Archiv der Kategorie: Tagebücher: Griechenland

Nach der Wahl: Beginn einer neuen Ära?

Wahl-Tagebuch, Athen, 8.7.2019

Tag 1 nach der Wahl. Sitze abends im Studio von Mikis Theodorakis, gegenüber die Akropolis, wir verfolgen zusammen gespannt die Abendnachrichten. Mitsotakis, Tsipras, Genimata, Koutsoumbas, Veropoulos, Varoufakis – die Vorsitzenden der sechs im Parlament vertretenen Parteien erscheinen einer nach dem anderen auf dem Fernsehbildschirm und geben Erklärungen ab. Die Kommentare einer Vielzahl von Journalisten überschlagen sich. In der ausländischen Presse wird der „Beginn einer neuen Ära für Griechenland“ regelrecht gefeiert. Die „Märkte“ sprechen der neuen Regierung ihr „Vertrauen“ aus. Tayyip Erdogan hofft, dass es ab jetzt in der Ägäis und im Mittelmeer keine Probleme mehr geben wird. Der Chef der aus dem Parlament geflogenen Neonazi-Partei „Goldene Morgenröte“ verspricht, umgeben von entschlossen nach vorn blickenden uniformierten Anhängern, wieder auf die „Straße“ zurückzukehren, „von wo wir gekommen und wo wir stark geworden sind“. Das kann man nur als Drohung verstehen. Mikis stellt den Fernsehton leiser und sagt: „Es muss in Griechenland endlich ein wirksames Anti-Nazi-Gesetz geben. Diese Typen müssen sofort verhaftet und verurteilt werden und gleich darauf ins Gefängnis – und zwar für lange. Es ist unerträglich, wie sie ungehindert ihre Hetz-Propaganda in der Gesellschaft verbreiten können. Ich habe so ein Gesetz schon 2013 gefordert; jetzt werde ich mich deswegen auch an Mitsotakis wenden.“ Mikis kaut auf seiner kubanischen Zigarre herum – die er aus gesundheitlichen Gründen aber nicht mehr rauchen darf – und stellt den Fernsehton wieder lauter.

Die Namen der neuen Regierungsmitglieder werden bekanntgegeben. 18 der 51 Ministerposten – in Griechenland gelten auch die „stellvertretenden Minister“ als Minister – sind mit Technokraten besetzt. Und fast alle anderen Minister erweisen sich tatsächlich als kompetente Fachleute für den Zuständigkeitsbereich des ihnen jeweils zugewiesenen Ministeriums. Das ist ein Novum in der griechischen Geschichte. In den letzten 100 Jahren galten andere Kriterien: Ministerposten wurden durch die mächtigsten Parteifunktionäre besetzt. Das war von Belang, nicht ihr fachliche Kompetenz. Den Bruch mit dieser unsäglichen Tradition hatte Mitsotakis vor seiner Wahl versprochen. Die Reaktionen innerhalb der Partei und innerhalb der Parlamentsfraktion werden wohl nicht lange auf sich warten lassen. Die Frage wird sein, wie lange Mitsotakis bei den zu erwartenden Angriffen standhalten will und wird.

Tsipras bekommt durch sein starkes Wahlergebnis von 31,5% der Stimmen eine zweite Chance. Es fühlt sich wie ein Sieg in der Niederlage an. Er wird die nächste Zeit nutzen, um auf der Grundlage einer großen Wählerschaft aus seiner mitgliederschwachen SYRIZA eine Volkspartei zu machen. Und er muss eine wichtige strategische Entscheidung treffen: Will er weiterhin in Europa zu den „Linken“ gehören, oder wird er sich über kurz oder lang im „grünen Lager“ positionieren?

Die kleinen Parteien werden durch die Polarisierung der beiden großen Parteien zwischen diesen zerrieben. „Potami“, „Zentrumsunion“ und „Goldene Morgenröte“ sind aus dem Parlament geflogen, in dem nicht mehr acht, sondern nur noch sieben Parteien vertreten sind. Im Fernsehen spricht gerade Kyriakos Velopoulos, dessen Partei „Griechische Lösung“ mit 3,7% neu ins griechische Parlament eingezogen ist. Bekannt wurde Velopoulos in den vergangenen Jahren als Kommentator in Spartenkanälen, als Telemarketing-Verkäufer von Büchern aus der eigenen Druckerei und als Vermarkter esoterischer Heilmittel. Dazu bemerkte mein Freund Wassilis Aswestopoulos in einem kürzlich geführten Gespräch: „Seine Wähler können keinen Widerspruch darin sehen, dass Velopoulos ihnen Haarwuchsmittel als „geheime Wundermittel“ verkauft, selbst aber eine nicht zu übersehene Halbglatze hat. Sie haben auch die von ihm als „Original Handschriften von Jesus Christus, unserem Gott!“ lautstark angepriesenen schriftlichen Dokumente einiger Mönche gekauft. Gebannt lauschen sie seinen Analysen, in denen er von einem wieder erstarkenden, zur Großmacht werdenden Griechenland schwärmt.“ Mikis schaltet den Fernseher aus und meint: „Es reicht. Hören wir uns meine 7. Sinfonie an.“ Sofort sind sie da, die Allmacht und die Schönheit der Musik. Und dann im dritten Satz die Worte von Jannis Ritsos: „Nächtlicher Hafen / Lichter, ins tiefe Wasser gerissen / Gesichter ohne Spuren, nichtssagend / kurz erhellt von den Scheinwerferlichtern / der Schiffe in einiger Entfernung / verschattet im Vorübergehn“.

© Asteris Kutulas

Text-Redaktion & © Photos: Ina Kutulas

Artikel-Veröffentlichung in der Tageszeitung „junge Welt“, 9.7.2019

 

Wahlgewinner: Mitsotakis, Tsipras und die Demokratie

Wahl-Tagebuch, Athen, 7.7.2019 

Gestern Abend war ich bei Dimitris, einem Freund, der eine Werbeagentur leitet. Wir sahen uns die Fernsehdebatten nach der Wahl an. Als die Wahlergebnisse bekannt waren, fragte ich ihn nach seiner Meinung. Dimitris streckte mir drei Finger entgegen: „Es gibt drei Sieger bei diesen Wahlen in Griechenland: die Demokratie, die rechts-konservative Partei „Neue Demokratie“ (ND) und die sozialistische Partei SYRIZA. Die Demokratie, weil die faschistische Partei „Goldene Morgenröte“ an der 3%-Klausel gescheitert und darum nicht länger im Parlament vertreten ist. Die „Neue Demokratie“, weil sie mit ihrem Spitzenkandidaten Konstantinos Mitsotakis die Wahl mit fast 40% gewonnen hat und die Regierung bilden wird. SYRIZA, weil für die Partei von Alexis Tsipras die 31,5% Zustimmung einen beachtlichen Erfolg darstellen und SYRIZA damit die im Vergleich stärkste europäische sozialistische Partei geworden ist.“

Eine Minute, nachdem die exit pools bekannt gegeben wurden, akzeptierte SYRIZA die Wahlniederlage; wenig später rief TayyipErdogan den zukünftigen griechischen Ministerpräsidenten an und gratulierte ihm zum Sieg. Dagegen fällt der Freudentaumel der Anhänger des Wahlgewinners sehr bescheiden aus. Kein Überschwang, kein Fahnenmeer, keine Autokorsos … Das Volk bleibt zuhause vor den Fernsehapparaten und … wartet ab.

 

Wassilis Aswestopoulos, ein guter Freund und ein exzellenter Autor, der als Fotoreporter für die deutschen Medien in Griechenland arbeitet, erläutert mir seine Sicht auf die Situation: „Mitsotakis hat – anders als Tsipras und anders als seine konservativen Vorgänger – auf Fahnen schwingende und Parolen brüllende Parteihelfer bei seinen Wahlveranstaltungen verzichtet. Sein Wahlkampf orientierte sich an westlichen Vorbildern. Er erinnerte mehr an Obama als an die üblichen, populistischen Volkstribunen, denen die Griechen bislang ihre Stimme gaben. Mitsotakis wirkt wie ein College-Boy, wie eine griechische Kennedy-Version. Er möchte eine Gesellschaft der Eliten schaffen. Nicht mehr die Familie, sondern vielmehr die Ausbildung und die individuelle Leistung sollen die Berufslaufbahn bestimmen. Der Spross eines der größten Familien-Clans hat der Clanherrschaft den Kampf angesagt. #MetonKyriako, #MitKyriakos hieß der von der Partei in sozialen Medien verbreitete Hashtag, der die Familienbande in den Hintergrund stellen soll.“ Wassilis war noch ein Punkt wichtig: „Mit einer knallharten Law & Order Politik möchte die Partei die bislang an rechtsextreme Parteien verlorenen „besorgten Bürger“ zurückgewinnen. Und den Verlierern der Krise, den Armen verspricht Mitsotakis das bedingungslose Grundeinkommen. Er sieht sich als Vertreter des ganzen Volkes und nicht nur als Vertreter seiner eigenen politischen Klientel.“

Wie eine Bestätigung dessen kam in einer der zahllosen Debatten im Fernsehen folgende Erklärung von Makis Voridis, dem Fraktionsvorsitzenden der ND: „Mitsotakis ist kein Demagoge. Er hat alles angekündigt, was wir jetzt umsetzen wollen. Wir hatten und haben keine Hidden Agenda. Deshalb ist unser Programm vom griechischen Volk gewählt worden. Genau das werden wir umsetzen.“ Für einige Griechen hört sich das wie ein Neu-Anfang an, für andere wie eine Drohung.

Kurz darauf erscheint Tsipras vor den Kameras. Er sieht vollkommen entspannt – und irgendwie erleichtert aus. Er gratuliert Mitsotakis und bemerkt, dass seine Regierung vor vier Jahren eine katastrophale Situation, ein Land in Auflösung und kurz vor der Verarmung übernommen hatte, jetzt aber ein Griechenland an Mitsotakis übergibt, in dem die Arbeitslosigkeit halbiert wurde, die Staatskassen saniert sind, das Land den europäischen Rettungsschirm verlassen konnte und eine Reserve von 32 Milliarden der zukünftigen Regierung viel Gestaltungsfreiheit bieten. – Und tatsächlich berichteten Medien in den letzten Monaten, dass sich die Brüsseler Bürokraten immer wieder anerkennend äußerten: „Tsipras liefert“. Jetzt, scheint es, hat er die letzte Lieferung getätigt.

Dimitris sagt: „Es gibt wieder zwei Pole: die ND auf der einen und SYRIZA auf der anderen Seite. Hoffen wir, dass das nicht dieselbe Polarität zur Folge hat, wie wir sie in den letzten vierzig Jahren zwischen ND und PASOK erlebten. Hoffen wir, dass sich sowohl die „Neue Demokratie“ geändert und aus der Krise gelernt hat, als auch dass SYRIZA nicht in die Fußstapfen von PASOK tritt und sich stattdessen zu einer fortschrittlichen „grünen Volkspartei“ entwickelt. Und hoffen wir, dass die Kommunisten der KKE und der neu ins Parlament eingezogene Jannis Varoufakis mit seiner MERA25-Partei eine realistische, demokratische Gesellschaftsalternative entwickeln werden, wozu sie sich ja berufen fühlen.“ Ich antworte mit: „Amen!“

© Asteris Kutulas

Text-Redaktion & © Photos: Ina Kutulas

Artikel-Veröffentlichung in der Tageszeitung „junge Welt“, 9.7.2019

Morgen wird gewählt

Wahl-Tagebuch, Athen, 6.7.2019

Morgen wird gewählt. Ich habe in den letzten Tagen bei Freunden, Bekannten oder bei zufälligen Begegnungen keine Hoffnung gespürt, habe nichts Positives erfahren – selbst, wenn mein Gegenüber vom besten aller möglichen Wahl-Ergebnisse seiner jeweils präferierten Partei ausging. Bei Neue-Demokratie-Anhängern, die einen großen Sieg erwarten, überwiegt eher die Freude darüber, dass SYRIZA verliert, als dass sie davon überzeugt wären, dass durch den Sieg ihrer Partei eine „bessere Zukunft“ bevorsteht. Manchmal hatte ich das Gefühl, eher fürchten sie sich vor den kommenden Entscheidungen ihrer Partei. Bei SYRIZA-Anhängern überwiegt das Argument, dass mit der Neuen Demokratie die Rechtsradikalen an die Macht kommen. „Koulis“ (so wird Mitsotakis hier mit pejorativem Unterton gerufen), heißt es, hätte Vertreter von LAOS und aus dem Umfeld der „Goldenen Morgenröte“ in den letzten Jahren mit ins Boot geholt, um dieser faschistischen Partei das Wasser abzugraben, die tatsächlich über die Hälfte ihrer Anhänger einbüßte.

