Apassionata – Der Vorhang fällt  (Riesa-Tagebuch 2019)

23.10.2019

Wieder ist APASSIONATA-Proben-Zeit. Aber „Apassionata“ heißt jetzt „Cavalluna“. Wieder traben Pferde nach einer neuen Musik durch die Sachsen-Arena. In drei Tagen ist Premiere.

Ich bin auf meine Art und Weise wieder dabei, wie ich 10 Jahre lang dabei war; und wie im Herbst 2017 und 2018 halte ich meine täglichen Eindrücke in Tagebuch-Form fest. Es hat sich viel verändert seit Herbst 2018. Wie bereits geschrieben: „Apassionata“ heißt jetzt „Cavalluna“. Wie es dazu kam und was aus den Apassionata-Protagonisten Peter Massine, Holger Ehlers und all den anderen geworden ist – darum geht es hier.

Dieser letzte Teil der „Apassionata“-Story, also das unrühmliche und jähe Ende der „Massine-Ehlers-Apassionata“, muss noch erzählt werden.  Nachdem es 14 Jahre lang die Apassionata-Show gegeben hat, liefen dann in der Saison 2017/18 zwei konkurrierende Apassionatas gleichzeitig – unglaublich oder? – und seit Mai 2019 gibt es gar keine Apassionata-Show mehr. Der Vorhang ist gefallen. Bislang jedenfalls … – könnte sich in Zukunft ja wieder ändern. In diesem Trauerspiel der Eitelkeiten und des Geldes ist alles möglich: Willkommen und Abschied. Wiedergeburt und Vergessen. Aufstieg und tiefer Fall.
Diese Geschichte vom Ende der „Apassionata“ ist spannend wie ein Wirtschaftskrimi, voller Emotionen, komisch und tragisch zugleich, und sie handelt von Freundschaft, krimineller Energie, Betrug und Verrat, erzählt von Leid, Engagement, Hoffnung und Enttäuschung.

Während täglich die Waschmaschinen arbeiten und deren Automatik regelmäßig das „Schleuderprogramm“ aktiviert, kann ich einen Blick in die Vergangenheit werfen und betrachten, was in den letzten Monaten alles passiert ist. Die Gegenwart bietet mir Bilder in lebhaften Farben. Und die Zukunft zeigt sich bereits: Der Magische Kubus fragt immer auch nach dem Pferd.

Der Apassionata-Esel und ich in Riesa

Der Catering-Raum erneut als Fluchtort und „APASSIONATA-Konferenzraum“ – diesen Herbst nehme ich ihn noch einmal neu wahr. Das Ganze mit anderen Augen sehen. Vom Objektiv der Kamera wird der Deckel genommen. Stay tuned! 

24.10.2019
Die letzten neun Monate der Apassionata
im Schnelldurchlauf … und sehr subjektiv (aber journalistisch korrekt)

Nach dem heißen, trockenen Sommer weht jetzt ein frischer Wind. Die Blätter der Ahorne färben sich golden, und schon haben sie begonnen, aus den Bäumen zu fallen. Dieser Winter soll ein verregneter werden. „Machen wir es uns warm“, sagt Elsa am Telefon. Sie lebt mit zwei Geräten und zwei Tieren in Friedrichshain.

Hinter den Showkulissen ist es ruhig momentan. Ich lade die Akkus auf, und die Lichtmeister knipsen zur Pause die Scheinwerfer aus. 

2019 ist das Jahr, in dem die Apassionata „untergegangen“ ist. Als wäre sie die Titanic … ein glorreiches Schiff, das unversehens gesunken ist. Um zu verstehen, was sich zwischen Oktober 2018 und Juli 2019 ereignet hat, muss man dort anknüpfen, wo der dritte Teil meiner „Apassionata-Story 2018“ aufhörte. Bereits zu jenem Zeitpunkt war es eine extraordinär spannende Geschichte über ein deutsch-chinesisches Game-of-Thrones-Spektakel, aber dass es sich zu einem dramatischen Wirtschaftskrimi entwickeln würde, ahnte ich damals nicht.

