Bizarre Städte, Asteris Kutulas

Bizarre Städte im Fadenkreuz 1987-89

Ein unmelancholischer Rückblick 20 Jahre später (2008-09)

Das Projekt Bizarre Städte entsprang einem elementaren Freiheitsbedürfnis: sich nämlich nicht von vergreisten, kleinbürgerlichen und ungebildeten Herren vorschreiben zu lassen, was man zu denken, zu lesen, abzubilden und wie man zu leben hat. Die BS waren keine Publikation von oder für Dissidenten, ja, ich würde sagen, nicht mal von Oppositionellen im landläufigen Verständnis, sondern eher Ausdruck eines anarchischen Lebensgefühls gegenüber der uns damals umgebenden kulturellen Wirklichkeit und deren opportunistischer und größtenteils dümmlicher Repräsentanten, die da alle Ebenen des öffentlichen Lebens der DDR abweideten und in einigen Fällen ihre Machtgelüste und/oder ihren Kleingartenfrieden auslebten: Verlagsmenschen, Zeitschriftenredakteure, Kulturfunktionäre, Schallplatten- und Rundfunkproduzenten, Fernsehreporter, Festival- und Konzertveranstalter, Abteilungsleiter, Sekretäre, Jugendklubbetreiber etc. etc.(*) Die meisten von ihnen übten sich in Selbstzensur, zwangen ihre Befindlichkeiten anderen auf, und die Gespräche, Argumentationen und Diskussionen, die da liefen, waren oft dermaßen absurd und abwegig, dass man den Eindruck hatte, da sprachen keine erwachsenen Menschen … (**) Was im Namen des für alle Zeiten staatlich verordneten „wissenschaftlichen Kommunismus“ und der „historisch-materialistischen Dialektik“ dahergesagt, besprochen und vor allem ernst genommen wurde, war der Stoff unserer Albträume und provozierte bei uns eine enorm kreative Frustration. Vor allem die Schutz-Behauptung der dafür verantwortlichen Kulturfunktionäre, es gäbe gar keine guten nicht-veröffentlichten Texte in der DDR, ignorierte eine ganze Generation von Autoren, die seit Ende der siebziger Jahre Publikationsverbot hatten und – eine Gesetzeslücke ausnutzend – in Lyrik-Grafikeditionen, später in selbstverlegten Zeitschriften bis zu 99 Exemplaren ihre Werke publizierten. Das taten auch wir mit den BS, und es war ungemein erfrischend, den Grafiker Horst Hussel während der Arbeit an einem unserer Hefte hin und wieder sagen zu hören: „Frechheit siegt“ oder mich mit Volker Brauns Frage konfrontiert zu sehen: „Warum unterschreibst du dein Vorwort zu den BS eigentlich mit Asteris Kutulas? Unterschreib einfach mit: Ein Neger“.

Bizarre Städte Nr. 23 (1988), Originaleinband von Trak Wendisch

Die BS hatten also nichts mit „Konterrevolution“ oder mit „Untergrund“ zu tun. Das, was wir betrieben, war eher die Durchsetzung der alten Kantschen Lebensmaxime, „sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass man es zu tun hatte mit einem total pervertierten Sozialismus – denn das wollten wir schon glauben: dass das absolute Postulat der Freiheit im „idealen Kommunismus“ eines Karl Marx nicht nur ein Feigenblatt, sondern dessen Voraussetzung und Ziel war. In dem Koordinatensystem, in dem wir uns damals befanden, schwankten wir also zwischen unserem jugendlichen Hoffen auf eine gerechtere, freiheitlichere Gesellschaft und auf den „Welt-Frieden“ einerseits und dem Er-Leben einer tagtäglich selbstherrlich agierenden und entmündigenden Realität andererseits.

Nicht nur die Staatsgewalt in Gestalt zweier Herren der Staatssicherheit – was wir allerdings erwartet hatten – kam auf mich zu, sondern auch Sascha Anderson, der Papst, Mentor und Mäzen der untergründlerischen Prenzlauer-Berg-Szene, der mich aufforderte, meinen „Bizarre-Städte“-Unsinn doch zu lassen. Der direkte Angriff „im Namen der Szene“ kam aber Ende 1988 von Klaus Michael (damals noch „Michael Thulin“), der in einem sehr fragwürdigen Pamphlet die apolitische „Reinheit“ der Szene gegen die „politisierenden“ BS zu verteidigen versuchte. Das war ganz im Sinne von Anderson, der später als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wurde, sich zu DDR-Zeiten aber immer mehr zu einem unumstrittenen Herrscher des „Untergrunds“ stilisiert hatte.