Dabei sind die Programme – vor allem die der beiden großen Parteien – voll mit Wahlversprechen. Große Unterschiede gibt es nicht. Mein Freund Konstantinos sagte heute: „Egal, wer gewinnt, ob Tsipras oder Mitsotakis, glaubst du wirklich, einer dieser beiden wird es wagen, das oligarchische System in Griechenland anzugreifen, die Grundlage von Korruption, Steuerhinterziehung und die eigentliche Ursache für die Krise?“ Wir sitzen im „Diplo“, einem wunderbaren Café auf dem Exarchia-Platz. Es ist heiß, ein Hund liegt in der Sonne, wie im tiefsten Frieden. Im Gegensatz zu gestern heute Wind. Konstantinos erklärt: „Frag doch mal, wie viele der 2.000 Namen aus der Lagarde-Liste mit vermuteten griechischen Steuerflüchtlingen in der Schweiz bislang überprüft wurden, seit die Liste vor sieben Jahren aufgetaucht ist! Bestimmt nicht mehr als 100. Die französische oder die deutsche Regierung haben im selben Zeitraum Tausende überprüft und sich Milliarden Steuergelder zurückgeholt. Und dabei ist diese Liste hier bereits durch die Hände eines ND-, eines PASOK- und eines SYRIZA-Finanzministers gegangen.“

Ein älterer Herr vom Nebentisch, der gehört hatte, dass wir uns über Tsipras unterhalten, mischt sich ein, ziemlich erbost: „Ich jedenfalls glaube Tsipras kein Wort mehr! Er hat uns versprochen, den Mindestlohn von 350 auf 750 Euro anzuheben. Und was hat Tsipras gemacht? Der Mindestlohn, den ich kriege, ist jetzt nur bei 550 Euro. Ich werde dieses Mal Mitsotakis wählen; der hat angekündigt, den Mindestlohn sogar abzusenken, wenn es sein muss, und Mitsotakis hält, was er verspricht. Ich lass mich nicht länger von Tsipras verarschen. Der hat versprochen, versprochen und nichts gehalten.“ Ich dachte, der Mann hätte gescherzt, merke allerdings sehr schnell, dass er das ernst meint. Auf meinen Einwand, dass der Mindestlohn inzwischen auf 650 Euro angehoben wurde und er im Fall einer Absenkung weniger Geld in der Tasche haben würde, schlägt der Mann erbost mit der Faust auf den Tisch: „Mein Junge, ich lass mich nicht von diesem Lügner verarschen, verstehst du?“ Konstantinos zuckt mit der Schulter: „Asteris, willkommen im griechischen Wahlkampf 2019! Die Leute sind einfach durcheinander. Und nach inzwischen fast zehn Jahren Krise müde.“

Dann deutet Konstantinos auf einen Mann, Mitvierziger, und sagt: „Da hast du dein positives Beispiel. Das ist Castro“. Er erzählt, dass Castro ein syrischer Flüchtling der ersten Stunde ist, ein Aktivist und Organisationstalent. „Castro hat in Athen Strukturen geschaffen, die Flüchtlingen, aber auch Griechen helfen, sich autark zu organisieren und Überlebensstrategien zu entwickeln, wo der Staat versagt. Castro hat Spenden gesammelt, außerhalb von Athen billig Land gekauft, das bewirtschaftet wird, hat Arbeitsplätze geschaffen und jetzt hier am Exarchia-Platz einen Falafel-Laden eröffnet, wo man mit jeweils so viel zahlt, wie man gerade geben kann. Eine funktionierende, selbst organisierte Parallelwelt, die den Menschen Hoffnung gibt und Mut macht. Solche funktionierenden Parallelwelten gibt es inzwischen einige in Griechenland. Auch viele griechische Jugendliche gehen diesen Weg, verlassen Athen und bauen Kommunen im ganzen Land auf. Parallelwelten, die sich schützen und nicht vereinnahmt werden wollen.“

Wir verabschieden uns. Konstantinos umarmt mich und gibt mir das mit auf den Weg: „Wenn du morgen wählst …“ Ich unterbreche ihn: „… wähle ich das kleinere Übel!“ Er lacht, und ich gehe zur Metro-Station Omonia-Platz.

© Asteris Kutulas

Text-Redaktion & © Photos: Ina Kutulas

Kaputtgespielt

Wahl-Tagebuch, Athen, 5.7.2019

Athen ist ruhig, seltsam still, unaufgeregt. Null Wahlkampfstimmung. Die Menschen bereiten sich auf die Sommerferien vor. Ich habe das Gefühl, wenn nicht auf den Fernsehbildschirmen in Restaurants oder Kafenions die diversen Politikerköpfe auftauchen würden und wenn es nicht ein paar zentrale Wahlveranstaltungen der Parteien gäbe, würde man vom Wahlkampf gar nichts merken.

Mein alter Freund Dionissis meint desillusioniert: „Es geht bei diesen Wahlen um nichts, glaub mir.“ Ich nehme einen Schluck griechischen Kaffee „me oligin“, mit wenig Zucker, und erwidere: „Tsipras hat gestern gesagt, es geht um UNSER LEBEN.“ Dionissis schüttelt den Kopf: „Alles Floskeln. Kuck sie dir an, diese traurigen, machtgeilen Gestalten: Konstantinos Mitsotakis von der Neuen Demokratie, Alexis Tsipras von SYRIZA, Fofi Genimata von der Ex-PASOK-Bewegung KINAL, Nikos Koutsoumbas von den Kommunisten … Und dazwischen auch noch der gescheiterte Ex-Finanzminister Varoufakis mit seiner neuen Partei Mera25 – irgendwie alles „greise“ Politiker von gestern. Kein Visionär darunter, keine inspirierende Persönlichkeit, nichts, alles Luftnummern. Wir sind wirklich verloren.“ Er nimmt einen Schluck Bier, schaut sich um und krempelt seine Ärmel hoch. Es ist sehr heiß in Athen.

Liebe! Hoffe!
Liebe! Hoffe!

2012 war Dionissis noch Mitglied der Hackergruppe Anonymus. Ende Januar 2012 schickte Anonymus eine Botschaft an die damalige griechische Regierung, in der es hieß, das Volk solle keine Angst haben vor seiner Regierung, sondern die Regierung solle Angst haben vor dem Volk. Ich erinnere ihn daran. Dionissis will nichts mehr davon wissen: „Das ist Schnee von gestern. Außerdem ist ja durch SYRIZA das Volk an die Macht gekommen … oder?“ Er lacht selbst laut über diesen billigen Witz und klopft mir auf die Schulter. „Asteris, weißt du, was mich wirklich wütend macht?“ Er schaut mir direkt in die Augen. „Mich macht wütend, dass die Faschos von der Goldenen Morgenröte und der „Griechischen Lösung“ insgesamt bestimmt auf 7% kommen. Wie kann man nur solche furchtbaren und gefährlichen Typen wählen? Es gibt keine Hoffnung, mein Bruder. Es geht nur noch um das EIGENE Leben. Ich werde mit meiner Familie Griechenland verlassen. Wir ziehen zu meinem Cousin nach Perth. Ich kriege dort einen sehr guten Job in der Perlen-Produktion.“

Diesen „Schlussstrich“ haben in den Jahren der Krise inzwischen mehr als 600.000 vor allem jüngere Griechen gezogen. Griechenland verliert seine Zukunft. Sehr viele meiner Landsleute sind total ernüchtert, müde und kaputtgespielt. Solche resignierten Aussagen habe ich gestern und heute zuhauf gehört: Die griechischen Politiker haben das Land „verkauft“ und „verraten“, die EU hat Griechenland herabgewürdigt und abgestoßen, und aus der Hoffnung und „System“-Alternative SYRIZA wurde ein Stabilisator des „Systems“. Auch Dionissis bringt es auf diesen Punkt: „Nach vier Jahren SYRIZA-Regierung hat uns das „System“ eine klare Botschaft geschickt: Keiner kann dem System was anhaben. Das System hat ohne große Mühe selbst die „Radikalen Linken“ von SYRIZA absorbiert und sich untertan gemacht.“

Dionissis wechselt das Thema: „Wie findest du es in dieser Location? Ich dachte, dir als deutschem Griechen wird es gefallen, dass wir uns in einer der besten Bierbars Athens treffen.“ – „Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss. Ich trinke keinen Alkohol. Ich bleibe bei meinem Kaffee.“ Dionissis schaut mich ungläubig an. „Ich sollte auch keinen Alkohol trinken. Das Bier kostet hier 5 Euro, und ich kann mir das eigentlich nicht leisten.“

© Asteris Kutulas

Text-Redaktion & © Photos: Ina Kutulas

Veröffentlichung in der Tageszeitung „junge Welt“

 

Tsipras mit den kühlen Händen eines Sushi-Meisters

Wahl-Tagebuch, Athen, 4.7.2019

Gleich nach meiner Ankunft in Athen fuhr ich ins Stadtzentrum. Elisa hatte sich mit mir verabredet im Restaurant SAH. „Kam, sah … und eröffnete das SAH“, dachte ich. Elisa, eine Performance-Künstlerin, deren Kunst darin besteht, sich in diversen Underground-Locations Schmerzen zuzufügen. Sie weiß, dass ich diese Art von Aktion schwer ertragen kann. Sie sagt, sie verkörpere Griechenland. „Da kommt ja mein größter Fan!“ Elisa umarmt mich und beißt mir in die Schulter. „Nein, bitte nicht!“, ich schiebe sie weg, sie lacht und stellt mir ihren neuen Freund vor: „Das ist er! Stefanos! Er arbeitet bei der Post.“ Stefanos, 35, Bartträger, blaue Augen, nur noch wenig Freiraum zwischen seinen Tattoos.

Während des Essens bemerke ich, dass sich die Gäste im gegenüberliegenden Restaurant eine Fernsehdebatte fünf älterer Herren ansehen, bei der es immer wieder Einblendungen von Alexis Tsipras gibt. „Worum geht’s da?“, frage ich Elisa und Stefanos. Elisa winkt ab: „Alles dreht sich gerade um ein Fernsehinterview, das Tsipras dem Sender SKY vor zwei Tagen gegeben hat. Jahrelang boykottierte er SKY, weil die immer Anti-SYRIZA-Propaganda gemacht haben.“ Stefanos unterbricht sie: „Aber 5 Tage vor der Wahl wollte er sich die 40% Zuschauerquote nicht entgehen lassen.“ – „Klar!“, meint Elisa. „Tsipras wird die Wahl verlieren und greift nach jedem Strohhalm, um sich noch mal darstellen zu können.“ Ich frage die beiden: „Und wie war das Interview?“ – „So, wie er regiert hat – es war seltsam!“ – „Wie meinst du das?“ Elisa streicht sich mit der Hand übers Gesicht: „In den letzten Jahren wirkte Tsipras so abgehoben, wie nicht von dieser Welt; er gab sich oft aristokratisch staatsmännisch – das war ein krasser Gegensatz zur profanen und üblen Realität hier.“ Stefanos erklärt: „Die Gesetze werden in Brüssel gemacht, Griechenland ist eine Schuldenkolonie und Tsipras deren Staathalter. Egal, wer in Athen die Wahlen gewinnt – regiert werden wir von Brüssel aus.“ Elisa stimmt ihm zu: „Deshalb ging es Tsipras ab einem bestimmten Punkt nicht mehr um Griechenland, sondern vor allem um das Wohlwollen der Brüsseler Bürokratie und der europäischen Staatschefs. Er wollte von Frau Merkel, von Tusk und von Juncker als Staatsmann auf Augenhöhe akzeptiert werden …“ Ich werfe ein: „Ist doch nicht schlecht für Griechenland, wenn unser Premier in Europa respektiert und nicht beschimpft wird …“ Stefanos zuckt mit der Schulter: „In Griechenland kann er nicht mehr viel ausrichten, seit er sich dem Brüsseler Diktat im Juli 2015 unterworfen hatte.“

SAH, denke ich, wär auch in Berlin ein guter Name für ein Restaurant. Auf dem Fernsehbild von gegenüber jetzt wieder groß Tsipras‘ Gesicht. „Er sieht entspannt aus“, sage ich, und Stefanos erwidert: „Seine bevorstehende Niederlage macht ihm nicht viel aus. Tsipras hat sich – vor allem durch die Lösung für den Mazedonien-Namensstreit – der europäischen Nomenklatura „angedient“; der hat in den letzten beiden Jahren mit kühler Hand regiert, weil er für den Nobelpreis vorgeschlagen werden wollte und weil er in Zukunft Kommissionsmitglied in Brüssel sein möchte. Griechenland interessiert ihn nicht besonders. Er hat „europäische“ Politik gemacht, keine griechische.“ Elisa konstatiert ziemlich resigniert: „Griechenland liegt am Boden, die Konservativen, die uns diese ganze Scheiße eingebrockt haben, kommen wieder an die Macht, und Tsipras sieht zufrieden aus. Das ist die Situation.“ Ich frage: „Aber ist das nicht eine außerordentliche Leistung, aus einer 4%-Bewegung eine Regierungspartei zu machen und nach vier Jahren an der Macht immer noch 25% der Wähler halten zu können?“ Für Stefanos gibt es keine Diskussion: „Was ich Tsipras vorwerfe ist, dass er dafür gesorgt hat, dass die Konservativen von der ND wieder an die Macht kommen.“

„Bei der nächsten Performance bin ich Elisa-Hellas,“ sagt Elisa. „Um mich herum Sushi-Meister, die mir Instrumente reichen … Ihr wisst, warum es keine Frauen als Sushi-Meister gibt?“ Sie schaut uns an. Ich schüttle den Kopf. „Weil die kühlere Hand-Temperatur des Mannes eher geeignet ist, Sushi zu machen … Also von mir gibt es jetzt für Euch Brüsseler Sushi.“ Sie nimmt ein Messer und beginnt, sich in die Hand zu ritzen.

© Asteris Kutulas

Text-Redaktion & © Photos: Ina Kutulas

Junge Welt Veröffentlichung, 6.7.2019

„Wahlen in Griechenland: SYRIZA oder Sex“

Wahl-Tagebuch, Athen, 3.7.2019

Sitze im Flugzeug nach Athen. Am Sonntag wird in Griechenland gewählt. Und obwohl ein „Machtwechsel“ bevorsteht, scheint niemand – zumindest unter meinen Bekannten – besonders „besorgt“ oder „aufgewühlt“ zu sein. Was für ein Gegensatz zu den zwei Wahlen 2015.

„Die Deutschen sind unzuverlässig geworden. Aber irgendwie seltsam unzuverlässig.“ Neben mir sitzt George, ein griechischer Musiker, der ein Gespräch mit mir führen will: „Wir Griechen sind zumindest zuverlässigunzuverlässig. Abgesehen natürlich von den Müttern, die sind nicht unzuverlässig …“ Er hält inne und dreht den Kopf zu mir: „Gehst du auch wählen? Die Rechten von der Neuen-Demokratie-Partei kommen jetzt wieder an die Macht.“ – „Und wie findest du das?“, will ich wissen. George dreht den Kopf leicht zu mir hin, knetet ein Stück Papier zu einer Kugel und sagt: „Ich weiß es nicht.“

Das habe ich in letzter Zeit sehr oft gehört. Viele meiner Landsleute wissen nicht, wen bzw. was sie wählen sollen, und viele können nicht glauben, dass die Partei „Neue Demokratie“ mit ihrem Spitzenkandidaten Konstantinos Mitsotakis innerhalb von vier Jahren wieder zu einer wählbaren Alternative geworden ist. Immerhin waren diese Partei und ihre Politiker – zusammen mit der sozialistischen PASOK – hauptverantwortlich für die größte politische, ökonomische und humanitäre Krise im Nachkriegsgriechenland. Eine Freundin aus Kalamata sagte mir kürzlich am Telefon: „Nach vier Jahren Tsipras und SYRIZA wissen wir: Die machen alle dieselbe Politik. Also warum nicht gleich das Original des kapitalistischen Systems wählen? Die von der Nea Dimokratia sollten das am besten können.“ Tatsächlich kann man im Griechenland von 2019 nicht zwischen alternativen Politiken, sondern nur das wählen, wovon man glaubt, es sei das „kleinere Übel“.

