Apassionata – Der Vorhang fällt (Riesa-Tagebuch 2019)

23.10.2019, Apassionata Show Reloaded

Wieder ist APASSIONATA-Proben-Zeit. Wieder traben Pferde nach einer neuen Musik durch die Sachsen-Arena. In drei Tagen ist Premiere. Aber die Show heißt nicht mehr „Apassionata“, sie heißt jetzt „Cavalluna“. Alles ist wie immer, und alles ist ganz anders.

Ich bin auf meine Art und Weise wieder dabei, wie ich 10 Jahre lang dabei war; und wie im Oktober 2017 und 2018 halte ich meine täglichen Eindrücke in Tagebuch-Form fest. Es hat sich viel verändert seit Herbst 2018: „Apassionata“ gibt es nicht mehr. Wie es dazu kam und was aus den Apassionata-Protagonisten Peter Massine und Holger Ehlers geworden ist – darum geht es hier. Die Geschichte vom Ende der „Apassionata“ ist spannend wie ein Wirtschaftskrimi, komisch und tragisch zugleich, und sie handelt von Freundschaft, krimineller Energie, Betrug und Verrat, erzählt von Leid, Engagement, Hoffnung und Enttäuschung.

Nachdem es 14 Jahre die Apassionata-Show gegeben hat, liefen dann in der Saison 2017/18 zwei konkurrierende Apassionata-Produktionen gleichzeitig – und seit Mai 2019 gibt es überhaupt keine Apassionata-Show mehr. Der Vorhang ist gefallen. Bislang jedenfalls – könnte sich in Zukunft ja wieder ändern. In diesem Spiel der Eitelkeiten und des Geldes ist alles möglich: Willkommen und Abschied. Aufstieg und tiefer Fall. Vergessen und Wiedergeburt.  

Holger Ehlers, Peter Massine, Apassionata
Der Apassionata-Esel und ich

Während täglich die Waschmaschinen arbeiten und deren Automatik regelmäßig das „Schleuderprogramm“ aktiviert, kann ich einen Blick in die Vergangenheit werfen und betrachten, was in den letzten Monaten alles passiert ist. Die Gegenwart bietet mir Bilder in lebhaften Farben. Und die Zukunft zeigt sich bereits: Der Magische Kubus fragt immer auch nach dem Pferd.

Der Catering-Raum erneut als Fluchtort und „APASSIONATA-Konferenzraum“ – diesen Herbst nehme ich ihn noch einmal neu wahr. Das Ganze mit anderen Augen sehen. Vom Objektiv der Kamera wird der Deckel genommen. Stay tuned! 

24.10.2019
Die letzten zwölf Monate der Apassionata
im Schnelldurchlauf … und sehr subjektiv (aber journalistisch korrekt)

Nach dem heißen, trockenen Sommer weht jetzt ein frischer Wind. Die Blätter der Ahorne färben sich golden, und schon haben sie begonnen, aus den Bäumen zu fallen. Dieser Winter soll ein verregneter werden. „Machen wir’s uns warm“, sagt Elsa am Telefon. Sie lebt mit zwei Geräten und zwei Tieren in Friedrichshain.

Hinter den Showkulissen ist es ruhig momentan. Ich lade die Akkus auf, und die Lichtmeister knipsen zur Pause die Scheinwerfer aus. 

2019 ist das Jahr, in dem die Apassionata „unterging“. Als wäre sie die Titanic … ein glorreiches Schiff, das auf einen Eisberg zusteuerte, mit diesem krachend kollidierte und sank. Die Kapitäne hatten offensichtlich geglaubt, dass nicht die Titanic, sondern der Eisberg zerbersten würde. Jedenfalls verließen sie als erste das sinkende Schiff und brachten sich in Sicherheit.

Um zu verstehen, was sich zwischen Oktober 2018 und Juli 2019 ereignet hat, muss man dort anknüpfen, wo der dritte Teil meiner „Apassionata-Story 2018“ aufhörte. Bereits zu dem Zeitpunkt war es eine extraordinär spannende Geschichte über ein deutsch-chinesisches Game-of-Thrones-Spektakel, aber dass diese Sache sich zu einem dramatischen Wirtschaftskrimi entwickeln würde, ahnte ich damals nicht.

Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich klarstellen, dass es in diesen journalistischen Tagebucheinträgen um das Ende der „Massine-Ehlers-Apassionata“ geht und nicht um deren „Fortführung“ unter der neuen Marke „Cavalluna“ durch das chinesische Unternehmen Apassionata World GmbH (Hongkun) ab 2018. Tatsächlich gab es 2018 nämlich nicht nur zwei Apassionata-Shows, sondern auch zwei konkurrierende Apassionata-Unternehmen:
Apassionata GmbH (Peter Massine/Holger Ehlers)
Apassionata World GmbH (Hongkun)

Peter Massine war Mitbegründer und bis 2019 Produzent der Pferde-Show „Apassionata“. Holger Ehlers war seit 2009 Autor, Regisseur und laut eigenen Angaben „Komponist“ aller Apassionata-Produktionen bis zur letzten Show „Der magische Traum“ in der Saison 2018/19. Seit 2017 war Holger Ehlers auch Executive Producer der beiden letzten Shows „Der Traum“ (2017-18) und „Der magische Traum“ (2018-19). Peter und Holger bestimmten als Hauptakteure nicht nur die geschäftliche und die künstlerische Entwicklung der „Apassionata“ der letzten zehn Jahre, sondern sie verantworteten durch ihre Entscheidungen ebenfalls das dramatische und in gewisser Weise sehr kuriose und tragische Ende derselben.

