Die tierische Fabelhaft-Triade: Till Lindemann, Udo Lindenberg & Volker Braun

 

Das Lindenberg: Geilomat molluscisch

Das Lindenberg ist ein seltsames Tier. Es gehört zum Stamm der Mollusca und kann sowohl an Land, als auch im Wasser leben. Charakteristisch für seine Gattung ist ein weicher Körper, der sich bei Gefahr sofort hinter den harten Panzer seines Schneckenhauses zurückzieht. Beim Lindenberg allerdings stellen wir fest, dass sich seine äußeren Verhärtungen mit der Zeit nach innen kehren, aber auch, dass sein weicher Kern in den letzten Jahren durch alle möglichen Öffnungen nach außen drängt. Die vielen – vor allem gefiederten – Feinde des Lindenbergs bringt dieser Vorgang ziemlich aus der Fassung. Eine weitere Seltsamkeit besteht darin, dass das Lindenberg vor allem seichtes Wasser liebt, dabei aber die Untiefen der Meere nicht verschmäht. Bei einem seiner ausgedehnten Raubzüge in ihm unbekannten Gewässern hat das Lindenberg das verborgene Atlantis entdeckt und sich seitdem dort häuslich eingerichtet. Einen Namen hat sich das Lindenberg vor allem als Lautmaler gemacht, indem es seinen ödipalen Komplex in die molluscische Kunst – insbesondere in die Bildhauerei – einbrachte.

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Der Till Lindemann 

… ist, schaut man genau hin, eine Lindenfrau. Versenkt man sich wiederholt in ihren Anblick, erkennt man ihren weiblichen Charakter deutlich am Wurzelwerk, das die Erde umklammert und nicht wieder loslässt, ein Leben lang. Auch die klagenden germanischen Lieder, die immerfort im Rauschen ihrer Blätter hörbar werden, sind Ausdruck ihres femininen Charakters, genauso wie ihre vegetative Vermehrung: durch Stockausschlag und Wurzelbrut. Vor allem junge Leute verehren in der Lindenfrau Freya die germanische Göttin der Liebe und des Glücks. Das Gerücht, Lindemann sei männlich, lässt sich allerdings, wie die letzten Jahre gezeigt haben, nicht so schnell ausräumen und wird von ihr selbst sehr bewusst immer wieder in Umlauf gebracht. 

Das fraulich weiche Holz der Linde ist jedenfalls gekennzeichnet durch seine geringe Dauerhaftigkeit gegenüber Witterungseinflüssen. Daher wird es bevorzugt im Innenbereich als gutes Schnitzholz eingesetzt. Unter anderem hat Till Riemenschneider im Mittelalter seine Werke aus Lindenholz hergestellt. Von ihm entlehnte die sich in Lindemann verbergende Lindenfrau wohl auch den Vornamen, bei dem sie gerufen werden will. Vielleicht schämt sie sich inzwischen auch für ihre Vergangenheit, als sie nämlich vor 2.000 Jahren als „Gerichtslinde“ bekannt war, unter der die germanischen Gerichtsversammlungen abgehalten wurden. Anders als unter der als männlich verschrienen Stieleiche fielen die Urteile unter der Linde meist „linde“, also milde aus. Und dann ist da noch – sehr passend – der Wilhelm Müller: 

Ich musst auch heute wandern 
Vorbei in tiefer Nacht, 
Da hab ich noch im Dunkel 
Die Augen zugemacht.

Oft wird mir die Frage gestellt, warum die als Till Lindemann bekannte Lindenfrau sich nicht zu ihrem Sexus bekennt: dazu, dass sie nämlich eine Korbflechterin ist und kein Korbflechter. Ich glaube, sie tut es nicht, um ihren weichen Kern nicht preiszugeben. Lieber hüllt sie sich in eine grobschlächtige, gleichsam vor Männlichkeit strotzende Gestalt. Doch schon dieser Erklärungsansatz ist reine Spekulation. Und ich sehe ihn/sie leider nur sehr sporadisch, als dass ich den Mut und die Entschlusskraft aufbringen könnte, ihm/ihr solche Fragen direkt zu stellen. Und weiter gehts bis ans Ende der Nacht: 

Lindemanns Messer im Kopf

schleimschwer * brennts dir in den Augen * blattfarben * Spritzer von Spucke * sprich und sprich erzähl faß dich * kurz * Viper rote * Biest du * beiß dir ins Fleisch * wo * alles bleibt * wo * alles treibt * ich beginn * aufatme von vorn * Sporn * noch einmal * keinmal * steigen * in den Fluß * deine Blicke * unberedt * Fluß der von dir geht * fort * gehen muß * Fluß der sich anschleicht an mich * außer sich * bringt Federn * fängt Feuer * alles im Flug * Lot * mich in den Fängen * dich in den Engen * wutrot * alles bleibt * wo * in mir * wo * in dir * den Laut stoß * in die Höhle des Mundes * Hasenhundes * ausgehöhlte * hohle Worte * blasen sich auf * drohen * Wächter des Erdigen * des engelgefüllten Wagen * mein Wage hab ich * vollgelade * voll mit ihnen allen * Schleim auf der Linse * grinse * Lippen rissige * Worte bissige * such ich * dich suchend * weglos in mir * wo die Leere * Herzhöhle aufwartet * wo du * vergnügst dich * verhaßte Sehnsucht * geliebte Liebesflucht * sonnsternige * verläßt meine Augen * Lärm und Putztücher * die mir drohwinken * am Hals hast du sie * über der Schulter * als wär ich dir zur Linken * zu Lasten * als du zu mir kamst * beginn von vorn * denk dran * die Treppe * des Apfels Kern * ich ging kam herein * trat auf meinen Schein * Schatten * der dir in die Füße schnitt * dich fand * im Zorn im Angesicht * es strömte * nur so * Linien in denen ich las * und zurechtbog * Schrift * DEIN HINVERLANGEN * am langen Arm mich * mit meinem heimlichen Hang * Flucht * Sucht * verlier diese Spur * aus dem Blick die Stadt * die Stelle * Helle * den Ort * wo wir uns fertig gemacht * ausgelacht * abgeschlacht * die Ackerblume * Krume * der Platz * das Feld * das weite * mit tausend Ohren * Horen * aus dem Sinn * drum lad ich * alle meine Tage * die Fasern deiner Haut * die Falschheit meiner Waage * aus stell ich mich * schaff an immer an * Tag für Tag * Abend für Abend * schaff an * mein Gesicht mit dem Ausdruck darin * ganz schön * hab ich zugelegt * mich zu dir * das Nasse zum Trocknen * die Schere zur Pinzette * ins Bette die Schwere * den Spiegel zur Ehre * Seele ins Wort * Scherz beiseite * die Wahrheit * einzig gewahrt * diesen Unsinnsort * ich häng * an dir wie am Tropf * und durchtrenn den Schlauch * und feiere die Welt * ein Feuerwehrmann * ein allzu weiser Erdenheld * das Ende seh ich * bekämpf und lösch es mit Wasser und Schwert mit Feuer und Herd Messer Gabel Schere Licht * beschwer mich nicht * mit Speichel und Schleim und Rotz und Sporen und Quecksilberporen * ich werd und werd * nie wieder * Grad Celsius * nie wieder erreich ich den Punkt * neunhundert Jahre muss ich nun warten * bleib * die Viper * braucht Leib alle Zeit * häuten * will sich auch etwas in mir * ein Elendsgarten * leg mich * nicht auf die Seele dir * verlaß die Befehle * Laut der Kehle …..

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Till Lindemann Udo Lindenberg Volker Braun by Asteris Kutulas
Das Volkerbraun mit A.K. im Selfiemodus (photo © by Asteris Kutulas)

Das asymmetrische Volker Braun

Wir glaubten, überall sei eine Wanze – in den Betten, den Kisten, den Lampen. Wir mussten sehr lachen, denn wir wussten, die Bestecke zu benutzen. Das Braunvolker, das einzige Braun unter den vielen Negern. Es kippte Rotwein über die Hand jeder erschrockenen Frau. Danach war sie abgeschreckt. Manche bildeten sich ein, das sähe man ihm an.

Das Braun ist ein homerisch Dichtendes, dem allerdings die Zunge abgeschnitten wurde. Nur kurze Zeit später lernte es auch mit fehlender Zunge zu sprechen, was bis dahin keinem anderen Wesen vor ihm gelungen war. Allerdings schmerzte dies das Braun heftig, weswegen es sich gezwungen sah, verschiedenste Drogen einzunehmen, die wiederum Halluzinationen auslösten, was sich in Schriften wie „Gegen die symmetrische Welt“ oder „Es genügt nicht die einfache Wahrheit“ niederschlug. Das wurde – vor allem von seinen blutrünstigen Feinden als auch von seinen zahllosen Verehrerinnen – als verzweifelter Versuch gewertet, aus der realen Welt in eine entprägte zu entfliehen, in der dann alles möglich war.

Ich lernte das Braun kennen, nachdem die beiden Auguren Hasi und Nasi (Tierwesengestalten der anderen Art) mich heimgesucht hatten und ich – getrieben von Angst – Zuflucht bei ihm fand. Das Braun erzählte mir, dass es sich bei den beiden um die „Literaturbeauftragten“ der Stasi handele,  die mit allen Schreiberlingen und Szene-Literaten „Kontakt hielten“ … Dann kam das Braun zu einer eher hesiodischen Schlussfolgerung, als es zu mir sagte: „Du bist der Neger … und ich bin halt das Volkerbraun.“ Ich begriff nicht recht, wie das zu verstehen war, da ich als griechische Wesenheit – wie auch das Braun selbst – mit dem schwarzen Kontinent nicht unbedingt viel zu tun hatte, aber das Braun bestand darauf …

Das Braun war einer der theoretischen Vorbereiter für die spätere antike Schrift „Das Mittagsmahl“ und ebnete damit der Renaissance den Weg in die beste aller möglichen Welten, in der es damals lebte. Zwar warf man dem Braun vor, dass es müllere, aber eigentlich kippelte es immer nur und versuchte, sich durch detaillierte Nachforschungen auf dem Gebiet der Nibelungen einen Namen zu machen. So entstand ein Buch über das Schweigen und über die Pflicht zu sprechen. „Wer, wenn nicht wir?“ Es ging dem Braun nicht darum, die Wunden zu ironisieren, auch nicht, die Geometrie des Leidens zu beschreiben, sondern: das Leiden zu historisieren.

Als es in der attischen Demokratie drüber und drunter ging, flüchtete das Braun sich in den Bergbau und wäre dort sicher für immer geblieben, wenn nicht Pestilenzen und Kriege es an seine Bürgerpflichten erinnert hätten. So kam es dazu, dass das Braun auch als Feldherr keine sehr unbedeutende Rolle spielte, was es nicht nur in unzähligen Schlachten unter Beweis stellte, sondern auch dadurch, dass es diese in seiner Kampfschrift „Wir und nicht sie“ für die Nachwelt dokumentierte.

Nachsatz zu Volker Braun

Wir glaubten, überall sei eine Wanze – in den Betten, den Kisten, den Lampen. Wir mussten sehr lachen, denn wir wussten, die Bestecke zu benutzen. Volker, der einzige Weisse unter den vielen Negern. Er kippte Rotwein über die Hand jeder erschrockenen Frau. Danach war sie abgeschreckt. Manche bildeten sich ein, das sähe man ihm an.

© Asteris Kutulas, 2008

Bizarre Städte – Bibliographie

Bizarre Städte Bibliographie

Inoffizielle Buch-/Zeitschriftenedition in der DDR (1987-89)

Folgend das Inhaltsverzeichnis (Bibliographie) aller Veröffentlichungen des selbstverlegten Projektes „Bizarre Städte“:

Band 1 (1987)

Texte Grafik Fotos, Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1987 (120 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Harry Mohr – Grafik
Heiner Müller – Was jetzt in der Sowjetunion…/ Rede
Steffen Mensching – Wetter-Bericht/ Essay
Gregor Kunz – Expedition/ Gedichte und ein Text
Asteris Kutulas – Nafplion/ Ein Tagebuch
Harry Mohr – Grafik
Heinz Czechowski – Weltbild/ Gedichte, Essay
Volker Braun – Der Eisenwaggon/ Gedicht
Lothar Walsdorf – Ratten/ Gedichte und Texte
Ina Koutoulas – Echolot/ Gedichte
Horst Hussel – Grafik Horst Hussel – Hageböck und andere Vignetten
Hans Brinkmann – Chanson/ Gedichte und eine Handzeichnung
Harry Mohr – Grafik
Johannes Jansen/Bernd Janovski – Gehsteig/ Collage-Fragment
frank lanzendörfer – garuna, ich bin!/ texte, fotos, grafik

Dem Band ist eine eingelegte Handzeichnung von Johannes Jansen beigegeben.

