Apassionata-Tagebuch, Riesa, 20.10.2017 (abends)

Ein Traum-Tagebuch von Ina Kutulas zur Show „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Wer sein Herz in Enge schlagen lässt, verengt diese Welt, die sich weiten will und drehen. Das steht zwischen den Zeilen des Briefs. Sphäros ist eine Erscheinung in der Höhe, die Show entsteht in der Tiefe der Herzkammern. Der Einzelkämpfer verschwindet unweigerlich aus diesem höllisch unbestimmbaren Paradies. So sieht es das Schriftlose Gesetz der Apassionata vor, das in niemandes Hand liegt. Das Schriftlose Gesetz der Apassionata dirigiert ein Jedes in komplizierten Systemzusammenhängen, zu denen auch Bienen gehören und Kopfschmerzen, zu denen all das gehört, was eigentlich mit Apassionata nichts zu tun hat. Nicht direkt, so die Auskunft von “Chef”.

“Chef” regelt alle Angelegenheiten, “Chef” legt die Choreographie fest zwischen Umluft und Inwendigkeit, zwischen Inständigkeit sowie Outstanding Dept. “Chef” personifiziert sich oder nimmt Objektcharakter an oder wird zum Wetterphänomen. “Chef” kann und weiß nichts allein. “Chef” ist das Dezentrale. Entgegen dem menschlichen Organismus kann es eine Weile ohne Kopf existieren, indem “Chef” zur Hydra mutiert und eine Vielzahl von Köpfen aus sich herauswachsen lässt. Mit dem Feuer aus seinen nunmehr sieben Rachen zündet “Chef” die Sterne in einer Paten-Galaxis an, die sich im Jahr 2017 der “Apassionata” angenommen hat. “Chef” spricht in vielen Zungen und spricht sich aus, entsprechend der Natur eines jeden. “Was passiert, wenn 5000 Leute …?” – “Die Show”, so heißt es, “holt sich, wen und was sie braucht; alle anderen schickt nach jenseits von Apassionata”. Die Show hat sich “Chef” geholt, und “Chef” gibt sich diese Show. Niemand arbeitet für “Chef”, aber alle unterstellen sich ihm wie die Fußballspieler auf dem Feld nebenan, wie der Tonmeister, der sagt: “Gesundheit”, wie die Tänzerin, deren Arm einen perfekten Bogen beschreibt, der Regen und Sonne in die Arena holt und sieben Farben aufscheinen lässt, wie der Garrocha-Reiter, der Figuren in die Arena zeichnet, in denen der Dualismus des Universums sich verkörpert. Und die Halle hat sich das Schwarz geholt.

Das Schwarz schluckt alle und alles. Dann bringt dieses Schwarz das Leuchten hervor und wird zu seinem Träger. Zurückgezogen ins Dunkel, sitzen Tänzer, Reiter, Programmierer, Wächter1 der Show auf den Rängen, um vor sich die Bilder zu sehen, aus denen die Räume werden, in denen sie alle durch die Geschichte gehen werden und sie erzählbar machen. Musik und Licht beherrschen die Arena, Violinen, Bläser, Glocken. Die Halle macht sich selbst vergessen, sie stellt ihre Präsenz zurück. Blau und Gold umfließen die Pferdekörper. Blauviolett und Silber erklingen als Echo des Chaos, das dieser Show 2017 einen Neuanfang gibt, begreiflich dem Reiter mit dem grünen Schlauch, der sein weißes Pferd in Glanz und Form aus der Wirklichkeit hinübertreten lässt in die Ebene des Erzählten. Begreiflich der Priesterin an der Tafel, die die Früchte der Schöpfung sortiert und die Schalen auffüllt.

Vierzig Stunden ohne Schlaf lassen “Crew” nicht ermüden. “Crew” wird zu “Werc”, wenn das Wort in Spiegelschrift gelesen wird, und das Werk ist die Show, die Tänzer und Pferde zusammenführt, Musik und Sand, zauberische Bewegungen von Männern vor Tausenden von Klappsitzen, das gespiegelte Bild eines bevorstehenden Ereignisses. Ein unsichtbares Publikum ist anwesend, ausgesetzt dem hörbaren Rauschen von Planeten, die sich drehen und um die diese Show sich dreht. Hier gibt es viele Reiter, viele Achsen, viel Wirbel. Hannah findet abends Früchte, die größer noch sind als die Früchte am Morgen.

Bevor die Nacht kommt, weitet sich alles, um sich dann zusammenzuziehen und zu sich selbst zurückzukehren. “Chef” ist auch ein Philosoph, der sagt: “Umsicht”. Das gilt für jeden Tisch, jeden leeren Becher, jede Stolperfalle, jeden Kontakt, und es gilt für die Luftschiffzentrale hinter den Fünf Hügeln. Woppi, der vierbeinige Sachverständige, hat den Kopf gehoben. Das schwarze Pferd merkt auf. Hannahs Pullover-Leopardenherz verlässt sein Muster und wird ein Lichtspiel auf dem Boden der Halle. Morgen kommt Mascha Maria. Und Hannah bekommt eine neue Aufgabe. “Wir fangen an!” Ein schwarzes und ein weißes Pferd sind das Thema des Tages, Tag Acht vor Show-Start. Die hellen Mächte treten in die Lichtkegel, Lichtkegel, die stillstehn oder tanzen, Lichtkegel, die dunklen Mächten trotzen. “Chef”, das dezentrale Komplexikum, es kennt alle Formeln, die es hier braucht.

Ina Kutulas (die während der Apassionata-Proben immer hinter Asteris Kutulas saß)