Archiv der Kategorie: Literarisches

Ein Sondeur, umgeben von tollwütigen Hunden,  flaniert, seinen Sklaven zuwinkend, durch Bizarre Städte (1996)

[Folgend ein Gastbeitrag über die Zeitschriften Bizarre Städte (1987-89)  und Sondeur (1990-91), den ich 1996 für die Zeitschrift SKLAVEN verfasste:]
 
Die Zeitschrift SONDEUR, die zwischen April 1990 und März 1991 zwölf Ausgaben erlebte, war die Weiterführung der in der DDR erschienenen nicht-offiziellen Publikationsreihe BIZARRE STÄDTE (dreizehn Bände zwischen 1987 und 1989). Heute über die Gründe ihres Entstehens und Untergehens zu schreiben scheint mir, das will ich festhalten, wie über eine längst verblichene „märchenhaft-grauenvolle“ Zeit nachzudenken, über untergegangene Phänomene eben. Und wer will daran schon noch einen Gedanken verschwenden? Die Antwort ist einfach und lautet: DIE SKLAVEN. Und IHREM Willen unterwerfe ich mich gern; immerhin waren Wolfram Kempe, Annett Gröschner und Bert Papenfuß-Gorek Autoren der BIZARREN STÄDTE und zum Teil des SONDEUR, zweier Projekte also, die für mich zusammengehören.
 
Der SONDEUR war ein Missverständnis, während die BIZARREN STÄDTE ein noch größeres Missverständnis darstellten. Bei letzteren ging es nämlich in allererster Linie um Existentielles: um lange Rotweinnächte (erinnert Ihr Euch: Rosenthaler Kadarka?), um endlose und zumeist absurde, manchmal abstrus-tragische Gespräche, um verquere Energien, um jenes unvergesslich aufregende Kribbeln in der Seele – um „geistige Freiheit“ – innerhalb einer Gesellschaft, in der „Ordnung und Disziplin“ zu herrschen hatten. Also musste man es sich selbst besorgen. Um es anders auszudrücken: Bei den BIZARREN STÄDTEN ging es mehr um die „DDR“ bzw. um das Leben, das wir in diesem Land führten, als um ein „Zeitschriftenprojekt“, während es beim SONDEUR doch mehr um die Zeitschrift ging, aber da gab es kein „Land“ mehr, in dem eine solche Zeitschrift hätte funktionieren können, kein „Um-Land“ für solch ein Ansinnen.
Die Umstände veränderten sich 1990-91 in einem so rasanten Tempo, dass kaum einer wusste, WOHIN DAS ALLES FÜHREN SOLL. Nur die Konzernchefs wussten und die Spekulanten und die allerklügsten Politiker. Das war dann der Augenblick, da wir mit SONDEUR nach der 12. Ausgabe aufhörten und Ina, unser Sohn und ich nach Athen zogen, in das Ursprungsland der ANARCHIA. Wenn schon, dann wollten wir es richtig erleben.
 
Zeichnung von Johannes Jansen
 
Der innere Grund für mein Engagement in Sachen Zeitschriften war allerdings, dass ich ein ausgekochter Pessimist hinsichtlich gesellschaftlicher Entwicklungen war und weiterhin bin und darum immer der Theorie nachhing, dass man das, was man will, selbst machen muss, sonst passiert gar nichts. So entstanden die Idee zu den BIZARREN STÄDTEN während eines Gesprächs mit Johannes Jansen Ende 1986 und die Idee zum SONDEUR Ende 1989 während einer kalten Dezembernacht bei einer anregenden Diskussion mit Stefan Körbel. In beiden Fällen gaben nicht nur andere den Anstoß zu diesen Vorhaben, die ANDEREN waren auch der eigentliche Grund derselben. Denn innerhalb der „geordneten“ DDR- Gesellschaft Leute kennenzulernen, mit denen man zwar wenig oder gar nichts zu tun hatte, die aber allesamt etwas TATEN, was mich in irgendeiner Form interessierte, war nicht nur spannend und teilweise „amüsant“, es war – das kann ich im nachhinein feststellen – überlebensnotwendig für die eigene Kreativität. 
 
Ich erinnere mich noch genau der zutreffenden Aussage Claus Trägers, meines Leipziger Literaturtheorie-Professors, der die Frage nach der fehlenden Mobilität im DDR-Roman wie folgt beantwortete: „Was wollen Sie? Wenn Sie in diesem Land, sagen wir mal, in Oschatz geboren worden sind, dann werden Sie in Oschatz leben, in Oschatz arbeiten, und in Oschatz sterben.“ Genau das war in dieser Hinsicht die DDR: man bereitete sich „planmäßig“ auf den Tod vor; keine Visionen, keine Extravaganzen. Nein, alles ging seinen geregelten – aberwitzigen – sozialistischen Trott. Die Bevölkerung schien durch die „Wirtschafts- und Sozialpolitik der Partei“ gelähmt und korrumpiert, was nichts anderes bedeutete, als dass man den Leuten vorgaukelte, auf Konsumebene mit dem Westen Schritt halten zu können (was schließlich die Ursache für den sozialistischen Niedergang bedeutete). Dafür durfte auch keiner aufmucken. Dem „Arbeiter“ ging es gut (solange er nicht anfing nachzudenken), zum Teil „besser“ als heute, dem Intellektuellen (ich meine: dem wirklichen, also dem „Künstler“) ging es schlecht, weil er, um ER zu sein, NACHDENKEN MUSSTE.
Man lese heute im „Neuen Deutschland“ von vor 1990, und man wird sofort verstehen, was ich meine: Angesagt war die allgemeine Verblödung im Namen der fortschrittlichsten und revolutionärsten Gesellschaft. Ich habe das schon damals als organisierten Versuch der persönlichen Entmündigung empfunden. Ich konnte aber nicht akzeptieren, dass ein vergreister und realitätsenthobener Erich Honecker mir vorschreiben zu können glaubte, was ich zu denken, zu sagen und zu machen habe. Es war einfach lächerlich, aber auch tot-ernst. Und wenn man bedenkt, dass Honecker sein Dogma mit Hilfe von Leuten wie Sascha Anderson in die konkrete Tat umsetzte – um auf unser unmittelbares Thema zurückzukommen –, war die Wirklichkeit jeder Satire haushoch überlegen. Meine Emphase sei mir verziehen, aber ich kriege immer noch geistigen Ausschlag, wenn ich an bestimmte Vorfälle aus jener Zeit denke.
 
Siebdruck von Gottfried Bräunling
Ich erinnere mich, wie zwei Literaturbeauftragte der Stasi (Hasi und Nasi, wie Ina sie genannt hat) Anfang 1989 zu mir nach Eggersdorf kamen, in den Händen triumphierend die untergründlerische Zeitschrift „Liane“ haltend, und mich fragten: „Haben Sie schon gelesen?“, so als wären sie auf ihrem täglichen Nachhauseweg bei mir auf einen Kaffee vorbeigekommen, mit der neusten Zeitungsnachricht in petto. Gemeint war ein Artikel des Herausgebers von „Liane“, der gegen das Konzept der BIZARREN STÄDTE mit Schlagworten argumentierte, die einige führende Repräsentanten aus der Szene vorgaben: 
 
– Jede Öffentlichkeit über 100 Personen ist suspekt. 
– Das Politische in der Kunst ist zu verurteilen, es geht nur um Ästhetik.
– Die Aufklärung ist tot, es lebe der Strukturalismus. 
 
Das war die Verkehrung der Werte – das Staatserhaltende, versteckt in der Widerstandsgeste –, und die beiden Stasi-Leute hatten gut lachen. Im Grunde genommen lehnte auch der „Liane“-Autor (wahrscheinlich, ohne es zu ahnen) das ab, was das DDR-System mit der Zeit abgeschafft hatte: Öffentlichkeit, politische Diskussion, Aufklärung im philosophischen – kantschen – Sinne. Jene aus der Szene, die solche „moralischen Prämissen“ aufstellten, taten es aus gutem Grunde, denn sie arbeiteten für die Stasi.
 
Mit den konkreten BIZARREN STÄDTEN, in denen es darum ging, die eigene Kreativität auszuleben, hatte das wahrlich wenig zu tun. Aber schon das war in der DDR unerwünscht, und ich kenne viele Leute, die, da sie danach lebten, kaputtgespielt wurden. Das beliebteste, einfachste und effektivste Mittel war, durchsickern zu lassen, dass der und der für die Stasi arbeitet. Es gab kaum einen Autor, über den nicht ein anderer gesagt hätte, ich solle mich vor ihm vorsehen – so konnte man weder arbeiten noch leben. Also fassten wir den „historischen Beschluss“, unsere Projekte durchzuziehen und die Stasi-Gerüchteküche gänzlich zu ignorieren. Wir dachten uns, das ist genau das, was die Stasi nicht will, und falls wirklich Leute unter uns sind – was stört es uns. Dieser Beschluss war wie ein Befreiungsschlag: Wir konnten arbeiten (und teilweise genießen).
 
Ich schreibe das alles, um zu zeigen, innerhalb welcher Koordinatensysteme und Reviere tollwütiger Hunde solche relativ harmlosen – ich meine das ohne jede Koketterie – Projekte wie die BIZARREN STÄDTE entstanden sind. Ich fand es einfach gut (weil sich sonst nicht viel ereignete), verschiedene Leute verschiedener Künste und verschiedenen Alters zusammenzubringen und gemeinsam etwas zu machen, z.B. eine Zeitschrift, Ausstellungen, Lesungen, Bier trinken gehen, sich streiten, leben halt. Diese „Begleiterscheinungen“ waren das Eigentliche bei den BIZARREN STÄDTEN und später beim SONDEUR, wobei der SONDEUR das – allerdings bedeutende – Nachspiel zu den BIZARREN STÄDTEN darstellte, das Satyrspiel zu einer/der „Tragödie“.
 
Mit Hilfe von Tilo Köhler, Ina Kutulas, Jannis Zotos und Marina Bertrand (und natürlich vieler anderer) haben wir in den Wonnemonaten vor und nach der Währungsunion versucht, gute Literatur, spannende Artikel, aufregende Interviews und skurrile Nebensächlichkeiten aufzutreiben und zu veröffentlichen. Mir war von Anfang an klar, dass dieses Projekt eins auf Zeit sein würde. Über soviel kapitalistischen Realitätssinn verfügten wir bereits 1990. Die SKLAVEN haben da sicherlich mehr Chancen, denn sie scheuen nicht die Öffentlichkeit, sie sind politisch und lieben die Aufklärung, oder?
 
Mit hellenischem Gruß
Asteris Kutulas, Sommer 1996
 
(Veröffentlicht in der Zeitschrift SKLAVEN, Heft 30, BasisDruck Verlag, Berlin November 1996)
 
Bizarre Städte: Unabhängige Zeitschriftenpublikation in der DDR (1987-1989)
Sondeur: Monatszeitschrift für Kultur und Politik in der Nachwendezeit (1990-1991)
Sklaven: Monatszeitschrift der Prenzlauer-Berg-Szene seit 1995
 
Titelbild: Zeichnung von © Trak Wendisch als Buchdeckel für „Bizarre Städte“, Band 2 (1988)

Dionisis Karatzas – Selbstmord des Reservemonats

In Holger Wendlands „Edition Raute“ erschienen im Sommer unsere Übersetzungen der Gedichte von Dionisis Karatzas.

Als ich zum ersten Mal Gedichte von Dionisis Karatzas las, dachte ich, mit dieser, seiner poetischen Welt hätte die meine nichts zu tun. Zu weit entfernt schien mir die erfrischende Meeresbrise seiner Patras-Landschaft von meinem wolkenverhangenen Prenzlauer Berg. Nicht, dass mich seine Lyrik nicht berührt hätte, aber ich nahm sie nicht wahr als „Kunstwelt“. Bis ich herausfand, dass Karatzas es damit ernst meinte: Für ihn war es nicht nur eine Kunstwelt, sondern ein von ihm gelebter „Kosmos“. Diese Erkenntnis offenbarte mir schlagartig neue Einzelheiten, bis dahin wie hinter einem Berg, vielleicht dem Prenzlauer Berg, verborgene, über den ich erst hatte steigen müssen, mich hinwegsetzen über meine literarischen Vorlieben. Trotz ihrer blendenden Helle nahm ich mit einem Mal die Tiefe seiner Bilder wahr, sah ich den Dichter hinabtauchen zum Grund der menschlichen Seele.

DIE BITTERKEIT DER KONSONANTEN

Bedacht sprachst du aus was du entschieden
mit Lippenlauten voller Empörung, mit nasalen Lauten der Verweigerung
und gaumenfeuchten Abschiedsworten.
Auf welche Zähne reduzierst du
mein wäßriges Schweigen?
Du hörst immer auf beim Sigma
auf das Lichtes und Winterliches enden.

Du verschärfst die Trennlaute und übersetzt
die Lippenunmöglichkeiten in solche der Nase, das fürcht ich
und gaumenfeucht will ich dich.
Meine speichelnasses Zischen
unterscheidest du von welchem deiner Symptome für Zahnschmerz?
Du hörst immer auf beim Sigma
auf das Lichtes und Winterliches enden.

Dionisis Karatzas: Selbstmord des Reservemonats. Gedichte, Ausgewählt und herausgegeben von Asteris Kutulas, Aus dem Griechischen von Ina und Asteris Kutulas, Zeichnungen von Trak Wendisch, Edition Raute, Görlitz 2010, ISBN 978-3-933777-20-1

In memoriam Adolf Endler

„Ich schreibe wie jemand, der sich die Pulsadern aufschneidet“, notierte der Dichter Giorgos Seferis am 7.9.1926 in seinem Tagebuch – was zumindest eine pathetische Umschreibung für den „existentiellen“ Wert der Dichtung in seinem Leben war. Adolf Endler hat genauso geschrieben, gefühlt und gelebt. Er war „Dichter“, durch und durch. Eine Mischung aus Transportarbeiter des Worts, belgischem Bohemien, antifaschistischem Eremiten und „böhmischem Zigeunergeiger“. Er erschien mir immer wie ein pulsierendes Intellektum, ein energiegeladenes Bündel.
Ich „entdeckte“ Endler 1979 über seine wunderbaren Nachdichtungen der Gedichte des Alexandriners Konstantin Kavafis, die mir in gewisser Weise Vorbild waren für meine spätere eigene Arbeit:

Ihr Plätze und ihr Viertel, Gegend, wo ich wohne,
Die ich vor Augen habe und durchmesse, Tag für Tag:
Ich war’s, der euch erfand in größtem Glück und tiefster Traurigkeit,
Die vielen Episoden, mannigfachen Wesen –
Jetzt ganz und gar voll Leben und Gefühl, sei’s nur für mich…
usw.usf.

Endler war für mich eine ernste Angelegenheit, sein Alter Ego Bubi Blazezak ein polternder universeller Geist. Endler gewann eine knisternde Klarheit in seinen ausschweifenden Texten, und zugleich durchdrang ihn ein entwaffnender Humor, den er mehrfach in diversen Samistad-Drucken, z.B. in den „Bizarren Städten“, kucken ließ. Denn von Endler wurde kaum was veröffentlicht zu DDR-Zeiten, dafür konnte man ihn oft im kleinen Kreis erleben, lesen hören, und ab und an schwang er auch sehr gekonnt außer-literarische Fahnen.
Adolf Endlers Existenz war einer der Gründe, warum man es als Intellektueller noch in der DDR aushielt. Ich empfand es jedenfalls damals so. Er war der Tarzan des „Prenzlauer Bergs“, ich war der Neger in Pankow. Endler bedeutete für mich eine Art Heimat in der transzendentalen DDR-Obdachlosigkeit – und seine Texte, frei schwebend, ein Quell reiner Leselust.

Asteris Kutulas

Tagebucheintragungen zur „Kassandra“ von Christa Wolf

Christa Wolf. Die für mich interessanteste und spannendste Schriftstellerin der DDR, diesem Niemandsland der Hoffnung. Christa Wolf hat mich lange verfolgt, noch vehementer dann als „Kassandra“. Ein Flirren zwischen Heimat und  Lifestyle. Rockmusik in meiner Seele. In meinem Kopf ein Widerhall von Gesprächsfetzen bei ihr zu Hause und einmal auch in Tübingen. Das Blubbern des Bluts in den Adern. Und sie verhalf mir zu meiner damaligen realsozialistischen Einsicht Ende der siebziger Jahre: Der Himmel ist immer noch geteilt, aber die Freiheit fiel in die Spalte zwischen den Hälften …

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„Nur wer Konflikte kennt, hat etwas zu erzählen“ – Tagebucheintragungen zur Kassandra von Christa Wolf

16.02.84, Berlin, Cafe Friedrichstraße

Gestern beschäftigte ich mich in der Staatsbibliothek vorwiegend mit der Real-Enzyklopädie: Tauris, Artemis etc., äußerst interessante Feststellungen gemacht. Besonders eine: die Verschmelzung der arkadisch-lakonischen Festlandsreligion von einer Artemis, die fraulich-mütterlichen Charakter besaß (Schutz für Geburt, Jugend etc.), mit der Letoidenreligion des ionischen Kleinasiens (besonders jener der Insel Delos), wonach die zwei Letokinder mehr der Seefahrerideologie zugewandt waren, also Kriegs- und Handelsgötter darstellten. Resultat: Heterogenität bei Homer(Zunahme des Begriffs der Jungfräulichkeit). Auch Verschiebung von der Vorstellung der Artemis als Gattin des Zeus (die ihn eigentlich beherrschte: Matriarchat) zur Schwester des Apoll und Tochter des Zeus (® patriarchalische Machtverschiebung). Nebenbei festgestellt: Fehler Goethes mit Tauris; Stadt/Insel in der Adria …

Während der Mythos in den letzten 2000 Jahren überhöht und immer als solcher „symbolisiert“ und „allegorisiert“ verwendet wurde (auch bei Brecht, den Franzosen etc.), ist jetzt mit Peter Weiss, Christa Wolf und natürlich bei Jannis Ritsos eine Tendenz – nicht nur zur „Entmythologisierung“, sondern zu einer Verpflanzung in alltägliche heutige Konstellationen festzustellen. Die „Brisanz“ besteht in einer neuen Sicht auf diese Dinge; nicht aber in der platten Analogie. Natürlich gewinnt dieser Vorgang durch die tausendjährige Verfremdung eine neue Art von Symbolik: dass der Sprung aus dem Tierreich noch nicht geschafft sei. Die Denkmuster seien noch gleich. Christa Wolf schreibt: „Mein Anliegen bei der Kassandra-Figur: Rückführung aus dem Mythos in die (gedachten) sozialen und historischen Koordinaten.“ (142) Beim Lesen das Gefühl, Christa Wolf decke sich zu sehr mit Kassandra: „Man darf Kassandra nicht glauben, das ist ein Gesetz, solange man nichts, vor allem nicht sich selbst, verändern kann.“ (140)

„Das Troja, das mir vor Augen steht, ist – viel eher als eine rückgewandte Beschreibung – ein Modell für eine Art von Utopie.“ (108) Also, ein neues „matriarchalisches Gesellschaftskonzept“ als sozialistische Utopie? „Mir ist bewusst, dass mein Rückgriff in eine weit, ur-weit zurückliegende Vergangenheit (der beinahe schon wieder zum Vor-Griff wird) auch ein Mittel gegen diese unauflösbare Trauer ist, die Flucht zurück als eine Flucht nach vorn. Eigenartige Selbstbeobachtung, dass die Einsicht, Menschen und Verhältnisse seien in dreitausend Jahren nicht sehr weit aus sich und über sich hinausgelangt, eher in Gelassenheit mündet als in Hoffnungslosigkeit.“ (94) Interessant, wenn „Terracottafiguren … das Gefühl vermitteln, dass es im Grunde die gleichen Menschen waren, wie wir es sind …“ (75) „Sind wir nicht jenseits aller Verkündigungen und Prophezeihungen, also jenseits der Tragödie? (37)

Prophetenglaube ist, denke ich, größtenteils Glaube an die Kraft des Wortes … Die Zentrierung um den Logos, das Wort als Fetisch – vielleicht der tiefste Glaube des Abendlandes, jedenfalls der, dem ich in inbrünstig anhänge.“ (23)

Christa Wolfs Programm: „ … die Fragen [zu stellen; A.K.], die Kassandra aus Mythos und Literatur herauslösen können“. (23)

Wie ein roter Faden durch das ganze Buch: Problem der Alternative. Denn: „… es wächst das Bewußtsein der Unangemessenheit von Worten, vor den Erscheinungen, mit denen wir es jetzt zu tun haben“. (110) „In Troja aber, das glaube ich sicher, waren die Leute nicht anders, als wir es sind. Ihre Götter sind unsere Götter, die falschen. Nur sind unsere Mittel nicht ihre Mittel gewesen.“ (122) Die DDR als ein mythologisch gewandetes Troja.

21.2.84, Cafe Friedrichstraße

Weiter bei Christa Wolf: „Kassandra erfährt bis auf den Grund, was es heißt, zum Objekt fremder Zwecke gemacht zu werden. Zunehmend entzieht sie sich dann dem Dienst an den Ihren, der sozialen Maschinerie, in die sie eingebaut ist … Ihre innere Geschichte: Das Ringen um Autonomie“ (151). Für Wolf ganz wichtig: „Alternativen“ & „Autonomie“. Das Herauslösen aus der realsozialistischen Wirklichkeit und der Glaube, dass es auch „anders“ geht.

Und sie wird deutlicher: „Zu zeigen, wie die historische Kassandra, von der ich ausgehe, und ihre historische Umgebung durch Ritual, Kult, Glauben und Mythos gelenkt werden, während für uns das gesamte Material „mythisch“ ist … Ich sehe sie nüchterner, sogar mit Ironie u. Humor. Durchschaue sie. Dann stürzte ihre Umgebung auf mich ein: ihre Freundinnen, ihre Familie. Ich muss sie ja kennen. Stelle fest: Ich „kenne“ sie, schon lange. Immer mehr Abstraktionen füllen sich mit Fleisch u. Blut, mit Gesichtern, Gesten.“ (152)

Dann der Sprung: „Schlüsselerzählung“ statt „Lehrstück“ (152)

Ich glaube nicht, daß Wolf wirklich interessiert, wie „Kassandra war, bevor andere über sie schrieben“. Das Buch, das ich lese, erzählt etwas anderes: Eine Frau spricht sich aus, die nichts mit dem „dunklen Jahrhundert“ von vor 3.000 Jahren, wohl aber alles mit Christa Wolf Anfang der 80er Jahre zu tun hat.

Gespaltenheit [Schein, Ideal/Wirklichkeit] … Pathos / Alternative … Aineias, Resultat: Beischlaf.

27.2.84

„Kassandra“ ausgelesen. Ein atemberaubendes Buch, emotional packend dazu, das mich sprachlos macht. Mein Inneres vibrierend zwischen Lobeshymnen und Ablehnung. Ein unverschämt gutes Werk ….

21.08.84, im Flugzeug nach Athen

„Kassandra“ (Vorlesung + Erzählung) läßt mir keine Ruhe: Irgendwie okkupiert Wolf durch ihren genialen Wurf die ganze Antike, sie läßt „mir“ keinen Raum. Sie ist gerade „in“ – in beiden deutschen Staaten, sie tritt eine gewissen Nachfolge in den permanenten Mode-Welten an, die von Kritik und kleinbürgerlich-moralistischen Befindlichkeiten getragen werden. Vielleicht ohne es zu wollen, schafft sie mit der „Kassandra“ eine programmatische („Schlüssel“-)Erzählung und wirkt dadurch wie ein Dogma. Besonders in den Vorlesungen wird dieser Allein-Anspruch deutlich: Wenn man ideologisch und patriarchalisch nicht infiziert sei, müsse man ja die Antike so verstehen wie sie: als reale Geschichte doch (vertane) Chance, in einer von Frauen (weiblich) regierten Welt friedlich, harmonisch und naturverbunden zu leben. Das, was mich dabei am meister verblüfft, ist ihr niemals revidierter Anspruch, über jene Kassandra zu schreiben, die jeglicher interpretatorischer Sicht entbehren soll, also über die historische Kassandra, „so, wie sie wirklich war, bevor man über sie schrieb“. Völlig klar jedoch ist, dass sie nur über eine Kassandra von 1981/82 schreiben konnte. In diesem schizophrenen Widerspruch liegt das Konfliktpotential des Buches …. die Beschlagnahme der Antike. Immerhin. Unter der Haut, was die historische Alternative als auch diese psychologisierende Verschiebung betrifft, wird unhistorisches Denken befördert. Walter Benjamin läßt grüßen.

Bei alldem interessiert mich persönlich allein die Frage: Wie kann ich heute über „Delfi“ schreiben? Natürlich ist die Ausgangslage anders als für Einen, der das Land der Griechen mit der Seele suchen und finden muss. Die Hervorhebung jener existenziellen Bezüge stehen für mich an erster Stelle. Jenes immer mehr in die Vergangenheit-Fliehen von Wolf in die Romantik, die Vor-Antike, jenes auf metaphorische Weise Bewältigen von aktuellen Problemen sind für mich nicht relevant. Was aber dann?

22.08.84, Athen, Akropolis

Auch die Ermordung der zwei Kinder durch Medea als Rache gegenüber ihrem Mann ist nur als Verzweiflungsakt einer einst über den Mann herrschenden Frau zu verstehen. Allein aus dieser Macht-Agonie heraus ist die Schlachtung zu verstehen, in ihrer Brutalität viel elementarer, weil selbstzerstörerischer als jene der Männer. Vielleicht ist die Selbstzerstörung der brutalste Widerstand, der existieren mag.

Bei Christa Wolf manipulatorisch-unhistorisches Herangehen. Beispiel Frauen auf Kreta als direkte Nachfahren Kassandras zu sehen  die vor-antike Verwurzelung im eigenen Verständnis als allgemein-gültiges anzuerkennen … Wo bleibt die byzantinische Traditionswurzel, wo die besondere Rolle des Christentums und der orthodoxen Kirche, wo (aber und vor allem) die 400jährige osmanische Herrschaft? Die direkte Beziehung ist so konstruiert und auch als Modellfall nicht anzunehmen. Das eigentliche Problem beginnt allerdings erst dort, wo sie all das nicht als Kunst, sondern als Vorlesung mit wissenschaftlichem Anspruch, der klar ausgesprochen wird, postuliert. Da wird’s spekulativ.

03.05.86, Zug Berlin-Greifwald

zu Christa Wolf

  • auf der einen Seite geht es immer um das eigene Verständnis der Vergangenheit … abhängig von der Gegenwart und von der Persönlichkeit des Schriftstellers (siehe Goethes „falsches Verständnis“ von der Antike)
  • auf der anderen um die historische Situation an sich … ihre Durchdringung durch die Wissenschaft, ihre unterschiedliche Interpretation durch die heutigen oder die vergangenen Wissenschaftler

17.05.86, Berlin

Christa Wolf schafft ebenfalls „bürgerliche Verhältnisse“ bzw. sie gelangt zu einer „bürgerlichen Auffassung“ eines Thomas Mann, imprägniert mit Schopenhauers Pessimismus.

  • gegen Blochs Utopie-Konzeption
  • s.a. Problem der Wiederholung … vgl. zu Ritsos!
  • Schluss bei Wolf … Löwentor bei Ritsos

Ich suche vergeblich auch ein nur annäherndes Bild von Griechenland, von dem, das ich kenne, von den Menschen, die ich kenne, in ihren Vorlesungen: vergeblich. Sie war in einem anderen Griechenland, in einem Griechenland mit Wolfschem Sehraster. So ist nun mal Kunst. Ich sollte nicht von einem Apfelverkäufer Birnen verlangen.

Asteris Kutulas, 1986

Bild-Ausschnitt eines Steindrucks von Angela Hampel für die Bizarre-Städte-Edition „ausdrückliche klage aus der inneren immigration“ (1989)

Mythos Rebetiko

Gedanken zu einer musikalischen Subkultur


„1934 sah ich zum erstenmal in meinem Leben echte Zebekes. Sie stiegen in Smyrna aufs Schiff, mit dem ich nach Konstantinopel reisen wollte. Sie trugen die alten Trachten der Zebekes. Einer von ihnen, ein Fünfunddreißigjähriger, sprach etwas Griechisch, und so konnten wir uns unterhalten. Er berichtete voller Bewunderung von einem seiner Kameraden, der so hervorragend tanzen könnte, daß ihm keiner darin nachkomme. Als die Sonne unterging, verließ das Schiff mit Ziel Konstantinopel den Hafen. Und in diesem Augenblick begann besagter junger Mann tatsächlich auf dem Deck zu tanzen. Er war klein und gedrungen, veränderte sich aber sofort bei den ersten Schritten. Er war nicht mehr derselbe. Seine fast wilde Männlichkeit wurde seltsamerweise von etwas wie Demut und Dankbarkeit unterstrichen, einer Dankbarkeit, von der man nicht wußte, wem sie galt. Mir schien es, als danke er voll Ergebenheit einem Gott für das Wunder, das das Leben ist. Der Tanz wurde von einem Tumbeleki begleitet, einer türkischen Trommel, die den magischen 9/8-Takt vorgab. Ich spürte Erotik und Männlichkeit und gleichzeitig den entfernten Hauch des Todes.“

Der Maler Jannis Zaruchis, von dem diese Zeilen stammen, hat in Hunderten von Skizzen und Bildern verschiedene Motive von Zebekiko-Tänzern festgehalten. Für viele griechische Maler, Komponisten und Dichter ging seit den dreißiger Jahren von diesem Tanz und von dieser Musik eine seltsame Faszination aus. Möglich, daß sie im Neid auf solch elementare Wirkung von Kunst wurzelte, möglich auch, daß sie das Erstaunen über diese spontane, noch mitten im 20. Jahrhundert existente Identifikation mit einer Kunstform ausdrückte. Zaruchis verdeutlicht zumindest eine Ursache dieser Faszination: Der Zebekiko-Tanz gilt ihm als Sinnbild, ja als Hervorkehrung des ewigen Kampfes des Menschen gegen den Tod, also gegen sich selbst. Der Tänzer verwandelt sich, ist nicht mehr der, der er vorher war und der er danach wieder sein wird. 
Die Zebekes, über die Zaruchis schrieb, gaben dem Tanz den Namen. So bezeichneten sich die Krieger eines Stamms, der in Kleinasien und Thrakien ansässig war, jedoch nicht die muslimische Religion angenommen hatte. Der Zebekiko, der Kriegstanz dieses Stamms, wurde später, von der griechischen Rebetiko-Kultur assimiliert, zum wichtigsten Tanz der rebetischen Musik. Das rhythmische Kennzeichen des Zebekiko ist der unregelmäßige 9/8-Takt, der durch den überhängenden Schlag Unruhe und Schwermut erzeugt – typisch für die Atmosphäre des Rebetiko. Eines der klassischen Rebetika, das auch textlich zu den interessantesten gehört, ist das Lied „Mondlose Nacht“ des Komponisten Apostolos Kaldaras aus dem Jahre 1947. Der, wie so oft, mehr allegorische Inhalt setzt sich mit der Situation während des griechischen Bürgerkriegs auseinander. Dieser Zebekiko wurde so bekannt, daß er von der griechischen Militärregierung 1947 verboten wurde. 

Es ist mondlose Nacht und die Dunkelheit tief; 
und doch kann der junge Mann nicht schlafen. 
Was wartet er die ganze Nacht, bis der Tag anbricht, 
am schmalen Fenster, durch das Licht in die Zelle fällt? 
Die Tür geht auf, die Tür geht zu, doch doppelt ist das Schloß; 
was hat der Junge nur getan, daß sie ihn ins Gefängnis sperrten? 
Die Tür geht auf, die Tür geht zu, mit lautem Stöhnen; 
ich wollt, ich könnt erfahren, was sein Herz ersehnt.

II 
Die Ursprünge rebetischer Musik, zu der auch der Zebekiko gehört, verlieren sich im 19. Jahrhundert, in der Zeit nach der Befreiung Griechenlands von türkischer Herrschaft um 1830 und der Konstituierung eines griechischen Nationalstaats. Der erste von den Schutzmächten England, Frankreich und Russland eingesetzte griechische König – Otto I. von Bayern – sorgte dafür, daß sich weder eine selbstbewußte nationale Bourgeoisie entwickeln konnte, noch daß die wichtigsten nationalen Probleme gelöst wurden. Der neue griechische Staat entstand als Mißgeburt mit großen Identitätsproblemen. Die ehemaligen Angehörigen der griechischen Befreiungsarmee, die vorher meist leibeigene Bauern der griechischen und türkischen Großgrundbesitzer waren, hatten die osmanischen Okkupanten nach jahrelangem Kampf zwar besiegt, wurden dafür aber weder mit demokratischen Rechten, noch mit der geforderten bürgerlichen Bodenreform belohnt. Viele von ihnen, genauso wie ehemalige Generäle (wie Makrijannis und Kolokotronis), wurden, weil sie gegen die neuen Machtverhältnisse protestierten, zu langen Freiheitsstrafen verurteilt, die sie zumeist in den eigens dafür erbauten Gefängnissen der damaligen Haupstadt Nafplion verbüßen mußten. Hier entstanden viele Lieder, die später eine wichtige Quelle für die Rebetika waren. Die Gefangenen begleiteten ihren Gesang mit einem selbstgebauten Instrument, dem Baglamas, einer kleineren Version des Buzukis, das besser unter dem Mantel zu verstecken war und sich sehr leicht anfertigen ließ. 
Markos Vamvakaris, ein klassischer Vertreter des Rebetiko, schrieb 1936 den Zebekiko „Die Gefängnisse hallen wider“ – eine Adaption des Mitte des 19. Jahrhunderts in Nafplion entstandenen Liedes „Es hallt in zwei Gefängnissen wider“ – und stellte sich damit thematisch wie musikalisch bewußt in die Tradition der alten Gefangenenlieder: 

Die Gefängnisse von Nafplion hallen wider. 
Die Glockenschläge hallen auch. 
Bist du eine Mutter und fühlst Schmerz, 
komm eines Tags und besuch mich. 
Komm, bevor sie mich verurteilen, 
weine, daß sie mich freisprechen mögen. 

