Gert Hof: Regisseur, Lichtarchitekt, Künstler

On the road with a friend (1998 bis 2012) || 

Dimitris Koutoulas, Periklis Koukos, Gert Hof auf der Akropolis, 1999 – Photo © Asteris Kutulas

Als ich Gert 1998 bei einem Theodorakis-Projekt in Berlin kennenlernte, schien er mir irgendwie abgehoben und gleichermaßen bodenständig, arrogant, ein Arbeiter vor dem Herrn, unfreundlich, einnehmend, sehr konkret in seinen Vorstellungen, divenhaft, genialisch.

Mich beeindruckten jedenfalls seine unachahmliche Art und seine konsequenten Denkstrukturen, und wir beschlossen, weiter zusammenzuarbeiten. Gert entpuppte sich als Kontrollfreak, als Seismograph für menschliche Verhaltensmuster. Egal, ob es um Verhandlungen mit unseren verschiedenen Partnern ging oder um die Planung eines nächsten Events – er lehrte mich, das Panoptikum menschlicher Unzulänglichkeiten klar zu erkennen. Seine bohrenden und gnadenlosen Fragen über jedes Detail, sein Analytikerhirn, brachten nach kürzester Zeit die wahren Fähigkeiten – und vor allem Unfähigkeiten – vieler unserer Partner zutage. Ich hasste ihn für diese offenbarende Art, gewöhnte mich aber schnell daran, mich in der Arbeit einsam zu fühlen. Die Luft in der Liga, in der wir zu arbeiten begannen, das merkte ich bald, war sehr dünn. Ich musste, durch Gert dazu getrieben, viele Entscheidungen treffen, die mein Leben veränderten. In den ersten Monaten unserer Zusammenarbeit dachte ich oft, Gert sei größenwahnsinnig, bis ich mich seinem Größenwahn anschloss. Ab da betrachtete ich unsere Projekte nicht nur als Produzent und Manager, sondern auch – und vor allem – als Künstler, so dass auch meine eigene Ästhetik tief von dieser Zusammenarbeit geprägt wurde. 

Denn Gert hatte mir, gleich als wir uns kennenlernten, sein Konzept einer gigantischen Lichtschow erläutert. Ich begriff, dass tatsächlich weltweit noch keine Eventform existierte – außer der des Feuerwerks -, die von Hunderttausenden oder gar Millionen live miterlebt werden konnte. Es gab zwar Mega-Konzerte, bei denen Laser und Licht eingesetzt wurden, aber keine Show, die die Möglichkeit bot, eine ganze Stadt einzubeziehen und zu entertainen. Monate später, nach unseren Events in Berlin, Athen, Budapest und Peking, konnten dann alle, die das erlebt hatten, feststellen, dass selbst die größten Musikshows winzig wirkten im Vergleich zu dem, was wir inzwischen realisiert hatten.

Mit Gert Hof in New York, 2000 – Photo © Asteris Kutulas

Und ich erkannte, dass nicht das gewaltige Equipment diese Schows so außerordentlich machte, sondern der Umstand, daß wir es hier mit einer INSZENIERUNG zu tun hatten, die mehrere Elemente (u.a. Musik, Pyrotechnik, Neonarchitektur, Feuerwerk, Licht, Heliumballons, Statisten) vereinte. Viel wichtiger als die Hardware waren also das kreative Potenzial im migränegeplagten Kopflabor von Gert, seine 25jährige Theater-Erfahrung, seine über 20jährige Arbeit im Musik- und Filmgeschäft, seine architektonischen Visionen.