21 nummerierte und signierte Exemplare.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Einband für Bizarre Städte Band 1 von Horst Hussel

Band 2 (1988)

Texte Grafik Fotos, Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1988 (186 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Erika Stürmer-Alex – Collage
Hans-Eckardt Wenzel – Immer wieder Gemeinsinn…/ Rede
Klaus-Peter Schwarz – Ein Saporosher schreibt…/ Brief
inka – Collage
bert papenfuß-gorek – ausdrückliche klage aus der inneren immigration
Klaus-Peter Schwarz – Dokument 17 und Splittersammlung
inka – Collage
Volker Braun – Der Freizeitpark inka – Collage
Heiner Müller – Wolokolamsker Chaussee IV
Ina Koutoulas – Passierschein/ Gedichte
Kerstin Hensel – 1 Märchen, 3 Gedichte und 11 Anschläge
Gerd Adloff – Modebericht/ Gedichte
Erika Stürmer-Alex/Ina Koutoulas – Herkunft Fritz
Rudolf Fries – Alexanders neue Welten/ Aus dem Filmszenarium
Horst Hussel – 6 Briefe an Herrn S. und 1 Zeichnung
Lothar Walsdorf – Frauen ohne Unterleib/ Gedicht vinka – Collage
Lothar Walsdorf – Erwachen/ Variationen…
Rabea Graf – Dialog 1979/ Das Mattenspringen
Asteris Kutulas – Delfisches Gespräch (12 Uhr mittags)
bert papenfuß-gorek – remembering cerstin remembering cerstin
peter böthig – kleiner versuch über den schaden/ essay
peter wawerzinek – mir tut die zunge weh…/ prosa
Bernd Janowski – Es lebe Österreich-Ungarn!/ Photo-biografischer Versuch über die Szene
Hans-Eckardt Wenzel – PAS DE DEUX ALLEMAND/ Ein Spiel
Ulrich Burchert – Bizarre Städte/ 4 Original-Fotos
Anhang – Texte zur Tonkassette

Dem Band ist eine Tonkassette beigegeben mit den “Städteballaden” von Hans-Eckart Wenzel und der Produktion “ation aganda” von bert papenfuß-gorek.

26 nummerierte und signierte Exemplare.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Einband für Bizarre Städte Band 2 von Erika Stürmer-Alex

Band 3 (1988)

Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1988 (115 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Steffen Mensching – Aus Gesichtern älterer Freunde/ Gedichte
Kathrin Schmidt – Der eben um die Ecke …
Adolf Endler – Fakt/ Notizen zu einem phantasmagorischen Unterhaltungstatsachenroman
Jan Faktor – Brief
Trakia Wendisch – Tanz/ 5 Bilder
Ina Koutoulas – Kein Sterbenswort/ Gedichte
inka – Beim letzten Ton des Zeitzeichens/ Collagen-Gedicht
Uwe Lummitsch – Ich, Hamlet oder …/ Texte
Volker Braun – Schiff im Land/ Gedicht (1963)
inka – Die unerwartete Rettung der Tochter
Volker Braun – Friedens-Fibel
Heinz Czechowski – Kraft meines Amtes/ Gedichte
Jan Faktor – Kaedings ausgedehnte Häufigkeitsuntersuchungen
Johannes Jansen – Fang/ Texte
Adolf Endler – Bubi Blazezaks gedenkend/ Prosa
Anhang: Giorgos Seferis – Zu einer Wendung von Pirandello/ Essay

Dem Band sind eine Tonkassette mit dem Feature “Stalingrad” von Christiane Müller sowie je eine Grafik von Gottfried Bräunling, Johannes Jansen und Harry Mohr beigegeben, die in einer von Trak Wendisch gestalteten und bemalten Kassette liegen.

24 nummerierte und vom Herausgeber signierte Exemplare.

Einband für Bizarre Städte Band 3 von Trak Wendisch

Dresden Band 1 „Querkette“ (1988)

Texte Grafik Fotos, Auswahl und Redaktion von Gregor Kunz und Thomas Haufe, Hrsg. von Asteris Kutulas, Dresden 1988 (55 Textseiten)
Gregor Kunz – Anstatt blumen/ Vorwort
Matthias Bolz – Fotografik
Tobias Wellemeyer – viola die tauben…/ gedichte
Simon Schade – Versuchsreihen/ Gedichte
Manfred Wiemer – Die Verhinderung des Tages/ Gedichte
Gudula Ziemer – Die Probe/ Erzählung
Leonore Adler – frau im sandhaus/ Leporello
Thomas Haufe – recht/fertig/vorwärts – Texte
Bernhard Theilmann – gruß vom Wolfplatz zwei/ Gedicht
Uwe Hübner – Teatime mit William/ Zwei Texte
Lutz Fleischer – Der kluge Kurt/ Text-Grafik
Yuri Winterberg – Ellens lange Strumpfhosen/ Gedichte
Lothar Barth – verendeter walzer/ Gedichte
Holger Wendland – Gori/ Text
Frank Herrmann – Zwei Fotos
Gregor Kunz – Statuengruppe/ Gedichte
Michael Wüstefeld – Junielegie…/ Gedicht
Uwe Hübner – Länder… / Prosa
Steffen Fischer – Vier Grafiken
Durs Grünbein – Versuch über Melli B./ Text
Manfred Wiemer – Orts Bestimmung der Zeit/ Essay
Ulrike Rösner – Grafik
Asteris Kutulas – Postskriptum des Herausgebers

Alle hier angeführten Grafiken, Fotos und Collagen sind signierte Originale, die im Buch eingebunden sind. Zusätzlich ist dem Band ist eine Grafik von Carsten Nicolai beigegeben.

47 nummerierte und signierte Exemplare.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Einband für Bizarre Städte Dresden Band 1 (1988) von Thomas Haufe

Dresden Band 2 (1989)

Auswahl und Redaktion Thomas Haufe und Gregor Kunz, Edition Bizarre Städte, Hrsg. von A.Kutulas, Dresden & Eggersdorf 1989 (43 Textseiten) (Veröffentlicht 1991)
Lutz Fleischer – Der Müllionär/ Graphik
Gregor Kunz – An Stadtrand. Kein Vorwort
Thomas Haufe – der teutsche michel/ auch kein vorwort
Thomas Rosenlöcher – Das Echo/ Gedicht
Manfred Wiemer – Zur Elbe/ Text
Reinhard Sandner – Im Steinbruch/ Sprachblätter
Thomas Haufe – krenzSituation
Gregor Kunz – Variationen/ NUR WORTE I-IV
Maja Nagel – Zwei Graphiken
Gregor Kunz – Variationen – NUR WORTE V – VII
Carsten Nicolai – Zwei schlafende Augen kleine Menschen fassen/ Graphik
Uwe Hübner – Wenn es am schönsten wird, kommt der Abgrund/ Zu Hermann Lenz
Lothar Barth – Dresden im Oktober/ Gedicht
Roger Bonnard – Zwei Siebdrucke
Lothar Barth – grafschaften & bistümer/ reise durch die bezirke
Gudrun Trendafilov – Leporello
Barbara Köhler – DRESDEN DER KLASSISCHE BLICK/ Texte
Leonore Adler – graugrünes wetter/ graphik-text-blatt Michael Wüstefeld – 2 Texte
Inge Thies-Böttner – Konstruktion
Michael Wüstefeld – 1 Text
Klaus Werner – I.K.A.N./ Rede & Graphik
Bertram Kronenberger – „Gott ist tot“/ Versuch über Friedrich Nietzsche
Jürgen Dreißig – Graphik
Holger Wendland – Patt/ Text
Frank Hermann – Graphik
Heinz Czechowski – Dresden, 13.Februar 1990
Asteris Kutulas – Editorial

29,5 x 22 cm. 44 Blatt und 3 Doppelblatt Text mit Einzeichnungen von Reinhard Sandner sowie 13 Original-Graphiken, davon 9 mehrfarbige, teils mit Text, 4 doppelseitige und 3 als Leporello (je dreifach gefaltete Blatt). Pappband und Umschlag mit einer umlaufenden Photographik von Matthias Bolz. (= Edition Bizarre Städte. Hrsg. von Asteris Kutulas).

Mit einer beigegebenen mehrfarbigen signierten Original-Graphik von Wolfgang Opitz. 

Alle eigebundenen Original-Graphiken entstanden für diese Ausgabe und wurden in der ‘HAUFENPRESSE’ von Irina Claußnitzer und Thomas Haufe gedruckt. Die Graphiken stammen von Lutz Fleischer, Thomas Haufe (signiert), Maja Nagel, Carsten Nicolai, Roger Bonnard, Gudrun Trendafilov (signiert), Leonore Adler, Inge Thies-Böttner (signiert), Klaus Werner (signiert), Jürgen Dreißig und Frank Hermann.

25 nummerierte und signierte Exemplare.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas
Einband für Bizarre Städte Dresden Band 2 (1989) von Thomas Haufe

Band 4 (1989)

Hrsg. von Asteris Kutulas und Gerd Adloff, Eggersdorf 1989 (82 Seiten)
Asteris Kutulas – Statt einer Vorrede
stefan döring – sinnlos/ gedichte
Gerd Adloff – Als mein linkes Bein…/ Gedichte
Ina Koutoulas – Ausreise/ Gedicht
frank lanzendörfer – sicherheitstrakte/ text
Johannes Jansen – Papageien sterben …/ Essay über Lanzendörfer
Mario Persch – Schonkost, Appetit und Selbstverpflegung/ Essay
Matthias Baader Holst – Ist es einfach, Punk zu sein?/ Selbsttötungen …
olaf nicolai – die fäden der ariadne/ annäherung
Jörg Niebelschütz – Imaginäre Rede/ Texte
Mario Persch – Autopsie/ Gedichte & Texte
Matthias Baader Holst – viel spaß auf der titanic/ texte
Thomas Bischoff – Im Standbild des Treptower Parks
Kerstin Hensel – Kassberg/ Erzählung
Annett Gröschner – Maria im Schnee/ Texte
Zu „Maria im Schnee“: F. Legler/ K. Hensel/ T. Köhler/ K.Laabs
Elisabeth Wesuls – Neunmalklug ist auch wieder dumm/ Essay
Annett Gröschner – Anekdoten/ Essay
Freymuth Legler – Fetzer/ Stück
Gerd Adloff – Nachrede
Anhang: Asteris Kutulas – 1 Erwiderung & 1 Anmerkung

54 Exemplare.

Bizarre Städte, Asteris Kutulas

Sonderheft 1 (1989)

Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1989 (73 Seiten)
Asteris Kutulas – Vorwort
Heinz Czechowski – Hotel Smolka/ Gedichte
Jurij Koch – Die Schmerzen der auslaufenden Art/ Essay
Steffen Mensching – Literatur und Wirkung/ Rede
Uwe Kolbe – Rundfunk-Essay
Lothar Trolle – Meine Klassiker und ich/ Geständnisse
Uwe Hage-Ali – „Wir sind kein Familienkreis…“/ Betrachtung
Adolf Endler – Randnotiz über die Engel Sarah Kirschs
Christiane Müller – Das Private…/ Drei Interviews mit Malerinnen
1) Doris Ziegler
2) Annemirl Bauer
3) Angela Hampel
Anmerkungen

54 Exemplare.

Sonderheft 2 (1989)

4° (29 x 20,5 cm). 74 Blatt mit einem signierten Original-Siebdruck („Wohingehen“) von Harald Gallasch und einem xerokopiertem Photo von Ulrich Burchert. Schwarzer Karton, geheftet mit schwarzem Leinenstreifen. Vorderdeckel mit montiertem Titelschild (= Edition Bizarre Städte. Hrsg. von Asteris Kutulas).

Hrsg. von Asteris Kutulas, Eggersdorf 1989 (74 S.)
thomas haufe – die sanfte hölle & das pro im contra
rainer schedlinski – aussichtslos…/ 3 gedichte & 1 brief
Erich Sobeslavsky – Antwort an Ralf Winkler/ Gedicht
Fritz Rudolf Fries – Nun ja! …/ Für C. Wolf
Trakia Wendisch – Extremistische Prosa
Matthias Flügge – „Kunst, Sprache, Kunstkritik“ (Rede) Jörg Wolf – Zum Verhältnis Kultur-Volkskultur Angela Hampel – Rede
Hubertus Giebe – Rede
Johannes Heisig – Rede
Zur „Lücke“ (1971-76)
Wolfgang Opitz – Ralf Winkler und die dresdner „Lücke“ (Interview)
Ullrich Burchert – Wolfgang Opitz/ Foto
Ralf Winkler – Manifest 1971
Harald Gallasch – Negation…/ 3 Texte & 1 Siebdruck
Anhang: Mikis Theodorakis – Anti-Manifest (Auszug)

49 nummerierte und signierte Exemplare.

