Schlagwort-Archive: Peter Zacher

Peter Zacher, RIP

Liebe Gisela,

FUCK! Peter Zacher ist tot.
Peter hätte bei diesem Satz die Augenbrauen hochgezogen und mir mit leiser und fester Stimme gesagt: Solch ein Wort benutzt man nicht bei einer Beerdigung. Und ich hätte ihm geantwortet: FUCK!, Peter, man stirbt auch nicht einfach so … Doch ich bin mir sicher, dass er bei seiner Meinung geblieben wäre, obwohl er die anarchistisch-libertaristische Dimension einer solch emotionalen Aussage insgeheim sehr gemocht hätte und unmerklich gelächelt, wie in dem Augenblick, als er seinen Kater im Schrank sitzen sah. Peter wusste sehr gut, dass alle Heiligkeit sich um ein Lächeln versammelt.

Diese beiden Seiten haben Peter ausgemacht: der Stil (und vor allem der Stil der Sprache) einerseits und das unbedingte Streben nach „Willensfreiheit“ andererseits. Peter mochte, ja, liebte Mikis Theodorakis aus diesem Grunde: weil der ein begnadeter Komponist mit einem sehr persönlichen Stil ist und sowohl in seiner Kunst als auch in seinem politischen Wirken den Anspruch auf absolute Willensfreiheit vertritt. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Diese Konsequenz, die aus jeder Note spricht, die Theodorakis Gefängnis- und Verbannungsaufenthalte einbrachte und die sich in einem immerwährenden Trotzen gegen Anfeindungen aller Art äußerte, diese Widerborstigkeit gegenüber jeglichem Duckmäusertum hat Peter fasziniert. Denn er selbst war genauso, er fühlte genauso: In der Kunst, in der Musik geht es immer wieder auch um Leben und Tod.

Peter war nicht nur ein herzlicher, von Aufrichtigkeit durchdrungener Mensch, er war auch ein „Widerständler“, ein geheimnisvoller intellektueller Extremist, dem die geistige Beschränktheit in der realsozialistischen DDR bis 1989 genauso fremd war wie in den Zeiten des wirtschaftsliberalen Kapitalismus danach.
Peter war ein Getriebener, der versuchte, jeden Augenblick kein falsches im richtigen Leben zu leben. Bei Bach, bei Mahler, bei Strawinsky – darin war er sich mit seinem Freund Mikis Theodorakis einig –, da ist sie zu finden: die universale Harmonie, die alles beinhaltet, wofür es zu leben lohnt, und die zugleich den Weg weist, der gangbar ist, um das richtige sogar im falschen Leben leben zu können.

Peter habe ich viel Elementares zu verdanken. Peter öffnete mir Türen, auch die zur jüdischen Musik und Kultur und in gewisser Weise auch die Tür zur Klassik. Er öffnete mir Türen zu einigen weiter wandernden Sternen. Mit Peter und „wegen“ Peter entstanden meine ersten Essays zu Theodorakis und zu Jannis Ritsos Ende der siebziger Jahre.

Die erste Begegnung mit ihm war ein Erlebnis, wie man es als Kind hatte, wenn einem eine Muschel gegeben wurde, die man behalten durfte. Von Peter erfuhr ich, dass man Literatur auch als „Weltanschauung“ leben kann. Peter weihte mich ein in die „Geheimnisse“ des Übersetzens, und er lehrte mich die Ausdauer und Disziplin, ohne die ein Über-Setzer unmöglich auskommt. Sein Haus in Dresden war für viele Jahre eine Art intellektuelles Refugium für mich. Peter, Gisela und der Fliederberg – was für eine abgehobene, faszinierend-transzendentale Welt.

Fliederberg, das sind zwei schöne Worte, zu einem Namen geworden. Er duftet aus sich heraus, und so war das innere Bild, das ich von Peter stets hatte, immer von einem Aroma erfüllt und von einem steten Rauschen. Denn wenn man an einem Fliederbusch vorbeigeht und wenn man auf einen Berg geht und wenn man ans Meer geht, dann strömt es um einen her, es rauscht, es ist etwas Endloses in der Atmosphäre, und es lässt sich kein Punkt dahinter oder davor setzen. Man kommt ohne viele Worte aus.

Peter, Du hast uns etwas geschenkt, das nicht verloren gehen kann. Vielen Dank dafür.

Asteris Kutulas, 14.2.2014