Aus dem Leben eines Taugenichts-Germanisten (Tagebücher 1979-84)

Tagebuch-Notizen (während meines Germanistik- und Philosophie-Studiums 1979-84)

Ich habe hier einige meiner zahllosen Tagebuch-Notizen aus der Zeit meines Germanistik-Studiums in einer kleinen Auswahl zusammengefasst, die ein Puzzle von Eindrücken aus jenen Jahren ergeben, die für mich unglaublich intensiv und sehr spannungsreich verliefen. Diese Notizen sollen die ständige Suche, Naivität, Unverfrorenheit und Lust offenbaren, die mein Leben damals prägten und einen ausschnitthaften Blick in die ziemlich melancholische „Welt eines Germanistik-Studenten“ ermöglichen, der zwischen DDR und Griechenland changierte. 




25.10.79 ||| Die Zeit ist so schnell vergangen, wie im Fluge. Kein Halten. Nun bin ich Germanistik-Student. Alle Tage lernen, lesen, lernen, lesen ad infinitum. Die Deutsche Bücherei: meine zweite Heimat, Wohnung, ein Bett dort wäre gut. Das Studium ist mein Element. Hoffentlich bleibt es das auch. 
Vergangenes Wochenende war ich in Weimar beim Zwiebelmarkt. Der Zug kam um vier Uhr früh im Weimarer Hauptbahnhof an. Die Fahrt über musste ich stehen, weil er überfüllt war – ich zwischen den Aussteigern der Gesellschaft, den Rockern, Intellektuellen und Sehnsuchtsvollen. Es herrschte eine unwahrscheinliche Kälte. Auf dem Bahnhofsvorplatz standen die Hundertschaften der Polizei mit Hunden Spalier. Das Willkommen der Staatsmacht, aus reiner Vor-Sorge, damit wir wissen, wer hier die Kontrolle und das Sagen hat. ||| Ich hoffte, Tati zu finden. Doch sie war mit Bettina Wegner bereits nach Halle-Neustadt gefahren, wohin auch ich mich am Sonnabend begab. Dort tauchte dann Peter auf. Allerdings war Tati inzwischen wieder nach Leipzig getrampt und suchte mich. Das Konzert mit Bettina Wegner in Halle war melancholisch, voller Trauer. Ich übernachtete in irgendeinem Zelt der zugereisten Wegner-Fans. Nach dem Konzert, irgendwann mal spät nachts, bot mir ein abgefahrener Freak an, mit seiner Freundin zu schlafen. Was diese Leute zusammenführt und zusammenhält sind Illusion, Selbstbetrug, Mode, Hass, Träume. In Halle-Neustadt waren Werkstatt-Tage der Jungen Gemeinde. Unter dem Dach der Kirche lasst es sich einfacher opponieren. 



30.10.79 ||| Ich wachte heute in einem mir fremden Bett auf. Sie dachte, was er will. Und sagte, beruhig dich. Die andern sind nicht mehr da, du kannst wieder aufstehn, dich waschen, deine Zigarette rauchen, deine Angst ablegen. Diese Maske, dachte sie. Und flüsterte, oder schlaf einfach. Du musst nichts tun. Keiner wartet mehr auf dich. In seinem Gehirn überschlugen sich Bilder, er tastete unentwegt den leeren Raum ab, schrie, Erbarmen! Habt Erbarmen mit uns! Mit uns?, fragte sie, schaute ihn an, stand auf, sich gegen seinen Wahn zu wehren, irgendwie. Er aber starrte nur, verstand ihre Frage nicht. Das ist so, erklärte er, sie schüttelte damals die Furcht ab und schritt langsam durchs Wohnzimmer, das sie schon seit Jahrhunderten umgab. Er versuchte vergeblich, diese Assoziation zu verdrängen, es riss ihn tiefer und tiefer in den Sumpf.

23.12.79 ||| Der Wievielte ist denn nun heute? Diese Frage stelle ich mir jeden Tag, und ich kann nicht glauben, in welch rasantem Tempo die Wochen verfliegen. Selbstbetrug. Nachdenken – Zeit der Rechenschaft, als ob ich Dir etwas oder wenig verraten kann. Ach ja, Festival ist, und damit kam auch die Erinnerung an meine Einsamkeit zurück. Schade, dass sich Gedanken ohne Anmeldung einstellen. Rufe ich sie denn? – wie das Gedächtnis, das mich nicht fragt nach Einstellung und Passion. Wie Dich und all die anderen. Verständnis … All das fällt mir so schwer … Literatur als Rettungsanker.

31.3.80 ||| Die Sonne rettet mich immer wieder, obwohl meine Naivität immer wieder versucht, mir Fallen zu stellen. Dann stürze ich jedes Mal ins Bodenlose – mit dem Kopf zuerst. Und vielleicht rettet mich das jedes Mal (dieses Stürzen + Sonne), weil man doch mit dem Kopf denkt. ||| Immer: Zeichen von Kontinuität mit Sinn. Denn, nur dann lernt der Mensch und das ist zwingend. Habe in letzter Zeit schöne Briefe bekommen. ||| … Es gibt Menschen, die mir viel bedeuten und denen ich niemals wehtun möchte und es vielleicht doch mit jedem Wort tun muss, weil ich nicht lügen kann … ||| … So, jetzt weißt du über mich bestens bescheid, ist jetzt schon nach Mitternacht. Lass mal hören, was Du zurzeit treibst. ||| Ich … Und … Die Tropfen meiner vergessen geglaubten Gedanken versickern langsam und sinnlos in die Erde.