Zwar wurde der bayerische König 1862 abgesetzt, doch zu einer eigenständigen ökonomischen Politik, die auch zu einer Industrialisierung hätte führen können, kam es nicht. Trotzdem spielte sich das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben, bedingt durch Handel und Seefahrt, zunehmend in der Stadt ab. Große Häfen entstanden, in denen ein reger – auch kultureller – Austausch stattfand. Vor allem mit der griechischen Küste Kleinasiens, die sich natürlich jahrhundertelang die orientalische Kultur einverleibt hatte. Die Rebetiko-Musik entwickelte sich als neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeit einer gerade im Entstehen begriffenen Bevölkerungsschicht, die nicht mehr einer bestimmten und intakten Dorfgemeinschaft angehörte, sondern sich vielmehr aus Entwurzelten zusammensetzte, deren neue Heimat die schnell wachsenden Städte waren. Ihre kulturellen Bedürfnisse wurden in einer Übergangsphase vorwiegend durch orientalische bzw. orientalisierende Musik befriedigt, angefangen beim Tsifteteli, dem Bauchtanz, bis hin zum Zebekiko. Die Assimilation dieser ganzen Kultur durch griechische Sänger und Instrumentalisten erfolgte langsam, konnte aber durch nichts aufgehalten werden, da die neue Musik die Sehnsüchte und Ängste der Matrosen, Händler, Handwerker und vieler verarmter Bauern, die in der Stadt nach Arbeit suchten, am besten auszudrücken vermochte. Etliche von ihnen entschlossen sich, den Ozean zu überqueren und in Amerika ihr Glück zu versuchen. Diese Gastarbeiter machten Aufnahmen von Rebetiko-Liedern und produzierten die ersten Schallplatten mit Rebetiko-Musik. Die Ferne zur Heimat und Schwierigkeiten mit der neuen Umgebung führten zur intensiven Suche nach der eigenen Identität und damit zu einer kulturellen Blüte in Übersee. Ein historisches Dokument ist das Rebetiko-Lied „Schätzchen“, das um 1910 in den USA entstand:

Mein Schätzchen, der Kopf tut mir weh. 
Mein Schätzchen, wo sonst findest du so einen wie mich? 
Was schaust du mich so an, denkst du, ich hab Angst vor dir? 
Ich hab meinen Mantel verloren, ich hab nicht aufgepaßt.

III 
Dieser bruchstückhafte, banale Inhalt ist für die Anfangsphase des Rebetiko charakteristisch und blieb es, abgesehen von einigen Ausnahmen, bis zu seiner Endphase. Ganz anders als die episch angelegte demotische Dichtung der dörflichen Volkslieder, entwickelte sich die rebetische Musik als textliche und musikalische Improvisationskunst. Bei ihr kam es darauf an, eine momentane Befindlichkeit musikalisch und textlich festzuhalten, wobei melodische Phrasen und eine feste Rhythmik als Grundgerüst natürlich existierten. 
Das Anfang des Jahrhunderts in den kleinasiatischen griechischen Hafenstädten gegründete Cafe-Aman war der Ort, an dem Musiker und zumeist eine Sängerin und eine Tänzerin solche auf festen Metren basierende Improvisationen, oft war es der Bauchtanz, darboten. Diese Musizierweise hatte einen gewissen Einfluß auf die Rebetiko-Musiker, die zunächst – in enger Anlehnung an die orientalische Tradition – ihre Lieder weder in Moll noch in Dur komponierten, sondern türkische Skalen benutzten. Später gelangten sie zu einer Annäherung und Verschmelzung mit den westlichen Dur-Moll-Tonleitern – das eigentlich Interessante an dieser Musik. 
Im Cafe-Aman sang die Sängerin, wenn ihr kein Text mehr einfiel, das Wort „Aman“, das sie solange wiederholte, wie sie brauchte, um sich eine neue Strophe auszudenken. In der späteren Phase des Rebetiko wurde dieser Ausruf, der so viel wie „o weh“ heißt, als feste Floskel in vielen Liedern benutzt. 
Die allmähliche Verschmelzung orientalischer und griechischer, auch demotischer Tradition zur neugriechischen Musikkultur des Rebetiko führte zu einem neuen Klang-Ergebnis, das eine gänzlich neue Tradition begründete und all seine Quellen absorbierte. Das führte dazu, daß die griechischen Rebeten Lieder im orientalischen bzw. anatolischen Stil komponierten und sie als solche auswiesen. Dabei benutzten und verarbeiteten sie das orientalische musikalische Material nach eigenen Kriterien, was sich auf die Instrumentierung als auch auf Melodik und Rhythmik auswirkte. 
Das Moment der Improvisation in der rebetischen Musik, das auch in ihrer Blütezeit als Buzuki-Improvisation (Taximi) die Virtuosität des Solisten zu Beginn des jeweiligen Liedes unter Beweis stellte, gab Anlaß zum Vergleich von Rebetiko und Jazz-Musik. Neben musikalischen Aspekten war es vor allem das soziale Umfeld, in dem diese Musik entstand, das zu diesem Vergleich anregte. 

IV 
Nach den Balkankriegen und dem 1. Weltkrieg versuchten das griechische Königshaus und die griechische Oligarchie 1922 in einem Krieg gegen die Türkei, ihre Vorstellungen von einem Groß-Griechenland mit der Hauptstadt Konstantinopel militärisch durchzusetzen. Doch Konstantinopel blieb Istanbul, und die verheerende Niederlage der griechischen Armee gegen die Truppen des Kemal Atatürk 1923 ging als Kleinasiatische Katastrophe in die Geschichte ein. Der folgende Friedensvertrag von Lausanne sah einen Bevölkerungsaustausch vor, in dessen Folge 1,5 Millionen Griechen aus Kleinasien nach Griechenland strömten. Die meisten von ihnen gründeten um Athen neue Siedlungen, die ähnlich den Slums der amerikanischen Großstädte einen Gürtel um das Stadtzentrum bildeten. Die kleinasiatischen Emigranten kamen nicht nur mit ihrer Kultur nach Griechenland, sondern auch mit ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung über die verlorene Heimat. Viele der Entwurzelten – und das kennzeichnet eine ähnliche Situation wie die der ehemals auf Veranlassung des Königs gefangenen Soldaten der Befreiungsarmee 1830, nur betraf es diesmal eine viel größere Schicht der Bevölkerung – griffen nach dem in ihrer ehemaligen Heimat gebräuchlichen Haschisch, um ihre Lage wenigstens für einige Stunden vergessen zu können. Dieses sich mit den Emigranten rasch verbreitende Ritual wurde meist in unterirdischen Tavernen, den Tekedes, vollzogen, die nur Eingeweihten bekannt waren. 
Einer der Raucher hatte ein Buzuki mit, und sobald es ihn, wie es im Jargon hieß, „überkam“, fing er mit einer Improvisation an. War einer der Zuhörer in Stimmung, stand er auf und gab sich einem wiegenden, ja meditativen Tanz hin, was den bislang auf dem Buzuki Improvisierenden veranlassen konnte, ein Lied zu singen, wie etwa Michalis Jenitsaris 1937 seinen klassischen Zebekiko „Ich sah aus wie ein Filou“, in dem die Befindlichkeit des Sängers durch Slang und Interpretationsweise besonders deutlich wird: diese Ihr-könnt-mich-mal-Haltung, gepaart mit einer hintergründigen Verletzlichkeit. 


„Es war bewundernswert, wie der Tanzende seine Lider mit einer süßen Unterwürfigkeit senkte, was ganz im Gegensatz zu der Kraft seines Körpers stand, denn zur gleichen Zeit trat er mit den Füßen, mit denen er die Erde traktierte, auf etwas Unsichtbares ein, das sich am Boden bewegte. Man hatte den Eindruck, daß, während er dem im Denkmal verewigten Krieger glich, der den Drachen bekämpft, er sich zugleich mit ihm vereinte – nicht aber durch sein unsichtbares Schwert, sondern mit seinem unsichtbaren Glied.“ Der Vergleich mit dem Erzengel Gabriel stammt ebenfalls von dem schon zu Beginn zitierten Maler Jannis Zaruchis. Die Verklärung des Rebetiko hat bei ihm rein künstlerische Gründe: Das erotische Moment, die übersteigerte und gleichzeitig rührselige, vom Schicksal gezeichnete Männlichkeit, war tatsächlich für die Rebetiko-Kultur sehr typisch. Der egoistische, sein Gefühlsleben kultivierende Mann. Doch der Aussteiger offenbart sich nicht nur im Tanz oder beim Singen und Spielen; er mißachtet auch die gesellschaftlichen Normen. Mit Blick auf den Entstehungsprozeß des Rebetiko Mitte der zwanziger Jahre ist er nicht von der Subkultur und der Unterwelt getrennt zu sehen. Totschlag, Raub und andere Delikte waren in der Szene alltäglich, wovon auch viele Lieder berichten. Aber das betraf, sogar in ihrer Anfangsphase, nicht die ganze Rebetiko-Kultur als solche, sondern lediglich eine kleine Schicht der damals ohnehin nur in wenigen Städten bekannten Rebeten. Erstaunlich ist jedoch, daß zu einer Zeit, da in Deutschland Hermann Hesse seinen Steppenwolf von den Alternativen Narkotikum, Musik und meditativer Kult probieren ließ, zu einer Zeit, da in Frankreich eine Gruppe von Künstlern die surreale Revolution über den Umweg des Rausches und Schocks auszulösen suchte, daß also zur selben Zeit in Griechenland eine Gruppe von ungebildeten Leuten ihren blinden Protest gegen die Gesellschaft durch anderes Verhalten, Kleiden, Sprechen und besonders durch die Flucht in den Rausch der Droge und der Musik dokumentierte. Eines der berühmtesten Zebekika von Vasilis Tsitsanis aus dem Jahre 1942 besingt diesen Drang zur Flucht und das gleichzeitige Bewußtsein über die Vergeblichkeit dieses Versuchs. Denn für Tsitsanis, der zusammen mit Vamvakaris die Rebetiko-Musik auf eine neue qualitative Ebene erhob, spielte Drogenkonsum als Lebensinhalt keine Rolle mehr. 

Herr Polizist, schlag mich nicht, ich Armer kann nichts dafür. 
Spiel, Christo, dein Buzuki,/ schlag den Takt; 
sobald mein Hirn benebelt ist,/ beginn den Zebekiko. 
Ich will tanzen in meinem Rausch,/ schön und voller Demut, 
mein Herz ist so schwarz/ vom vielen Leid. 
Spiel, Christo, noch ein Lied;/ schwarze Gedanken hab ich; 
eines Tags werd ich in der Gosse landen,/ wo man mich dann findet.

VI 
Ab 1890 stellten staatliche Gesetze den Drogenkonsum unter Strafe, doch wurden diese kaum befolgt. Darum verhägten die Gesetzgeber 1923 wesentlich härtere Strafen. 
Aus der Haschisch-Szene kam auch der bedeutendste Vertreter des Rebetiko, der von der Insel Siros stammende Markos Vamvakaris, der seit Mitte der dreißiger Jahre durch seine rauhe Stimme, seine Kompositionsweise, die Orientalisches mit Griechischem und Europäischem verschmolz, und seine Texte, die den Alltag des einfachen Menschen besangen, zum Begründer des klassischen Rebetiko-Stils wurde. Vamvakaris lebte von 1905 bis 1971. Er begann seine Laufbahn in Athener Haschischkneipen, den Tekedes, die 1936 mit Errichtung der faschistischen Metaxas-Diktatur, schließen mußten. Seine legendären Konzerte gab er von 1936 bis Kriegsbeginn 1940 in einem Athener Vergnügungslokal. In einem seiner berŸhmten Lieder singt er:

Die Kränze deiner Wimpern lassen deine Augen strahlen 
wie Blumen auf den Wiesen.

Deine Lider schlägst du nieder, 
das raubt mir die Vernunft und jeden klaren Gedanken. 

Der zweite bedeutende Komponist, der ab 1945 in der Nachfolge von Vamvakaris seinen eigenen Stil herausbildete, war Vasilis Tsitsanis. Von ihm stammt das wohl bekannteste Lied des Rebetiko „Bewölkter Sonntag“. Es hat musikalisch wie inhaltlich eine neue Qualität, die sich zum einen als unbewußte Verarbeitung der gesamten griechischen Musiktradition – konkret eines byzantinischen Hymnus aus der Ostermesse sowie demotischer Motive – und zum andern in der textlichen Auseinandersetzung mit der faschistischen Okkupation Griechenlands im 2. Weltkrieg äußerte.

Bewölkter Sonntag, du bist so wie mein Herz, 
das immerzu bewölkt ist – o Christus und Mutter Gottes. 
Du bist wie der Tag, an dem ich all meine Freude verlor; 
bewölkter Sonntag, du verwundest mein Herz. 
Bist du so verregnet, find ich keine Ruhe; 
du machst mein Leben schwarz, daß ich immer stöhnen muß.

VII 
Mitte der fünfziger Jahre war der Höhepunkt der Rebetiko-Musik überschritten, die dann massiv Einzug in die Vergnügungszentren verschiedener Coleur hielt und besonders von den Massenmedien vermarktet wurde. Es folgte die totale Kommerzialisierung dieser Musik, die durch ständige Nachahmung verflachte und ihre einst kathartische Wirkung, die den Maler Zaruchis so fasziniert hatte, einbüßte. Zum Modeprodukt verkommen, konnte sich das Rebetiko nur durch das Wirken weniger herausragender Persönlichkeiten wie Vamvakaris, Papaioannou, Tsitsanis und einiger anderer weiterhin als authentischer Ausdruck eines Lebensgefühls behaupten. 
Die gesellschaftliche und musikästhetische Anerkennung erfuhr die Rebetiko-Musik allerdings erst durch Manos Hadjidakis und Mikis Theodorakis, die ihre Kompositionen seit Ende der vierziger Jahre immer mehr auf die nationale Tradition und besonders auf das Rebetiko stützten. Doch das wäre schon ein nächstes Kapitel. 

Postskriptum 
Wenn man akzeptieren kann, dass das Lied der Schlüssel zur Seele ist, erscheint der Gedanke nicht so abwegig, dass das Rebetiko den musikalischen Beweis für das ewige Streben des Liedes darstellt, über die Seele schließlich ins Denken des Menschen zu gelangen. Der Ausdruck des Willens nach Selbstlosigkeit, die Sehnsucht nach einer Liebe, die sich nach ungezählten melancholischen Augenaufschlägen erfüllt. Die nach Gegenliebe nicht fragen muss. Was fällt uns ein, wenn wir „Kellerlokal“ hören? Dass sich im Vollrausch der grundlegende Charakter eines Menschen offenbart. Nicht ganz sauber. Nicht ganz astrein. Aber sie alle brauchen Stoff Stoff Stoff. Ein Rebetiko ist ein One-Night-Stand. Es könnte dabei hässlich werden. 

© Asteris Kutulas

Das Phänomen „Rebetiko“ ist für jeden griechischen Intellektuellen ein Thema … Meine Auseinandersetzung mit der griechischen Variante des „Blues“ habe ich in meinem hier oben (in einer gekürzten Fassung) veröffentlichten Essay „Über Rebetika“ festgehalten, der zuerst abgedruckt wurde im Buch: Partitur der Träume. Über Musik und Klänge, konkursbuch Verlag, Tübingen 1990. A.K. 

*** *** ***

Der Bouzouki-Virtuose Lakis Karnezis (links), der zusammen mit Kostas Papadopoulos den Zorbas-Soundtrack von Mikis Theodorakis 1963 eingespielt hatte, mit dem Komponisten und Produzenten Alexandros Karozas, Athen 1995 (Photo © by Asteris Kutulas)

[Mikis Theodorakis hat mir gestattet, seinen kleinen Text von 1984 über das Rebetiko hier abzudrucken, wofür ich ihm sehr danke:]

Mikis Theodorakis: Anmerkungen zum Rebetiko

Das rebetische Lied spielte eine ganz entscheidende Rolle bei der Entwicklung der griechischen Volksmusik. Im Gegensatz zum demotischen Lied, zur Kantate und auch zur bis dahin überlieferten Unterhaltungsmusik suchte das Rebetiko die Befindlichkeit des Volks, des „einfachen Mannes von der Straße“ auszudrücken, die Befindlichkeit von Menschen also, die in der jüngsten griechischen Geschichte der Denkweise eines neuen gesellschaftlichen Systems, dem des Kapitalismus, zu folgen begannen. Dieses System entwickelte sich zunächst in den Hinterhöfen, im Umfeld von Werkstätten und Fabriken, wobei sich zugleich eine neue gesellschaftliche Klasse, das Proletariat, herausbildete. Eine Randgruppe dieser neuen Klasse war das sogenannte Lumpenproletariat, das wegen der mannigfachen Unterdrückungsmechanismen, unter denen es zu leiden hatte, alsbald in Narkotika und damit in der Flucht aus der Wirklichkeit eine Lösung seiner Probleme suchte. Träume aber währen nicht länger als die Wirkung einer Droge, ein Lied, ein Tanz.

Die Musik Anatoliens bot ihrem Wesen nach die damals beste Entsprechung einer von Verzweiflung und Verbitterung beherrschten Stimmung. Mit Buzuki und Baglamas verfügte man über die geeigneten Instrumente, den seelischen Schmerz klanglich zu entäußern; im Chasapiko und vor allem im Zebekiko, dem Tanz der Einsamkeit, fand man den perfekten Ausdruck der Psychologie des Fatalismus. Die Entstehungsorte dieser Musik hatten wir sozusagen vor der Haustür: In Thessaloniki, Anatolien, in Ostmakedonien, Konstantinopel und Smirni lebten Griechen und Türken, existierten das türkische und das griechische Element gleichberechtigt nebeneinander. Wir können davon ausgehen, dass unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und nach der Kleinasiatischen Katastrophe alle, die im türkisch geprägten Umfeld lebten, vom Zauber der türkischen Musik angetan, ja davon ergriffen waren. Sicher ist, dass man türkische Lieder hörte, sang, zu ihnen tanzte. Später, in den fünfziger Jahren zeigte sich, dass das türkische Element in der Musik nach wie vor sehr viele ansprach. Und schließlich dominierte irgendwann jene Musik, bei der griechische Instrumentaltechnik und griechische Texte mit türkischen Melodien kombiniert wurden, man alles miteinander verschmolz. Bald schrieben die Instrumentalisten unter dem Einfluss des Türkischen auch erste eigene Lieder, um das, was sie unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen selbst erlebt hatten, künstlerisch zum Ausdruck zu bringen. Was sich darin aussprach, waren die Erfahrungen eben jener oben genannten Randgruppe, des Lumpenproletariats. 
Wie gelang es aber den griechischen Musikern dieser Zeit, anatolische Einflüsse zu verarbeiten und daraus griechische Lieder zu machen? In welchem Maße wurden diese Lieder in den Jahren ihrer Blütezeit (1925-1945) vom griechischen Volk aufgenommen? Wie verhielten sich die Autoren – als Künstler und als Menschen – in der Phase der Okkupation und des nationalen Widerstands? Wenn man diesen Fragen nachgeht, sieht man, dass die Teilnahme am nationalen Widerstand sich deutlich im täglichen Kampf des Volkes um Überleben und Freiheit zeigte und dass sie nicht so sehr eine historische Tat als vielmehr eine moralische und gefühlsmäßige Entscheidung war. 
Wie man weiß, gab es in dieser Phase eine Tendenz der starken Betonung des Griechentums. Vermutlich aber mangelte es damals an ausgeprägten Musikerpersönlichkeiten und an profunder musikalischer und Allgemeinbildung, so dass das Besondere jener Zeit, nämlich das Rebetiko, nicht zum Allgemeingut, dem Volkstümlich-Nationalen, werden konnte. 
Erst mussten Vamvakaris und später Tsitsanis kommen, damit sich das als Rebetiko und dann als neues Volksliedgut etablierte, was zunächst Inspiration durch das neue musikalische Genre bedeutet und was sich dann verbunden hatte mit demotischen, byzantinischen und anderen Elementen, die gleichermaßen musikalischer als auch allgemein gesellschaftlicher Natur waren. Die Schaffung der neuartigen laizistischen Musik liegt also unzweifelhaft im Rebetiko begründet. Und ohne das laizistische Lied wäre andererseits das Rebetiko in der neugriechischen Kunstgeschichte ein Fundament geblieben, auf dem letztendlich doch kein Haus hätte gebaut werden können. 
Genauso lässt sich sagen, dass die neuere volkstümliche Kunstmusik wiederum eine Weiterführung des laizistischen Liedes ist und dieses schließlich als festen Bestandteil in der Geschichte der griechischen Musikentwicklung verankert hat. Dabei wurden allerdings zwei qualitative Sprünge vollzogen: zum einen der der Verbindung der Poesie mit der Volksmusik und zum anderen der der Akzeptanz des Volkslieds als Ausdrucksmittel einer sozialen Bewegung. 
Das ist der Entwicklungsweg, die Entstehungspyramide des griechischen Lieds. Anfang der achtziger Jahre habe ich zum erstenmal anatolische Skalen verwendet. Der Unterschied zwischen mir und den Musikern der zwanziger und dreißiger Jahre besteht darin, dass ich östliches und westliches musikalisches Material zwar ebenfalls nutzte, es aber weiter bearbeitete und dass das Ergebnis schließlich weder östlich noch westlich geprägt, sondern einfach nur griechisch ist. Nicht das Material an sich, sondern die Art und Weise seiner Verwendung ist entscheidend.

Athen, 1984 
© Neu übersetzt ins Deutsche von Asteris & Ina Kutulas, 2008

*** *** ***

Zwei weitere Fragen an Mikis Theodorakis zum Rebetiko

Asteris Kutulas: Ist es richtig, dass es eine klare Traditionslinie von den „Tropen“ der antiken Musik bis zum Rebetiko gibt?

Mikis Theodorakis: Im antiken Griechenland gab es Tropen, sie werden in byzantinischer Zeit übernommen und Echoi genannt, und in der laizistischen Musik erscheinen sie als „Straßen“ (oder Läufe; A.K.). Diese tragen türkische Namen, zum Beispiel Sabah, Kiurdi, Niaved. Hier kann man gut die Beobachtung machen, wie die Türken und Araber die byzantinische Musik aufnahmen, verinnerlichten, ihr türkische Bezeichnungen gaben, bis wir griechische Komponisten die byzantinische Tradition über die türkischen „Straßen“ erneut rezipierten. Die „Straßen“ der laizistischen Musik – zwischen ihr und der Rebetiko-Musik besteht ein großer Unterschied – haben ihren Ursprung in der byzantinischen Musik und besitzen einen vollkommen eigenständigen harmonischen Kosmos.

Kutulas: Und in welcher Beziehung zur byzantinischen steht die demotische Musik?

Theodorakis: Die antike, byzantinsche, demotische und laizistische Musik beruhen auf den gleichen Tonarten. So entspricht die erste dorische Leiter dem ersten plagalen Echo usw. Wir haben es mit einer viermaligen Metamorphose zu tun. Dabei spielte die Türkei eine Mittlerrolle Die byzantinischen Echoi existierten als Tropen in der westlichen Musik – die Modi der modalen Musik. Die große Revolution in Europa, die durch Bach besiegelt wurde, war der Übergang vom modalen zum tonalen System. In Griechenland hingegen markiert erst das laizistische Lied diesen Übergang vom Modalen zum Tonalen. Vamvakaris und Tsitsanis stützten sich in ihren Liedern auf das modale wie auf das tonale System. Wir, die Griechen von heute, hatten in der Nachfolge von Vamvakaris ein tiefes Bedürfnis nach tonaler Musik. Darum ist auch mein Volksliedschaffen ausgesprochen tonal. In Zentraleuropa verlief diese Entwicklung ähnlich, wobei die Europäer immer noch fast ausschließlich tonale Musik hören. Das war über einen längeren Zeitraum notwendig, um die Phase der Atonalität zu erreichen. Das sind akustische Notwendigkeiten. 
Meine Musik ist sehr stark von modalen Elementen beeinflußt worden, wobei ich das Modale ganz spontan der demotischen Musik entnahm, ohne das Modale der türkischen „Straßen“ zu kennen. Das verwendete ich erst in meinen zuletzt komponierten Liedern, zum Beispiel im Zyklus „Kariotakis“, nachdem ich es wissenschaftlich analysierte. Der Unterschied nämlich ist gewaltig. Die neuen harmonischen Horizonte, die durch die „Straßen “ der laizistischen Musik eröffnet werden, sind sehr groß. Eine Ursache für die erneute Hinwendung zum Rebetiko in Griechenland liegt sicher auch im Zauber des Modalen begründet, den die „Straßen“ in sich bergen.

© Übersetzt von Asteris & Ina Kutulas & Peter Zacher

© Asteris Kutulas (Aus einem Interview mit Mikis Theodorakis, 1983)

Bizarre Städte im Fadenkreuz 1987-89

Ein unmelancholischer Rückblick 20 Jahre später (2009)

Das Projekt Bizarre Städte entsprang einem elementaren Freiheitsbedürfnis: sich nämlich nicht von vergreisten, kleinbürgerlichen und ungebildeten Herren vorschreiben zu lassen, was man zu denken, zu lesen, abzubilden und wie man zu leben hat. Die BS waren keine Publikation von oder für Dissidenten, ja, ich würde sagen, nicht mal von Oppositionellen im landläufigen Verständnis, sondern eher Ausdruck eines anarchischen Lebensgefühls gegenüber der uns damals umgebenden kulturellen Wirklichkeit und deren opportunistischer und größtenteils dümmlicher Repräsentanten, die da alle Ebenen des öffentlichen Lebens der DDR abweideten und in einigen Fällen ihre Machtgelüste und/oder ihren Kleingartenfrieden auslebten: Verlagsmenschen, Zeitschriftenredakteure, Kulturfunktionäre, Schallplatten- und Rundfunkproduzenten, Fernsehreporter, Festival- und Konzertveranstalter, Abteilungsleiter, Sekretäre, Jugendklubbetreiber etc. etc.(*) Die meisten von ihnen übten sich in Selbstzensur, zwangen ihre Befindlichkeiten anderen auf, und die Gespräche, Argumentationen und Diskussionen, die da liefen, waren oft dermaßen absurd und abwegig, dass man den Eindruck hatte, da sprachen keine erwachsenen Menschen … (**) Was im Namen des für alle Zeiten staatlich verordneten „wissenschaftlichen Kommunismus“ und der „historisch-materialistischen Dialektik“ dahergesagt, besprochen und vor allem ernst genommen wurde, war der Stoff unserer Albträume und provozierte bei uns eine enorm kreative Frustration. Vor allem die Schutz-Behauptung der dafür verantwortlichen Kulturfunktionäre, es gäbe gar keine guten nicht-veröffentlichten Texte in der DDR, ignorierte eine ganze Generation von Autoren, die seit Ende der siebziger Jahre Publikationsverbot hatten und – eine Gesetzeslücke ausnutzend – in Lyrik-Grafikeditionen, später in selbstverlegten Zeitschriften bis zu 99 Exemplaren ihre Werke publizierten. Das taten auch wir mit den BS, und es war ungemein erfrischend, den Grafiker Horst Hussel während der Arbeit an einem unserer Hefte hin und wieder sagen zu hören: „Frechheit siegt“ oder mich mit Volker Brauns Frage konfrontiert zu sehen: „Warum unterschreibst du dein Vorwort zu den BS eigentlich mit Asteris Kutulas? Unterschreib einfach mit: Ein Neger“.

Die BS hatten also nichts mit „Konterrevolution“ oder mit „Untergrund“ zu tun. Das, was wir betrieben, war eher die Durchsetzung der alten Kantschen Lebensmaxime, „sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass man es zu tun hatte mit einem total pervertierten Sozialismus – denn das wollten wir schon glauben: dass das absolute Postulat der Freiheit im „idealen Kommunismus“ eines Karl Marx nicht nur ein Feigenblatt, sondern dessen Voraussetzung und Ziel war. In dem Koordinatensystem, in dem wir uns damals befanden, schwankten wir also zwischen unserem jugendlichen Hoffen auf eine gerechtere, freiheitlichere Gesellschaft und auf den „Welt-Frieden“ einerseits und dem Er-Leben einer tagtäglich selbstherrlich agierenden und entmündigenden Realität andererseits.

Nicht nur die Staatsgewalt in Gestalt zweier Herren der Staatssicherheit – was wir allerdings erwartet hatten – kam auf mich zu, sondern auch Sascha Anderson, der Papst, Mentor und Mäzen der untergründlerischen Prenzlauer-Berg-Szene, der mich aufforderte, meinen „Bizarre-Städte“-Unsinn doch zu lassen. Der direkte Angriff „im Namen der Szene“ kam aber Ende 1988 von Klaus Michael (damals noch „Michael Thulin“), der in einem sehr fragwürdigen Pamphlet die apolitische „Reinheit“ der Szene gegen die „politisierenden“ BS zu verteidigen versuchte. Das war ganz im Sinne von Anderson, der später als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wurde, sich zu DDR-Zeiten aber immer mehr zu einem unumstrittenen Herrscher des „Untergrunds“ stilisiert hatte.

Ich fand die „Szene“, zu der ich nicht gehörte und nicht gehören wollte, gut, weil es sie gab, weil sie – neben anderen – ein Hort des selbstbestimmten Denkens und Tuns für einige Künstler, Querköpfe und Hochstapler in der DDR war. Ihr Problem – und möglicherweise ihr Daseinsgrund – bestand darin, dass sie von den verkappten Stasileuten Anderson & Rainer Schedlinski in gewisser Weise kontrolliert und von ambitionierten Schreiberlingen beherrscht wurde, die weder die Courage eines Lutz Rathenow oder die literarische Qualität z.B. von Kathrin Schmidt, Gregor Kunz, Kerstin Hensel besaßen, noch die satirische Kraft eines Steffen Mensching oder Hans-Eckart Wenzel – die allesamt vom Gros der „Szene“ niedergemacht bzw. bespöttelt wurden. Glücklicherweise gab es da die – in meiner Wahrnehmung – isoliert dastehenden Leuchttürme Bert Papenfuß-Gorek, Detlef Opitz, Stefan Döring und ihre Texte, die allerdings die „Szene“ nicht gebraucht hätten, sondern auch aus sich heraus hätten schöpfen können, wie es Reinhard Jirgl, Jan Faktor, Frank Lanzendörfer, Johannes Jansen, Eberhard Häfner u.a. getan hatten, die sich dem arrogant-schwimmeligen Szene-Dunstkreis sukzessive entzogen, oder andere wie Uwe Kolbe oder Durs Grünbein, die gar nicht erst in diesen hineingerieten.

Ich schreibe all das, weil sich die BS seltsamerweise nicht nur im Fadenkreuz staatlicher Ermittlungen, sondern auch im Fadenkreuz der „Szene-Regierung“ befanden, denn Anderson & Schedlinski agierten wie deren Premier- und Propaganda-Minister – dabei nicht nur die politischen, sondern auch und vor allem die geschäftlichen und bilateralen Beziehungen zum Westen regelnd. Diese beiden mal farbschillernderen, mal blasseren Oberhäupter hatten die geistige und teilweise auch faktische Regentschaft über das Erscheinen einiger „Untergrund“-Publikationen in Prenzlauer Berg und anderswo inne und wähnten sich kompetent genug, festlegen zu dürfen, wer in dieser Szene salonfähig war und wer nicht, waren also ebenfalls kleinbürgerlich, wenn auch mit abgetretenen Kelimteppichen und Ledersesseln, khakifarben von Alterspatina, in den Arbeitsräumen und/oder bekleidet mit einer ewigen beuys-kreuz- und -flecken-dekorierten Weste.

Trotz dieser doppelten „Restriktion“, die unsere Arbeit ständig begleitete, will ich nicht behaupten, dass die BS in gesellschaftlicher oder kultureller Hinsicht „wichtig“ waren, aber sie veränderten immerhin in konstruktiver Weise die persönlichen Produktions- und Dialog-Bedingungen einiger Leute, die sich mit Kunst und Literatur beschäftigten, und wurden damit zu einem selbstbewussten Ausdruck unserer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ in diesem seltsamen Niemands-Land DDR. Immerhin veröffentlichten wir einige Texte, die sonst keine Chance auf Publikation hatten, wie z.B. Annett Gröschners „Maria im Schnee“, Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee IV“, Matthias „Baader“ Holsts Gedichte oder Frank Lanzendörfers Foto-Text-Collage „Garuna, ich bin“, um nur einige zu nennen. Wir haben aber auch mit unseren Schwerpunkt-Heften Maßstäbe gesetzt und – im Rückblick betrachtet – einige bis dahin anderswo nicht behandelte Themen aufgearbeitet, wie z.B. über das Wirken der Malergruppe „Lücke“ um A.R.Penck und Wolfgang Opitz Anfang der siebziger Jahre oder über die Umweltzerstörung in der DDR, u.a. in dem programmatischen Text von Jurij Koch „Die Schmerzen der auslaufenden Art“. Wer sich zudem unsere beiden Dresden-Editionen anschaut, erhält einen guten Einblick in die „alternative“ Dresdner Literatur- und Malerszene um 1988-89.

Der andere wichtige Punkt für das Entstehen der BS war die Sehnsucht nach einer Kommunikation, wie es sie im öffentlich-offiziellen Raum der DDR nicht (oder nur verklausuliert) geben konnte. Die Möglichkeiten, die uns dahingehend die BS verschafften, lebten wir wahrlich aus. Das Eigentliche war für uns der Weg, der Produktionsprozess, nicht die Bände an sich, die es ohnehin nur in wenigen Exemplaren gab und die keine Öffentlichkeit herstellen konnten. Wir wollten weder dem elitär gemeinten „Diskurs“ der Szene-„Theoretiker“ folgen, noch ein vormundschaftliches staatsdoktrinäres Denken akzeptieren. Wir versuchten, uns außerhalb dieser vorgegebenen Muster zu bewegen, Spaß zu haben und gute Hefte zu machen. In einem Artikel vom 14.2.1989 fasste ich unser BS-Vorhaben wie folgt zusammen: „Ziel war, ein Forum für das Schreiben und Denken von verschiedenen Autoren zu schaffen, eine offene Konzeption nach allen Seiten hin zu vertreten (sich nur verweigernd dem „rechten“ und „linken“ Opportunismus) – all das geleitet von einem elementaren Respekt vor dem Autor/Künstler und seiner Produktion. Eine Zeitschrift also, die sich als unabhängiges Blatt/Medium für  das geschriebene und gedachte/gesprochene Wort ihrer Autoren versteht “. Und einen Monat später verwies ich in meinem Nachwort zu unserem ersten Dresden-Band auf die existentiellen Gründe unserer Arbeit an den BS: „Wichtig bei solch einer Produktion ist zweifellos ihr innovativer Charakter für die Mit-Macher, wahrscheinlich (: für das geistige Über-Leben) das Wichtigste überhaupt… Und ich schreibe das, obwohl der Begriff der „Vergeblichkeit“ zu den für mich prägendsten gehört. Aber auch Pessimismus empfinde ich zuweilen als „Produktivkraft“, vor allem wenn Selbsthelfertum zu den wenigen Möglichkeiten gehört, der um mich herum herrschenden bekotzten Trantütigkeit und Schlappheit widerstehen zu können.“ (März 1989)

Zu unserem redaktionellen Team, das genau dieses offene Konzept umsetzte, gehörten neben anderen vor allem Gerd Adloff, Thomas Haufe, Johannes Jansen, Gregor Kunz, Ina Kutulas, Steffen Mensching, Harald & Christiane Müller, Lothar Trolle und Peter Wawerzinek. Durch die BS sind ein paar interessante Botschaften aus dieser Zwischen-Welt und Zwischen-Zeit geblieben, viele Erinnerungen an eine konstruktive und spannende Zeit und ein ziemlich bitterer Geschmack von Freiheit. Klaus Michael konstatierte rückblickend 1990: „Der Überbau ist entmachtet, der Untergrund tot. Und was sich Ende der achtziger Jahre abzuzeichnen beginnt, ist die Rückkehr der Literaten zur Literatur.“ Ich wage die These, dass die BS die erste und einzige selbstverlegte Zeitschrift in der DDR war, die diese Entwicklung publizistisch ausdrückte und begleitete.

