Hellas Filmbox Interview & Trailer 2019

Hellas Filmbox Berlin 2019 (Official Trailer by Asteris Kutulas)
Hellas Filmbox Berlin 2019 (Film Trailer by Asteris Kutulas)

Interview für die „tageszeitung“ (TAZ) im Dezember 2016, während der Vorbereitung des zweiten Edition von Hellas Filmbox Berlin (im Januar 2017)

Elena Taxidou: Wie entstand bei Ihnen die Idee zur Gründung des Festvals?

Asteris Kutulas: Zwischen März und Juni 2015 gab es wegen der Wahl der linken Tsipras-Regierung (die einen plötzlichen Erdrutsch in der griechischen Parteienlandschaft bedeutete) einen signifikanten Umschwung in der Kommunikation der deutschen Öffentlichkeit im Hinblick auf Griechenland. Die Urteile waren massiv negativ und hauptsächlich undifferenziert, das Klima zwischen beiden Ländern vergiftet von  Schuldzuweisungen, Empörung, Verächtlichkeit, Spott. Diese durchweg „schlechte Stimmung“ gegenüber allem Griechischen und bedauerlicherweise allen Griechen wurde von verächtlichen Stereotypen angeheizt und sowohl von der deutschen Politik als auch von der deutschen Presse ständig reproduziert. Positives und Kreatives war kein Thema mehr. Die Medienlandschaft in Deutschland zeichnete sich in ihrer Berichterstattung über Griechenland wahrlich nicht durch Differenziertheit und wohlbedachte Worte aus. Wenn man jetzt plötzlich, Ende 2016, von kommunikativen «Echokammern» spricht und sich an diese Zeit erinnert, dann wird man feststellen, dass sich bereits Anfang 2015 beinah ganz Deutschland in solch eine «Echokammer» verwandelt hatte. Erst Jan Böhmermanns Reaktion, der mit seinem Varoufakis-Stinkefinger-Video mehr als überraschte, war ein Appell, der zum Nachdenken aufforderte. Das Griechenland-Bashing, das 2010 mit dem der griechischen Göttin Aphrodite von einem deutschen Journal aufgesetzten Stinkefinger begonnen hatte, wirkte sich massiv negativ aus, bis hinein in den Alltag Zehntausender Griechen in Deutschland. Es resultierte daraus eine Situation der Feindseligkeit, die sich keiner bis dahin hätte vorstellen können. Deutsche und griechische Künstler und Aktivisten wollten sich auf diesen Prozess der Entfremdung konstruktiv reagieren. Sie gründeten im Frühjahr 2015 die Deutsch-Griechische Kulturassoziation. Deren erstes politisches „künstlerisches Statement“ war die Gründung des griechischen Filmfestivals HELLAS FILMBOX BERLIN, das im Januar 2016 erstmals stattfand.

Hellas Filmbox Berlin Trailer und Interview (2019) mit Asteris Kutulas

Taxidou: Wie war das erste Feedback auf das erste Festival im Januar 2016?

Asteris Kutulas: Wir haben HELLAS FILMBOX BERLIN 2105 mit dem Anliegen initiiert, mit den Mitteln der Kunst Brücken zu bauen zwischen Deutschland und Griechenland in einer für die Beziehung der beiden europäischen Länder schwierigen Zeit. Das ist in eindrucksvoller Weise gelungen. Die im traditionsreichen Kino Babylon gezeigten 71 Filme wurden an 4 Tagen von Tausenden von Zuschauern besucht und das Festival in über 220 Presseberichten in Print, Rundfunk und TV besprochen (u.a. in großen Beiträgen in BILD, DIE ZEIT, STERN, SAT1, in diversen ARD-Medien etc.).

Von den 36 Filmvorführungen (Slots) waren 15 ausverkauft und weitere 10 fast ausverkauft. Ausverkauft waren auch der Opening- und der Closing-Event des Festivals, bei denen u.a. folgende Gäste auftraten: Vicky Leandros, Hans W. Geißendörfer (Köln), James Chressanthis (Los Angeles), Holger Ehlers, André Hennecke, Klaus Hoffmann, Michael Kastenbaum (New York), Kostas Papanastassiou, Anna Rezan (Athen), Melentini, Sarah P., Sandra von Ruffin und viele andere.

Das Festival hat bewiesen, dass HELLAS FILMBOX BERLIN nicht nur ein starkes künstlerisches Statement in der deutschen Hauptstadt ist, sondern dass es zugleich ein breites – und zudem auch jugendliches – Publikum angesprochen hat.

Taxidou: Wie einfach oder wie schwer war es letztendlich aus dem Nichts heraus ein Filmfestival in der deutschen Hauptstadt zu gründen? Und warum hat es vorher kein Griechisches Filmfestival in Berlin gegeben?

Kutulas: Wir begannen 2015 im April mit der Planung und ab Juni mit den Vorbereitungen für das 1. Festival. Wir haben viele Gespräche geführt und ein Konzept entwickelt, um in Berlin das deutsche Kino-Publikum zu erreichen. Wir haben das Ganze nicht als „Filmfestival“, sondern als „Event“, als „Politikum“ vermarktet. Und wir haben etwa 30 Filme ins Deutsche übersetzt und untertitelt. Das war eine ganz wesentliche Entscheidung. Im Kino haben wir es ja nicht nur mit Bildern, sondern auch mit Sprache zu tun. Sie können, wenn Sie ein breiteres deutsches Publikum für griechische Filme interessieren wollen, diese Filme nicht mit englischen Untertiteln zeigen.