Um jegliche Verwirrung zu vermeiden, möchte ich klarstellen, dass es mir in diesen Tagebucheinträgen um das Ende der „Massine-Ehlers-Apassionata“ geht und nicht um deren „Fortführung“ unter der neuen Marke „Cavalluna“ durch das chinesische Unternehmen Apassionata World GmbH ab 2018.

Peter Massine war Mitbegründer und bis 2019 Produzent der Pferde-Show „Apassionata“. Holger Ehlers war seit 2009 Autor, Regisseur und laut eigenen Angaben „Komponist“ (darüber später mehr) aller Apassionata-Produktionen bis zur letzten Show „Der magische Traum“ in der Saison 2018/19. Seit 2017 war Holger Ehlers auch Executive Producer der beiden letzten Shows „Der Traum“ (2017-18) und „Der magische Traum“ (2018-19). Peter und Holger bestimmten als Hauptakteure nicht nur das geschäftliche Gebaren und die künstlerische Entwicklung der „Apassionata“ der letzten zehn Jahre, sondern sie verantworteten durch ihre Entscheidungen ebenfalls das monströse Ende derselben.

Der Anfang vom Ende

der „Massine-Ehlers-Apassionata“ – das war 2016 zweifellos der Bruch zwischen Peter Massine und seinem Investor, dem chinesischen Immobilienkonzern Hongkun. Diesem Bruch folgte eine langwierige Auseinandersetzung um die Apassionata-Lizenz- und Markenrechte. Nachfolgend einige Presse-Veröffentlichungen zum „Gesellschafterkrieg“ zwischen Peter Massine und der chinesischen Apassionata World GmbH/Hongkun, die das Ausmaß und die Folgen dieser Streitigkeiten offenbaren:

Finance, 6.4.2017: „Ex-Apassionata-Chef: EY klagt wegen nicht gezahlter Honorare“
Spiegel, 21.6.1017: „Der schmutzige Krieg um die Pferdeshow“
Stuttgarter Nachrichten, 30.12.2017: „Ist nicht so leicht, die Welt zu retten“
BZ, 27.1.2018: „Apassionata-Gründer kämpft um den Namen seiner Pferde-Show“
Mittelbayerische, 20.3.2018: „Der moderne Zirkus der Zukunft“
Süddeutsche Zeitung, 13.6.2018: „Hinter dem schönen Schein von APASSIONATA“
Sächsische Zeitung, 26.6.2018: „Ich habe mein Lebenswerk in Gefahr gesehen“
Sächsische Zeitung, 13.7.2018: „International wäre die Marke Apassionata wertlos“
BZ, 22.1.2019: „Krieg der Reitershows Cavalluna und Apassionata“
tip Berlin, 25.1.19: „Zoff um die Pferdeshows: Apassionata vs. Cavalluna“
Donaukurier, 28.8.2019: „Im Pferde-Palast gehen die Lichter aus“

Die Nerven in der Pferdewelt lagen also seit Ende 2016 blank. Hinter den Kulissen brodelte es. Viele Apassionata-Mitarbeiter bangten um ihren Arbeitsplatz. Die beiden „verfeindeten“ Geschäftsführungen schworen ihre Belegschaft auf einen „heiligen Krieg“ ein. Im Kern ging es in diesem erbittert geführten Rechtsstreit zwischen Peter Massine einerseits und der chinesischen Apassionata World GmbH (Hongkun) andererseits darum, wem (die Marke) „Apassionata“ gehört bzw. wer den lukrativen Pferdeshow-Markt in Deutschland und Europa beherrscht. „Apassionata“ war bis 2018 quasi ein sehr erfolgreicher Monopolist in diesem Entertainment-Segment, verkaufte Jahr für Jahr bis zu 480.000 Tickets, machte einen Umsatz von jährlich durchschnittlich 21 Millionen Euro und einen Gewinn von ca. 3 Millionen Euro. Es ging also um sehr viel Geld. Peter hatte versucht, Hongkun über den Tisch zu ziehen, was aber nicht funktionierte. Das Publikum war verwirrt. Die Pferde drehten sich ohnehin im Kreis. Beide „Apassionatas“ – die eine hieß, wie schon erwähnt, ab 2018 „Cavalluna“ – bluteten langsam aus. Es war irgendwie nicht mehr lustig.