Sonderheft 3 (1989)

Hrsg. von Asteris Kutulas, Eggersdorf 1989 (56 Seiten)
Volker Braun – Die Wende/ Gedichte
janet fiedler – unterstellen wir…/ Essay
Holger Teschke – Durch die Geschichte…/ Rede
Holger Jackisch – Nach der Art unseres Landes/ Essay
rainer schedlinski/andres koziol – editorial zur ariadnefabrik
asteris kutulas – .usf 1,2,3/ rede
Heinz Czechowski – Wohin?/ Rede
thomas haufe – kopfsäge/ 2 texte
lothar barth – annoncen/ 1 film & 2 gedichte
Lothar Trolle – Barackenbewohner/ Bibelgeschichte
Reinhard Jirgl – Brunnen-, Ecke Invalidenstraße …
detlef opitz – fliehend bomben/ erzählung
Helga Schubert – Die Parade
Gundula Ziemer/Holger Jackisch – Akropolis Nr.13/ Reportage
Anhang I: Odysseas Elytis – Immerzu kauen die Pferde …/ Texte
Anhang II: Jannis Ritsos – 9 Tristichen

60 Exemplare.

Sonderheft 4 (1989)

Hrsg. von Asteris Kutulas, Eggersdorf 1989 (71 Seiten)
Steffen Mensching – Notate im November
Heinz Czechowski – Ein bißchen zuviel/ Gedicht
Christoph Hein – Gutgemeint ist das Gegenteil von wahr/ Rede
Fritz Rudolf Fries – Die Westmark fällt weiter – eine Utopie?
Elmar Jansen – Stadt-Bilder, Traum Bilder/ Skizzen zu einem Roman-Führer
Peter Böthig – Subverstanden/ Essay zu Lanzendörfer
frank lanzendörfer – brandvorsatz/ 2 texte
cornelia sachse – around. before LISA in america/ Text
Lothar Trolle – Die Frauen/ Bibelgeschichte
Thomas Bischoff – Thesen zum (Theater)Naturalismus in der DDR
Fritz Rudolf Fries – Notate zu Bildern von Heinz Trökes und Otto Möhwald
Asteris Kutulas – Nachbemerkung
Anhang
Therese Dietrich – Philosophiekongreß 89
Christoph Hein – Öffentliche Erklärung
Heinz Czechowski/Thomas Rosenlöcher – Brief
Mikis Theodorakis – Meine Zusammenarbeit mit den griechischen Konservativen/ Interview
Fritz Rudolf Fries – Braucht die neue Republik neue Autoren? Versuch einer ernsten Glosse
Asteris Kutulas – Bibliographie der Bizarre-Städte-Produktion

60 Exemplare.

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Grafikedition Bizarre Städte (1988)

(Mappe in bemaltem Schuber)
Mit Grafiken von Gottfried Bräunling, Horst Hussel, Johannes Jansen, Harry Mohr, Erika Stürmer-Alex, Trak Wendisch. Mit einem Text von Elmar Jansen. Hrsg. von Asteris Kutulas, Berlin 1988.

26 nummerierte und signierte Exemplare.

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johannes jansen & rainer görß, problemtext/problemskizzen (1989)

edition bizarre städte, hrsg. von asteris kutulas, eggersdorf 1989.

39 nummerierte und signierte Exemplare.

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Ina Kutulas & Gottfried Bräunling – Gedichte & Grafik (1987)

Sonderedition Bizarre Städte, Berlin & Athen (o.J.) [1987] Mit 12 mehrfarbigen Siebdrucken.

100 nummerierte und signierte Exemplare.

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Bizarre Städte Bibliographie. Alle Bücher/Hefte (auch die Grafikedition) im Din A4-Format. Das jansen/görß-Heft im Din A5-Format. Sämtliche Texte in den „Bizarren Städten“ sind mit einem Atari-Computer geschrieben und mit einem Tintenstrahldrucker vervielfältigt worden. Einige Beiträge von Band 1 und alle von Band 2 und 3 wurden auf getöntem Recycling-Papier xerokopiert. Für den zweiten Dresden-Band wurde weißes Recycling-Papier für die Fotokopien verwendet. Die Sonderedition hat ein eigenes Format. Der Text ist gesetzt und gedruckt worden, das Buch fadengeheftet.

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Auf die Idee, eine „unabhängige“ Zeitschriftenedition in eigener Regie zu produzieren, kamen wir mit Johannes Jansen und Ina irgendwann mal im Frühjahr 1987. Von Johannes kam auch der Titelvorschlag in Anlehnung an das Gedicht „Bizarres Städtchen“ von Vítezslav Nezval. Das ganze war eine Art gelebter Utopie an diesem „Kein Ort. Nirgends“, der damals für uns Pankow hieß. Der erste Band erschien 1987, der letzte 1989, kurz nach dem Mauerfall. Im Nachhinein betrachtet, war es schon irgendwie „Selbstbetrug“, eine große Portion „Feigheit“, gepaart mit einer kleinen Portion Mut. Ein winziger Kreativitäts-Strohhalm in einem stürmischen Meer. Wir waren jedenfalls nicht ganz Herr der Lage.

Asteris Kutulas, Herausgeber der „Bizarren Städte“, 1991

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Autoren, Maler, Fotografen oder Musiker, die in BIZARRE STÄDTE veröffentlicht haben (alphabetisch)

Adler, Leonore
Adloff, Gerd
Barth, Lothar
Bauer, Annemirl
Bischoff, Thomas
Böthig, Peter
Bolz, Mathias
Bonnard, Roger
Braun, Volker
Bräunling, Gottfried
Brinkmann, Hans
Burchert, Ulrich
Czechowski, Heinz
Dietrich, Therese
Döring, Stefan
Elytis, Odysseas
Endler, Adolf
Faktor, Jan
Fiedler, Janet
Fischer, Steffen
Flanzendörfer
Fleischer, Lutz
Flügge, Matthias
Fries, Fritz Rudolf
Gallasch, Harald
Giebe, Hubertus
Görß, Rainer
Gröschner, Annett
Grünbein, Durs
Hage-Ali, Uwe
Hampel, Angela
Haufe, Thomas
Hein, Christoph
Heisig, Johannes
Hensel, Kerstin
Herrmann, Frank
Holst, Matthias „Baader“
Hübner, Uwe
Hussel, Horst
Jackisch, Holger
Janowski, Bernd
Jansen, Elmar
Jansen, Johannes
Jirgl, Reinhard
Koch, Jurij
Köhler, Barbara
Köhler, Thilo
Kolbe, Uwe
Koutoulas, Ina
Koziol, Andres
Kronenberger, Bertram
Kunz, Gregor
Kutulas, Asteris
Laabs, Klaus
Lanzendörfer, Frank
Legler, Freymuth
Lummitsch, Uwe
Mensching, Steffen
Mohr, Harry
Müller, Christiane
Müller, Heiner
Nagel, Maja
Nicolai, Carsten
Nicolai, Olaf
Niebelschütz, Jörg
Opitz, Detlef
Opitz, Wolfgang
Papenfuß-Gorek, Bert
Persch, Mario
Ritsos, Jannis
Rösner, Ulrike
Rosenlöcher, Thomas
Sachse, Cornelia
Sandner, Reinhard
Schade, Simon
Schedlinski, Rainer
Schubert, Helga
Seferis, Giorgos
Schmidt, Kathrin
Schwarz, Klaus-Peter
Sobeslavsky, Erich
Stürmer-Alex, Erika
Teschke, Holger
Theilmann, Bernhard
Theodorakis, Mikis
Thies-Böttner, Inge
Trendafilov, Gudrun
Trolle, Lothar
Walsdorf, Lothar
Wawerzinek, Peter
Wellemeyer, Tobias
Wendisch, Trakia
Wendland, Holger
Wenzel, Hans-Eckardt
Werner, Klaus
Wesuls, Elisabeth
Wiemer, Manfred
Winkler, Ralf
Winterberg, Yuri
Wolf, Jörg
Wüstefeld, Michael
Ziegler, Doris
Ziemer, Gudula

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Bizarre Städte, Asteris Kutulas, DDR-Kunst
Metallschuber der Edition „Ausdrückliche Klage“

Der Bizarre Städte „DDR-Sarg“: Ausdrückliche Klage aus der inneren Immigration (1992)

Ausdrückliche Klage aus der inneren Immigration. Texte und Grafiken aus der DDR. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Asteris Kutulas und Udo Tietz. Echternach (Luxemburg), Edition Phi (April 1992). 4° (34 x 26 cm). 25 Blatt mit 8 ganzseitigen (davon 5 mehrfarbigen) Original-Graphiken. Heller Pappband mit rotem Deckeltitel und gelben Rückentitel in Metallschuber, mit gelber, roter, schwarzer und weißer Typographie.
125 handschriftlich nummerierte und von der Herausgebern signierte Exemplare. Druck in Rot und Schwarz auf 250 GR RIVES BFK.
Enthält Graphiken von Frank Wahle (Holzschnitt), Frank Lanzendörfer (Siebdruck), Angela Hampel (Siebdruck signiert), Trak Wendisch (Siebdruck, signiert), Antoinette Michel (Siebdruck signiert), Wolfgang Henne (Lithographie signiert), Johannes Heisig (Lithographie, signiert) und Steffen Volmer (Lithographie, signiert).
Textbeiträge (teils Erstdrucke) von Bert Papenfuß-Gorek „klage aus der inneren immigration“, Ina Kutulas, Frank Lanzendörfer, Kerstin Hensel, Gregor Kunz, Steffen Mensching, Kathrin Schmidt, Hans-Eckardt Wenzel, Lothar Walsdorf, Uwe Kolbe und Hans Brinkmann.

http://asteriskutulasblog.live-website.com/2008/04/08/bizarre-staedte-ddr/

http://asteriskutulasblog.live-website.com/2017/08/13/bizarre-stadte-interview/

Aus dem Leben eines Taugenichts-Germanisten (Tagebücher 1979-84)

Germanistik Leipzig Tagebuch (während meines Studiums 1979-84 an der Universität Leipzig)

Ich habe hier in meinem Germanistik Leipzig Tagebuch einige meiner zahllosen Tagebuch-Notizen aus der Zeit meines Germanistik-Studiums in einer kleinen Auswahl zusammengefasst, die ein Puzzle von Eindrücken aus jenen Jahren ergeben, die für mich unglaublich intensiv und sehr spannungsreich verliefen. Diese Notizen sollen die ständige Suche, Naivität, Unverfrorenheit und Lust offenbaren, die mein Leben damals prägten und einen ausschnitthaften Blick in die ziemlich melancholische „Welt eines Germanistik-Studenten“ ermöglichen, der zwischen DDR und Griechenland changierte. 




1979, Literatur und Obsessionen

25.10.79 ||| Die Zeit ist so schnell vergangen, wie im Fluge. Kein Halten. Nun bin ich Germanistik-Student. Alle Tage lernen, lesen, lernen, lesen ad infinitum. Die Deutsche Bücherei: meine zweite Heimat, Wohnung, ein Bett dort wäre gut. Das Studium ist mein Element. Hoffentlich bleibt es das auch. 
Vergangenes Wochenende war ich in Weimar beim Zwiebelmarkt. Der Zug kam um vier Uhr früh im Weimarer Hauptbahnhof an. Die Fahrt über musste ich stehen, weil er überfüllt war – ich zwischen den Aussteigern der Gesellschaft, den Rockern, Intellektuellen und Sehnsuchtsvollen. Es herrschte eine unwahrscheinliche Kälte. Auf dem Bahnhofsvorplatz standen die Hundertschaften der Polizei mit Hunden Spalier. Das Willkommen der Staatsmacht, aus reiner Vor-Sorge, damit wir wissen, wer hier die Kontrolle und das Sagen hat. ||| Ich hoffte, Tati zu finden. Doch sie war mit Bettina Wegner bereits nach Halle-Neustadt gefahren, wohin auch ich mich am Sonnabend begab. Dort tauchte dann Peter auf. Allerdings war Tati inzwischen wieder nach Leipzig getrampt und suchte mich. Das Konzert mit Bettina Wegner in Halle war melancholisch, voller Trauer. Ich übernachtete in irgendeinem Zelt der zugereisten Wegner-Fans. Nach dem Konzert, irgendwann mal spät nachts, bot mir ein abgefahrener Freak an, mit seiner Freundin zu schlafen. Was diese Leute zusammenführt und zusammenhält sind Illusion, Selbstbetrug, Mode, Hass, Träume. In Halle-Neustadt waren Werkstatt-Tage der Jungen Gemeinde. Unter dem Dach der Kirche lasst es sich einfacher opponieren. 



