Athener Tagebuch, 13. Juli 2015 (Hinflug)

Die Stadt hält die Luft an

Mir scheint, vieles ist anders als sonst. Athen verändert sich in kurzen Abständen, als gingen Wellen darüber. Lisa sagte vor vierzehn Tagen auf der Schönhauser Allee in Berlin: „In den letzten fünf Jahren bekamen wir in Griechenland jedes halbe Jahr einen Schock. Ich fühle mich, als hätte ich statt des Herzens einen Elektroschocker in meinem Körper, der von irgendwo außen ab und an betätigt wird.“

Auf dem Herflug in der ausgebuchten Maschine nach Athen eine befremdliche Atmosphäre an diesem Tag 1 nach der erneuten Brüsseler „Griechenland-Rettung“. Nachdem wir die angepeilte Flughöhe von 10.000 Metern erreicht haben, fragt mich meine Sitznachbarin, eine junge Frau: „Sie sind doch Grieche – oder? Werd ich in Griechenland als Deutsche Probleme haben?“ Und meine 76-jährige Mutter, die mich mit ihrem alten Skoda vom Flughafen abholt, will als erstes wissen: „Sag mal, was denken denn die ganz normalen Leute in Deutschland über uns? Hassen die uns auch alle so sehr wie Herr Schäuble? Wollen die sich auch an uns rächen, für irgendwas?“

Es ist seltsam still in Athen, als würde die Stadt die Luft anhalten. Ich bin unterwegs, um Freunde am Exarchia-Platz zu treffen. Die U-Bahn ist voll. Die Menschen eigenartig ruhig. An den Fahrkarten-Entwerterautomaten leuchtet es in Rot: Außer Betrieb. Weil die Banken geschlossen bleiben, hat die Regierung verfügt, dass in Athen bis auf weiteres alle Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln kostenlos sind.

Am Exarchia-Platz, dem Treffpunkt der Athener Anarchisten-Szene, setze ich mich ins Café „Flora“. Stefanos P. kommt. Er erzählt, dass er vor kurzem arbeitslos geworden ist. Siebeneinhalb Jahre war er bei einer Druckerei beschäftigt. Jetzt bekommt er ein halbes Jahr lang monatlich 360 Euro Arbeitslosengeld. Danach nichts mehr. Stefanos ist außer sich, weil Tsipras in Brüssel „eingeknickt“ ist. „Das hätte er nicht unterschreiben dürfen“, sagt Stefanos erregt. „Es hilft Griechenland ja nicht, sondern so wird Griechenland unterjocht.“ Ich frage ihn, wie er überhaupt mit 360 Euro überleben kann. Er antwortet: „Frag mich lieber nicht. Ich muss mich irgendwie durchschlagen.“

Im Café Leere. Das Aircondition läuft, aber heute ist es nicht heiß. Ich schau kurz nach draußen. Auf dem Platz viele Menschen. Darunter drei, vier Männer, die lauthals gestikulierend in ihre Handys rufen. Stefanos bemerkt das und sagt: „Die bereiten den Aufstand vor. Am Mittwoch oder Donnerstag wollen zehntausend Anarchisten und etliche Linke gegen die Regierung protestieren. Dem müssten dann noch viele andere Menschen folgen und einen Generalstreik ausrufen.“ – „Und was passiert dann?“, frage ich. „Wir dürfen Tsipras das nicht durchgehen lassen. Wir haben beim Referendum ja nicht ohne Grund mit Nein gestimmt. Wir müssen Widerstand leisten.“ Dann schaut er auf die Uhr. Er reicht mir die Hand und verlässt das Café. Wolken am Himmel.

Zwanzig Minuten später kommt Alexandros. Er ist ein Dichter-Freund und arbeitet als Journalist. Wir haben uns lange nicht gesehen. „Weißt Du, was ich gerade mache?“, fragt er mich. „Ich übersetze gerade Texte eines ostdeutschen Autors. Wolfgang Hilbigs ICH – diesen Stasi-Roman.“ Alexandros bestellt einen Frappé und sagt unvermittelt: „Frau Merkel müsste doch eigentlich verstehen, was hier passiert! Dass das Volk auf die Barrikaden geht.“ Er streicht sich über den Nacken. „In Leipzig sind die doch auch damals auf die Straße gegangen. Und die hatten sogar was zu verlieren! Die hatten Arbeit, Wohnung, Essen war billig, Schule, Krankenversorgung. Und trotzdem hat’s denen gereicht. Die gingen auf die Straße ohne Plan, ohne Anführer. Mit vollem Risiko. Die haben irgendwelche Sätze gerufen. Wie war das …? Wir bleiben hier! Wir sind das Volk! Denen war klar, dass in ihrem Land Unrecht geschieht. Die hatten zu essen, aber sie hatten Hunger nach Freiheit. Wir haben auch so gefühlt und beim Referendum mit diesem Nein reagiert. Viele hier verstehen nicht, wie Frau Merkel, die doch aus Ostdeutschland kommt und das alles mitgemacht hat, für unsere Situation so wenig Verständnis hat und so knallhart bleibt.“

Versehentlich fegt Alexandros die Tasse vom Tisch, als er seine Worte mit einer schnellen Handbewegung unterstreicht. Der Rest vom Kaffee spritzt auf den Boden. Alexandros greift nach einer Serviette und sagt: „Das war die Hand von Frau Merkel, die uns vom Tisch kriegen muss. Die erwartet von uns etwas, was sie selbst nicht für sich gewollt hat damals in der DDR, als sie so alt war, wie wir jetzt. Wer soll das verstehen?“ Er schaut mich zweifelnd an. Ich als „deutscher Grieche“ müsste ja eine Antwort darauf haben.

Es ist 23.11 Uhr. Ich fahre mit der U-Bahn zurück bis zur Station in dem Viertel, in dem meine Mutter wohnt. Mein erster Tag in Griechenland geht zuende. Viele Fragen offen.

Asteris Kutulas