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Keine Vision für Griechenland

WARUM ALEXIS TSIPRAS UND SYRIZA GESCHEITERT SIND

Alexis Tsipras hätte nach seiner Wahl Ende Januar 2015 sagen müssen: I HAVE A DREAM. Er hätte die Idee von einer „neuen Gesellschaft“, eine Vision für eine NEUE Zukunft Griechenlands entwickeln müssen. Aber er hat(te) offensichtlich weder einen Plan und noch weniger einen Traum.

Die neue Regierung hätte sofort nach der Wahl im Januar 2015 erklären müssen: WIR Griechen sind selbst (haupt)verantwortlich für das Desaster und das Leid in unserem Land. Diese Aussage hätte nämlich bedeutet: WIR selbst sind es, die auch etwas dagegen tun können! Die SYRIZA-Regierung hätte sagen können: ‘Fangen wir bei dem an, was wir in Griechenland selbst verändern können, um uns aus dem Sumpf zu ziehen.’ Und man könnte sehr viel tun … Die Regierung hat aber überhaupt keinen Ansatz erkennen lassen, in dieser Richtung zu denken, zu kommunizieren, Konzepte zu entwickeln oder gar zu handeln; und somit hat sie – genau wie die Regierungen davor – den Eindruck verstärkt, dass die AUSLÄNDER (vor allem die Deutschen) schuld sind an dieser Misere, und wir könnten nichts dagegen tun.

Wir Griechen können nicht Frau Merkel und Herrn Schäuble kontrollieren, geschweige denn Deutschland. Wir können aber unsere eigenen Politiker wählen und deren Politik bestimmen – und wir können unser eigenes Land verändern, u.a. indem wir uns selbst verändern. Dieser „ideologische Egoismus“, der die griechische Gesellschaft seit zwanzig, dreißig Jahren wie ein Krebsgeschwür zerstört, muss zurückgedrängt werden. Theodorakis hat das bereits 1991 – gemünzt auf die damals Regierenden – auf den Punkt gebracht: „Sie haben die Kassen geleert, sie haben die Herzen geleert, sie haben die Hirne geleert.“ Und wir haben das mit uns und mit unserem Land machen lassen.

Wenn Politik so gemacht wird, dass die Jugend und ihre Rechte NICHT in die Betrachtungen von Politik mit einbezogen werden (und das werden sie nicht), dann hat nicht nur diese Jugend keine Perspektive, sondern auch nicht das Land. Ich jedenfalls habe nicht wahrgenommen, dass Alexis Tsipras eine Zukunftsvision, einen Plan für ein neues, ein anderes Griechenland gehabt oder kommunziert hätte.

P.S. Mit der Unterschrift von Alexis Tsipras unter dem 3. sogenannten Rettungspaket im Juli 2015 hat Griechenland den Verlust seiner Souveränität auf Jahrzehnte hinaus besiegelt. Dieses „Rettungspaket“ – da sind sich alle Wirtschaftsexperten einig – wird mehr Armut, höhere Arbeitslosigkeit und höhere Schulden bringen. Der einzige Leidtragende in diesem europäischen Game of Thrones ist also (bislang) nur das griechische Volk.

Die Wahlerfolge von Alexis Tsipras und SYRIZA 2015 offenbaren andererseits die Willensbekundung vieler griechischer Bürger, einen Schlußstrich unter die katastrophale Vergangenheit zu ziehen – unabhängig von den „internationalen“ Implikationen. Also jene Politik von PASOK und Nea Dimokratia abzuwählen, die Griechenland durch Vetternwirtschaft, geduldeter Massen-Steuerhinterziehung und organisierter Staats-Kriminalität in die Katastrophe gestürzt hat. Das wenigstens ist den Griechen gelungen. Wie und ob es weitergeht, weiss keiner.

© Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 16.7.2015

Die sind alle Taliban …

Gerade läuft im Parlament der „letzte Akt der Schande“ wie mein kommunistischer Freund, der ewige Student Makis sagt. Am Tisch wir beide und Rita, eine zwanzigjährige, sehr begabte Schauspielerin aus Thessaloniki, die in London bereits in zwei Hauptrollen spielen konnte, aber seit mehr als zwölf Monaten in Athen ohne Job gestrandet ist. Wir sitzen in einem Café und verfolgen im Fernsehen die Parlamentsdebatte über das neue Memorandum für Griechenland. Makis knabbert seine Sonnenblumenkerne und flucht ununterbrochen auf die SYRIZA-Regierung.
Tsipras sagt kurz vor der Abstimmung: „Ich hatte nur drei Möglichkeiten: 1. einen verheerenden Staatsbankrott, 2. ein für Griechenland sehr schlechtes Abkommen und 3. den von Herrn Schäuble vorgeschlagenen geordneten Grexit. Ich habe mich schweren Herzens für die meiner Meinung nach einzige gangbare Lösung entschieden: das furchtbare Abkommen.“ Ich persönlich hätte mich für die dritte Möglichkeit entschieden – den von Herrn Schäuble angebotenen Grexit –, das scheint mir sehr vernüftig und die besten Aussichten auf Erfolg für Griechenland zu haben, aber diesen Gedanken kann ich hier nicht laut äußern.