30.10.79 ||| Ich wachte heute in einem mir fremden Bett auf. Sie dachte, was er will. Und sagte, beruhig dich. Die andern sind nicht mehr da, du kannst wieder aufstehn, dich waschen, deine Zigarette rauchen, deine Angst ablegen. Diese Maske, dachte sie. Und flüsterte, oder schlaf einfach. Du musst nichts tun. Keiner wartet mehr auf dich. In seinem Gehirn überschlugen sich Bilder, er tastete unentwegt den leeren Raum ab, schrie, Erbarmen! Habt Erbarmen mit uns! Mit uns?, fragte sie, schaute ihn an, stand auf, sich gegen seinen Wahn zu wehren, irgendwie. Er aber starrte nur, verstand ihre Frage nicht. Das ist so, erklärte er, sie schüttelte damals die Furcht ab und schritt langsam durchs Wohnzimmer, das sie schon seit Jahrhunderten umgab. Er versuchte vergeblich, diese Assoziation zu verdrängen, es riss ihn tiefer und tiefer in den Sumpf.

23.12.79 ||| Der Wievielte ist denn nun heute? Diese Frage stelle ich mir jeden Tag, und ich kann nicht glauben, in welch rasantem Tempo die Wochen verfliegen. Selbstbetrug. Nachdenken – Zeit der Rechenschaft, als ob ich Dir etwas oder wenig verraten kann. Ach ja, Festival ist, und damit kam auch die Erinnerung an meine Einsamkeit zurück. Schade, dass sich Gedanken ohne Anmeldung einstellen. Rufe ich sie denn? – wie das Gedächtnis, das mich nicht fragt nach Einstellung und Passion. Wie Dich und all die anderen. Verständnis … All das fällt mir so schwer … Literatur als Rettungsanker.

1980, Germanistik und Lyrismus

31.3.80 ||| Die Sonne rettet mich immer wieder, obwohl meine Naivität immer wieder versucht, mir Fallen zu stellen. Dann stürze ich jedes Mal ins Bodenlose – mit dem Kopf zuerst. Und vielleicht rettet mich das jedes Mal (dieses Stürzen + Sonne), weil man doch mit dem Kopf denkt. ||| Immer: Zeichen von Kontinuität mit Sinn. Denn, nur dann lernt der Mensch und das ist zwingend. Habe in letzter Zeit schöne Briefe bekommen. ||| … Es gibt Menschen, die mir viel bedeuten und denen ich niemals wehtun möchte und es vielleicht doch mit jedem Wort tun muss, weil ich nicht lügen kann … ||| … So, jetzt weißt du über mich bestens bescheid, ist jetzt schon nach Mitternacht. Lass mal hören, was Du zurzeit treibst. ||| Ich … Und … Die Tropfen meiner vergessen geglaubten Gedanken versickern langsam und sinnlos in die Erde.

5.4.80 ||| Du. Vermeintliche Stille. Du. Die sich in meinem Verstand bewegend, erinnernd versucht, mich abzulenken. Um dich zu berühren, muss ich dich verletzen. Um dich zu verstehen, muss ich mich bezwingen. So, wie die Tränen bitter die Wange hinuntergleiten, gleich einer suchenden Lupe, die verlöschende Spur der Einsamkeit hinterlassend, sehe ich dich mir zulächeln. ||| Schrei. Aufschrei. Beschrei ihn doch. Er ist nur – das Glück. (Dieser schmutzige Bastard der Einbildung.) Aufschrei deines Magens und der deiner Beine gegen das Eintreten in die Alltäglichkeit. Und der deiner Geschlechtsorgane, die ihre Identität verloren. Sumpf deiner Erinnerung. Essen. Aufessen. Iss doch – deine Gemütlichkeit Gabel – dein Stumpfsinn Maul. Du bist doch … der glücklichste Mensch.

1.6.80 ||| Die mich glücklich machen, wissen es nicht.

13.6.80||| Jeder Germanist soll ein verkappter, ein gescheiterter Lyriker sein. Bei mir stimmt das zu 100%. Griechenland rückt näher. Verlorenes Lachen. Sucht deine Lippen. Flüchtig. Insektengleich mit leichten Flügeln. Ein saurer Geschmack. Berührt. Deine Lippen. Versucht. Deine Augen. Versucht. Und erstickt an einem Tropfen. Versinkt darin. Wie die Selbstverständlichkeit deiner Unruhe. 



14.6.80 ||| Heute Sprachtheorie-Klausur. Dann nach Dresden gefahren. Bekam Besuch. Habe mich wieder einmal unmöglich (d.h. sehr gereizt und nervös) verhalten.

23.6.80 ||| Prüfungsvorbereitung von morgens bis abends. Die Germanistik treibt mich in den Lyrismus.

29.7.1980, Dresden ||| Schluss. So fühle ich mich auch. Das erste Studienjahr der Germanistik ist vorbei. Am Freitag wartete ich auf die Straßenbahn, um zum Bahnhof zu fahren – und für einen Augenblick war ich traurig bis tief in die Seele. So, nur ganz kurz, fühlte ich, wie ich an diesem Leben hänge (Literatur, Literatur, Literatur). Auf eine existentielle Art und Weise hat mir Leipzig viel gegeben – die Spannung, das Studium, die Leute. Nur aufpassen, dass mir das alles nicht über den Kopf wächst. Leider komme ich noch nach einem Jahr nicht mit allen Leuten aus meiner Seminargruppe zurecht: „Richtig“ kenne ich niemanden. Das liegt auch an meiner Überheblichkeit – Literatur ist alles … Jetzt sind Ferien … Schluss.

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10.9.80, Athen ||| „Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger gelesen: ein großes Erlebnis – ich habe gelacht, mir kamen die Tränen. Es entsprach mir sehr. Amerika muss irre sein. Eine verrückte, sinnlose, alles absorbierende Welt. ||| Ich müsste langsam anfangen, etwas zu schreiben. Mir ist irgendwie alles egal – einerseits, andererseits bin ich schrecklich arbeitsbesessen. Salinger-Einfluss. Ich fühle mich wohl und zugleich deprimiert. Ich kann mich auf nichts richtig konzentrieren und es ausdauernd betreiben – fühle, dass ich eine langwierige Krise durchmache – so unsicher, so sicher, voll von Kram, leer, Punkt Punkt Punkt, Musik ist was Schönes und Kerzen und Liebe, außerdem die kühle Feuchtigkeit der Träne und das erloschene Licht und italienisch … 

    

16.9.80, Athen ||| Heute fahre ich ab, zurück nach Leipzig. Erwartung, Hoffnung – verflogene Traurigkeit … ||| Im Zug: „Vielleicht“ – das Wort gefällt mir sehr. Nicht, dass ich es „kenne“, aber ich mag es. Schon wieder. All diese Zeit, vergangen (was sehr wichtig ist), hinter den hohen Wolken vereint, trotzen, ohne Sinn; zum Teil verwest, wer weiß. Blicke aus blassgrünen Augen, versuchen deine Stirn zu berühren.

1.10.80, Berlin ||| Shakespeares‘ „Zähmung der Widerspenstigen“ im Berliner Ensemble gesehen. Oder auch: mehr zu wissen als andere, sich in die Lüfte erheben, auskosten das miese Leben und all diejenigen hintergehen, die uns umgehen und nicht wissen, wer wir sind. Ja, ja, nur so kann das Glück für uns Glück bedeuten.

17.10.80 ||| Bin inzwischen definitiv theatersüchtig. Freitag Carl Sternheims „Bürger Schippel“ gesehen. |||Sonnabend mit M. verbracht, die mich nach Dresden begleitete (eigenartiger Mensch; über sie muss ich mal nachdenken). Sektfrühstück: schöne Sache. Noch schöner … wenn man sich lieben würde. ||| „Woyzeck“ mit Klaus Kinsky gesehen, Wahnsinn. Großartiger Film von Werner Herzog. Ja, so kann man Büchner für heute, für die Gegenwart erschließen. Und dazu noch mit einer fast wörtlichen Textkonsequenz. ||| Sonntag: „Lina Braake“ von Bernhard Sinkel gesehen.

16.11.80 ||| Intensive Zeit, weil ich viel schaffe. Vielleicht nicht fachlich, aber immerhin: Einige spannende Filmklassiker gesehen: Eisensteins „Que viva Mexiko“, Ingmar Bergmanns „Das siebente Siegel“, Georgi Danelijas „Marathon im Herbst“. Und im Staatstheater Dresden eine grandiose Aufführung von Lessings „Nathan der Weise“.||| Außerdem Übersetzungen von Ritsos‘ „Makronissos“ und „Griechentum“ abgeschlossen.

25.11.80, Leipzig ||| Letzte Woche viele Konzerte besucht: von Schicht „Lieder des Thyll Ulenspiegel“, von Karls Enkel das „Mühsam“-Programm, Brigade Feuersteins‘ „Spektakulum“, Schwarze Pumpe, Gruppe „Neue Musik“ Weimar usw. ||| Immer wieder in der Diskussion: „Volksverbundenheit der Kunst“ – was soll das sein? Was „Wahrheit“. Sinnbestimmung. ||| Auch in Dresden: Prof. Günter Meyer, mit dem ich mich lange über Hanns Eisler unterhielt.

31.12.1980, Silvester ||| Obwohl sie ihn hasste wegen seines ekelhaften Aussehens, seiner gewöhnlichen Art, seines langweiligen, von anderen im Voraus festgelegten Schicksals, obwohl sie ihn sofort getötet hätte, wäre der Befehl erteilt worden, wusste sie nichts von ihm, kannte nicht ihren Feind, er war ihr gänzlich unbekannt, unerkannt hätte er sich ihr nähern können, sie hätte sich womöglich in ihn verliebt, hätte sich ihm hingegeben, ihm ihre Schenkel geöffnet, aber nein, das wäre unmöglich gewesen, ihre Insel und seine Wüste waren zu weit voneinander entfernt. Übergangslos … durch perfekte Grenzen geschieden, allen Normalen der Zugang versperrt, nur wenigen der Übertritt gelingend, und der mit Verlusten verbunden, mit Schmerzen. Bist du ein Zuhälter, was bist du?, schrie sie ihn an.

1981, Transzendentale Obdachlosigkeit

5.1.81 ||| Nachdem ich das Heinrich-Böll-Buch verschlungen hatte, sah ich heute dessen Verfilmung: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Volker Schlöndorff.

14.1.81, Berlin ||| Ich konsumiere ein Theater-Stück nach dem andern: im Berliner Ensemble: „Hofmeister“ von J.M.R. Lenz in der legendären Bearbeitung von Brecht, „Jegor Bulytschow und die anderen“ von Maxim Gorki, „Der große Frieden“ von Volker Braun. ||| Das Unbegreiflichste: 1. meine Abgestumpftheit, 2. A. u. A. wollen sich scheiden lassen. ||| Wo ist der Ort, an dem ich innehalten, sein könnte?

20.1.81 ||| Letzte Woche Flauberts „Madame Bovary“ und Turgenjews „Vorabend“ ausgelesen; außerdem Verfilmung von „Franziska Linkerhand“ (Brigitte Reimann) und „Unser kurzes Leben“ von Lothar Warneke gesehen. Gestern „Die Überfahrt“ von Anna Seghers beendet. Aber jetzt bin ich beim bislang Allerbesten: Fjodor Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Völlig verrücktes Buch. Stadtkneipe, Student & Beamter: Gespräch über Zukunft (Motiv des Vertrauens): Man braucht einen Menschen, einen Platz im Leben. Parallel zu Dostojewski studiere ich Bakunins Anarchismus-Analyse … und lese nebenbei Juri Trifonow. Eines der Hauptthemen der Sowjet-Literatur: das Problem des Gewissens, Immanuel Kants „Sittengesetz in uns“ – aber alles beginnt mit Dostojewski. Vergleiche auch mit Tendrjakows „Das Gericht“ (Gewissen) oder Aitmatows „Weißer Dampfer“ oder Rasputin: „Leb und vergiß nicht“ & „Matjora“ oder vieles von Schukschin. ||| Beim Lesen von „Woher sie kommen, wohin sie gehen…“ (Seghers-Essay) zu Schiller und Dostojewski, kam mir in den Sinn: Dostojewski-Konferenz (Ausgangspunkt für schonungslose Kritik) auch für DDR relevant (wann endet endlich diese furchtbare Formalismus-Debatte, dieses Dogma?). ||| Die eigentliche Errungenschaft bei Dostojewski in „Idiot“ und „Gebrüder Karamassow“: neue Romanstruktur entwickelt, eine polyphone Struktur (Werk: Modell der Welt! / keine bloße Widerspiegelung). ||| Die großen Individuen (Haupthelden) verschwinden … Goethes „Faust“ führt zu Dr. Faustus und einer zweiten Hauptfigur bei Thomas Mann. Oder bei Dostojewski selbst: Gebrüder Karamassow (3 plus 1 unehelicher Sohn). Der Idiot (Menschen gehören zusammen, aber tragische Zeit). ||| 1849 der Wendepunkt bei Dostojewski. Seine Beinah-Hinrichtung. Epilepsie. Ich liebe das Düstere, Melancholische und Kraftvolle bei Dostojewski. ||| Grund für die Todesstrafe Dostojewskis, die in Verbannung in Sibirien umgewandelt wurde: Belinskis Brief an Gogol, den Dostojewski vor Anhängern Petraschewzis vorlas. Unter Gogols Einfluß entstand bereits 1846 auch sein Erstlingswerk „Die armen Leute“ – nach E.T.A. Hoffmanns „Der Doppelgänger“ (das doppelte Wesen/ der bürgerliche Intellektuelle/ Entfremdung/ die doppelte Existenz … kritischer Realismus). Dostojewski lehnt das Bürgertum bereits ab, bevor dieses richtig an die Macht kommt! / vor ihm schon Gogol 1842 in „Tote Seelen“. Reisen durch Westeuropa: Kennenlernen des europäischen Kapitalismus.