Der Anfang vom Ende

der „Massine-Ehlers-Apassionata“ – das war 2016 zweifellos der Bruch zwischen Peter Massine und seinem Investor, dem chinesischen Immobilienkonzern Hongkun. Diesem Bruch folgte eine langwierige Auseinandersetzung mit über 100 Gerichtsprozessen um die Apassionata-Lizenz- und Markenrechte. Nachfolgend einige Presse-Veröffentlichungen zum „Gesellschafterkrieg“ zwischen Peter Massine und der chinesischen Apassionata World GmbH/Hongkun, die das Ausmaß und die Folgen dieser Streitigkeiten offenbaren:

Finance, 6.4.2017: „Ex-Apassionata-Chef: EY klagt wegen nicht gezahlter Honorare“
Spiegel, 21.6.1017: „Der schmutzige Krieg um die Pferdeshow“
Stuttgarter Nachrichten, 30.12.2017: „Ist nicht so leicht, die Welt zu retten“
BZ, 27.1.2018: „Apassionata-Gründer kämpft um den Namen seiner Pferde-Show“
Mittelbayerische, 20.3.2018: „Der moderne Zirkus der Zukunft“
Süddeutsche Zeitung, 13.6.2018: „Hinter dem schönen Schein von APASSIONATA“
Sächsische Zeitung, 26.6.2018: „Ich habe mein Lebenswerk in Gefahr gesehen“
Sächsische Zeitung, 13.7.2018: „International wäre die Marke Apassionata wertlos“
BZ, 22.1.2019: „Krieg der Reitershows Cavalluna und Apassionata“
tip Berlin, 25.1.19: „Zoff um die Pferdeshows: Apassionata vs. Cavalluna“
Donaukurier, 28.8.2019: „Im Pferde-Palast gehen die Lichter aus“

Die Nerven in der „Pferdewelt“ lagen also seit Ende 2016 blank. Hinter den Kulissen brodelte es. Viele Apassionata-Mitarbeiter bangten um ihren Arbeitsplatz. Die beiden „verfeindeten“ Geschäftsführungen schworen ihre Belegschaft auf einen „heiligen Krieg“ ein. Die Pferde und ihre Reiter mussten sich für eine Seite entscheiden. Und Peter Massine schickte seinen künstlerischen Direktor Holger Ehlers an die vorderste Front, die „Chinesen“ das Fürchten zu lehren. 

Im Kern ging es in diesem erbittert geführten Rechtsstreit zwischen Peter Massine einerseits und der chinesischen Apassionata World GmbH (Hongkun) andererseits darum, wem (die Marke) „Apassionata“ gehört bzw. wer den lukrativen Pferdeshow-Markt in Deutschland und Europa beherrscht. „Apassionata“ war bis 2018 quasi ein sehr erfolgreicher Monopolist in diesem Entertainment-Segment, verkaufte Jahr für Jahr bis zu 480.000 Tickets, machte einen Umsatz von jährlich durchschnittlich 21 Millionen Euro und einen Gewinn von ca. 3 Millionen Euro. Es ging also um sehr viel Geld.

Peter hatte 2016 versucht, seinen frisch gekürten chinesischen Partner Hongkun über den Tisch zu ziehen, was aber nicht funktionierte. Und plötzlich gab es zwei Apassionata-Shows. Das Publikum war verwirrt. Die Pferde auch. Beide Apassionata-Shows – die eine hieß ab 2018 „Cavalluna“ – bluteten langsam aus. 

Hoffnungsschimmer

Doch dann kam der Sommer 2018, und es zeigte sich ein Hoffnungsschimmer am Horizont:  Die Apassionata GmbH von Peter Massine verhandelte mit der Live Nation Entertainment GmbH über eine elfjährige Zusammenarbeit. Die Live Nation Entertainment GmbH, immerhin der weltweit größte Konzert-/Event-Veranstalter, war darin waren sich alle einig der richtige strategische Partner für die „Apassionata“. Es kam so etwas wie Euphorie auf in der gebeutelten Apassionata-Gemeinde, denn diese Vereinbarung bedeutete, dass sich Peter aus dem operativen Geschäft zurückziehen und Live Nation die Vermarktung und Durchführung der Tour-Show für zumindest drei plus weitere acht Jahre überlassen würde.
Für die Apassionata-Mitarbeiter – ich gehörte damals als Dramaturg der Show zu den „Externen“ – war klar, dass damit die Apassionata für insgesamt 11 Jahre in professionelle und seriöse Hände kommt, denn Peter Massine war als Unternehmer auf breiter Front gescheitert und sein „Vermächtnis“ bestand in einem riesigen (selbstverschuldeten) Scherbenhaufen. 

Aber Peter Massine hatte etwas ganz anderes vor. Der „strategisch“ angelegte Vertrag mit der Live Nation Entertainment GmbH vom September 2018 erwies sich als reine Nebelkerze. Peter Massine benutzte diesen Vertrag als Faustpfand, um hinter dem Rücken seiner Mitarbeiter und Partner – und hinter dem Rücken von Live Nation – einen 6-Millionen-„Geheim-Deal“ mit seinen chinesischen „Erzfeinden“ der Apassionata World GmbH verhandeln zu können. Der wurde am 1.3.2019 unterzeichnet, gerade mal fünf Monate nach der Unterzeichnung der „strategischen“ Elf-Jahres-Vereinbarung mit Live Nation. 

Betrügerische Insolvenzen

Erst drei Monate nach der Vertragsunterzeichnung vom 1.3.2019 hat Peter Massine die „Apassionata“ und damit zahlreiche seiner Gesellschaften in die geplante und systematisch vorbereitete Insolvenz geführt und dabei Gläubiger mit „Tabellenforderungen“ in Höhe von ca. 12,5 Mio Euro zurückgelassen (siehe Tabelle unten). Da einige Gläubiger ihre Forderungen nicht angemeldet haben, dürfte der reale Schaden weit darüber liegen. Hinter diesen (mindestens) „12,5 Mio Euro“ unbezahlter Rechnungen verbergen sich zum Teil sehr tragische Einzel-Schicksale.