5.4.80 ||| Du. Vermeintliche Stille. Du. Die sich in meinem Verstand bewegend, erinnernd versucht, mich abzulenken. Um dich zu berühren, muss ich dich verletzen. Um dich zu verstehen, muss ich mich bezwingen. So, wie die Tränen bitter die Wange hinuntergleiten, gleich einer suchenden Lupe, die verlöschende Spur der Einsamkeit hinterlassend, sehe ich dich mir zulächeln. ||| Schrei. Aufschrei. Beschrei ihn doch. Er ist nur – das Glück. (Dieser schmutzige Bastard der Einbildung.) Aufschrei deines Magens und der deiner Beine gegen das Eintreten in die Alltäglichkeit. Und der deiner Geschlechtsorgane, die ihre Identität verloren. Sumpf deiner Erinnerung. Essen. Aufessen. Iss doch – deine Gemütlichkeit Gabel – dein Stumpfsinn Maul. Du bist doch … der glücklichste Mensch.

1.6.80 ||| Die mich glücklich machen, wissen es nicht.

13.6.80||| Jeder Germanist soll ein verkappter, ein gescheiterter Lyriker sein. Bei mir stimmt das zu 100%. Griechenland rückt näher. Verlorenes Lachen. Sucht deine Lippen. Flüchtig. Insektengleich mit leichten Flügeln. Ein saurer Geschmack. Berührt. Deine Lippen. Versucht. Deine Augen. Versucht. Und erstickt an einem Tropfen. Versinkt darin. Wie die Selbstverständlichkeit deiner Unruhe. 



14.6.80 ||| Heute Sprachtheorie-Klausur. Dann nach Dresden gefahren. Bekam Besuch. Habe mich wieder einmal unmöglich (d.h. sehr gereizt und nervös) verhalten.

23.6.80 ||| Prüfungsvorbereitung von morgens bis abends. Die Germanistik treibt mich in den Lyrismus.

29.7.1980, Dresden ||| Schluss. So fühle ich mich auch. Das erste Studienjahr der Germanistik ist vorbei. Am Freitag wartete ich auf die Straßenbahn, um zum Bahnhof zu fahren – und für einen Augenblick war ich traurig bis tief in die Seele. So, nur ganz kurz, fühlte ich, wie ich an diesem Leben hänge (Literatur, Literatur, Literatur). Auf eine existentielle Art und Weise hat mir Leipzig viel gegeben – die Spannung, das Studium, die Leute. Nur aufpassen, dass mir das alles nicht über den Kopf wächst. Leider komme ich noch nach einem Jahr nicht mit allen Leuten aus meiner Seminargruppe zurecht: „Richtig“ kenne ich niemanden. Das liegt auch an meiner Überheblichkeit – Literatur ist alles … Jetzt sind Ferien … Schluss.

10.9.80, Athen ||| „Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger gelesen: ein großes Erlebnis – ich habe gelacht, mir kamen die Tränen. Es entsprach mir sehr. Amerika muss irre sein. Eine verrückte, sinnlose, alles absorbierende Welt. ||| Ich müsste langsam anfangen, etwas zu schreiben. Mir ist irgendwie alles egal – einerseits, andererseits bin ich schrecklich arbeitsbesessen. Salinger-Einfluss. Ich fühle mich wohl und zugleich deprimiert. Ich kann mich auf nichts richtig konzentrieren und es ausdauernd betreiben – fühle, dass ich eine langwierige Krise durchmache – so unsicher, so sicher, voll von Kram, leer, Punkt Punkt Punkt, Musik ist was Schönes und Kerzen und Liebe, außerdem die kühle Feuchtigkeit der Träne und das erloschene Licht und italienisch … 

    

16.9.80, Athen ||| Heute fahre ich ab, zurück nach Leipzig. Erwartung, Hoffnung – verflogene Traurigkeit … ||| Im Zug: „Vielleicht“ – das Wort gefällt mir sehr. Nicht, dass ich es „kenne“, aber ich mag es. Schon wieder. All diese Zeit, vergangen (was sehr wichtig ist), hinter den hohen Wolken vereint, trotzen, ohne Sinn; zum Teil verwest, wer weiß. Blicke aus blassgrünen Augen, versuchen deine Stirn zu berühren.

1.10.80, Berlin ||| Shakespeares‘ „Zähmung der Widerspenstigen“ im Berliner Ensemble gesehen. Oder auch: mehr zu wissen als andere, sich in die Lüfte erheben, auskosten das miese Leben und all diejenigen hintergehen, die uns umgehen und nicht wissen, wer wir sind. Ja, ja, nur so kann das Glück für uns Glück bedeuten.

17.10.80 ||| Bin inzwischen definitiv theatersüchtig. Freitag Carl Sternheims „Bürger Schippel“ gesehen. |||Sonnabend mit M. verbracht, die mich nach Dresden begleitete (eigenartiger Mensch; über sie muss ich mal nachdenken). Sektfrühstück: schöne Sache. Noch schöner … wenn man sich lieben würde. ||| „Woyzeck“ mit Klaus Kinsky gesehen, Wahnsinn. Großartiger Film von Werner Herzog. Ja, so kann man Büchner für heute, für die Gegenwart erschließen. Und dazu noch mit einer fast wörtlichen Textkonsequenz. ||| Sonntag: „Lina Braake“ von Bernhard Sinkel gesehen.

16.11.80 ||| Intensive Zeit, weil ich viel schaffe. Vielleicht nicht fachlich, aber immerhin: Einige spannende Filmklassiker gesehen: Eisensteins „Que viva Mexiko“, Ingmar Bergmanns „Das siebente Siegel“, Georgi Danelijas „Marathon im Herbst“. Und im Staatstheater Dresden eine grandiose Aufführung von Lessings „Nathan der Weise“.||| Außerdem Übersetzungen von Ritsos‘ „Makronissos“ und „Griechentum“ abgeschlossen.