25.1.81, Dresden ||| „Wie es euch gefällt“ von Shakespeare im Großen Haus. ||| Zur Zeit meine Fächer im Germanistik-Studium: Althochdeutsch (Prof. Große), Weltliteratur/ Englische Literatur (Prof. Seehase), Sprachgeschichte (Dr. Weber), Literatur des 19. Jahrhunderts (Dr. Albus & Prof. Richter), Geschichte der deutschen Sprache (Dr. Weber), Lexikologie (Dr. Fleischer), Klassizismus und Moderne/ Goethe (Dr. Träger), Lexikologie (Dr. Barz), Englisch (Dr. Middell), Dramatik (Dr. Träger), Heinrich-Heine-Seminar, Marxismus-Leninismus, Geschichte der Ästhetik (Prof. Uhlig), Politische Ökonomie.

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24.2.81, Leipzig ||| Am Wochenende viel unternommen: Das Stück „Arno Prinz von Wolkenstein“ von Rudi Strahl und „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller gesehen. Strahl langweilig, Schiller herausragend. Stendhals „Rot und Schwarz“ ausgelesen. ||| Lese Maxie Wanders „Tagebücher und Briefe“: beeindruckend und sehr wahr, irgendwie, als ginge es immer um Leben und Tod. „Ich bin glücklich, ich bin am Ende.“ | „Wir wissen nicht, was wir haben, erst wenn die Wände zittern und der Boden unter unseren Füßen wankt, wenn diese Welt einzustürzen droht, ahnen wir, was Leben bedeutet …“ | So viel „DDR“ in ihren Tagebüchern, so viel Melancholie. | „Doch was lernen unsere Kinder? Leistung, Konsum, Stillhalten, Konformismus, Egoismus …“ | „Ich weiß ja, wie schwer es allen wird, irgendetwas zu sagen, aber ein bissl Anteilnahme erwartet man halt doch, ist leider so, und nicht nur das allgemeine stumpfe Schweigen!“ Sie hat recht. | „Das, was wir hier betreiben, Tanja, dass Menschen sich lange Briefe schreiben oder nächtelang ernsthaft diskutieren, das ist doch ein Luxus! Du beklagst Dich mit Recht, aber die Tatsache, dass Du in der Lage dazu bist, das nötige Bewusstsein hast, spricht für Deine privilegierte Situation, im Weltmaßstab gesehen.“ | „Aber Menschen sind nun mal keine Tomaten.“ | Erinnert mich an Brecht, Tagebuch 26. März 1921: „Alles, was ich nicht gelebt habe, die tiefe Trauer über ungelebtes Leben, wieviel Schönheit uns verlorengeht, für immer. Und wir lebten manchmal so, als ob wir unermesslich viel Zeit hätten!“ | Unsere Kinder: „gezähmte Elefanten“ |  „Sie ist schwer zu ertragen, diese Einsamkeit unter den Menschen.“ | „Warum bin ich so bitter, warum bin ich so hell?“ | „Mach nur weiter, das ist vernünftig, normal und notwendig, das alles wird von Dir verlangt, nicht denken, nicht daran rühren, mach nur so weiter, du wirst schon sehen, es geht, probiere!“ | T. Williams wird zitiert: „Die Zeit stürzt auf uns zu mit ihren Medikamententischen voll zahlloser Betäubungsmittel, während sie uns doch schon vorbereitet auf die unvermeidliche, die tödliche Operation.“ | Oft habe ich ähnlich gefühlt wie Tolstoi, der zitiert wird (211): „In diesen beiden Jahren beharrlicher geistiger Arbeit entdeckte ich eine einfache Wahrheit, die ich aber nur so kenne, wie niemand sie kennt: Ich entdeckte, dass es Unsterblichkeit gibt, dass es Liebe gibt und dass man für den anderen leben muss, um ewig glücklich zu sein!“

24.2.1981 ||| Auf der Straße vor dem großen Haus beobachtete ich einen Mann, der einen kleinen Kanister aufschraubte und sich mit Benzin übergoss. Die Passanten erstarrten, einige glotzten auch neugierig, vielleicht aus Lust oder Angst oder aus einer Mischung dieser beiden Gefühle, warteten ab. Der Mann stellte den Benzinkanister wieder neben den Stuhl, dunkelbraun und verziert mit seltsamen Schnitzereien aus der Jugendstilzeit. Nackte romantische Frauen hatte ich schon oft gesehen. Warum also diese Konzentration in solch einem Augenblick auf diesen Stuhl, da ich niemals zuvor (und danach auch nicht) auf so etwas geachtet. Der Mann, offensichtlich verrückt, trotz seiner klaren blauen Augen, nahm aus der Westentasche eine Schachtel, zündete mit ruhiger Hand ein Streichholz an, rief mit sonorer Stimme das unbegreifliche Wort: Nostalgia! und führte das brennende Streichholz an seine Jacke. Das zischte und erlosch. In diesem Moment herrschte völliges Schweigen. Er sprach langsam und deutlich: Ein Mann wird kommen und mit ihm die Hoffnung … Amen! schrien die anderen. Amen! Amen! Ich dachte an eine Filmszene, fühlte mich bedrängt von der schamlosen Menschenmasse, verloren im Osten.

27.2.81, Berlin ||| Premiere „Mann ist Mann“ von Brecht im Berliner Ensemble gesehen. Nein, Maria, ich habe Dich nicht vergessen. Nur – meine Worte sind mir ausgegangen; die Leidenschaft hat sich verkrochen in einen stumpfen Winkel, wartet, wartet … Dass Du zu mir gehörst – wie wäre es anders – ein Teil bist von mir; jetzt Legende: oft denke ich an Dich, wie an eine verzauberte Fee: als Ideal? Soll ich es mir wünschen? Du bist fern – das Leben fließt, nimm mich mit – habe viel gelernt. So hast Du mir also geholfen – am Anfang, ohne dass ich es merkte, jetzt habe ich es verstanden. Wenn ich spreche – werde ich verstanden? Wenn ich nicht spreche – sage ich Dir nicht viel mehr? 



1.3.81 ||| War heute bei Elektra und Jochen. Privat-Party: Claus, Marlies, Thomas … bis 4 Uhr früh – viele politische Gespräche. Ein interessanter Gedanke dabei: in der DDR herrscht Feudalsozialismus – ein in Gebiete und unter einem hierarchischen System von „Bonzen“ aufgeteilter Staat. ||| Tagsüber Schinkel-Ausstellung besucht. Schinkel-Winkelmann-Ideal: „Blick in Griechenlands Blüte“. Sogar die arbeitenden Menschen – einen Tempel erbauend – werden als schöne „Menschen“ dargestellt. Was für eine Illusion.

22.4.81, Leipzig ||| Seminar bei Frau Dr. Christine Träger: Jeder Generalsekretär der SED versuchte, den Kommunismus einzuführen. Am schizophrensten die 10 Gebote von Walter Ulbricht. Proletkult: es ist nichts aus dem Nichts zu schaffen. Aber in 8 Tagen zu schaffen: der Kommunismus. Was für ein Schwachsinn. Am schönsten ist das 9.Gebot: „Du sollst sauber und anständig leben …“

Germanistik Tagebuch Asteris Kutulas Leipzig

24.4.81 ||| Gestern mit Angela im Casino-Kino gewesen: „Der Richter und sein Henker“ von Maximilian Schell und Friedrich Dürrenmatt. ||| Vom 3. bis zum 10.5. war ich in Berlin. Unter anderem: „Dantons Tod“ von Georg Büchner am Deutschen Theater, sowie Hauptmanns „Einsame Menschen“ und Gogols „Revisor“ am Maxim-Gorki-Theater gesehen.

29.5.81 ||| Lese Wilhelm Raabes „Abu Telfan“. Ich sollte auch versuchen, das zu tun, was Nikola (für einen Tag lang) tat: „Mein Herz habe ich begraben und die Welt angenommen, wie sie ist; ich habe das Buch meiner Hoffnungen und Träume abgeschlossen und mich in das Unabänderliche ergeben!“ Irgendwann muss ich erkennen, was mich treibt. Und wie ist mein Geist mit Griechenland verbunden. Und was bedeutet für mich Heimat? Noch mal Raabe: „… sich ‚tot zu stellen‘ in der Hand des Fatums ist unter allen Umständen das Vernünftigste und Bequemste.“

1.6.81, Leipzig ||| Ein schönes Wochenende mit I. verbracht. Aber die Unsicherheit bleibt … ||| Lese Schopenhauer, heute über die „Grundwahrheit“ in „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Bereits in diesem Sinne Schrift „Über die Weiber“ von Ernst Brandes aus dem Jahr 1787, zitiert von Friedrich Schlegel (Bd.1, S.19).

26.6.81, Leipzig ||| Meine Philosophie-Prüfung bei Prof. Wolfgang Lorenz mit 1 gemacht. Bin über Kants Ethik und Hegels Anmerkung der Doppelmoral befragt worden, und ich habe alles gewusst. Schwein gehabt.

2.6.81 ||| War vorgestern beim „Engerling“-Konzert in der Moritzbastei. Anschließend unterhielt ich mich länger mit Gunther Krex, dem Bassisten. Vorher hatten wir DDR-Literatur-Seminar in der HB mit Dr. Hartinger. Über „Wundertäter“ bzw. über Initiativbewegung in der DDR. Gestern zusammen mit L. einen angenehmen Abend verbracht. Waren im Kino: „Bis dass der Tod euch scheidet“ von Heiner Carow. Sind anschließend ins „Regina“.

19.10.81, Leipzig ||| Habe gesucht: das berühmte Zitat „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“. Mein Freund Udo Tietz belehrte mich, dass dies so nicht stimme. Ich solle doch in Fichtes „Wissenschaftslehre“ nach dem Originalzitat schauen. Bin in dessen „Zweiter Einleitung“ (10. Abschnitt) fündig geworden: „Was in einem vernünftigen Wesen als Anlage liegt, liegt in allen.“ Auf Wirksamkeit der Vernunft „gründet sich die Möglichkeit alles Bewussten“. Und dann kommt er, ganz anders gemeint, viel tiefgründiger und apokrypher, der Satz: „Zur Einsicht in die Notwendigkeit ist Freiheit notwendig“. Und weiter: „Wenn dieses Vermögen der Freiheit nicht schon da ist und geübt ist, kann die Wissenschaftslehre nichts mit dem Menschen anfangen.“ Ach, sind das schöne Sätze, Sauerstoff für mich, der ich bereits 1975 auf dem Kreuzschule-Gymnasium konfrontiert wurde mit dem Rosa-Luxemburg-Satz: „Freiheit bedeutet die Freiheit der Andersdenkenden“. Und wieder weiter bei Fichte: das sind Kenntnisse, „die wir nur aus uns selbst, zufolge einer vorher erlangten Freiheit schöpfen können.“ ||| Wie schön diese Menschen dachten, damals Ende des 18., Anfang des 19.Jahrhunderts, kurz nach der Französischen Revolution. Der Atem einer neuen Zeit: „Bildung des ganzen Menschen von seiner frühesten Jugend an; dies ist der einzige Weg zur Verbreitung der Philosophie“. Fichte, alter Junge, lass wieder die Fenster verdunkeln, lass wieder die Menschheit in sich gehen, zu sich selbst kommen, das Ich und das Über-Ich erkennen, die WAHRHEIT sehen, begreifen. Denn: das „philosophische Genie“ ist jenes, „das sich in der allgemeinen Erschlaffung dennoch zu einem großen Gedanken erhebt“. ||| Für Fichte ist die „Wissenschaftslehre“ ein System des „transzendentalen Idealismus“. Daraus ergibt sich konsequenterweise die Ablehnung aller „Systeme“. Allerdings kann in jedem „Einzelnen“ die Philosophie einen Impuls auslösen, sich ihren „Zweck und Umkreis“ zu eigen zu machen! Wie unterschiedlich zum heutigen das damalige Verständnis von „Philosophie“. Philosophie als Wissenschaft – „wenn auch etwa jener Eine sie gar nicht, außer sich darzustellen wüsste“ …

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20.10.81, Leipzig ||| „Gegenwart“: gebrochenes Verhältnis zu diversen Punkten der Vergangenheit: kann man auch mit „Geschichtsbewusstsein“ umschreiben. Irgendwie muss ich an Ritsos dabei denken. ||| B: Da war ein Haus mit einem roten Dach. Eine schöne, einladende Treppe führte zur Tür. | (A tritt auf, sucht etwas auf dem Boden in der rechten Ecke der Bühne) | B: Es war eine schöne Tür, mit goldenem Griff; die Nachbildung eines Löwenkopfes. Aber genau erinnern kann ich mich nicht. Nein … wartet! Da fällt mir etwas ein: Hinter der Tür begann das Meer. Das wusste ich nicht. Begonnen hatte alles am Montag. Montag früh. Aber ich wollte euch von der Tür erzählen … | A: (richtet sich auf) Verdammt, ich kann’s nicht finden! | B: Verzeiht, ich muss diesem Menschen helfen (zu A) Gehst du jetzt? (zum Publikum) Er ist doch einer? (wird nachdenklich) Er ist doch einer?! (blickt etwas erschrocken) Ich bin am Ende nicht hingefallen? Nein, nein, weiß von nichts! Warum sollte dieser von Dresden gehört haben? … Was soll das jetzt? Wie komme ich darauf? (Abwehrend) Ich wollte diesem Menschen helfen. | A: Wo ist es nur? 