© Asteris Kutulas, Berlin, Juli 2009

(*) Ich will nicht alle in einen Topf werfen – die Wirklichkeit war viel komplexer und diffiziler, es gab auch großartige Ausnahmen, aber einige Zuspitzungen seien mir gestattet.

(**) Ihr Hauptsatz war: „Das verstehen unsere Menschen nicht … Diese Zeile geht nicht …“ und anderer solcher Unsinn.

 

 

 

Die tierische Fabelhaft-Triade: Till Lindemann, Udo Lindenberg & Volker Braun

 

Das Lindenberg: Geilomat molluscisch

Das Lindenberg ist ein seltsames Tier. Es gehört zum Stamm der Mollusca und kann sowohl an Land, als auch im Wasser leben. Charakteristisch für seine Gattung ist ein weicher Körper, der sich bei Gefahr sofort hinter den harten Panzer seines Schneckenhauses zurückzieht. Beim Lindenberg allerdings stellen wir fest, dass sich seine äußeren Verhärtungen mit der Zeit nach innen kehren, aber auch, dass sein weicher Kern in den letzten Jahren durch alle möglichen Öffnungen nach außen drängt. Die vielen – vor allem gefiederten – Feinde des Lindenbergs bringt dieser Vorgang ziemlich aus der Fassung. Eine weitere Seltsamkeit besteht darin, dass das Lindenberg vor allem seichtes Wasser liebt, dabei aber die Untiefen der Meere nicht verschmäht. Bei einem seiner ausgedehnten Raubzüge in ihm unbekannten Gewässern hat das Lindenberg das verborgene Atlantis entdeckt und sich seitdem dort häuslich eingerichtet. Einen Namen hat sich das Lindenberg vor allem als Lautmaler gemacht, indem es seinen ödipalen Komplex in die molluscische Kunst – insbesondere in die Bildhauerei – einbrachte.

*** *** *** 

Der Till Lindemann 

… ist, schaut man genau hin, eine Lindenfrau. Versenkt man sich wiederholt in ihren Anblick, erkennt man ihren weiblichen Charakter deutlich am Wurzelwerk, das die Erde umklammert und nicht wieder loslässt, ein Leben lang. Auch die klagenden germanischen Lieder, die immerfort im Rauschen ihrer Blätter hörbar werden, sind Ausdruck ihres femininen Charakters, genauso wie ihre vegetative Vermehrung: durch Stockausschlag und Wurzelbrut. Vor allem junge Leute verehren in der Lindenfrau Freya die germanische Göttin der Liebe und des Glücks. Das Gerücht, Lindemann sei männlich, lässt sich allerdings, wie die letzten Jahre gezeigt haben, nicht so schnell ausräumen und wird von ihr selbst sehr bewusst immer wieder in Umlauf gebracht. 

Das fraulich weiche Holz der Linde ist jedenfalls gekennzeichnet durch seine geringe Dauerhaftigkeit gegenüber Witterungseinflüssen. Daher wird es bevorzugt im Innenbereich als gutes Schnitzholz eingesetzt. Unter anderem hat Till Riemenschneider im Mittelalter seine Werke aus Lindenholz hergestellt. Von ihm entlehnte die sich in Lindemann verbergende Lindenfrau wohl auch den Vornamen, bei dem sie gerufen werden will. Vielleicht schämt sie sich inzwischen auch für ihre Vergangenheit, als sie nämlich vor 2.000 Jahren als „Gerichtslinde“ bekannt war, unter der die germanischen Gerichtsversammlungen abgehalten wurden. Anders als unter der als männlich verschrienen Stieleiche fielen die Urteile unter der Linde meist „linde“, also milde aus. Und dann ist da noch – sehr passend – der Wilhelm Müller: 

Ich musst auch heute wandern 
Vorbei in tiefer Nacht, 
Da hab ich noch im Dunkel 
Die Augen zugemacht.

Oft wird mir die Frage gestellt, warum die als Till Lindemann bekannte Lindenfrau sich nicht zu ihrem Sexus bekennt: dazu, dass sie nämlich eine Korbflechterin ist und kein Korbflechter. Ich glaube, sie tut es nicht, um ihren weichen Kern nicht preiszugeben. Lieber hüllt sie sich in eine grobschlächtige, gleichsam vor Männlichkeit strotzende Gestalt. Doch schon dieser Erklärungsansatz ist reine Spekulation. Und ich sehe ihn/sie leider nur sehr sporadisch, als dass ich den Mut und die Entschlusskraft aufbringen könnte, ihm/ihr solche Fragen direkt zu stellen. Und weiter gehts bis ans Ende der Nacht: 

Lindemanns Messer im Kopf

schleimschwer * brennts dir in den Augen * blattfarben * Spritzer von Spucke * sprich und sprich erzähl faß dich * kurz * Viper rote * Biest du * beiß dir ins Fleisch * wo * alles bleibt * wo * alles treibt * ich beginn * aufatme von vorn * Sporn * noch einmal * keinmal * steigen * in den Fluß * deine Blicke * unberedt * Fluß der von dir geht * fort * gehen muß * Fluß der sich anschleicht an mich * außer sich * bringt Federn * fängt Feuer * alles im Flug * Lot * mich in den Fängen * dich in den Engen * wutrot * alles bleibt * wo * in mir * wo * in dir * den Laut stoß * in die Höhle des Mundes * Hasenhundes * ausgehöhlte * hohle Worte * blasen sich auf * drohen * Wächter des Erdigen * des engelgefüllten Wagen * mein Wage hab ich * vollgelade * voll mit ihnen allen * Schleim auf der Linse * grinse * Lippen rissige * Worte bissige * such ich * dich suchend * weglos in mir * wo die Leere * Herzhöhle aufwartet * wo du * vergnügst dich * verhaßte Sehnsucht * geliebte Liebesflucht * sonnsternige * verläßt meine Augen * Lärm und Putztücher * die mir drohwinken * am Hals hast du sie * über der Schulter * als wär ich dir zur Linken * zu Lasten * als du zu mir kamst * beginn von vorn * denk dran * die Treppe * des Apfels Kern * ich ging kam herein * trat auf meinen Schein * Schatten * der dir in die Füße schnitt * dich fand * im Zorn im Angesicht * es strömte * nur so * Linien in denen ich las * und zurechtbog * Schrift * DEIN HINVERLANGEN * am langen Arm mich * mit meinem heimlichen Hang * Flucht * Sucht * verlier diese Spur * aus dem Blick die Stadt * die Stelle * Helle * den Ort * wo wir uns fertig gemacht * ausgelacht * abgeschlacht * die Ackerblume * Krume * der Platz * das Feld * das weite * mit tausend Ohren * Horen * aus dem Sinn * drum lad ich * alle meine Tage * die Fasern deiner Haut * die Falschheit meiner Waage * aus stell ich mich * schaff an immer an * Tag für Tag * Abend für Abend * schaff an * mein Gesicht mit dem Ausdruck darin * ganz schön * hab ich zugelegt * mich zu dir * das Nasse zum Trocknen * die Schere zur Pinzette * ins Bette die Schwere * den Spiegel zur Ehre * Seele ins Wort * Scherz beiseite * die Wahrheit * einzig gewahrt * diesen Unsinnsort * ich häng * an dir wie am Tropf * und durchtrenn den Schlauch * und feiere die Welt * ein Feuerwehrmann * ein allzu weiser Erdenheld * das Ende seh ich * bekämpf und lösch es mit Wasser und Schwert mit Feuer und Herd Messer Gabel Schere Licht * beschwer mich nicht * mit Speichel und Schleim und Rotz und Sporen und Quecksilberporen * ich werd und werd * nie wieder * Grad Celsius * nie wieder erreich ich den Punkt * neunhundert Jahre muss ich nun warten * bleib * die Viper * braucht Leib alle Zeit * häuten * will sich auch etwas in mir * ein Elendsgarten * leg mich * nicht auf die Seele dir * verlaß die Befehle * Laut der Kehle …..

*** *** ***

Das Volkerbraun mit A.K. im Selfiemodus

Das asymmetrische Volker Braun

Wir glaubten, überall sei eine Wanze – in den Betten, den Kisten, den Lampen. Wir mussten sehr lachen, denn wir wussten, die Bestecke zu benutzen. Das Braunvolker, das einzige Braun unter den vielen Negern. Es kippte Rotwein über die Hand jeder erschrockenen Frau. Danach war sie abgeschreckt. Manche bildeten sich ein, das sähe man ihm an.

Das Braun ist ein homerisch Dichtendes, dem allerdings die Zunge abgeschnitten wurde. Nur kurze Zeit später lernte es auch mit fehlender Zunge zu sprechen, was bis dahin keinem anderen Wesen vor ihm gelungen war. Allerdings schmerzte dies das Braun heftig, weswegen es sich gezwungen sah, verschiedenste Drogen einzunehmen, die wiederum Halluzinationen auslösten, was sich in Schriften wie „Gegen die symmetrische Welt“ oder „Es genügt nicht die einfache Wahrheit“ niederschlug. Das wurde – vor allem von seinen blutrünstigen Feinden als auch von seinen zahllosen Verehrerinnen – als verzweifelter Versuch gewertet, aus der realen Welt in eine entprägte zu entfliehen, in der dann alles möglich war.

Ich lernte das Braun kennen, nachdem die beiden Auguren Hasi und Nasi (Tierwesengestalten der anderen Art) mich heimgesucht hatten und ich – getrieben von Angst – Zuflucht bei ihm fand. Das Braun erzählte mir, dass es sich bei den beiden um die „Literaturbeauftragten“ der Stasi handele,  die mit allen Schreiberlingen und Szene-Literaten „Kontakt hielten“ … Dann kam das Braun zu einer eher hesiodischen Schlussfolgerung, als es zu mir sagte: „Du bist der Neger … und ich bin halt das Volkerbraun.“ Ich begriff nicht recht, wie das zu verstehen war, da ich als griechische Wesenheit – wie auch das Braun selbst – mit dem schwarzen Kontinent nicht unbedingt viel zu tun hatte, aber das Braun bestand darauf …

Das Braun war einer der theoretischen Vorbereiter für die spätere antike Schrift „Das Mittagsmahl“ und ebnete damit der Renaissance den Weg in die beste aller möglichen Welten, in der es damals lebte. Zwar warf man dem Braun vor, dass es müllere, aber eigentlich kippelte es immer nur und versuchte, sich durch detaillierte Nachforschungen auf dem Gebiet der Nibelungen einen Namen zu machen. So entstand ein Buch über das Schweigen und über die Pflicht zu sprechen. „Wer, wenn nicht wir?“ Es ging dem Braun nicht darum, die Wunden zu ironisieren, auch nicht, die Geometrie des Leidens zu beschreiben, sondern: das Leiden zu historisieren.

Als es in der attischen Demokratie drüber und drunter ging, flüchtete das Braun sich in den Bergbau und wäre dort sicher für immer geblieben, wenn nicht Pestilenzen und Kriege es an seine Bürgerpflichten erinnert hätten. So kam es dazu, dass das Braun auch als Feldherr keine sehr unbedeutende Rolle spielte, was es nicht nur in unzähligen Schlachten unter Beweis stellte, sondern auch dadurch, dass es diese in seiner Kampfschrift „Wir und nicht sie“ für die Nachwelt dokumentierte.

© Asteris Kutulas, 2008

(Udo Lindenberg & Volker Braun photos © by Asteris Kutulas)

Bizarre Städte – Bibliographie

Bizarre Städte – Bibliographie

Inoffizielle Buch-/Zeitschriftenedition in der DDR (1987-89)

Folgend das Inhaltsverzeichnis aller Veröffentlichungen des selbstverlegten Projektes „Bizarre Städte“:

Band 1, Texte Grafik Fotos, Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1987 (120 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Harry Mohr – Grafik
Heiner Müller – Was jetzt in der Sowjetunion…/ Rede
Steffen Mensching – Wetter-Bericht/ Essay
Gregor Kunz – Expedition/ Gedichte und ein Text
Asteris Kutulas – Nafplion/ Ein Tagebuch
Harry Mohr – Grafik
Heinz Czechowski – Weltbild/ Gedichte, Essay
Volker Braun – Der Eisenwaggon/ Gedicht
Lothar Walsdorf – Ratten/ Gedichte und Texte
Ina Koutoulas – Echolot/ Gedichte
Horst Hussel – Grafik Horst Hussel – Hageböck und andere Vignetten
Hans Brinkmann – Chanson/ Gedichte und eine Handzeichnung
Harry Mohr – Grafik
Johannes Jansen/Bernd Janovski – Gehsteig/ Collage-Fragment
frank lanzendörfer – garuna, ich bin!/ texte, fotos, grafik

Dem Band ist eine eingelegte Handzeichnung von Johannes Jansen beigegeben.

21 nummerierte und signierte Exemplare.

Band 2, Texte Grafik Fotos, Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1988 (186 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Erika Stürmer-Alex – Collage
Hans-Eckardt Wenzel – Immer wieder Gemeinsinn…/ Rede
Klaus-Peter Schwarz – Ein Saporosher schreibt…/ Brief
inka – Collage
bert papenfuß-gorek – ausdrückliche klage aus der inneren immigration
Klaus-Peter Schwarz – Dokument 17 und Splittersammlung
inka – Collage
Volker Braun – Der Freizeitpark inka – Collage
Heiner Müller – Wolokolamsker Chaussee IV
Ina Koutoulas – Passierschein/ Gedichte
Kerstin Hensel – 1 Märchen, 3 Gedichte und 11 Anschläge
Gerd Adloff – Modebericht/ Gedichte
Erika Stürmer-Alex/Ina Koutoulas – Herkunft Fritz
Rudolf Fries – Alexanders neue Welten/ Aus dem Filmszenarium
Horst Hussel – 6 Briefe an Herrn S. und 1 Zeichnung
Lothar Walsdorf – Frauen ohne Unterleib/ Gedicht vinka – Collage
Lothar Walsdorf – Erwachen/ Variationen…
Rabea Graf – Dialog 1979/ Das Mattenspringen
Asteris Kutulas – Delfisches Gespräch (12 Uhr mittags)
bert papenfuß-gorek – remembering cerstin remembering cerstin
peter böthig – kleiner versuch über den schaden/ essay
peter wawerzinek – mir tut die zunge weh…/ prosa
Bernd Janowski – Es lebe Österreich-Ungarn!/ Photo-biografischer Versuch über die Szene
Hans-Eckardt Wenzel – PAS DE DEUX ALLEMAND/ Ein Spiel
Ulrich Burchert – Bizarre Städte/ 4 Original-Fotos
Anhang – Texte zur Tonkassette
Dem Band ist eine Tonkassette beigegeben mit den “Städteballaden” von Hans-Eckart Wenzel und der Produktion “ation aganda” von bert papenfuß-gorek.

26 nummerierte und signierte Exemplare.

Band 3, Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1988 (115 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Steffen Mensching – Aus Gesichtern älterer Freunde/ Gedichte
Kathrin Schmidt – Der eben um die Ecke …
Adolf Endler – Fakt/ Notizen zu einem phantasmagorischen Unterhaltungstatsachenroman
Jan Faktor – Brief
Trakia Wendisch – Tanz/ 5 Bilder
Ina Koutoulas – Kein Sterbenswort/ Gedichte
inka – Beim letzten Ton des Zeitzeichens/ Collagen-Gedicht
Uwe Lummitsch – Ich, Hamlet oder …/ Texte
Volker Braun – Schiff im Land/ Gedicht (1963)
inka – Die unerwartete Rettung der Tochter
Volker Braun – Friedens-Fibel
Heinz Czechowski – Kraft meines Amtes/ Gedichte
Jan Faktor – Kaedings ausgedehnte Häufigkeitsuntersuchungen
Johannes Jansen – Fang/ Texte
Adolf Endler – Bubi Blazezaks gedenkend/ Prosa
Anhang: Giorgos Seferis – Zu einer Wendung von Pirandello/ Essay

Dem Band sind eine Tonkassette mit dem Feature “Stalingrad” von Christiane Müller sowie je eine Grafik von Gottfried Bräunling, Johannes Jansen und Harry Mohr beigegeben, die in einer von Trak Wendisch gestalteten und bemalten Kassette liegen.

24 nummerierte und signierte Exemplare.

Querkette. Dresden Band 1, Texte Grafik Fotos, Auswahl und Redaktion von Gregor Kunz und Thomas Haufe, Hrsg. von Asteris Kutulas, Dresden 1988 (55 Textseiten)
Gregor Kunz – Anstatt blumen/ Vorwort
Matthias Bolz – Fotografik
Tobias Wellemeyer – viola die tauben…/ gedichte
Simon Schade – Versuchsreihen/ Gedichte
Manfred Wiemer – Die Verhinderung des Tages/ Gedichte
Gudula Ziemer – Die Probe/ Erzählung
Leonore Adler – frau im sandhaus/ Leporello
Thomas Haufe – recht/fertig/vorwärts – Texte
Bernhard Theilmann – gruß vom Wolfplatz zwei/ Gedicht
Uwe Hübner – Teatime mit William/ Zwei Texte
Lutz Fleischer – Der kluge Kurt/ Text-Grafik
Yuri Winterberg – Ellens lange Strumpfhosen/ Gedichte
Lothar Barth – verendeter walzer/ Gedichte
Holger Wendland – Gori/ Text
Frank Herrmann – Zwei Fotos
Gregor Kunz – Statuengruppe/ Gedichte
Michael Wüstefeld – Junielegie…/ Gedicht
Uwe Hübner – Länder… / Prosa
Steffen Fischer – Vier Grafiken
Durs Grünbein – Versuch über Melli B./ Text
Manfred Wiemer – Orts Bestimmung der Zeit/ Essay
Ulrike Rösner – Grafik
Asteris Kutulas – Postskriptum des Herausgebers

Alle hier angeführten Grafiken, Fotos und Collagen sind signierte Originale, die im Buch eingebunden sind. Zusätzlich ist dem Band ist eine Grafik von Carsten Nicolai beigegeben.
47 nummerierte und signierte Exemplare.

Dresden 2, Auswahl und Redaktion Thomas Haufe und Gregor Kunz, Edition Bizarre Städte, Hrsg. von A.Kutulas, Dresden & Eggersdorf 1989 (43 Textseiten) (Veröffentlicht 1991)
Lutz Fleischer – Der Müllionär/ Graphik
Gregor Kunz – An Stadtrand. Kein Vorwort
Thomas Haufe – der teutsche michel/ auch kein vorwort
Thomas Rosenlöcher – Das Echo/ Gedicht
Manfred Wiemer – Zur Elbe/ Text
Reinhard Sandner – Im Steinbruch/ Sprachblätter
Thomas Haufe – krenzSituation
Gregor Kunz – Variationen/ NUR WORTE I-IV
Maja Nagel – Zwei Graphiken
Gregor Kunz – Variationen – NUR WORTE V – VII
Carsten Nicolai – Zwei schlafende Augen kleine Menschen fassen/ Graphik
Uwe Hübner – Wenn es am schönsten wird, kommt der Abgrund/ Zu Hermann Lenz
Lothar Barth – Dresden im Oktober/ Gedicht
Roger Bonnard – Zwei Siebdrucke
Lothar Barth – grafschaften & bistümer/ reise durch die bezirke
Gudrun Trendafilov – Leporello
Barbara Köhler – DRESDEN DER KLASSISCHE BLICK/ Texte
Leonore Adler – graugrünes wetter/ graphik-text-blatt Michael Wüstefeld – 2 Texte
Inge Thies-Böttner – Konstruktion
Michael Wüstefeld – 1 Text
Klaus Werner – I.K.A.N./ Rede & Graphik
Bertram Kronenberger – „Gott ist tot“/ Versuch über Friedrich Nietzsche
Jürgen Dreißig – Graphik
Holger Wendland – Patt/ Text
Frank Hermann – Graphik
Heinz Czechowski – Dresden, 13.Februar 1990
Asteris Kutulas – Editorial

Alle hier angeführten Grafiken, Fotos und Collagen sind signierte Originale, die im Buch eingebunden sind. Dem Band ist zusätzlich eine Grafik von Wolfgang Opitz beigegeben.
25 nummerierte und signierte Exemplare.

Band 4, Hrsg. von Asteris Kutulas und Gerd Adloff, Eggersdorf 1989 (82 Seiten)
Asteris Kutulas – Statt einer Vorrede
stefan döring – sinnlos/ gedichte
Gerd Adloff – Als mein linkes Bein…/ Gedichte
Ina Koutoulas – Ausreise/ Gedicht
frank lanzendörfer – sicherheitstrakte/ text
Johannes Jansen – Papageien sterben …/ Essay über Lanzendörfer
Mario Persch – Schonkost, Appetit und Selbstverpflegung/ Essay
Matthias Baader Holst – Ist es einfach, Punk zu sein?/ Selbsttötungen …
olaf nicolai – die fäden der ariadne/ annäherung
Jörg Niebelschütz – Imaginäre Rede/ Texte
Mario Persch – Autopsie/ Gedichte & Texte
Matthias Baader Holst – viel spaß auf der titanic/ texte
Thomas Bischoff – Im Standbild des Treptower Parks
Kerstin Hensel – Kassberg/ Erzählung
Annett Gröschner – Maria im Schnee/ Texte
Zu „Maria im Schnee“: F. Legler/ K. Hensel/ T. Köhler/ K.Laabs
Elisabeth Wesuls – Neunmalklug ist auch wieder dumm/ Essay
Annett Gröschner – Anekdoten/ Essay
Freymuth Legler – Fetzer/ Stück
Gerd Adloff – Nachrede
Anhang: Asteris Kutulas – 1 Erwiderung & 1 Anmerkung

54 Exemplare.

Sonderheft 1, Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1989 (73 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Heinz Czechowski – Hotel Smolka/ Gedichte
Jurij Koch – Die Schmerzen der auslaufenden Art/ Essay
Steffen Mensching – Literatur und Wirkung/ Rede
Uwe Kolbe – Rundfunk-Essay
Lothar Trolle – Meine Klassiker und ich/ Geständnisse
Uwe Hage-Ali – „Wir sind kein Familienkreis…“/ Betrachtung
Adolf Endler – Randnotiz über die Engel Sarah Kirschs
Christiane Müller – Das Private…/ Drei Interviews mit Malerinnen
1) Doris Ziegler
2) Annemirl Bauer
3) Angela Hampel
Anmerkungen
54 Exemplare.

Sonderheft 2, Hrsg. von Asteris Kutulas, Eggersdorf 1989 (74 S.)
thomas haufe – die sanfte hölle & das pro im contra
rainer schedlinski – aussichtslos…/ 3 gedichte & 1 brief
Erich Sobeslavsky – Antwort an Ralf Winkler/ Gedicht
Fritz Rudolf Fries – Nun ja! …/ Für C. Wolf
Trakia Wendisch – Extremistische Prosa
Matthias Flügge – „Kunst, Sprache, Kunstkritik“ (Rede) Jörg Wolf – Zum Verhältnis Kultur-Volkskultur Angela Hampel – Rede
Hubertus Giebe – Rede
Johannes Heisig – Rede
Zur „Lücke“ (1971-76)
Wolfgang Opitz – Ralf Winkler und die dresdner „Lücke“ (Interview)
Ullrich Burchert – Wolfgang Opitz/ Foto
Ralf Winkler – Manifest 1971
Harald Gallasch – Negation…/ 3 Texte & 1 Siebdruck
Anhang: Mikis Theodorakis – Anti-Manifest (Auszug)

49 nummerierte und signierte Exemplare.

Sonderheft 3, Hrsg. von Asteris Kutulas, Eggersdorf 1989 (56 Seiten)
Volker Braun – Die Wende/ Gedichte
janet fiedler – unterstellen wir…/ Essay
Holger Teschke – Durch die Geschichte…/ Rede
Holger Jackisch – Nach der Art unseres Landes/ Essay
rainer schedlinski/andres koziol – editorial zur ariadnefabrik
asteris kutulas – .usf 1,2,3/ rede
Heinz Czechowski – Wohin?/ Rede
thomas haufe – kopfsäge/ 2 texte
lothar barth – annoncen/ 1 film & 2 gedichte
Lothar Trolle – Barackenbewohner/ Bibelgeschichte
Reinhard Jirgl – Brunnen-, Ecke Invalidenstraße …
detlef opitz – fliehend bomben/ erzählung
Helga Schubert – Die Parade
Gundula Ziemer/Holger Jackisch – Akropolis Nr.13/ Reportage
Anhang I: Odysseas Elytis – Immerzu kauen die Pferde …/ Texte
Anhang II: Jannis Ritsos – 9 Tristichen
60 Exemplare.

Sonderheft 4, Hrsg. von Asteris Kutulas, Eggersdorf 1989 (71 Seiten)
Steffen Mensching – Notate im November
Heinz Czechowski – Ein bißchen zuviel/ Gedicht
Christoph Hein – Gutgemeint ist das Gegenteil von wahr/ Rede
Fritz Rudolf Fries – Die Westmark fällt weiter – eine Utopie?
Elmar Jansen – Stadt-Bilder, Traum Bilder/ Skizzen zu einem Roman-Führer Peter Böthig – Subverstanden/ Essay zu Lanzendörfer
frank lanzendörfer – brandvorsatz/ 2 texte
cornelia sachse – around. before LISA in america/ Text
Lothar Trolle – Die Frauen/ Bibelgeschichte
Thomas Bischoff – Thesen zum (Theater)Naturalismus in der DDR
Fritz Rudolf Fries – Notate zu Bildern von Heinz Trökes und Otto Möhwald
Asteris Kutulas – Nachbemerkung
Anhang
Therese Dietrich – Philosophiekongreß 89
Christoph Hein – Öffentliche Erklärung
Heinz Czechowski/Thomas Rosenlöcher – Brief
Mikis Theodorakis – Meine Zusammenarbeit mit den griechischen Konservativen/ Interview
Fritz Rudolf Fries – Braucht die neue Republik neue Autoren? Versuch einer ernsten Glosse
Asteris Kutulas – Bibliographie der Bizarre-Städte-Produktion

60 Exemplare.

Grafikedition Bizarre Städte (Mappe in bemaltem Schuber)
Mit Grafiken von Gottfried Bräunling, Horst Hussel, Johannes Jansen, Harry Mohr, Erika Stürmer-Alex, Trak Wendisch. Mit einem Text von Elmar Jansen. Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1988.
26 nummerierte und signierte Exemplare.

johannes jansen & rainer görß, problemtext/problemskizzen
edition bizarre städte, hrsg. von asteris kutulas, eggersdorf 1989.
39 nummerierte und signierte Exemplare.

Ina Kutulas/Gottfried Bräunling – Gedichte/Grafik
Sonderedition Bizarre Städte, Berlin & Athen (o.J.) [1987] Mit 12 mehrfarbigen Siebdrucken.
100 nummerierte und signierte Exemplare.

Alle Bücher/Hefte (auch die Grafikedition) im Din A4-Format. Das jansen/görß-Heft im Din A5-Format. Sämtliche Texte in den „Bizarren Städten“ sind mit einem Atari-Computer geschrieben und mit einem Tintenstrahldrucker vervielfältigt worden. Einige Beiträge von Band 1 und alle von Band 2 und 3 wurden auf getöntem Recycling-Papier xerokopiert. Für den zweiten Dresden-Band wurde weißes Recycling-Papier für die Fotokopien verwendet. Die Sonderedition hat ein eigenes Format. Der Text ist gesetzt und gedruckt worden, das Buch fadengeheftet.

***

Auf die Idee, eine „unabhängige“ Zeitschriftenedition in eigener Regie zu produzieren, kamen wir mit Johannes Jansen irgendwann mal im Frühjahr 1987. Von ihm kam auch der Titelvorschlag in Anlehnung an das Gedicht „Bizarres Städtchen“ von Vítezslav Nezval. Das ganze war eine Art gelebter Utopie an diesem „Kein Ort. Nirgends“, der damals für uns Pankow hieß. Der erste Band erschien 1987, der letzte 1989, kurz nach dem Mauerfall. Im Nachhinein betrachtet, war es schon irgendwie „Selbstbetrug“, eine große Portion „Feigheit“, gepaart mit einer kleinen Portion Mut. Ein winziger Kreativitäts-Strohhalm in einem stürmischen Meer. Wir waren jedenfalls nicht ganz Herr der Lage.

Asteris Kutulas, Herausgeber der „Bizarren Städte“

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Autoren, Maler, Fotografen oder Musiker, die in BIZARRE STÄDTE veröffentlicht haben (alphabetisch):

Adler, Leonore
Adloff, Gerd
Barth, Lothar
Bauer, Annemirl
Bischoff, Thomas
Böthig, Peter
Bolz, Mathias
Bonnard, Roger
Braun, Volker
Bräunling, Gottfried
Brinkmann, Hans
Burchert, Ulrich
Czechowski, Heinz
Dietrich, Therese
Döring, Stefan
Elytis, Odysseas
Endler, Adolf
Faktor, Jan
Fiedler, Janet
Fischer, Steffen
Flanzendörfer
Fleischer, Lutz
Flügge, Matthias
Fries, Fritz Rudolf
Gallasch, Harald
Giebe, Hubertus
Görß, Rainer
Gröschner, Annett
Grünbein, Durs
Hage-Ali, Uwe
Hampel, Angela
Haufe, Thomas
Hein, Christoph
Heisig, Johannes
Hensel, Kerstin
Herrmann, Frank
Holst, Matthias „Baader“
Hübner, Uwe
Hussel, Horst
Jackisch, Holger
Janowski, Bernd
Jansen, Elmar
Jansen, Johannes
Jirgl, Reinhard
Koch, Jurij
Köhler, Barbara
Köhler, Thilo
Kolbe, Uwe
Koutoulas, Ina
Koziol, Andres
Kronenberger, Bertram
Kunz, Gregor
Kutulas, Asteris
Laabs, Klaus
Lanzendörfer, Frank
Legler, Freymuth
Lummitsch, Uwe
Mensching, Steffen
Mohr, Harry
Müller, Christiane
Müller, Heiner
Nagel, Maja
Nicolai, Carsten
Nicolai, Olaf
Niebelschütz, Jörg
Opitz, Detlef
Opitz, Wolfgang
Papenfuß-Gorek, Bert
Persch, Mario
Ritsos, Jannis
Rösner, Ulrike
Rosenlöcher, Thomas
Sachse, Cornelia
Sandner, Reinhard
Schade, Simon
Schedlinski, Rainer
Schubert, Helga
Seferis, Giorgos
Schmidt, Kathrin
Schwarz, Klaus-Peter
Sobeslavsky, Erich
Stürmer-Alex, Erika
Teschke, Holger
Theilmann, Bernhard
Theodorakis, Mikis
Thies-Böttner, Inge
Trendafilov, Gudrun
Trolle, Lothar
Walsdorf, Lothar
Wawerzinek, Peter
Wellemeyer, Tobias
Wendisch, Trakia
Wendland, Holger
Wenzel, Hans-Eckardt
Werner, Klaus
Wesuls, Elisabeth
Wiemer, Manfred
Winkler, Ralf
Winterberg, Yuri
Wolf, Jörg
Wüstefeld, Michael
Ziegler, Doris
Ziemer, Gudula

Aus dem Leben eines Taugenichts-Germanisten (Tagebücher 1979-84)

Tagebuch-Notizen (während meines Germanistik- und Philosophie-Studiums 1979-84)

Ich habe hier einige meiner zahllosen Tagebuch-Notizen aus der Zeit meines Germanistik-Studiums in einer kleinen Auswahl zusammengefasst, die ein Puzzle von Eindrücken aus jenen Jahren ergeben, die für mich unglaublich intensiv und sehr spannungsreich verliefen. Diese Notizen sollen die ständige Suche, Naivität, Unverfrorenheit und Lust offenbaren, die mein Leben damals prägten und einen ausschnitthaften Blick in die ziemlich melancholische „Welt eines Germanistik-Studenten“ ermöglichen, der zwischen DDR und Griechenland changierte. 




25.10.79 ||| Die Zeit ist so schnell vergangen, wie im Fluge. Kein Halten. Nun bin ich Germanistik-Student. Alle Tage lernen, lesen, lernen, lesen ad infinitum. Die Deutsche Bücherei: meine zweite Heimat, Wohnung, ein Bett dort wäre gut. Das Studium ist mein Element. Hoffentlich bleibt es das auch. 
Vergangenes Wochenende war ich in Weimar beim Zwiebelmarkt. Der Zug kam um vier Uhr früh im Weimarer Hauptbahnhof an. Die Fahrt über musste ich stehen, weil er überfüllt war – ich zwischen den Aussteigern der Gesellschaft, den Rockern, Intellektuellen und Sehnsuchtsvollen. Es herrschte eine unwahrscheinliche Kälte. Auf dem Bahnhofsvorplatz standen die Hundertschaften der Polizei mit Hunden Spalier. Das Willkommen der Staatsmacht, aus reiner Vor-Sorge, damit wir wissen, wer hier die Kontrolle und das Sagen hat. ||| Ich hoffte, Tati zu finden. Doch sie war mit Bettina Wegner bereits nach Halle-Neustadt gefahren, wohin auch ich mich am Sonnabend begab. Dort tauchte dann Peter auf. Allerdings war Tati inzwischen wieder nach Leipzig getrampt und suchte mich. Das Konzert mit Bettina Wegner in Halle war melancholisch, voller Trauer. Ich übernachtete in irgendeinem Zelt der zugereisten Wegner-Fans. Nach dem Konzert, irgendwann mal spät nachts, bot mir ein abgefahrener Freak an, mit seiner Freundin zu schlafen. Was diese Leute zusammenführt und zusammenhält sind Illusion, Selbstbetrug, Mode, Hass, Träume. In Halle-Neustadt waren Werkstatt-Tage der Jungen Gemeinde. Unter dem Dach der Kirche lasst es sich einfacher opponieren. 