Mein Freund Nikos, den ich letzte Woche während eines Kurztrips nach Athen auf einen Kaffee am Syntagma-Platz getroffen hatte, ist anderer Meinung: „SYRIZA hat einen neuen Politik-Stil eingebracht und hat durch viele kleine Schritte eine viel sozialere Politik gemacht, als es alle anderen Parteien getan hätten. Und die SYRIZA-Politiker sind nicht korrupt, im Gegensatz zu den alt eingesessenen.“ Bei der Schlacht zwischen den beiden führenden Parteien, die bei den Umfragen eine große Differenz aufzeigen (ND: 35%, SYRIZA: 26%), geht es darum, wer das Land am besten aus der Krise führen kann. SYRIZA konnte offenbar in den letzten vier Jahren nicht überzeugen – und viele „Versprechen“ nicht erfüllen. Und die Konservativen um Mitsotakis nutzten geschickt die vielen Fehler und die generell schwierige Ausgangsposition ihrer politischen Gegner aus, um das Wahlvolk vergessen zu lassen, welche Griechenland-Politik sie selbst jahrzehntelang gemacht hatten, und um ihr Wahl-Versprechen von einem besseren Lebensstandard plausibler zu „verkaufen“.

Sehr viele Griechen, vor allem die Jugendlichen, mussten ihr Lebensniveau drastisch nach unten schrauben. Die Verluste überwiegen. Viele von ihnen haben sich an die neue Armut „gewöhnt“. Meine Freundin Marina schrieb mir unlängst in einer Mail: „Weißt Du, die Sonne und das Meer kann uns keiner nehmen. Scheiß auf die Politiker.“ Ich antwortete ihr: „Ist das deine neue Definition von „Engagement“?“ Ihre nächste Mail kam prompt: „In einem Land, in dem selbst die „Radikalen Linken“ der SYRIZA nichts gegen das „System“ ausrichten können und eigentlich auch nichts ausrichten wollen, ziehe ich es vor, das Meer der Ägäis zu genießen, etwas Sex zu haben und mich intensiv mit der Imkerei zu beschäftigen und mit dem Oregano auf meinem Balkon.“

Gleich landen wir. Athen hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Zum Guten und zum Schlechten. Die Wahlen am Sonntag entscheiden wahrscheinlich gar nichts, außer dass alles beim Alten bleibt, nur noch etwas verschärfter, so scheint mir – aber vielleicht irre ich mich. „Gleich sind wir unten“, sagt Giorgos. „Zuhause! Heimat! Super!“ Das Flugzeug setzt auf. Es ruckelt kaum. Auf einem der Flughafengebäude weht die blau-weiße griechische Fahne.

© Asteris Kutulas 

Text-Redaktion & © Photos: Ina Kutulas

Junge Welt Veröffentlichung, 5.7.2019

Rückkehr nach Berlin, 11.6.2016

 

Rhythmus und Klang

In einem Spiegel-Artikel lese ich gerade die Aussage einer Studentin: „Allein kann man viel mehr bewegen als mit einem störenden Apparat im Hintergrund“. Und weiter der Reporter: „Sie wolle sich eben nicht als Parteimitglied engagieren, sondern als Mensch… Die alten Feindbilder, die strengen Lagergrenzen zwischen links und rechts hätten ausgedient – und deswegen auch das Interesse, an Wahlen teilzunehmen…“ Mikis verhielt sich irgendwie immer „wie die Jugend von heute“.
Ich höre, es ist frisch in Chania. Aus Deutschland haben sich die Unwetter verzogen, die Europameisterschaft hat begonnen. Es wird Sommer. In ein paar Wochen hat Theodorakis wieder Geburtstag. Widerstand ist eine Sache von Rhythmus und Klang einer „Mantinada“. Das erfährt man, wenn man auf Kreta ist.

© Asteris Kutulas

Athen, 6.6.2016

Mosche Dajan in Griechenland

Ich besuchte heute nocheinmal Mikis nach unserer Rückkehr in Athen. Die Kreta-Reise hat ihn verjüngt. Er strahlt. Er spricht und spricht – wie früher:
„Es geht heute natürlich nicht um einen bewaffneten Widerstand, das ist absurd. Aber es geht um die innere Haltung der Menschen. Es geht um unsere nationale Souverenität, die wir längst verloren haben. Es sind neue Arten von Diktaturen, auf die wir uns jetzt einstellen müssen. Wie überlebt Demokratie unter solchen Umständen, denen wir jetzt ausgesetzt sind? Während der Diktatur zwischen 1967 und 174 waren die Dinge eindeutig. Als die Obristen am 21. April 1967 in Griechenland putschten, war das eine Militärdiktatur nach altem Muster, die errichtet wurde. Ich erinnere mich, dass Mosche Dajan, der damals in Athen war, einen Tag nach dem Putsch meine Frau aufsuchte und sie bat, ein Treffen mit mir möglich zu machen. Ich lebte in der Illegalität, war untergetaucht. Zwei Tage später kam es zu diesem Treffen, und Mosche Dajan (der einige Wochen später als Verteidigungsminister in Israel den Sechstagekrieg entscheiden sollte) sagte zu mir: ‘Mikis, lass uns zusammen den Widerstand gegen die Junta in Griechenland aufbauen! Du übernimmst die politische Arbeit, und ich werde den militärischen Flügel der Befreiungsorganisation PAM leiten.’ Ich erwiderte: ‘Mosche, das ist keine gute Idee. Wenn das bekannt wird, haben wir alle Geheimdienste der Welt am Hals. Ich bleibe hier in der Illegalität, und du gehst zurück nach Israel und machst Druck gegen die griechische Junta in der israelischen Öffentlichkeit und bei der Regierung.’ Damals waren die Dinge klarer. Das Feindbild war klarer. Heute gleiten wir in einer ‘verschwommenen Situation’ in die Diktatur hinein bzw. aus der Demokratie heraus.“

© Asteris Kutulas

Kreta-Tagebuch, 5.6.2016

Bürgerkriegsland
(Mit Mikis Theodorakis unterwegs in Kreta)

Im Auto, unterwegs zu einem großen Konzert zu Ehren von Theodorakis am Fuße des Weißen Gebirges, meinte Stathis: „Wir hier auf Kreta haben alles. Selbst der Menschenschlag ist ein anderer hier Wir könnten unser eigenes Ding machen.“ Giorgos widerspricht: „Quatsch! Wir sind Griechen. Wir gehören zu Griechenland.“ Und zu mir gewandt: „Das Problem, das viele Griechen mit Mikis haben, offenbart das ganze Dilemma Griechenlands. Er gehört seit den 50er Jahren zu den wenigen – und manchmal war er auch der Einzige –, die die Entzweiung unseres Volkes in die Bürgerkriegsparteien, in Linke und Rechte, niemals hinnehmen wollten. Parteigrenzen waren ihm egal. Er wollte, dass die Griechen sich vereinigen, unabhängig davon, ob sie links oder rechts sind, um ein demokratisches und unabhängiges Land aufzubauen. Aber das war über Jahrzehnte das Schlimmste, was man in Griechenland denken und äußern konnte. Griechenland ist bis heute ein Bürgerkriegsland geblieben.”

© Asteris Kutulas

Kreta-Tagebuch, 4.6.2016

Licht in dunklen Tagen
(Mit Mikis Theodorakis unterwegs in Kreta)

Das Theodorakis-Museum in Galatas ist noch lange nicht fertig. Heute zeigt sich, dass bisher nur die Arbeiten an der äußeren Hülle so weit fortgeschritten sind, dass man sagen kann: In Ordnung. Aber sowohl die Stadt Chania als auch der griechische Komponist wollen ein Zeichen setzen für die Zukunft. Der Bürgermeister von Chania erklärt: Wie Salzburg die Stadt Mozarts und Bayreuth die Stadt Richard Wagners ist, so soll Chania die Stadt Mikis Theodorakis’ werden. Chania legt am heutigen Tag ihrem berühmtesten Sohn alles zu Füßen, was sie hat: Ehrenbürgerschaften, Auszeichnungen der Präfektur, Auszeichnungen der Universitäten Kretas, Ehrendoktorwürde.

 

Mikis dankt mit einer Rede. Ganz langsam, Satz für Satz, liest er aus Perkikles’ (in Thukydides’ Geschichte des Peloponnesischen Krieges überlieferte) Gefallenenrede. Über Demokratie. Über Freiheit. Über Bürgerrechte. Zu jedem Absatz macht Mikis eine Anmerkung im Hinblick auf die gegenwärtige Situation. Bei dem Satz: „Männern, die sich durch ihre Taten ausgezeichnet haben, sollte man auch durch Taten die letzte Ehre erweisen“ hält er inne, und sagt: „Wir sind Kreter. Ich erzähle Euch etwas über meine Vorfahren… 1915, während des 1. Weltkriegs, versuchten mein Vater, der damals 15 war, und sein Bruder, der damals 17 war, an die Front zu kommen, heimlich, weil sie Angst hatten, mein Großvater hätte sie niemals gehen lassen. Der war ein Hüne, mit einem riesigen Schnauzbart. Die beiden kamen tatsächlich bis zum Hafen von Suda und versteckten sich im Laderaum eines Schiffes. Plötzlich stand ihr Vater an Deck, irgendwo über ihnen, schaute zu ihnen hinunter und rief ihnen zu: Hier, nehmt dieses Brot mit und auch diese Taler. Ihr werdet sie auf dem Weg an die Front brauchen. Und noch eins: Kämpft, und macht uns keine Schande!“

Das Publikum im übervollen Saal absolut still. Mikis fährt fort: „Als ich 1967 gefangen genommen wurde, hielt man mich 60 Tage in Einzelhaft fest, in der Sicherheitszentrale von Bouboulinas, und kurz vor dem Tribunal durfte ich meinen Vater sehen, wovon man sich erhoffte, dass er mich zur Raison bringen würde. Ich sollte mich ‘einsichtig’ zeigen und meinen Überzeugungen abschwören. Als man uns beide zusammenbrachte, sagte der zuständige Offizier zu meinem Vater: ‘Herr Theodorakis, Ihr Sohn wird angeklagt nach dem Paragraphen 447 des Kriegsrechts.’ Mein Vater: ‘Können Sie mir das bitte bringen?’ Er schlug die entsprechende Seite langsam auf, sah mich an und sagte: ‘Mein Sohn, das ist ein Kriegsrechtsgesetz, und es steht mit roter Tinte darunter: Kann zur Verurteilung zum Tode führen.’ Er schaute den Offizier an. Dann, wieder mir zugewandt: ‘Du hast meinen Segen.’“

Er sieht seinen Zuhörern in die Augen: „Haben wir heute Demokratie in unserem Land? Nein. Verhalten wir uns gastfreundlich gegenüber den Fremden? Nein.“ Mikis kommt zu einem Thema, das in ganz Europa so aktuell ist wie noch nie zuvor. Wie wehrhaft ist unsere Demokratie? Wie weit kann oder muss man gehen, um sie zu verteidigen? Und seine Botschaften an die Zuschauer im Saal sind zwei: “ Sie haben euch eure Unabhängigkeit genommen. Sie haben euch eure Demokratie genommen. Sie haben euch euer Geld genommen. Und was macht ihr? Ihr geht zum Strand, trinkt einen Kaffee und vergnügt euch.“ Und in Anlehnung an Perikles’ Aussagen, dass die Athener „Kampf und Tod für besser hielten als Unterwerfung und Leben“ sagt er: „Ich verfluche meine Beine, weil sie mich nicht mehr tragen können und weil ich keine ‘Kalaschnikow’ mehr halten kann, um mich zu verteidigen. Ihr müßt Widerstand leisten. Ihr müßt wieder das verbotene Wort Revolution denken.“ Im Saal wird es noch stiller. Vor genau 75 Jahren, Ende Mai 1941, fand die Luftlandeschlacht um Kreta statt. Wer auf Kreta lebt, lebt schon immer im Widerstand, vor 1941 und danach. Bevor deutsche Fallschirmjäger kamen und danach.

Nach etwa fünfzig Minuten beendet Theodorakis seine Rede. Im Saal braust Beifall auf, und die Kulturbeauftragte der Stadt Chania schluchzt ins Mikrophon: „Danke, Mikis, für dein Licht in diesen dunklen Tagen.“

© Asteris Kutulas

Kreta-Tagebuch, 3.6.2016

Kreta, eigentlich
(Mit Mikis Theodorakis unterwegs in Kreta)

Das Flugzeug von Athen nach Chania ist voll. Mein Sitznachbar zur Rechten, der ein offenbar großes Redebedürfnis hat, erklärt mir: „Kreta gehört eigentlich nicht zu Griechenland. Kreta ist das eigentliche Griechenland.“ Links neben mir sitzt Anastassia, eine griechische Lyrikerin, die aus dem selben Grund wie ich nach Kreta fliegt. Sie meint: „Vielleicht ist das seine letzte Reise. Da muss man dabei sein.“ Vorn in der ersten Reihe der fast 91jährige Mikis Theodorakis mit seiner Tochter Margarita und seiner Assistentin Rena. Das ist vielleicht tatsächlich seine letzte Reise. Am Telefon hatte er mir gesagt: „Ich muss checken, ob sie mein Grab richtig bemessen haben. Ich bin 1,97 groß, und ich will nicht, dass sich während meiner Beerdigung plötzlich herausstellt, dass das Grab zu kurz ist.“ Die griechische Ikone Theodorakis fliegt nach Kreta, in das Land seiner Vorfahren, um in Galatas, dem Vorort von Chania, das zukünftige Theodorakis-Museum zu besichtigen, das im Haus seiner Eltern eingerichtet wird.

