Athener Tagebuch, 29.7.2015

Mikis Theodorakis wird 90

Heute hat Mikis Geburtstag. Ich bekam vormittags die Nachricht, dass es ihm nicht gut geht und er darum alle Verabredungen abgesagt hat. Kaum ein Fernseh- und Rundfunk-Sender, kaum eine Zeitung oder Zeitschrift ohne eine große Würdigung. Konzerte im ganzen Land. Selbst in Deutschland ein Tsunami von Veröffentlichungen in den Medien. Fast alle Zeitungen widmen Theodorakis halbe oder ganze Seiten. Süddeutsche, Welt, Tagesspiegel etc., mehr als 100 Publikationen am heutigen Tag allein in Deutschland. Kurz vor 18 Uhr überraschend der Anruf. Mikis ließ anfragen, wo ich denn bleibe, ich solle vorbeikommen.
Ich wollte schon immer mal wissen, wie große Komponisten ihren 90. Geburtstag feiern. Nun hab ich es erfahren: Mikis, leicht aufgerichtet in seinem Liegesessel, verfolgt im Fernsehen das Basketballspiel Litauen-Türkei. Weiter hinten der Parthenon und darüber der weite Himmel.
Mikis: „Da bist du ja. Ich wollte dich noch mal sehen, bevor du morgen nach Deutschland zurückfliegst.“ Er setzt die Sonnenbrille ab und zeigt auf sein rechtes Auge: „Siehst du“, sagt er. „Das Melanom verblasst langsam.“ Ein riesengroßer Bluterguss, seit Tagen auf seiner rechten Gesichtshälfte. „Deswegen hab ich die ganze Zeit die Sonnenbrille auf. Ich bin ja sonst nicht vorzeigbar.“ Ich frage ihn: „Wie ist denn das passiert?“ Er setzt die Sonnenbrille wieder auf: „Das, was mit Griechenland passiert, hat auf mich psychosomatische Auswirkungen …“ Er lächelt und schiebt die Fernbedienung ein Stück zur Seite. „Weißt du was … Diese Werke, die ich nicht geschrieben habe, die stören meinen Schlaf, immerzu …“ – „Na, dann schreib doch einfach noch was auf davon“, erwidere ich. Mikis führt seinen Zeigefinger zum Kopf und rollt mit den Augen: „Die Musik hat ihre eigenen Vorstellungen davon, wann sie aufgeschrieben werden will. Jedenfalls – diese ungeschriebenen Werke rebellieren. Sie lassen mich nicht schlafen.“
Ich sage: „Schade, dass du heute nicht zum Konzert kommst. Alle erwarten dich dort. Mein Freund Jaka ist nur deshalb aus Berlin gekommen. Er hat vor zwei Jahren mit seiner Cinema for Peace Foundation unseren „Recycling-Medea“-Film unterstützt.“ Mikis greift nach rechts und hält die neueste CD mit seiner Musik in der Hand, ECHOWAND. „Johanna Krumin singt das so, dass man zuhören muss. Näher kann man mir als Musiker nicht sein.“ Mikis signiert die CD und sagt: „Zu seinem 90. Geburtstag schenkt Mikis Theodorakis Herrn Jaka die CD ECHOWAND.“ Er dreht den Kopf zum Fernseher. „Ich muss jetzt gehen“, sage ich. „Das Konzert fängt bald an.“
Am Fahrstuhl passt R. mich ab. „Nein nein nein nein …, du kannst noch nicht gehen. Jetzt kommt die Geburtstagsparty.“ – „Was!?“, frage ich. R. drückt mir die Torte in die Hand. In der Mitte steckt eine brennende Kerze. Auf der Torte steht: „Mikis Theodorakis zum 90. Geburtstag“. R. schiebt mich vor sich her. Ich wieder zurück durch die Tür, mit der Torte in den Händen, dann R., ihr folgen Mikis’ Krankenschwester und zwei seiner Mitarbeiter. Mikis pustet freudig die Kerze aus, lehnt sich zurück und sagt mit breitem Lächeln: „Was für eine schöne Geburtstagsparty … Jetzt lasst mich aber weiter das Spiel Türkei gegen Litauen sehen.“

Asteris Kutulas