Nach der Wahl: Beginn einer neuen Ära?

Wahl-Tagebuch, Athen, 8.7.2019

Tag 1 nach der Wahl. Sitze abends im Studio von Mikis Theodorakis, gegenüber die Akropolis, wir verfolgen zusammen gespannt die Abendnachrichten. Mitsotakis, Tsipras, Genimata, Koutsoumbas, Veropoulos, Varoufakis – die Vorsitzenden der sechs im Parlament vertretenen Parteien erscheinen einer nach dem anderen auf dem Fernsehbildschirm und geben Erklärungen ab. Die Kommentare einer Vielzahl von Journalisten überschlagen sich. In der ausländischen Presse wird der „Beginn einer neuen Ära für Griechenland“ regelrecht gefeiert. Die „Märkte“ sprechen der neuen Regierung ihr „Vertrauen“ aus. Tayyip Erdogan hofft, dass es ab jetzt in der Ägäis und im Mittelmeer keine Probleme mehr geben wird. Der Chef der aus dem Parlament geflogenen Neonazi-Partei „Goldene Morgenröte“ verspricht, umgeben von entschlossen nach vorn blickenden uniformierten Anhängern, wieder auf die „Straße“ zurückzukehren, „von wo wir gekommen und wo wir stark geworden sind“. Das kann man nur als Drohung verstehen. Mikis stellt den Fernsehton leiser und sagt: „Es muss in Griechenland endlich ein wirksames Anti-Nazi-Gesetz geben. Diese Typen müssen sofort verhaftet und verurteilt werden und gleich darauf ins Gefängnis – und zwar für lange. Es ist unerträglich, wie sie ungehindert ihre Hetz-Propaganda in der Gesellschaft verbreiten können. Ich habe so ein Gesetz schon 2013 gefordert; jetzt werde ich mich deswegen auch an Mitsotakis wenden.“ Mikis kaut auf seiner kubanischen Zigarre herum – die er aus gesundheitlichen Gründen aber nicht mehr rauchen darf – und stellt den Fernsehton wieder lauter.

Die Namen der neuen Regierungsmitglieder werden bekanntgegeben. 18 der 51 Ministerposten – in Griechenland gelten auch die „stellvertretenden Minister“ als Minister – sind mit Technokraten besetzt. Und fast alle anderen Minister erweisen sich tatsächlich als kompetente Fachleute für den Zuständigkeitsbereich des ihnen jeweils zugewiesenen Ministeriums. Das ist ein Novum in der griechischen Geschichte. In den letzten 100 Jahren galten andere Kriterien: Ministerposten wurden durch die mächtigsten Parteifunktionäre besetzt. Das war von Belang, nicht ihr fachliche Kompetenz. Den Bruch mit dieser unsäglichen Tradition hatte Mitsotakis vor seiner Wahl versprochen. Die Reaktionen innerhalb der Partei und innerhalb der Parlamentsfraktion werden wohl nicht lange auf sich warten lassen. Die Frage wird sein, wie lange Mitsotakis bei den zu erwartenden Angriffen standhalten will und wird.

Tsipras bekommt durch sein starkes Wahlergebnis von 31,5% der Stimmen eine zweite Chance. Es fühlt sich wie ein Sieg in der Niederlage an. Er wird die nächste Zeit nutzen, um auf der Grundlage einer großen Wählerschaft aus seiner mitgliederschwachen SYRIZA eine Volkspartei zu machen. Und er muss eine wichtige strategische Entscheidung treffen: Will er weiterhin in Europa zu den „Linken“ gehören, oder wird er sich über kurz oder lang im „grünen Lager“ positionieren?

Die kleinen Parteien werden durch die Polarisierung der beiden großen Parteien zwischen diesen zerrieben. „Potami“, „Zentrumsunion“ und „Goldene Morgenröte“ sind aus dem Parlament geflogen, in dem nicht mehr acht, sondern nur noch sieben Parteien vertreten sind. Im Fernsehen spricht gerade Kyriakos Velopoulos, dessen Partei „Griechische Lösung“ mit 3,7% neu ins griechische Parlament eingezogen ist. Bekannt wurde Velopoulos in den vergangenen Jahren als Kommentator in Spartenkanälen, als Telemarketing-Verkäufer von Büchern aus der eigenen Druckerei und als Vermarkter esoterischer Heilmittel. Dazu bemerkte mein Freund Wassilis Aswestopoulos in einem kürzlich geführten Gespräch: „Seine Wähler können keinen Widerspruch darin sehen, dass Velopoulos ihnen Haarwuchsmittel als „geheime Wundermittel“ verkauft, selbst aber eine nicht zu übersehene Halbglatze hat. Sie haben auch die von ihm als „Original Handschriften von Jesus Christus, unserem Gott!“ lautstark angepriesenen schriftlichen Dokumente einiger Mönche gekauft. Gebannt lauschen sie seinen Analysen, in denen er von einem wieder erstarkenden, zur Großmacht werdenden Griechenland schwärmt.“ Mikis schaltet den Fernseher aus und meint: „Es reicht. Hören wir uns meine 7. Sinfonie an.“ Sofort sind sie da, die Allmacht und die Schönheit der Musik. Und dann im dritten Satz die Worte von Jannis Ritsos: „Nächtlicher Hafen / Lichter, ins tiefe Wasser gerissen / Gesichter ohne Spuren, nichtssagend / kurz erhellt von den Scheinwerferlichtern / der Schiffe in einiger Entfernung / verschattet im Vorübergehn“.

© Asteris Kutulas

Text-Redaktion & © Photos: Ina Kutulas

Artikel-Veröffentlichung in der Tageszeitung „junge Welt“, 9.7.2019