Mit Mario Adorf und Gert Hof, 2008 – Photo © Asteris Kutulas

Denn es gab in der vor-hofschen Ära keine ausgeprägte „Ästhetik des Lichts“ – jedenfalls nicht in dieser Dimension und schon gar nicht im Outdoor-Event-Bereich -, vor 1999 interessierte sich keiner für dieses Phänomen, außer in Gesprächen über Dritte-Reich-Symbolik. Das „Licht“ führte ein Nischendasein. Gert hat es davon befreit, er befreite es auch aus der speerschen-nationalsozialistischen Umarmung, er machte es „hof“fähig für die moderne Kunst, fürs Entertainment, verlieh ihm die visionäre Kraft einer „Architektur am Himmel“, er schuf in gewisser Weise ein neues Kunstgenre, und er brachte es in die Feuilletons. Das ist vielleicht Gerts größtes Verdienst – er hat den Weg frei gemacht.

Well done, my friend, well done …

© Asteris Kutulas, 2012

Peripherials

Gert liebt Architekturbücher, Thüringer Bratwurst, Musikhören, Kaffeetrinken, deutsche Lyrik, Zigarettenrauchen, Formel-1-Rennen, durchgeknallte Freaks und guten Kuchen. Vor allem mit gutem Kuchen kann man bei ihm viel erreichen. 

Gert Hof mag keine Partys, keine Geflügelgerichte, keine leeren Versprechen, kein Mittelmaß.

Gert Hof ist ein unglücklicher, sehr einsamer Mensch. Ein liebevoller Zyniker. Ein Eremit, sich und alle anderen um sich herum treibend. Er hat einst die Nacht geschaut und ist seitdem auf der Flucht vor ihr.

Die Band Rammstein gehört zu Gert wie der Ouzo zu den Griechen. Was für ein Name auch: rammstein – der hätte übrigens eine Idee von Gert sein können, der nicht nur Wassertrinker ist, sondern auch ein Schöpfer von Worten, gemacht mit Hammer und Amboss.

Gert liebt schwarze Sachen. Er geht immer in Schwarz. Vielleicht steht ihm ja auch keine andere Farbe. Unsere chinesischen Partner schenkten ihm in Peking einen grünen Militärmantel, damit er bei minus 20 Grad nicht friert. Er liebte diesen Mantel, fand aber dessen grüne Farbe unerträglich. Der Versuch, ihn schwarz zu färben, schlug fehl. Der Mantel war nicht mehr zu gebrauchen und musste entsorgt werden. Große Trauer bei Gert.

Gert Hof ist ein exzessiver (manchmal gnadenloser) Mensch – nicht nur in seiner Lebenshaltung, sondern auch in seinem Denken. Er braucht „Verrückte“ um sich herum, anders funktioniert unser ganzes Experiment nicht. Kaum bekannt ist sein Engagement für den Schutz von vom Aussterben bedrohten Tieren.

Mit Gert Hof in Antholz (Alpen), 2005 – Photo © Asteris Kutulas

November 1999. Im Washingtoner Holocaust Museum soll Gert für die „Mauthausen-Kantate“ von Mikis Theodorakis, gesungen von Maria Farantouri, Licht und Bühne machen. Eine Benefiz-Veranstaltung. Die Möglichkeiten vor Ort sind spärlich. Er bittet mich, 100 große Kerzen zu besorgen – für die Seelen der Ermordeten, sagt er. Gert ordnet sie auf der Bühne. Das Konzert findet in dieser Atmosphäre statt, wie in einem Kirchenschiff. Ein Requiem für die Opfer des Nationalsozialismus.

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Februar 2000. Wir besuchen das Konzentrationslager Auschwitz in Polen. Christoph Heubner, ein guter Freund und ein wunderbarer Lyriker, der das deutsch-polnische Jugendforum Auschwitz leitet, zeigt uns die Gedenkstätte. Durch seine detaillierten und kenntnisreichen Berichte geht uns das Ganze sehr unter die Haut. Gert ist besessen von der Idee, in Auschwitz-Birkenau einen Memorial-Event zu machen. Für ihn eine Art Lebensaufgabe. In einem Brief an das Auschwitz-Komitee schreibt er: „Es ist von eminenter Bedeutung für die Gegenwart und die kommenden Generationen, die Erinnerung an das Konzentrationslager Auschwitz als Synonym für das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit geographisch zu lokalisieren und die materiellen stummen Zeugen jener Zeit visuell identifizierbar zu machen. Das Konzentrationslager Auschwitz – die Todesstätte von Millionen unschuldiger Opfer vieler Nationalitäten, von denen 90% Juden waren – verlangt nach einem außergewöhnlichen Signal …“ Gert fängt an, Ideen zu entwickeln. Grundlage für die ästhetische Umsetzung einer Installation in Birkenau müsse die Wahrung der Würde der Opfer und ihrer Hinterbliebenen sein. Er nennt seinen ersten Konzeptentwurf „Nie wieder Auschwitz!“ und spricht von einer Spurensicherung. 