Hoffnungsschimmer

Im Sommer 2018 schien es eine Lösung für die Zukunft der „Apassionata“ zu geben. Ein Hoffnungsschimmer. Es kam so etwas wie eine Euphorie auf in der gebeutelten Apassionata-Gemeinde wegen der Zusammenarbeit der Apassionata GmbH von Peter Massine mit der Live Nation Entertainment GmbH. Live Nation, immerhin der weltweit größte Konzert-/Event-Veranstalter, war der richtige strategische Partner für die „Apassionata“. Die Euphorie war also durchaus begründet, denn diese Vereinbarung bedeutete, dass sich Peter aus dem operativen Geschäft zurückziehen und Live Nation die Vermarktung und Durchführung der Tour-Show für zumindest drei plus weitere acht Jahre überlassen würde.
Für uns Apassionata-Mitarbeiter – ich gehörte als Dramaturg zu den „Externen“ – war klar, dass damit die Apassionata für insgesamt 11 Jahre in professionelle und seriöse Hände kommt, denn Peter war als Unternehmer auf breiter Front gescheitert und sein „Vermächtnis“ bestand in einem riesigen (selbstverschuldeten) Scherbenhaufen, den er zu verantworten hatte. 

Aber Peter hatte etwas ganz anderes vor. Der „strategisch“ angelegte Vertrag mit Live Nation vom September 2018 erwies sich als reine Nebelkerze. Peter benutzte diesen Vertrag als Faustpfand, um hinter dem Rücken seiner Mitarbeiter und Partner – und hinter dem Rücken von Live Nation – einen 6-Millionen-„Geheim-Deal“ mit seinen chinesischen „Erzfeinden“ verhandeln zu können. Der wurde am 1.3.2019 unterzeichnet, gerade mal fünf Monate nach der Unterzeichnung der „strategischen“ Elf-Jahres-Vereinbarung mit Live Nation. 

Insolvenz

Etwa drei Monate später hat Peter die „Apassionata“ und damit zahlreiche seiner Gesellschaften in die offensichtlich geplante und systematisch vorbereitete Insolvenz geführt und dabei Gläubiger mit „Tabellenforderungen“ in Höhe von ca. 12,5 Mio Euro zurückgelassen (siehe unten). Da einige Gläubiger ihre Forderungen nicht angemeldet haben und da ich keine diesbezüglichen Informationen über die anderen Firmen von Peter habe, dürfte der reale Schaden darüber liegen, vielleicht bei weit über 15 Mio Euro. Das heißt, Peter hat Mitarbeiter und Unternehmen für sich arbeiten lassen, einberechnend, dass er sie niemals bezahlen kann und wird. Hinter diesen „15 Mio Euro“ unbezahlter Rechnungen verbergen sich tragische Einzel-Schicksale. Das traf Kollegen, Mitarbeiter und Partnerfirmen, von denen einige für Peter und die „Apassionata“ sogar in Vorleistung gegangen waren und investiert hatten, weil Peter – darin unterstützt von seinem künstlerischen Direktor Holger Ehlers – ihnen eine langjährige erfolgreiche gemeinsame Zukunft vorgegaukelt hatte – und sie ihm geglaubt hatten. Peter beanspruchte also ihre Leistungen, ohne sie zu entlohnen, nahm kaltblütig ihr Geld, log sie an und betrog sie:

– den Caterer, der dafür sorgte, dass während, vor und nach den Shows alle 100 Apassionata-Tour-Mitarbeiter zu essen und zu trinken hatten,
– die Spediteure, die Woche um Woche die Technik und die Pferde transportierten,
– die Videofirma, die die Animation für den Werbetrailer hergestellt hatte,
– die Autorin, die u.a. die Texte für „Der magische Traum“ mit verfasst hatte, die allabendlich während der Shows zu hören waren,
– die Pferdefachfrau, die verantwortlich war für das Wohlergehen der Pferde, monatelang ohne Gehalt blieb und dieses letztendlich niemals erhielt,
– den Produktionsleiter, ohne den die gesamte Produktion nicht funktioniert hätte,
– die Technikdienstleister, die den Sound, das Licht und das Videoequipment für alle Shows zur Verfügung stellten,
– den Hotelier, der für die Übernachtung und das Frühstück während der Proben und der Premiere sorgte,
– die Filmproduktionsfirma, die den Trailer produzierte, damit die Shows überhaupt beworben werden konnten,
– den Bühnenbauer, der Equipment für die Show „Der magische Traum“ geliefert hatte,
– den Kameramann und Cutter, der dafür sorgte, dass mehrere Werbetrailer die Menschen zum Kaufen von Tickets animierten,
– die Partner und Mitarbeiter der SenseUp GmbH, die die Ursprungs-Show „Der Traum“ auf die Beine gestellt, dafür hart gearbeitet und zum Teil in diese Show investiert hatten etc. etc.

Ohne diese Menschen, die ich alle aus meiner langjährigen Arbeit bei der „Apassionata“ kenne, hätte es keine Show „Der Traum“ (2017/18) bzw. „Der magische Traum“ (2018/19), keine verkauften Tickets und keine Einnahmen gegeben. Und keinen 6-Millionen-Deal mit den Chinesen für Peter Massine, und keine hunderttausenden Euro für seinen künstlerischen Direktor Holger Ehlers, dessen Ehefrau Katrin Ehlers oder seinen Finanzberater Jens Grimm. Das sind einige Ausnahme-Personen, die Peter bevorzugt und reichlich (auf Kosten aller anderen Gläubiger) für ihre Dienste „entlohnte“ – direkt und/bzw. über die neu gegründete Firma Mondwind Entertainment GmbH. Das jedoch erfuhren wir viel später, als das Kind bereits sehr tief in den Brunnen gefallen war, als die Insolvenzverwalter – zusammen mit den Gläubigern – den Geldflüssen folgten, wobei immer mehr Fakten ans Tageslicht kamen. (Darüber in meinen nächsten Tagebucheintragungen mehr und ausführlicher.) 

Apassionata Firmengeflecht

Meine journalistische Recherche führte mich zunächst einmal zu folgenden insolventen Gesellschaften von Peter Massine:

Apassionata Firmen von Peter Massine

Nach weiteren Recherchen offenbarte sich mir folgendes Bild: Peter Massine hatte mit einem ab irgendwann recht verzweigten und sehr undurchsichtigen Firmengeflecht in Deutschland, Österreich und auf Malta die Apassionata-Show produziert und vermarktet. Jetzt wurde mir deutlich, warum Peter über 15 Firmen in mehreren Ländern „brauchte“, um eine finanziell und organisatorisch überschaubare Show wie die „Apassionata“ zu produzieren. Weil keiner mehr sicher wusste, welche Rechte Peter in welche Firma verschoben hatte, mussten im Vertrag vom 1.3.2019 mit seinem chinesischen Ex-Partner Hongkun (fast) ALLE Gesellschaften von Peter für diese Übertragung der Apassionata-Markenrechte garantieren, die da waren: Massine Group GmbH, Holt GmbH, Apassionata Massine GmbH, Apassionata München GmbH, St. George Edition Limited, SenseUp Entertainment GmbH, FUTURECOM Rental Service GmbH, Bright Stone Holding Limited, Tyrell Corporation Limited, APASSIONATA Productions GmbH, Davinci Publishing Limited, Bel-Brand Entertainment Ltd. sowie Peter und Karen Massine Stiftung. (Mir ist aufgefallen, dass diese Firmenaufzählung – wenn man sie laut hintereinander liest – wie ein dadaistisches Gedicht von Tristan Tzara klingt.)