Peter Massine hat Mitarbeiter und Unternehmen für sich arbeiten lassen, wissend, dass er sie nicht wird bezahlen können. Das traf Kollegen, Mitarbeiter und Partnerfirmen, von denen einige für Peter Massine und die „Apassionata“ sogar in Vorleistung gegangen waren bzw. investiert hatten, weil Peter Massine – darin unterstützt von seinem künstlerischen Direktor und Executive Producer Holger Ehlers – ihnen eine langjährige erfolgreiche gemeinsame Zukunft versprochen hatte – und sie ihm glaubten. Peter Massine beanspruchte also ihre Leistungen, ohne sie zu entlohnen, und betrog sie:

• den Caterer, der dafür sorgte, dass während, vor und nach den Shows alle 100 Apassionata-Tour-Mitarbeiter zu essen und zu trinken hatten,
• die Spediteure, die Woche um Woche die Technik und die Pferde transportierten,
• die Videofirma, die die Animation für den Werbetrailer hergestellt hatte,
• die Autorin, die u.a. die Texte für „Der magische Traum“ mit verfasst hatte, die allabendlich während der Shows zu hören waren,
• die Pferdefachfrau, die verantwortlich war für das Wohlergehen der Pferde, monatelang ohne Gehalt blieb und dieses letztendlich niemals erhielt,
• den Produktionsleiter, ohne den die gesamte Produktion nicht funktioniert hätte,
• die Technikdienstleister, die den Sound, das Licht und das Videoequipment für alle Shows zur Verfügung stellten,
• den Hotelier, der für die Übernachtung und das Frühstück während der Proben und der Premiere sorgte,
• die Filmproduktionsfirma, die den Trailer produzierte, damit die Shows überhaupt beworben werden konnten,
• den Bühnenbauer, der Equipment für die Show „Der magische Traum“ geliefert hatte,
• den Kameramann und Cutter, der dafür sorgte, dass mehrere Werbetrailer die Menschen zum Kaufen von Tickets animierten,
• viele Partner und Mitarbeiter der SenseUp GmbH, die die Ursprungs-Show „Der Traum“ auf die Beine gestellt, dafür hart gearbeitet und zum Teil in diese Show investiert hatten etc. etc.

Immerhin: ohne diese Menschen und ohne diese Unternehmen hätte es keine Show „Der Traum“ (2017/18) bzw. „Der magische Traum“ (2018/19) gegeben. Es hätte keinen 6-Millionen-Deal mit den „Chinesen“ für Peter Massine gegeben. Und auch keine hunderttausenden von Euro für seinen künstlerischen Direktor und Executive Producer Holger Ehlers, dessen Ehefrau Katrin Ehlers und seinen Finanzberater Jens Grimm – die sowohl direkt als auch über deren neu gegründete Firma Mondwind Entertainment GmbH von Peter Massine entlohnt wurden. Das stellte sich jedoch erst heraus, als die Insolvenzverwalter – zusammen mit den Gläubigern – den Geldflüssen folgten, wobei immer mehr Fakten ans Tageslicht kamen.  

1 Apassionata: 15 Firmen,  3 Länder

Meine journalistische Recherche führte mich zunächst einmal zu folgenden insolventen Gesellschaften von Peter Massine:

Apassionata Firmen von Peter Massine

Nach weiteren Nachforschungen offenbarte sich mir folgendes: Peter Massine hatte mit einem ab irgendwann recht verzweigten und sehr undurchsichtigen Firmengeflecht in Deutschland, Österreich und auf Malta die Apassionata-Show produziert und vermarktet.

Viele seiner Firmen wurden in schneller Folge gegründet, umfirmiert, verschmolzen und später in die Insolvenz geführt. Diese verwirrende Anzahl von Unternehmen, aber auch der Umstand, dass von Peter Massine zwischen diesen Firmen systematisch sehr viel hin und her geschoben wurde (Rechte, Lizenzen, Anlagevermögen, Verbindlichkeiten, Darlehen etc.) dienten von Anfang an dem Ziel, Insolvenz- und andere Straftaten zu verschleiern.

Im Nachhinein wurde deutlich, warum Peter Massine über 15 Firmen in mehreren Ländern „brauchte“, um eine finanziell und organisatorisch überschaubare Show wie die „Apassionata“ zu produzieren: letztendlich überblickte keiner mehr,  welche Lizenz- und Marken-Rechte, Anlagevermögen, Verbindlichkeiten, Darlehen etc. von welcher in welche seiner zahlreichen Firmen verschoben worden waren.

Im Vertrag mit seinem chinesischen Ex-Partner Hongkun vom 1.3.2019 mussten aus diesem Grund (fast) ALLE Gesellschaften von Peter Massine für die Übertragung der Apassionata-Rechte an Hongkun garantieren, die da waren: Massine Group GmbH, Holt GmbH, Apassionata Massine GmbH, Apassionata München GmbH, St. George Edition Limited, SenseUp Entertainment GmbH, FUTURECOM Rental Service GmbH, Bright Stone Holding Limited, Tyrell Corporation Limited, APASSIONATA Productions GmbH, Davinci Publishing Limited, Bel-Brand Entertainment Ltd. sowie Peter und Karen Massine Stiftung.

Die meisten der oben aufgeführten Massine-Firmen hatten als einziges Asset die Pferdeshow „Apassionata“. Der gesamte Umsatz und die einzige Einnahme all dieser Unternehmen speisten sich allein aus der jährlich neu produzierten und vermarkteten Apassionata-Show.

Die Schaffung dieses verwirrenden Firmengeflechts hatte also offensichtlich einzig das Ziel, kriminelle Handlungen zu ermöglichen und zu kaschieren, Partner und Mitarbeiter zu betrügen und eine Verfolgung durch staatliche Behörden zu verhindern bzw. diese so schwierig wie möglich zu machen. Bei der völlig überlasteten und überforderten deutschen Justiz – vor allem in Berlin – schafft Peter Massine es vielleicht sogar, weiterhin ungestraft davonzukommen, trotz mehrerer Strafanzeigen, Klagen, Titel und eines Haftbefehls. Aber auch hier ist es genauso klischeehaft wie in all diesen und ähnlichen Betrugsfällen: Peter Massine ist – kurz vor seinen vielen Insolvenzanmeldungen – offiziell mit seiner Familie nach Bali umgezogen. Er lebt wohl weiterhin in Berlin, aber die deutsche Polizei weiß nicht, wo sie ihn verhaften soll. Sie hat nur seine Wohnadresse auf Bali.