25.11.80, Leipzig ||| Letzte Woche viele Konzerte besucht: von Schicht „Lieder des Thyll Ulenspiegel“, von Karls Enkel das „Mühsam“-Programm, Brigade Feuersteins* „Spektakulum“, Schwarze Pumpe, Gruppe „Neue Musik“ Weimar usw.||| Immer wieder in der Diskussion: „Volksverbundenheit der Kunst“ – was soll das sein? Was „Wahrheit“. Sinnbestimmung. ||| Auch in Dresden: Prof. Günter Meyer, mit dem ich mich lange über Hanns Eisler unterhielt.

31.12.1980, Silvester ||| Obwohl sie ihn hasste wegen seines ekelhaften Aussehens, seiner gewöhnlichen Art, seines langweiligen, von anderen im Voraus festgelegten Schicksals, obwohl sie ihn sofort getötet hätte, wäre der Befehl erteilt worden, wusste sie nichts von ihm, kannte nicht ihren Feind, er war ihr gänzlich unbekannt, unerkannt hätte er sich ihr nähern können, sie hätte sich womöglich in ihn verliebt, hätte sich ihm hingegeben, ihm ihre Schenkel geöffnet, aber nein, das wäre unmöglich gewesen, ihre Insel und seine Wüste waren zu weit voneinander entfernt. Übergangslos … durch perfekte Grenzen geschieden, allen Normalen der Zugang versperrt, nur wenigen der Übertritt gelingend, und der mit Verlusten verbunden, mit Schmerzen. Bist du ein Zuhälter, was bist du?, schrie sie ihn an.

5.1.81 ||| Nachdem ich das Heinrich-Böll-Buch verschlungen hatte, sah ich heute dessen Verfilmung: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Volker Schlöndorff.

14.1.81, Berlin ||| Ich konsumiere ein Theater-Stück nach dem andern: im Berliner Ensemble: „Hofmeister“ von J.M.R. Lenz in der legendären Bearbeitung von Brecht, „Jegor Bulytschow und die anderen“ von Maxim Gorki, „Der große Frieden“ von Volker Braun. ||| Das Unbegreiflichste: 1. meine Abgestumpftheit, 2. A. u. A. wollen sich scheiden lassen. ||| Wo ist der Ort, an dem ich innehalten, sein könnte?

20.1.81 ||| Letzte Woche Flauberts „Madame Bovary“ und Turgenjews „Vorabend“ ausgelesen; außerdem Verfilmung von „Franziska Linkerhand“ (Brigitte Reimann) und „Unser kurzes Leben“ von Lothar Warneke gesehen. Gestern „Die Überfahrt“ von Anna Seghers beendet. Aber jetzt bin ich beim bislang Allerbesten: Fjodor Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Völlig verrücktes Buch. Stadtkneipe, Student & Beamter: Gespräch über Zukunft (Motiv des Vertrauens): Man braucht einen Menschen, einen Platz im Leben. Parallel zu Dostojewski studiere ich Bakunins Anarchismus-Analyse … und lese nebenbei Juri Trifonow. Eines der Hauptthemen der Sowjet-Literatur: das Problem des Gewissens, Immanuel Kants „Sittengesetz in uns“ – aber alles beginnt mit Dostojewski. Vergleiche auch mit Tendrjakows „Das Gericht“ (Gewissen) oder Aitmatows „Weißer Dampfer“ oder Rasputin: „Leb und vergiß nicht“ & „Matjora“ oder vieles von Schukschin. ||| Beim Lesen von „Woher sie kommen, wohin sie gehen…“ (Seghers-Essay) zu Schiller und Dostojewski, kam mir in den Sinn: Dostojewski-Konferenz (Ausgangspunkt für schonungslose Kritik) auch für DDR relevant (wann endet endlich diese furchtbare Formalismus-Debatte, dieses Dogma?). ||| Die eigentliche Errungenschaft bei Dostojewski in „Idiot“ und „Gebrüder Karamassow“: neue Romanstruktur entwickelt, eine polyphone Struktur (Werk: Modell der Welt! / keine bloße Widerspiegelung). ||| Die großen Individuen (Haupthelden) verschwinden … Goethes „Faust“ führt zu Dr. Faustus und einer zweiten Hauptfigur bei Thomas Mann. Oder bei Dostojewski selbst: Gebrüder Karamassow (3 plus 1 unehelicher Sohn). Der Idiot (Menschen gehören zusammen, aber tragische Zeit). ||| 1849 der Wendepunkt bei Dostojewski. Seine Beinah-Hinrichtung. Epilepsie. Ich liebe das Düstere, Melancholische und Kraftvolle bei Dostojewski. ||| Grund für die Todesstrafe Dostojewskis, die in Verbannung in Sibirien umgewandelt wurde: Belinskis Brief an Gogol, den Dostojewski vor Anhängern Petraschewzis vorlas. Unter Gogols Einfluß entstand bereits 1846 auch sein Erstlingswerk „Die armen Leute“ – nach E.T.A. Hoffmanns „Der Doppelgänger“ (das doppelte Wesen/ der bürgerliche Intellektuelle/ Entfremdung/ die doppelte Existenz … kritischer Realismus). Dostojewski lehnt das Bürgertum bereits ab, bevor dieses richtig an die Macht kommt! / vor ihm schon Gogol 1842 in „Tote Seelen“. Reisen durch Westeuropa: Kennenlernen des europäischen Kapitalismus.