Die meisten der oben aufgeführten Massine-Firmen hatten als einziges Asset die Pferdeshow „Apassionata“. Der gesamte Umsatz und die einzige Einnahme der meisten dieser Unternehmen speisten sich aus der jährlich neu produzierten und vermarkteten Apassionata-Show. Die Schaffung dieses verwirrenden Firmengeflechts hatte also offensichtlich einzig das Ziel, betrügerische Handlungen zu ermöglichen und zu kaschieren, Partner über den Tisch zu ziehen und eine Verfolgung durch staatliche Behörden zu verhindern bzw. diese so schwierig wie möglich zu machen. Um unter anderem 15 Mio Schulden zu machen … und ungestraft zu bleiben. Bei der völlig überlasteten und überforderten deutschen Justiz – vor allem in Berlin – schafft Peter es vielleicht sogar, weiterhin ungestraft davonzukommen, trotz mehrer Strafanzeigen, Klagen, Titel und eines Haftbefehls. Aber auch hier verhält es sich genauso klischeehaft, wie in all diesen und ähnlichen Geschichten: Peter ist – kurz vor seinen vielen Insolvenzanmeldungen – offiziell mit seiner Familie nach Bali umgezogen. Er lebt wohl weiterhin in Berlin, aber die deutsche Polizei weiß nicht, wo sie ihn verhaften soll. Sie hat nur seine Wohnadresse auf Bali.

Über Riesa hängen dunkle Wolken. Bei Gewitter zuckt erst der Blitz, und darauf folgt der Donner. Diese Apassionata-Geschichte hat etwas von einem Wetterphänomen. Auch die Premiere der Apassionata-Show „Der Traum“ fand im Oktober 2017 statt, als passiere das in Synchronität mit den Vorboten des Orkans, der damals Deutschlands Topoi aufscheuchte. Eigentlich hätte man wissen können, dass „sowas“ kommt, aber dass es tatsächlich kam … Wer hatte mit dieser Show damals wirklich gerechnet? Und wer hatte mit diesem Ausgang gerechnet?

25.10.2019, Apassionata Melancholia

Dürers Melancholia ist hier vor Ort nicht melancholisch. Sie hat sich das Schneiderinnen-Bandmaß als befriedete Schlange umgelegt. Melancholia hat ehrlichen Schlamm an den Schuhen, sie hat ehrliche Fusseln am Kleide. Duftendes Wiesengras, Brombeerblätter und Hagebuttenschalen hat sie geatmet.  „Wir müssen dankbar sein“, höre ich mich sagen. Ohhhhmmmmmm … Die unmelancholische Melancholia senkt und hebt das Haupt, sie dankt den Wassern und Waschmaschinen. Sie dankt den Nadeln und Nähmaschinen. Es glitzert. Es blinkt. Es öffnen und schließen sich die Tore der Tage. Der Herbst in Riesa ist bunt.

„Apassionata“ war für mich seit 2013 vor allem als Künstler interessant – sie war gewissermaßen ein artifizielles Experimentierfeld, und ich verwirklichte durch meine künstlerische Mitarbeit an dieser Show-Produktion einige für mich wichtige Ideen und Konzepte. Man kann das sowohl auf diesem Asti-Blog als auch auf meinem Asteris-Kutulas-Vimeo-Kanal zwischen 2013 und 2019 in vielen diesbezüglichen Texten und in über 25 Video Blinks sehr gut nachverfolgen. Diesen künstlerischen Prozess habe ich über mehrere Jahre tagebuchartig begleitet und darüber hinaus auch mehrere programmatische Texte geschrieben. Die Apassionata-Show war für mich also ein Konzeptkunst-Projekt, auf das ich mich in meiner Zusammenarbeit mit „Apassionata“ als Dramaturg und künstlerischer Berater immer mehr konzentrierte. 

Peter & Holger

Bereits seit Anfang 2017 hatte ich kaum noch Kontakt zu Peter Massine. Im ganzen turbulenten Jahr 2018 begegnete ich ihm nur vier- oder fünfmal. Immer, wenn ich ihn traf, hatte ich das Gefühl, mit einem Menschen zu sprechen, der jegliche Beziehung zur Realität verloren hatte und in einer Blase voller Illusionen lebte. Ich ging auch nie ins Apassionata-Büro in der Kantstraße, sondern kommunizierte – als Dramaturg der Show – nur mit Holger Ehlers, dem künstlerischen Direktor der „Apassionata“. Mit Holger war ich damals sogar befreundet, zumindest glaubte ich, dass uns eine Freundschaft verband – meinerseits ein großer Irrtum, was sich viel später herausstellte.