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Dezember 2000. Gert inszeniert die Theodorakis-Oper „Die Metamorphosen des Dionysos“ am Griechischen Nationaltheater. Es geht um den letzten Tag im Leben des Dichters Kostas Karyotakis, der sich umbrachte. Die Szenen der Oper sind surreale Zeiteindrücke, historische Verkürzungen und schonungslose Abrechnungen. Der Schmerz bricht immer wieder durch, die Bilder werden schief, überzeichnet, revuehaft grotesk. Gert kommt nach Athen und weiß vom ersten Augenblick an, wie die Oper abzulaufen hat. Er ist in die Musik verliebt und hält obsessiv an seinem Konzept fest. Er schafft schnelle Abläufe, spannende Bilder, spielfilmhaft, ganz anders als bei herkömmlichen Opern-Aufführungen.

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Februar 2003. Wieder in Auschwitz. Reden mit der Museumsleitung und dem Internationalen Auschwitz-Komitee. Beide sind von der Idee Gerts angetan. Wir wissen, dass noch niemals in Auschwitz-Birkenau irgendeine Veranstaltung stattfinden durfte und es ein politisch brisantes Unterfangen ist. Nun liegt die Entscheidung bei der polnischen Regierung.

Gert schreibt in seinem Konzeptentwurf, dass das Medium Licht im Konzentrationslager Auschwitz eine besondere Rolle spielte. Der Suchscheinwerfer, Todesinstrumentarium der SS, diente zur Eingrenzung des Lagers, zur Bewachung und zur Verfolgung flüchtender Häftlinge. Der Flüchtende, der von einem Suchscheinwerfer aus der Nacht gemeißelt wurde, war dem Tod anheim gegeben. Gert will mit 200 Großraumscheinwerfern diese Bedrohung und den Terror visualisieren und nachempfinden lassen, denn die menschliche Sprache sei zu arm, um das Grauen zu beschreiben, dem die Opfer ausgesetzt waren. Also müssen assoziierende Metaphern geschaffen werden. Er spricht von der Stille als einem wesentlichen Bestandteil der Dramaturgie. Gert möchte außergewöhnliche, emotionale und eindringliche Metaphern zum Gedenken an den Holocaust erschaffen – als Mahnung gegen jegliche Art von Faschismus, heute und morgen, allerdings Bilder, die in Verbindung mit der Musik vor allem Jugendliche ansprechen. 

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Juli 2003. In Zypern fällt die „Mauer“, die Grenze zwischen Zypern und dem türkisch-besetzten Nord-Zypern wird nach 30 Jahren wieder geöffnet. Zülfü Livaneli, der bedeutendste türkische Komponist und Liedermacher, und Maria Farantouri aus Griechenland geben an der „grünen Linie“ ein Benefiz-Konzert, mit dem dieser historische Moment gefeiert werden soll. Gert bekommt eine Einladung, das Bühnen- und Lichtdesign zu machen. Wir fliegen sofort nach Zypern, und Gert arbeitet Tag und Nacht. Die Techniker vor Ort sind zunächst überfordert mit dem Know-how und dem künstlerischen Anspruch, den es für Gert durchzusetzen gilt. Stundenlang erklärt er den Leuten wieder und wieder geduldig, worauf es ankommt. Ich erlebe die Leute dann euphorisiert. Das Konzert wird zu einem unglaublichen Erlebnis. Griechen und Türken vereint. Wie in einem Traum.

