Demonstrieren …! Wenn schon gelesen wird, dann Kurzgebratenes: schnell zur persönlichen Tagesordnung übergehen, denn die fordert gebieterisch den ganzen Mann. Die ganze Frau. Ganze Kinder gar: Auf alle, alle! und jeden zielen die Strategien der Neu- und Altverleger: West-östliche Diwane en gros, ganz andere Andere Zeitungen, reformierte Freie & Junge Welten, neue Neue Deutschlands, Wir in Leipzig und Uns in Mecklenburg, von all dem nicht zu reden, was noch kommen wird, Popos aus Jamaica und Rezepte vom Vater Rhein, Strickereien von Burda und Krenz ganz im BILDe, alles zielend auf IHN: den LESER. Wer aber ist der? Steckt in wessen Anzug und denkt in wessen Kopf? Irgendwo zwischen Neugersdorf und Jerichow II soll es ihn geben. Aber: er will gar nicht, der gute. Mag nicht mehr lesen. Warum auch. Vierzig Jahr gelesen und nichts gewesen. Für DIE Spesen – lieber am Tresen. Solange es dort noch wohlfeil zugeht. Apropos und überhaupt: vier Mark so’n Blatt! Woll’n wohl durchhalten. Woll’n wohl ihren Autoren gute Honorare zahlen. Autoren scheinen ihnen überhaupt wichtig zu sein, stehn sogar vorne drauf. Im übrigen irgendwie fremdländisch das Ganze, nicht wundern, wenn Onassis Aktien bei TANTALUS, na denn …

Ein angeschlagenes Schiff driftet längs der drohenden Brandung, die arg geschrumpfte Besatzung schwankt zwischen Lethargie und Renitenz, der Erste Offizier hat sich erschossen, der Smutje nurmehr Salzfleisch und Zwieback im Angebot, Bootsmann und Steward schmieden Ränke, der Zweite Offizier mit dem Beiboot getürmt, der übernächtigte Kapitän weiß, dass seine Tage gezählt sind, träumt von blühenden Geranientöpfen und hört kaum mehr im Halbschlaf die Rufe dessen, der weit über den Bugspriet gelehnt, das Lot wirft, der Mann heißt: SONDEUR.

Asteris Kutulas

Sondeur von Asteris Kutulas

EDITORIAL
der letzten (zwölften) Ausgabe (1991)

Mit dem tatsächlichen Erscheinen der Nummer 12 unseres Monatsboulevards haben wir nunmehr einen Status erreicht, den selbst Zuversichtlichere als wir nur schwerlich für ertrotzbar hielten: wir sind wieder ein Jahr älter geworden.

Zugleich kann hiermit der erste vollständige Jahrgang unseres galanten Almanachs durch jedermann besichtigt werden; Anlass auch für eine gelassene Rundschau unsererseits, deren Heiterkeit dem Unernst der Stunde angemessen bleiben soll. Denn SONDEUR stellt mit diesem Heft 12 sein regelmäßiges Erscheinen als Monatszeitschrift ein. Getreu unserer ersten Selbstdefinition als Literatur der k & k (Kutulas & Köhler) waren unsere Intentionen von Beginn an nicht auf expansive, sondern eher untergehende Phänomene gerichtet, denen wir mit „Sondeur“ ein gewiß nicht ungefälliges hinzugesellt zu haben hoffen.

Solcherart ist „Sondeur“ ein Kind des Übergangs, vielleicht sein schönstes gewesen. Kein Kind der Aufklärung mithin, wohl aber eines mit dem unverwüstlich provinzialischen Charme deutscher Spät- und Postromantik. Und da es bekanntlich für diese kein unschuldigeres Motiv gibt als den sanften Hingang eines schönen Kindes, übereignen wir „Sondeur“ hiermit dem unerschöpflichen Fundus der Literaturgeschichte, in der um zwei Jahrhunderte zu früh aufgetaucht zu sein in der Natur ernst zu nehmender Abschiede seit ebenso langer Zeit gründen mag.

Asteris Kutulas & Tilo Köhler

Sondeur von Asteris Kutulas

Bizarre Städte: Unabhängige Zeitschriftenpublikation in der DDR (1987-1989), herausgegeben und produziert von Asteris Kutulas / Redaktion: Ina Kutulas, Johannes Jansen, Gerd Adloff, Gregor Kunz, Thomas Haufe, Asteris Kutulas (Chefredakteur)

Sondeur: Monatszeitschrift für Kultur und Politik in der Nachwendezeit (1990-1991), herausgegeben und produziert von Asteris Kutulas / Redaktion: Tilo Köhler, Ina Kutulas, Marina Bertrand, Andre Kahane (Artwork), Jannis Zotos, Asteris Kutulas (Chefredakteur)