30.10.79 ||| Ich wachte heute in einem mir fremden Bett auf. Sie dachte, was er will. Und sagte, beruhig dich. Die andern sind nicht mehr da, du kannst wieder aufstehn, dich waschen, deine Zigarette rauchen, deine Angst ablegen. Diese Maske, dachte sie. Und flüsterte, oder schlaf einfach. Du musst nichts tun. Keiner wartet mehr auf dich. In seinem Gehirn überschlugen sich Bilder, er tastete unentwegt den leeren Raum ab, schrie, Erbarmen! Habt Erbarmen mit uns! Mit uns?, fragte sie, schaute ihn an, stand auf, sich gegen seinen Wahn zu wehren, irgendwie. Er aber starrte nur, verstand ihre Frage nicht. Das ist so, erklärte er, sie schüttelte damals die Furcht ab und schritt langsam durchs Wohnzimmer, das sie schon seit Jahrhunderten umgab. Er versuchte vergeblich, diese Assoziation zu verdrängen, es riss ihn tiefer und tiefer in den Sumpf.

23.12.79 ||| Der Wievielte ist denn nun heute? Diese Frage stelle ich mir jeden Tag, und ich kann nicht glauben, in welch rasantem Tempo die Wochen verfliegen. Selbstbetrug. Nachdenken – Zeit der Rechenschaft, als ob ich Dir etwas oder wenig verraten kann. Ach ja, Festival ist, und damit kam auch die Erinnerung an meine Einsamkeit zurück. Schade, dass sich Gedanken ohne Anmeldung einstellen. Rufe ich sie denn? – wie das Gedächtnis, das mich nicht fragt nach Einstellung und Passion. Wie Dich und all die anderen. Verständnis … All das fällt mir so schwer … Literatur als Rettungsanker.

31.3.80 ||| Die Sonne rettet mich immer wieder, obwohl meine Naivität immer wieder versucht, mir Fallen zu stellen. Dann stürze ich jedes Mal ins Bodenlose – mit dem Kopf zuerst. Und vielleicht rettet mich das jedes Mal (dieses Stürzen + Sonne), weil man doch mit dem Kopf denkt. ||| Immer: Zeichen von Kontinuität mit Sinn. Denn, nur dann lernt der Mensch und das ist zwingend. Habe in letzter Zeit schöne Briefe bekommen. ||| … Es gibt Menschen, die mir viel bedeuten und denen ich niemals wehtun möchte und es vielleicht doch mit jedem Wort tun muss, weil ich nicht lügen kann … ||| … So, jetzt weißt du über mich bestens bescheid, ist jetzt schon nach Mitternacht. Lass mal hören, was Du zurzeit treibst. ||| Ich … Und … Die Tropfen meiner vergessen geglaubten Gedanken versickern langsam und sinnlos in die Erde.

5.4.80 ||| Du. Vermeintliche Stille. Du. Die sich in meinem Verstand bewegend, erinnernd versucht, mich abzulenken. Um dich zu berühren, muss ich dich verletzen. Um dich zu verstehen, muss ich mich bezwingen. So, wie die Tränen bitter die Wange hinuntergleiten, gleich einer suchenden Lupe, die verlöschende Spur der Einsamkeit hinterlassend, sehe ich dich mir zulächeln. ||| Schrei. Aufschrei. Beschrei ihn doch. Er ist nur – das Glück. (Dieser schmutzige Bastard der Einbildung.) Aufschrei deines Magens und der deiner Beine gegen das Eintreten in die Alltäglichkeit. Und der deiner Geschlechtsorgane, die ihre Identität verloren. Sumpf deiner Erinnerung. Essen. Aufessen. Iss doch – deine Gemütlichkeit Gabel – dein Stumpfsinn Maul. Du bist doch … der glücklichste Mensch.

1.6.80 ||| Die mich glücklich machen, wissen es nicht.

13.6.80||| Jeder Germanist soll ein verkappter, ein gescheiterter Lyriker sein. Bei mir stimmt das zu 100%. Griechenland rückt näher. Verlorenes Lachen. Sucht deine Lippen. Flüchtig. Insektengleich mit leichten Flügeln. Ein saurer Geschmack. Berührt. Deine Lippen. Versucht. Deine Augen. Versucht. Und erstickt an einem Tropfen. Versinkt darin. Wie die Selbstverständlichkeit deiner Unruhe. 



14.6.80 ||| Heute Sprachtheorie-Klausur. Dann nach Dresden gefahren. Bekam Besuch. Habe mich wieder einmal unmöglich (d.h. sehr gereizt und nervös) verhalten.

23.6.80 ||| Prüfungsvorbereitung von morgens bis abends. Die Germanistik treibt mich in den Lyrismus.

29.7.1980, Dresden ||| Schluss. So fühle ich mich auch. Das erste Studienjahr der Germanistik ist vorbei. Am Freitag wartete ich auf die Straßenbahn, um zum Bahnhof zu fahren – und für einen Augenblick war ich traurig bis tief in die Seele. So, nur ganz kurz, fühlte ich, wie ich an diesem Leben hänge (Literatur, Literatur, Literatur). Auf eine existentielle Art und Weise hat mir Leipzig viel gegeben – die Spannung, das Studium, die Leute. Nur aufpassen, dass mir das alles nicht über den Kopf wächst. Leider komme ich noch nach einem Jahr nicht mit allen Leuten aus meiner Seminargruppe zurecht: „Richtig“ kenne ich niemanden. Das liegt auch an meiner Überheblichkeit – Literatur ist alles … Jetzt sind Ferien … Schluss.

10.9.80, Athen ||| „Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger gelesen: ein großes Erlebnis – ich habe gelacht, mir kamen die Tränen. Es entsprach mir sehr. Amerika muss irre sein. Eine verrückte, sinnlose, alles absorbierende Welt. ||| Ich müsste langsam anfangen, etwas zu schreiben. Mir ist irgendwie alles egal – einerseits, andererseits bin ich schrecklich arbeitsbesessen. Salinger-Einfluss. Ich fühle mich wohl und zugleich deprimiert. Ich kann mich auf nichts richtig konzentrieren und es ausdauernd betreiben – fühle, dass ich eine langwierige Krise durchmache – so unsicher, so sicher, voll von Kram, leer, Punkt Punkt Punkt, Musik ist was Schönes und Kerzen und Liebe, außerdem die kühle Feuchtigkeit der Träne und das erloschene Licht und italienisch … 

    

16.9.80, Athen ||| Heute fahre ich ab, zurück nach Leipzig. Erwartung, Hoffnung – verflogene Traurigkeit … ||| Im Zug: „Vielleicht“ – das Wort gefällt mir sehr. Nicht, dass ich es „kenne“, aber ich mag es. Schon wieder. All diese Zeit, vergangen (was sehr wichtig ist), hinter den hohen Wolken vereint, trotzen, ohne Sinn; zum Teil verwest, wer weiß. Blicke aus blassgrünen Augen, versuchen deine Stirn zu berühren.

1.10.80, Berlin ||| Shakespeares‘ „Zähmung der Widerspenstigen“ im Berliner Ensemble gesehen. Oder auch: mehr zu wissen als andere, sich in die Lüfte erheben, auskosten das miese Leben und all diejenigen hintergehen, die uns umgehen und nicht wissen, wer wir sind. Ja, ja, nur so kann das Glück für uns Glück bedeuten.

17.10.80 ||| Bin inzwischen definitiv theatersüchtig. Freitag Carl Sternheims „Bürger Schippel“ gesehen. |||Sonnabend mit M. verbracht, die mich nach Dresden begleitete (eigenartiger Mensch; über sie muss ich mal nachdenken). Sektfrühstück: schöne Sache. Noch schöner … wenn man sich lieben würde. ||| „Woyzeck“ mit Klaus Kinsky gesehen, Wahnsinn. Großartiger Film von Werner Herzog. Ja, so kann man Büchner für heute, für die Gegenwart erschließen. Und dazu noch mit einer fast wörtlichen Textkonsequenz. ||| Sonntag: „Lina Braake“ von Bernhard Sinkel gesehen.

16.11.80 ||| Intensive Zeit, weil ich viel schaffe. Vielleicht nicht fachlich, aber immerhin: Einige spannende Filmklassiker gesehen: Eisensteins „Que viva Mexiko“, Ingmar Bergmanns „Das siebente Siegel“, Georgi Danelijas „Marathon im Herbst“. Und im Staatstheater Dresden eine grandiose Aufführung von Lessings „Nathan der Weise“.||| Außerdem Übersetzungen von Ritsos‘ „Makronissos“ und „Griechentum“ abgeschlossen.

25.11.80, Leipzig ||| Letzte Woche viele Konzerte besucht: von Schicht „Lieder des Thyll Ulenspiegel“, von Karls Enkel das „Mühsam“-Programm, Brigade Feuersteins* „Spektakulum“, Schwarze Pumpe, Gruppe „Neue Musik“ Weimar usw.||| Immer wieder in der Diskussion: „Volksverbundenheit der Kunst“ – was soll das sein? Was „Wahrheit“. Sinnbestimmung. ||| Auch in Dresden: Prof. Günter Meyer, mit dem ich mich lange über Hanns Eisler unterhielt.

31.12.1980, Silvester ||| Obwohl sie ihn hasste wegen seines ekelhaften Aussehens, seiner gewöhnlichen Art, seines langweiligen, von anderen im Voraus festgelegten Schicksals, obwohl sie ihn sofort getötet hätte, wäre der Befehl erteilt worden, wusste sie nichts von ihm, kannte nicht ihren Feind, er war ihr gänzlich unbekannt, unerkannt hätte er sich ihr nähern können, sie hätte sich womöglich in ihn verliebt, hätte sich ihm hingegeben, ihm ihre Schenkel geöffnet, aber nein, das wäre unmöglich gewesen, ihre Insel und seine Wüste waren zu weit voneinander entfernt. Übergangslos … durch perfekte Grenzen geschieden, allen Normalen der Zugang versperrt, nur wenigen der Übertritt gelingend, und der mit Verlusten verbunden, mit Schmerzen. Bist du ein Zuhälter, was bist du?, schrie sie ihn an.

5.1.81 ||| Nachdem ich das Heinrich-Böll-Buch verschlungen hatte, sah ich heute dessen Verfilmung: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Volker Schlöndorff.

14.1.81, Berlin ||| Ich konsumiere ein Theater-Stück nach dem andern: im Berliner Ensemble: „Hofmeister“ von J.M.R. Lenz in der legendären Bearbeitung von Brecht, „Jegor Bulytschow und die anderen“ von Maxim Gorki, „Der große Frieden“ von Volker Braun. ||| Das Unbegreiflichste: 1. meine Abgestumpftheit, 2. A. u. A. wollen sich scheiden lassen. ||| Wo ist der Ort, an dem ich innehalten, sein könnte?

20.1.81 ||| Letzte Woche Flauberts „Madame Bovary“ und Turgenjews „Vorabend“ ausgelesen; außerdem Verfilmung von „Franziska Linkerhand“ (Brigitte Reimann) und „Unser kurzes Leben“ von Lothar Warneke gesehen. Gestern „Die Überfahrt“ von Anna Seghers beendet. Aber jetzt bin ich beim bislang Allerbesten: Fjodor Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Völlig verrücktes Buch. Stadtkneipe, Student & Beamter: Gespräch über Zukunft (Motiv des Vertrauens): Man braucht einen Menschen, einen Platz im Leben. Parallel zu Dostojewski studiere ich Bakunins Anarchismus-Analyse … und lese nebenbei Juri Trifonow. Eines der Hauptthemen der Sowjet-Literatur: das Problem des Gewissens, Immanuel Kants „Sittengesetz in uns“ – aber alles beginnt mit Dostojewski. Vergleiche auch mit Tendrjakows „Das Gericht“ (Gewissen) oder Aitmatows „Weißer Dampfer“ oder Rasputin: „Leb und vergiß nicht“ & „Matjora“ oder vieles von Schukschin. ||| Beim Lesen von „Woher sie kommen, wohin sie gehen…“ (Seghers-Essay) zu Schiller und Dostojewski, kam mir in den Sinn: Dostojewski-Konferenz (Ausgangspunkt für schonungslose Kritik) auch für DDR relevant (wann endet endlich diese furchtbare Formalismus-Debatte, dieses Dogma?). ||| Die eigentliche Errungenschaft bei Dostojewski in „Idiot“ und „Gebrüder Karamassow“: neue Romanstruktur entwickelt, eine polyphone Struktur (Werk: Modell der Welt! / keine bloße Widerspiegelung). ||| Die großen Individuen (Haupthelden) verschwinden … Goethes „Faust“ führt zu Dr. Faustus und einer zweiten Hauptfigur bei Thomas Mann. Oder bei Dostojewski selbst: Gebrüder Karamassow (3 plus 1 unehelicher Sohn). Der Idiot (Menschen gehören zusammen, aber tragische Zeit). ||| 1849 der Wendepunkt bei Dostojewski. Seine Beinah-Hinrichtung. Epilepsie. Ich liebe das Düstere, Melancholische und Kraftvolle bei Dostojewski. ||| Grund für die Todesstrafe Dostojewskis, die in Verbannung in Sibirien umgewandelt wurde: Belinskis Brief an Gogol, den Dostojewski vor Anhängern Petraschewzis vorlas. Unter Gogols Einfluß entstand bereits 1846 auch sein Erstlingswerk „Die armen Leute“ – nach E.T.A. Hoffmanns „Der Doppelgänger“ (das doppelte Wesen/ der bürgerliche Intellektuelle/ Entfremdung/ die doppelte Existenz … kritischer Realismus). Dostojewski lehnt das Bürgertum bereits ab, bevor dieses richtig an die Macht kommt! / vor ihm schon Gogol 1842 in „Tote Seelen“. Reisen durch Westeuropa: Kennenlernen des europäischen Kapitalismus.



25.1.81, Dresden ||| „Wie es euch gefällt“ von Shakespeare im Großen Haus. ||| Zur Zeit meine Fächer im Germanistik-Studium: Althochdeutsch (Prof. Große), Weltliteratur/ Englische Literatur (Prof. Seehase), Sprachgeschichte (Dr. Weber), Literatur des 19. Jahrhunderts (Dr. Albus & Prof. Richter), Geschichte der deutschen Sprache (Dr. Weber), Lexikologie (Dr. Fleischer), Klassizismus und Moderne/ Goethe (Dr. Träger), Lexikologie (Dr. Barz), Englisch (Dr. Middell), Dramatik (Dr. Träger), Heinrich-Heine-Seminar, Marxismus-Leninismus, Geschichte der Ästhetik (Prof. Uhlig), Politische Ökonomie.

24.2.81, Leipzig ||| Am Wochenende viel unternommen: Das Stück „Arno Prinz von Wolkenstein“ von Rudi Strahl und „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller gesehen. Strahl langweilig, Schiller herausragend. Stendhals „Rot und Schwarz“ ausgelesen. ||| Lese Maxie Wanders „Tagebücher und Briefe“: beeindruckend und sehr wahr, irgendwie, als ginge es immer um Leben und Tod. „Ich bin glücklich, ich bin am Ende.“ | „Wir wissen nicht, was wir haben, erst wenn die Wände zittern und der Boden unter unseren Füßen wankt, wenn diese Welt einzustürzen droht, ahnen wir, was Leben bedeutet …“ | So viel „DDR“ in ihren Tagebüchern, so viel Melancholie. | „Doch was lernen unsere Kinder? Leistung, Konsum, Stillhalten, Konformismus, Egoismus …“ | „Ich weiß ja, wie schwer es allen wird, irgendetwas zu sagen, aber ein bissl Anteilnahme erwartet man halt doch, ist leider so, und nicht nur das allgemeine stumpfe Schweigen!“ Sie hat recht. | „Das, was wir hier betreiben, Tanja, dass Menschen sich lange Briefe schreiben oder nächtelang ernsthaft diskutieren, das ist doch ein Luxus! Du beklagst Dich mit Recht, aber die Tatsache, dass Du in der Lage dazu bist, das nötige Bewusstsein hast, spricht für Deine privilegierte Situation, im Weltmaßstab gesehen.“ | „Aber Menschen sind nun mal keine Tomaten.“ | Erinnert mich an Brecht, Tagebuch 26. März 1921: „Alles, was ich nicht gelebt habe, die tiefe Trauer über ungelebtes Leben, wieviel Schönheit uns verlorengeht, für immer. Und wir lebten manchmal so, als ob wir unermesslich viel Zeit hätten!“ | Unsere Kinder: „gezähmte Elefanten“ |  „Sie ist schwer zu ertragen, diese Einsamkeit unter den Menschen.“ | „Warum bin ich so bitter, warum bin ich so hell?“ | „Mach nur weiter, das ist vernünftig, normal und notwendig, das alles wird von Dir verlangt, nicht denken, nicht daran rühren, mach nur so weiter, du wirst schon sehen, es geht, probiere!“ | T. Williams wird zitiert: „Die Zeit stürzt auf uns zu mit ihren Medikamententischen voll zahlloser Betäubungsmittel, während sie uns doch schon vorbereitet auf die unvermeidliche, die tödliche Operation.“ | Oft habe ich ähnlich gefühlt wie Tolstoi, der zitiert wird (211): „In diesen beiden Jahren beharrlicher geistiger Arbeit entdeckte ich eine einfache Wahrheit, die ich aber nur so kenne, wie niemand sie kennt: Ich entdeckte, dass es Unsterblichkeit gibt, dass es Liebe gibt und dass man für den anderen leben muss, um ewig glücklich zu sein!“

24.2.1981 ||| Auf der Straße vor dem großen Haus beobachtete ich einen Mann, der einen kleinen Kanister aufschraubte und sich mit Benzin übergoss. Die Passanten erstarrten, einige glotzten auch neugierig, vielleicht aus Lust oder Angst oder aus einer Mischung dieser beiden Gefühle, warteten ab. Der Mann stellte den Benzinkanister wieder neben den Stuhl, dunkelbraun und verziert mit seltsamen Schnitzereien aus der Jugendstilzeit. Nackte romantische Frauen hatte ich schon oft gesehen. Warum also diese Konzentration in solch einem Augenblick auf diesen Stuhl, da ich niemals zuvor (und danach auch nicht) auf so etwas geachtet. Der Mann, offensichtlich verrückt, trotz seiner klaren blauen Augen, nahm aus der Westentasche eine Schachtel, zündete mit ruhiger Hand ein Streichholz an, rief mit sonorer Stimme das unbegreifliche Wort: Nostalgia! und führte das brennende Streichholz an seine Jacke. Das zischte und erlosch. In diesem Moment herrschte völliges Schweigen. Er sprach langsam und deutlich: Ein Mann wird kommen und mit ihm die Hoffnung … Amen! schrien die anderen. Amen! Amen! Ich dachte an eine Filmszene, fühlte mich bedrängt von der schamlosen Menschenmasse, verloren im Osten.

27.2.81, Berlin ||| Premiere „Mann ist Mann“ von Brecht im Berliner Ensemble gesehen. Nein, Maria, ich habe Dich nicht vergessen. Nur – meine Worte sind mir ausgegangen; die Leidenschaft hat sich verkrochen in einen stumpfen Winkel, wartet, wartet … Dass Du zu mir gehörst – wie wäre es anders – ein Teil bist von mir; jetzt Legende: oft denke ich an Dich, wie an eine verzauberte Fee: als Ideal? Soll ich es mir wünschen? Du bist fern – das Leben fließt, nimm mich mit – habe viel gelernt. So hast Du mir also sehr geholfen – am Anfang, ohne dass ich es merkte, jetzt habe ich es verstanden. Wenn ich spreche – werde ich verstanden? Wenn ich nicht spreche – sage ich Dir nicht viel mehr? 



1.3.81 ||| War heute bei Elektra und Jochen. Privat-Party: Claus, Marlies, Thomas … bis 4 Uhr früh – viele politische Gespräche. Ein interessanter Gedanke dabei: in der DDR herrscht Feudalsozialismus – ein in Gebiete und unter einem hierarchischen System von „Bonzen“ aufgeteilter Staat. ||| Tagsüber Schinkel-Ausstellung besucht. Schinkel-Winkelmann-Ideal: „Blick in Griechenlands Blüte“. Sogar die arbeitenden Menschen – einen Tempel erbauend – werden als schöne „Menschen“ dargestellt. Was für eine Illusion.

22.4.81, Leipzig ||| Seminar bei Frau Dr. Christine Träger: Jeder Generalsekretär der SED versuchte, den Kommunismus einzuführen. Am schizophrensten die 10 Gebote von Walter Ulbricht. Proletkult: es ist nichts aus dem Nichts zu schaffen. Aber in 8 Tagen zu schaffen: der Kommunismus. Was für ein Schwachsinn. Am schönsten ist das 9.Gebot: „Du sollst sauber und anständig leben …“

24.4.81 ||| Gestern mit Angela im Casino-Kino gewesen: „Der Richter und sein Henker“ von Maximilian Schell und Friedrich Dürrenmatt. ||| Vom 3. bis zum 10.5. war ich in Berlin. Unter anderem: „Dantons Tod“ von Georg Büchner am Deutschen Theater, sowie Hauptmanns „Einsame Menschen“ und Gogols „Revisor“ am Maxim-Gorki-Theater gesehen.

29.5.81 ||| Lese Wilhelm Raabes „Abu Telfan“. Ich sollte auch versuchen, das zu tun, was Nikola (für einen Tag lang) tat: „Mein Herz habe ich begraben und die Welt angenommen, wie sie ist; ich habe das Buch meiner Hoffnungen und Träume abgeschlossen und mich in das Unabänderliche ergeben!“ Irgendwann muss ich erkennen, was mich treibt. Und wie ist mein Geist mit Griechenland verbunden. Und was bedeutet für mich Heimat? Noch mal Raabe: „… sich ‚tot zu stellen‘ in der Hand des Fatums ist unter allen Umständen das Vernünftigste und Bequemste.“

1.6.81, Leipzig ||| Ein schönes Wochenende mit I. verbracht. Aber die Unsicherheit bleibt … ||| Lese Schopenhauer, heute über die „Grundwahrheit“ in „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Bereits in diesem Sinne Schrift „Über die Weiber“ von Ernst Brandes aus dem Jahr 1787, zitiert von Friedrich Schlegel (Bd.1, S.19).

26.6.81, Leipzig ||| Meine Philosophie-Prüfung bei Prof. Wolfgang Lorenz mit 1 gemacht. Bin über Kants Ethik und Hegels Anmerkung der Doppelmoral befragt worden, und ich habe alles gewusst. Schwein gehabt.

2.6.81 ||| War vorgestern beim „Engerling“-Konzert in der Moritzbastei. Anschließend unterhielt ich mich länger mit Gunther Krex, dem Bassisten. Vorher hatten wir DDR-Literatur-Seminar in der HB mit Dr. Hartinger. Über „Wundertäter“ bzw. über Initiativbewegung in der DDR. Gestern zusammen mit L. einen angenehmen Abend verbracht. Waren im Kino: „Bis dass der Tod euch scheidet“ von Heiner Carow. Sind anschließend ins „Regina“.

19.10.81, Leipzig ||| Habe gesucht: das berühmte Zitat „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“. Mein Freund Udo Tietz belehrte mich, dass dies so nicht stimme. Ich solle doch in Fichtes „Wissenschaftslehre“ nach dem Originalzitat schauen. Bin in dessen „Zweiter Einleitung“ (10. Abschnitt) fündig geworden: „Was in einem vernünftigen Wesen als Anlage liegt, liegt in allen.“ Auf Wirksamkeit der Vernunft „gründet sich die Möglichkeit alles Bewussten“. Und dann kommt er, ganz anders gemeint, viel tiefgründiger und apokrypher, der Satz: „Zur Einsicht in die Notwendigkeit ist Freiheit notwendig“. Und weiter: „Wenn dieses Vermögen der Freiheit nicht schon da ist und geübt ist, kann die Wissenschaftslehre nichts mit dem Menschen anfangen.“ Ach, sind das schöne Sätze, Sauerstoff für mich, der ich bereits 1975 auf dem Kreuzschule-Gymnasium konfrontiert wurde mit dem Rosa-Luxemburg-Satz: „Freiheit bedeutet die Freiheit der Andersdenkenden“. Und wieder weiter bei Fichte: das sind Kenntnisse, „die wir nur aus uns selbst, zufolge einer vorher erlangten Freiheit schöpfen können.“ ||| Wie schön diese Menschen dachten, damals Ende des 18., Anfang des 19.Jahrhunderts, kurz nach der Französischen Revolution. Der Atem einer neuen Zeit: „Bildung des ganzen Menschen von seiner frühesten Jugend an; dies ist der einzige Weg zur Verbreitung der Philosophie“. Fichte, alter Junge, lass wieder die Fenster verdunkeln, lass wieder die Menschheit in sich gehen, zu sich selbst kommen, das Ich und das Über-Ich erkennen, die WAHRHEIT sehen, begreifen. Denn: das „philosophische Genie“ ist jenes, „das sich in der allgemeinen Erschlaffung dennoch zu einem großen Gedanken erhebt“. ||| Für Fichte ist die „Wissenschaftslehre“ ein System des „transzendentalen Idealismus“. Daraus ergibt sich konsequenterweise die Ablehnung aller „Systeme“. Allerdings kann in jedem „Einzelnen“ die Philosophie einen Impuls auslösen, sich ihren „Zweck und Umkreis“ zu eigen zu machen! Wie unterschiedlich zum heutigen das damalige Verständnis von „Philosophie“. Philosophie als Wissenschaft – „wenn auch etwa jener Eine sie gar nicht, außer sich darzustellen wüsste“ …

20.10.81, Leipzig ||| „Gegenwart“: gebrochenes Verhältnis zu diversen Punkten der Vergangenheit: kann man auch mit „Geschichtsbewusstsein“ umschreiben. Irgendwie muss ich an Ritsos dabei denken. ||| B: Da war ein Haus mit einem roten Dach. Eine schöne, einladende Treppe führte zur Tür. | (A tritt auf, sucht etwas auf dem Boden in der rechten Ecke der Bühne) | B: Es war eine schöne Tür, mit goldenem Griff; die Nachbildung eines Löwenkopfes. Aber genau erinnern kann ich mich nicht. Nein … wartet! Da fällt mir etwas ein: Hinter der Tür begann das Meer. Das wusste ich nicht. Begonnen hatte alles am Montag. Montag früh. Aber ich wollte euch von der Tür erzählen … | A: (richtet sich auf) Verdammt, ich kann’s nicht finden! | B: Verzeiht, ich muss diesem Menschen helfen (zu A) Gehst du jetzt? (zum Publikum) Er ist doch einer? (wird nachdenklich) Er ist doch einer?! (blickt etwas erschrocken) Ich bin am Ende nicht hingefallen? Nein, nein, weiß von nichts! Warum sollte dieser von Dresden gehört haben? … Was soll das jetzt? Wie komme ich darauf? (Abwehrend) Ich wollte diesem Menschen helfen. | A: Wo ist es nur? 




3.3.82, Leipzig ||| Bin gerade mit der Ritsos-Übersetzung fertig: 336 Monochorde. Einer davon: „Eine gute Maske für schwierige Zeiten, der Mythos.“ Jetzt beginnt die Feinarbeit … ||| Vor zwei Wochen fasste ich den Entschluss: Ich stelle den Antrag, für ein Jahr vom regulären Studienbetrieb freigestellt zu werden, um durch Lateinamerika zu reisen. Die Idee wurde bei Gisela geboren, die auch den Stein ins Rollen brachte. Dann bekam ich unverhofft Unterstützung von Prof. Claus Träger, er riet mir zu und versprach zu helfen; daraufhin gab auch die Sektionsleitung grünes Licht. Mit meinem Vater sprach ich am 10.2. darüber. Er hat große Vorbehalte, Angst, ist absolut dagegen … Als Uwe von meinen Reise-Plänen nach Südamerika hörte, war er hingerissen. Zwar versetzt er mich ständig … mein bester Freund, aber was soll’s … Über ihn lernte ich auch Udo kennen, einen angehenden, abgefahrenen Philosophen. Ich liebe diese Voyeure des Geistes, diese hirngeborenen Praktiker. Alles durcheinander in ihren Köpfen: Existenzialismus, Kommunismus, Neukantianismus, die freie Liebe, der junge Marx, die DDR, Max Weber, Sehnsucht nach irgendwas, vielleicht nach …, ja, doch nach Freiheit. 



25.6.82, Berlin ||| 12.30 in der Akademie der Wissenschaften Treffen mit Dr. Malina. Wir unterhielten uns lange. Sie fragte mich, ob ich nächstes Jahr zum Kazantzakis-Geburtstag etwas schreiben wolle. ||| Dann gegen 13.30 bei Kiriakos – habe aber nur Rula getroffen, die mir zu essen machte und mit der ich mich sehr lange unterhielt. Sie nannte ihren Vater einen Dogmatiker und erzählte mir von ihren Schwierigkeiten beim Studium und im Kommunistischen Jugendverband Griechenlands. Ich zeigte ihr meine Nachdichtung der „Monochorde“ sowie vom Gedicht „Einsamkeit“. Erzählte ihr von meinen Plänen, nach Lateinamerika auszuwandern, sie war perplex. Sie selbst ist unzufrieden mit dem Studium und besonders mit der Art, die Prüfungen abzulegen. Sie will bei der Berliner Zeitung anfangen. Bot mir an, in ihre Berliner Wohnung zu ziehen. ||| Monochord 31: „Mit euch, ja (und nicht in der Einsamkeit), einsam.“ Monochord 88: „Wenn du niemals die Augen schließt, wächst du nicht.“

28.10.82, Leipzig ||| Die letzten zwei Tage mit Uwe in meiner Wohnung gearbeitet: Rede (für morgen auf der Philosophischen Arbeitstagung) ausgearbeitet: „Drei Modellfälle zum Zusammenhang von Literatur und Philosophie. Skizzierung eines Problemfeldes“. Ich liebe meinen Schopenhauer. ||| Dabei viel in Lukacs‘ Vorwort zur „Eigenart des Ästhetischen“ gelesen. Da steht: „Denn die genaue Analyse der Tatsachen wird hier besonders deutlich zeigen, dass die gedankliche Bewusstheit über das im Gebiet des Ästhetischen praktisch Geleistete immer hinter diesem zurückgeblieben ist.“ ||| Heute 45 Minuten-Unterhaltung mit Prof. Werner über Ritsos-Projekte. Trank mit B. einen Gin-Tonic und verknallte mich in sie. Was wird Uwe dazu sagen? ||| Sah mir anschließend im Casino-Kino Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“-Film von 1969 an. ||| Lese nachts weiter bei Lukacs: „Es kommt dabei natürlich auf die Entwicklung der objektiven ästhetischen Tatsachen an, nicht darauf, was ihre Vollstrecker über ihr eigenes Tun gedacht haben. Gerade in der künstlerischen Praxis ist die Divergenz zwischen Tat und Bewusstsein über sie besonders groß.“ Auch sehr interessante Darlegung seiner verwendeten Methode („der Bestimmungen im Gegensatz zu der der Definitionen“). Hinweis auf Lob von Max Weber sehr bezeichnend. Werde morgen Uwe fragen, was er davon hält. 

6.1.83, Leipzig ||| Komme gerade von Uwe. Haben uns heute im Barbe getroffen und ich hab ihm meinen Teil der Arbeit für Prof. Bönisch übergeben. Er informierte mich beiläufig, dass I. ihn nicht mehr grüßt, da er ihr über den Mund gefahren sei. Er hatte aber eine abweisende Haltung mir gegenüber: „Hast du deine Probleme mit den Pappfeinden hinter dir?“ – so argumentierte er. ||| Wir verabredeten uns für 17 Uhr. Als ich hinkam, war er nicht da, ich schrieb ihm einen Zettel und lief die Treppe runter. Da sah ich sie: I. an Uwe gelehnt; beide traut lächelnd. Als sie mich sahen, waren sie für einen Moment schockiert, dann Uwe ziemlich verlegen. ||| Wir gingen hoch, ich nahm den Zettel, den ich ihm an die Tür gesteckt hatte und sagte: „Ich wollte eigentlich mit dir über die drei Seiten zu Georg Lukacs für Prof. Bönisch sprechen, also über Philosophie.“ Er schaute mich verzweifelt an: „Darüber aber nicht heute.“ Ich schlug ihm vor, uns am nächsten Tag um 17 Uhr in der Unibibliothek zu treffen. Wollte gehen. Da sagte er: „Das gefällt mir jetzt nicht.“ – „Was denn?“, fragte ich und floh nach draußen.

9.7.83, Leipzig ||| Am 4.7. hatte ich bei Dr. Weber Sprachwissenschafts-Prüfung: machte eine glatte 4. Nun ja, kein Kommentar. Ein Desaster. Gestern las ich „Das Gemälde“ von Daniil Granin aus. Letzte Woche, in Vorbereitung auf die Literaturwissenschaftsprüfung, führte ich mir eine Reihe von Büchern erneut zu Gemüte: „Die Geliebte der Morgenröte“ (3 Erzählungen) und „König Ödipus“ von Franz Fühmann, „Tod in Venedig“ von Thomas Mann, „Stechlin“ von Fontane, Lessings „Miss Sara Sampson“, Annette Droste-Hülshoffs „Die Judenbuche“, Grillparzers „Der arme Spielmann“, Hauffs „Das kalte Herz“, E.T.A. Hoffmanns „Der goldene Topf“, Novalis‘ „Hymnen an die Nacht“, Hugo von Hoffmannsthals „Eine Reitergeschichte“.