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Mai 2004. Eine Bekannte fragt Gert, ob er sich vorstellen könnte, eine Inszenierung am Schloss Ludwig II. in Bayern zu machen. Wir fahren hin und sehen uns die Landschaft an. Gert beginnt sofort, Ideen zu entwickeln. Ein „Lichtschloss“ soll über dem Forggensee und Neuschwanstein entstehen und letzteres über einen Lichtbogen mit dem neuen Musicaltheater verbinden. Die Devise ist: Natur, Romantik, Faszination. Ein Denkmal für König Ludwig II. und Richard Wagner. Gert denkt an den „Ring der Nibelungen“; ihm gehen assoziative Bilder durch den Kopf: „Die Lichtburg des Parzival“ oder „Der Lichtschwan des Lohengrin“ oder „Das Gralswunder aus Licht und Feuer“. Einer unserer Zukunft-Projekte.

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November 2004. Phillipshalle Düsseldorf. Gert macht Licht- und Stagedesign für Motörhead. Das Ganze wird aufgezeichnet und soll nächstes Jahr auf DVD erscheinen. Diese Band ist ein Naturereignis. Mörderisch laut, ungeschminkt, krachig, straight. Gert fühlt sich „zu Hause“. Lammy, nach dem Konzert mit einem nassen Handtuch über der Schulter, scheint glücklich zu sein.

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Januar 2005. Mitten in den Vorbereitungen des Events zur 1.200-Jahr-Feier von Magdeburg erfahren wir, dass wir aus Budget-Gründen auf Licht-Equipment ganz verzichten müssen. Jetzt ist wenigstens Klarheit geschaffen. „Ich komme nicht weiter, ich verbrenne“, hatte mir Gert einige Tage zuvor gesagt – das Schlimmste für ihn: wenn mitten in der Arbeit Entscheidungsprozesse stocken. Er entschließt sich, einen reinen Feuerwerks-Event zu machen, aber mit seinen ästhetischen Kriterien. „Ich werde ein ganz anderes Feuerwerk hervorzaubern“, sagt er. „Denn ich bin ja kein Feuerwerker …“ Er hört sich tagelang Musik an, Gesualdo, Hildegard von Bingen, Telemann, Vivaldi, Puccini, Carl Orff und Hanns Eisler. Er würde gern einen Ausschnitt aus Eislers „Kuhle-Wampe-Suite“ von 1928 nehmen, aber die Verantwortlichen wollen keine Ostalgie-Diskussion haben. Überhaupt, die richtige Musik finden: für die eigene Inspiration, für die Menschen – damit ihr Herz berührt wird –, für die Show, die Auftraggeber. Aber eigentlich doch nur für die Menschen. Einer der wichtigsten Momente in der Entstehungsphase seiner Events. „Die Musik ist die Mutter“, sagt er immer.

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September 2005. Ein heiß-schwüles Neu-Delhi. Gert ist Gastredner beim Kongress der indischen Lichtdesigner. Der stellvertretende indische Tourismusminister stellt ihn vor, dann spricht Gert. Das Publikum ist begeistert, hängt regelrecht an seinen Lippen. Wir werden am nächsten Tag von der Regierung nach Taj Mahal eingeladen. Eine übersinnliche Schönheit, eine geheimnisvolle Energie geht von diesem Bau aus. Das ist was für mich, sagt Gert, hier will ich was machen. Ein weiterer Plan für die Zukunft.

Mit Udo Lindenberg und Gert Hof, Hamburg 2005 – Photo © Asteris Kutulas

Februar 2006. Udo Lindenberg und Gert, der UFOnaut und der Lichtpapst. Ich frage mich: Warum hat es das nicht eher gegeben? Warum musste Linde seinen 60.Geburtstag abwarten, um sich mit dem Schwarzen Mann zu vereinen? Jetzt jedenfalls, haben sie sich gefunden und werden die Welt verändern.

© Asteris Kutulas, 2006