Über Riesa hängen dunkle Wolken. Bei Gewitter zuckt erst der Blitz, und darauf folgt der Donner. Diese Apassionata-Geschichte hat etwas von einem Wetterphänomen. Auch die Premiere der Apassionata-Show „Der Traum“ fand im Oktober 2017 statt, als passiere das in Synchronität mit den Vorboten des Orkans, der damals Deutschlands Topoi aufscheuchte. Eigentlich hätte man wissen können, dass „sowas“ kommt, aber dass es tatsächlich kam … Wer hatte mit dieser großartigen Show damals wirklich gerechnet? Und wer hatte mit diesem kläglichen Ende der Apassionata 18 Monate später gerechnet?

25.10.2019, Apassionata Melancholia Tagebuch

Dürers Melancholia ist hier vor Ort nicht melancholisch. Sie hat sich das Schneiderinnen-Bandmaß als befriedete Schlange umgelegt. Melancholia hat ehrlichen Schlamm an den Schuhen, sie hat ehrliche Fusseln am Kleide. Duftendes Wiesengras, Brombeerblätter und Hagebuttenschalen hat sie geatmet.  „Wir müssen dankbar sein“, höre ich mich sagen. Ohhhhmmmmmm … Die unmelancholische Melancholia senkt und hebt das Haupt, sie dankt den Wassern und Waschmaschinen. Sie dankt den Nadeln und Nähmaschinen. Es glitzert. Es blinkt. Es öffnen und schließen sich die Tore der Tage. Der Herbst in Riesa ist bunt.

„Apassionata“ war für mich seit 2013 vor allem als Künstler interessant – ein spannendes artifizielles Experimentierfeld, und ich verwirklichte durch meine künstlerische Mitarbeit an dieser Show-Produktion einige für mich wichtige Ideen und Konzepte. Unter anderem auch meine Liquid Staging Theorie, die ich seit 2009 kontinuierlich entwickelt hatte. Auf meinem Asti-Blog als auch auf meinem Asteris-Kutulas-Vimeo-Kanal findet man zwischen 2013 und 2019 viele Apassionata-Texte und viele Apassionata Video Blinks. Diesen künstlerischen Prozess habe ich über mehrere Jahre tagebuchartig begleitet und darüber hinaus auch mehrere programmatische Texte geschrieben. Die Apassionata-Show war für mich als Künstler und Dramaturg in den letzten 6 Jahren ein wunderbares und mich sehr inspirierendes Konzeptkunst-Projekt, das ich nicht missen möchte. Schade, dass Gier, Megalomanie, Dummheit, Narzissmus und Charakterlosigkeit meine zwei alten Freunde Peter und Holger in den Sumpf der Lüge und des Betrugs getrieben haben.

Peter & Holger, kollusiv

Bereits seit Anfang 2017 hatte ich kaum noch Kontakt zu Peter Massine. Im gesamten turbulenten Jahr 2018 begegnete ich ihm nur vier- oder fünfmal. Aber immer, wenn ich ihn traf, hatte ich das Gefühl, mit einem Menschen zu sprechen, der jegliche Beziehung zur Realität verloren hatte und in einer Blase voller Illusionen lebte. Ich ging nie ins Apassionata-Büro in der Kantstraße, sondern kommunizierte – als Dramaturg der Show – nur mit Holger Ehlers, dem künstlerischen Direktor der „Apassionata“. Mit Holger Ehlers war ich damals sogar befreundet, zumindest glaubte ich, dass uns eine Freundschaft verband. Während unserer zahlreichen Apassionata-Meetings in meinem Büro kochte ich für ihn fast immer sein Lieblingsessen, Erbsen mit Thunfisch auf griechische Art, d.h. verfeinert mit etwas Tomatenmark und Oregano.

Weil Peter Massine seit Mitte 2017 in den Augen der meisten Apassionata-Partner und -Mitarbeiter total „verbrannt“ war, nahm Holger Ehlers immer mehr die Position eines Executive Producers ein. Holger Ehlers verhandelte mit Mitarbeitern, fällte teilweise Personalentscheidungen und war aktiv an Budget-Gesprächen und auch an der Aufstellung von Zahlplänen beteiligt. 

Als Insider wusste Holger Ehlers besser als jeder andere spätestens seit Oktober 2018 um den finanziell desaströsen Zustand der „Apassionata“, sorgte aber mit zuversichtlich stimmenden Sätzen, Durchhalteparolen und immer neuen „Geldeingangsszenarien“ dafür, dass das Ganze bis Ende April 2019 weiterlief, bei allen die Vorstellung erzeugend, dass sie ihr Geld bekommen. Holger Ehlers war damals für die meisten Apassionata-Mitarbeiter noch glaubwürdig – auch für mich –, weil er fast täglich betonte, dass er selbst der finanziell am meisten Geschädigte sei und von Peter Massine, den er sehr oft deswegen beschimpfte, nicht bezahlt würde. Nach Durchsicht der mir vorliegenden Unterlagen weiß ich inzwischen, dass Holger Ehlers in den letzten Monaten der „Apassionata“, und zwar bis kurz vor deren Insolvenz, Hunderttausende Euro verdiente – von Peter Massine überwiesen sowie durch rechtswidrige Rechteübertragung ermöglicht. Was für eine Geschichte! Eine Geschichte von Egoismus, Hybris, maßloser Gier und traurigen Pferden. Und wie sagte mir eine Pferdeflüsterin: „Pferde lügen nicht“! Menschen schon. 

Zahlungsunfähig … Das Ende naht auf leisen Sohlen

Ab Oktober 2018 stand die Zahlungsunfähigkeit der Apassionata GmbH zweifellos fest, und zwar ab dem Augenblick, als die von Holger Ehlers verbreitete Nachricht die Runde machte, dass die Live Nation Entertainment GmbH die 200.000 Euro Produktionsgelder pro Stadt nicht direkt an die Mitarbeiter und die Dienstleister von „Apassionata“, sondern an die Apassionata GmbH von Peter Massine auszahlen würde. Als Ende Oktober 2018 die ersten 200.000 Euro dann tatsächlich rechtswidrig an Peter Massine’s Rechtsanwalt statt an die Mitarbeiter gingen, viele Dienstleister nicht bezahlt wurden und eine „Erklärung“ von Holger Ehlers die andere jagte, war uns allen klar, dass Peter Massine seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen würde – weder gegenüber den Gläubigern der Apassionata GmbH noch denen der SenseUp GmbH, die am selben Live-Nation-Tropf hingen. 