25.1.81, Dresden ||| „Wie es euch gefällt“ von Shakespeare im Großen Haus. ||| Zur Zeit meine Fächer im Germanistik-Studium: Althochdeutsch (Prof. Große), Weltliteratur/ Englische Literatur (Prof. Seehase), Sprachgeschichte (Dr. Weber), Literatur des 19. Jahrhunderts (Dr. Albus & Prof. Richter), Geschichte der deutschen Sprache (Dr. Weber), Lexikologie (Dr. Fleischer), Klassizismus und Moderne/ Goethe (Dr. Träger), Lexikologie (Dr. Barz), Englisch (Dr. Middell), Dramatik (Dr. Träger), Heinrich-Heine-Seminar, Marxismus-Leninismus, Geschichte der Ästhetik (Prof. Uhlig), Politische Ökonomie.

24.2.81, Leipzig ||| Am Wochenende viel unternommen: Das Stück „Arno Prinz von Wolkenstein“ von Rudi Strahl und „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller gesehen. Strahl langweilig, Schiller herausragend. Stendhals „Rot und Schwarz“ ausgelesen. ||| Lese Maxie Wanders „Tagebücher und Briefe“: beeindruckend und sehr wahr, irgendwie, als ginge es immer um Leben und Tod. „Ich bin glücklich, ich bin am Ende.“ | „Wir wissen nicht, was wir haben, erst wenn die Wände zittern und der Boden unter unseren Füßen wankt, wenn diese Welt einzustürzen droht, ahnen wir, was Leben bedeutet …“ | So viel „DDR“ in ihren Tagebüchern, so viel Melancholie. | „Doch was lernen unsere Kinder? Leistung, Konsum, Stillhalten, Konformismus, Egoismus …“ | „Ich weiß ja, wie schwer es allen wird, irgendetwas zu sagen, aber ein bissl Anteilnahme erwartet man halt doch, ist leider so, und nicht nur das allgemeine stumpfe Schweigen!“ Sie hat recht. | „Das, was wir hier betreiben, Tanja, dass Menschen sich lange Briefe schreiben oder nächtelang ernsthaft diskutieren, das ist doch ein Luxus! Du beklagst Dich mit Recht, aber die Tatsache, dass Du in der Lage dazu bist, das nötige Bewusstsein hast, spricht für Deine privilegierte Situation, im Weltmaßstab gesehen.“ | „Aber Menschen sind nun mal keine Tomaten.“ | Erinnert mich an Brecht, Tagebuch 26. März 1921: „Alles, was ich nicht gelebt habe, die tiefe Trauer über ungelebtes Leben, wieviel Schönheit uns verlorengeht, für immer. Und wir lebten manchmal so, als ob wir unermesslich viel Zeit hätten!“ | Unsere Kinder: „gezähmte Elefanten“ |  „Sie ist schwer zu ertragen, diese Einsamkeit unter den Menschen.“ | „Warum bin ich so bitter, warum bin ich so hell?“ | „Mach nur weiter, das ist vernünftig, normal und notwendig, das alles wird von Dir verlangt, nicht denken, nicht daran rühren, mach nur so weiter, du wirst schon sehen, es geht, probiere!“ | T. Williams wird zitiert: „Die Zeit stürzt auf uns zu mit ihren Medikamententischen voll zahlloser Betäubungsmittel, während sie uns doch schon vorbereitet auf die unvermeidliche, die tödliche Operation.“ | Oft habe ich ähnlich gefühlt wie Tolstoi, der zitiert wird (211): „In diesen beiden Jahren beharrlicher geistiger Arbeit entdeckte ich eine einfache Wahrheit, die ich aber nur so kenne, wie niemand sie kennt: Ich entdeckte, dass es Unsterblichkeit gibt, dass es Liebe gibt und dass man für den anderen leben muss, um ewig glücklich zu sein!“

24.2.1981 ||| Auf der Straße vor dem großen Haus beobachtete ich einen Mann, der einen kleinen Kanister aufschraubte und sich mit Benzin übergoss. Die Passanten erstarrten, einige glotzten auch neugierig, vielleicht aus Lust oder Angst oder aus einer Mischung dieser beiden Gefühle, warteten ab. Der Mann stellte den Benzinkanister wieder neben den Stuhl, dunkelbraun und verziert mit seltsamen Schnitzereien aus der Jugendstilzeit. Nackte romantische Frauen hatte ich schon oft gesehen. Warum also diese Konzentration in solch einem Augenblick auf diesen Stuhl, da ich niemals zuvor (und danach auch nicht) auf so etwas geachtet. Der Mann, offensichtlich verrückt, trotz seiner klaren blauen Augen, nahm aus der Westentasche eine Schachtel, zündete mit ruhiger Hand ein Streichholz an, rief mit sonorer Stimme das unbegreifliche Wort: Nostalgia! und führte das brennende Streichholz an seine Jacke. Das zischte und erlosch. In diesem Moment herrschte völliges Schweigen. Er sprach langsam und deutlich: Ein Mann wird kommen und mit ihm die Hoffnung … Amen! schrien die anderen. Amen! Amen! Ich dachte an eine Filmszene, fühlte mich bedrängt von der schamlosen Menschenmasse, verloren im Osten.

27.2.81, Berlin ||| Premiere „Mann ist Mann“ von Brecht im Berliner Ensemble gesehen. Nein, Maria, ich habe Dich nicht vergessen. Nur – meine Worte sind mir ausgegangen; die Leidenschaft hat sich verkrochen in einen stumpfen Winkel, wartet, wartet … Dass Du zu mir gehörst – wie wäre es anders – ein Teil bist von mir; jetzt Legende: oft denke ich an Dich, wie an eine verzauberte Fee: als Ideal? Soll ich es mir wünschen? Du bist fern – das Leben fließt, nimm mich mit – habe viel gelernt. So hast Du mir also geholfen – am Anfang, ohne dass ich es merkte, jetzt habe ich es verstanden. Wenn ich spreche – werde ich verstanden? Wenn ich nicht spreche – sage ich Dir nicht viel mehr? 