1982, Jannis Ritsos und die kommunistische Utopie

3.3.82, Leipzig ||| Bin gerade mit der Ritsos-Übersetzung fertig: 336 Monochorde. Einer davon: „Eine gute Maske für schwierige Zeiten, der Mythos.“ Jetzt beginnt die Feinarbeit … ||| Vor zwei Wochen fasste ich den Entschluss: Ich stelle den Antrag, für ein Jahr vom regulären Studienbetrieb freigestellt zu werden, um durch Lateinamerika zu reisen. Die Idee wurde bei Gisela geboren, die auch den Stein ins Rollen brachte. Dann bekam ich unverhofft Unterstützung von Prof. Claus Träger, er riet mir zu und versprach zu helfen; daraufhin gab auch die Sektionsleitung grünes Licht. Mit meinem Vater sprach ich am 10.2. darüber. Er hat große Vorbehalte, Angst, ist absolut dagegen … Als Uwe von meinen Reise-Plänen nach Südamerika hörte, war er hingerissen. Zwar versetzt er mich ständig … mein bester Freund, aber was soll’s … Über ihn lernte ich auch Udo kennen, einen angehenden, abgefahrenen Philosophen. Ich liebe diese Voyeure des Geistes, diese hirngeborenen Praktiker. Alles durcheinander in ihren Köpfen: Existenzialismus, Kommunismus, Neukantianismus, die freie Liebe, der junge Marx, die DDR, Max Weber, Sehnsucht nach irgendwas, vielleicht nach …, ja, doch nach Freiheit. 



25.6.82, Berlin ||| 12.30 in der Akademie der Wissenschaften Treffen mit Dr. Malina. Wir unterhielten uns lange. Sie fragte mich, ob ich nächstes Jahr zum Kazantzakis-Geburtstag etwas schreiben wolle. ||| Dann gegen 13.30 bei Kiriakos – habe aber nur Rula getroffen, die mir zu essen machte und mit der ich mich sehr lange unterhielt. Sie nannte ihren Vater einen Dogmatiker und erzählte mir von ihren Schwierigkeiten beim Studium und im Kommunistischen Jugendverband Griechenlands. Ich zeigte ihr meine Nachdichtung der „Monochorde“ sowie vom Gedicht „Einsamkeit“. Erzählte ihr von meinen Plänen, nach Lateinamerika auszuwandern, sie war perplex. Sie selbst ist unzufrieden mit dem Studium und besonders mit der Art, die Prüfungen abzulegen. Sie will bei der Berliner Zeitung anfangen. Bot mir an, in ihre Berliner Wohnung zu ziehen. ||| Monochord 31: „Mit euch, ja (und nicht in der Einsamkeit), einsam.“ Monochord 88: „Wenn du niemals die Augen schließt, wächst du nicht.“

28.10.82, Leipzig ||| Die letzten zwei Tage mit Uwe in meiner Wohnung gearbeitet: Rede (für morgen auf der Philosophischen Arbeitstagung) ausgearbeitet: „Drei Modellfälle zum Zusammenhang von Literatur und Philosophie. Skizzierung eines Problemfeldes“. Ich liebe meinen Schopenhauer. ||| Dabei viel in Lukacs‘ Vorwort zur „Eigenart des Ästhetischen“ gelesen. Da steht: „Denn die genaue Analyse der Tatsachen wird hier besonders deutlich zeigen, dass die gedankliche Bewusstheit über das im Gebiet des Ästhetischen praktisch Geleistete immer hinter diesem zurückgeblieben ist.“ ||| Heute 45 Minuten-Unterhaltung mit Prof. Werner über Ritsos-Projekte. Trank mit B. einen Gin-Tonic und verknallte mich in sie. Was wird Uwe dazu sagen? ||| Sah mir anschließend im Casino-Kino Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“-Film von 1969 an. ||| Lese nachts weiter bei Lukacs: „Es kommt dabei natürlich auf die Entwicklung der objektiven ästhetischen Tatsachen an, nicht darauf, was ihre Vollstrecker über ihr eigenes Tun gedacht haben. Gerade in der künstlerischen Praxis ist die Divergenz zwischen Tat und Bewusstsein über sie besonders groß.“ Auch sehr interessante Darlegung seiner verwendeten Methode („der Bestimmungen im Gegensatz zu der der Definitionen“). Hinweis auf Lob von Max Weber sehr bezeichnend. Werde morgen Uwe fragen, was er davon hält. 

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5.11.1982, Leipzig ||| Claus Träger hält eine Vorlesung in „Literaturtheorie“. Im Saal rumort es. Viele unter uns Studenten können nicht akzeptieren, dass einige hundert Meter weiter die Kulturkonferenz der FDJ sich sehr diffamierend äußert zum Besten, was die DDR-Literatur zu bieten hat, zu Heiner Müller und Volker Braun zum Beispiel.  Der Professor sieht sich gezwungen, etwas zu sagen: Er versucht Haltung zu wahren und mit einem Hinweis auf das „liberale“ 6.Plenum der SED wenigstens die „Parteipolitik“ zu retten. Er merkt an unseren Reaktionen (einige lachen, andere stöhnen), dass es nicht gut ankommt. Er bemerkt, dass die Kulturkonferenz reines Bla-Bla sei und aus politischen Staments bestünde. Und dann der schöne Satz: „Meine Damen und Herren, von der Warte des Weltgeistes aus gesehen ist die Kulturkonferenz doch eine sehr periphäre Angelegenheit.“

1983, Vorbereitung auf den Tod

6.1.83, Leipzig ||| Komme gerade von Uwe. Haben uns heute im Barbe getroffen und ich hab ihm meinen Teil der Arbeit für Prof. Bönisch übergeben. Er informierte mich beiläufig, dass I. ihn nicht mehr grüßt, da er ihr über den Mund gefahren sei. Er hatte aber eine abweisende Haltung mir gegenüber: „Hast du deine Probleme mit den Pappfeinden hinter dir?“ – so argumentierte er. ||| Wir verabredeten uns für 17 Uhr. Als ich hinkam, war er nicht da, ich schrieb ihm einen Zettel und lief die Treppe runter. Da sah ich sie: I. an Uwe gelehnt; beide traut lächelnd. Als sie mich sahen, waren sie für einen Moment schockiert, dann Uwe ziemlich verlegen. ||| Wir gingen hoch, ich nahm den Zettel, den ich ihm an die Tür gesteckt hatte und sagte: „Ich wollte eigentlich mit dir über die drei Seiten zu Georg Lukacs für Prof. Bönisch sprechen, also über Philosophie.“ Er schaute mich verzweifelt an: „Darüber aber nicht heute.“ Ich schlug ihm vor, uns am nächsten Tag um 17 Uhr in der Unibibliothek zu treffen. Wollte gehen. Da sagte er: „Das gefällt mir jetzt nicht.“ – „Was denn?“, fragte ich und floh nach draußen.

März 1983 ||| Literaturtheorie-Vorlesung. Claus Trägers versucht die Frage nach der fehlenden Mobilität im DDR-Roman wie folgt zu beantworteten: „Was erwarten Sie, meine Damen und Herren? Wenn Sie in diesem Land, sagen wir mal, in Oschatz geboren worden sind, dann werden Sie in Oschatz leben, in Oschatz arbeiten, und in Oschatz sterben.“ ||| So ist tatsächlich die DDR: man bereitet sich „planmäßig“ auf den Tod vor; keine Visionen, keine Extravaganzen. Nein, alles geht seinen geregelten – aberwitzigen – sozialistischen Trott. Die Bevölkerung scheint durch die „Wirtschafts- und Sozialpolitik der Partei“ gelähmt und korrumpiert, was nichts anderes bedeutet, als dass man den Leuten vorgaukelt, auf Konsumebene mit dem Westen Schritt halten zu können (was für eine Absurdität). Dafür darf auch keiner aufmucken. Dem Arbeiter geht es – „den Umständen entsprechend“ – gut (solange er nicht anfängt nachzudenken), dem Intellektuellen (auch jedem „Künstler“) geht es schlecht, weil er, um ER zu sein, NACHDENKEN MUSS. Man lese im „Neuen Deutschland“: Angesagt ist die allgemeine Verblödung im Namen der fortschrittlichsten und revolutionärsten Gesellschaft. Ein organisierter Versuch der persönlichen Entmündigung. Und ein vergreister und realitätsenthobener Erich Honecker glaubt, mir vorschreiben zu können, was ich zu denken, zu sagen und zu machen habe. Es ist einfach lächerlich, und tot-ernst zugleich.

9.7.83, Leipzig ||| Am 4.7. hatte ich bei Dr. Weber Sprachwissenschafts-Prüfung: machte eine glatte 4. Nun ja, kein Kommentar. Ein Desaster. Gestern las ich „Das Gemälde“ von Daniil Granin aus. Letzte Woche, in Vorbereitung auf die Literaturwissenschaftsprüfung, führte ich mir eine Reihe von Büchern erneut zu Gemüte: „Die Geliebte der Morgenröte“ (3 Erzählungen) und „König Ödipus“ von Franz Fühmann, „Tod in Venedig“ von Thomas Mann, „Stechlin“ von Fontane, Lessings „Miss Sara Sampson“, Annette Droste-Hülshoffs „Die Judenbuche“, Grillparzers „Der arme Spielmann“, Hauffs „Das kalte Herz“, E.T.A. Hoffmanns „Der goldene Topf“, Novalis‘ „Hymnen an die Nacht“, Hugo von Hoffmannsthals „Eine Reitergeschichte“.

27.10.83, Leipzig ||| Am Montag zog ich bei Uwe ein. Dann tranken wir Whisky. Ziemlich viel, glaube ich. Nabil war kurz da. Seit vorgestern übersetzte ich zehn Seiten vom Tonband: das Ritsos-Interview für die Zeitschrift „Sinn und Form“. Las in den letzten Tagen alles Mögliche von Euripides: „Die Troerinnen“, „Helena“, „Elektra“, „Iphigenie auf Tauris“. Was für ein Autor! Doziere stundenlang über meine „Entdeckungen“ und meine „Erkenntnisse“ – Uwe hört geduldig zu und macht seine weisen Bemerkungen. Überflog heute wieder den Ritsos-Roman „Was für eigenartige Dinge“. Eine Fundgrube! ||| Von Uwe entdeckt, für mich aufgeschrieben: „Das Reich der Vernunft ist das Reich der Freiheit und keine Knechtschaft ist schimpflicher, als die man auf diesem heiligen Boden erleidet. Aber viele, die sich ohne innere Befugnis darauf niederlassen, beweisen, dass sie nicht freigeboren, bloß freigelassen sind.“ Friedrich Schiller, 13. Juli 1793

1.11.83, Leipzig, nachts ||| Heute Nachmittag hier bei Uwe angekommen, seitdem durchgearbeitet. Er ist immer noch nicht da. Bei mir häuft sich wieder alles: Gestern in Dresden fand ich 1) vom Verlag Neue Musik die griechische Fassung der „Sadduzäer-Passion“ zum Korrektur-Lesen; heute schon erledigt. 2) Die Fahnen des Jannis-Ritsos-Poesiealbums zur Korrektur (heute erledigt); bei einigen meiner Gedichtübersetzungen sind Veränderungen vorgenommen worden, vorwiegend Interpunktion, aber auch anderes. Und 3) ein Telegramm von Rainer: Bis zum 6. Dezember will das Fernsehen mein Szenarium für den Ritsos-Film haben. Ich muss übersetzen, schreiben, übersetzen. Wo bleibt nur Uwe, dass ich ihm das alles erzählen kann …

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2.11.83, Leipzig ||| Heute früh kam Uwe. Wir sprachen lange über meine verkorkst-normale Geschichte mit B. usw. Wollten dann zu Nabils Doktoranden-Verteidigung gehen. In der Stadt traf ich B., sie bebte am ganzen Körper, ich schlug ihr vor, dass wir zusammen einen Kaffee trinken. Sie nahm meinen Arm und wir gingen in die Teestube. Blieben dort 1 1/2 Stunden. Bin fix und fertig. Uwe versucht, mich aufzumuntern.