Das größte Problem bestand und besteht weiterhin allerdings darin, dass unser Festival nicht durchfinanziert ist, so dass wir unsere Kosten nicht decken können. Neben der Unterstützung durch die Niarchos Stiftung Athen und die Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn (für die deutschen Übersetzungen) sind wir auf Spenden und Sponsoren-Leistungen von Freunden und Unternehmen angewiesen. Aber auch diese reichen nicht aus, so dass wir unser Festival letztendlich nur durch den immensen Einsatz unseres hochmotivierten und sehr inspirierenden HELLAS FILMBOX-Teams verwirklichen können. Letztendlich entscheidet sich in solch einem Team, ob es dieses Festival gibt bzw. Ob es überleben kann.

Hellas Filmbox Berlin Trailers und Interview (2019) mit Asteris Kutulas

Taxidou: Wie schätzen Sie das deutsche Publikum ein nach den Erfahrungen des ersten Festivals?

Kutulas: Gernot Wolfram, Professor für Cultural Studies an der Macromedia Hochschule Berlin, charakterisierte das für das deutsche Publikum Interessante an unserem Festival wie folgt: „Griechenland steht bei diesem Festival als Synonym für einen Aufbruch jenseits nationaler Logiken … Statt in langweiligen Eindeutigkeiten zu denken, fordert das HELLAS FILMBOX Festival den Entdeckergeist der Zuschauer heraus.“  Wir haben darauf vertraut, dass die Besucher des Festivals auf diese Realität in den Werken der Filmemacher gespannt sind. Wir waren davon überzeugt, dass es eine Offenheit dafür gibt, auch andere als die in den Leitmedien vermittelte Sichtweisen wahrnehmen zu wollen und sich dazu in Beziehung zu setzen.

Ja, man kann gewiss sagen: Wir Griechen – und zwar wir alle – haben in den vergangenen Jahrzehnten unseren „Job für Griechenland“ nicht gut gemacht. Unser Land ist ruiniert. Griechenland erlebt eine Katastrophe. Behauptungen wie die, dass Griechenland die gesamte Euro-Zone in Gefahr bringt und dass sich sämtliche Griechen auf Kosten des deutschen Steuerzahlers ein schönes Leben machen, befördern allerdings einen Prozess der Verdummung.

Wir glaubten 2015, dass unter diesen Umständen die Notwendigkeit bestand – und sie besteht noch immer –, den deutsch-griechischen „Dialog“ durch künstlerische Aktivität in Gang zu halten und zu erweitern. Mehr denn je halten wir es derzeit für notwendig, kreativ zu bleiben. HELLAS FILMBOX BERLIN ist ein ganz praktisches Beispiel für eine kommunikative Plattform.

Was die schwierige Situation Griechenlands anbelangt, so wollen wir diese beiden Krisen – die „Krise in den bilateralen Beziehungen“ (in die viele Menschen beider Nationen geraten sind) und die „Krise in Griechenland“ – für die Förderung des griechischen Kunstschaffens nutzen und den griechischen Filmemachern in der deutschen Hauptstadt auch im Januar 2017 eine Plattform bieten, dem hiesigen Publikum und der hiesigen Presse ihre neuesten Produktionen vorzustellen. 

Taxidou: Ist tatsächlich ein „Dialog“ durch ein solches Festival, also durch das „Kino“, möglich?

Kutulas: Kunst ist eine Kommunikationsform, die in bestimmter Art und Weise die Mentalität, die Denkungsart und bestimmte „Handlungsmuster“ einer Nation zum Ausdruck bringt. Das trifft insbesondere auf das Film-Genre zu. Wenn Sie sich zum Beispiel Fassbinder-Filme ansehen, kommen Sie sehr schnell zu einem besseren Verständnis der „deutschen Psyche“ – wie wir Griechen sagen würden. Aber natürlich auch der deutschen Geschichte und des deutschen „Alltags“.

Wenn Sie sich andererseits das griechische Filmschaffen ansehen – von Michalis Cacojannis, Nikos Koundouros, über Costa-Gavras und Pandelis Voulgaris bis hin zu Nikos Perakis, Athina Tsangari und Ektoras Lygizos –, dann stellen Sie fest, dass oft schon die „Form“ und die „Ästhetik“ griechischer Filme viel darüber verraten, wie wir Griechen „ticken“.

Ich will sagen: Wenn man „Film“ als Kommunikationsform ansieht, in gewisser Weise als ein internationales Verständigungsmodul, dann könnte es – neben dem „Vergnügen“ – auch als Medium der Erkenntnis dienen. Erkenntnis darüber,  wie die Griechen „leben“, was sie für Menschen sind, wie ihr Sinn für Humor ist, wie sie Geschichte betrachten, die eigene und die der anderen etc. etc. Wir denken, dass das durch unser Festival „rübergekommen“ ist.

© Asteris Kutulas, 2016

Hellas Filmbox Interview & Trailer.

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