1.3.81 ||| War heute bei Elektra und Jochen. Privat-Party: Claus, Marlies, Thomas … bis 4 Uhr früh – viele politische Gespräche. Ein interessanter Gedanke dabei: in der DDR herrscht Feudalsozialismus – ein in Gebiete und unter einem hierarchischen System von „Bonzen“ aufgeteilter Staat. ||| Tagsüber Schinkel-Ausstellung besucht. Schinkel-Winkelmann-Ideal: „Blick in Griechenlands Blüte“. Sogar die arbeitenden Menschen – einen Tempel erbauend – werden als schöne „Menschen“ dargestellt. Was für eine Illusion.

22.4.81, Leipzig ||| Seminar bei Frau Dr. Christine Träger: Jeder Generalsekretär der SED versuchte, den Kommunismus einzuführen. Am schizophrensten die 10 Gebote von Walter Ulbricht. Proletkult: es ist nichts aus dem Nichts zu schaffen. Aber in 8 Tagen zu schaffen: der Kommunismus. Was für ein Schwachsinn. Am schönsten ist das 9.Gebot: „Du sollst sauber und anständig leben …“

24.4.81 ||| Gestern mit Angela im Casino-Kino gewesen: „Der Richter und sein Henker“ von Maximilian Schell und Friedrich Dürrenmatt. ||| Vom 3. bis zum 10.5. war ich in Berlin. Unter anderem: „Dantons Tod“ von Georg Büchner am Deutschen Theater, sowie Hauptmanns „Einsame Menschen“ und Gogols „Revisor“ am Maxim-Gorki-Theater gesehen.

29.5.81 ||| Lese Wilhelm Raabes „Abu Telfan“. Ich sollte auch versuchen, das zu tun, was Nikola (für einen Tag lang) tat: „Mein Herz habe ich begraben und die Welt angenommen, wie sie ist; ich habe das Buch meiner Hoffnungen und Träume abgeschlossen und mich in das Unabänderliche ergeben!“ Irgendwann muss ich erkennen, was mich treibt. Und wie ist mein Geist mit Griechenland verbunden. Und was bedeutet für mich Heimat? Noch mal Raabe: „… sich ‚tot zu stellen‘ in der Hand des Fatums ist unter allen Umständen das Vernünftigste und Bequemste.“

1.6.81, Leipzig ||| Ein schönes Wochenende mit I. verbracht. Aber die Unsicherheit bleibt … ||| Lese Schopenhauer, heute über die „Grundwahrheit“ in „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Bereits in diesem Sinne Schrift „Über die Weiber“ von Ernst Brandes aus dem Jahr 1787, zitiert von Friedrich Schlegel (Bd.1, S.19).

26.6.81, Leipzig ||| Meine Philosophie-Prüfung bei Prof. Wolfgang Lorenz mit 1 gemacht. Bin über Kants Ethik und Hegels Anmerkung der Doppelmoral befragt worden, und ich habe alles gewusst. Schwein gehabt.

2.6.81 ||| War vorgestern beim „Engerling“-Konzert in der Moritzbastei. Anschließend unterhielt ich mich länger mit Gunther Krex, dem Bassisten. Vorher hatten wir DDR-Literatur-Seminar in der HB mit Dr. Hartinger. Über „Wundertäter“ bzw. über Initiativbewegung in der DDR. Gestern zusammen mit L. einen angenehmen Abend verbracht. Waren im Kino: „Bis dass der Tod euch scheidet“ von Heiner Carow. Sind anschließend ins „Regina“.

19.10.81, Leipzig ||| Habe gesucht: das berühmte Zitat „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“. Mein Freund Udo Tietz belehrte mich, dass dies so nicht stimme. Ich solle doch in Fichtes „Wissenschaftslehre“ nach dem Originalzitat schauen. Bin in dessen „Zweiter Einleitung“ (10. Abschnitt) fündig geworden: „Was in einem vernünftigen Wesen als Anlage liegt, liegt in allen.“ Auf Wirksamkeit der Vernunft „gründet sich die Möglichkeit alles Bewussten“. Und dann kommt er, ganz anders gemeint, viel tiefgründiger und apokrypher, der Satz: „Zur Einsicht in die Notwendigkeit ist Freiheit notwendig“. Und weiter: „Wenn dieses Vermögen der Freiheit nicht schon da ist und geübt ist, kann die Wissenschaftslehre nichts mit dem Menschen anfangen.“ Ach, sind das schöne Sätze, Sauerstoff für mich, der ich bereits 1975 auf dem Kreuzschule-Gymnasium konfrontiert wurde mit dem Rosa-Luxemburg-Satz: „Freiheit bedeutet die Freiheit der Andersdenkenden“. Und wieder weiter bei Fichte: das sind Kenntnisse, „die wir nur aus uns selbst, zufolge einer vorher erlangten Freiheit schöpfen können.“ ||| Wie schön diese Menschen dachten, damals Ende des 18., Anfang des 19.Jahrhunderts, kurz nach der Französischen Revolution. Der Atem einer neuen Zeit: „Bildung des ganzen Menschen von seiner frühesten Jugend an; dies ist der einzige Weg zur Verbreitung der Philosophie“. Fichte, alter Junge, lass wieder die Fenster verdunkeln, lass wieder die Menschheit in sich gehen, zu sich selbst kommen, das Ich und das Über-Ich erkennen, die WAHRHEIT sehen, begreifen. Denn: das „philosophische Genie“ ist jenes, „das sich in der allgemeinen Erschlaffung dennoch zu einem großen Gedanken erhebt“. ||| Für Fichte ist die „Wissenschaftslehre“ ein System des „transzendentalen Idealismus“. Daraus ergibt sich konsequenterweise die Ablehnung aller „Systeme“. Allerdings kann in jedem „Einzelnen“ die Philosophie einen Impuls auslösen, sich ihren „Zweck und Umkreis“ zu eigen zu machen! Wie unterschiedlich zum heutigen das damalige Verständnis von „Philosophie“. Philosophie als Wissenschaft – „wenn auch etwa jener Eine sie gar nicht, außer sich darzustellen wüsste“ …