Gleich nach meiner Ankunft besuchte ich Stelios Lainakis. Einer der bedeutendsten Erforscher kretischer Musik. Der Taxifahrer, der mich zu ihm hinbringt, fragt mich: „Kannst Du auf die Quittung verzichten? Dann verdiene ich wenigstens was. Die Mehrwertsteuer ist auf 24% erhöht worden, Benzin ist teurer geworden und auch die Wartung. Weisst Du, wieviel hängenbleibt bei mir als Fahrer von den 25 Euro? 3,50 Euro! Davon kann man nicht leben, nur langsam sterben, und hoffen, dass man nicht krank wird. Mit meinen 55 Jahren und bei der Arbeitslosigkeit habe ich keine Chance. Komme mir inzwischen wie ein Bettler vor. Die Krise frisst uns alle auf.“

Stelios Lainakis zeigte mir die Instrumente, die er entweder geerbt oder selbst gebaut hatte: Laute, Bouzouki, Saz, Bulgari, Gitarren. Dann holte er seinen Sohn Leonidas, der wie er Instrumentenbauer und Musiker ist, und sie spielten mir eine Mantinada, ein kretisches Volkslied, für Mikis vor. „Du nimmst das jetzt auf und spielst ihm das vor. Ist das klar?“ Als sie fertig waren, sagte er zu mir: „Diese Mantinada hat einer unserer Onkel geschrieben, der wie Mikis erst gegen die deutsche Wehrmacht und dann im Bürgerkrieg Ende der 40ern gegen die Engländer gekämpft hat. Also genau wie Mikis. Er wird jedes Wort des Liedtextes verstehen.“ Und dann voller Stolz: „Weißt du, was Mikis auf der Todes-Insel Makronisos seinen Folterern entgegnete, als er die Reueerklärung unterschreiben sollte? Er hat nicht gesagt: Ich unterschreibe nicht, weil ich Kommunist bin. Sondern er hat gesagt: Ich unterschreibe nicht, weil ich Kreter bin.“

© Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 30.7.2015 (Rückflug)

Vierfüßige Schlangen

Während der Pressekonferenz zur Gründung der HELLAS FILMBOX BERLIN fragte gestern im Außenministerium eine junge Journalistin den deutschen Kultur-Presse-Attaché, welchen griechischen Lieblingsfilm er habe. Er antwortet: „My Big Fat Greek Wedding“. Woraufhin der griechische Kulturminister erwiderte: „Im Gegensatz zu unseren deutschen Freunden, die – wie es sich herausstellt – keine griechischen Filme kennen, kenne ich alle Filme von Schlöndorff, Wenders, von Trotta, Herzog, Fassbinder etc. Diese Filme haben mir geholfen, die deutsche Realität und die deutsche Mentalität zu begreifen. Unsere deutschen Freunde jedoch wissen offensichtlich gar nichts über uns … außer einigen touristischen Allgemeinplätzen. Vielleicht hilft die Hellas Filmbox Berlin, dieses griechische Filmfestival in der deutschen Hauptstadt, das zu ändern.“

Jemand erzählte mir im Flugzeug, es habe in der so genannten Urzeit vierfüßige Schlangen gegeben. „Schlangen mit Füßen?“, fragte ich. „Wozu Füße?“ Sie lebten unter der Erde, so die Erklärung, in Höhlen, und gruben sich an die Erdoberfläche vor. Ein grässliches, sechzehnfüßiges Reptil schlief bis eben hinter dem Imithos-Berg. Kavafis hat in seinem Gedicht davon erzählt: Manchmal, alle paar Jahrhunderte, erwacht es und zuckt kurz mit dem Lid, dann schläft es weiter. Diesmal nicht. Diesmal behält es die Augen etwas länger offen, spürt seinen Hunger, richtet sich auf, öffnet seinen Rachen und rollt seine Zungen aus. Es muss kein Feuer speien. Es muss nicht brüllen. Keine Kraftverschwendung. Nur die Zungen ausrollen und sich holen, was zu holen ist. Häuser, Wohnungen, Gärten und was die Menschen sonst noch haben. Die Ersparnisse von den Konten werden langsam abgeräumt. Das Reptil hat keine Eile. In Grenzregionen bringen sie das Geld nach Bulgarien. Den Zungen des Reptils sind Grenzen einerlei.

Morgen werd ich im Babylon stehen und sagen „DANCE FIGHT LOVE DIE – Unterwegs mit Mikis“. Ja, ich will ertrinken in meinen Bildern. Absichtlich. Bevor die Zungen des Reptils uns holen. Aus 39 Grad in Athen stürze ich runter auf 16 Grad in Berlin oder rauf. Je nachdem, wie man das verstehen möchte.

© Asteris Kutulas, 17.7.2015

(Athens Photos © by  Ina Kutulas)

 

Athener Tagebuch, 29.7.2015

Mikis Theodorakis wird 90

Heute hat Mikis Geburtstag. Ich bekam vormittags die Nachricht, dass es ihm nicht gut geht und er darum alle Verabredungen abgesagt hat. Kaum ein Fernseh- und Rundfunk-Sender, kaum eine Zeitung oder Zeitschrift ohne eine große Würdigung. Konzerte im ganzen Land. Selbst in Deutschland ein Tsunami von Veröffentlichungen in den Medien. Fast alle Zeitungen widmen Theodorakis halbe oder ganze Seiten. Süddeutsche, Welt, Tagesspiegel etc., mehr als 100 Publikationen am heutigen Tag allein in Deutschland. Kurz vor 18 Uhr überraschend der Anruf. Mikis ließ anfragen, wo ich denn bleibe, ich solle vorbeikommen.
Ich wollte schon immer mal wissen, wie große Komponisten ihren 90. Geburtstag feiern. Nun hab ich es erfahren: Mikis, leicht aufgerichtet in seinem Liegesessel, verfolgt im Fernsehen das Basketballspiel Litauen-Türkei. Weiter hinten der Parthenon und darüber der weite Himmel.
Mikis: „Da bist du ja. Ich wollte dich noch mal sehen, bevor du morgen nach Deutschland zurückfliegst.“ Er setzt die Sonnenbrille ab und zeigt auf sein rechtes Auge: „Siehst du“, sagt er. „Das Melanom verblasst langsam.“ Ein riesengroßer Bluterguss, seit Tagen auf seiner rechten Gesichtshälfte. „Deswegen hab ich die ganze Zeit die Sonnenbrille auf. Ich bin ja sonst nicht vorzeigbar.“ Ich frage ihn: „Wie ist denn das passiert?“ Er setzt die Sonnenbrille wieder auf: „Das, was mit Griechenland passiert, hat auf mich psychosomatische Auswirkungen …“ Er lächelt und schiebt die Fernbedienung ein Stück zur Seite. „Weißt du was … Diese Werke, die ich nicht geschrieben habe, die stören meinen Schlaf, immerzu …“ – „Na, dann schreib doch einfach noch was auf davon“, erwidere ich. Mikis führt seinen Zeigefinger zum Kopf und rollt mit den Augen: „Die Musik hat ihre eigenen Vorstellungen davon, wann sie aufgeschrieben werden will. Jedenfalls – diese ungeschriebenen Werke rebellieren. Sie lassen mich nicht schlafen.“
Ich sage: „Schade, dass du heute nicht zum Konzert kommst. Alle erwarten dich dort. Mein Freund Jaka ist nur deshalb aus Berlin gekommen. Er hat vor zwei Jahren mit seiner Cinema for Peace Foundation unseren „Recycling-Medea“-Film unterstützt.“ Mikis greift nach rechts und hält die neueste CD mit seiner Musik in der Hand, ECHOWAND. „Johanna Krumin singt das so, dass man zuhören muss. Näher kann man mir als Musiker nicht sein.“ Mikis signiert die CD und sagt: „Zu seinem 90. Geburtstag schenkt Mikis Theodorakis Herrn Jaka die CD ECHOWAND.“ Er dreht den Kopf zum Fernseher. „Ich muss jetzt gehen“, sage ich. „Das Konzert fängt bald an.“
Am Fahrstuhl passt R. mich ab. „Nein nein nein nein …, du kannst noch nicht gehen. Jetzt kommt die Geburtstagsparty.“ – „Was!?“, frage ich. R. drückt mir die Torte in die Hand. In der Mitte steckt eine brennende Kerze. Auf der Torte steht: „Mikis Theodorakis zum 90. Geburtstag“. R. schiebt mich vor sich her. Ich wieder zurück durch die Tür, mit der Torte in den Händen, dann R., ihr folgen Mikis’ Krankenschwester und zwei seiner Mitarbeiter. Mikis pustet freudig die Kerze aus, lehnt sich zurück und sagt mit breitem Lächeln: „Was für eine schöne Geburtstagsparty … Jetzt lasst mich aber weiter das Spiel Türkei gegen Litauen sehen.“

© Asteris Kutulas, 29.7.2015

Cover Photo with Mikis Theodorakis, Asteris Kutulas, Els Bolkenstein – Berlin 1984 – Rehearsals for the premiere of the 3rd Symphony

Photo with Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas, Gewandhaus Leipzig, 1983

Athener Tagebuch, 28.7.2015

Athener Air-condition

Bei einem Gespräch mit meinem Freund Makis kommen wir auf die schwülen und sehr heissen Nächte zu sprechen. Er erzählt mir über sein Air-condition-Gerät, das die Temperatur konstant auf 25 Grad hält; es schaltet sich automatisch ein und aus. Die Maschine macht draußen über der Balkontür Lärm, so dass die Nachbarin keine Ruhe findet. Makis hätte eigentlich ein herrlich temperiertes Zimmer, nachts, so dass er leicht in den Schlaf kommen könnte, aber zur gleichen Zeit würde seine Nachbarin nicht schlafen können, weil das Gerät zu laut ist. Also kein Air-condition; es ist wieder wie früher, kein Abkühl-Komfort. Das Ergebnis: Beide, sowohl Makis als auch die Nachbarin, können nicht schlafen, weil es in den Zimmern zu warm ist. Makis: „Wir üben Wachliege-Solidarität. Im ganzen Land übt jeder irgendeine Form von Solidarität. Es gibt hunderte neue Formen von Solidarität. Auch solche: gemeinschaftliches Nicht-in-den-Schlaf-Kommen. Uns mangelt’s nicht an Phantasie.“

Von den Bouzouki-Kneipen, von denen es vor wenigen Jahren in Athen noch sehr viele gab, können sich nur noch wenige gerade so über Wasser halten, sagte Fotis, nachdem ich ihn danach gefragt hatte. Ich hatte geglaubt, diese „Schuppen“ würden niemals schließen. Auf diese Art der Unterhaltung würde man nicht verzichten. Whisky trinken, Teller zerschmeißen, Nelken auf die Bühne werfen, Tanzen, eines der griechischen Klischees bestätigen, weil einem „einfach danach ist“. Irrtum. Es gibt inzwischen Orte, wo alle Sitzplätze bei einem Abend mit klassischer Musik besetzt sind, weil sonst kulturell nichts mehr stattfindet und man nirgendwo sonst ein Konzert erleben kann, und dieser eine Pianist …, wahrscheinlich verzichtet er auf die Gage. Vor hundert Jahren sangen die Rembeten in den Lokalen zusammen: „Emis tha sissoume kai na imaste ftochi – Leben werden wir, auch wenn wir arm sind.“ Offenbar war man in Athen vor hundert Jahren wohl irgendwie reicher als jetzt. Seferis’ Roman „Sechs Nächte auf der Akropolis“ erzählt von dieser Zeit. Vor einigen Jahren wurde beschlossen, wieder, wie zu der Zeit, in der die Romanhandlung spielt, die Akropolis in Vollmondnächten für Besucher zu öffnen. Eine Gruppe von Freunden würde sich, dessen bin ich sicher, auch jetzt finden können, um sich dem Mondlicht in solchen Nächten auszusetzen und damit ein Experiment zu wagen. Wird allerdings die Quatroika nicht darauf bestehen, umgehend eine Steuer auf das Mondlicht zu erheben?

© Asteris Kutulas, 28.7.2015

(Athens Photos © by  Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 27.7.2015

Unbeantwortete Fragen

Gestern eine Reihe „erregter“ Unterhaltungen gehabt. Ich werde als in Deutschland lebender Grieche stets in „Haftung“ genommen. Ich hatte auf Fragen keine Antwort, auf die ich selbst gern eine hätte, wie:

1) Die Troika und die deutsche Regierung haben seit 5 Jahren quasi die Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik Griechenlands vorgegeben und jedes diesbezügliche Gesetz „vorgeschrieben“. Sie haben jede neue Tranche eines jeden „Rettungspakets“ von Fortschritten abhängig gemacht, z.B. davon, ob die MwSt. auf Diesel für Bauern 13% oder 23% betragen soll, was ein paar Milliönchen einbringt etc. Warum hat weder die Troika noch die deutsche Regierung jemals zur Bedingung für weitere Zahlungen an Griechenland gemacht, dass Gesetze verabschiedet und bilaterale Abkommen mit der Schweiz, Luxemburg, Großbritannien, Lichtenstein etc. getroffen werden, die zur Offenlegung von Schwarzgeldkonten und zur Steuerfluchtbekämpfung geführt hätten? Dafür wäre jeder griechische Bürger und jeder deutscher Steuerzahler der Troika und der deutschen Regierung dankbar gewesen. Martin Schulz behauptete immerhin, allein schon in der Schweiz lägen bis zu 200 Milliarden unversteuertes Griechen-Geld. Da geht es nicht um Millionen, sondern um „richtig Kohle“. (Und warum wurde diese einfache Frage der deutschen Regierung in keiner deutschen Talk-Show und in keinem Zeitungsartikel gestellt?)