Weil Peter seit Mitte 2017 in den Augen der meisten Apassionata-Partner und -Mitarbeiter total „verbrannt“ war, nahm Holger immer mehr die Position eines Executive Producers ein. Holger verhandelte mit Mitarbeitern, fällte teilweise Personalentscheidungen und war aktiv an Budget-Gesprächen und auch an der Aufstellung von Zahlplänen beteiligt. Holger war vor allem seit Oktober 2018 emsig darum bemüht, dass die Show weiterlief, obwohl die Apassionata GmbH und die SenseUp GmbH längst „pleite“ waren.

Als Insider wusste Holger besser als jeder andere spätestens seit diesem Zeitpunkt, also seit Oktober 2018, um den finanziell desaströsen Zustand der Apassionata, sorgte aber mit zuversichtlich stimmenden Sätzen, Durchhalteparolen und immer neuen „Geldeingangsszenarien“ dafür, dass das Ganze bis Ende April 2019 weiterlief, bei allen die Hoffnung erweckend, dass sie ihr Geld irgendwann mal bekommen. Holger war damals für die meisten Apassionata-Mitarbeiter noch glaubwürdig, weil er fast täglich betonte, dass er selbst der finanziell am meisten Geschädigte sei und von Peter, den er sehr oft deswegen beschimpfte, nicht bezahlt würde. Inzwischen weiß ich aus den mir vorliegenden Unterlagen, dass Holger in den letzten Monaten der „Apassionata“, und zwar bis kurz vor deren Insolvenz, Hunderttausende Euro verdiente – von Peter Massine überwiesen sowie durch rechtswidrige Rechteübertragung ermöglicht. Was für eine Geschichte! Voller Gier, Hybris, Megalomanie und trauriger Pferde. Denn, wie sagte mir eine Pferdeflüsterin: „Pferde lügen nicht“! Menschen schon. 

Zahlungsunfähig …

Für mich persönlich stand seit Anfang Oktober 2018 die Zahlungsunfähigkeit der Apassionata GmbH zweifellos fest, und zwar ab dem Augenblick, als ich von Holger erfuhr, dass Live Nation die 200.000 Euro Produktionsgelder pro Stadt nicht direkt an die Mitarbeiter und die Dienstleister von „Apassionata“, sondern an Peter auszahlen würde. Als im Oktober 2018 die ersten 200.000 Euro dann tatsächlich statt an die Mitarbeiter rechtswidrig an Peters Rechtsanwalt gingen, viele Dienstleister nicht bezahlt wurden und eine „Erklärung“ von Holger die andere jagte, war uns allen klar, dass Peter seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen würde – weder gegenüber den Gläubigern der Apassionata GmbH noch denen der SenseUp GmbH. 

Es war einfache Mathematik: Die Premieren-Produktion im Oktober 2018 in Riesa konnte nur zum Teil bezahlt werden und viele Rechnungen blieben offen – laut Peter entstand durch Riesa ein Verlust von 200.000 Euro, aber auch das gesamte Geld für die erste Tourstadt (Stuttgart) Ende Dezember 2018, also weitere 200.000 Euro, waren weg, weil sie, wie oben beschrieben, an Peters Anwalt überwiesen worden waren. Die Tour ging also mit einem Minus von insgesamt 400.000 Euro los, plus die ca. 1,4 Mio Schulden von der SenseUp GmbH, die die „Apassionata“ übernommen hatte. Es handelte sich um eine Art „Schneeballsystem“, das bereits ein halbes Jahr später – allein für die beiden Produktionsfirmen Apassionata GmbH und SenseUp GmbH – einen Schuldenberg von über 4 Mio ergab. 

Außerdem wussten wir alle: keine Bank oder irgendeine Institution in Deutschland würde – durfte – einem Bankrotteur wie Peter, der in 60 gerichtliche Auseinandersetzungen verwickelt war, auch nur einen Cent Kredit geben. No way. Ab Oktober 2018 ging es offensichtlich im Großen und Ganzen nur noch darum, wie jeder einzelne – zum Teil aus purer Verzweiflung und Not – sein Geld oder einen Teil davon oder einen Teil der Apassionata bzw. einen Anteil an der Marke erhalten könnte – im vollen Bewusstsein bzgl. der Zahlungsunfähigkeit sowohl der SenseUp als auch der Apassionata GmbH. 