20.10.81, Leipzig ||| „Gegenwart“: gebrochenes Verhältnis zu diversen Punkten der Vergangenheit: kann man auch mit „Geschichtsbewusstsein“ umschreiben. Irgendwie muss ich an Ritsos dabei denken. ||| B: Da war ein Haus mit einem roten Dach. Eine schöne, einladende Treppe führte zur Tür. | (A tritt auf, sucht etwas auf dem Boden in der rechten Ecke der Bühne) | B: Es war eine schöne Tür, mit goldenem Griff; die Nachbildung eines Löwenkopfes. Aber genau erinnern kann ich mich nicht. Nein … wartet! Da fällt mir etwas ein: Hinter der Tür begann das Meer. Das wusste ich nicht. Begonnen hatte alles am Montag. Montag früh. Aber ich wollte euch von der Tür erzählen … | A: (richtet sich auf) Verdammt, ich kann’s nicht finden! | B: Verzeiht, ich muss diesem Menschen helfen (zu A) Gehst du jetzt? (zum Publikum) Er ist doch einer? (wird nachdenklich) Er ist doch einer?! (blickt etwas erschrocken) Ich bin am Ende nicht hingefallen? Nein, nein, weiß von nichts! Warum sollte dieser von Dresden gehört haben? … Was soll das jetzt? Wie komme ich darauf? (Abwehrend) Ich wollte diesem Menschen helfen. | A: Wo ist es nur? 




3.3.82, Leipzig ||| Bin gerade mit der Ritsos-Übersetzung fertig: 336 Monochorde. Einer davon: „Eine gute Maske für schwierige Zeiten, der Mythos.“ Jetzt beginnt die Feinarbeit … ||| Vor zwei Wochen fasste ich den Entschluss: Ich stelle den Antrag, für ein Jahr vom regulären Studienbetrieb freigestellt zu werden, um durch Lateinamerika zu reisen. Die Idee wurde bei Gisela geboren, die auch den Stein ins Rollen brachte. Dann bekam ich unverhofft Unterstützung von Prof. Claus Träger, er riet mir zu und versprach zu helfen; daraufhin gab auch die Sektionsleitung grünes Licht. Mit meinem Vater sprach ich am 10.2. darüber. Er hat große Vorbehalte, Angst, ist absolut dagegen … Als Uwe von meinen Reise-Plänen nach Südamerika hörte, war er hingerissen. Zwar versetzt er mich ständig … mein bester Freund, aber was soll’s … Über ihn lernte ich auch Udo kennen, einen angehenden, abgefahrenen Philosophen. Ich liebe diese Voyeure des Geistes, diese hirngeborenen Praktiker. Alles durcheinander in ihren Köpfen: Existenzialismus, Kommunismus, Neukantianismus, die freie Liebe, der junge Marx, die DDR, Max Weber, Sehnsucht nach irgendwas, vielleicht nach …, ja, doch nach Freiheit. 



25.6.82, Berlin ||| 12.30 in der Akademie der Wissenschaften Treffen mit Dr. Malina. Wir unterhielten uns lange. Sie fragte mich, ob ich nächstes Jahr zum Kazantzakis-Geburtstag etwas schreiben wolle. ||| Dann gegen 13.30 bei Kiriakos – habe aber nur Rula getroffen, die mir zu essen machte und mit der ich mich sehr lange unterhielt. Sie nannte ihren Vater einen Dogmatiker und erzählte mir von ihren Schwierigkeiten beim Studium und im Kommunistischen Jugendverband Griechenlands. Ich zeigte ihr meine Nachdichtung der „Monochorde“ sowie vom Gedicht „Einsamkeit“. Erzählte ihr von meinen Plänen, nach Lateinamerika auszuwandern, sie war perplex. Sie selbst ist unzufrieden mit dem Studium und besonders mit der Art, die Prüfungen abzulegen. Sie will bei der Berliner Zeitung anfangen. Bot mir an, in ihre Berliner Wohnung zu ziehen. ||| Monochord 31: „Mit euch, ja (und nicht in der Einsamkeit), einsam.“ Monochord 88: „Wenn du niemals die Augen schließt, wächst du nicht.“