2) Warum lässt „Europa“ zu, dass aufgrund einer finanziellen Krise innerhalb der EU täglich Menschen sterben? Warum wird dieses „Europa“, indem es durch aufgezwungene Austeritätsprogramme ganz bewusst z.B. zur Schließung von Krankenhäusern und zum Kollaps aller Sozialsysteme führt, selbst zum „Mörder“? Wieso schweigt die „europäische Familie“ zu diesem alltäglichen Sterben im „Hause ihrer griechischen Verwandten“? Warum verlangt man noch mehr menschlichen Blutzoll, um Banken zu retten und politische Macht ausüben zu können?

Auf diese und andere solcher Fragen kann ich einfach nicht antworten. Sie lassen einen mit der depremierenden Gewissheit zurück, dass es mit dem Kapitalismus nicht mehr so rund läuft und dass unsere Welt aus den Fugen geraten ist. Und dass Griechenland deshalb so schnell wie möglich DIESES Europa verlassen sollte, wenn es irgendwie als eigenständiges, demokratisches Land überleben will.

© Asteris Kutulas, 17.7.2015

 

(Athens Photos © by  Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 26.7.2015

Kuckucksuhr und Eulen

Dimosthenis, ein 33-jähriger Bekannter aus Berlin, läuft mir am Syndagmaplatz über den Weg. Hat gerade Urlaub und ist vor drei Wochen nach Athen gekommen. Beim Wort „Urlaub“ hebt er die Arme und krallt mit den Fingern Gänsefüßchen-Zeichen in die Luft. Dimosthenis macht keine Scherze mehr, aus einem fröhlichen, sanftmütigen jungen Mann ist ein Getriebener geworden, „in dessen Kopf Mühlsteine zu mahlen begonnen haben“, wie er es formuliert. „Keine Ahnung, was ich noch machen soll. Ich bin jetzt drei Wochen hier und blank. Es hat sich alles verschärft. Wen auch immer ich treffe oder besuche, ob Freunde, frühere Mitschüler, Bekannte … Es gibt fast niemanden mehr, der mich nicht fragt, ob ich irgendwie helfen kann, ob ich ein paar Euro habe. Und niemand von denen will das. Allen steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Von mir aus geb ich ihnen alles, das ist nicht der Punkt, aber mein Geld ist alle. Hab schon über 2.500 Euro für Freunde und Familie ausgegeben.“

Das bringt mich auf eine Idee: Eigentlich sollte man Spree-Athen umtaufen in Spree-Berlin. Die Hauptstadt Deutschlands käme dann zu sich selbst und Griechenland vielleicht auch. Der Griechenland-Beauftragte Hans-Joachim Fuchtel war vor etwa zwei Jahren nach Griechenland gekommen und hatte dem damaligen griechischen Innenminister eine Schwarzwälder Kuckucksuhr mitgebracht. „Das ist etwas anderes, als Eulen nach Athen zu tragen“, sagte damals mein Bruder. Ich erinnerte ihn gestern daran. Er balancierte auf einer Gabel einige Melonenkerne von seinem Mund zum Teller und sagte lachend, die Melonenkerne nicht aus dem Blick lassend: „Ne Eulenuhr wär dann vielleicht doch besser gewesen. Die Kuckucksuhr hat nicht viel geholfen.“ – „Doch“, meinte meine Mutter trocken, „bald danach kam Syriza.“ Und dabei hieß es doch früher: Hüte dich vor Griechen, die mit Geschenken kommen.

Der Sytagma-Platz ist fast leer, die Athener verlassen die griechische Hauptstadt über den Sommer in ihre Dörfer und die, die es sich leisten können, machen noch irgendwie Urlaub. Dimosthenes erzählt weiter: „Einer meiner Mitschüler von damals, Christos, 33 wie ich, ist vor fünf Wochen an einem Herzinfarkt gestorben wegen des Stress’. Der war Sportler, der hatte Kondition, nicht geraucht, nicht getrunken, einen Gesünderen kannst du dir nicht vorstellen. Und das Mädchen, mit dem ich vor sechs Jahren noch zusammen war, hat inzwischen Krebs. Und mein Vater, der verzweifelt jetzt, weil er nicht weiß, wie helfen kann. Ich stehe da … Vor zwei Jahren, da trugen wir noch lustige T-Shirts: „Ich brauch keinen Sex mehr. Die Regierung fickt mich jeden Tag.“ Wir konnten noch scherzen damals.“

Ja, und sicher ist auch: Die Troika bleibt Griechenland treu. Wie Siegfried dem Roy, reimte gestern mein Bruder. Tsipras und Varoufakis waren jedenfalls die einzige (zumindest die erste) realistische Chance für die EU und insbesondere Deutschland, ihr Geld wiederzukriegen, jedenfalls einen grossen Teil des Geldes. Warum Herr Schäuble und die deutsche Regierung das nicht erkannt haben, bleibt ein Rätsel der Geschichte. (Wahrscheinlich hatten „höhere Ziele“ Priorität.)

Dimosthenis setzt zu seinem Schlussplädoyer an: „Mein Kollege Matthias in Berlin hat jeden Tag Angst vor Hartz 4, der sagt: „Grieche, sei froh, dass wir hier überhaupt noch was verdienen und erzähl mir nix von deinem Stress da in der Heimat.“ Für den da bin ich einer, der jammert, für die Leute hier in Griechenland bin ich einer, der vielleicht noch helfen kann… Ich bin der, der vor dir steht und dir erzählt, dass sein Konto leer ist und sich genauso beschissen fühlt wie alle anderen, die mir das gesagt haben.“ – Da mir gerade nichts Tröstendes einfällt erwidere ich: „Den Letzten beißen die Hunde, Dimostheni! So ist das nun mal, ob hier oder in Deutschland…“

© Asteris Kutulas, 26.7.2015

(Athens Photos © by  Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 25.7.2015

Das ist kein Leben mehr…

Meine Mutter versucht immer wieder, mich in die Pflicht zu nehmen, als wäre ich verantwortlich für die Krise in den deutsch-griechischen Beziehungen: „Warum ziehen die deutschen Medien und Politiker dauernd diese Vergleiche zwischen den Griechen und den Bulgaren oder den Rumänen! In Bulgarien und Rumänien, da haben sie keine EU-Preise, keine 60% Jugendarbeitslosigkeit, das Gesundheitssystem ist dort nicht zusammengebrochen. In Griechenland sieht’s ganz anders aus. Die sozialen Systeme funktionieren nicht mehr. Man kann doch die Situation der drei Länder nicht gleichsetzen! Bei Lidl und im Media-Markt müssen wir deutsche Preise zahlen, haben aber nicht die Gehälter wie in Deutschland. Bei den Mieten sieht’s genauso aus. Meine Freundin hat einen 31-jährigen Sohn, arbeitslos; die 24-jährige Tochter studiert. Ihr Mann ist gestorben. Die leben zu dritt von 500 Euro und zahlen allein für die Miete einer winzigen Wohnung 250 Euro. Das ist ja kein Leben mehr. Und dann stellen deutsche Politiker diese Vergleiche an, als seien Menschen wie meine Freundin und ihre Kinder Idioten, die nicht kapieren würden, dass es ihnen blendend geht, im Vergleich zu den Menschen in Bulgarien oder Rumänien.“

Wenn ich meine Mutter so sprechen höre, dann fällt mir ein großer Unterschied in der Betrachtungsweise auf: Wenn Griechen sich über „die Deutschen“ kritisch äußern und manchmal auch ausflippen und fluchen, meinen sie niemals das deutsche Volk, sondern immer die Regierenden. Wenn Deutsche über die „Griechen“ urteilen, meinen sie zumeist – sehr stigmatisierend – die gesamte Bevölkerung und fast niemals die Regierung. Bis die Tsipras-Regierung an die Macht kam, schien es mir fast so, als würde die deutsche Öffentlichkeit das griechische Volk für das kriminelle Fehlverhalten seiner ehemaligen Regierungen verantwortlich machen.

© Asteris Kutulas, 25.7.2015

(Athens Photos © by  Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 24.7.2015

Die Zeit läuft ab…

Die Menschen wollen sprechen. Es gibt ein existenzielles Bedürfnis nach Kommunikation. Neben mir sitzt ein älterer Straßenbahnfahrer, der gerade Feierabend hat und mit der Metro nach Hause fährt. Er entpuppt sich als glühender Syriza-Anhänger. „Wir sind stolz darauf, diesen Kampf gegen die Troika geführt zu haben. Wir haben dadurch nicht nur Griechenland geändert, sondern auch Europa.“ Und obwohl ich nichts sage, insistiert er: „Glaub mir, mein Junge, sie haben einen Pyrrhussieg errungen.“

Viel Angst, gepaart mit Pathos, macht sich breit in Griechenland. Und auch die Gewissheit, dass Alexis Tsipras am Ende ist, noch bevor er überhaupt etwas beginnen konnte. Ihm bleiben vielleicht noch ein, zwei Monate, dann ist seine Zeit abgelaufen, dann gehört auch er zum griechischen Establishment, zum „System Griechenland“, das das Land ruiniert hat. In seiner Rede vor dem Parlament hieß es vorgestern: „Dieser Kampf wird nicht umsonst gewesen sein. Nur diejenigen Kämpfe sind umsonst, die nicht geführt werden.“ Das klingt sehr melancholisch, klingt nach Endspiel. Seine Partei bricht gerade auseinander, der geteilte Himmel über Athen bleibt geteilt, Griechenland bleibt eine Wunde. Im September wird es Neuwahlen geben; die nächste Tragödie steht uns bevor.

© Asteris Kutulas, 24.7.2015

(Athens Photos © by  Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 23.7.2015

Beim Aussenminister

Heute beim griechischen Außenminister, Nikos Kotzias. Das Gebäude, in dem er arbeitet, gegenüber dem Parlament, gleich am Syndagmaplatz, neoklassizistisch, aus dem 19. Jahrhundert. Im Bewusstsein zu haben, dass das Land bankrott ist, wenn man sich durch die Athener Straßen bewegt, und mit dem Bewusstsein solchen Bewusstseins einen Flur in diesem Gebäude lang zu gehen, umgeben von Prunk und erhabener Anmutung – das macht aus dem Hirn etwas, das man unter der Knochenschale anschwellen fühlt. Und würde in Griechenland das Wort “Anarchie” nicht ohnehin gern in den Mund genommen, man würde es eines Tages in diesem Außenministerium plötzlich vernehmen, wenn es, kaum entstanden, zerbirst und Substanzen abgibt.
Der Außenminister sagt: “… Und man muss sich vorstellen, dieses Gebäude ist damals von Herrn Syngrou nicht etwa dem griechischen Staat vermacht worden, sondern ausdrücklich dem Außenminister Griechenlands.” Ich sehe Nikos Kotzias an und frage: “Das heißt?” Er antwortet: “Das heißt – wenn ich versuchen würde, in ein anderes Gebäude umzuziehen, in ein zweckmäßigeres oder geräumigeres oder schlichteres … in ein wie auch immer anderes eben, dann würde dieses Gebäude als Besitz zurückgehen an die Erben von Herrn Syngrou. Es gehört nur solange dem griechischen Staat, solange es die offizielle Residenz des griechischen Außenministers ist.” Das Innere des Außenministeriums hat den Außenminister in der Mache und umgekehrt erfüllt der Außenminister das Innere des Außenministeriums mit Leben. Auf Gedeih und Verderb. Kein Entkommen. Entweder Herr Syngrou, ein Banker, war Dialektiker aus Vergnügen oder ein Prophet, als er sich diese Bedingung einfallen ließ. Die Syngrou-Allee ist nach ihm benannt. Das Außenministerium-Gebäude war einmal sein Wohnhaus, entworfen von einem deutschen Architekten aus Radebeul in Sachsen, der fast nur in Griechenland gearbeitet hat. Der Außenminister muss jedenfalls ständig nach Ausgleich suchen.
Nikos Kotzias spricht perfekt Deutsch, hat Habermas in Griechenland herausgegeben und selbst mehr als 25 Bücher geschrieben. Er ist kein Syriza-Mitglied, und in der “Zeit” war zu lesen, dass er der einzige griechische Politiker ist, der Frau Merkel versteht.


Ich war heute mit R. in seinem Büro, um ihn zu fragen, ob man uns für die Pressekonferenz der Initiative der Deutsch-Griechischen Kulturassoziation, also für das griechische Filmfestival HELLAS FILMBOX BERLIN, in diesem Außenministerium einen Raum zur Verfügung stellen könnte. Eigentlich wollten wir die Pressekonferenz im Goethe-Institut organisieren, aber das Institut ist ab diesem Wochenende wegen der Sommerferien-Pause geschlossen. Ich sage zum Außenminister: “Sie müssen uns helfen. Die deutsch-griechischen Beziehungen waren seit dem Zweiten Weltkrieg niemals so schlecht wie jetzt, und wir wollen was tun, sie wieder zu verbessern.” Nikos Kotzias schaut zu seinem Assistenten und sagt: “Ok., das Außenministerium unterstützt die HELLAS FILMBOX BERLIN. Ihr könnt den Raum nutzen. Wird geklärt.” Herr Syngrou war wohl beides – Prophet und vergnügter Dialektiker.

© Asteris Kutulas, 23.7.2015

(Photos: © by  Ina Kutulas for Cover photo | © by DomQuichotte for Hellas Filmbox Photo with Sandra von Ruffin, Stathis Papadopoulos & Annabell Johannes)

Athener Tagebuch, 22.7.2015

Nebenwirkung: Amoklauf

23.20 Uhr. In Berlin, so erzählt mir Sebastian am Telefon, strömender Regen, Blitz und Donner – das hätte ich hier auch gern. Meine Mutter stellt Melone auf den Tisch, meint aber im selben Augenblick, ich solle endlich schlafen gehen. Wer kann hier schlafen. Es ist heiß. Die Kakerlaken vermehren sich vermutlich schnell. Und im Fernsehen läuft der Thriller „Parlamentsdebatte“.

