Revolutionäre Melancholie – Südkorea-Tagebuch (21.9.19)

Henning und ich gehen zur Probe von Maria Farantouri und Tae Choon Jung, der hier so etwas wie der Konstantin Wecker Südkoreas ist. Alle kennen seine Lieder, ein linker Aktivist, der herrliche Melodien schreibt. Er und Maria werden am Sonntag ein gemeinsames Konzert geben. Mitten in der Probensituation sieht er mich plötzlich an, hält inne, greift nach meiner Hand und sagt: „Ich träume jeden Tag von Revolution.“ Und zu Maria: „Als ich dich vor zwanzig Jahren entdeckte und diese wunderbaren Lieder von Mikis Theodorakis hörte, befiel mich immer wieder eine endlose Melancholie. Es war so schön, dass ich an Selbstmord dachte.“ Maria sah ihn zweifelnd an: „Wenn ich singe, denkst du an Selbstmord?“ – „Ja, das ist so göttlich.“

Tae Choon Jung (rechts), südkoreanischer Liedermacher & politischer Aktivist, mit seiner Kalligraphie für Mikis Theodorakis

Ich musste an die vorgestrige Eröffnung des DMZ-Forums denken. Das Theodorakis-Lied „Der Zug fährt um acht“ ist hier in einer koreanischen Cover-Version ein Megahit. Alle kennen es. Die meisten wissen nicht, dass der Komponist Mikis Theodorakis ist. Als Maria das Lied in der griechischen Originalversion mit Klavierbegleitung zu singen begann, änderte sich sofort die Stimmung; das Publikum hielt den Atem an – der Beginn einer Reise … Einer der Direktoren des Art Centers flüsterte mir ins Ohr: „Ich muss weinen.“

Reunification Town. Demilitarized Zone. Between South and North Korea. (Infiltration Tunnel)

Gestern in der abgesperrten, demilitarisierten Zone. Am Check Point gutaussehende, modisch gestylte, bis an die Zähne bewaffnete Soldaten mit sehr coolen Sonnenbrillen: „No photos!“ Unsere Pässe wurden eingesammelt. Stacheldraht. Wachtürme. Die Regierungsvertreterin, die uns die „Visas“ besorgte und vom Einfahrtstor abholte – eine energische Schönheit um die 50. Sie erklärte uns, wie es sich hier leben lässt, in dieser „verbotenen“ Zone, die mich an die Tarkowski-„Stalker“-Atmosphäre erinnerte und zugleich an DDR-Grenzschutzanlagen. Wir fuhren los. Ingwer-Felder. Ein Fluss schlängelte sich durch die Hügellandschaft. Bussarde. Ein Naturreservat wie aus dem Bilderbuch.

„Haben Sie keine Angst, so dicht an Nordkorea zu leben?“, fragte Menas. „Absolut nicht. Falls etwas passieren sollte, ist es gut, dass wir eigentlich zu nah dran sind … und deshalb weder von taktischem noch von strategischem Interesse.“ Es ging in ein Dorf mit malerischen Häusern. „In der Zone gibt es drei „Dörfer“: unseres mit 60 Familien, ein anderes mit 40 Familien, wo Militärangehörige wohnen, und das größte mit 150 Familien. Da ist auch die Schule. Früher, während der Kriegshandlungen hatten zunächst alle die Zone verlassen müssen. Nach einer langwierigen Auseinandersetzung mit der Regierung konnten diejenigen zurückkehren, die hier geboren worden waren, Landeigentum besaßen und genügend Geld zum Hausbau hatten. Die Regierung übernahm die Kosten für die gesamte Infrastruktur, für die Verlegung von Strom- und Wasserleitungen etc.“ Mich interessierte: „Wie ist das, hier zu wohnen?“ Sie: „Sehr schön. Ruhig. Alles sicher. Alle sind hier sehr glücklich.“ Ich hatte meine Zweifel: „Trotz des Stacheldrahts?“ Sie lächelte: „Wir sind ja frei.“

© Asteris Kutulas, Seoul, 21.9.2019

(Photos by Asteris Kutulas)