27.10.83, Leipzig ||| Am Montag zog ich bei Uwe ein. Dann tranken wir Whisky. Ziemlich viel, glaube ich. Nabil war kurz da. Seit vorgestern übersetzte ich zehn Seiten vom Tonband: das Ritsos-Interview für die Zeitschrift „Sinn und Form“. Las in den letzten Tagen alles Mögliche von Euripides: „Die Troerinnen“, „Helena“, „Elektra“, „Iphigenie auf Tauris“. Was für ein Autor! Doziere stundenlang über meine „Entdeckungen“ und meine „Erkenntnisse“ – Uwe hört geduldig zu und macht seine weisen Bemerkungen. Überflog heute wieder den Ritsos-Roman „Was für eigenartige Dinge“. Eine Fundgrube! ||| Von Uwe entdeckt, für mich aufgeschrieben: „Das Reich der Vernunft ist das Reich der Freiheit und keine Knechtschaft ist schimpflicher, als die man auf diesem heiligen Boden erleidet. Aber viele, die sich ohne innere Befugnis darauf niederlassen, beweisen, dass sie nicht freigeboren, bloß freigelassen sind.“ Friedrich Schiller, 13. Juli 1793

1.11.83, Leipzig, nachts ||| Heute Nachmittag hier bei Uwe angekommen, seitdem durchgearbeitet. Er ist immer noch nicht da. Bei mir häuft sich wieder alles: Gestern in Dresden fand ich 1) vom Verlag Neue Musik die griechische Fassung der „Sadduzäer-Passion“ zum Korrektur-Lesen; heute schon erledigt. 2) Die Fahnen des Jannis-Ritsos-Poesiealbums zur Korrektur (heute erledigt); bei einigen meiner Gedichtübersetzungen sind Veränderungen vorgenommen worden, vorwiegend Interpunktion, aber auch anderes. Und 3) ein Telegramm von Rainer: Bis zum 6. Dezember will das Fernsehen mein Szenarium für den Ritsos-Film haben. Ich muss übersetzen, schreiben, übersetzen. Wo bleibt nur Uwe, dass ich ihm das alles erzählen kann …

2.11.83, Leipzig ||| Heute früh kam Uwe. Wir sprachen lange über meine verkorkst-normale Geschichte mit B. usw. Wollten dann zu Nabils Doktoranden-Verteidigung gehen. In der Stadt traf ich B., sie bebte am ganzen Körper, ich schlug ihr vor, dass wir zusammen einen Kaffee trinken. Sie nahm meinen Arm und wir gingen in die Teestube. Blieben dort 1 1/2 Stunden. Bin fix und fertig. Uwe versucht, mich aufzumuntern.

8.11.83, Leipzig, nachts ||| Heute vor einem Jahr starb Vater. Ich ging mit Uwe einen Wodka auf ihn trinken. Wenn ich könnte, würde ich jetzt für ihn Padmoskowskje Vetschera singen … ||| Gestern kam ich in Leipzig an und wir unterhielten uns lange. Abends dann zu Czecho und Ingrid, ich holte sie ab, wir sahen den „18. Brumaire“ von Karls Enkel. Auch Peter Geist war da und die ganze Clique der 11. Etage. ||| Lernte Peter Gosse kennen. Sprach wieder lange mit Steffen & Wenzel. Steffen bemerkte zu meinem Ritsos-Text, dass die Konstruktivität der Dichtung und Sprache als Fakt noch hineingehört. ||| Übersetzte gestern und heute für unseren Film Ritsos-Interviews. Bin etwas paralysiert. Kann nicht viel anderes machen. Um 19.00 bis 21.30 im Rundfunk DDR II „Athener Abend“: furchtbar! 



23.5.1984, Dresden ||| Vorgestern in Leipzig Verleihung der Ehrendoktorwürde an Ritsos, den Eri begleitet. In seiner kurzen Ansprache machte er auf einen merkwürdigen Zufall aufmerksam: „Die Leipziger Universität wurde 1409 gegründet, und ich wurde 1909 geboren, also genau 500 Jahre später. Sie feierten in diesem Jahr das 575jährige Bestehen Ihrer Universität und ich meinen 75. Geburtstag. Ich bin in gewisser Weise ein Altersgenosse Ihrer Universität, nur 500 Jahre jünger. Rechnet man mir die griechische Tradition zugute, aus der ich komme, bin ich natürlich ein paar Tausend Jahre älter. Auf jeden Fall bin ich stolz darauf, Ehrendoktor einer Universität zu sein, an der ein Lessing, ein Leibniz und ein großer, ein sehr großer Autor, nämlich Goethe, studiert haben. Und auch weil mein Freund Pablo Neruda den Titel eines Ehrendoktors hier erhalten hat.“

© Asteris Kutulas

Mythos Konstantin Kavafis

Kavafis und kein Ende

Darüber habe ich oft nachgedacht in den letzten zwanzig Jahren, über Kavafis‘ scheinbar unerschöpfliche Modernität, wobei dieser Ausdruck nicht genau das trifft, was ich meine. Macht nichts, die Ungenauigkeit beschreibt letztendlich vielleicht besser den Kern. Jedenfalls sehr erstaunlich und ein Phänomen, dass Kavafis mit seinem spröden und kargen poetischen Stil noch so viele Menschen überall auf der Welt anspricht. Unerwartete Begegnungen mit seinen Gedichten oder Gedichtfetzen zu den verrückstesten Gelegenheiten. Ein Rätsel für mich auch, wie er als homosexueller Dichter innerhalb der griechischen Gemeinde Alexandriens so gut überleben konnte, scheinbar entrückt in eine eigene Realität, gemacht aus Worten …

Mein erster Kavafis-Band mit Werken aus seinem Nachlass, veröffentlicht 1991 im Hanser-Verlag

Gedanken zu Konstantin Kavafis 

I

Der „Mythos“ Kavafis setzt sich aus folgenden Ingredienzien zusammen: 

  • Konstantin Kavafis hat zeitlebens kein Buch veröffentlicht und nur 154 Gedichte als Opus hinterlassen, abgesehen von etwa zwanzig anderen, in seiner Jugend veröffentlichten lyrischen Texten, deren Autorenschaft er leugnete. 
  • Kavafis, der die griechische Literatur erneuerte, hat niemals in Griechenland gelebt, was einige zu der These veranlasste, diese gerade deshalb revolutioniert zu haben. 
  • Kavafis war homosexuell und hat – was einige Kavafologen behaupten und andere bestreiten – darunter gelitten. Auch gibt es diesbezüglich die These, Kavafis sei nicht in Wirklichkeit homosexuell gewesen, sondern nur im Geiste usw. usf. 
  • Kavafis war ein Dichter des introvertierten „geschlossenen Raums“, der Bibliothek, im Gegensatz zur „Extrovertiertheit“ seiner anderen griechischen Dichterkollegen. Das galt sowohl für den Ton als auch für die Thematik seiner Lyrik. 

Der Grund jedoch für die Existenz des Mythos ist: Kavafis war ein sehr guter Autor. Und obwohl die Beschränkung auf die bekannten 154 Gedichte tatsächlich Programm war und geholfen hat, seine eigentliche Intention deutlich zu machen, haben die im Verlauf der letzten siebzig Jahre nach und nach veröffentlichten anderen Texte seinen Ruhm nur noch mehr gefestigt und am Mythos „Kavafis“ weitergestrickt. Ich muss gestehen, dass mich Kavafis früher auch mehr als Mythos fasziniert hat, denn als Dichter. Darum fand ich meinen Zugang zu diesem eigenwilligen Autor über seine Prosa, konkreter über seine Notate, die mir eine für mich reizvolle Welt eröffneten. Diese Notate also waren mir der Anlass, Kavafis zu übersetzen. Inzwischen ist aus mir, dem ehemaligen Skeptiker, fast ein Kavafologe geworden – wobei dieses „fast“ von ausschlaggebender Bedeutung ist. 

II

Kurz vor seinem Tod bemerkte Kafavis: „Zwei Dinge hätte ich machen können: Gedichte und ein Geschichtsbuch. Das Geschichtsbuch habe ich nicht geschrieben und nun ist es zu spät“. Der das sagte hinterließ ein poetisches Werk, das – bestehend aus 154 von ihm selbst veröffentlichten Gedichten – wie kaum ein anderes die griechische Moderne tief beeinflußt hat. Konstantinos Kavafis, der als achtes Kind eines reichen Großhändlers am 29.April 1863 geboren wurde und auf den Tag genau siebzig Jahre später, am 29.April 1933, starb, brachte – in seiner Eigenschaft als Dichter K.P.Kavafis, wie er etwa seit seinem vierzigsten Lebensjahr an die Öffentlichkeit trat – einen neuen „sachlichen“ Ton in die griechische Lyrik ein. Zu einer Zeit des in Griechenland vorherrschenden Symbolismus mit den sprachgewaltigen Bildern eines Angelos Sikelianos (1884-1951) oder der blumigen Poesie des vom demotischen Lied tief beeinflußten Kostas Kristalis (1868-1894) oder der hehren Wortkaskaden des schon zu Lebzeiten als unantastbaren Klassiker verehrten Kostis Palamas (1859-1943), dem poetischen Gegenpol zu Kavafis, entwickelte dieser eine karge, epigrammatische Sprache, die Ausdruck einer prosaischen, da pessimistischen, Weltsicht war. Kavafis sah in der Gegenwart den Schlußpunkt eines fatalen Geschichtsverlaufs: Der untergehende, in seinen Strukturen verfaulte Hellenismus der vorchristlichen Zeit diente ihm als poetische Metapher für das im 19.Jahrundert – nach einer vierhundertjährigen osmanischen Okkupation – krankgeborene moderne Griechentum. Seltsam genug: Kavafis tritt, nur wenige Jahrzehnte nach der Gründung des neugriechischen Staates im Jahre 1829, in seinen Gedichten als Chronist einer Endzeit auf. Und die „Trojaner“ eines jeden belagerten Troja, wie die im gleichnamigen Gedicht von 1900, tragen, obwohl sie sich noch im Kampf befinden, das Wissen um ihre endgültige Vernichtung mit sich herum: 

Aber das Verderben ist uns gewiß. Dort oben, 
auf den Mauern, beginnen schon die Totenklagen. 

Kavafis studiert griechische, römische und byzantinische Geschichtsbücher und beschreibt, in kurzen poetischen Skizzen, als würde es gerade geschehen, den Untergang der Diadochenreiche Alexander des Großen, den Sieg der Römer über die Griechen, apokalyptische Bilder aus dem byzantinischen Reich – für einen griechischen Intellektuellen um die Jahrhundertwende vertraute Assoziationen, möchte man heute meinen. Doch dem war nicht so. Eher beherrschten die heroischen Taten der griechischen Stadtstaaten im Kampf gegen die Perser, so der Kampf des Spartanerkönigs Leonidas bei den Thermopylen, und die klassischen Meisterwerke, etwa der drei Tragiker, die Bilderwelt der neugriechischen Literatur nach der Revolution von 1821. Fast alle Schriftsteller verstanden sich als geistige Verfechter der nationalen Wiedergeburt. Die Aussparung der klassischen Antike in seinen „historischen“ Gedichten, die das Gros seines poetisches Werkes ausmachen, ging bei Kavafis einher mit einem intensiven Gefühl für aktuelle Ereignisse und einem unnachgiebigen Skeptizismus: Die Gedichte „Krieger für den achäischen Bund“ (1922), „Die Schlacht von Magnesia“ (1913), „Zu Antiochos Epiphanes“ (1911) und viele andere beschwören den Untergang der Nation, sie „beginnen schon die Totenklagen“ im Augenblick der nationalen Euphorie. Kavafis schuf sein reifes Werk in einer Zeit großer kriegerischer Auseinandersetzungen, die von seinen Dichterkollegen stürmisch begrüßt und patriotisch besungen wurden: 1897 der Kampf um Kreta und die Niederlage Griechenlands gegen die türkischen Truppen, 1903 bis 1908 die militärischen Operationen in Makedonien, 1909 die revolutionäre Bewegung auf Kreta, 1912 bis 1913 die Balkankriege, 1915 bis 1918 die Teilnahme Griechenlands am 1.Weltkrieg und schließlich 1922 die Kleinasiatische Katastrophe mit ihren verheerenden Folgen und dem Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei. Vielleicht half ihm die „Ferne“ Alexandriens solche, in der griechischen Literatur unerhörten, Gedichte wie „Wartend auf die Barbaren“ (1904) zu schreiben oder folgende, im Heimatland kaum denkbare, Antinomie im Gedicht „Der Darios“ (1917) aufzustellen: 

Im Krieg – stell dir vor!, griechische Gedichte. 

Denn im griechischen Mutterland hätte man viel eher ausgerufen: 

Im Krieg – jetzt erst recht!, griechische Gedichte. 

und sich vielleicht an die „Perser“ von Aischylos erinnert. So setzt Kavafis oftmals gegen den rhethorischen Wortschwall der griechischen Dichter die Lapidarität historischer Kommentare, die die distanzierte Haltung zum poetischen Geschehen verstärken und jede emotionale Regung unterdrücken oder gar ironisch erscheinen lassen. 

Giorgos Seferis (1900-1971), der erste griechische Literaturnobelpreisträger, nannte Kavafis in einem seiner vielen Essays über den „Alexandriner“ einen „proteischen Dichter“ – in Anlehnung an Proteus aus der antiken Sage, dem alten Meergreis, der sich in verschiedene Wesen verwandeln konnte: Kavafis, der Gelehrte des geschlossenen Raumes, der Bibliothek, der am liebsten Historiker hätte werden wollen, der durch diese Wendung nach innen, durch das intensive Er-Leben – ähnlich wie wir es bei dem bedeutenden argentinischen Schriftsteller J.L.Borges finden – der aus den Büchern erfahrenen Geschichte des Griechentums, sich diese Fähigkeit des Hineinschlüpfens in andere geschichtliche Persönlichkeiten, wirklichen und imaginären, erworben hatte. Diese kavafische Methode, die Gegenwart durch die Brille der Vergangenheit abzubilden und zu verfremden, bezeichnete Seferis in Anlehnung an den Dichter T.S.Eliot als „historischen Sinn“, der dem Dichter ermögliche, sich selbst und seine Epoche ins Gedicht mit einzubringen. Die Lakonie seiner Poetik übertrug Kavafis sehr konsequent auch auf seine Selbstdarstellung als Künstler. Folgende biographische Notiz gab er 1924 einer Athener Zeitschrift, die ihn dem griechischen Publikum vorstellen wollte:

Ich stamme aus Konstantinopel ab, bin aber in Alexandria geboren worden – in einem Haus auf der Serif-Straße; bald danach verließ meine Familie diese Stadt und ich verbrachte einen guten Teil meiner Kindheit in England. Dieses Land besuchte ich noch einmal viel später, doch nur für kurze Zeit. Wir haben auch in Frankreich gewohnt. In meiner Jugend lebte ich über zwei Jahre in Konstantinopel. In Griechenland bin ich schon sehr lange nicht mehr gewesen. 
In der letzten Zeit arbeitete ich als Beamter im Büro des Ministeriums für öffentliche Bauten in Ägypten. Ich spreche Englisch, Französisch und ein wenig Italienisch.

III

Ich muß gestehen, daß mich Kavafis früher mehr als Mythos fasziniert hat, denn als Dichter. Darum fand ich meinen Zugang zu diesem eigenwilligen Autor über seine Prosa, konkreter: über seine Notate, die mir eine mich faszinierende Welt eröffneten. Diese Texte habe ich in den Mittelpunkt des bei Hanser erschienen Bandes mit Kavafis-Prosa gestellt, den ich – zugegebenermaßen – nur ihretwegen gemacht habe:

Konstantin Kavafis, Die Lüge ist nur gealterte Wahrheit. Notate, Prosa und Gedichte aus dem Nachlass. Herausgegeben von Asteris Kutulas. Übersetzt von Asteris & Ina Kutulas, Hanser Verlag, München 1991

Die Notate also waren für mich der Anlaß, Kavafis zu übersetzen. In diesen ersten Hanser-Band nahm ich außerdem einige der „Unveröffentlichten Gedichte“ auf, erstens weil ich Bücher mag, die Unterschiedliches beinhalten und dadurch spannender zu lesen sind, zum anderen weil die Gedichte mir von der Thematik zusagten. Ich war allerdings davon überzeugt, daß ihre Qualität nicht an die der bekannten Gedichte heranreicht. Doch durch die Übersetzung entschärfte sich der im Griechischen zum Teil existierende Schwachpunkt, nämlich die sprachliche Substanz – das Problem, das Kavafis so sehr beschäftigte. Sie wurden durch die Optik des Übersetzers zu deutschen Texten, gänzlich herausgelöst aus ihrem natürlichen sprachlich-stilistischen Umfeld. Und plötzlich unterschieden sie sich nicht mehr – im Deutschen – von den sogenannten anerkannten Gedichten. So kam es, daß in einigen Rezensionen zu diesem Buch eine deutsche Edition mit allen „Unveröffentlichten Gedichten“ verlangt wurde, was mich veranlaßte, meine anfänglich ablehnende Haltung zu revidieren. Es erschien zwei Jahre später bei Hanser der zweite Kavafis-Band mit den 78 unveröffentlichten und den 23 verworfenen Gedichten sowie weiteren Texten aus dem Nachlaß:

Konstantin Kavafis, Die vier Wände meines Zimmers. Verworfene und unveröffentlichte Gedichte. Herausgegeben von Asteris Kutulas. Übersetzt von Ina & Asteris Kutulas, Hanser Verlag, München 1994

Ich muß dazu sagen, daß mein Verleger Michael Krüger, der selbst ein ausgezeichneter Literat ist und als Herausgeber der Edition Akzente Vorbildliches leistet, mich bereits während der Arbeit am ersten Buch zu einer Übersetzung dieser nachgelassenen Gedichte gedrängt hatte, ich aber mit Verweis auf deren unzureichende Qualität davon abgeraten hatte. Inzwischen ist aus mir, dem ehemaligen Skeptiker, fast ein Kavafologe geworden (wobei dieses „fast“ von ausschlaggebender Bedeutung ist). 
Nachdem nun in Griechenland 1995 die „Unfertigen Gedichte“ veröffentlicht wurden, von denen ich zehn in deutscher Erstübersetzung in der Chronika-Zeitschrift 1996 vorstellte, arbeite ich an einem dritten Nachlaß-Band, der autobiographische Texte, einen längeren Essay sowie die 30 „unfertigen Gedichte“ von Kavafis beinhalten wird. Wobei ich mich in Sachen Kavafis immer noch wie auf einer Entdeckungsreise wähne, also mir mehr mit Spaß, Lust und wachsendem Interesse seine Texte für mich „aufschließe“ und sie ins Deutsche übertrage, wie um sie besser zu verstehen … Doch sehen wir uns abschließend systematischer an, welche Editionen nach dem Tod von Kavafis erschienen sind:

  • Zunächst Prosa, also Essays, Buchkritiken, Notate, Erzählungen, Kolumnen, Autobiografisches: Das meiste davon ist gesammelt in drei Bänden (1963 Unveröffentlichte Prosa,1963 Prosa,1983 Unveröffentlichte Notate), viele andere kleinere Prosastücke erschienen in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften.
  • Unveröffentlichte Gedichte: 78 von Kavafis vollendete und der Nachwelt willentlich hinterlassene Gedichte (1968).
  • Verworfene Gedichte: 23 von Kavafis in seiner Jugend in Zeitschriften Alexandriens veröffentlichte und später verleugnete Texte (1983).
  • Und schließlich erschienen 1996 in Griechenland 30 „Unfertige Gedichte“. Also Texte, die mehr oder weniger ausgearbeitet waren. Bedeutend ist, daß sie fast ausschließlich aus dem letzten Jahrzehnt seines Schaffens stammen, und daß es Texte sind, die Kavafis hatte unbedingt zu Ende schreiben wollen. 

Diese Editionen runden (in großem Maße) das Bild vom Dichter und Menschen Kavafis weitgehend ab. Und Georgios Savidis, dem bedeutendsten Kavafologen zufolge, ist aus dem Archiv kaum etwas Neues in größerem Umfang zu erwarten. Ab jetzt bleibt es also dem Leser vorbehalten, sich sein eigenes Kavafis-Bild zu machen bzw. dem „Mythos Kavafis“ in seine Unergründbarkeit zu folgen. 

© Asteris Kutulas, 1991/2002

Mein zweiter Kavafis-Band mit Werken aus seinem Nachlass, veröffentlicht 1994 im Hanser-Verlag

Kutulas/Zotos/Petzold – Deformationen, eine Jannis-Ritsos-Klanghommage

Der 1909 geborene griechische Dichter Jannis Ritsos sah sich zeit seines Lebens mit den unterschiedlichsten Deformationen konfrontiert – mit gesellschaftlichen, geistigen, politischen und psychischen Miss- oder Verbildungen, mit gewissen Konstellationen, Energiezuständen und mit Bildern, die in unserem Kopf, vor unserem inneren Auge ablaufen, was philosophisch treffend mit dem „großen Unterbewusstsein“ umschrieben wurde, das dafür ein Reservoir bildet. Die Unmassen an Verdrängtem, unsere heimlichen und unheimlichen Sehnsüchte, verdichtete Ritsos zu phantasmagorischen Alpträumen des Tags und der Nacht – uns durch ihre Monstrosität die Gewissheit vermittelnd, sie hätten nichts, absolut gar nichts mit uns zu tun. Andererseits lässt es sich mit ihnen plötzlich leben, durch ihre poetische Ausformulierung werden sie uns seltsam nahegebracht, verlieren ihre erschreckende Fremdheit.

Das Konzept dieser strapaziösen, schmerzlichen und zum Teil befreienden Poetik bildete die Grundlage für das einstündige „Deformationen“-Programm, dessen Text-, Musik- und Klangstruktur von Jannis Zotos, Dietrich Petzold und mir entwickelt wurde. Unser Freund Stefan Körbel produzierte diese Aufnahme und wollte sie im DDR-Rundfunk spielen, was aber, glaube ich, nicht klappte.

 

Alle Texte von Jannis Ritsos

Asteris Kutulas, Übersetzung & Rezitation

Jannis Zotos, Gitarre & Bouzouki & Percussion, Vocals

Dietrich Petzold, Violine & Percussion, Vocals

Aufgenommen und produziert von Stefan Körbel

Live aufgenommen 1988 in Ostberlin

Hier also die Erst-Veröffentlichung dieses akustischen Experimental-Stücks.

 

Deformationen

Diese Frau zählte viele schöne Liebhaber. Jetzt / hat sie genug davon; sie schminkt nicht mehr ihre Augen; zieht nicht mehr / die Härchen um ihren Mund mit der Pinzette einzeln heraus; / sie bleibt bis um zwölf Uhr mittags im breiten Bett; / ihr Gebiss hat sie unter dem Kopfkissen liegen. Die Männer / bewegen sich nackt von einem Zimmer zum andern, sie gehen / oft ins Bad, drehen mit großer Vorsicht die Wasserhähne zu; / rücken wie zufällig eine Blume auf dem in der Mitte des Zimmers stehenden Tisch zurecht / im Vorbeigehen, so lautlos, widerwillig, so ohne Leidenschaft jetzt, / ohne Ungeduld und Geilheit, – die Leidenschaft indessen / ist deutlicher noch zu erkennen, wenn sie verlischt. Der Männer dichte Behaarung / lichtet sich, verwelkt, ergraut. Die liegende Frau / schließt die Augen, um die Zehen ihrer Füße nicht länger sehen zu müssen, / die voller Schwielen, ganz deformiert; sie, die einst robuste – / hat nichtmal die Kraft, die Augen soweit zu schließen, wie sie will, / so beleibt, versunken in ihrem Fett, erschlafft, / wie die Dichtung wenige Jahre nach der Revolution. 

Jannis Ritsos, Athen, 29.1.72

Theodor Storms Novelle „Hans und Heinz Kirch“

Theodor Storms Novelle „Hans und Heinz Kirch“
von Asteris Kutulas (1981)

I

„Auf einer Uferhöhe der Ostsee liegt hart am Wasser hingelagert eine kleine Stadt, deren stumpfer Turm schon über ein Halbjahrtausend auf das Meer hinausschaut.“ (364) Gefangennahme der Phantasie; sacht, aber unerbittlich werden die Sinne hineingezogen in diese Stimmung einer „abgeschlossenen Einsamkeit“. Die „kleine Stadt“ am Meer, gleichsam ruhig, ohne Lärm, nur im „Frühling“ durch das „unablässige Geschrei der Strand- und Wasservögel“ in ihrer scheinbaren Trägheit etwas gestört. Schöne Landschaft – Eindruck einer Idylle, in der Veränderung kaum denkbar; der Turm ist schon seit einem „Halbjahrtausend“ stumpf, die Leuchttürme „entzünden“ wie von allein „ihre Feuer“. Doch dann der leise Hauch einer Bewegung: „die sogenannte Bürgerglocke“ hängt nicht mehr „wie seit Jahrhunderten“ im Kirchturm auf dem Markte. Das „Gesinde“ oder auch der „Haussohn“ brauchen sich nicht mehr der absoluten Herrschaft des Familienoberhauptes unterzuordnen.

Dann die Entschuldigung der „tüchtigen Menschen“ für ihre, „noch vor kurzem“ bestehende, Rückständigkeit. Es ist der Hinweis auf die Bewohner der „kleinen Stadt“, „unabhängig von dem Gelde und dem Einfluss der umwohnenden großen Grundbesitzer“, aus „alten Bürgergeschlechtern“ (364 f.) stammend. Die gleichen genetischen Wurzeln münden in die gegenwärtige Agonie zwischen einem „kleinen Patriziat“ mit stattlicheren Wohnungen und den anderen Bewohnern in den „niedrigeren Häuserreihen“ (365). Und dann erscheint ein „Aber“, wie zur Beruhigung, dass auch die jetzt Reichen noch „bis zum letzten Jahrzehnt“ sich ihre „Wohlhabenheit“ auf dem gleichen „Weg“ wie ihre „Vorfahren“ erworben haben. Die Aussage braucht nur weitergeführt zu werden: Jetzt müssten die Söhne nicht mehr diesen Weg gehen…

Der Auseinanderfall zwischen Arbeit und Reichtum, zwischen Reichtum und Rechtschaffenheit überschattet die Beziehungen zwischen den Bürgern der Stadt. Der zwingende „Stufengang der bürgerlichen Ehren“, dessen eine Stufe ihren Ausdruck im privilegierten Schifferstuhl mit dem „Barkschiff“ hat, lässt sogar „statt der Andacht ein ehrgeiziges Verlangen“ im „kleinen Bürgerstande“ aufkommen. Die dadurch ihrem Wesen entfremdete Kirche führt statt zu „gottseligen Gedanken“ (365 f.) zu „erregten weltlichen Entschlüssen“ (366). Die Horizonte und die Ideale – ihre eigentlichen Grenzen.

II

Rückversetzung in die Zeit davor. Zeit zwischen Zeiten: erzählte Zeit. Die „Abschaffung der Bürgerglocke als eines alten Zopfes war in der Stadtverordnetenversammlung von einem jungen Mitgliede zwar in Vorschlag gebracht worden, aber zwei alte Herren hatten ihr das Wort geredet … Und nach wie vor, wenn es zehn vom Turm geschlagen hatte, bimmelte die kleine Glocke hinterdrein“ (389). Fünfzehn Jahre vor diesem Sieg der alten Herren über den Geist der neuen Epoche verabschiedete Hans Kirch seinen Sohn Heinz zu einer mehrmonatigen Bewährungsreise als Matrose. Dass der nicht wiedergekommen, liegt an der Eigenheit einerseits des Vaters, der dem Sohn einen zornigen Brief mit Vorwürfen über dessen Verhalten am Vorabend der Fahrt schreibt und andererseits des Sohnes, der daraufhin, in der Überzeugung, zu Unrecht beschuldigt worden zu sein, nicht nach Hause zurückkehrt, sondern eine „neue Heuer“ annimmt, so seinem Vater trotzend. Doch „je weiter die Zeit verrann, desto fester wurzelte der Groll“ in Hans Adams Herzen, so dass er, als ein Jahr später ein unfrankierter Brief des Sohnes ankommt, diesen ungeöffnet zurückweist. Die Rückkehr des Heinz, auch vom Vater heimlich gewünscht, findet somit auch in den nächsten fünfzehn Jahren nicht statt – währenddessen die Mutter stirbt und seine Schwester Lina die Ehe eingeht.

Nach insgesamt siebzehn Jahren Trennung erfährt Familie Kirch, dass der Totgeglaubte sich in Hamburg unter falschem Namen aufhält. Dem „alten Schiffer …ist, als fühle er eine erkaltende Hand, die den Druck der seinigen erwarte“: Das Versprechen, das er seiner sterbenden Frau gegeben, ist das „Perpendikel“ für ihn, seinen Sohn nach Hause zu holen, der, zwar „widerstrebend“, ihm aber doch folgt, denn auch er muss „Gott weiß was, herunterspülen“.

Jedoch „kostet es Künste, in diesem Burschen mit dem roten Bart den alten Heinz herauszufinden“ (406), wie der Vater bemerkt, nachdem in der Stadt ein Gerücht seine Kreise zieht, „der Heimgekehrte sei gar nicht Heinz Kirch, er sei der Hasselfritz, ein Knabe aus dem Armenhause, der gleichzeitig mit Heinz zur See gegangen war“ (404). Da sich zudem der Zurückgekommene nicht „heimisch“ fühlt, ihn die Hausangelegenheiten „wie etwas Fremdes“ anmuten und eines abends „allerlei in seiner Erinnerung“ aufwacht, so dass sein Wesen hervorbricht und er die Nacht in einer verrufenen Kneipe verbringt, glaubt sich der Vater gezwungen, einen Schlussstrich zu ziehen und „hastig“ (422) den Sohn fortzuschicken. Diesen hält ebenfalls nichts mehr in seiner Heimatstadt: Wieb, seine Kinder- und Jugendliebe, ist inzwischen verheiratet. So reist er ab, ohne „the alms“ (424) des Vaters anzunehmen. Letzterer, gedrückt und gebrochen jetzt, erfährt durch eine Vision vom Tod seines Sohnes, „und der Tote hatte alle Rechte, die er noch eben dem Lebenden nicht mehr hatte zugestehen wollen.“ Buße mit Hilfe und an der Seite Wiebs, deren Mann „sich totgetrunken“. Der alleinige Gewinnende aus dieser Familienkatastrophe: der Schwiegersohn Christian Martens.

III

Nachdem der Ort und die Einwohner vorgestellt, charakterisiert der Erzähler die Hauptfigur: „Zu diesen strebsamen Leuten gehörte Hans Adam Kirch“ (366). Ein Mann, der ein Ziel hat und alles „rastlos“, „eilfertig“ darauf zusteuert – den „Platz im Schifferstuhle hatte er sich errungen; jetzt schwebten höhere Würden … vor seinen Sinnen“ –, ein Mann im sozialen Aufstieg begriffen, der alles diesem Aufstieg unterordnet, „denn auch die Sitze im Magistratskollegium, wenn sie auch meist den größeren Familien angehörten, waren mitunter von dem kleineren Bürgerstande aus besetzt worden“ (367). Dem entspricht die Darstellung seiner Familienverhältnisse, seines Eigentums: das Haus „aus der väterlichen Erbschaft… ein Stück Wiesenland … Eine Frau hatte Hans Kirch sich im Stillen vor ein paar Jahren schon genommen; zu der Häkerei … kam nun noch eine Milchwirtschaft: auch ein paar Schweine“ (366). Einbeziehung der Frau in die Aufzählung, um das Verständnis dieser patriarchalischen Familienform zu offenbaren.

Einerseits strebt Hans Kirch nach Reichtum und nach politischer Macht, andererseits sind in seinem Innern eine „angeborene Rechtschaffenheit“ sowie ein „Ehrgeiz“ fest verwurzelt, die ihn als einen „zuverlässigen Geschäftsmann“ (367) charakterisieren. Zwei Tatsachen, die unter den neuen, durch den Erzähler am Anfang skizzierten gesellschaftlichen Entwicklungen einander ausschließen.

Zu der Zeit, in der die Handlung der Novelle angesiedelt ist, in dieser „Zwittergesellschaft“, sind die Erwirtschaftung eines Schiffes und das Ablegen eines Steuermannexamens möglich, „aber auch die schon in die Kaufmannschaft Übergetretenen, die ersten Reeder der Stadt, hielten … hier oben unter den anderen Kapitänen ihren Gottesdienst“ (365). Hans Kirch muss in seinem Versuch scheitern, ehrlich zu Reichtum und Macht gelangen zu wollen. Seine Schwester Jule wird dies, nach der Wahl des Bäckermeisters, „mit dem er freilich weder an Reichtum noch an Leibesgericht sich messen durfte“, in einem von Kirch beanspruchten Ratsherrnstuhl aussprechen: „Du hast einen scharfen Kopf, und den können die regierenden Herren nicht gebrauchen, wenn er nicht zufällig auf ihren eigenen Schultern sitzt; da passt ihnen so eine blonde Semmel besser, wenn sie denn doch einmal an uns Mittelbürgern nicht vorbeikönnen.“ (380) Das ist deutlich genug! Und darin liegt die Ursache für einen Konflikt zwischen Hans Adams Wesen, seinem Ideal und dessen Realisierung.

In seinem Sohn Heinz spiegelt er sich, spiegelt er den Sinn seines Lebens wider, „sagen die Leute doch, er sei sein Ebenbild“ (367). Wollte er diese Einstellung verwerfen, müsste er sein Leben verwerfen. Er muss eins sein mit dieser Einstellung, „glaubte er doch selber nur den Erben seiner aufstrebenden Pläne in dem Sohn zu lieben“ (369). Jedoch bleibt noch eine Möglichkeit: Hans Kirch „glaubte … nur“. Denn, und das wird am Schluss der Novelle deutlich, ist in ihm noch eine andere Art Liebe verwurzelt, eine Liebe des Vaters zum Sohn, die zuerst mit der Liebe zum Erben (also zu sich) zusammenfällt, unsichtbar in seinem Innern harrt, sich jedoch schließlich von diesem löst und verselbständigt. Dieser innere Konflikt ist der dramatische Höhepunkt, das psychologische Zentrum der Novelle.

IV

Kurz bevor Heinz das Elternhaus für immer verlassen soll, wird dieser scheinbar unsichtbare Konflikt „hervorgekehrt“: „Plötzlich fuhr er auf, seine grauen Augen öffneten sich weit: ‚Hans! Hans!’ hatte es gerufen; hier im leeren Zimmer, wo, wie er jetzt bemerkte, schon die Dämmerung in allen Winkeln lag. Aber er besann sich; nur seine eigenen Gedanken waren über ihn gekommen; es war nicht jetzt, es war schon viele Jahre her, dass ihn diese Stimme so gerufen hatte …“ (422). In diesem „leeren Zimmer“ ist er allein, allein mit sich, und die Stimme ruft aus ihm heraus, als würde sie Besinnung fordern seitens des anderen Ich’s, das Kirch wie eine äußere Gewalt vorkommt. Hans Kirch verstößt gegen die „Ewigkeit“ (434), verstößt gegen die ewigen menschlichen Gesetze, gegen das „Sittengesetz in uns“ und muss so seinen Sohn verlieren.

