Schlagwort-Archive: Korea

Die Ganzheit der geteilten Welt – Südkorea-Tagebuch (24.9.19)

Seoul ist eine wohlhabende Stadt, in der hohe Gehälter gezahlt werden. Das merkt man überall an den gepfefferten Preisen. Es gibt hier weiße, gelbe und schwarze Taxis. Die Fahrt mit einem schwarzen Taxi kostet dreimal so viel wie die Fahrt mit einem gelben oder weißen Taxi. Als ich gestern mit einem weißen fuhr, erlebte ich etwas Unerwartetes: Im Radio wurde Mozarts „Zauberflöte“ gespielt. Der Taxifahrer, der kein Wort Deutsch oder Englisch verstand, bewegte während der 40minütigen Fahrt seinen Kopf im Takt zu den Arien und Rezitativen. Ganz offensichtlich war er dabei eins mit sich.

Immer und überall diese Höflichkeit in Kombination mit unzureichenden Fremdsprachen-Kenntnissen – das ergibt sehr spezielle Botschaften, Informationen eigener Natur, weshalb man sich ein wenig „wie im falschen Film“ fühlt, nachdem man sie vernommen hat, immer wieder mehr oder weniger stark verunsichert ob des kryptischen Inhalts, den man nur teilweise entschlüsseln kann. Eine kryptische Welt, die auf ihre Entschlüsselung in uns wartet.

Ich begegnete aber auch Menschen, die zumindest teilweise Englisch sprachen. Die Unterhaltungen, die wir führten, offenbarten mir ein Land, das nach seiner zweiten Hälfte verlangt, ein Land, das seine asiatischen Wurzeln verflicht mit der höchst entwickeltsten westlichen Technologie und das ein 5G-Netz hat, während man in Deutschland nur davon träumen kann. Ein kleines Land, das sich gegen seine mächtigen Nachbarn China und Japan durchzusetzen weiß – was an ein Wunder grenzt.

Ein Liedermacher aus Seoul sagte mir: „Ich bin sehr beunruhigt ob der Entwicklung Südkoreas. Das läuft alles in eine völlig falsche Richtung. Ab nächstes Jahr singe ich nicht mehr. Es macht keinen Sinn.“

Ein Professor, der an der Uni von Seoul lehrt: „Wir stehen hier alle sehr unter Druck. Eine ganz andere Leistungserwartung als die in Europa. In Europa arbeitet man, um zu leben. Hier lebt man, um zu arbeiten.“

Mr. Wong, der Unternehmer, eröffnete mir: „Ich glaube an Geister. Sie beherrschen die Welt. Ich habe das Glück, dass sie mir erscheinen, und manchmal kann ich sogar mit ihnen kommunizieren.“

Morgen fliege ich zurück nach Deutschland. Südkorea hat mich beeindruckt. Eine andere Welt, die über ihre Produkte und ihre Wirtschaftsmacht tief in unser europäisches Leben hineinwirkt und in erbitterter Konkurrenz steht mit der anderen Wirtschaftsmacht jenseits des Atlantik, den USA – ihrem gleichzeitig engsten Verbündeten.

Und als „Sahnehäubchen“ Zen-Meister Subul, der erklärt, jeder Einzelne sei Gott und könne eins mit sich sein. Wir können viel von Korea lernen und Korea von uns.

© Asteris Kutulas, Seoul, 24.9.2019

(Photos by Asteris Kutulas)

 

Krieg, Wiedervereinigung, Smartphones – Südkorea-Tagebuch (23.9.19)