War tagsüber im Studio bei Jannis gewesen, einem bekannten Dokumentarfilm-Regisseur. Er hat vor ein paar Jahren einen Film gemacht über Menschen, die durchdrehn und medikamentös behandelt werden. Als wir uns über seinen Film unterhielten, meinte er: “Naja, inzwischen sind hier alle irre geworden, total irre. Mir kommt es so vor, als hätte der deutsche Arzt versucht, seinen griechischen Patienten von einer Erkältung zu kurieren, verpasste ihm aber eine falsche Spritze, so dass der wegen der Nebenwirkungen Amok läuft.” Stefanos’ Blick ging ins Weite. “Du kannst die Irren hier nicht mehr kontrollieren. Jetzt laufen in Griechenland Millionen von Irren herum. Europa hat sein Irrenhaus, so ist das nun mal, wir ticken nicht mehr richtig. Der Arzt will seinen Kunstfehler nicht eingestehen und duckt sich weg. Wie auch immer – wir sind alle irre hier, jeder auf seine Weise.”

Im Fernsehen die Debatte zum zweiten Gesetzespaket, das zusammen mit dem von letzter Woche als Voraussetzung dient, damit Griechenland mit den europäischen Institutionen (die übrigens jetzt wieder Troika heißen) ein neues Memorandum verhandeln darf. Varoufakis erklärte dem CNN-Sender gestern: “Das neue „Rettungspaket“ wird der größte Misserfolg der Wirtschaftsgeschichte. Und es ist klar, dass das Ding nach hinten losgeht.”


Im Bestiarium des griechischen Parlaments ereignet sich derweil Unerhörtes. Regierungsmitglieder und auch die Parlamentspräsidentin bringen Gesetzesvorlagen ein und sagen im selben Augenblick: “Wir tun das, um Griechenland zu retten, aber wir wissen, dass es nicht das Richtige ist für Griechenland.” Ich glaube, sowas hat es in keinem Land bislang gegeben. Da kommt eine Gesetzesvorlage, und der Justizminister sagt: “Ok., ich bring die hier mal ein, aber es ist eine schlechte Gesetzesvorlage. Ich bring sie ein, weil ich sie einbringen muss.”
Was alle SYRIZA-Politiker damit meinen: Europa hält Griechenland die Pistole an die Schläfe und sagt: Unterschreibt einfach! Irgendwas werden wir schon aus euch machen. Hauptsache, ihr unterschreibt erstmal. Klar, da muss man ja irre werden.

© Asteris Kutulas, 22.7.2015

(Athens Photos © by  Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 21.7.2015

Die armen Ziegen…

Mittag. Bin in einem Café in Glifada, einem Vorort von Athen, und warte auf einen Freund. Der Fernseher läuft, ein Mann am Nebentisch flucht auf alle griechischen Politiker. Er wird Mitte 60 sein. Ab und an schaut er nach links oder rechts, als suche er in den Gesichtern der anderen im Café zu lesen, ob und wie jemand auf seine Flüche reagiert. Ich nehme einen großen Schluck von meinem griechischen Kaffee mit wenig Zucker und frage den Mann in sehr griechischer Art und Weise: “Was ist los, Bruder? Wo brennt der Schuh?” Es stellt sich heraus, dass der Mann ein General a. D. ist. Er befehligte ein Flugzeuggeschwader, das auf der Insel Chios stationiert war. Als der Mann mitbekommt, dass ich ein Grieche aus Deutschland bin, sagt er: “Diese alten korrupten, verkommenen, Politiker – die haben uns in diese Scheiße reingeritten.” Der Mann bebt am ganzen Körper, und ich versuche, ihn zu beruhigen. “Mein Junge, du hast doch keine Ahnung”, erklärt er mir. “Weißt du, was wir damals machen mussten, weißt du, welche Befehle ich auszuführen hatte? Da gab es doch diesen Plan der Wiederaufforstung kleiner griechischer Inseln, zur Verbesserung der Lebensbedingungen derer, die auf diesen Inseln lebten und dort Ziegen hielten. Auch Zisternen sollten gebaut werden. Dafür flossen Hunderte Millionen von Europa nach Griechenland. Diese Politikerschweine haben das Geld in die eigene Tasche gesteckt, und wir mussten die Drecksarbeit machen. Die armen Ziegen!” – “Was denn für Ziegen?”, frage ich. Der Mann erklärt mir: “Immer, wenn die Kontrollkommission aus Europa kam, um zu schauen, wie dieses Programm umgesetzt wird, erhielt ich den Befehl, mit meinen Chinook-Transporthubschraubern aus Chios Ziegen mit Netzen einzufangen und sie auf verschiedenen Inseln auszusetzen, damit die Kontrolleure sich am nächsten Tag vom Erfolg des Programms ein Bild machen konnten. Am übernächsten Tag haben wir die Ziegen dann zu den nächsten Inseln geflogen. Und viele der armen Ziegen sind dabei draufgegangen. Den Politikern war das völlig egal. Man sah ja nicht, dass die Hälfte der Ziegen nicht schlief, sondern einfach verreckt war. Was waren das nur für Menschen! Die armen Ziegen!”

© Asteris Kutulas, 21.7.2015

(Photos © by  Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 20.7.2015

Widerstand

Ich kann mit keinem Griechen, der weiß, dass ich in Berlin lebe, irgendein normales Gespräch führen. Ich werde ständig mit Fragen überhäuft. Heute besuchte ich einen fast achtzigjährigen alten Freund meines Vaters: „Sag mal Asteris, die Frau Merkel scheint doch eigentlich ganz in Ordnung zu sein, aber sie hat während dieser ganzen Krise, zu unserem ganzen Unglück hier nicht ein menschliches Wort gesagt. Das ist nicht in Ordnung. In Griechenland herrscht immer größeres Elend. Interessiert sie das gar nicht?“

Tatsächlich ist der neuen Regierung und deren Politik zu verdanken, dass der Weltöffentlichkeit zum ersten Mal die Folgen einer sehr rabiaten Austeritätspolitik bekannt geworden sind – wenigstens das. Und das ist nicht wenig. Selbst in Deutschland, wo dies nicht zum bisherigen öffentlichen Diskurs über den „faulen“ und „gierigen“ Griechen passte, offenbarte sich in vielen Beiträgen und Kommentaren – von der Süddeutschen bis zur FAZ, vom Spiegel bis zu Die Zeit, von ARD, ZDF bis zu n-tv – das ganze Ausmaß des Elends als direkte Folge einer gnadenlosen Sparpolitik, die in der Öffentlichkeit allerdings zuvor als „Allheilmittel gegen die Krise“ angepriesen worden war. Sowohl von den Vorgängerregierungen in Griechenland als auch von der Troika und der Weltpresse wurde diese Realität bis vor ein paar Monaten mehr oder minder verschwiegen. Vielen Griechen, das ist mir in den letzten Tagen klar geworden, schien der Diskurs zwischen Tsipras und Schäuble so zu verlaufen: „Bei uns sterben Menschen; wir müssen das stoppen.“ Antwort: „Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Verträge eingehalten werden müssen.“

Zum anderen fühlen sich viele Griechen bestärkt in ihrem „Widerstand gegen die da draußen“, weil die Auseinandersetzung ihrer neuen Regierung mit den europäischen Institutionen einen weltweiten öffentlichen Diskurs ins Rollen brachte, der als phänomenal bezeichnet werden kann. Tausende von Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Kultur etc. nahmen Stellung zu den beiden brennenden Problemen: 1) wie steht es um die „Demokratie“ von heute und von morgen, und 2) wie wird die „Zukunft“ zwischen den Regierungen und den Völkern gestaltet. Auch das hat es in diesem Ausmaß noch nie gegeben. Das kleine Griechenland hat irgendwie die Welt „verändert“, zumindest einen Anstoß dazu gegeben.

Ich sag zu dem alten Freund meines Vaters: „Ich bin dir so dankbar, dass du nicht auch auf die deutsche Regierung fluchst, ich kann’s nicht mehr hören …“ Er sieht mich an und zieht an seiner Zigarette. „Wenn wir Griechen aufhören würden, auf Merkel und Schäuble zu fluchen, die wir sowieso nicht kontrollieren können, und stattdessen anfangen, unsere eigene Gesellschaft auszumisten von all den Verbrechern, wären wir schon viel weiter. Was mich zuversichtlich macht: Die Zeit der alten Machteliten von PASOK und Neue Demokratie ist abgelaufen. Selbst wenn sie irgendwann wieder die Regierungsgeschäfte übernehmen sollten – Griechenland hat sich geändert.“ Damit hat er, glaube ich, recht.

© Asteris Kutulas, 20.7.2015

(Photos © by  Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 19.7.2015

Alleine mit exotischen Tieren

Die Parkplatzsuche in Athen ist einfacher geworden. Sehr schwül heute, wenig Wolken, aber kein Smog, nicht zu vergleichen mit früher. Viele Familien mussten ihre Zweitwagen und viele auch ihre „Erstwagen“ verkaufen, weil sie sich kein Auto mehr leisten konnten. Bevor ich in die Stadt bin, war ich Koulourakia, Kringel kaufen, unser Frühstück. Angelos, der Bäcker, der gegenüber dem Wohnhaus meiner Mutter seinen Laden hat, stöhnte: „Ich musste mich von meinem BMW trennen. Jetzt fahr ich einen alten Fiat.“ Er weiß, dass ich in Berlin lebe, darum insistiert er, nachdem er mir die Tüte mit den Kringeln gereicht hat: „Du, Griechenland hat seit der Euro-Einführung, als die Zinsen fielen, wie verrückt deutsche Waren und auch deutsche Waffen gekauft. Wir waren Importweltmeister deutscher Mercedes’ und deutscher U-Boote. Jahrelang. Die damaligen Regierungen haben uns ständig aufgefordert: Nehmt einfach Kredite auf, kauft Waren, kauft, kauft, konsumiert – so funktioniert dieses System, das ist gut für’s Land! Wir wurden mit Kreditkarten überhäuft. Und wir haben gekauft. Keiner hat uns damals gewarnt, keiner hat gesagt: Halt, ihr könnt euch all das eigentlich nicht leisten! Auch Herr Schäuble hat das nicht verlauten lassen. Nein, ganz im Gegenteil.“

Es ist etwas passiert, seitdem Griechenland diese neue Regierung hat, etwas Ungeheurliches und für mich Unerwartetes: Viele Griechen sind „aufgeschreckt“ aus einer jahrelangen „tödlichen“ Lethargie; sie haben angefangen zu lesen, nachzudenken, ihr vom Konsum beherrschtes Leben zu hinterfragen, jetzt, da sie kein Geld mehr haben, es weiterzuführen – und je mehr ihre neue Regierung von „Europa“ (wie es hier so heißt) gedemütigt wird, desto mehr empfinden sie sich als „Kämpfende“, sie fühlen sich wieder als „Volk“, als ein zersplittertes zwar, aber als ein Volk im Widerstand gegen eine „alte Gesellschaft“, die dieses Volk nicht mehr will. Viele sind ängstlich, verunsichert, müde, fühlen sich hilflos, ohnmächtig einem täglichen Terror unzähliger Expertenmeinungen und politischer Aussagen ausgesetzt, die sie nicht mehr überblicken und einordnen können. Sie fühlen sich wie alleingelassen mit einigen exotischen, unbekannten Tieren, von denen sie gehört haben, dass diese gefährlich sind, aber nicht wissen, ob und wie diese angreifen.

Im Zentrum von Athen treffe ich mich mit Alekos, einem zwanzigjährigen IT-Spezialisten, der zur griechischen „Abteilung“ von Anonymus gehört. Er sagt: „Wenn du Souvlaki essen gehst, musst du ungesalzene bestellen.“ Ich schaue ihn fragend an. „Na ja, dann bezahlst du nur 13% Mehrwertsteuer; wenn du normal gesalzene nimmst, wird der neue Mehrwertsteuersatz von 23% berechnet.“ Ich traue meinen Ohren nicht. Er fährt fort: „Du musst auch beim Hackfleisch aufpassen: Wenn du keine 23% bezahlen willst, darf der Rindfleisch-Anteil nicht größer als 50% sein.“ Ich kann mich vor Lachen nicht mehr halten: „Damit beschäftigt ihr euch bei Anonymus?“ Er lässt ein Grinsen sehen: „Quatsch, wir lesen nur genau, was uns die Troika vordiktiert, dann handeln wir dementsprechend.“

© Asteris Kutulas, 19.7.2015

(Athens Photos © by  Ina Kutulas)

 

Athener Tagebuch, 18.7.2015

Schizophrenie

Ich „diagnostiziere“ fast täglich meine Schizophrenie: In Griechenland „liebe“ ich Deutschland und „hasse“ Griechenland, aber in Deutschland „hasse“ ich Deutschland und „liebe“ Griechenland. Ich hasse den Neo-Nationalismus in Deutschland und ich hasse die selbstzerstörerische „Arroganz“ der Griechen.

Spät nachts treffe ich Sabrina, eine deutsche Kindergärtnerin, die vor einem Jahr „wegen der Liebe“ nach Griechenland gezogen ist. „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, in Deutschland zu leben.“ – „Fehlt dir Köln nicht?“, frage ich sie. „Nein. Aber meine deutschen Freunde schon. Einfach ist’s hier nicht – und trotzdem hab ich ein tolles Lebensgefühl. Jeder hilft jedem.“
Am Keramikos-Platz viele Bars und Restaurants. Sabrina macht mich darauf aufmerksam, dass es dafür, dass wir Freitag-Abend haben, unglaublich leer ist. „Die Menschen bleiben in ihren Wohnungen. Es herrscht sowas wie eine nationale Depression.“

Ich erinnerte mich an Makis‘ Aussage: An den Tagen vor der Volksabstimmung des „OXI“ zog es die Menschen auf die Straßen, in die Tavernen, in die Bars, sie wollten reden, sich austauschen, diskutieren. Seit dem Tag, da Tsipras in Brüssel den Bedingungen zugestimmt hat, bleiben alle zu Hause und warten, was passiert.