Es war einfache Mathematik: Die Premieren-Produktion im Oktober 2018 in Riesa konnte nur zum Teil bezahlt werden und viele Rechnungen blieben offen – laut Peter Massine entstand durch Riesa ein Verlust von 200.000 Euro, aber auch das gesamte Geld für die erste Tourstadt (Stuttgart) Ende Dezember 2018, also weitere 200.000 Euro, waren weg, weil sie, wie oben beschrieben, an Peter Massine’s Anwalt überwiesen worden waren. Die Tour begann also mit einem Minus von insgesamt 400.000 Euro, plus den ca. 1,4 Millionen Euro Schulden von der SenseUp GmbH, die die „Apassionata“ übernommen hatte, also mit einem Defizit von insgesamt 1,8 Millionen Euro im Oktober 2018. Womit man es hier zu tun hat, ist eine Art „Schneeballsystem“, das bereits ein halbes Jahr später – allein für die beiden Produktionsfirmen Apassionata GmbH und SenseUp GmbH – zu einem Schuldenberg von über 4 Millionen Euro geführt hatte.  (Siehe Insolvenztabelle weiter oben.)

Jens Grimm, der persönliche Finanzberater von Peter Massine und bis zum Februar 2019 für die Zahlungen an das Produktionsteam Mit-Verantwortliche, beschrieb die desaströse finanzielle Situation der „Apassionata“ Mitte Dezember 2018 in einer dramatischen E-Mail an Peter Massine wie folgt: „Es ist schön, dass es Euch auf Bali so gut geht … Leider schlägt das hier extrem sauer bei den Reitern, der Crew und vielen Dienstleistern auf. Es verbreitet sich ein Wahnsinns Shittstorm … Die Leute kämpfen hier ums Überleben und stehen teilweise kurz vor der Pleite …“ Diese E-Mail verschickte er am 20.12.2019, also eine Woche vor dem Tour-Start. Die Apassionata GmbH, die SenseUp GmbH und alle anderen Massine-Firmen waren da schon längst pleite.

Hinzu kam, dass keine Bank oder irgendeine Institution in Deutschland einem Bankrotteur wie Peter Massine, der damals in über 100 gerichtliche Auseinandersetzungen verwickelt war, auch nur einen Cent Kredit hätte geben dürfen. Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Jens Grimm, der diverse Finanzierungskonzepte für „Apassionata“ und für Peter Massine entwickelt hatte, war bereits 2018 bei mehreren Banken mit diesem Anliegen gescheitert. Creditreform bescheinigte Peter Massine und seinen Firmen (entsprechend der höchsten Risikoklasse 6): „Kredite und Geschäftsverbindung werden abgelehnt.“

Peter Massine, Holger Ehlers … Das Grand Finale

Holger Ehlers, Jens Grimm und mir kam es ab diesem Zeitpunkt darauf an – so dachte ich (irrtümlicherweise) jedenfalls –, auf der Basis unseres profunden Apassionata-Know-Hows in Zukunft weiterhin Show-Produktionen ohne Peter Massine zu produzieren. Dafür arbeitete ich zusammen mit den beiden und vielen anderen bis zum Juni 2019. Ich sah es ohnehin so, dass die Apassionata-Show de facto nicht mehr Peter Massine gehörte, sondern den Gläubigern, die diese Show produziert und zum Teil finanziert hatten, aber dafür nicht bezahlt worden waren.

Peter Massine verfolgte ab Oktober 2018 offensichtlich nur ein Ziel: sich durch ein Geheim-Abkommen mit dem chinesischen Konzern Hongkun einen 6-Millionen-Deal zu sichern. Holger Ehlers seinerseits interessierte seit Anfang 2019 einzig und allein, wie er zusammen mit seiner Ehefrau Katrin Ehlers und seinem neuen Geschäftspartner Jens Grimm (auf Kosten vieler Mitarbeiter und Firmen) vom Ende der „Apassionata“ profitieren könnte, u.a. durch den Verkauf der Apassionata-Show „Der magische Traum“ nach Saudi-Arabien im Mai/Juni 2019 – mit einem Gewinn von fast einer Million Euro. 

Holger Ehlers war in diesem Augenblick der Einzige, der als Executive Producer und Künstlerischer Direktor die Tour bis zum bitteren Ende „durchziehen“ konnte – mit einkalkulierten Gläubiger-Opfern auf der einen Seite und mit einem riesengroßen Gewinn für sich. Er zog es also durch – indem er, mit Hilfe von Jens Grimm, dafür sorgte, dass Peter Massine seinen 6-Millionen-Deal realisieren konnte. Das Grand Finale von Peter Massine und Holger Ehlers. 

… Where did the love go?

Für viele Mitarbeiter und Partner wurde aus dem „magischen Traum Apassionata“, der jahrelang Kinderaugen erstrahlen ließ, ein wahrer Alptraum. Eine Reiterin beschrieb das Ende der „Apassionata“ wie folgt:

„Years of hard work gone … lives destroyed, a lot of tears shed, total chaos and people doing things you wouldn’t believe. And all of this for money and power. Where did the soul go? Where did the love go? Where has the family feeling gone? I only know it did not go with the founder of Apassionata … He should be ashamed of his greediness. One thing I have learned, I saw the real face of a lot of people, and it wasn’t a pretty one.“

26.10.2019, (Keine) Apassionata Premiere

Der Wind steht gut. Das Licht ist stark. Der Klang keine Sache für sich. Ein Reiter steht zwischen zwei Pferden, er legt seinen Mantel ab, er ruft einem anderen Reiter etwas zu und lässt aus dem Zurufen ein spanisches Lied werden. Die Tonmänner nehmen diesen Klang auf in die Werkzeugkiste in ihrem Brustkorb. Nichts kommt aus den Lautsprechern, das nicht gemacht wäre aus Pulsschlag, Gedankenkraft und nachhallender Stille. Aber in diesem Jahr heißt das Spektakel hier nicht mehr Apassionata, sondern Cavalluna. Alles ist gleich, und alles ist anders.