8.11.83, Leipzig, nachts ||| Heute vor einem Jahr starb Vater. Ich ging mit Uwe einen Wodka auf ihn trinken. Wenn ich könnte, würde ich jetzt für ihn Padmoskowskje Vetschera singen … ||| Gestern kam ich in Leipzig an und wir unterhielten uns lange. Abends dann zu Czecho und Ingrid, ich holte sie ab, wir sahen den „18. Brumaire“ von Karls Enkel. Auch Peter Geist war da und die ganze Clique der 11. Etage. ||| Lernte Peter Gosse kennen. Sprach wieder lange mit Steffen & Wenzel. Steffen bemerkte zu meinem Ritsos-Text, dass die Konstruktivität der Dichtung und Sprache als Fakt noch hineingehört. ||| Übersetzte gestern und heute für unseren Film Ritsos-Interviews. Bin etwas paralysiert. Kann nicht viel anderes machen. Um 19.00 bis 21.30 im Rundfunk DDR II „Athener Abend“: furchtbar! 



1984, Abschied von Leipzig

23.5.1984, Dresden ||| Vorgestern in Leipzig Verleihung der Ehrendoktorwürde an Ritsos, den Eri begleitet. In seiner kurzen Ansprache machte er auf einen merkwürdigen Zufall aufmerksam: „Die Leipziger Universität wurde 1409 gegründet, und ich wurde 1909 geboren, also genau 500 Jahre später. Sie feierten in diesem Jahr das 575jährige Bestehen Ihrer Universität und ich meinen 75. Geburtstag. Ich bin in gewisser Weise ein Altersgenosse Ihrer Universität, nur 500 Jahre jünger. Rechnet man mir die griechische Tradition zugute, aus der ich komme, bin ich natürlich ein paar Tausend Jahre älter. Auf jeden Fall bin ich stolz darauf, Ehrendoktor einer Universität zu sein, an der ein Lessing, ein Leibniz und ein großer, ein sehr großer Autor, nämlich Goethe, studiert haben. Und auch weil mein Freund Pablo Neruda den Titel eines Ehrendoktors hier erhalten hat.“

Mai 1984, Leipzig ||| Abschlussvorlesung von Prof. Claus Träger. Sein letzter Satz: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn diese Fakultät – ich eingeschlossen – ihnen nach fünf Jahren Germanistikstudium beibringen konnte, WIE man ein Buch liest, bin ich sehr zufrieden.“ Mein Studium ist zu Ende …

© Asteris Kutulas

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Gottfried Bräunling im Interview, befragt von Asteris Kutulas

Der Maler und Bildhauer Gottfried Bräunling im Interview (unmittelbar nach seiner Flucht und seiner Ausbürgerung aus der DDR – 08.05.1988, Tübingen

Asteris Kutulas: Wie fühlst du dich hier im Westen, deiner neuen Heimat?

Gottfried Bräunling: Wie zu Hause. Bloß ein bisschen anders.

Kutulas: Wie anders?

Bräunling: Ja, das kann ich wahrscheinlich noch gar nicht formulieren. Das muss ich erstmal verdauen.

Kutulas: Würdest du sagen, dass es in dieser anderen Gesellschaft hier besser ist?

Bräunling: Hm, eine Wertung bezüglich einer Qualität … Ich habe einfach nur ein Gefühl, das ich erstmal ausloten muss. Du weißt ja, dass sich mit meinem Weggang aus der DDR meine Weltsicht nicht verändert hat. Ich war vorher engagiert, und für mich bleiben die Probleme weiter bestehen – sowohl die in meinem persönlichen Leben als auch die in meiner Arbeit und die in Bezug auf meine politische Haltung. Da gibt es ganz klare Kriterien … Ich will mich auch nicht, wo ich jetzt in einer neuen Welt lebe, eine andere Lebenssituation habe, zurückziehen in eine Enklave, wo man nicht mehr nachdenkt oder nicht mehr politisch denkt. Ich will weiterhin für humanistische Ziele eintreten. Das ist doch ganz klar. Ich kann ja nur in einer günstigen Situation etwas schaffen – und das ist Frieden. 

Hier zum Beispiel in Tübingen, wo wir gerade sind, gibt es viele engagierte Leute, namhafte Leute, und da gibt es natürlich die Möglichkeit, in ein neues Kommunikationsfeld einzutreten. Es eröffnen sich ganz neue, klare Wege für meine Arbeit … Ich brauche erstmal einen Raum, ich brauche Zeit, um das alles zu durchdenken. Was alles auf mich einströmt … Ich stehe in einer neuen Welt mit ganz neuen Gegebenheiten, wo sich zwar vertraute Punkte kreuzen, denn solche Begegnungen hatte ich ja auch schon vorher, aber vorher in einer anderen Qualität, unter anderen Bedingungen … Ich kann noch gar nicht benennen, was ich denke, was sich daraus alles ergeben wird, was daraus resultiert.

Gottfried Bräunling, Asteris Kutulas, Kunst, Malerei, DDR
Gottfried Bräunling, 2007 – Foto © Asteris Kutulas

Kutulas: Kommt denn eine Fortentwicklung deiner Malerei, deiner Technik eher aus deiner eigenen Schöpferkraft oder auch aus der Malerei anderer? 

Bräunling: Ich bin ja jemand, der weiß, welchen Weg er gehen will. Dass es da zu Wandlungen und neuen Qualitäten kommt, wenn man Begegnungen hat, das halte ich für durchaus möglich und das hoffe ich auch.

Kutulas: Ich meine … ich habe jetzt vor kurzem einige neue Bilder von dir gesehen und mir fiel der Unterschied zu denen von 1982, 1983, 1984 doch sehr auf.

Bräunling: Ja, Impulse zu solchen Veränderungen erfahre ich natürlich auch hier.

Kutulas: Ich frag dich jetzt mal was Seltsames, weil ich sehen will, wie du darauf reagierst: War eigentlich der Wandel in deiner Bildsprache die Voraussetzung, der Auslöser dafür, dass du die DDR verlassen und in Westberlin geblieben bist?

Bräunling: Nein, ich glaube nicht, dass der Wandel in meiner Bildsprache in Grund für meine Entscheidung war. Es war meine Auseinandersetzung mit mir selber, mit der Gesellschaft, in der ich lebte, mit meinem Umfeld. Das führte bei mir zu Erkenntnissen, die mich eines Tages zu dieser Entscheidung trieben, was sich natürlich vorher schon in meinen Arbeiten zeigte. Ich hatte intensive Auseinandersetzungen in der DDR. Es gab diese Zeit, als ich nicht in den Künstlerverband aufgenommen wurde. Die Zeit von 1976 bis 1982 als Kandidat, dann nochmal zwei Jahre Kandidatur, drei Jahre Kanditatur. 1985 wurde ich dann aufgenommen. Das waren Zeiten, die … Ich konnte nicht ausstellen, durfte nicht verkaufen. Das brachte grundlegende Spannungsmomente. Es mussten Klärungen herbeigeführt und Entscheidungen getroffen werden. Das Problem „Verband“ hatte sich dann für mich geklärt, aufgrund meiner Energie, die ich aufbrachte, um das durchzustehen, und dank meiner Freunde, die mich immer ermutigt haben, damit ich nicht aufgebe. Da war Ralf Winkler, da war Wolfgang Opitz. Diesen einen Punkt hatte ich für mich geklärt, aber die Probleme blieben trotzdem weiter bestehen. 

Kutulas: Ja, eben. Mir scheint auch, dass diese Abstraktion, das Abstrahieren der Dresdner Landschaft so ein Sich-Freimachen war. Du kamst zu „menschlichen Gesichtern“, zu archetypischen Bildern. Ich sehe das als eine Art innere Loslösung – von einer Landschaft, von einem Raum. Ich hatte den Eindruck, dass das eine Art Vorbereitung war …

Bräunling: Ich bin in einem Raum, einem Umfeld großgeworden, das eigentlich sehr harmonisch war. Diese Harmonie hat bei mir zu einer sehr menschlichen Haltung geführt.

Kutulas: Ich denke, dazu kann man doch stehen!

Bräunling: Ja, ich stehe ja auch voll und ganz dazu. Aber in dieser Zeit hatte ich auch keine Probleme, keine wirklichen Probleme. Ich habe mich damals auch in meinen Bildern nie auseinandergesetzt mit Problematiken, weder mit gesellschaftlichen noch mit zwischenmenschlichen. Ich hätte so etwas gar nicht formulieren können, absolut nicht. Ich habe Mädchen gemalt, weil ich Mädchen liebte. Ich habe Akte gemalt, weil ich die als schön empfand. Für mich war das ein Ausdruck von Schönheit, von einer Perfektion, die es eben nur in dieser Form gibt. Ich habe Landschaften gemalt, weil ich mich dort zuhause fühlte, weil ich das als etwas sah, was man interpretieren müsste, um ein Stück von dem, was man liebt, bei sich, um sich zu haben. 

Kutulas: Wann änderte sich das?

Bräunling: Als die Probleme begannen, da musste ich über vieles nachdenken, da zerbrachen meine harmonischen Welten. Das war, als bestimmte Aktivitäten nicht anerkannt wurden, dass Arbeiten negiert wurden und und und … Plötzlich kam ich zu einem ganz anderen Resultat. Vorher hatte ich große Honorarverträge bei großen Firmen, dir mir unheimlich viel Geld brachten, und dann, als ich in der Misere war, haben die nicht mal mehr für einen Hundertmarkschein was gekauft. Da wurde mir klar: Irgendwas stimmt doch in dieser ganzen Beziehung, in diesem Verhaltensgefüge nicht. Das hat sich dann auf meine Arbeit ausgewirkt. Ich musste kritischer werden. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr Probleme kamen. Immer wieder neu. Wenn du den Mund aufmachtest, dein Problem benanntest, musstest du Stellung beziehen, ganz frontal. Und dort konnte es unter Umständen auch „tödlich“ werden. Und bei mir gab es so einen Schnitt, einen Bruch, der nahezu „tödlich“ war. Daraus resultierte dann letztendlich auch mein Schritt in den Westen, meine künstlerische Wandlung, aber nicht die Wandlung meiner Ideologie.

Kutulas: Ich sehe bei dir diese Affinität zu den Themen „Fernweh“ und „Zauberer“ … Die Muschel, der Vogel usw.

Bräunling: Na ja, was sagte uns Robert Jungk gestern: „Ihr müsst Träume haben! Ihr habt Träume. Sprecht sie aus!“ Nichts anderes mache ich. Ich spreche meine Wünsche aus, formuliere meine Träume, meine Hoffnung. Und das hat alles etwas mit meiner Realität zu tun und mit der Realität meiner Umwelt. Und mehr kann ich fast gar nicht tun.

Kutulas: Was denkst du, in welche Richtung sich deine Malerei entwickeln wird, nachdem du diesen Schritt in den Westen getan hast? Wie würdest du das einschätzen? Wenn ich an diese Dresden-Ausstellung denke – das waren doch Arbeiten, die sehr bedrohlich wirkten …

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Gottfried Bräunling mit Mikis Theodorakis bei der Ausstellungseröffnung in der Athener Galerie FÜNF mit Werken von A.R.Penck & Gottfried Bräunling

Bräunling: Ich glaube, dass meine Arbeiten in nächster Zeit wahrscheinlich viel farbintensiver werden. Das hat einfach mit den neuen Erlebnissen zu tun, mit dieser Frische hier. Das Optische, das Visuelle ist so intensiv. Das Reklame-Gehabe. Die Geschäftsauslagen sind anders, die Plakatwerbung. Fast die ganze Gesellschaft ist auf eine aktive Werbe-Situation ausgeprägt, so dass man fast Angst haben muss und sich Scheuklappen anlegen möchte, damit man nicht alles andere, was auch erfahrenswert ist, überblendet bekommt durch diese grelle, schrille, überladene Situation, die sich ja niemand in Wirklichkeit für sich selber leisten kann. Ich glaube, dass meine Arbeiten nicht nur farbintensiver werden, sondern dass sie weiterhin auch sozialkritisch sein werden. Eigentlich ändert sich ja gar nichts. Überall gibt es Probleme, die aus Spannungen und Auseinandersetzungen resultieren.