© Asteris Kutulas, 18.7.2015

(Athens Photos © by  Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 17.7.2015

Brandstiftung

Meine Mutter sagt gerade: „Als hätten wir nicht schon genug durchgemacht – jetzt auch noch diese Brände.“ Der Imitosberg über Athen steht in Flammen. Alle gehen von Brandstiftung aus. Rauchschwaden ziehen über den Stadtteil, in dem wir wohnen. Militärflugzeuge und Löschhubschrauber der Feuerwehr jagen im Minutentakt über unsere Köpfe hinweg und lassen Tonnen von Meerwasser auf den glutheißen Berg runterstürzen. Für einen Augenblick vergisst die Nation den Euro und Brüssel, und plötzlich erscheint Herr Tsipras in der Zentrale des Katastrophenschutzes als Anteil nehmender Beobachter bei diesem Inferno. Meine Mutter seufzt erleichtert: „Endlich ist ERT (das Staatliche Fernsehen) zurück. Die sind wieder auf Sendung.“
Dieser Satz erinnert mich an viele ähnliche Aussagen in den letzten Tagen. Also gibt es doch noch etwas Verbindendes in diesem Land: die tiefe Abneigung vieler Griechen gegenüber den Fernsehmoderatoren und Privatsendern, die sich mit Lügen, Manipulationen und medialen „Ablenkungsmanövern“ so vehement für das alte System eingesetzt hatten, dass es zum Himmel stank.
Die privaten Fernsehanstalten gehören den Oligarchen, die Griechenland die letzten 40 Jahre ausgeblutet und die EU ausgenommen haben. Die Medien waren ihre stärkste Waffe, einerseits gegen das griechische Publikum – das sie einer gnadenlosen Gehirnwäsche unterzogen – und andererseits als politisches Druckmittel gegenüber den Regierungen, um ihre ökonomischen Interessen durchzusetzen.


Elisa, eine Mathematikerin, erzählte gestern Abend: „Einige der bekanntesten Moderatoren stehen bei vielen Menschen auf der Hass-Skala noch über den alten Politikern (wie Samaras, Venizelos, Papandreou etc.) – und das will was heißen.“

© Asteris Kutulas, 17.7.2015

(Athens Photos © by  Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 16.7.2015

Die sind alle Taliban …

Gerade läuft im Parlament der „letzte Akt der Schande“ wie mein kommunistischer Freund, der ewige Student Makis sagt. Am Tisch wir beide und Rita, eine zwanzigjährige, sehr begabte Schauspielerin aus Thessaloniki, die in London bereits in zwei Hauptrollen spielen konnte, aber seit mehr als zwölf Monaten in Athen ohne Job gestrandet ist. Wir sitzen in einem Café und verfolgen im Fernsehen die Parlamentsdebatte über das neue Memorandum für Griechenland. Makis knabbert seine Sonnenblumenkerne und flucht ununterbrochen auf die SYRIZA-Regierung.
Tsipras sagt kurz vor der Abstimmung: „Ich hatte nur drei Möglichkeiten: 1. einen verheerenden Staatsbankrott, 2. ein für Griechenland sehr schlechtes Abkommen und 3. den von Herrn Schäuble vorgeschlagenen geordneten Grexit. Ich habe mich schweren Herzens für die meiner Meinung nach einzige gangbare Lösung entschieden: das furchtbare Abkommen.“ Ich persönlich hätte mich für die dritte Möglichkeit entschieden – den von Herrn Schäuble angebotenen Grexit –, das scheint mir sehr vernüftig und die besten Aussichten auf Erfolg für Griechenland zu haben, aber diesen Gedanken kann ich hier nicht laut äußern.

Rita nimmt mich beiseite und sagt: „Ich halt es hier nicht länger aus mit diesen Griechen. Du verstehst das. Du lebst in Berlin. Hör dir deinen Freund Makis an. Das sind hier alles Taliban. Die wissen nicht, was sie wollen. Sehen die nicht, dass die deutsche Regierung unser Feind ist? Sie will uns vernichten, und Tsipras hat widerstanden.“ Ich nehme ihre Hand in meine Hände und sage: „Keiner will dich vernichten.“ Ihr steigen Tränen in die Augen, sie zieht ihre Hand zurück, stößt unsere drei Gläser vom Tisch und schreit: „Was kann ich dafür, dass ich so gut aussehe und dass mich jeder bescheuerte Regisseur und jeder bescheuerte Produzent beschlafen will? Ich will jedenfalls weder deren Plop-Love-Shots noch deren Kohle dafür. Ich will einfach arbeiten können und damit Geld verdienen. Ich werde dieses Scheißgriechenland verlassen. Taliban … Die sind alle Taliban.”

Viele Stunden nach der Abstimmung im Parlament und endlose Gespräche später nehme ich bei all meinen Bekannten und Freunden eine seltsame Mischung aus Wut und Erleichterung wahr – verbunden mit viel Trotz. Und die merkwürdige Gewissheit, die Makis so in Worte fasst: “Die deutsche Regierung hat uns geschlagen und gemartert, aber wir haben widerstanden und sind nicht besiegt.“ Und allseits die große Erleichterung, noch in der Euro-Zone zu sein – und sei es mit diesen harten Sparauflagen. Meine Tante sagt am Telefon: „Wir haben Krieg und Bürgerkrieg überstanden und auch die Juntazeit und das Kriegsrecht. Mach dir keine Sorgen um uns. Wir werden auch dieses Spardiktat noch überstehen.“

 

© Asteris Kutulas, 16.7.2015

(Athens Photos by © Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 15.7.2015

Die Jüngeren sind total abgeschrieben

Kurz vor der Parlamentsdebatte zum neuen Austeritätsprogramm der »Troika«. In der Innenstadt Demos. Molotowcocktails. Der Schwarze Block in Rage. Athen bleibt Athen.

In der Galerie Beton7 treffe ich Poppy. Erstaunlich, wie hartnäckig Kunst in Griechenland in diesen Zeiten der Verarmung und Hoffnungslosigkeit hervorgebracht wird. Ausstellungen, Installationen, Theaterstücke, Filme. Ohne Finanzierung, mit viel Energie und teilweise auf einem unglaublich hohen künstlerischen Niveau. Was die griechischen Autoren der letzten hundert Jahre anbelangt, so ist mir das vertraut. Einige stellten das Schreiben selbst mit erfrorenen Fingern nicht ein. Das Land hat eine Tradition in Kunstproduktion unter widrigsten Bedingungen. Diese formte sich in Zeiten von Okkupation, Krieg, Junta und Verfolgung und war jedesmal gelebter Widerstand. Auf Bedrohungen reagiert der Mensch hier oft mit Kunst.

Poppy sagt: »Was uns fehlt, sind Visionen.« Und dann: »Wir Jüngeren sind total abgeschrieben. Ist dir schon mal aufgefallen, dass im griechischen Fernsehen keine Menschen aus der Altersgruppe der Unterdreißigjährigen zu sehen sind? Wir gehören nicht zur griechischen Gesellschaft. Die da oben machen keine Politik für die Zukunft; wir sind nicht auf ihrem Radar, wir existieren gar nicht. Wir dürfen gehen. Hast du einen Job für mich in Berlin?« – »Wovon lebst du?« frage ich. Ein schnelles Schulterzucken: »Alle Vorstellungen des Nationaltheaters sind abgesagt worden. Unterrichten kann ich auch nicht mehr, weil niemand mehr Geld hat. Es verdient ja kaum einer noch was.«

Ich blinzele und frage dann grinsend: »Gibst du mir einen Kaffee aus?« Sie: »Meinem deutschen Freund immer.« Poppy bestellt an der Bar einen doppelten Espresso. Dann fährt sie fort: »Weißt du, es ist doch egal, was Frau Merkel und Herr Schäuble vorhaben. Das Problem ist, was wir tun oder was wir nicht tun, hier in Griechenland. Warum kommt kein Politiker und sagt: Passt auf, wir machen jetzt ein gerechtes Steuersystem. Alle müssen bezahlen. Nicht nur die unteren Einkommensschichten, weil die keine andere Wahl haben, sondern auch der Rechtsanwalt, der Arzt und natürlich die Großen. Das muss jetzt endlich jemand durchsetzen. So geht es nicht weiter … Stell dir vor, ein Ministerpräsident würde sagen: Wir starten ein nationales Aufbauprogramm und beginnen damit, Griechenland unabhängig zu machen von Erdöl und Erdgas und langfristig sogar erneuerbare Energie zu exportieren. Stell dir vor, was das für Auswirkungen hätte! Arbeitsplätze, Klimaschutz. Das ist Hoffnung. Unabhängigkeit. Aber keiner tut es.«

© Asteris Kutulas, 15.7.2015

(Athens Photos by © Ina Kutulas)

Athener Tagebuch, 14.7.2015

Die Zukunft verschwindet…

Wenige Wolken heute, große Hitze, blendendes Licht. Fast nicht zu glauben, dass sich uns etwas erhält von dem, das immer dagewesen war, in dieser Zeit der Auflösung. Wie sagte gestern mein Dichter-Freund Alexandros: „Die Zukunft verschwindet, und sie nimmt die Vergangenheit mit. Uns Griechen bleibt dieses Jetzt, in dem die Tage sich vereinzeln und voneinander isolieren wie Kapitel eines Buchs, das auseinanderfällt.“
Überall, wo ich heute unterwegs war, die lärmenden Zikaden. Eine Klangrealität Griechenlands, Sommer für Sommer, ein von Insekten erzeugtes, sehr lautes Geräusch, das es trotz aller Oleander- und Olivenbaumkübel in Berlin nicht gibt. Man kann also nicht alles kaufen.

Ausgerechnet heute – obwohl mein Bruder, der rechts von mir saß, behauptete: „Das ist kein Zufall.“ –, ausgerechnet mitten in dieser Woche des Zorns, des Aufruhrs, der Niedergeschlagenheit, der herbeigesehnten Hoffnung: plötzlich dieses Konzert in Athen. Gestern, kurz nach meiner Ankunft, rief D. mich an und fragte: „Kommst du morgen mit? Im Herodes-Attikus spielt das Staatsorchester Mikis’ Erste Sinfonie und Axion Esti.“ Mir war völlig klar, dass nur wenige Zeit, Lust und das Geld haben würden, um in diesen Tagen in so ein Konzert zu gehen, zumal fast alle Kulturveranstaltungen abgesagt worden sind. Ich hab mich unglaublich geirrt. Innerhalb von drei Tagen waren die fünfeinhalbtausend Tickets ausverkauft. Hunderte Menschen versuchten vergeblich, irgendwie in das Theater unterhalb der Akropolis zu kommen. In den Sitzreihen ältere Leute neben sehr jungen, sehr viele Dreißig- und Vierzigjährige und eine Menge Touristen, die sich irgendwie eine Karte besorgen konnten. Dann kam er. Theodorakis, der in zehn Tagen 90 Jahre alt wird, im Rollstuhl langsam hereingeschoben in dieses Theater unter freiem Himmel, weißes Haar, blaues Hemd, eine große dunkle Sonnenbrille. Die Menschen riss es hoch, sie empfingen ihn. Der Klang des Jubels, der aus dem Gemurmel hervorschoss wie eine Fontäne. Das sollte an diesem Abend mehrmals passieren.
In der aufgewühlten Stimmung dieser Tage ausgerechnet diese beiden Werke. Die Musik offenbarte sich als eine kathartische Antwort auf das Gezischel beim Gipfeltreffen der europäischen Staatsoberhäupter in Brüssel und auf alles, was darauf folgte. Zu Beginn die Erste Sinfonie. Ein Mensch gegen den andern – so klingt das. Griechenland ist seit seiner Gründung ein Bürgerkriegsland. Im 19. Jahrhundert die Anhänger der Russischen Partei gegen die Anhänger der Französischen Partei. Die Anhänger des Katharevusa-Griechisch gegen die Anhänger der Volkssprache Dimotiki. Später die Monarchisten gegen die Venizelisten/Republikaner. Die Nationalisten gegen die Kommunisten im Bürgerkrieg. Die Sozialisten der Zentrums-Union gegen die Konservative ERE-Partei. Die PASOK-Anhänger gegen die Neue-Demokratie-Anhänger. Wenige entzogen sich dieser Entweder-Oder-Bürgerkriegsideologie. Hauptvertreter dieser Wenigen war Theodorakis. Die Erste Sinfonie, 1948/49 mitten im Bürgerkrieg komponiert, ist zweien seiner Freunde gewidmet, die in den unterschiedlichen Lagern gekämpft hatten und zu Tode kamen.
Im bipolaren Herrschaftssystem Griechenlands waren solche Sätze wie „Wir alle sind Griechen.“ und „Wir sollten uns nicht gegenseitig zerfleischen.“ außerordentlich rar und suspekt. Thedorakis, weil er so sprach und weil ihn „Parteigrenzen“ nie interessierten, war suspekt.
Seine Musik heute Abend für fünfeinhalbtausend Menschen die Katharsis. Es ist ihre eigene Musik, eine Offensive, eine poetische Befreiung aus dem Würgegriff „Brüssels“ und der „griechischen Politik“. Nimm dem Menschen die Luft – er wird darum ringen. In der Pause sagte einer feixend: „Ha! Wir hier drinnen gehören zu den Begnadeten. Wir sind die Fünfeinhalbtausend, die das einatmen dürfen, während die andern vor den Fernsehern sitzen und sich anhören müssen, was Tsipras zu sagen hat nach seiner Kreuzigung.“
Dann „Axion esti“ (Lobgepriesen sei), das Oratorium auf der Grundlage einer Gedichtkomposition, für die der Dichter Odysseas Elytis 1979 den Literaturnobelpreis erhalten hat – eine ganz andere Art von „Nationalhymne“. Loukas Karytinos dirigiert, George Dalaras singt. Die Menschen auf den Rängen mit sich eins.