Mr. Lee, ein unglaublich netter und sympathischer Unternehmer, hat uns zum Abendessen eingeladen. Cathy flüstert mir zu: „Das ist ein richtig reicher Mensch.“ John fragt Mr. Lee danach, wie er über die Wiedervereinigung denkt. Mr. Lee geht in sich, denkt lange nach und gibt so etwas wie eine Grundsatzerklärung ab, die ihm sehr wichtig zu sein scheint: „Wir werden sehr viele Probleme haben. Das wird ein langer Weg. Es wird vielleicht auch Verlierer geben. Aber das ist alles unwichtig. Wichtig ist nur, dass die Wiedervereinigung kommt.“ Sein Partner, Mr. Wong, ergänzt: „Nach der Wiedervereinigung werden wir – im Gegensatz zu Deutschland, das den Osten de-industrialisiert hat –, den Norden aufbauen und dadurch den Wohlstand sowohl im Norden als auch im Süden erhöhen. Korea wächst sehr schnell, und da ist noch mehr Potential. Im Inland gibt es nicht genügend Arbeitskräfte, deshalb holen wir sie auch aus den Nachbarländern. Wegen der Nachfrage ist das mit der Zeit aber immer kostspieliger geworden. Diese Arbeitsmöglichkeiten und dieses Geld sollten unseren koreanischen Mitbürgern im Norden zugutekommen, statt dass das Geld ins Ausland abfließt.“ Mr. Lee fügt hinzu: „Südkorea gehört bereits zu den fünf führenden Wirtschaftsnationen der Welt. Nach der Vereinigung mit Nordkorea werden wir auch Japan überholen.“

Das italienische Restaurant, in dem wir sitzen, befindet sich im Gangnam-Distrikt, dem „Manhattan Seouls“. Durch den „Gangnam Style“-Song von PSY ist dieser Stadtteil weltberühmt geworden. Am Nebentisch deklamiert ein US-Amerikaner laut: „Don’t kill the baby before it is born.“

John fragt, wie die Jugend zum Korea-Krieg steht, der zur Spaltung des Landes geführt hat. Mr. Lee sagt: „Die jungen Leute wissen kaum etwas darüber, und es interessiert sie auch nicht besonders. Für sie sind weder dieser Krieg noch dessen Folgen ein Thema. Sie erleben seit zwanzig Jahren ein Land im ununterbrochenen Aufschwung, in dem es ihnen immer besser geht. Sie machen sich keine Gedanken darüber. Ich glaube, sie wollen nichts vom Krieg wissen; sie beschäftigen sich mit der virtuellen Realität ihrer Smartphones.“

Als wir uns verabschieden, verbeugt sich Mr. Lee, wie es hier üblich ist, und reicht mir die Hand. „Nice to meet you.“ Noch eine Verbeugung. Ich habe kein anderes Land kennengelernt, in dem Höflichkeit eine so große Rolle spielt. Hinzu kommt das permanente Bestreben, sich in in sein Gegenüber hineinzuversetzen, immer darum bemüht, niemanden in Verlegenheit zu bringen. Das erzeugt ein ganz anderes Lebensgefühl, und ich ahne, dass das glücklich machen könnte. Jedenfalls bemerke ich an mir, wie ich selbst anfange, diese Höflichkeit zu zelebrieren und mich ebenfalls mehrmals zu verbeugen. Demut. Selbstachtung durch Selbstverleugnung. Freiheit durch „Unterwerfung“. 

© Asteris Kutulas, Seoul, 23.9.2019

(Photos by Asteris Kutulas)

„Wir sind alle umzingelt“ – Südkorea-Tagebuch (22.9.19)

Seltsam, in Südkorea zu sein, wenn man aus dem ehemals geteilten Deutschland „kommt“. Noch einen Tag oder auch nur Stunden vor dem „Mauerfall“ war nicht daran zu denken, dass Deutschland bereits ein Jahr später vereint sein würde. Hier dagegen sprechen alle von der Wiedervereinigung, wollen alle (mehr oder weniger) die Wiedervereinigung, suchen nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit. In der demilitarisierten Zone werden Wirtschaftsbetriebe gegründet. Arbeiter aus Süd und Nord arbeiten dort zusammen, eine Bahnlinie zwischen beiden Ländern wird gebaut, die aber (noch) keine bilaterale Verbindung ist, sondern der Zug bringt die Arbeiter vorerst nur in die „Zone“. Und dieser Tage kommen beim DMZ-Forum Experten zusammen, um über alle Aspekte des Wiedervereinigungsprozesses zu diskutieren und Lösungen zu finden. Politisch, wirtschaftlich, kulturell, ökologisch, psychologisch.