Wie ich bereits gestern schrieb, war die Apassionata-Show für mich persönlich ein „Konzeptkunst-Projekt“, das sehr viel Energie, kulturelle Tradition und Inspiration in sich vereinte.

Darum – und auch weil ich an eine Zukunft der Apassionata-Produktion ohne (den desaströs agierenden) Peter Massine geglaubt hatte – unterstützte ich Holger Ehlers ab Januar 2019 bei dem Versuch, die Apassionata-Show (auch unter dem neuen Label „Mondwind“) „unabhängig“ von Peter Massine zu produzieren. Ich verließ mich auf die klare Aussage von Holger Ehlers in seiner Mail vom 9.1.2019, dass nämlich unsere gemeinsame diesbezügliche Arbeit ein „Investment in die Zukunft“ sein würde, wie er schrieb. Und weiter: „Unter dem Motto: alle verdienen oder verlieren …“ Das war die Vereinbarung.

Gespräche ins Blaue

Wegen der seit Oktober 2018 herrschenden Zahlungsunfähigkeit und der Schuldenlast von inzwischen über 3,5 Millionen Euro der beiden Apassionata-Produktionsfirmen SenseUp GmbH und Apassionata GmbH sollten Anfang 2019 einerseits Gespräche mit Peter Massine und andererseits mit der Live Nation GmbH geführt werden, aber auch mit den Rechtsanwälten und anderen Gläubigern von Peter Massine’s diversen Firmen, um einen gangbaren gemeinsamen Weg für alle zu finden. 

Solche Gespräche fanden zwischen Januar und März 2019 statt. Die Verhandlungen mit Peter Massine führten ausschließlich Holger Ehlers und Katrin Ehlers sowie Jens Grimm. Ich führte inzwischen Gespräche mit verschiedenen Produzenten sowie mit diversen Gläubiger-Rechtsanwälten, und ich war auch am diesbezüglichen Treffen mit der Live Nation GmbH im Februar 2019 beteiligt.

Jens Grimm und Holger Ehlers erklärten Ende Januar, dass Peter Massine eingewilligt hatte, die Apassionata-Markenrechte an die beiden abzutreten und sich aus dem operativen Geschäft vollkommen herauszunehmen, gegen den Erhalt einer Lizenz-Gebühr, die gewinnabhängig sein sollte. 

Währenddessen erwartete ich täglich, dass Peter Massine oder einer der Gläubiger Insolvenz anmeldet. Dass das Gesetz eine Insolvenz-Anmeldung in dieser Situation (eigentlich seit Oktober 2018) zwingend von jedwedem Geschäftsführer verlangt, erfuhr ich später von einem Rechtsanwalt. Warum Peter Massine viele Insolvenzen seiner Firmen verschleppte, und eine davon bis Juni 2019, wurde erst viel später erkennbar, zunächst Anfang März und dann gegen Ende Sommers 2019. 

Paukenschlag-Deal mit Hongkun

Plötzlich – und noch während die oben beschriebenen von Peter Massine „abgesegneten“ Gespräche geführt wurden – platzte die Bombe: Peter Massine hatte sich am 1.3.2019 mit den „Chinesen“, wie er sie nannte, also mit der Apassionata World GmbH (Hongkun), geeinigt und ihnen die Marken-, Werks- und Musik-Rechte der APASSIONATA für 6 Millionen Euro verkauft.

Die „Paukenschlag“-Nachricht vom „Asset“-Deal zwischen Peter Massine und Hongkun erreichte uns am 6.3.2019. Ein paar Tage später erfuhr ich von Holger Ehlers, dass es am 12.3.2019 zu einem Grundsatz-Gespräch zwischen ihm, seiner Frau Katrin Katrin, Jens Grimm und Peter Massine in seinem Haus in Friedrichsfelde Ost kommen würde. Nach diesem Treffen gab er dann bekannt, dass er von Peter Massine die Rechte an der Vermarktung mehrerer Apassionata-Shows sowie das gesamte Apassionata-Equipment – im Wert von „1,5 Mio“, wie er schrieb – erhalten habe. Damit stellte er sich als Rechtsnachfolger der „Apassionata“ und als neuer Arbeitgeber dar. Das war erst einmal eine gute Nachricht, denn Peter Massine war „raus“, denn es galt ja immer Holger Ehlers‘ „Motto: alle verdienen oder verlieren“. 

Holger Ehlers, der neue Arbeitgeber

Nach außen – also auch gegenüber mir und anderen Kollegen – vermittelte Holger Ehlers (als neuer „Rechteinhaber“) noch bis in den Juni 2019 hinein, dass wir alle an einem Strang ziehen und dass es eine Perspektive für die „Apassionata“ – unter dem neuen Label „Mondwind“ und ohne Peter Massine – geben würde. Wir arbeiteten also weiter für eine „gemeinsame Zukunft“.

Erst Ende Juni 2019 wurde klar, dass das „Mondwind-Trio“ Holger Ehlers, Katrin Ehlers und Jens Grimm unsere Apassionata-Show-Produktion „Der magische Traum“ – die es von Peter Massine rechtswidrig zugeschoben bekommen hatte –, tatsächlich „geklaut“ und mit einem hohen Profit über Merlin Producciones in Spanien nach Saudi-Arabien weiterverkauft hatte. Der Gewinn – fast 1 Million Euro – floss in die Taschen des Mondwind-Trios und nicht in die Insolvenzmasse. Der Verkauf unserer Apassionata-Show erfolgte 2 Monate vor der Insolvenzanmeldung der Apassionata GmbH, die inzwischen Wickberg GmbH hieß. Ein Rechtsanwalt erklärte mir kürzlich, dass es sich hierbei um die „Entreicherung“ eines Unternehmens und um Insolvenzbetrug gehandelt habe. 