Als ich nach Hause komme, läuft der Fernseher. Stamatia, die Freundin meiner Mutter, die gerade zu Besuch ist, sagt den Satz: „Er hat sich mehrmals entschuldigt.“ Tsipras hat im griechischen Fernsehen gerade die erste Pressekonferenz nach der Einigung mit der EU gegeben. „Er hat sich mehrmals dafür entschuldigt, dass er nicht einhalten konnte, was er versprochen hatte; er hat gesagt, dass es für Griechenland ein schlechtes Abkommen ist – und für Europa. Dass ihm aber keine andere Wahl gelassen wurde, als das so zu akzeptieren. Und er hat es schweren Herzens akzeptiert.“ – „Und was sagst du jetzt dazu?“, frage ich. Meine Mutter dreht sich abrupt zu mir, sieht mich an und meint: „Es hat sich noch nie ein Premierminister bei uns entschuldigt. Noch nie. Die andern hätten hundertmal mehr Grund dazu gehabt. Weißt du was: Der sollte Ministerpräsident bleiben. Der ist der Einzige und der Erste, der den Oligarchen wirklich an den Kragen könnte.“

In den Nachrichten überschlagen sich die Kommentatoren.

© Asteris Kutulas, 14.7.2015

(Photo: Mikis Theodorakis & Asteris Kutulas, Gewandhaus Leipzig, Axion esti Probe, 1983)

Athener Tagebuch, 13. Juli 2015 (Hinflug)

Die Stadt hält die Luft an

Mir scheint, vieles ist anders als sonst. Athen verändert sich in kurzen Abständen, als gingen Wellen darüber. Lisa sagte vor vierzehn Tagen auf der Schönhauser Allee in Berlin: „In den letzten fünf Jahren bekamen wir in Griechenland jedes halbe Jahr einen Schock. Ich fühle mich, als hätte ich statt des Herzens einen Elektroschocker in meinem Körper, der von irgendwo außen ab und an betätigt wird.“

Auf dem Herflug in der ausgebuchten Maschine nach Athen eine befremdliche Atmosphäre an diesem Tag 1 nach der erneuten Brüsseler „Griechenland-Rettung“. Nachdem wir die angepeilte Flughöhe von 10.000 Metern erreicht haben, fragt mich meine Sitznachbarin, eine junge Frau: „Sie sind doch Grieche – oder? Werd ich in Griechenland als Deutsche Probleme haben?“ Und meine 76-jährige Mutter, die mich mit ihrem alten Skoda vom Flughafen abholt, will als erstes wissen: „Sag mal, was denken denn die ganz normalen Leute in Deutschland über uns? Hassen die uns auch alle so sehr wie Herr Schäuble? Wollen die sich auch an uns rächen, für irgendwas?“

Es ist seltsam still in Athen, als würde die Stadt die Luft anhalten. Ich bin unterwegs, um Freunde am Exarchia-Platz zu treffen. Die U-Bahn ist voll. Die Menschen eigenartig ruhig. An den Fahrkarten-Entwerterautomaten leuchtet es in Rot: Außer Betrieb. Weil die Banken geschlossen bleiben, hat die Regierung verfügt, dass in Athen bis auf weiteres alle Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln kostenlos sind.

Am Exarchia-Platz, dem Treffpunkt der Athener Anarchisten-Szene, setze ich mich ins Café „Flora“. Stefanos P. kommt. Er erzählt, dass er vor kurzem arbeitslos geworden ist. Siebeneinhalb Jahre war er bei einer Druckerei beschäftigt. Jetzt bekommt er ein halbes Jahr lang monatlich 360 Euro Arbeitslosengeld. Danach nichts mehr. Stefanos ist außer sich, weil Tsipras in Brüssel „eingeknickt“ ist. „Das hätte er nicht unterschreiben dürfen“, sagt Stefanos erregt. „Es hilft Griechenland ja nicht, sondern so wird Griechenland unterjocht.“ Ich frage ihn, wie er überhaupt mit 360 Euro überleben kann. Er antwortet: „Frag mich lieber nicht. Ich muss mich irgendwie durchschlagen.“

Im Café Leere. Das Aircondition läuft, aber heute ist es nicht heiß. Ich schau kurz nach draußen. Auf dem Platz viele Menschen. Darunter drei, vier Männer, die lauthals gestikulierend in ihre Handys rufen. Stefanos bemerkt das und sagt: „Die bereiten den Aufstand vor. Am Mittwoch oder Donnerstag wollen zehntausend Anarchisten und etliche Linke gegen die Regierung protestieren. Dem müssten dann noch viele andere Menschen folgen und einen Generalstreik ausrufen.“ – „Und was passiert dann?“, frage ich. „Wir dürfen Tsipras das nicht durchgehen lassen. Wir haben beim Referendum ja nicht ohne Grund mit Nein gestimmt. Wir müssen Widerstand leisten.“ Dann schaut er auf die Uhr. Er reicht mir die Hand und verlässt das Café. Wolken am Himmel.

Zwanzig Minuten später kommt Alexandros. Er ist ein Dichter-Freund und arbeitet als Journalist. Wir haben uns lange nicht gesehen. „Weißt Du, was ich gerade mache?“, fragt er mich. „Ich übersetze gerade Texte eines ostdeutschen Autors. Wolfgang Hilbigs ICH – diesen Stasi-Roman.“ Alexandros bestellt einen Frappé und sagt unvermittelt: „Frau Merkel müsste doch eigentlich verstehen, was hier passiert! Dass das Volk auf die Barrikaden geht.“ Er streicht sich über den Nacken. „In Leipzig sind die doch auch damals auf die Straße gegangen. Und die hatten sogar was zu verlieren! Die hatten Arbeit, Wohnung, Essen war billig, Schule, Krankenversorgung. Und trotzdem hat’s denen gereicht. Die gingen auf die Straße ohne Plan, ohne Anführer. Mit vollem Risiko. Die haben irgendwelche Sätze gerufen. Wie war das …? Wir bleiben hier! Wir sind das Volk! Denen war klar, dass in ihrem Land Unrecht geschieht. Die hatten zu essen, aber sie hatten Hunger nach Freiheit. Wir haben auch so gefühlt und beim Referendum mit diesem Nein reagiert. Viele hier verstehen nicht, wie Frau Merkel, die doch aus Ostdeutschland kommt und das alles mitgemacht hat, für unsere Situation so wenig Verständnis hat und so knallhart bleibt.“

Versehentlich fegt Alexandros die Tasse vom Tisch, als er seine Worte mit einer schnellen Handbewegung unterstreicht. Der Rest vom Kaffee spritzt auf den Boden. Alexandros greift nach einer Serviette und sagt: „Das war die Hand von Frau Merkel, die uns vom Tisch kriegen muss. Die erwartet von uns etwas, was sie selbst nicht für sich gewollt hat damals in der DDR, als sie so alt war, wie wir jetzt. Wer soll das verstehen?“ Er schaut mich zweifelnd an. Ich als „deutscher Grieche“ müsste ja eine Antwort darauf haben.

Es ist 23.11 Uhr. Ich fahre mit der U-Bahn zurück bis zur Station in dem Viertel, in dem meine Mutter wohnt. Mein erster Tag in Griechenland geht zuende. Viele Fragen offen.

© Asteris Kutulas, 13.7.2015

(Photos by © Ina Kutulas)

Athen, Tag eins nach der Wahl (26.1.15)

Eine Kolumne aus dem griechischen Niemandsland

Am Sonnabend hatte es geregnet in Athen. Am Sonntag gingen die Griechen (und ich auch) wählen, und heute, am Montag, ist das Land, das unter der Krise wie kaum ein anderes in Europa gelitten hat, nicht wiederzuerkennen. Ein spürbares ungläubiges Aufatmen liegt in der Luft. Eine Leichtigkeit des Seins ist zu spüren, und die Menschen sind irgendwie freundlicher und relaxter. Vielleicht ist das alles aber auch nur Einbildung. Jedenfalls sagen Taxifahrer Sätze wie: „Samaras konnte in den letzten zweieinhalb Jahren nicht einmal die Reformen, die ihm Merkel & Co. aufgetragen haben, umsetzen. Der hat zu nichts getaugt.“

Mir ist ein wenig so wie damals, als die Mauer fiel. Nicht ganz so schön, aber fast… Das jedenfalls, was viele heute hier in Athen denken, kommt dem nah, was wir im November 1989 gespürt haben. Zum Beispiel, dass diese Wahl in Griechenland die Demokratie wiederhergestellt hat. Bis 2012 verfügte das herrschende politische System der beiden Parteien Neue Demokratie und PASOK fast vierzig Jahre lang konstant über 80% der Stimmen. 2012 stürzten diese beiden Parteien auf etwas über 30% ab. Es gab in der westeuropäischen Nachkriegsgeschichte keine deutlichere „Abwahl“ einer Politikerkaste, aber nicht nur, dass diese beiden Parteien – mit „Unterstützung Europas“ – weiter herrschten, auch ihre korrupten und klientelistisch strukturierten Führungen machten weiter, als wäre nichts passiert. Samaras, Papandreou, Venizelos, Bakojanni, Karamanlis, Kefalojannis etc. etc. – die alten Politikerfamilien, die zum Teil seit 100 Jahren Griechenland in ihren Besitz genommen hatten, dachten gar nicht daran, von der Macht zu lassen. Dadurch wurde die konservative Rechte und die Sozialdemokratie völlig diskreditiert und es offenbarte sich, dass PASOK und Neue Demokratie keine demokratischen Parteien, sondern hierarchisch strukturierte „Familienclans“ sind… Das zeigt sich sehr extrem am Beispiel der PASOK, die von 44% im Jahr 2009 auf jetzt 4% abgesackt ist, und deren Vorsitzender Venizelos (der noch amtierende Außenminister) vorhin im Fernsehen erklärt hat, dass er weitermachen will. Immerhin ist dadurch, dass die neue Partei von Giorgos Papandreou an der 3%-Hürde scheiterte, zum ersten Mal seit 92 Jahren keiner aus der Papandreou-Dynastie mehr im griechischen Parlament vertreten.

Diese Wahl hat aber in den Augen vieler Griechen nicht nur die Demokratie, sondern auch die Souveränität Griechenlands wieder hergestellt. Samaras & Co., die verantwortlich waren für diese größte Krise in der griechischen Nachkriegsgeschichte, hatten in den letzten Jahren nicht nur ihre politische Handlungsfähigkeit verloren – was immer offenbarer wurde –, sondern auch die Glaubwürdigkeit in jeder Hinsicht, vor allem aber ihre Fähigkeit, eine „griechische Politik“ für Griechenland zu gestalten. Das führte dazu, dass die „Troika“ für die Griechen zum Hassobjekt wurde, und die Samaras-Regierung erschien vielen als deren Handlanger, die es zuließen, dass Griechenland einerseits wie eine Bananenrepublik behandelt und andererseits die griechischen Bürger mit dem härtesten europäischen Austeritätsprogramm aller Zeiten für etwas bestraft wurden, wofür sie nicht verantwortlich waren.

Schließlich denken viele Griechen, unabhängig davon, ob sie rechts oder links sind, dass sie durch die Wahl von Tsipras ihre Würde wieder erlangt haben. Das ist vor allem als emotionale Reaktion auf ein noch nie dagewesenes Griechenland-Bashing in Europa vor allem in den Jahren 2010 bis 2012 anzusehen, angeheizt durch die Regierenden daheim. Und jetzt schicken die Griechen jene „Kollaborateure Europas“ in den Ruhestand, die keine einzige wirkliche Reform umgesetzt, sondern nur sozialen Kollateralschaden angerichtet, hunderte von Skandalen unter den Tisch gekehrt und täglich neue angehäuft haben.

Ich persönlich weiß nicht, ob die weichgespülten Linken der SYRIZA-Partei überhaupt etwas zustande bringen, zumal sie ein System zum Gegner haben, das sie nicht kennen und dem sie möglicherweise nicht gewachsen sind. Auf jeden Fall ist Herr Tsipras ein besserer Partner für die EU und auch für die Bundeskanzlerin, denn er will – im Gegensatz zu Herrn Samaras und seinen Vorgängern – tatsächlich etwas an diesem korrupten und heruntergewirtschaftetem „System Griechenland“ verändern. Und dies wäre endlich an der Zeit und völlig im Sinne Griechenlands und vor allem Europas.

Es ist kalt an diesem Montagabend in Athen, selbst im Restaurant „Tee“. Am Nebentisch sagt ein Mann zu seiner Frau, dass wir einen „historischen Tag“ erlebt und dass wir die erste linke Regierung in Europa haben. „Stell Dir vor“, sagt er, „ein kommunistischer Politiker verteilt Ministerposten. Unglaublich!“ Er zieht an seiner Zigarette, obwohl ein Schild ihm gegenüber anzeigt, dass hier Rauchen verboten ist. Dieses „unglaublich“ erinnert mich an die ersten beiden Anrufe von Tsipras gestern Abend, noch vor der Veröffentlichung der ersten offiziellen Hochrechnung, unmittelbar nach Bekanntgabe der exit polls. Sie gingen an den Chef der griechischen Polizei und den Oberbefehlshaber der Armee. Der Putsch von 1968 und die nachfolgende siebenjährige Diktatur steckt allen Griechen noch in den Knochen. Und Samaras hatte oft genug in seinen Wahlkampf die „kommunistische Gefahr“ heraufbeschworen. Einer seiner Minister hatte zwei Tage vor den Wahlen ausgesagt, dass er „alles notwendige“ unternehmen würde, um eine kommunistische Machtübernahme zu verhindern. Auch aus diesem Grund ist die Entscheidung, mit den Rechtspopulisten von ANEL ein Regierungskoalition zu bilden, vielleicht die strategisch weiseste innenpolitische Entscheidung von Tsipras: damit beendet er den 1944 bego097FotoClip-0003nnenen Bürgerkrieg.

Auf dem Nachhauseweg fliegen mir die Wahlplakate diverser Parteien entgegen, eines mit dem Slogan der Neuen Demokratie: „Wir sagen die Wahrheit“, eine Aussage die bereits heute, einen Tag nach der Wahl, sehr schräg und unwahr klingt. Und gleich danach kreuzt ein zerfetztes Plakat von SYRIZA meinen Weg: „Die Hoffnung kommt“, etwas, was die Griechen, offensichtlich sehr ungläubig, „hoffen“ wollen.

Asteris Kutulas, 26.1.2015