Erst als Heinz für ihn stirbt, kann es zu einem Erkennen seines Irrtums kommen – meisterhafte Gestaltung dessen durch Storm. Erst nachdem „die letzten Trümmer lang gehegter Lebenspläne“ (422) weggeräumt sind in ihm, als es „in der grauen Zukunft keine Hoffnung mehr für ihn“ (427) gibt, erst nach Heinz’, als er in ihm nicht mehr den Erben sehen kann, ist die Grundlage geschaffen, den menschlichen Sohn zu erkennen.

Abstrakt gefasst, vollzieht sich die innere Auseinandersetzung des Hans Kirch zwischen den historisch determinierten Werten, Normen und den dem Menschen wesenseigenen Gefühlen. Storm schreibt am 12. Dezember 1885 an Wilhelm Petersen, dass der Stoff der Poesie „nicht auf vorübergehenden Zuständen beruhen soll, sondern auf rein menschlichen Konflikten, die wir ewig nennen“. (in Briefe 2, 342)

V

Der Titel der Novelle weist uns auf den äußeren Konflikt hin, jedoch bedeutet er mehr. Erwartet der Vater absoluten Gehorsam von Heinz, so muss dessen Persönlichkeitsentwicklung unvermeidlich zu einer Kollision führen. Der Aufeinanderprall als Mittel, den inneren Konflikt auszulösen. Heinz’ erste Handlung ist passiv: „Erstaunt und furchtsam“ (369) sieht er zum Vater hoch, der die Hand gegen ihn erhoben hatte. Dieser duldete keinen Widerstand vom Sohn, und so kommt die „Zärtlichkeit des … (Vaters) gleicherweise immer seltener zutage, je mehr der eigene Wille in dem Knaben“ (369) wächst. Dessen Passivität verschwindet und macht einer charakteristischen Persönlichkeitsentwicklung Platz. Im sechsten Lebensjahr ist die Charakterentwicklung noch in einem kleinen „aber“ enthalten: „Als Heinz das sechste Jahr erreicht hatte, nahm ihn der Vater zum ersten Mal mit sich auf die Fahrt, als ‚Spielvogel’, wie er sagte…; der Knabe aber freute sich über sein blankes Hütchen und lief jubelnd über das schmale Brett an Bord …“ (367)

Ein Jahr später, mit sieben, tritt sie schon deutlicher zutage, musste Heinz doch „mit Gewalt an Bord gebracht werden …“ – „Er fürchtete seinen Vater und trotzte ihm … zugleich.“ (369) Heinz war wohl des Vaters „Ebenbild: die fest auslugenden Augen, der Kopf voll schwarzbrauner Locken seien väterliche Erbschaft, nur statt des krummen Rückens habe er den schlanken Wuchs der Mutter.“ (367) Aussehen als entäußertes Wesen: der nicht gebeugte Rücken. Und der Ausspruch des Pastors – „Seeleute und Studenten, das waren die freien Männer“ (406) – trifft so auf das Wesen des Heinz Kirch zu. Natürlich war es die erzwungene Freiheit eines Ausgestoßenen, eines von „Vaters Hand“ Verstoßenen. Er erfährt in der Novelle einen so großen Individualitätsgewinn, dass er sein „altes Gesicht“ verliert. Deshalb ist es für Hans Kirch unwichtig, ob dieser sein Sohn ist, er „war in dieser Gesellschaft für jetzt nicht wohl zu präsentieren“, und über die Vergangenheit Heinz’ „frug er so leise, als ob es niemand hören dürfe“.

Die Einheit von äußerer Erscheinung und innerem Wesen wird auf die Spitze getrieben: Heinz’ Unkenntlichkeit ist Ausdruck seiner ausgeprägten Individualität als Abgrenzung von der heimatlichen Umwelt, in der er aufgewachsen ist. Der Pessimismus Storms, der hier zutage tritt (als einzige Alternative bleibt die „Piraterie“), zeigt das Fehlen jeglicher Alternative. Der Tod Heinz’ wird notwendig – übrig bleibt eine Hoffnung im Sinne humanistischer Aufklärung: Erst nachdem die Vaterliebe, durch den Tod Heinz’ ermöglicht, in Hans Kirch gesiegt, als dieser die volle Persönlichkeit seines Sohnes in der Person der Wieb anerkennt, wird er selbst zum menschlichen Individuum: „’Er ist tot’, sagte er, ‚ich weiß es jetzt gewiss; aber – in der Ewigkeit, da will ich meinen Heinz schon wiedererkennen’.“ Damit ist allerdings eine andere „Ewigkeit“ gemeint als die in den „Köpfen alter Weiber“ (434), die ihm der alte Tischler und „Sozialdemokrat“ (433) Jürgen vorwirft. 

VI „Die Macht des bloßen Geredes …“ (Theodor Fontane)

Hans Adams Hoffnungen haben ein vergegenständlichtes, zeitgeronnenes Ideal. Die „Marmorbürste eines stattlichen Mannes in gewaltiger Allongeperücke …; gleich seinem Heinz nur eines Bürgers Sohn, der gleichwohl als Kommandeur von dreien seiner Majestät Schiffen hier in die Vaterstadt zurückgekommen war“ (375). Dieses allgemein-gültige Ideal, in der Kirche aufgestellt, offenbart die verweltlichte Funktion dieser Institution, aber auch das Verschmelzen der kirchlichen und der weltlichen Macht unter der Herrschaft des Geldes. Wie sehr die Geschicke des Sohnes durch die Pläne des Vaters, aber auch durch die Zwänge der Gesellschaft bestimmt wurden, zeigt ein Ausspruch des Pastors gegenüber Hans Kirch: „… und wenn er kommt, er ist ja von Ihrer Art, Herr Nachbar, so wird es nicht mit leeren Händen sein!“.

„Plötzlich, Gott weiß woher, tauchte ein Gerücht auf und wanderte emsig von Tür zu Tür …“ So tritt punktuell eine Bewusstseins-Verdopplung in Kraft, die Hans das Erkennen seines eigenen Sohnes nicht gestattet. Die Entwicklung seines Vater-Seins ist die Verwirklichung seines Wesens als privates bürgerliches Individuum. Zweimal verstößt Hans Kirch seinen Sohn von zu Hause, beide Male steht als Anlass und als konsequente Ursache die „öffentliche Meinung“ (als Sprachrohr und als Ausdruck gesellschaftlicher Organisierung) dahinter, beide Male personifiziert durch seine Schwester Jule. Und immer wird diese Beeinflussung begleitet von einer persönlichen Verstimmung und geschäftlicher Einbuße. „Verdrießlich war er eben aus einer Deputiertensitzung gekommen“ (379), da der Bäcker auf dem Ratsherrnstuhl saß, als Jule ihm mit dem Vorurteil gegen „die schmucke Wieb, die kleine Matrosendirne“ den Anstoß gibt, „einen Brief an seinen Sohn“ zu schreiben, „in welchem in verstärktem Maße sich der jähe Zorn ergoss, dessen Ausbruch … verhindert worden“ (382) war.

Dann kommt der unfrankierte Brief in dem Augenblick, als er „mit seinem Verlustkonto beschäftigt“ war, „das sich diesmal ungewöhnlich groß erwiesen hatte“ (385). Und wieder schiebt sich zwischen ihn und den Sohn seine Weltanschauung, sein Ideal: „Nicht mal das Porto hatte er gehabt! Und der, der sollte im Magistrat den Sitz erobern, der für ihn, den Vater, sich zu hoch erwiesen hatte!“ (386). Hans Kirch – in seiner Beschränktheit, in seinen festgefahrenen Horizonten, erkennt nicht bzw. kann nicht erkennen, was er an diesem Sohn hat, obwohl sich in seinem eigenen Haus, vor seinen Augen die normale, gesetzmäßige Entwicklung der Gesellschaft abspielt.

Der „Ehrgeiz“ hat sich in „anderer Form“ (392) entwickelt, der durch die jüngere Generation, durch seinen Schwiegersohn Christian verkörpert wird. Dabei tritt ein dem kleinbürgerlichen Geist immanenter aristokratischer Drang nach Repräsentation immer mehr hervor: Für „einen feinen Mann gelten, mit den Honorationen einen vertraulichen Händedruck wechseln, etwa noch eine schwergoldene Kette auf brauner Sammetweste“ schienen ihm notwendige Bedürfnisse zu sein. Das ist aber sogar Hans Adam mit seinem patriarchalischen Verständnis fremd, und so „drängte (es) ihn nicht mehr, in den Gang der kleinen Welt, welche sich um ihn her bewegte, einzugreifen.“ (427). Aber auch die erste Seite „seines Wesens“ verwirklicht er nicht mehr, „hatte er das Steuer … in der Hand des jüngeren Teilhabers der Firma übergehen lassen“ (427). Die Teilung des Individuums in zwei Wesen und, gerade diese Spaltung (hier privates Geschäft, dort öffentliches Wohl) ist bekannt. Das Auftreten von Entfremdungserscheinungen ist nicht zu verkennen „Die Spaltung des Menschen in den öffentlichen und in den Privatmenschen“ geht durch die Persönlichkeit von Hans Kirch. Indem er sich von beiden Wesen lossagt, da er dem neuen Nützlichkeitsprinzip nicht huldigen kann, überwindet er auf diese Art und Weise die beschränkte bürgerliche Individualität in sich und kommt zur wahren Menschlichkeit. Die Entwurzelung von seinen bisherigen Lebensprinzipien ist die Grundlage, aus der Endlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft geistig in die „Ewigkeit“ des Menschseins zu gelangen, weiterhin aber in der alten Welt physisch verwurzelt zu bleiben. Womit er die neu geschaffenen Lebensinhalte ablehnt.

Der Name „Harmoniegesellschaft“ (392) ist bezeichnend; „Harmonie“, da doch bekannt ist, „dass nur angesehenere Bürger zugelassen“ werden. Die Differenzierung der Gesellschaft ist im Verlauf der Handlung der Novelle spürbar geworden. Man „spricht schon von dem ‚reichen’ Christian Martens, und Hans Adams Tochtername wird der Stadtrat nicht entgehen“ (435). Das ist er – der Weg, den Hans Kirch für seinen Sohn vorgesehen hatte, der Sinn seines Lebens. Dahinter steckt Zwang. Denn nur dieser Weg, dieser Lebensinhalt bleibt ihm übrig, will er mit seinem relativ kleinen Vermögen sich und seine Familie ernähren, will er überleben. Das bedeutet für ihn also Schutz, eine Absicherung vor dem Verfall; gleichzeitig aber gibt es Momente, in denen er seinen Sohn, dessen Ungebändigtsein er beneidet, vielleicht versteht, hatte sich doch auf „Hans Adams Antlitz … mehrmals bei solcher Auskunft ein recht ungeeignetes und fast befriedigendes Lächeln gezeigt“ (374). Dass „Heinz … mehr lernen (sollte), als jetzt noch in der Rektorschule für ihn zu holen war“ (370), ist auch Ausdruck für das Streben Hans Adams, seinem Sohn die Möglichkeit zu geben, sich aus seiner, des Vaters Welt, freizumachen. Jedoch geht das nicht auf ehrliche, menschlich-reine Weise. Das ist die wahre, die große Tragik des Hans Adam Kirch: Der Unternehmer, der kalt kalkulierende Kapitalist, handelt. Er, dem „die Verschollenheit des Haussohnes … wenigstens den zweiten Grund zum Werben um Hans Adams Tochter abgegeben“ (397) hat, ist der Aktive, der Überlebende, der Gewinner: Christian Martens.

Resignation des Dichters, die Abkehr des Hans Kirch von der Welt, die Besinnung auf sein wahres Ich (die Einbeziehung der „Sterne“ (434), des Universums seiner Anschauung) kann und muss als Kritik verstanden werden, aber auch diese recht zweifelhafte Auswegmöglichkeit kann nur unter der Voraussetzung des Todes von Heinz wahrgenommen werden.

Dass die „Werther“-Alternative von Storm aufgeworfen wird, ist erstaunlich. Außerhalb der Gesellschaft ist jedoch für ihn menschliche Existenz unmöglich bzw. nur unter Preisgabe dieser denkbar. „Bleib lieber in deines Vaters Stor und spiel mit deines Nachbars Katze.’“ – der Verweis, innerhalb der Gesellschaft zu bestehen, kommt von Heinz Kirch selbst … In dieser aber gehen die menschlichen Bindungen, die menschlichen Bande der Familie durch die Versachlichung der Beziehungen und durch die aufkommende Doppelmoral der Gesellschaft zugrunde. Und Storms Sympathie gilt eindeutig auch dem Hans Kirch, denn dessen „Schuld“ wurzelt in seiner „angeborenen Rechtschaffenheit“, die in diesem Zeitalter zu seinem Untergang führen muss. Die Wehmut, die sich in dieser Novelle entäußert – Ausdruck eines humanistischen Pessimismus –, zeugt von einer absoluten Ausweglosigkeit, von dem Sehnen nach einer „intakten Vergangenheit“ und von einer verlorenen Identität.

© Asteris Kutulas, Leipzig, 18.5.1981

Anmerkungen: Alle Zahlenangaben in Klammern beziehen sich auf Theodor Storm, Sämtliche Werke in vier Bänden, Berlin 1978

Jannis Ritsos – Deformationen

DEFORMATIONEN

… das war die Überschrift eines Gedichts von Jannis Ritsos aus dem Jahre 1972. Ich musste während der aufwühlenden Monate zwischen November 1989 und Ende 1990 ständig daran denken – der Untergang des Sozialismus vorweggenommen in einem krassen poetischen Bild. Und alle privaten und verinnerlichten Deformierungen führten unweigerlich in die Katastrophe bzw. die Erlösung, je nachdem welcher Denkungsart man war.

 

 

Im Mai 1984 konnte ich während drei Tagen in Dresden mit Jannis Ritsos zusammen sein. Er war einer Einladung zu den Musikfestspielen gefolgt, während denen die 7. Symphonie von Mikis Theodorakis uraufgeführt wurde, die auf Gedichten von ihm beruht. Es wurde eine bedeutsame Begegnung, schon durch die Art, wie dieser Mensch seinen Visionen durch seine Sprache Körperlichkeit gab. Für mich ist sie unvergesslich geworden.

Nun erschien im Romiosini Verlag: „Deformationen“, eine geradezu aufregende Anthologie, herausgegeben von Asteris Kutulas. Er zeichnet nicht nur für die Auswahl verantwortlich, sondern gibt im Anhang auch die notwendigen Erläuterungen, zudem fügt er ein vollständiges Werkverzeichnis an, sowie alle deutschsprachigen Erstausgaben, eine Diskographie und eine Liste aller Theateraufführungen, die auf Ritsos-Texten beruhen.

Über dieses Buch zu schreiben beginnen, heißt daher von vornherein, unvollständig zu sein und fragmentarisch zu bleiben: Allzu viel findet sich auf diesen 318 Seiten, allzu reichhaltig ist das Angebot, allzu vielseitig die Auswahl, allzu üppig der Stoff.

Asteris Kutulas, ein enger Vertrauter von Mikis Theodorakis und Jannis Ritsos, der Übersetzer und Herausgeber von Konstantin Kavafis’: „Die vier Wände meines Zimmers“ und „Die Lüge ist nur gealterte Wahrheit“ (Akzente, Hanser), sowie u.a. der dreibändigen Theodorakis Autobiographie (Ed. Phi, und verkürzt, Insel Verlag) nennt „Deformationen“ eine „innere Biographie“ von Ritsos und sieht sich einig mit dem großen Dichter, der in seinem Werk immer auch und immer wieder Zwiesprache mit sich selbst hält.

Kutulas hat sehr genau hingehört und vor allem, sehr genau gelesen.

Bevor er dieses Buch veröffentlichen und dabei mit sich selbst im Reinen bleiben konnte, wissend, dass er den geliebten großen Mann der griechischen Dichtung nicht verriet, sondern dem Leser näher zu bringen imstande war, musste er alles lesen, was Ritsos je geschrieben hatte.

Das schreibt er denn auch gleich am Anfang seines „Editorischen Nachwortes“: „In Vorbereitung auf dieses Buch habe ich da gesamte editierte Werk – fast 100 Bände unterschiedlichen Umfangs – sowie viele der unveröffentlichten Gedichtzyklen von Jannis Ritsos (1909-1990) durchgesehen. Von den über 7.000 Gedichten, die er zwischen 1930 und 1989 geschrieben hat, wählte ich etwa 320 aus.“ Sie stellt er in chronologischer Reihenfolge vor, blendet aber dazwischen einzelne Prosatexte, Essays und Vorworte von Ritsos ein, die das Geschriebene weiter erhellen.

Dabei handelt es sich fast nur um Texte, die bisher noch nicht auf deutsch veröffentlicht worden sind: Nur etwas mehr als zehn Prozent erschienen in anderen Ausgaben.

Ein besonderer Abschnitt des Buches ist Ritsos genialer Dichtung „Das Ungeheure Meisterwerk“ vorbehalten, für den Dichter selbst seine tiefste Aussage über sich selbst, für Kutulas, eine „Spiegelung“ seiner eigenen Auswahl, „de facto eine „autorisierte“ innere Biographie des Dichters“.

Abgerundet, ja, auch besondere Weise vertieft, wird die Edition durch ein Tagebuch des Herausgebers, das dieser vom 18.3.1982 bis zum November 1990 führte und in dem er über seine Begegnungen, seine Treffen, seine Gespräche, seine fruchtbaren, erhellenden Diskussionen und seine persönlichen Empfindungen gegenüber dem Schicksal Ritsos‘ berichtet.

Sie bewirken genau das, was Kutulas damit erreichen will: Sie bringen uns diese Persönlichkeit näher, machen sie besser verständlich und machen vor allem deutlich, warum Ritsos nicht mehr leben wollte, als alles, woran er kritisch geglaubt und für das er gelitten hatte, für ihn und in ihm zusammenbrach, als deutlich wurde, wie sehr die „geistige Wirklichkeit“ (Kutulas) des Kommunismus durch den „real existierenden Sozialismus“ pervertiert worden war und ein politisch erstarrtes Gefüge in sich selbst zusammenbrach: „Den Untergang seiner Epoche vermag er nicht zu ertragen“ (Kutulas).

Zum Ende seines Lebens nimmt Ritsos nichts mehr zu sich, trinkt nur noch Wasser und „erlischt“ (id.) regelrecht.

Eigentlich ist damit schon fast gesagt, was unbedingt gesagt werden musste, nämlich, wie wichtig, wie unersetzlich diese Veröffentlichung sein wird für all jene, die mehr (oder überhaupt etwas) über einen der größten Meister des Wortes unseres Jahrhunderts erfahren wollen, die sich mit seinen unendlich schönen Versen auseinandersetzen wollen, für die durch seine Bilder neue Türen aufgestoßen werden und die sich von seinen Visionen mittragen lassen wollen.

Dies zumal, da die Übertragungen ins Deutsche ungemein einfühlsam und rhythmisch prägnant sind, und hier soll der Beitrag von Ina Kutulas gewürdigt werden, die selbst eine echte Dichterin ist und mit sensibler Behutsamkeit jeden Vers so präzise und so geschlossen werden lässt, dass er nicht anders sein kann in ihrem „Hinüber-Setzen“ in eine andere, die deutsche Sprache.

 

Guy Wagner

 

Griechische Literatur in Deutschland – Ein Interview

Der bittere Geschmack der Freiheit

Axel Dielmann im Gespräch mit Asteris Kutulas über die griechische Literatur in Deutschland, Frankfurt/Main 2001

Axel Dielmann: Asteris Kutulas, seit wann übersetzen Sie aus dem Griechischen ins Deutsche?

Asteris Kutulas: Meine ersten Übersetzungsversuche machte ich 1975, allerdings beschäftigte ich mich seit 1979, als ich mein Germanistik-Studium begann, immer intensiver damit. Ich habe damals in der DDR gelebt, wo eine andere »Übersetzungskultur« existiert hat als in der Bundesrepublik Deutschland. Ich will nicht sagen: besser oder schlechter, auf jeden Fall war es eine andere. Das hatte einige praktische Konsequenzen, zum Beispiel die, dass man in der DDR als Nachdichter und Übersetzer relativ gut bezahlt wurde – was in der Bundesrepublik nur partiell der Fall war und ist –, zu 99 Prozent beruht das Ganze auf Selbstausbeutung. Diese »Arbeit« ist sehr aufwendig und so zeitraubend, dass man im Normalfall selbst bei den großen etablierten Verlagen kaum eine Chance hat, wirklich das an Honorar zu bekommen, was man an Knowhow, Zeit und Gefühl reinsteckt. Vor allem bei klar nicht-kommerziellen Projekten, um die es bei uns zumeist geht. Aber das weiß ja jeder Übersetzer vorher, und wir sprechen hier ohnehin über eine Sache, die sehr viel mit Passion zu tun hat.

Zum anderen gab es einige bedeutende Literaten in der DDR, unter anderem Erich Ahrend, Stephan Hermlin, Franz Fühmann, Sarah Kirsch oder Heinz Czechowski, die sich intensiv mit der literarischen Übersetzung beschäftigten, so dass das Nachdichten zu einer Art Kult in der literarischen Szene wurde. Das hatte natürlich auch mit dem Eingeschlossensein in der DDR zu tun. Alles von »draußen« hatte den Geschmack von Freiheit, zugegeben einen ziemlich bitteren Geschmack. Also hatte das Übersetzen auch einen meta-literarischen, gesellschaftlichen Stellenwert. Dieser Aspekt war damals sehr wichtig für mich.

Dielmann: Wenn Sie diese Zeitspanne seit den siebziger Jahren überblicken: Was hat sich am – gegenseitigen deutsch-griechischen – literarischen Interesse verändert oder getan?

Kutulas: Sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik ist griechische Literatur nach dem 2. Weltkrieg selektiv und mehr zufällig rezipiert worden und hatte immer mit dem persönlichen Einsatz bzw. den Vorlieben und dem Geschmack von drei, vier Übersetzer-Persönlichkeiten zu tun, wie z.B. Isidora Rosenthal-Kamarinea oder Helmut von den Steinen. Ohne diese und zwei, drei andere Leute gäbe es fast gar nichts aus den fünfziger und sechziger Jahren. Sie haben in gewisser Weise Pionierarbeit geleistet.

Übersetzt wurde bis Ende der sechziger Jahre natürlich und vor allem Nikos Kazantzakis – und dann hört es fast schon auf. Eine wichtige Veröffentlichung war 1962 der Gedichtband von Georgios Seferis, sogar ein Jahr, bevor er den Literaturnobelpreis verliehen bekam, was sehr für den Herausgeber Hans Magnus Enzensberger und den Übersetzer Christian Enzensberger spricht. Im selben Jahr kam auch die Kavafis-Übersetzung von Helmut von den Steinen bei Suhrkamp heraus. Daneben erschienen noch Bücher von Pantelis Prevelakis, Stratis Myrivilis, Elias Venesis und ein paar anderen. Ich habe jetzt nicht alles genannt, aber es waren insgesamt etwa 30 Bücher in 25 Jahren. In der DDR erschienen noch weniger griechische Bücher, wobei fast ausschließlich sogenannte »linke« Autoren berücksichtigt wurden, wie Melpo Axioti, Elli Alexiou, Dimitris Chatzis, Menelaos Ludemis und Andreas Frangias.

Nach meiner Einschätzung gibt es seit dem 2. Weltkrieg in der Rezeptionsgeschichte der griechischen Literatur in Deutschland drei Zäsuren. Die erste Zäsur setzte die Junta-Zeit. Zwischen 1967 und 1974 – als die Obristen an der Macht waren und Griechenland ohnehin in den Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit rückte – kulminierte in beiden deutschen Staaten das Interesse an der griechischen Literatur. Das fiel mit der 68er Bewegung hierzulande zusammen. Viele deutschsprachige Künstler, wie Hap Grieshaber, Günter Wallraf, Heinrich Böll, Günter Grass, Margarete Hannsmann, Joseph Beus und andere, solidarisierten sich mit ihren griechischen Kollegen, die in die Gefängnisse und Verbannungslager verschleppt worden waren. Die Musik von Theodorakis war in Griechenland verboten, der Komponist selbst im Gefängnis, und Jannis Ritsos wurde auf die Inseln Jaros und Leros verbannt und später jahrelang unter Hausarrest gestellt – um die zwei prominentesten Beispiele zu nennen.

Ritsos kam damals mit einigen Übersetzungen auf den deutsch-deutschen Markt, wurde aber leider mehr als »politischer Autor« gesehen, obwohl er seine »Mondscheinsonate« – für mich ein Höhepunkt der griechischen Literatur dieses Jahrhunderts – bereits 1958 veröffentlicht hatte. Ritsos musste sich lange mit dem Image eines »politischen Autors« herumschlagen, bis weit in die 80er Jahre hinein, bis er sowohl aus der Sicht der bundesdeutschen als auch der DDR-Dichtung als nationaler griechischer Dichter neben Seferis, Elytis und Kavafis akzeptiert wurde. Während der Junta-Zeit kamen in Deutschland Bücher u.a. von Vassilis Vassilikos, Kostas Kotzias, Antonis Samarakis, Melina Mercouri und Giorgos Theotokas heraus. Es trat auch eine neue Übersetzer- und Herausgeber-Generation auf den Plan, zu der u.a. Günter Dietz, Danae Coulmas, Gisela von der Trenck, Vangelis Tsakiridis, Hans Eideneier und Argyris Sfountouris gehörten.

Nach dem Sturz der Obristen 1974 wurde es in Deutschland um die griechische Literatur wieder ruhiger. Hervorzuheben ist die systematische Veröffentlichung der Werke von Odysseas Elytis durch den Suhrkamp-Verlag, nachdem Elytis 1979 der Nobelpreis verliehen worden war.

Die zweite Zäsur war die Gründung des Kölner Romiosini-Verlages durch Niki Eideneier Anfang der achtziger Jahre, der seitdem über 150 Titel auf den Markt brachte. Ich wage die Hypothese, dass Griechenland wohl kaum 2001 in den Genuss gekommen wäre, Gastland der Frankfurter Buchmesse zu sein, wenn es diesen Verlag nicht gäbe. Ich weiß, dass der Romiosini-Verlag viel Kritik einstecken musste, aber was er an Basis-Arbeit für die Propagierung der griechischen Literatur in Deutschland geleistet hat, überwiegt bei weitem. Zur gleichen Zeit, also in den achtziger Jahren, wirkten in der DDR drei Autoren, die systematisch griechische Lyrik und Prosa übersetzten und herausgaben, Thomas Nicolaou, Georg Aridas und ich. In dem Zusammenhang sind zwei DDR-Verlage zu nennen, der Verlag Volk und Welt und insbesondere der Reclam-Verlag mit Horst Möller als verantwortlichem Lektor für antike, byzantinische und neugriechische Literatur. Bei mir genießt dieser Mann Kultstatus. Es gab aber in der DDR auch den fundamentalen Ritsos-Essay von Günter Kunert kurz vor seiner Übersiedlung nach Westdeutschland und die wegweisenden Kavafis-Nachdichtungen von Adolf Endler. Letztere sind unter Neogräzisten sehr umstritten, aber ich habe viel bei Endler gelernt.

Anfang der neunziger Jahre wurde der dialogos-Verlag gegründet, der zwar nur zwei, drei Jahre durchhielt, aber immerhin über zehn griechische Bücher in deutscher Übersetzung herausbrachte, sowie die Berliner Monats-Zeitschrift »Chronika«, die seitdem eine imposante Reihe von Übersetzungen, Nachdichtungen und Porträts griechischer Autoren veröffentlichte.

Die dritte Zäsur schließlich war die Frankfurter Buchmesse 2001 – natürlich eine einmalige Gelegenheit, die griechische Literatur in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses in Deutschland zu rücken. Innerhalb eines Jahres wurden so viele griechische Bücher publiziert wie in den gesamten letzten zehn Jahren zusammen, ganz abgesehen vom PR- und Marketing-Effekt. Das von meiner Seite aus ganz kurz zur Geschichte.

Dielmann: Was könnte deutsche Bücherwürmer an der griechischen Literatur besonders reizen? Was wäre für hiesige Leser lesenswert? Was macht die griechische Literatur wichtig?

Kutulas: Griechische Literatur ist – wenn sie gut ist – genauso wichtig und reizvoll wie jede andere Literatur. Das, was sie spezifisch macht, nämlich die griechische Sprache, die seit fast dreitausend Jahren kontinuierlich gesprochen und geschrieben wird, ist ohnehin in einer anderen Sprache nicht vermittelbar. Das andere Charakteristische ist die »Bürde« für viele griechische Schriftsteller, dass bereits vor etwa 3000 bis 2500 Jahren ein Euripides, eine Sappho und ein Homer in derselben Sprache geschrieben haben.

Zum anderen gibt ein paar Klischees im Hinblick auf die griechische Literatur, die meiner Meinung nach zum Teil der Realität entsprechen. Das eine Klischee ist, dass die neu-griechische Literatur kaum herausragende Dramatik, kaum herausragende Prosa – ich betone »kaum«! –, aber sehr viel herausragende Lyrik hervorgebracht hat. Ich meine Lyrik von Weltformat, und ich denke, das stimmt einfach. Kavafis, Ritsos, Seferis und einige Gedichtbände von Elytis – denn nicht jede Lyrik ist »adäquat« ins Deutsche übertragbar –, kann ich jedem empfehlen.

Bei der Prosa gibt es natürlich die große Ausnahme des quasi Klassikers Nikos Kazantzakis, der ja der meistübersetzte griechische Autor ist, ich glaube in über 50 Sprachen, und dessen Bücher sich überall auf der Welt sehr gut verkauft haben. Aber wenn man von ihm absieht, bleibt nicht viel übrig. Das heißt, man kann sehr viel entdecken in der griechischen Lyrik und sehr wenig, von einer höheren Warte aus gesehen, in der griechischen Prosa und noch weniger in der neueren Dramatik. In der globalisierten Welt mit einer inzwischen globalisierten Literatur werden natürlich viele Dinge auch quantitativ entschieden. Wenn 500 Millionen Menschen Englisch sprechen und davon 1 Million schreibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Genie darunter ist, weitaus größer, als in einem Land mit 10 Millionen Einwohnern, von denen 20.000 Menschen schreiben. Unter diesem Aspekt stehen wir mit zwei Literaturnobelpreisen – im Übrigen für zwei Lyriker – innerhalb der letzten vierzig Jahre blendend da!

Dielmann: Gibt es denn Zeitgenossen, vielleicht sogar junge Autoren in Griechenland, die Sie uns hier ans Herz legen würden – den Verlegern wie den Lesern?

Kutulas: Aus dem, was ich bisher gesagt habe, geht bestimmt hervor, dass ich zu den eher konservativen Literatur-Rezipienten gehöre. Außerdem bin ich nicht so bewandert in der jüngsten Prosa. Ich kann mir kein Urteil anmaßen. Es gibt bestimmt 30, 40 interessante Autoren, die einfach gut sind. Aber meiner Meinung nach ist keiner von Weltformat darunter, über dessen Buch man sagt: Dieser Roman ist so genial geschrieben, den muss man einfach gelesen haben! Wie das etwa weltweit mit »Der Gott der kleinen Dinge« von Arundhati Roy passiert ist. Unter den heute lebenden Lyrikern gibt es natürlich Altmeister Manolis Anagnostakis, ein ganz großer europäischer Dichter, sowie eine Reihe anderer bedeutender Autoren, wie Titos Patrikios oder Kiki Dimoula. Schließlich will ich doch zwei Romane empfehlen, allerdings älteren Datums und von zwei ausgesprochenen Lyrikern geschrieben: »Die Kiste« von Aris Alexandrou und »Die Wache« von Nikos Kavadias.

Wegen der »griechischen« Frankfurter Buchmesse bestand ein natürlicher »Zwang« zur Übersetzung und Veröffentlichung, und das ist ja auch Sinn der Sache gewesen. Aber die neue – »junge, dynamische, gutaussehende« – Schriftstellergeneration wird sich behaupten müssen. Auf jeden Fall erhielten durch Frankfurt sowohl viele griechische Autoren als auch das deutsche Lesepublikum die hervorragende Gelegenheit, einander kennenzulernen. Im Nachhinein stelle ich fest, dass das Interesse an griechischer Literatur kaum nachhaltig und eher wie ein Strohfeuer war. Es gibt zwar Ausnahmen, aber ich habe den Eindruck, dass wir im Grunde eine Chance verpasst haben.

Dielmann: Gibt es in Griechenland so etwas wie eine literarische Szene? Und falls ja: Ist die eher überaltert oder eher jünger? Im Sinne von literarischen Zirkeln, Stichwort ”Kaffeehaus-Literatur« und so weiter. Also, wenn wir beispielsweise an Engonopoulos und an das Umfeld denken …

Kutulas: Es gab seit den 30er Jahren eine stark ausgeprägte Künstler-Szene, die bis in die 60er Jahre hinein aktiv war – die Kaffeehäuser »Flokas«, »Zonars«, »Rossiko«, »Dolce«, »Brasil« und ein paar andere in Kolonaki sind dadurch berühmt geworden. In den dreißiger Jahren war es der Kreis um Georgios Katsimbalis, Georgios Seferis, Jannis Zaruchis, Andreas Embirikos, Odysseas Elytis, später kamen Nikos Engonopoulos, Manos Chatzidakis, Nikos Gatsos, der Maler Nikos Chatzikiriakos-Ghikas und die Choreographin Rallou Manou dazu. Diese Symbiose zwischen Komponisten, Malern und Dichtern hat in Griechenland eine äußerst wichtige Rolle gespielt. In den dreißiger Jahren entstand aus dieser Symbiose die berühmte Zeitschrift »Nea Gramata«, in den fünziger Jahren das »Griechische Ballett«. Dieser Künstlerkreis entdeckte Anfang der dreißiger Jahre die naive Malerei um Theophilos, die Volksdichtung und die »Memoiren« des General Makrijiannis sowie in den vierziger Jahren die Rebetiko-Musik. Das betrifft das »bürgerliche Lager« der Intellektuellen.

Auf der anderen Seite hatten die vielen linken Autoren und Intellektuelle kaum die Gelegenheit, »Kaffeehaus-Literatur« zu zelebrieren, da sie seit der Metaxas-Diktatur 1936 zu den Verfolgten gehörten. Bis Anfang der 50er Jahre hatten sie es mit Krieg, Bürgerkrieg und Verbannungslagern zu tun. Jannis Ritsos kam erst 1952 frei, nach über fünf Jahren Haft, und hatte auch lange Publikationsverbot – um 1967 wieder eingesperrt zu werden. Ähnlich erging es Tassos Livaditis, Michalis Katsaros, Manos Katrakis, Aris Alexandrou, Nikiforos Vrettakos, Takis Sinopoulos, Manos Elefteriou und vielen anderen linken Intellektuellen. Daraus resultierte ein anderes Klischee, das ja zum Teil auch der Wirklichkeit entspricht, nämlich, dass der überwiegende Teil der griechischen Autoren links angesiedelt ist – beziehungsweise war; denn inzwischen hat sich das auch alles geändert. Aber wir sprechen in diesem Augenblick noch von den 50er, 60er Jahren, und damals war das sicherlich so. Jedenfalls hatten sie kaum Gelegenheit, sich in literarischen Zirkeln zu treffen.