Eine Hand wäscht die andere

Das „Mondwind-Trio“ hatte sich offensichtlich mit Peter Massine auf das folgende „Prozedere“ geeinigt und folgende Vereinbarung getroffen: Peter Massine würde
1) bei Holger Ehlers alle noch offenen Rechnungen (ca. 180.000 Euro) – auch aus dem SenseUp Vertrag von 2017 – begleichen,
2) Holger Ehlers, Katrin Ehlers und Jens Grimm (die beiden Gesellschafter der Mondwind GmbH) die Rechte an der Vermarktung diverser Apassionata-Shows, vor allem an der Show „Der magische Traum“ für Saudi-Arabien und darüber hinaus „weltweit“ übertragen,
3) den dreien das Anlagevermögen (Equipment) der SenseUp und Apassionata GmbH überlassen und
4) die Rechnungen aller Apassionata-Mitarbeiter, die bis Frankfurt durchhalten und in Saudi-Arabien tätig sein sollten, begleichen, damit sie bei der Stange gehalten werden und nicht vorher aussteigen.

Im Gegenzug garantierten Holger Ehlers und Jens Grimm ihrem Partner Peter Massine, dass die Shows bis Frankfurt, also bis zum 29.4.2019, weiterlaufen würden, denn das war die Voraussetzung dafür, dass Peter Massine die Lizenz-Rechte von der Live Nation GmbH wiederbekommen würde, um die Marke „Apassionata“ samt aller Rechte an Hongkun (Apassionata World GmbH) für 6 Millionen Euro verkaufen zu können.  

Gier siegt über Vernunft

Wären Holger Ehlers und Katrin Ehlers – die ab Anfang 2019 als Managerin und auch als Verlegerin ihres Mannes auftrat – nicht so gierig geworden und hätte Jens Grimm nicht jegliche Wirtschaftsprüfer-Vernunft über Bord geworfen, dann hätten wir tatsächlich eine vernünftige Lösung finden und ein Weiterführungskonzept für alle Beteiligten – in Absprache mit allen Gläubigern, den Insolvenzverwaltern und der Apassionata World GmbH (Hongkun) –entwickeln können.

Aber letztendlich siegte die Gier, nicht die Vernunft. Aus Holger Ehlers‘ „Motto: alle verdienen oder verlieren …“ vom 9.1.2019 wurde 6 Monate später, im Juli 2019: Nur Holger und Katrin Ehlers, Jens Grimm und Peter Massine verdienen. Viele andere verlieren. Die Pferde sahen immer trauriger aus.

Die Causa Apassionata und kein Ende in Sicht

Soweit das, was meine journalistischen Recherchen und die der Insolvenzverwalter bislang ergeben haben. Aber es geht weiter, denn mein Interesse ist geweckt: Die CAUSA APASSIONATA erscheint mir wie eine Parabel auf unsere heutige Welt. Die Macht des Geldes. Die Überheblichkeit des Menschen. Aufstieg und Fall eines Unternehmers. Aufstieg und Fall eines Künstlers.

Mich erinnert das an die Lektüre des Buchs „Die Philosophie des Geldes“ von Georg Simmel während meines Germanistik- und Philosophiestudiums in Leipzig. Simmel wollte Ende des 19. Jahrhunderts den längst „überholten“ Marxismus reformieren, indem er ihm ein Stockwerk unterbaut, so dass „die wissenschaftlichen Formen als das Ergebnis tieferer Wertungen und Strömungen“, psychologischer, ja metaphysischer Voraussetzungen erkennbar werden. In diesem Buch steht der schöne Satz: „Die Freude am Geldbesitz gleicht der Freude am Siege, die bei manchen Naturen so stark ist, dass sie gar nicht danach fragen, was sie denn eigentlich durch den Sieg gewinnen.“

27.10.2019, Apassionata-Postscriptum

Dunkle Wolken wollen es regnen lassen, draußen, auf die Halle und auf die dunkle Erde, die gesund ist, wie man sich in Riesa sagt. Tiefe Schatten ändern die Farbe der Welt, drinnen. Eine Stimme ruft: „Dancers … On your position … Boys … from the beginning … Music please …“ Auch an diesem Sonntag gibt es ein Tagesziel. Wenn die Nacht kommt, glänzt das Fell der Pferde wie Seide. An einem einzigen seidenen Faden hängt nichts bei Apassionata|Cavalluna. Der Montag kommt.

Die Premiere von „Cavalluna“ war gestern, heute ist der zweite Showtag, danach Abbau und die Rückfahrt. 

Zeit, alles auf den Punkt zu bringen. Auch meine Gedanken zur Causa Apassionata. Das Ende der Apassionata hat eine moralische und eine rechtliche (finanzielle) Dimension.

Über Moral

Eines der vielen Zeugnisse, die offenbaren, wie die Mitarbeiter unter dem Regime von Peter Massine litten, das von Holger Ehlers als Kreativdirektor und Executive Producer bis zum Ende am Leben erhalten wurde, ist eine Mail vom 26.2.2019, geschrieben von einer langjährigen Apassionata-Mitarbeiterin:

Hi Peter,
Wir sparen an jedem Cent. Meine Reisen und Ausgaben bezahle ich seit längerem von MEINEM privaten Geld. Selbst, wenn ich eine Auslagenrechnung stellen würde, würde ich ja das Geld nicht kriegen.
… Mein Kontingent an Stunden je Quartal ist übrigens auch gleich aufgebraucht. Nach nicht einmal einem Monat. Und ich rede hier nur von Arbeitsstunden. Nicht von Spaßstunden, weil es ja so super lustig ist, jedes Wochenende in irgendwelchen Hallen zu verbringen, statt zu Hause auf der Couch und mit seinem Kind oder Anhang?!? Ernsthaft?  
Ebenso wie Dinge vom Hörensagen kursieren, was Deine Ausgaben wie etwa Schulgelder, Taschengeld, Geschenke, Reisen, Auto usw. betrifft, die allen, die mehr oder weniger am Existenzminimum dümpeln, weil gar nicht oder nicht pünktlich bezahlt wird, negativ aufstoßen, weil es hier um einen Luxusbereich geht, den niemand sonst hat. Irgendwie spricht sich alles rum.       
… Es gibt noch einige, denen das Produkt so am Herzen liegt, dass sie bereit sind weiter zu kämpfen. 
Gruß von der Front

Der Betrug und der Vertrauensbruch durch Peter Massine werden überdeutlich, wenn man den letzten Satz liest und dabei bedenkt, dass Peter Massine zu diesem Zeitpunkt „hinter dem Rücken“ all dieser Mitarbeiter – die „bereit sind weiter zu kämpfen“ und Opfer zu bringen – „ihr Produkt“ APASSIONATA bereits verkauft hatte. Die Unterzeichnung des diesbezüglichen Vertrages mit der Apassionata World GmbH (Hongkun) erfolgte nur 4 Tage später, am 1.3.2019. 