… all this for money and power

Holger, Jens Grimm und mir kam es ab diesem Zeitpunkt darauf an – so dachte ich (irrtümlicherweise) jedenfalls –, auf der Basis unseres Apassionata-Know-Hows in Zukunft weiterhin Show-Produktionen ohne Peter Massine zu produzieren. Dafür arbeitete ich zusammen mit anderen bis zum Juni 2019. Ich sah es ohnehin so, dass die Apassionata-Show de facto nicht mehr Peter Massine gehörte, sondern den Gläubigern, die diese Show produziert und zum Teil finanziert hatten, aber dafür nicht bezahlt worden waren.

Doch Peter verfolgte ab Oktober 2018 offensichtlich nur ein Ziel: sich durch ein Geheim-Abkommen mit den „Chinesen“ einen 6-Millionen-Deal zu sichern. Und Holger seinerseits interessierte einzig und allein, wie er (zusammen mit seiner Ehefrau Katrin und mit Jens Grimm) auf Kosten vieler Mitarbeiter und Partner u.a. durch den Verkauf der Apassionata-Show „Der magische Traum“ nach Saudi-Arabien im Juni/Juli 2019 einen Gewinn von mehreren hunderttausend Euro realisieren konnte. Holger Ehlers war in diesem Augenblick der Einzige, der, im Wissen um Peter Massines Zahlungsunfähigkeit und Betrugsmasche, die Tour bis zum bitteren Ende „durchziehen“ konnte – mit einkalkulierten Opfern auf deinen Seite und mit einem riesengroßen Gewinn für sich. Und er tat es – für sich, und damit Peter seinen 6-Millionen-Deal abschliessen konnte.

So wurde für viele Mitarbeiter und Partner aus dem „magischen Traum Apassionata“, das jahrelang Kinderaugen erstrahlen ließ, ein wahrer Alptraum. Eine Apassionata-Reiterin fasste das Ende der „Apassionata“ wie folgt zusammen: „Years of hard work gone … lives destroyed, a lot of tears shed, total chaos and people doing things you wouldn’t believe. And all of this for money and power. Where did the soul go? Where did the love go? Where has the family feeling gone? I only know it did not go with the founder of Apassionata … He should be ashamed of his greediness. One thing I have learned, I saw the real face of a lot of people, and it wasn’t a pretty one.“

26.10.2019, (Keine) Apassionata Premiere

(Veröffentlichung folgt bald.)

Der Wind steht gut. Das Licht ist stark. Der Klang keine Sache für sich. Ein Reiter steht zwischen zwei Pferden, er legt seinen Mantel ab, er ruft einem anderen Reiter etwas zu und lässt aus dem Zurufen ein spanisches Lied werden. Die Tonmänner nehmen diesen Klang auf in die Werkzeugkiste in ihrem Brustkorb. Nichts kommt aus den Lautsprechern, das nicht gemacht wäre aus Pulsschlag, Gedankenkraft und nachhallender Stille. Aber in diesem Jahr heißt das Spektakel hier nicht mehr Apassionata, sondern Cavalluna. Alles ist gleich, und alles ist anders.

 

27.10.2019, Apassionata-Postscriptum

(Veröffentlichung folgt bald.)

Dunkle Wolken wollen es regnen lassen, draußen, auf die Halle und auf die dunkle Erde, die gesund ist, wie man sich in Riesa sagt. Tiefe Schatten ändern die Farbe der Welt, drinnen. Eine Stimme ruft: „Dancers … On your position … Boys … from the beginning … Music please …“ Auch an diesem Sonntag gibt es ein Tagesziel. Wenn die Nacht kommt, glänzt das Fell der Pferde wie Seide. An einem einzigen seidenen Faden hängt nichts bei Apassionata|Cavalluna. Der Montag kommt.

© Asteris Kutulas