Dielmann: Womit hat solch ein Phänomen zu tun wie dieses: Dass eine griechische Dichterin wie Kiki Dimoula in Publikums-Zeitschriften – vergleichbar dem Stern oder der Bunten – über sechs, acht, zehn Seiten hinweg porträtiert wird? Das wäre hier kaum denkbar, kommt aber in Israel bei­spielsweise auch nicht selten vor – gibt es auch in Griechenland so etwas, das der Israeli Yehuda Amichai einmal die »mediterrane Dichtungs- und Dichterliebe« genannt hat?

Kutulas: Ja, das ist richtig. Die großen Zeitungen bringen regelmäßig zum Teil sogar ganze Beilagen über Dichter und Schriftsteller. Das liegt sicher in der griechischen Tradition begründet. Zeitschriften und Zeitungen haben sich seit jeher mit den großen nationalen Dichtern geschmückt. Das hat damit zu tun, dass Griechenland noch ein sehr junger Nationalstaat ist, noch keine 200 Jahre alt, zum Teil – siehe Kreta und Nordgriechenland – keine 100 Jahre. Erst 1830 befreite sich Zentralgriechenland von der osmanischen Herrschaft und konstituierte sich als Nationalstaat. Bis zur Zeit nach dem 1. Weltkrieg kamen dann immer mehr Teilgebiete dazu, bis es zu dem Griechenland, wie es heute existiert, wurde. Wir sprechen also über einen noch sehr jungen Staat, der sich über seine Dichter auch im Nationalbewusstsein definiert. Diesen Faktor darf man nicht unterschätzen.

Dielmann: Wenn du im Vergleich mit Deutschland die Verlags-Landschaft beschreiben solltest: Wie sieht die in Griechenland aus?

Kutulas: Es gibt in diesem kleinen Land – wenn man es sich genau überlegt, sind es ja nur zwei Städte, nämlich Athen und Thessaloniki – verblüffend viele Verlage, die verblüffend gut aufgemachte Bücher herausbringen. Die Aufmachung, der Druck, Papier-Qualität, zum Teil auch von Kleinverlagen, ist sehr gut. Verblüffend ist auch die Anzahl der Verlage und dass sie offenbar überleben – aber fragen Sie mich nicht, wie sie das machen!

Dielmann: Gut, die Frage muss ich mir dann wohl leider verkneifen. – Spielen Literatur-Zeitschriften eine Rolle?

Kutulas: Literatur-Zeitschriften spielen in Griechenland eine große Rolle. Vor allem die führenden »Lexi«, »Dendro«, »Endefktirio« und »Diavaso«. Aber es gibt noch viele andere. Sehr beliebt und sehr gut gemacht sind deren thematische Ausgaben, die bestimmten Dichtern oder literarischen Epochen gewidmet sind. Die finden auch den besten Absatz.

Dielmann: Welchen Einfluss haben die griechischen Feuilletons? Ist der ähnlich stark wie hier, so dass da regelrechte Lese-Marschrichtungen festgelegt werden?

Kutulas: Sie sind wichtig. Aber inwieweit sie nun die Lesergemeinde wirklich beeinflussen, kann ich nicht sagen. Ich habe nicht das Gefühl, dass das Feuilleton eine ähnlich große Rolle spielt wie in Deutschland. In Griechenland ist vielmehr die Mund-zu-Mund-Propaganda von außergewöhnlicher Bedeutung.

Dielmann: Wenn wir die Blickrichtung umdrehen: Welche deutsche Literatur wird in Griechenland gelesen oder wahrgenommen? Und, über Deutschland hinaus, welche europäische oder auch sonstige ausländische Literatur ist präsent?

Kutulas: Das ist sehr breit und bunt und geht in jede Richtung. Noch einmal: Ich finde es erstaunlich, was alles erscheint und gemacht wird – im Verhältnis zu dem kleinen Markt, um den es da geht. Vor allem in den letzten Jahren gehen die großen Verlage systematischer vor: Sie beobachten genau, was jenseits der Grenzen gut läuft und gut ankommt, um die Rechte an diesen Büchern zu erwerben und sie zu übersetzen. Als ich letztes Mal in Griechenland war habe ich die übersetzte Ausgabe der Memoiren von Reich-Ranicki gesehen.

Dielmann: Wenn wir einmal – wie haben Sie es vorhin genannt? – von dieser Zäsur, von der Buchmesse absehen: Was wären, in Ihren Augen, wünschenswerte Aspekte einer intensiveren und längerfristig auch wirkungsvollen gegenseitigen Kultur- und Literatur-Vermittlung?

Kutulas: Die großen deutschen Verlage haben sich, was die griechische Literatur angeht, in den letzten Jahrzehnten sehr zurückgehalten. Man kann das nun beklagen oder nicht, ich jedenfalls bin mir sicher, dass inzwischen, wenn irgendwo auf der Welt gute Texte entstehen, diese auch übersetzt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wirklich bedeutende Geschichten aus irgendeinem Land heute unübersetzt bleiben. Insofern wünsche ich mir als Grieche natürlich, dass alle Sachen übersetzt werden. Aber das ist eine mehr platonische Vorstellung. Ich bin Realist genug zu sehen: Es gibt so viele Literaturen, und es wird so viel ins Deutsche übersetzt, dass man schon gute Bücher vorweisen muss, um im internationalen Vergleich bestehen zu können.

Dielmann: Ich nähere mich, ohne ihn gesehen zu haben, Ihrem Schreibtisch. Rein handwerklich gefragt: Viele Ihrer Übersetzungen sind Koproduktionen mit Ihrer Frau Ina. Ich kenne das etwa auch von Paulus und Lydia Böhmer, die gemeinsam aus dem Ifrit / Israelischen übersetzen – wie arbeiten Sie zusammen? Wie geht das vonstatten? Wie stellt man sich die gemeinsame Übersetzens-Arbeit vor?

Kutulas: Das ist gewachsen. Ich habe ja vor vielen  Jahren alles allein übersetzt, später aber auch mit Steffen Mensching und anderen zusammen Nachdichtungen gemacht. Und obwohl ich nun schon sehr lange in Deutschland lebe und hier auch Germanistik und Philosophie studiert habe, überkam mich oft das Gefühl, dass ich Texte zwar sachlich »richtig«, aber in der Sache »unrichtig« übersetzt hatte. Seit Inas Mitarbeit ist dieses Gefühl allmählich in den Hintergrund getreten, weil sie Lösungen findet, die meiner Ratio zwar »falsch«, meinem poetischen Empfinden aber als »richtig« erscheinen. Und dann lassen wir das so stehen. Dasselbe passierte auch bei der Zusammenarbeit mit anderen Autoren. Ina geht ganz anders als ich an die Texte heran. Sie ist eine deutsche Autorin, eine deutsche Lyrikerin. Sie hat verschiedenes veröffentlicht, u.a. zwei Bücher, einen Lyrik- (Herbstzeitlose) und einen Prosa-Band (Vielleicht Athen – Berlin vielleicht), dazu viel in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien. Ihre Distanz zu meinen Übersetzungen kommt mir also sehr entgegen, obwohl sie andererseits Griechisch spricht und den Klang dieser Sprache vernommen hat. Ihre Variationen lösen sich natürlich oft vom Original oder, besser gesagt, von dem, was ich für das Original halte, aber ich muss gestehen, dass ich mit der Zeit immer mehr ihren Vorschlägen folge. Früher war ich restriktiver und klebte auch mehr an der griechischen Vorlage. Jedenfalls kann man inzwischen unsere Arbeit nicht mehr auseinanderhalten. Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, will ich am Schluss betonen, dass es uns beiden natürlich immer um den Sinngehalt geht, den der Originaltext beinhaltet. Wir hatten zudem das Glück, mit einigen griechischen Autoren, deren Bücher wir übersetzt haben, gut bekannt bzw. sehr befreundet gewesen zu sein, wie z.B. mit Mikis Theodorakis, Jannis Ritsos oder Odysseas Elytis. Wir haben viele Stunden mit ihnen verbracht, und oft ging es um Poesie und um konkrete Gedichte, die wir gerade übersetzten.

Dielmann: Sie sind ja nun in der spannenden Situation, mehrere Berufe neben dem des Literaten und des Übersetzers zu haben. Sie sind unter anderem Musik-Produzent und Veranstaltungs-Organisator. – Was, meinen Sie, könnte man aus diesen Bereichen übertragen in die Literaturwelt, was könnten die dort von den anderen Bereichen lernen?

Kutulas: Die Verleger können sehr viel lernen von der Lifestyle-Marktsegmentierung, die der Musikbranche zugrunde liegt. Menschen mit unterschiedlichem Lifestyle hören unterschiedliche Musik – es ist doch auch klar, dass sie unterschiedliche Literatur lesen. So kann man davon ausgehen, dass einer, der World-Musik hört, zu einem ganz anderen Bücherregal gehen wird, als ein Britney-Spears-Fan. Natürlich kann man – eingedenk des universalen Anspruchs der Literatur – zu dem Schluss kommen, dass die Literaturwelt lernen soll, dies gerade nicht zu lernen. Wie dem auch sei. Ich denke, man kann etliches, z.B. Lesungen, Präsentationen, Pressekonferenzen, spannender gestalten – Literatur spannender vermitteln. Das „Hehre“, das noch immer über dem Literaturbetrieb schwebt, gehört, hinweggefegt zu werden. Die Zukunft wird anders aussehen.

Was Griechenland angeht, so sollte man diese unglaubliche Nähe und Verquickung zwischen Musik und Dichtung nutzen, um die Literatur weltweit bekannt zu machen. Zum Teil ist das ja auch passiert. Ich nenne ein Beispiel: Mikis Theodorakis hat »Axion esti« von Odysseas Elytis zwischen 1960 und 1964 vertont. Diese Platte war in Griechenland ein riesiger Erfolg und hat dann auch vor allem während der Junta-Zeit 1967 bis 1974 einen internationalen Durchbruch gehabt. In den verschiedenen Ländern wurden die Textpassagen der vertonten Teile auf den Schallplattenhüllen abgedruckt, so dass diverse Verlage dieses Werk entdeckt und es vollständig übersetzen und in regulären Buchausgaben haben erscheinen lassen. Der schwedische Nachdichter von »Axion esti« hat sogar eine sangbare Nachdichtung geschaffen, so dass das Werk in schwedischer Sprache auf verschiedenen Platten veröffentlicht wurde und einen Riesenerfolg hatte. Daraufhin erschien das gesamte Poem in einer schwedischen Buchausgabe. Das passierte genau drei Jahre, bevor die Schwedische Akademie Odysseas Elytis für diese Gedichtkomposition den Literaturnobelpreis verlieh.

Viele Literaten sind in Griechenland und weltweit einem größeren Publikum durch Lied-Vertonungen vor allem von Theodorakis, aber auch von Manos Chatzidakis, Thanos Mikroutsikos, Jannis Markopoulos etc, bekannt geworden. Und das ist eine Chance, die Griechenland hat, und es ist, glaube ich, das einzige Land, das diese Chance so hat – durch Musik die Literatur bekannt zu machen.

 

Dielmann: Ich springe noch einmal zurück an Ihren Schreibtisch: Welche Ihrer eigenen zahlreichen Übersetzungen ist Ihnen die liebste?

Kutulas: Das ist schwer zu beantworten. Eines der fundamentalsten Werke, die ich herauszugeben und zu übersetzen das Glück hatte, war der Band »Deformationen. Eine innere Biografie« (Romiosini Verlag) mit Gedichten, Texten und Interviews (1930-1990) von Jannis Ritsos, der bald in einer überarbeiteten und erweiterten Ausgabe herauskommen wird. An diesem Buch habe ich mehr als zehn Jahre gearbeitet. Ähnlich essentiell sind die Seferis-Essays im Band »Alles voller Götter« (Suhrkamp Verlag).

Eine Entdeckung für mich, und auch – wie ich hoffe – für das deutsche Lesepublikum, ist die wunderbare Poesie von Nikos Engonopoulos (Dielmann Verlag). Außerdem war es ein hartes Stück Arbeit. Über zwei Jahre haben wir für diese paar Gedichte gebraucht. Das Komplizierte bestand darin, diese surrealistische Sprache im Deutschen wiederzugeben und ihr gleichzeitig diese originäre Leichtigkeit zu verleihen.

Sehr wichtig sind mir schließlich der höchst spannende »Kreta-Roman« (Insel Verlag) von Mikis Theodorakis sowie der einzige Roman von Seferis, »Sechs Nächte auf der Akropolis« (Suhrkamp Verlag), der im Athen von 1928 spielt. Jetzt merke ich gerade, dass ich in meiner Aufzählung weitermachen müsste, also höre ich an dieser Stelle auf.

Dielmann: Asteris Kutulas, dann wünschen wir Ihnen und uns und vor allem allen griechischen Autoren viele deutsche Leser. Und wir danken dir herzlich für das Gespräch!

Frankfurt am Main, 2001

Das Interview gab ich Axel Dielmann 2001. Es wurde vollständig veröffentlicht in der Zeitschrift Listen/ Rezensionszeitschrift, Heft 62, Frankfurt 2001 – aus Anlass der Frankfurter Buchmesse mit dem Schwerpunkt Griechenland. A.K.

Konstantin Kavafis – Genealogie

Familie Kavafis

Kavafis setzte sich über einen sehr langen Zeitraum seines Lebens mit seiner Familiengeschichte auseinander und verwendete sehr viel Energie und Geduld auf die Studien bezüglich seiner Herkunft und seiner Vorfahren. Er beschäftigte sich mit dieser Thematik mindestens von 1882 bis 1911, ließ dann aber das zusammengetragene Material als unfertiges Dokument liegen, möglicherweise, weil er es zu einem späteren Zeitpunkt vervollständigen und vielleicht veröffentlichen wollte. Gegen letztere Hypothese spricht allerdings, dass Kavafis Informationen über sein Privatleben grundsätzlich nicht einmal an Bekannte und Freunde, geschweige denn an Dritte weitergegeben hätte. Insofern gleichen die gesammelten Notizen über seine Familiengeschichte eher einem Zettelkasten, den er womöglich später, nach 1911, wenn alle gewünschten Informationen beisammen gewesen wären, aus einem inneren Bedürfnis heraus, vervollständigt und geordnet hätte. Dazu kam es nicht. Das unfertige Manuskript der „Genealogie“ erschien 1948 in der Zeitschrift „Nea Hestia“ und 1983, zusammen mit allen anderen Angaben, in dem Buch von Karajannis, das mir als Arbeitsgrundlage diente.

Kavafis’ Notate zu seiner Familiengeschichte offenbaren nicht nur eine in Deutschland bisher unbekannte Seite des Dichters, sondern auch viel von der psychischen Verfassung des Menschen Kavafis. Bezeichnend sind die innige Beziehung zu seiner Mutter, die distanzierte Sicht auf den Vater und die fast beschwörerische und charakteristische Feststellung: „Aber meine Familie stammt aus Byzanz“. Bezeichnend ist außerdem der Satz, er kenne die türkische Bedeutung seines Namens nicht. Einige Kavafologen haben daraus den Schluss gezogen, Kavafis hätte dies in einem Anflug von Eitelkeit behauptet, da Kavafis im Türkischen „Schuhmacher mit nur gering entwickelten Fähigkeiten“ bedeute und im allgemeineren Sprachgebrauch auch Synonym für „unfertiger, niederer Mensch“ sei.

Charakteristisch sind auch die überschwänglichen Worte im Hinblick auf seinen Bruder, den „Erleuchteten“. Von all seinen Verwandten war dieser Bruder John derjenige, mit dem ihn die Liebe zur Literatur verband. John Kavafis veröffentlichte einen eigenen Gedichtband („Early Verses by John C. Cavafy“) und übersetzte viele Gedichte seines Bruders Konstantinos ins Englische. Im Kavafis-Archiv finden sich neun Hefte mit diesen Übersetzungen, sowie ein Briefwechsel der beiden Brüder zur Problematik des Übersetzens. Außerdem unterstützte John seinen Bruder jahrelang finanziell.

© Asteris Kutulas

Ich habe aus dem teilweise ungeordneten Material der Karajannis-Studie eine Auswahl getroffen und sie für eine deutsche Veröffentlichung in eine mir günstig scheinende Reihenfolge gebracht. Mir ging es darum, die Zeugnisse der wunderbaren Passion des Dichters – nach seinen Wurzeln zu suchen – dem Leser zugänglich zu machen:

Konstantin Kavafis, Familie Kavafis, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas, Übertragen von Asteris und Ina Kutulas, Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 2002

Hier daraus seine Ausführungen über seine Mutter:

„Chariklia Fotiadis-Kavafis wurde 1835 in Genikioi geboren und heiratete mit 14 Jahren. Die ersten beiden Jahre ihrer Ehe verbrachte sie in Konstantinopel im Haus ihrer Schwiegermutter. Dieser Aufenthalt dort war für die junge Braut nicht sehr angenehm. 1852 zog sie zusammen mit ihrem Ehemann nach England. Auf dem Weg dorthin blieben sie längere Zeit in Paris, was die junge Frau sehr beeinflusste, die bis dahin nichts von der Welt gekannt hatte außer den Ort Peran. Sie und ihr Mann blieben für einige Monate in London. In Liverpool wohnten sie dann in der Bedford Street. Sie lebten ruhig und zurückgezogen, keinesfalls entsprechend den Bedürfnissen einer 18jährigen. Chariklia schloss nur wenige Bekanntschaften, wovon die engsten die mit Frau Skilitsis und Frau Rallis waren. Petros Ioanis engagierte Lehrer für seine Frau Lehrer, die Französisch, Englisch und Zeichnen lernte. 1854 oder 1855 ging sie mit ihrem Ehemann nach Alexandria, eine Stadt, die sich gerade zu entwickeln begann. Es gab erst wenige Europäer in der Stadt. Die griechische Gemeinde war damals schon die größte, und sie ist es noch heute. Die griechische Gemeinde zählte damals noch nicht mal 3.000 Mitglieder. Jetzt, 1903, hat sie mehr als 30.000. Das Leben der Stadt konzentrierte sich in der Gegend um den Großen Platz herum … In Alexandria ging es recht munter zu, zumal die meisten Neuankömmlinge erfolgreiche Börsianer und Händler waren. Tanzveranstaltungen und Bankette waren an der Tagesordnung. Chariklia Kavafis hatte ihren Einstand auf dem großen Ball von Herrn Pastres … Die Abkömmlinge dieser Familie – jetzt Comtes Pastre – leben in Paris … Die alexandrinische Gesellschaft sah in Chariklia Kavafis die schönste Frau der Stadt. Einige Fotos aus jener Zeit zeigen sie – trotz der damals recht problematischen Art und Weise zu fotografieren – als eine wirklich sehr schöne Frau. 

Als die Familie nach Alexandria kam, war Said Pascha der Vizekönig von Ägypten. Sein Nachfolger wurde Ismail Pascha, der in Kairo einen „europäisierten Hof“ unterhielt, und bei allen Veranstaltungen machte der Vizekönig Chariklia Kavafis den Hof und bot ihr oft auch seinen Arm.

Das Haus, das sie anfangs bewohnte, lag am Großen Platz. Dann zog sie um in ein Haus auf der Serif Pascha Straße, das 14 Zimmer hatte und wo sich die gute Gesellschaft Alexandrias traf. Jedes Jahr unternahm sie mit ihrem Ehemann Reisen nach Europa, und so besuchte sie die meisten Städte Italiens und Frankreichs. Sie besuchte auch Korfu und Malta.“ (Aus: Konstantin Kavafis, Gnenealogie)

© Übersetzt von Asteris und Ina Kutulas

Konstantin Kavafis

Matthias „Baader“ Holst & Peter Wawerzinek über Rockmusik, deutsche Texte und Schlager

Ein Gespräch, das ich mit „Baader“, einem sehr eigenwilligen und höchst talentierten Verrückten, und Peter Wawerzinek, einem anderen eigenwilligen und höchst talentierten Verrückten über die DDR, Rockmusik und Lyrik während der Wende-Zeit geführt hatte. Baader starb wie er gelebt hatte: er wurde einige Wochen nach diesem Gespräch im Morgengrauen eines feuchten Junitages in Pankow von einer Straßenbahn erfasst und erlag wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

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Matthias „Baader“ Holst & Peter Wawerzinek & Asteris Kutulas

„Aus dem Nichts heraus kommen, aus dem Nichts heraus was machen“

Gespräch über Rockmusik, Schlager und Lyrik, Frühjahr 1990

Asteris Kutulas: Wir wollen uns zunächst über „Rockmusik“ unterhalten, darum als erstes die Frage nach eurer Beziehung zu diesem Genre.

Matthias „Baader“ Holst: Ich hab in einer Punk-Band mitgemacht, bei „Den letzten Recken“. Und letztes Jahr noch ’ne Leibach-Variante: „Frigitte Hodenhorst Mundschenk“ als Sänger und Texter.

Peter Wawerzinek: Ich hab schon als Sänger, Texter und Schauspieler gearbeitet. Ich interessiere mich für Rockmusik, weil ich mal selber Sänger werden wollte. Und da musste ich erstmal sehen, was die anderen alle machen, damit ich das nicht auch mache. Außerdem habe ich mich nicht nur für Rockmusik, sondern auch für die Texte interessiert, damit ich das singen kann, was ich wirklich meine.

Kutulas: Was mir nach einigen Gesprächen aufgefallen ist: eure sehr eigene „Beziehung“ zur Rockmusik, also eigentlich zur Rockmusik in der DDR. Ihr habt eure Haltung zu dem, was ihr unter Rock versteht, und ihr habt eure Meinung zu dem, was andere darunter verstehen.

Holst: Auslöser unserer Diskussion waren vor über einem Jahr der Film „Flüstern und Schreien“ und die Rock-Texte, die ich von verschiedenen Gruppen gekriegt hab. Da war von vornherein so ein Abstand zu diesen Schallplatten, zu diesem modischen Kram. Der Abstand kommt aus einer natürlichen „Rockhaltung“, und auch, weil man vielleicht irgendwelche Sachen verteidigen will, die inzwischen eben in so ’nem ganzen Modekram untergegangen sind.

Kutulas: Das Wichtige an diesem Film über die Punk-Musik in der DDR war nicht so sehr, was die Musiker machen … klar, das spielt auch ’ne Rolle, dieses Lebensgefühl, sondern dass die Leute, die das hören, das als echtes Lebensgefühl annehmen.

Holst: Das war eben die Gefahr bei dem ganzen Ding. Wir kommen aus einer ganz anderen Generation als diese Siebzehnjährigen und haben den Punk vor zehn Jahren ganz anders erlebt. Da war das noch keine Mode, da war das noch keine Geschichte, da war nicht jeder Dritte Punk. Das ist ja auch in dem Film so, wo der eine sagt: „Ich seh aus wie ein Autonomer, aber ich bin kein Autonomer.“ Und ich seh aus wie ein Punk, aber ich bin kein Punk. Oder wie ’n Skinhead, aber bin kein Skinhead. Das ist so ’n Lebensgefühl. Und da kommen wir eigentlich schon aus ’ner anderen Richtung.

Wawerzinek: Also bei mir ist der „Hass auf die Rockmusik“ eher Neid. Weil: ich neide das den Leuten, dass die einfach mehr Publikum haben als ein normaler Lesender. Und das ist ’ne andere Sache. Da kann man dann wirklich Leute oder die Masse erreichen. Ich bin bloß nicht davon überzeugt, dass das irgendwie einen Sinn hat. Es ist schon ’ne Faszination da, wenn du vierhundert, fünfhundert oder tausend Leute vor dir hast, und du kannst ein, zwei Texte loskriegen. Deswegen stört es mich, dass diese Gelegenheit nicht genutzt wird, wenigstens zwei, drei Texte rüberzukriegen, die zeigen: dieser Meinung sind wir; sondern dass immer wieder Texte gemacht werden, die dem Publikum gefallen sollen. Deswegen glaube ich, wenn man irgendwie was nicht mag, dann sollte man sich richtig damit beschäftigen, dass irgendwas dabei rauskommt. Jemand hat mal gesagt: Du musst den Blues hassen, um guten Blues zu machen.

Holst: Man muss das im Zusammenhang mit den Texten sehn, die damals in der Zeitschrift „Temperamente“ abgedruckt worden sind. Wir kriegten stapelweise Rocktexte von diesen ganzen Bands. Das war echt erschreckend. Ich hatte die Meinung: na die Gruppen sind okay, gute Musik. Oder die Musik machte mich in dem Moment an. Aber die Texte gingen so: „Gorbi, Gorbi“ im Bogo-Rhythmus, „Gorbi, Gorbi ist die Hoffnung“.

Wawerzinek: Ich bin mit diesem Problem auch nicht klargekommen. Ich hatte nämlich die ganze Zeit das Gefühl, dass es bedauerlich ist, dass ich die Texte nicht verstehe, weil die Musik sie immer überschrie, und die kümmerte sich wenig um die Texte. Und ich dachte immer, das müsste zumindest rüberkommen, dass ich das auch verstehe. Dann hatte ich das plötzlich schwarz auf weiß vor mir, und dann saßen wir zu dritt (mit Baader und Mario Persch) zusammen und dann war gar nischt. Wo jeder genau wusste: Also, dazu brauch man gar nichts sagen, das ist so flach und so banal, dass ich jetzt sage: Ein Glück, dass man öfter die Texte nicht versteht!

Kutulas: Ihr sprecht jetzt vor allem über die sogenannten Neuen Bands, wie man sie vor zwei, drei Jahren in der DDR noch nannte. Interessant ist doch, dass jetzt international verstärkt Bands aus den Sechzigern ihr Comeback feiern. Das sind Bands, die eine „Message“ in den 60ern und Anfang der 70er hatten, als die Texte noch ’ne relativ große Rolle spielten, natürlich mit einem ganz anderen sozialen Background. Jetzt treten diese Bands wieder auf. Zum Teil mit neuen Songs, zum Teil auch mit den alten. Das Publikum setzt sich zusammen aus 30- bis 40- jährigen, die sich das leisten können, für 50, 60, 80 Mark ins Konzert zu gehen, aber auch aus vielen jungen Leuten. Seht ihr einen Zusammenhang zwischen den jetzt aktuellen Bands, egal, ob sie Disko, Punk oder Rap machen, und den alten Bands, die wieder im Kommen sind?

Holst: Das hängt mit dem Raum zusammen, in dem man lebt. Ich meine, es ist ja nun mal ein postmoderner Raum, in dem sich die Werte total verschieben und in dem es das gibt und das und das. Es gibt keine eindeutige Tendenz, dass man sagen könnte: in die Richtung gehts. Dass man sagen könnte: die Leute wollen eine Message. Also das ist, glaube ich, die Schwierigkeit, da jetzt ’ne Tendenz hinzukriegen und zu sagen: So ist es oder so. Und ich glaube, dass ein Teil der neuen Bands auch beeinflusst ist durch die 60er zum Beispiel. Dadurch verstärkt sich natürlich auch wieder diese Tendenz zur Message. Daß die Leute eben dastehen und wieder den Messias haben wollen.

Wawerzinek: Ich bin für jede Wiederentdeckung, also auch für jede Rückbesinnung, nur vermisse ich oft, dass dann das, was wirklich mal wichtig gewesen ist und was wirklich mal der gute Ansatz war, auch wiederentdeckt wird. Das bleibt meist bei solchen Dingen, die sich zu Wellen ausweiten, dann bleibt das wieder liegen.

Und mich interessiert am meisten der Zustand, wo sich Dichter oder Lyriker oder Texter mit anderen Musikern oder mit Malern oder mit Filmemachern zusammengesetzt haben und gemerkt haben: alleine nur die Texte rüberbringen, schafft nicht genug Raum, sie rüberzubringen. Und gesagt haben: Na, 20 Minuten, und dann ist die Aufmerksamkeit weg, bei Musik kannst du bis zu 20 Stunden und wenn es immer besser wird, noch länger. Und da gab’s ja verdammt viele gute Sachen in dieser DDR, auch in den 70er Jahren. Da ging es doch los.

1976 begannen Lyriker mit Musikern oder sogar allein zu spielen, nur, um wenigstens diesen Pegel der Aufmerksamkeit etwas anzuheben. Und wenn das in der Rückbesinnung irgendwie mal wiederentdeckt wird, was Tom die Roes, Sascha Anderson oder Papenfuß gemacht haben, dann sähe ich ein ganz kleines bisschen Hoffnung, dass diese leere Insel ausgefüllt wird, und dass man dann wieder mehr Strukturen hat. Bloß, ich vermute, dass das nicht so kommen wird.

Kutulas: Es ist vor allem im Westen viel über diese Aktivitäten in der ehemaligen DDR geschrieben worden. Und nicht zu vergessen sind ja auch die Maler, die sich sehr stark mit Musik, Film und Aktion beschäftigt haben. Ralf Winkler zum Beispiel hat auf vielen Schallplatten als Musiker gespielt. Oder Helge Leiberg, Frank Lanzendörfer, Johannes Jansen und viele andere. Und bei euch selbst ist es ja auch so, dass ihr Lyrik, Aktion und Musik zu verbinden versucht, immer wieder dieser Bezug zur Malerei, zur Fotografie. Warum braucht ihr noch eine andere Dimension? Als Abgrenzung zu den Bands, die auf die Bühne gehen und „Musik“ machen?

Holst: Weil es einfach eine Sache von verschiedenen Medien ist, die auch mit den eigenen Tendenzen zusammenhängen. Dass du eben Lust hast, jetzt mal zu malen oder meinetwegen Musik zu machen oder zu texten oder was anderes eben. Aber deswegen werden wir ja auch angegriffen, denn in dem Moment, wo wir nicht sensibel mit der Rotweinflasche am Herzen sitzen, haben die anderen Leute einfach den Verdacht: einer, der aktiv ist und der was auf der Bühne macht, ja, der muss einfach schlechte Texte machen oder der lenkt von seinem Text ab durch seine Aktion. Aber das ist nur ein Verdacht. Warum kommt keiner drauf, wenn sich ein sensibler Lyriker hinsetzt und seine Strohhalmgedichte irgendwie abstottert? Da sagt jeder: Na ja, gut, der macht das aber wenigstens, und das kann ich hören; der andere aber lenkt ab. Es gibt auch Leute, die einfach texten und zum Beispiel mit Musik irgendwas machen wollen, weil sie merken, dass die Wirkung stärker ist. Vielleicht ist es auch einfach eine Eitelkeit, daß man sagt: man kann damit Leute erreichen. Das sind ja alles Sachen, die dazukommen. Jedenfalls geht es mir so und bestimmt auch anderen: Wenn man in so einem Raum ist, dann fühlt man sich schon in einem Medium irgendwie eingeengt, oder man kann in diesem einen Medium nicht allein leben oder pipapo …

Und, klar, es scheint ein Verfall der Werte zu beginnen. Dadurch, dass der Raum offen ist, bist du erstmal anderen Provokationen ausgesetzt, aber du unterliegst auch anderen Einflüssen und hast damit natürlich ganz andere Möglichkeiten für deine eigenen Sachen.

Wawerzinek: Ich kann sogar für mich formulieren, dass ich es ablehne, für einen puren Literaten gehalten zu werden, für einen puren Sänger oder puren Clown oder Faxenmacher. Ich würde aber gern alles sein: Sänger, Schauspieler, Faxenmacher. Dann muss man mit den Musikern nämlich auch reden, damit man in deren Festlegung reinkommt. Die wollen ja dann Musiker sein, und dann haben die ganz bestimmte Vorstellungen. Wenn du jetzt wieder einen Musiker hast, der nicht nur ein Musiker sein will, dann kommt Zusammenarbeit auf. Dann geht das klar. Dann kann man es probieren, und dann hat es auch am meisten Spaß gemacht für beide oder für drei. Aber die Schwierigkeit, die ich in letzter Zeit gesehen hab und die auch jetzt nichts mit der Wende zu tun hat, war – und das sehe ich auch als Schwierigkeit demnächst noch –, dass man sich jetzt festlegen muss, welche Richtung man einschlägt. Angeblich ist alles möglich jetzt, und komischerweise engt das ein. Man besetzt Märkte, man will Marktlücken entdecken oder weiß der Teufel, was da die Gedanken sind. Und das behindert dann natürlich schon das, was du vorhin gesagt hast, dass nämlich plötzlich nicht jeder mehr seinen Charakter und seine persönliche Stimme nach außen trägt, an den Mikrophonen.

Holst: Weil nun wieder der Streit der Medien losgeht. Und da geht das wieder so, dass die Leute, die eben ihre dreitausend Fans haben, natürlich ganz andere Möglichkeiten haben als andere, die nur fünfzig Fans haben. Und das halte ich eben für eine Gefahr, gerade für die sogenannte „Underground“-Kultur; „underground“ ist aber kein guter Begriff … dass in so einem Raum eine Konkurrenz einsetzt, was ich nicht gut finde, weil man sich jetzt zur Zeit, also auch im Osten, gegenüber diesem ganzen Westquatsch absetzen und trotzdem auch mit den Einflüssen umgehen kann, und nicht darum kämpft, die sechste Gruppe von Ute Arne zu werden. Das kann nicht mein Ding sein. Ich kann doch nur versuchen, an meinem eigenen Ort, auf meinem eigenen Terrain, mit meinen eigenen Phantasien, Visionen, wie man das auch immer nennen will, was zu machen, damit umzugehen. Und nicht, dass ich versuche, mich zu integrieren. Das habe ich ja vorher auch nicht gemacht.

Es ist doch ein Unterschied, ob ich mich irgendwo einklinke und sage, das ist hier mein Raum … Denn mit 25 oder mit 30 oder mit 35 habe ich zumindest auch unter diesen Bedingungen in diesem Lebensraum und mit diesen Erfahrungen gelebt. Da kann ich nicht einfach umkippen, weil irgendwo da hinten jetzt ein Markt ist, wo ich irgendwie was machen könnte. Das ist halt falsch, wenn man versucht, das so für sich mitzunehmen und ’ne totale Umkehr macht. Das kann nur schiefgehen, wenn man jetzt dem Druck nachgibt und sich vornimmt: Ich will jetzt international sein, ich will jetzt über die Anklamer Straße hinauskommen. Völliger Blödsinn. Also, entweder ich mache das und es ist für mich ein natürliches Ding und ich lebe mit diesem Riss und diesen Provokationen, diesen Umsetzungen, oder ich lebe eben nicht drin. Aber immer mit diesem Druck leben … Ich halte das nicht für gut.