Peter Massine handelte also nicht nur seinen Millionen-Deal mit der Apassionata World GmbH (Hongkun) aus, sondern betrog zugleich systematisch auch seine Mitarbeiter der SenseUp und der Apassionata GmbH aber auch seine Partner-Firma, die Live Nation GmbH.

Die mir zur Verfügung stehenden Unterlagen zeigen: Peter Massine bekam seinen 6-Millionen-Deal, und Holger Ehlers verdiente in den letzten 8 Monaten der „Apassionata“ durchschnittlich 26.000 Euro monatlich und erzielte zusätzlich für sich und seine Frau einen satten Gewinn von mehreren hunderttausend Euro aus dem Verkauf der Apassionata-Show nach Saudi-Arabien. Viele seiner Kollegen und Partner blieben zum Teil auf Hunderttausenden Euro Schulden sitzen. Ein alter Weggefährte und Apassionata-Veteran schrieb am 25.10.2019 an Holger Ehlers einen desillusionierten Brief, den er mir zur Verfügung stellte. Hier ein Auszug:

… Du hast uns täglich beteuert, das du ohne einen Pfennig dastehst, aber in Wirklichkeit hast du bis zu allerletzt dein Geld bekommen, und uns so zu belügen, find ich vor all den Leuten, die zu Deinem Erfolg beigetragen haben, schon sehr mies. A. hat für Dich jede freie Minute geopfert, um für die Show das Beste zu leisten. Du, der sich vor allen Leuten als Showmaster hingestellt hat und auch letztlich im Namen von Peter Versprechungen und Deals gemacht hat, hast nur an dein eigenes Weiterkommen gedacht, denn wie soll ich es anders sehen, wo doch Gelder und Mittel dahin geflossen sind, die heute allein nur Dir und Deiner Frau zu Gute kommen? A. und auch ich haben für unsere Arbeit im Gegensatz zu Dir kein Geld gesehen …

Und er stellte die – meiner Meinung nach berechtigte – Frage: „Wieso verdient Katrin Ehlers, eine brandenburgische Staatsbeamtin, die nichts mit der „Apassionata“ zu tun hat, außer die Ehefrau von Holger Ehlers zu sein, hunderttausende Euro durch die Apassionata-Show „Der magische Traum“, und die Pferdefachfrau, die an dieser Produktion maßgeblich mitgewirkt hat, wird nicht einmal für ihre Arbeit bezahlt?“ 

Ich verstehe die stille Wut meiner ehemaligen Kollegen, die nur eins verlangen: Dass die Justiz sich dieser – in ihren Augen – schreienden Ungerechtigkeit annimmt und darüber befindet, ob z.B. die „Privatisierung“ der Gewinne in Höhe von ca. 1 Million Euro aus dem Verkauf der Apassionata-Show „Der magische Traum“ nach Saudi-Arabien im Juni 2019 in die Taschen von Holger Ehlers, Katrin Ehlers und Jens Grimm rechtens war. Das zur Moral.

Über Rechtsfrieden

Zum rechtlichen/finanziellen Aspekt. „Unterm Strich“ ergibt sich nach den Insolvenzanmeldungen der beiden Apassionata-Firmen SenseUp Entertainment GmbH im Februar 2019 und der Apassionata/Wickberg GmbH durch Peter Massine im Juni 2019 – entsprechend meiner journalistischen Recherchen – folgendes Bild:

Apassionata Holger Ehlers Peter Massine
4 Personen „verdienen“ 7,5 Mio, während Dutzende Apassionata-Mitarbeiter der SenseUp GmbH und der Apassionata GmbH einen Verlust von 4,1 Mio erleiden

Dieses zweifelsfrei belegbare – finanzielle – Ergebnis der „Apassionata-Liquidation“ mögen die vier „Begünstigten“ Peter Massine, Holger Ehlers, Katrin Ehlers und Jens Grimm als rechtmäßig empfinden, die Geschädigten – verständlicherweise – dagegen nicht. Sie verlangen, dass ein Gericht entscheidet, wissend, dass Recht-Haben und Recht-Bekommen vor Gericht zwei unterschiedliche Dinge sind. Doch selbst wenn das Gericht entscheiden würde, dass all diese Massine-Ehlerschen-Transaktionen und Konkurse rechtlich und finanziell absolut nicht zu beanstanden seien, es also keinerlei Insolvenz- und/oder andere Straftaten gegeben habe – wäre trotzdem der „Rechtsfrieden“ zumindest juristisch hergestellt. Dann wüssten die zahlreichen Gläubiger, dass sie 4 Millionen Euro aufgrund eines „Naturereignisses“, einer höheren Gewalt, eines unergründlichen Schicksals „verloren“ haben – und könnten endlich „ruhig und in Frieden schlafen“. Selbst das wäre besser als eine untätige Justiz. Man wüsste zumindest, man lebt nicht gänzlich im rechtsfreien Raum.

Mit diesem Wunsch nach (Rechts-)Frieden verlasse ich Riesa. Nächstes Jahr werde ich wieder hier sein, und wir werden sehen, was bis dahin passiert ist. Ich werde dran bleiben an der Causa Apassionata, dieser Never-ending-Story.

© Asteris Kutulas

Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 1 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 2 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 3 (Oktober 2018)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 4 | Das Ende (Oktober 2019)
Meine Apassionata-Story – Tagebuch, Teil 5 | Das Nachspiel (Oktober 2021)