28.10.82, Leipzig ||| Die letzten zwei Tage mit Uwe in meiner Wohnung gearbeitet: Rede (für morgen auf der Philosophischen Arbeitstagung) ausgearbeitet: „Drei Modellfälle zum Zusammenhang von Literatur und Philosophie. Skizzierung eines Problemfeldes“. Ich liebe meinen Schopenhauer. ||| Dabei viel in Lukacs‘ Vorwort zur „Eigenart des Ästhetischen“ gelesen. Da steht: „Denn die genaue Analyse der Tatsachen wird hier besonders deutlich zeigen, dass die gedankliche Bewusstheit über das im Gebiet des Ästhetischen praktisch Geleistete immer hinter diesem zurückgeblieben ist.“ ||| Heute 45 Minuten-Unterhaltung mit Prof. Werner über Ritsos-Projekte. Trank mit B. einen Gin-Tonic und verknallte mich in sie. Was wird Uwe dazu sagen? ||| Sah mir anschließend im Casino-Kino Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“-Film von 1969 an. ||| Lese nachts weiter bei Lukacs: „Es kommt dabei natürlich auf die Entwicklung der objektiven ästhetischen Tatsachen an, nicht darauf, was ihre Vollstrecker über ihr eigenes Tun gedacht haben. Gerade in der künstlerischen Praxis ist die Divergenz zwischen Tat und Bewusstsein über sie besonders groß.“ Auch sehr interessante Darlegung seiner verwendeten Methode („der Bestimmungen im Gegensatz zu der der Definitionen“). Hinweis auf Lob von Max Weber sehr bezeichnend. Werde morgen Uwe fragen, was er davon hält. 

5.11.1982, Leipzig ||| Claus Träger hält eine Vorlesung in „Literaturtheorie“. Im Saal rumort es. Viele unter uns Studenten können nicht akzeptieren, dass einige hundert Meter weiter die Kulturkonferenz der FDJ sich sehr diffamierend äußert zum Besten, was die DDR-Literatur zu bieten hat, zu Heiner Müller und Volker Braun zum Beispiel.  Der Professor sieht sich gezwungen, etwas zu sagen: Er versucht Haltung zu wahren und mit einem Hinweis auf das „liberale“ 6.Plenum der SED wenigstens die „Parteipolitik“ zu retten. Er merkt an unseren Reaktionen (einige lachen, andere stöhnen), dass es nicht gut ankommt. Er bemerkt, dass die Kulturkonferenz reines Bla-Bla sei und aus politischen Staments bestünde. Und dann der schöne Satz: „Meine Damen und Herren, von der Warte des Weltgeistes aus gesehen ist die Kulturkonferenz doch eine sehr periphäre Angelegenheit.“

6.1.83, Leipzig ||| Komme gerade von Uwe. Haben uns heute im Barbe getroffen und ich hab ihm meinen Teil der Arbeit für Prof. Bönisch übergeben. Er informierte mich beiläufig, dass I. ihn nicht mehr grüßt, da er ihr über den Mund gefahren sei. Er hatte aber eine abweisende Haltung mir gegenüber: „Hast du deine Probleme mit den Pappfeinden hinter dir?“ – so argumentierte er. ||| Wir verabredeten uns für 17 Uhr. Als ich hinkam, war er nicht da, ich schrieb ihm einen Zettel und lief die Treppe runter. Da sah ich sie: I. an Uwe gelehnt; beide traut lächelnd. Als sie mich sahen, waren sie für einen Moment schockiert, dann Uwe ziemlich verlegen. ||| Wir gingen hoch, ich nahm den Zettel, den ich ihm an die Tür gesteckt hatte und sagte: „Ich wollte eigentlich mit dir über die drei Seiten zu Georg Lukacs für Prof. Bönisch sprechen, also über Philosophie.“ Er schaute mich verzweifelt an: „Darüber aber nicht heute.“ Ich schlug ihm vor, uns am nächsten Tag um 17 Uhr in der Unibibliothek zu treffen. Wollte gehen. Da sagte er: „Das gefällt mir jetzt nicht.“ – „Was denn?“, fragte ich und floh nach draußen.

März 1983 ||| Literaturtheorie-Vorlesung. Claus Trägers versucht die Frage nach der fehlenden Mobilität im DDR-Roman wie folgt zu beantworteten: „Was erwarten Sie, meine Damen und Herren? Wenn Sie in diesem Land, sagen wir mal, in Oschatz geboren worden sind, dann werden Sie in Oschatz leben, in Oschatz arbeiten, und in Oschatz sterben.“ ||| So ist tatsächlich die DDR: man bereitet sich „planmäßig“ auf den Tod vor; keine Visionen, keine Extravaganzen. Nein, alles geht seinen geregelten – aberwitzigen – sozialistischen Trott. Die Bevölkerung scheint durch die „Wirtschafts- und Sozialpolitik der Partei“ gelähmt und korrumpiert, was nichts anderes bedeutet, als dass man den Leuten vorgaukelt, auf Konsumebene mit dem Westen Schritt halten zu können (was für eine Absurdität). Dafür darf auch keiner aufmucken. Dem Arbeiter geht es – „den Umständen entsprechend“ – gut (solange er nicht anfängt nachzudenken), dem Intellektuellen (auch jedem „Künstler“) geht es schlecht, weil er, um ER zu sein, NACHDENKEN MUSS. Man lese im „Neuen Deutschland“: Angesagt ist die allgemeine Verblödung im Namen der fortschrittlichsten und revolutionärsten Gesellschaft. Ein organisierter Versuch der persönlichen Entmündigung. Und ein vergreister und realitätsenthobener Erich Honecker glaubt, mir vorschreiben zu können, was ich zu denken, zu sagen und zu machen habe. Es ist einfach lächerlich, und tot-ernst zugleich.