Kutulas: Schappi, du hast vorhin gesagt, dass es eigentlich darum geht, Text rüberzubringen …

Wawerzinek: Also, ich hab was zu sagen, und ich muss andere Medien nutzen. Ich will keine supergroße Zusammenarbeit anstrengen. Aber wenn es Musiker gibt, die mit mir was zusammen machen wollen, denen es aber piepegal ist, was da rüberkommt von mir und nur ihre Musik dazu machen, dann kann man die Zusammenarbeit auch abbrechen, die nicht stattgefunden hat. Und wenn das nur mit einem Maler ginge, dann muss ich mir eben den Maler suchen, mit dem es mir wirklich Spaß macht, das, was ich soundso zu sagen hab, in dieser Form rüberzubringen.

Kutulas: Könnte man das, was ihr macht, „Pop Art“ nennen, im Sinne von Papenfuß‘ „Pop Art Periode“, als er Konzerte gemacht hat und es ihm auf Kommunikation ankam? Sind eure Auftritte „Pop Konzerte“?

Wawerzinek: Letztendlich so, wie es nachher ankommt, sind sie zu dem geworden. Das kann man so sagen. Aber dieser Begriff … Ich nehm den mal so an, so heikel, wie er ist. Auch weil Bert Papenfuß das in einem Interview so benannt hat, weil es auch wirklich stimmt.

Nur, das andere Problem ist, dass ich Schwierigkeiten habe, meine Texte selber erstmal zu verstehen und dass ich das wirklich dann fast schon als Zumutung empfinde, wenn ich nun noch von anderen verlange, die sollen es auch noch verstehen. Aber jeder Auftritt mit einer Gruppe oder mit einem Musiker zusammen ist ein Versuch, mich selbst mehr zu verstehen, oder er wird zu einem Dilemma: dass ich zum Schluss gar nichts mehr verstehe. Und das andere: dass man dabei auch auf Entdeckung geht zu sich selber. Ich hätte mir zum Beispiel nie im Leben vorgenommen, Phonetik zu machen, aber vor tausend Leuten ist mir das plötzlich dann aufgefallen, dass man jetzt auch mal was Unverständliches sagen müsste, damit man endlich mal verstanden wird. Und dann habe ich irgendwelche „uet uet uet“ gemacht, also irgendwelche Geräusche, und plötzlich war das das, woran sich die Leute erinnerten. Da kam dann plötzlich irgendjemand zu mir und hat gesagt: Hier ist ein Mikrophon. Und dann noch jemand vom Rundfunk, und der hat dann gesagt: Wir machen Phonetik, und du bist uns empfohlen worden als der Phonetiker. „Lautgedichte“ hab ich da plötzlich gemacht. So ist das entstanden. Und da hat es auch seine Wirkung gehabt. Ich würde mich aber jetzt nie hinsetzen bei Kerzenschein und Rotwein, dann geht ein Lichtchen an, man wird vorgestellt und dann trägt man sein Gedichtchen vor. Denn für mich ist ja wichtig, dass man, wenn man sowas macht, nicht bloß sagt, was man sowieso zu sagen hat, sondern auch etwas, was man vorher gar nicht vermutet hat, dass es auch noch sagbar ist oder dass es aus einem rauskommt. Mario Persch von „Expander des Fortschritts“ hat das so gefasst, was ich gut finde: „Aus dem dem Nichts heraus kommen, aus dem Nichts heraus was machen“, das finde ich eine schöne Dopplung. Kannst du gleich als Überschrift nehmen, als Forderung und als Arbeitsmonogramm …

Holst: Das ist eigentlich die Möglichkeit, um noch mal zurückzukommen auf Konversation und das, was Papenfuß sagte, das ist schon die Chance, dass man, desto offener die Räume sind und je mehr Mut man hat, diese Räume zu betreten und auch auszuprobieren, man auch merkt, dass der Kreis diesen kommunikativen Charakter verstärkt.

Kutulas: Wir sind uns im klaren, dass es nun nicht um Kommunikation mit einer „Masse“ geht, sondern um eine mehr oder minder substantielle Kommunikation, die danach strebt, weg von drei Leuten hin zu fünfzig zu kommen … Ich wollte noch mal die Ebene klar benennen.

Wawerzinek: Also weg von drei?

Kutulas: Weg von „drei“, hin zu „fünfzig“ …

Wawerzinek: Nicht mehr als fünfzig …

Holst: Also, der Wahnsinn dieser Medien ist, dass es soundsoviel Medien gibt, die nur diese Kreise erreichen – das ist völlig klar. Es gibt eben nicht DAS Medium. Es ist klar, dass du mit Lyrik nicht mehr als fünfzig Leute erreichst. Das hängt auch mit dem Raum zusammen, in dem wir leben.

Wawerzinek: Wichtig ist auch irgendwie für mich, dem Vorwurf „Das kann ja jeder!“ durch Machen zu entkommen. Wenn das stimmt, dann muss man es machen, dann muss man alles machen. Aber das ist nicht das Ziel. Es ist viel produktiver, wenn einer zu dir kommt, und sagt, dass kann ja jeder, und du gehst dann los, und sagst: Na, werd ich mal sehen, ob ich’s kann, ob ich’s nicht auch machen kann. Farbe ranschmeißen an die Leinwand kann eigentlich jeder. Bloß, es macht nicht jeder. Am wenigstens die, die es dauernd den Leuten vorwerfen, dass es jeder machen kann. Die tun am wenigsten.

Kutulas: Wie ist eure Beziehung zum Schlager? Im Gegensatz zur Rockmusik, der sich mehr an eine „Gruppe“ wendet, richtet sich der Schlager (und die Disco-Musik als dessen Ableger für die Teenager) mehr an den „Einzelnen“. Wenn Adamo singt „Ich liebe Dich“, fühlt sich jede einzelne Frau persönlich angesprochen. Andererseits ist es nicht zufällig, dass im Rockkonzert versucht wird, ein gemeinschaftliches Hochgefühl beim zumeist jungen Publikum zu bewirken. Das will ich nicht bewerten. Es ist für mich nicht ’ne Frage von Bewertung, sondern von Funktionalität. Das ist etwas völlig anderes. Darum sprach ich von Adamo, der nicht fünfzig, sechzig oder hunderttausend meint. Der spricht jede Zuhörerin persönlich an.

Wawerzinek: In Wirklichkeit meint er vielleicht nur sich selber …

Kutulas: Das Gefühl habe ich eher bei euren Auftritten. Wenn ich an Konzerte von „Expander des Fortschritts“ oder von „Schappi und Baader“ denke, dann werde ich den Eindruck nicht los, ihr wendet euch weder an den Einzelnen, noch an eine Gruppe, Menge. Es ist eine seltsame Geschichte. Eigentlich wendet ihr euch nur an euch selbst.

Wawerzinek: Da sollte es hingehen. Ich fänd es wunderbar, wenn ich sagen könnte auf der Bühne: Seht mich an, ich liebe mich! – und es würde ein wahnsinniger Tanz nach dem Motto „Er liebt sich, er liebt sich“ oder „Er hasst sich, er hasst sich“ losgehen. Sie können ja auch abhauen. Aber wenn dann die Frage beim Zuschauer entsteht, wie ist das denn mit mir, liebe ich mich auch oder hasse ich mich auch, wenigstens wie der auf der Bühne, oder liebe ich mich anders, oder hasse ich mich anders. Dann hat was stattgefunden. Aber es findet nichts statt, wenn du sagst, du bist schön, ich liebe dich und jeder hört sich das an, dann wirds eben zu diesem komischen Phänomen.

Kutulas: Es ist tatsächlich ein seltsamer Widerspruch zwischen „Einfühlung und Abstraktion“, eine seltsame Ausgewogenheit, die durch den Umstand des „Produzierens“ hergestellt wird. Es ist, wenn ich an „Schappi und Baader“ denke, eigentlich ein schizophrener Zustand. Und wer setzt sich gern einem solchen aus – auch wenn er einem hilft, „sich selbst besser kennenzulernen“?

Holst: Das ist aber auch ’ne Frage der Identität. Ich meine den Vorwurf, den ich nicht als solchen verstehe, dass man in diesem Widerspruch eigentlich auch lebt, dass man weder den Einzelnen noch die Gruppe in irgendeiner Weise vertritt und wo natürlich die Frage der Identität ungeklärt bleibt. Also ich weiß nicht, wie Peter Alexander oder Adamo oder Bernd Klüwer dazu stehen, ob das nicht so ihr Ding ist, wenn sie sagen: „Ich liebe mich“ oder „Ich liebe dich“. Diese Pseudo-Einfühlung, die da passiert, hat natürlich ’ne ganz andere Richtung. Dadurch kriegt das Ganze einen kollektiven Wahn und kommt als pseudoindividualistisches Ding daher. Aber das ist so ’ne Sache, wo mehr die Plattenfirma oder der Raum was damit zu tun hat als Bernd Klüwer persönlich. Ich weiß nicht, ob Peter Alexander und die alle so starke Individualisten sind …

Wawerzinek: Das Verrückte an der ganzen Sache ist, dass die Leute meistens denken, es ist ein Glückszustand, wenn man eine Bühne und ein Medium hat, um irgendwas an die Massen zu bringen. Das ist nämlich eigentlich das Dilemma, ’ne Bühne zu haben und ein Medium und ein Mikrophon, und diese Schizophrenie können wir nicht auflösen, weil das alles schon da ist. Du wirst aber gewertet, wenn du auf einer Bühne stehst, nämlich, dass du es geschafft hast, auf der Bühne zu stehen. Aber anders kommst du an die Menschen nicht ran. Du kannst doch nicht ewig in ’ner Kneipe rumsitzen.

Kutulas: Für mich war eine wichtige Erfahrung, als ich Thomas Anders, den früheren Sänger von „Modern Talking“, auf einer Tournee durch die Noch-DDR als Tour-Manager begleitet habe. Die Jugendlichen, vor allem die Mädchen, haben geschrieen vor Begeisterung. Es schien, als wäre für viele dieses Konzert eine Art Höhepunkt in ihrem Leben – und das war sicher nicht nur den spezifischen DDR-Bedingungen geschuldet. Bei Peter Alexander oder bei Adamo tritt das sicher nicht so auf, aber gerade in der Disco und Popmusik, wo bewusst für Teenager produziert wird, erreicht die Identifikation ein wahnsinniges Ausmaß. Sie wollten Thomas berühren, wollten Sachen von ihm haben, kannten die Songs auswendig – für sie ist das ’n Lebensinhalt.

Wawerzinek: Bei uns tritt das in der Masse nicht auf. Bloß die Leute, die nach der Lesung kommen und sagen, es war toll, und die sogar stehen bleiben, bis du endlich aufgehört hast zu plappern und dann zu dir kommen, das sind dieselben Anfasser. Bloß, wenn so ’ne Masse auftritt, denkt man, das muss gut sein, das muss wahnsinnig gut sein, was auf der Bühne geboten wird.

Kutulas: Es gibt natürlich einen gewaltigen Unterschied.

Wawerzinek: Die Macher sollen den Nerv treffen, den vorbereiteten Nerv treffen. Es muss wieder Einer kommen, und dann kommt Er und dann ist Er da.

Holst: Es funktioniert wie das Aufbauen eines Politikers. Man soll sich doch nicht wundern, wo Millionen drinnen stehen, es ist völlig klar, da kann ich alles machen, weil ich ja auch die Inhalte verschieben kann, weil es in diesem Raum immer irgendwelche Leute gibt, die mit diesen Inhalten oder Nicht-Inhalten auch einfach spielen können. Du kannst immer jemanden aufbauen, und dann brauchst du ihn den Leuten nur jeden Tag reindonnern fünfmal am Tag, so, und dann sind die Höschen feucht – das ist auch okay, und dann kommt Thomas Anders, bringt 30 Hemden mit, und das Ding ist gelaufen, und dann sagen alle: Das is ’n wunderbarer Typ, der sagt, was ich denke – was ja unter Nichtdenkenden kein Problem ist. Der braucht die Folgen nicht zu tragen. Das ist ja auch ’n Unterschied, der kommt ja nicht als Individuum. Und das ist auch das Problem dieser ganzen Identität. Identität fängt nur dort an, wenn es etwas Namenloses ist.

Wawerzinek: Du siehst das ja bei Michael Jackson … Wie viel der sich umoperieren lassen muss, das ist doch nicht nur sein Interesse, bloß, weil er schön aussehen will, sondern weil er zu dieser Plastikpuppe werden musste, weil das Individuum nicht mehr interessiert … Bei Michael Jackson ist das für mich sogar erschreckend, was der jetzt noch so alles macht. Ich glaube, wenn ihm jetzt die Hintermänner sagen: Du musst jetzt langsam trauriger werden, du musst langsam Brüste kriegen, dann ist das zwar nicht sein Problem, aber er wird sich Brüste anschaffen, und er wird mit ihnen auf der Bühne wackeln, und alle werden kreischen … Nur, wenn das alles wirklich sein Problem wäre, dann hätte er noch wenigstens Glück gehabt in diesem ganzen Geschäft.

Holst: Dann hätte er natürlich keine Chance, weil nur mit Namenlosigkeit können Millionenauflagen erreicht werden. Du stehst oder sitzt auf der Bühne und bringst deine Traurigkeit rüber, dann ist es völlig klar, es würde dich keiner anhören – gut, fünf sind vielleicht betroffen. Ich meine: Wenn du dein namenloses Leid in die Gegend wirfst oder dein namenloses Glück – zum Beispiel „Herzen haben keine Fenster“ – kann jeder Idiot sagen, na wunderbar, das ist auch mein Lebensgefühl irgendwie.

Im Gegensatz dazu merkst du schon, wenn du dich im Underground bewegst – das ist schon irgendwo ein Rahmen, wo ’ne ganze Menge an Reibung und Tötung und Öffnung läuft, dass das schon nicht stimmt, also auch von der Direktheit her. Weil man sich schon täglich damit auseinandersetzt, seine täglichen Erfahrungen macht. Ich glaube, dass da ’ne Menge ablief. Eine Liebe ist es schon deswegen, weil es – ich will das nicht verallgemeinern – unter Druck entstand und viel direkter war. Ich weiß nur nicht, ob es wirklich auch das ist, was in der Vergangenheit war.

Wawerzinek: Ich komme nie ins Schwärmen beim Thema Underground. Ich glaube, es gab nie was, was sich jetzt beweisen müsste, dass es doch sowas gab. Das ist ja die aktuelle Forderung dieser Zeit: wirklich mir klarzumachen, es hat doch sowas gegeben. Es muss was gegeben haben, was Sascha Anderson heißt. Es muss was gegeben haben, was Papenfuß, Lorek usw. heißt. Was das überhaupt war. Ganz wissenschaftlich muss man das jetzt irgendwie machen. Ich hoffe, wenn sozial etwas mehr Schärfe reinkommt, dann wird die soziale Orientierung des Publikums stärker auf einen Dialog hinauslaufen.

Kutulas: Wobei der „Dialog“ durch den verstärkten Einzug der englischen Sprache sehr eingeengt wird. Die deutsche DDR-Rockmusik wird verschwinden. Nur wenige werden es sich leisten können, qualitativ gute deutsche Texte zu machen. Diese Ausnahmen gibt es natürlich. Aber die Bundesrepublik ist heutzutage das einzige europäische Land, in dem man das Radio einschaltet und nicht erkennt, dass man in Deutschland ist, da zu 95% nur englischsprachige Titel laufen. In allen anderen Ländern Europas ist das anders, von Griechenland, über Italien, Spanien, bis nach Frankreich und Schweden, wo zum Teil klare Quotenregelungen bestehen. Ich hoffe sehr, dass sich das auch in Deutschland ändert.

Wawerzinek: Weißt du, wie wichtig das dann wird, wenn mal einer deutsch singt. Ich würde das sogar positiv bewerten, wenn 95% nur Englisch machen, dann wird’s bei den restlichen 5% hier passieren müssen. Deshalb ist es wichtig, wenn mal wieder jemand auf deutsch singt, dass er dann aber auch weiß, dass ihm nur 5% gehören, und dann kann er sich so einen Schwachsinn nicht erlauben.

Kutulas: Oder es passiert das Gegenteil: Die deutschen Texte werden noch schlechter – wenn das möglich ist –, um zu bestehen, und die englischen werden das neue authentische Lebensgefühl wiedergeben …

Wawerzinek: Wenn du dich in England das erste Mal verliebt hast oder dich ein Mädchen aus England eingefangen hat, so dass es zu dir gehört, wenn du dich mit Mutter/Vater auf Englisch gestritten hast, dann werde ich es dir nicht übelnehmen, wenn du darüber auf Englisch singst. Aber wenn du damit nicht gelebt hast, dann ist das ja Anschiss. Dann stinke ich ab bei der Flachheit, die übernommen wird aus dem Sumpf der Klischees. Wenn man also keinen Anteil hat an dieser Sprache, dann empfinde ich das als Betrug.

Berlin, Frühjahr 1990

© Asteris Kutulas

Foto von Peter Wawerzinek © Asteris Kutulas 

Zeitschrift Sondeur (1990-91) – Bibliographie & Editorials

Folgend das Inhaltsverzeichnis aller 12 Ausgaben (April 1990 bis März 1991) der Zeitschrift „Sondeur – Monatsboulevard für Kultur und Politik“:

SONDEUR Nr.1

Matthias Biskupek – Mürrische Rede. Unlust. Schnauze voll
Yury Winterberg – Wer hat Angst vor Markus Wolf?
Elisabeth Wesuls – Ärzte zum Schwangerschaftsabbruch 1990
Claudia Gehrke – Plädoyer für scharfe Schamlippen
Ulrike Zimmermann – Frauen und Pornografie
Adolf Endler – Bubi Blazezak und der Berliner Fernsehturm
Fritz Rudolf Fries – Wiederbelebung
Kathrin Schmidt – Der eben um die Ecke …
Heinz Czechowski – Dresden, 13. Februar 1990
Niemandsland DDR – Asteris Kutulas im Interview mit Rainer Fetting und Trak Wendisch
Steffen Mensching – Notate im November 1989
Fritz Rudolf Fries – Braucht die neue Republik neue Autoren?
Heinz Czechowski – Zur Situation von Literatur in der DDR
Lothar Trolle – Gerede eines alten Mannes
Peter Wawerzinek – Mudular Hans Müller
Matthias Holst – Ist es einfach, punk zu sein?
Elmar Jansen – Stadt-Bilder, Traum-Bilder
Uwe Kolbe – Über das Gelegenheitsgedicht
Mulack – Gitarre für Anfänger
K.-P. Schwarz – Die „NVA“, Böll & ich
Asteris Kutulas – Nachgestelltes Geleitwort

SONDEUR Nr.2

Freymuth Legler – President debilee
Claudia Gehrke – Pornografie/ Hinsehen oder Wegsehen?
Ulrike Zimmermann – Frauenschaulust und Gewaltpornos
Elfriede Jelinek – Schamgrenzen?
Barbara Frischmuth – Dünger für mein Augenfeld
Yury Winterberg – Denk ich an Keuschland in der Nacht
Matthias Biskupek – Wie ein DDRler jetzt sprechen lernen sollen müßte
Robert Rauschenberg – Wenn das keine Kunst ist, mag ich es (Interview)
Jurij Koch – Die Schmerzen der endenden Art
Ziemer-Jackisch – Akropolis Nr.13 (Reportage)
Fritz Rudolf Fries – Die Westmark fällt weiter. Eine Utopie?
Holger Jackisch – Über das Leipziger Literaturinstitut
Matthias Holst – chingachgook/ein ghetto voller petersilie
Peter Wawerzinek – In der Schwein Welt

SONDEUR Nr.3

Ulrike Zimmermann – Pornos und andere Filme von Frauen
Yury Winterberg – Verfolgte Randgruppen/Heute: Der Fleischer …
Thomas Rosenlöcher – Kreischbild mit Bundeskanzler
Horst Hussel/Lothar Trolle – Stoßgebet der Frau Pastorin
Matthias Biskupek – Wirklicher und Geheimer Rat in Tartu
Mikis Theodorakis – Für einen vierstündigen Arbeitstag
John Cage – Stille als Klangform des Dunkels (Interview)
Odysseas Elytis – Zur Collagen-Technik
Annemirl Bauer – Feminismus, Frankreich, Fandarole (Interview)
Matthias Flügge – Inseln, die nur eines tragen
Gert Neumann – Toccata
Kerstin Hensel – Welsch
Hans-Eckardt Wenzel – Die Entstehung des Marsches …

SONDEUR Nr.4

Yury Winterberg – Sündimentale Reise in den Wilden Osten
Thomas Böhme – Leipzig-Abtnaundorf
Freymuth Legler – Reise in den Zwischenraum
Fritz Rudolf Fries – Shop kaputt
Lothar Trolle – Erinnerung an eine HO Gemüseverkaufsstelle
Hans-Eckardt Wenzel – Die vergessenen Dörfer Vorpommerns
Matthias Baader Holst – Wieder Berlin
Gerd Adloff – Café Wolff
Gregor Kunz – Bunte Republik (Äußere) Neustadt Dresden
Barbara Köhler – Dresden der klassische Blick
Thomas Haufe – zurück&kein zurück
Michael Wüstefeld – Meißen 1988
Matthias Biskupek – Mitten in der Rinde
Horst Hussel – Der Ort
Uwe Hübner – Länder oder Über die ewige Völkerwanderung
Thomas Rosenlöcher – Schaum
Annett Gröschner – Niederndodeleben
Till Sitter – Bin ich ein Schlüpfer-Fetischist?
Balduin Baas – Der grüne Penis
Sabine Kebir – … geschlechterfrieden?
Gudula Ziemer – Die Probe
Charlotte Oberwasser – Unter Blitzlicht
Doris Ziegler – Das Private, das Politische und die Malerei
Jan Skacel – Trennung
Heinz Czechowski – Dem Gedenken Jan Skacels
Andreas Hüneke – DAfDADAt? DAtDADAtDAf!
Johannes Baader – Brief an Johannes Schlaf (Erstveröffentl.)
Rainer Schedlinski – Das Sägen am eigenen Ast
Peter Wawerzinek – Hirn einschalten beim Schweigen

SONDEUR Nr.5

Bernd Nitzschke – Die Wut gegen Pornographie
Mircea Dinescu – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Wolfgang Kröber – Jämmerliche Kultur des Jammerns
Rainer Schedlinski – Was ist das Linke am Sozialismus?
Rabea Graf – Aus Postkarten meiner reiselustigen Freunde
Peter Wawerzinek – Abschied ist ein dunster Ort
Andreas Klich – Über Camburg
Barbara Köhler – Wieder Chemnitz
Angela Hampel – Vom Geheimnis im Bild (Interview mit Asteris Kutulas)
Eine Vergewaltigungsgeschichte oder Die Aggressionen der Kritiker
   Annett Gröschner – Maria im Schnee
   Freymuth Legler – Wer viel und laut übers Bumsen redet …
   Kerstin Hensel – Vor der Schlafzimmertür
   Tilo Köhler – Der Schrei um Hilfe
   Klaus Laabs – „Im Kopf eine verwüstete Landschaft“
   Elisabeth Wesuls – Neunmalklug ist auch wieder dumm
   Annett Gröschner – Anekdoten
Frank Lanzendörfer – techtels & mechtels
Peter Böthig – Subverstanden (Über F.L.)
Ina Kutulas – In einem dunklen dunklen Wald. Zu Lanzendörfer

SONDEUR Nr.6

Stefan Heym – Rette sich wer kann
Gudula Ziemer – Was ich in Rom sah oder hörte
Mitch Cohen – I Tell Ya
Ursula Ziermann – Männer als Maschinen
Claudia Gehrke – „Das Sichtbare ist das Geheimnis“ (Interview mit Asteris Kutulas)
Charlotte Oberwasser – Die erogene Zone
Fritz Rudolf Fries – Cuba Libre mit viel Liebe in New York
Matthias Biskupek – Mitleid für die abgefederten Sieger
Stefan Heym – Ausstellungseröffnung
Peter Schönhoff – Georg Baselitz‘ Arschlöcher
Angela Hampel – Ich hört ein Sichlein rauschen … (Interview mit Asteris Kutulas)
Ines Eck – Wenn ich tot bin, warst Du es
Eva Bartsch – Die Chance, grenzenlos verkannt zu werden
Thomas Bischoff – Thesen zum (Theater-)Naturalismus in der DDR
Fritz Rudolf Fries – Miles Davis/ Die Autobiographie
Matthias Baader Holst – Old Shatterhand oder Die Wohnungsfrage

SONDEUR Nr.7

Tilo Köhler – Der Untergang des Abendlandbrotes
Klaus Rahn – Das Glas Marmelade
Detlev Opitz – Eva-Mania
Claudia Gehrke – Die inszenierte Lust der Frauen (Interview mit Asteris Kutulas)
Peter Wawerzinek – 14 Pornotizen
Yury Winterberg – Schreiben als Perversion
Stephan Ost – Die Rivalin im Teppich
Fritz Rudolf Fries – Die hohe Kunst der Korruption
Adolf Endler – Neues von Bubi Blazezak
Elke Erb – Ein Jahrzehnt mit Endler
Gert Neumann – Brief in die DDR

SONDEUR Nr.8

Robert Gernhardt – Triste Überdosis
Alban Nicolai Herbst – Börsenbrief (Literatur)
Milan Kundera – Das spannende Auge Gottes
Jannis Ritsos – Camera obscura
Eberhardt Häfner – Die Verelfung der Zwölf
Claudia Gehrke – Der verpönte Blick (Interview mit Asteris Kutulas)
Gala Breton – Die Ostmuschis kommen
Peter Brasch – Die Entgleisung
Branko Cegec – Melancholische Annalen
Yury Winterberg – Der Hauptmann im Triebkrieg/ A. Stramm
Wolfgang Opitz – Ralf Winkler und die Sechziger in Dresden (Interview mit Asteris Kutulas)
Jan Faktor – Ein Satz zu Adolf Endlers Schichtenflotz
Horst Hussel – 6 Briefe an Herrn S.
Mitch Cohen – Papierflieger
Heinz Czechowski – Früher/ Drei Texte
Gert Neumann – Eröffnungstext

SONDEUR Nr.9

Lothar Trolle – Frau Minister mit besonderen Aufgaben
Jose Ortega y Gasset – Das zweigeteilte Deutschland
Rainer Schedlinski – Der dogmatische Schlaf der Vernunft
Friedrich Kröhnke – Eine letzte Satire
Hermann Nitsch – Ich bin kein Instinkttäter
Jannis Ritsos – Nach dem Ende / 3 Texte
Jörg-Michael Koerbl – Jugenddivision „Onanierende Zukunft“
Reinhard Jirgl – Tantalos an der Götter Tafel
Yury Winterberg – Vom Inzest mit Gehirntieren (Schmidt)
Autonome Huren – Besuch aus dem hohen Norden
Alban Nicolai Herbst – Deutsche Literaturbörse: Dezemberbrief
Cornelia Sachse – before LISA in america
Alain Jadot – Nicht übertragbar
Elke Erb – Brief aus der DDR
Die Redaktion – Danksagung

SONDEUR Nr.10

Peter Wawerzinek – Her mit dem nächsten Krawall
Christoph D. Brumme – Liquidationen
Alban Nicolai Herbst – Literatur-Börse: Gutes für Vergehendes
Volkmar J. Zühlsdorff – Partei fürs geliebte Deutschland
Tilo Köhler – Mit dem Rücken zur Wand, die es nicht mehr gibt
Domenico Zindato – Pastone und Broda
Zdravko Kecman – Nächtliche Lieben der Spinnenfrau
Koeppen/Wawerzinek – Akt-Kalendarium 1991
Peter Böthig – Ein Wanderer und sein Licht-Schatten
Matthias Baader Holst & Peter Wawerzinek & Asteris Kutulas – Die zappelnden Versfüße Michael Jacksons (Gespräch)

SONDEUR Nr.11

Berthold Dirnfellner – Geld
Stefanie Menzinger – Geldgeld
Gala Breton – Happy Week-End
Alban Nicolai Herbst – Börsenbrief Februar 1991
Yury Winterberg – Motz-Art lebt
Axel Dielmann u.a. – Franco Fantis Verzweigungen
Nenad Popovic – Freund Watson
Werner Heiduczek – Bitterfelder Wegelagerer
Fritz Rudolf Fries & Uwe Grüning – Streitgespräch
Ralf Winkler – Manifest 1971
Harald Gallasch – Das Unvorstellbare
Wolfgang Opitz – Die Dresdener „Lücke“ (Interview mit Asteris Kutulas)
Mitch Cohen – Ohne Eine

SONDEUR Nr.12

Konstantinos Kavafis – Notate
Heinz Czechowski – Das Zwingende
Gabriele Gabriel – Schießstandrecht
Michael Wüstefeld – Abbau einer Losung
Adolf Endler – Wiedererweckung
Peter Wawerzinek – Moppel Schappik
Horst Hussel – Damengespräch
Thomas Rindsfüsser – Depression
Ulrich Preuss – Ein Tag im Leben der Mama
Jannis Ritsos – Erwachen
Elke Erb – Russische Symbolisten
Sinaida Gippius – Dem Dichter
Annenski – Nerven
Alban Nicolai Herbst – Börsenbrief/Hundstod
Gert Neumann – Produktionsgewässer
Peter Brasch – Hämorrhoide im Kopf
Asteris Kutulas/Thilo Köhler – Editorial

NACHGESTELLTES GELEITWORT
der ersten Ausgabe (1990)

Zahllose Gründe sprechen gegen das Projekt. Galt noch bis vor kurzem das LESEN in diesem Teil Deutschlands – zumindest bei den wachgebliebenen seiner Bewohner als TUGEND –, so dürfte heut kaum mehr damit gerechnet werden: das Schauen, das Hören, das Streiten, das Reisen, das Debattieren, das Demonstrieren …! Wenn schon gelesen wird, dann Kurzgebratenes: schnell zur persönlichen Tagesordnung übergehen, denn die fordert gebieterisch den ganzen Mann. Die ganze Frau. Ganze Kinder gar: Auf alle, alle! und jeden zielen die Strategien der Neu- und Altverleger: West-östliche Diwane en gros, ganz andere Andere Zeitungen, reformierte Freie & Junge Welten, neue Neue Deutschlands, Wir in Leipzig und Uns in Mecklenburg, von all dem nicht zu reden, was noch kommen wird, Popos aus Jamaica und Rezepte vom Vater Rhein, Strickereien von Burda und Krenz ganz im BILDe, alles zielend auf IHN: den LESER. Wer aber ist der? Steckt in wessen Anzug und denkt in wessen Kopf? Irgendwo zwischen Neugersdorf und Jerichow II soll es ihn geben. Aber: er will gar nicht, der gute. Mag nicht mehr lesen. Warum auch. Vierzig Jahr gelesen und nichts gewesen. Für DIE Spesen – lieber am Tresen. Solange es dort noch wohlfeil zugeht. Apropos und überhaupt: vier Mark so’n Blatt! Woll’n wohl durchhalten. Woll’n wohl ihren Autoren gute Honorare zahlen. Autoren scheinen ihnen überhaupt wichtig zu sein, stehn sogar vorne drauf. Im übrigen irgendwie fremdländisch das Ganze, nicht wundern, wenn Onassis Aktien bei TANTALUS, na denn …

Ein angeschlagenes Schiff driftet längs der drohenden Brandung, die arg geschrumpfte Besatzung schwankt zwischen Lethargie und Renitenz, der Erste Offizier hat sich erschossen, der Smutje nurmehr Salzfleisch und Zwieback im Angebot, Bootsmann und Steward schmieden Ränke, der Zweite Offizier mit dem Beiboot getürmt, der übernächtigte Kapitän weiß, dass seine Tage gezählt sind, träumt von blühenden Geranientöpfen und hört kaum mehr im Halbschlaf die Rufe dessen, der weit über den Bugspriet gelehnt, das Lot wirft, der Mann heißt: SONDEUR.

Asteris Kutulas

EDITORIAL
der letzten (zwölften) Ausgabe (1991)

Mit dem tatsächlichen Erscheinen der Nummer 12 unseres Monatsboulevards haben wir nunmehr einen Status erreicht, den selbst Zuversichtlichere als wir nur schwerlich für ertrotzbar hielten: wir sind wieder ein Jahr älter geworden.

Zugleich kann hiermit der erste vollständige Jahrgang unseres galanten Almanachs durch jedermann besichtigt werden; Anlass auch für eine gelassene Rundschau unsererseits, deren Heiterkeit dem Unernst der Stunde angemessen bleiben soll. Denn SONDEUR stellt mit diesem Heft 12 sein regelmäßiges Erscheinen als Monatszeitschrift ein. Getreu unserer ersten Selbstdefinition als Literatur der k & k (Kutulas & Köhler) waren unsere Intentionen von Beginn an nicht auf expansive, sondern eher untergehende Phänomene gerichtet, denen wir mit „Sondeur“ ein gewiß nicht ungefälliges hinzugesellt zu haben hoffen.

Solcherart ist „Sondeur“ ein Kind des Übergangs, vielleicht sein schönstes gewesen. Kein Kind der Aufklärung mithin, wohl aber eines mit dem unverwüstlich provinzialischen Charme deutscher Spät- und Postromantik. Und da es bekanntlich für diese kein unschuldigeres Motiv gibt als den sanften Hingang eines schönen Kindes, übereignen wir „Sondeur“ hiermit dem unerschöpflichen Fundus der Literaturgeschichte, in der um zwei Jahrhunderte zu früh aufgetaucht zu sein in der Natur ernst zu nehmender Abschiede seit ebenso langer Zeit gründen mag.

Asteris Kutulas & Tilo Köhler

Bizarre Städte: Unabhängige Zeitschriftenpublikation in der DDR (1987-1989), herausgegeben und produziert von Asteris Kutulas / Redaktion: Ina Kutulas, Johannes Jansen, Gerd Adloff, Gregor Kunz, Thomas Haufe, Asteris Kutulas (Chefredakteur)

Sondeur: Monatszeitschrift für Kultur und Politik in der Nachwendezeit (1990-1991), herausgegeben und produziert von Asteris Kutulas / Redaktion: Tilo Köhler, Ina Kutulas, Marina Bertrand, Andre Kahane (Artwork), Jannis Zotos, Asteris Kutulas (Chefredakteur)