Ich fand die „Szene“, zu der ich nicht gehörte und nicht gehören wollte, gut, weil es sie gab, weil sie – neben anderen – ein Hort des selbstbestimmten Denkens und Tuns für einige Künstler, Querköpfe und Hochstapler in der DDR war. Ihr Problem – und möglicherweise ihr Daseinsgrund – bestand darin, dass sie von den verkappten Stasileuten Anderson & Rainer Schedlinski in gewisser Weise kontrolliert und von ambitionierten Schreiberlingen beherrscht wurde, die weder die Courage eines Lutz Rathenow oder die literarische Qualität z.B. von Kathrin Schmidt, Gregor Kunz, Kerstin Hensel besaßen, noch die satirische Kraft eines Steffen Mensching oder Hans-Eckart Wenzel – die allesamt vom Gros der „Szene“ niedergemacht bzw. bespöttelt wurden. Glücklicherweise gab es da die – in meiner Wahrnehmung – isoliert dastehenden Leuchttürme Bert Papenfuß-Gorek, Detlef Opitz, Stefan Döring und ihre Texte, die allerdings die „Szene“ nicht gebraucht hätten, sondern auch aus sich heraus hätten schöpfen können, wie es Reinhard Jirgl, Jan Faktor, Frank Lanzendörfer, Johannes Jansen, Eberhard Häfner u.a. getan hatten, die sich dem arrogant-schwimmeligen Szene-Dunstkreis sukzessive entzogen, oder andere wie Uwe Kolbe oder Durs Grünbein, die gar nicht erst in diesen hineingerieten.

Bizarre Städte Nr. 2 (1988), Originaleinband von Erika Stürmer-Alex

Ich schreibe all das, weil sich die BS seltsamerweise nicht nur im Fadenkreuz staatlicher Ermittlungen, sondern auch im Fadenkreuz der „Szene-Regierung“ befanden, denn Anderson & Schedlinski agierten wie deren Premier- und Propaganda-Minister – dabei nicht nur die politischen, sondern auch und vor allem die geschäftlichen und bilateralen Beziehungen zum Westen regelnd. Diese beiden mal farbschillernderen, mal blasseren Oberhäupter hatten die geistige und teilweise auch faktische Regentschaft über das Erscheinen einiger „Untergrund“-Publikationen in Prenzlauer Berg und anderswo inne und wähnten sich kompetent genug, festlegen zu dürfen, wer in dieser Szene salonfähig war und wer nicht, waren also ebenfalls kleinbürgerlich, wenn auch mit abgetretenen Kelimteppichen und Ledersesseln, khakifarben von Alterspatina, in den Arbeitsräumen und/oder bekleidet mit einer ewigen beuys-kreuz- und -flecken-dekorierten Weste.

Trotz dieser doppelten „Restriktion“, die unsere Arbeit ständig begleitete, will ich nicht behaupten, dass die BS in gesellschaftlicher oder kultureller Hinsicht „wichtig“ waren, aber sie veränderten immerhin in konstruktiver Weise die persönlichen Produktions- und Dialog-Bedingungen einiger Leute, die sich mit Kunst und Literatur beschäftigten, und wurden damit zu einem selbstbewussten Ausdruck unserer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ in diesem seltsamen Niemands-Land DDR. Immerhin veröffentlichten wir einige Texte, die sonst keine Chance auf Publikation hatten, wie z.B. Annett Gröschners „Maria im Schnee“, Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee IV“, Matthias „Baader“ Holsts Gedichte oder Frank Lanzendörfers Foto-Text-Collage „Garuna, ich bin“, um nur einige zu nennen. Wir haben aber auch mit unseren Schwerpunkt-Heften Maßstäbe gesetzt und – im Rückblick betrachtet – einige bis dahin anderswo nicht behandelte Themen aufgearbeitet, wie z.B. über das Wirken der Malergruppe „Lücke“ um A.R.Penck und Wolfgang Opitz Anfang der siebziger Jahre oder über die Umweltzerstörung in der DDR, u.a. in dem programmatischen Text von Jurij Koch „Die Schmerzen der auslaufenden Art“. Wer sich zudem unsere beiden Dresden-Editionen anschaut, erhält einen guten Einblick in die „alternative“ Dresdner Literatur- und Malerszene um 1988-89.