9.7.83, Leipzig ||| Am 4.7. hatte ich bei Dr. Weber Sprachwissenschafts-Prüfung: machte eine glatte 4. Nun ja, kein Kommentar. Ein Desaster. Gestern las ich „Das Gemälde“ von Daniil Granin aus. Letzte Woche, in Vorbereitung auf die Literaturwissenschaftsprüfung, führte ich mir eine Reihe von Büchern erneut zu Gemüte: „Die Geliebte der Morgenröte“ (3 Erzählungen) und „König Ödipus“ von Franz Fühmann, „Tod in Venedig“ von Thomas Mann, „Stechlin“ von Fontane, Lessings „Miss Sara Sampson“, Annette Droste-Hülshoffs „Die Judenbuche“, Grillparzers „Der arme Spielmann“, Hauffs „Das kalte Herz“, E.T.A. Hoffmanns „Der goldene Topf“, Novalis‘ „Hymnen an die Nacht“, Hugo von Hoffmannsthals „Eine Reitergeschichte“.

27.10.83, Leipzig ||| Am Montag zog ich bei Uwe ein. Dann tranken wir Whisky. Ziemlich viel, glaube ich. Nabil war kurz da. Seit vorgestern übersetzte ich zehn Seiten vom Tonband: das Ritsos-Interview für die Zeitschrift „Sinn und Form“. Las in den letzten Tagen alles Mögliche von Euripides: „Die Troerinnen“, „Helena“, „Elektra“, „Iphigenie auf Tauris“. Was für ein Autor! Doziere stundenlang über meine „Entdeckungen“ und meine „Erkenntnisse“ – Uwe hört geduldig zu und macht seine weisen Bemerkungen. Überflog heute wieder den Ritsos-Roman „Was für eigenartige Dinge“. Eine Fundgrube! ||| Von Uwe entdeckt, für mich aufgeschrieben: „Das Reich der Vernunft ist das Reich der Freiheit und keine Knechtschaft ist schimpflicher, als die man auf diesem heiligen Boden erleidet. Aber viele, die sich ohne innere Befugnis darauf niederlassen, beweisen, dass sie nicht freigeboren, bloß freigelassen sind.“ Friedrich Schiller, 13. Juli 1793

1.11.83, Leipzig, nachts ||| Heute Nachmittag hier bei Uwe angekommen, seitdem durchgearbeitet. Er ist immer noch nicht da. Bei mir häuft sich wieder alles: Gestern in Dresden fand ich 1) vom Verlag Neue Musik die griechische Fassung der „Sadduzäer-Passion“ zum Korrektur-Lesen; heute schon erledigt. 2) Die Fahnen des Jannis-Ritsos-Poesiealbums zur Korrektur (heute erledigt); bei einigen meiner Gedichtübersetzungen sind Veränderungen vorgenommen worden, vorwiegend Interpunktion, aber auch anderes. Und 3) ein Telegramm von Rainer: Bis zum 6. Dezember will das Fernsehen mein Szenarium für den Ritsos-Film haben. Ich muss übersetzen, schreiben, übersetzen. Wo bleibt nur Uwe, dass ich ihm das alles erzählen kann …

2.11.83, Leipzig ||| Heute früh kam Uwe. Wir sprachen lange über meine verkorkst-normale Geschichte mit B. usw. Wollten dann zu Nabils Doktoranden-Verteidigung gehen. In der Stadt traf ich B., sie bebte am ganzen Körper, ich schlug ihr vor, dass wir zusammen einen Kaffee trinken. Sie nahm meinen Arm und wir gingen in die Teestube. Blieben dort 1 1/2 Stunden. Bin fix und fertig. Uwe versucht, mich aufzumuntern.

8.11.83, Leipzig, nachts ||| Heute vor einem Jahr starb Vater. Ich ging mit Uwe einen Wodka auf ihn trinken. Wenn ich könnte, würde ich jetzt für ihn Padmoskowskje Vetschera singen … ||| Gestern kam ich in Leipzig an und wir unterhielten uns lange. Abends dann zu Czecho und Ingrid, ich holte sie ab, wir sahen den „18. Brumaire“ von Karls Enkel. Auch Peter Geist war da und die ganze Clique der 11. Etage. ||| Lernte Peter Gosse kennen. Sprach wieder lange mit Steffen & Wenzel. Steffen bemerkte zu meinem Ritsos-Text, dass die Konstruktivität der Dichtung und Sprache als Fakt noch hineingehört. ||| Übersetzte gestern und heute für unseren Film Ritsos-Interviews. Bin etwas paralysiert. Kann nicht viel anderes machen. Um 19.00 bis 21.30 im Rundfunk DDR II „Athener Abend“: furchtbar! 



23.5.1984, Dresden ||| Vorgestern in Leipzig Verleihung der Ehrendoktorwürde an Ritsos, den Eri begleitet. In seiner kurzen Ansprache machte er auf einen merkwürdigen Zufall aufmerksam: „Die Leipziger Universität wurde 1409 gegründet, und ich wurde 1909 geboren, also genau 500 Jahre später. Sie feierten in diesem Jahr das 575jährige Bestehen Ihrer Universität und ich meinen 75. Geburtstag. Ich bin in gewisser Weise ein Altersgenosse Ihrer Universität, nur 500 Jahre jünger. Rechnet man mir die griechische Tradition zugute, aus der ich komme, bin ich natürlich ein paar Tausend Jahre älter. Auf jeden Fall bin ich stolz darauf, Ehrendoktor einer Universität zu sein, an der ein Lessing, ein Leibniz und ein großer, ein sehr großer Autor, nämlich Goethe, studiert haben. Und auch weil mein Freund Pablo Neruda den Titel eines Ehrendoktors hier erhalten hat.“

Mai 1984, Leipzig ||| Abschlussvorlesung von Prof. Claus Träger. Sein letzter Satz: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn diese Fakultät – ich eingeschlossen – ihnen nach fünf Jahren Germanistikstudium beibringen konnte, WIE man ein Buch liest, bin ich sehr zufrieden.“ Mein Studium ist zu Ende …

© Asteris Kutulas