Kutulas: In gewisser Weise bist du vielleicht auch „dankbar“ dafür, dass dir in der DDR Steine in den Weg gelegt wurden, die dann schließlich zu Spannungen und zu deiner neuen Bildsprache führten …

Bräunling: Nein, dafür bin ich natürlich nicht dankbar. Teilweise war es unerträglich furchtbar. Andererseits waren es natürlich Steine, die mir Anstoß waren. Es waren Situationen, die mich geformt haben.

Kutulas: Die Bilder, die du danach gemalt hast, sind etwas ganz anderes als die Landschaften, die Akte, die zwar als Bilder sehr gut waren, aber zu denen ich persönlich zum Beispiel nicht so eine Affinität hatte. Ich verspürte nicht diese Brisanz, nahm nicht diese Kraft der Aussage, diese Power wahr wie bei den Bildern danach. „Dankbar“ meinte ich in Anführungsstrichen. 

Bräunling: Zu meinen früheren Arbeiten – was deine Gedankenwelt betrifft, kann ich dir sicher zustimmen, nicht aber, was meine betrifft. Für mich war die Harmonie Ausdruck meines Lebensgefühls. Da kann es genauso ausdrucksstarke Momente geben. Denk an Modigliani, an seine Porträts und Akte, vor denen wir verzückt stehen, begeistert, beglückt … Was die Zukunft anbelangt … Ich bin noch nicht so lange hier. Du hast erste Arbeiten gesehen. Ich hab noch viel Heimatliches in mir, aber andererseits bin ich bereits mit den Problemen hier konfrontiert. Hattest du diese Serie mit den Punker-Porträts gesehen?

Kutulas: Ja.

Bräunling: Die Punker und die Skinheads, das ist eine Variante. Dann gibt es noch andere Arbeiten. Darin setzte ich mich auseinander mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Mit Formen der Isolierung, des Sich-Zurückziehens auf eine Insel oder so. Das sind Problematiken, die ich wahrnehme, die ausgesprochen werden müssen.

Kutulas: Und wie vermitteln sie sich dir? Ist dieses Spannungsfeld ein äußeres, ein visuelles, oder hast du das, diese Widersprüche bereits so grundlegend emotional wie z.B. in der DDR erlebt?

Bräunling: Ich hab das rational untersucht aber auch emotional erlebt. Ich gehe auf die Straße und sehe dort irgendwelche Menschen in verschiedensten Situationen, wo ich mich einfach frage: Wie kann das passieren? Wie kommt es dazu? Wie kann sich jemand von der Gesellschaft, aus seinem Umfeld lösen, in das er eigentlich integriert sein könnte und sollte? Was treibt den dazu, ein ganz entfremdetes Existenzmoment anzunehmen? Ist es Logik? Ist es eine Anti-Haltung? Ist es Lebensfeindlichkeit? Oder wohin geht das? Mit diesen Dingen habe ich mich auseinandergesetzt. Vieles bleibt für mich noch an der Oberfläche, weil … Du kannst, bei den vielen Möglichkeiten, die es gibt, in einem Jahr gar nicht alles aufschlüsseln. 

Kutulas: Wie waren deine Begegnungen mit Kollegen aus der DDR, die nach Westberlin gezogen sind?

Bräunling: Zum großen Teil herzlich kalt. Ich glaube, mehr muss man dazu nicht sagen. Es gab Ausnahmen. Da war es mehr, wie es immer gewesen war. Ich bin von jeher ein Einzelkämpfer gewesen, und Einzelkämpfer haben auch immer nur einzelne Freunde. Das sind diejenigen, die wahrhaftig zu einem stehen. Die anderen sind Annäherungs- und Weggehpunkte. Das ist wahrscheinlich auch der Moment des Begegnens oder der, in der der Moment einer Begegnung zum Ausdruck kommt.

Kutulas: Sicher kennst du ja auch viele Leute aus Dresden, die jetzt nach Westberlin gezogen sind und die du dort wiedertriffst. Haben sich da bei dem einen oder anderen neue Anknüpfungspunkte ergeben?

Bräunling: So etwas gibt es natürlich. Aber wie lange so etwas hält oder sich trägt … Jedenfalls gab es sogar Anknüpfungspunkte aufgrund von Beziehungen aus sehr weit zurückliegender Zeit, wo inzwischen sehr viel passiert war. Da ist es erstmal ein Stück Neugier, es sind Erinnerungen an alte Kontakte, frühere Erlebnisse. Sentimentalität spielt genauso eine Rolle wie Neugier.

Gottfried Bräunling, Asteris Kutulas
Gottfried Bräunling und Asteris Kutulas bei einer gemeinsamen Ausstellung

Kutulas: Was war für dich in Dresden, für deine künstlerische Entwicklung das wichtigste Ereignis? Gab es so etwas?

Bräunling: Das wichtigste Ereignis? Da gibt es vielleicht zwei. Das eine war die Begegnung mit meinem Lehrer, Professor Horlbeck, der einen nie animierte, Kunst zu machen, sondern der einen animierte nachzudenken, der immer wieder darauf zurückkam, dass Kunst ein Problem des Denkens ist. Das war das Eine. Das andere war, dass ich trotz meines ehrlichen Glaubens an ganz bestimmte gesellschaftliche Entwicklungsformen und -kriterien aus meiner Laufbahn geschubst wurde, nach vielen Unstimmigkeiten, und ich mir plötzlich einen neuen Weg suchen musste, der mir eine Existenz ermöglichte in dem Raum, wo man sie mir nicht mehr gewährleistete, obwohl ja jeder den Anspruch auf Arbeitsraum und Arbeit hatte. Ich musste nach einem Weg suchen, um das durchzustehen. Und an diesem Punkt musste ich prinzipiell und grundlegend über ganz viele Kriterien der gesellschaftlichen Entwicklung nachdenken. Und gleichzeitig musste ich über meine eigene künstlerische Konzeption nachdenken, die ich bis dahin gefahren war. Da kam dann die Erkenntnis, dass die zwar nicht falsch gewesen war, aber letztendlich ziemlich lau und unproduktiv, nicht, was die Quantität, aber was die geistige Auseinandersetzung betraf, das Engagement im Sinne eines geistig-künstlerischen Engagements.

Kutulas: War das für dich ein Reibungspunkt: Noch in dieser sowohl gesellschaftlichen als auch bildnerischen Homogeniät gelebt zu haben, in dieser beinah Konfliktlosigkeit, und in Dresden einen so exaltierten Widerpart wie Ralf Winkler zu haben? War das für dich ein Punkt der Auseinandersetzung oder ging das für dich zusammen?

Bräunling: Streckenweise war es ein Problem. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir uns das erste Mal begegneten. Die ersten Male haben wir stundenlang miteinander geredet. Ich hab gar nichts verstanden, wusste überhaupt nicht, was los ist. Wir haben nur gesprochen und es ging immerzu aneinander vorbei. Für ihn vielleicht gar nicht, aber für mich. Ich konnte in seine Welt nicht einsteigen. Meine damalige Frau hat dann sozusagen für mich gedolmetscht. Und nach 14 Tagen konnte ich dann alles verstehen und einsteigen. Sie hatte mir irgendeinen Schlüssel in die Hand gegeben, der mir das eröffnete. Ich hab den Ralf in seinem System begriffen. Es war ein System, das mir bis dahin völlig konträr ging. Auch aus Eitelkeit hatte ich mich diesem System nicht geöffnet. Und das ist es eigentlich, was uns hat Freunde werden lassen. Denn hätte ich mich geöffnet, hätte er mich kaputtgemacht. Es ist sein Weg, zu sehen, wie weit man jemanden treiben kann oder wie weit sich jemand gesellschaftlich treiben lässt, wenn er gesellschaftlich ungebunden ist oder so ähnlich. Ab wann bedeutet es für ihn den Untergang, wird es „tödlich“? Darauf hatte ich mich nicht eingelassen. Und in dieser Zeit gab es ja dann auch schon diese Probleme für mich, die Spannungen; dadurch relativierte sich das dann nochmal, auf andere Weise. Bei mir war es so, dass ich in der Partei war und von meinen eigenen Leuten in den Arsch getreten wurde. Andererseits hatte ich Ralf, also jemanden aus dem „anderen Lager“, der mir beistand, was natürlich wieder Kontroversen mit sich brachte. Und die, die nicht in der Partei waren, die traten mich auch, weil ich in der Partei war. So kam es zu diesem Dazwischen-Sitzen.

Gottfried Bräunling, Asteris Kutulas, Kunst, Malerei, DDR
Jesus – Plastik von Gottfried Bräunling

Kutulas: Gab es eigentlich mal so eine Zeit, da man versuchte, dich in Schubladen zu stecken, vielleicht auch zu dem Zeitpunkt, als du in den Westen kamst?

Bräunling: Ach, es gibt Schubladen, die ich eigentlich sehr liebe.

Kutulas: Aha!

Bräunling: Aber wenn ich drin stecke, ist es mir unbequem. Ich muss dir sagen, es gibt Seelenverwandtschaften, da kommt man manchen Wesen plötzlich ganz nahe, von denen man sich kaum freimachen kann. Da muss man einfach ‚ja’ oder ‚nein’ sagen. Es gibt auch Schubladen, die ich vorher gar nicht kannte und die ich hier endlich intensiv kennenlernte. Ich mag afrikanische Plastik sehr – oder den Dresdner Expressionismus mit den Brücke-Leuten. Daraus resultiert natürlich viel, so ein Erbe prägt unwahrscheinlich. Sich davon freizumachen … Ich weiß nicht, ob es immer gut wäre.

Kutulas: Du hast mir mal gesagt, du bist nach Westberlin mit einem Pinsel gegangen. Und dann waren lauter weiße Wände da, und du musstest dir langsam eine neue Bildwelt schaffen. Das ist dir so zum ersten Mal passiert, denn sonst waren ja immer Bilder um dich herum. Diese Situation, die ist, glaube ich, sehr interessant.

Bräunling: Das war eine besondere Situation, dieses Plötzlich-in-einer-neuen-Welt-Sein, dieses Unbekannte, was da auf einen einstürzt, das man auf einmal ständig um sich hat – und dann nur leere Wände. Ich war fast wie ohne Vergangenheit. Wie damit fertigwerden, wenn man das Neue noch gar nicht richtig begreift, noch gar nicht fassen kann? Daraus resultierten dann die ersten Umbrüche. Im Malerischen wie im Geistigen. Langfristig wird man sich sicher wandeln, weil man in dieses Leben tiefer eindringt und ein Teil davon wird. Man kann sich nicht davon fernhalten oder loslösen. Ob ich eines Tages integriert sein werde oder ein Außenseiter, gegen dieses Leben ankämpfend oder dafür kämpfend – das kann ich jetzt nicht voraussagen. Ich nehme an, dass ich sicherlich kein absoluter Dafür-Kämpfer wäre, was die gesellschaftliche Situation hier angeht. Weil mir da genauso wenig gefällt wie in der anderen auch, in der ich vorher war.

Kutulas: Ich sehe es eigentlich so, dass du dich bewegst zwischen Dresden, Westberlin und seltsamerweise auch Athen, als drittem, imaginärem Ort. Wo du noch nicht warst. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch in deine Bildsprache einfließen kann, in deine Weltsicht, in dein Lebensgefühl. Eigentlich hast du doch bereits von Dresden aus Griechenland „mit der Seele gesucht“. Damals konntest du ja nicht hin. Jetzt steht es dir bevor.

Bräunling: Sobald ich kann, fahre ich los. Griechenland hat für mich ziemlich große Bedeutung. Weil es noch ein Traum ist, eine Illusion. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalte, wenn ich durch diesen „Raum“ durchgegangen bin und ihn erlebt, in mir aufgenommen habe, eine Möglichkeit der wahrhaftigen Verarbeitung für mich gefunden habe, einer Interpretation in meiner eigenen Sprache. Bisher ist alles, was mir begegnete, mir entgegengekommen und hat mich gereizt, danach zu suchen, ihm zu begegnen. Wie es sich aber vollenden mag … Was Griechenland betrifft, so gab es Begegnungen mit Menschen, mit der Kultur, mit meinen Freunden, die aus Griechenland kommen, die mir das nahe brachten, wo es diese Herzensverbindung gab. Vielleicht liegt so etwas ja in einem Menschen begründet, der bildnerisch tätig ist, vielleicht ist es auch eine Flucht, eine Sehnsucht oder Fernweh? Und eigentlich hatte ich noch mehr Fernweh, wenn ich an Afrika dachte.

Kutulas: Und warum dann Griechenland und nicht Afrika?

Bräunling: Das hat etwas mit dem Geistigen zu tun. Der Wunsch nach geistiger Auseinandersetzung ist stärker als der nach Flucht. Für mich war die Auseinandersetzung z.B. mit der griechischen Literatur enorm wichtig, z.B. mit der von Jannis Ritsos, was letztendlich ja auch dazu führte, dass ich diese Mappe zu seinen „Monochorden“ machte. Das spielte bereits während meines Umwandlungsprozesses in Dresden eine große Rolle.

© Asteris Kutulas, 1988

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