Bizarre Städte Nr. 1 (1987), Originaleinband von Horst Hussel

Der andere wichtige Punkt für das Entstehen der BS war die Sehnsucht nach einer Kommunikation, wie es sie im öffentlich-offiziellen Raum der DDR nicht (oder nur verklausuliert) geben konnte. Die Möglichkeiten, die uns dahingehend die BS verschafften, lebten wir wahrlich aus. Das Eigentliche war für uns der Weg, der Produktionsprozess, nicht die Bände an sich, die es ohnehin nur in wenigen Exemplaren gab und die keine Öffentlichkeit herstellen konnten. Wir wollten weder dem elitär gemeinten „Diskurs“ der Szene-„Theoretiker“ folgen, noch ein vormundschaftliches staatsdoktrinäres Denken akzeptieren. Wir versuchten, uns außerhalb dieser vorgegebenen Muster zu bewegen, Spaß zu haben und gute Hefte zu machen. In einem Artikel vom 14.2.1989 fasste ich unser BS-Vorhaben wie folgt zusammen: „Ziel war, ein Forum für das Schreiben und Denken von verschiedenen Autoren zu schaffen, eine offene Konzeption nach allen Seiten hin zu vertreten (sich nur verweigernd dem „rechten“ und „linken“ Opportunismus) – all das geleitet von einem elementaren Respekt vor dem Autor/Künstler und seiner Produktion. Eine Zeitschrift also, die sich als unabhängiges Blatt/Medium für  das geschriebene und gedachte/gesprochene Wort ihrer Autoren versteht“. Und einen Monat später verwies ich in meinem Nachwort zu unserem ersten Dresden-Band auf die existentiellen Gründe unserer Arbeit an den BS: „Wichtig bei solch einer Produktion ist zweifellos ihr innovativer Charakter für die Mit-Macher, wahrscheinlich (: für das geistige Über-Leben) das Wichtigste überhaupt… Und ich schreibe das, obwohl der Begriff der „Vergeblichkeit“ zu den für mich prägendsten gehört. Aber auch Pessimismus empfinde ich zuweilen als „Produktivkraft“, vor allem wenn Selbsthelfertum zu den wenigen Möglichkeiten gehört, der um mich herum herrschenden bekotzten Trantütigkeit und Schlappheit widerstehen zu können.“ (März 1989)

Bizarre Städte – Dresden Band Nr. 2, Originaleinband von Thomas Haufe

Zu unserem redaktionellen Team, das genau dieses offene Konzept umsetzte, gehörten neben anderen vor allem Gerd Adloff, Thomas Haufe, Johannes Jansen, Gregor Kunz, Ina Kutulas, Steffen Mensching, Harald & Christiane Müller, Lothar Trolle und Peter Wawerzinek. Durch die BS sind ein paar interessante Botschaften aus dieser Zwischen-Welt und Zwischen-Zeit geblieben, viele Erinnerungen an eine konstruktive und spannende Zeit und ein ziemlich bitterer Geschmack von Freiheit. Klaus Michael konstatierte rückblickend 1990: „Der Überbau ist entmachtet, der Untergrund tot. Und was sich Ende der achtziger Jahre abzuzeichnen beginnt, ist die Rückkehr der Literaten zur Literatur.“ Ich wage die These, dass die BS die erste und einzige selbstverlegte Zeitschrift in der DDR war, die diese Entwicklung publizistisch ausdrückte und begleitete.

© Asteris Kutulas, Berlin, Juli 2008/09

(*) Ich will nicht alle in einen Topf werfen – die Wirklichkeit war viel komplexer und diffiziler, es gab auch großartige Ausnahmen, aber einige Zuspitzungen seien mir gestattet.

(**) Ihr Hauptsatz war: „Das verstehen unsere Menschen nicht … Diese Zeile geht nicht …“ und anderer solcher Unsinn.

Veröffentlicht in „Partisanen“, Herausgegeben von Holger Wendland, Detlef Schweiger & KulturAktiv e.V., Dresden 2009)

Bizarre Städte (1987-1989) – Ein Interview