Rita nimmt mich beiseite und sagt: „Ich halt es hier nicht länger aus mit diesen Griechen. Du verstehst das. Du lebst in Berlin. Hör dir deinen Freund Makis an. Das sind hier alles Taliban. Die wissen nicht, was sie wollen. Sehen die nicht, dass die deutsche Regierung unser Feind ist? Sie will uns vernichten, und Tsipras hat widerstanden.“ Ich nehme ihre Hand in meine Hände und sage: „Keiner will dich vernichten.“ Ihr steigen Tränen in die Augen, sie zieht ihre Hand zurück, stößt unsere drei Gläser vom Tisch und schreit: „Was kann ich dafür, dass ich so gut aussehe und dass mich jeder bescheuerte Regisseur und jeder bescheuerte Produzent beschlafen will? Ich will jedenfalls weder deren Plop-Love-Shots noch deren Kohle dafür. Ich will einfach arbeiten können und damit Geld verdienen. Ich werde dieses Scheißgriechenland verlassen. Taliban … Die sind alle Taliban.”

Viele Stunden nach der Abstimmung im Parlament und endlose Gespräche später nehme ich bei all meinen Bekannten und Freunden eine seltsame Mischung aus Wut und Erleichterung wahr – verbunden mit viel Trotz. Und die merkwürdige Gewissheit, die Makis so in Worte fasst: “Die deutsche Regierung hat uns geschlagen und gemartert, aber wir haben widerstanden und sind nicht besiegt.“ Und allseits die große Erleichterung, noch in der Euro-Zone zu sein – und sei es mit diesen harten Sparauflagen. Meine Tante sagt am Telefon: „Wir haben Krieg und Bürgerkrieg überstanden und auch die Juntazeit und das Kriegsrecht. Mach dir keine Sorgen um uns. Wir werden auch dieses Spardiktat noch überstehen.“

Asteris Kutulas

Herr Tsipras, verändern Sie endlich Griechenland!

Sehr geehrter Herr Tsipras,

bitte nehmen Sie den gestrigen Vorschlag von Herrn Schäuble auf und lassen Sie uns sofort den Euro verlassen. Eine bessere Gelegenheit hat es dafür in den letzten 5 Jahren nicht gegeben! Wir haben keine Chance innerhalb der Eurozone zu recovern. Das bisherige Argument, dass ein ungerodneter Grexaccident ins Chaos führen würde, gilt seit dem gestrigen Vorschlag des deutschen Finanzministers nicht mehr. Darin verspricht er finanzielle Unterstützung, humanitäre Hilfe und technischen Beistand bei der Wiedereinführung der Drachme – und das alles innerhalb der Eurozone (wie die anderen 10 Euroländer, die keinen Euro haben.).

Herr Tsipras, Griechenland ist bankrott, korrupt und nicht mehr souverän – Sie und SYRIZA sind NICHT dafür verantwortlich. Jetzt haben Sie die einmalige Chance, Griechenland radikal zu ändern und zu reformieren. Tun Sie es!

Asteris Kutulas

Jetzt muss die Tsipras-Regierung liefern

Das NEIN hat gewonnen. (Und zwar mit einem Riesenvorsprung.) Das hatte ich wirklich nicht erwartet. Bei diesem Terror fast der gesamten griechischen (und deutschen) Presse gegen die Tsipras-Regierung, bei diesen Armaggedon-Drohungen der Opposition, bei dieser immensen finanziellen Unterstützung des JA-Lagers, bei diesen Untergangs-Prophezeiungen des gesamten europäischen Establishments, bei diesem Wahl-Boykott der Kommunistischen Partei (die immerhin 8% Wählerstimmen hat) und vor allem unter der Fuchtel geschlossener Banken, drohender Pleite und unter der Prämisse, dass KEINER wusste/weiss, was der nächste Tag bringen wird: RESPEKT! RESPEKT! Vor allem die letzten Punkte zeigen, dass es vielen Griechen um mehr ging, als nur um Geld. Und umso schwerer wiegen die 61%. Aber trotzdem, wie ich gestern schrieb: WIR SIND ALLE GRIECHEN, lasst uns jetzt endlich unsere Hausaufgaben machen! Wir müssen endlich unser Land umkrempeln. Und jetzt muss die Regierung liefern. Ich stimme mit ALEXANDRA FÖDERL-SCHMID überein, die vorhin im Wiener STANDARD schrieb: Die „griechische Regierung muss ihren Plan vorlegen, wie sie die Zukunft des Landes aktiv gestalten will. Wer etwas von anderen will, muss sich dann auch an Vereinbarungen halten. Reformen sind in vielen Bereichen notwendig. Nur Nein zu sagen reicht nicht – weder in Brüssel noch in Athen.“