Ich habe das Gefühl, dass an der „Basis“ alles bereit ist für die nationale Familienzusammenführung und dass es nur noch des Drei-plus-Zwei-Abkommens bedarf: USA, China, Russland, Nord- und Südkorea müssen sich gegenseitig die Sicherheiten gewähren, die alle brauchen, um die Teilung zu beenden.

Der Taifun aus Okinawa hat Südkorea erreicht. Bei strömendem Regen fahren wir zum neuen Event-Ort. Die Veranstaltung musste von Open-Air nach Indoor und noch dazu in eine ganz andere Stadt verlegt werden. Man rechnet deshalb mit viel weniger Zuschauern, aber das scheint die Organisatoren nicht weiter zu stören. Das Kulturereignis wird live im Internet und später im Fernsehen übertragen.

Die südkoreanische Regierung ehrt den 94-jährigen Mikis Theodorakis. Dessen 3. Sinfonie ist das Highlight des Abends. Sieben seiner Lieder als Kontrastprogramm dazu, gesungen von Maria Farantouri. Zwei musikalische Seiten eines Komponisten, dessen Werke hier anlässlich des DMZ-Festivals aufgeführt werden und der in seiner berührenden Videobotschaft mit brüchiger Stimme von einer „Wunde der Teilung“ spricht, die geschlossen werden muss. Wie eine prophetische Mahnung während des 3. Satzes der 3. Sinfonie der auf Konstantinos Kavafis‘ Versen beruhende Text: „Wir sind alle umzingelt. / Es gibt kein Schiff zu dir, / keine Straße. /So sehr hast du dein Leben zerstört – es verfolgt dich, /wohin du auch gehst.“

Conductor Nara Jung rehearsing with the Kyonggi Philharmonic Orchestra, the WiJeongbu City Chorus, the Grand Opera Chorus and soprano Seo Sun Young

Ein südkoreanischer Orchestermusiker kommt später zu mir: „Ich wusste gar nicht, dass es so eine Musik gibt – die ist wirklich einzigartig. Klassisch und modern zugleich, und sehr energetisch und emotional. Grüßen Sie Herrn Theodorakis von mir. Seine Sinfonie wird in Südkorea großen Anklang finden.“

Übermorgen geht es zurück nach Berlin, in das seit fast 30 Jahren wieder-vereinte und irgendwie wieder-„geteilte“ Deutschland. Vielleicht werden es die vom Buddhismus beseelten Südkoreaner besser machen als die Deutschen, zwischen denen in den letzten Jahren wieder das Gift des Hasses verspritzt wird. Hier gibt es Meister Subul, der weiß: „Schau nicht auf die Dunkelheit, sonst wirst auch du dunkel.“

© Asteris Kutulas, Seoul, 22.9.2019

(Photos by Asteris Kutulas)

Revolutionäre Melancholie – Südkorea-Tagebuch (21.9.19)

Henning und ich gehen zur Probe von Maria Farantouri und Tae Choon Jung, der hier so etwas wie der Konstantin Wecker Südkoreas ist. Alle kennen seine Lieder, ein linker Aktivist, der herrliche Melodien schreibt. Er und Maria werden am Sonntag ein gemeinsames Konzert geben. Mitten in der Probensituation sieht er mich plötzlich an, hält inne, greift nach meiner Hand und sagt: „Ich träume jeden Tag von Revolution.“ Und zu Maria: „Als ich dich vor zwanzig Jahren entdeckte und diese wunderbaren Lieder von Mikis Theodorakis hörte, befiel mich immer wieder eine endlose Melancholie. Es war so schön, dass ich an Selbstmord dachte.“ Maria sah ihn zweifelnd an: „Wenn ich singe, denkst du an Selbstmord?“ – „Ja, das ist so göttlich.“

Tae Choon Jung (rechts), südkoreanischer Liedermacher & politischer Aktivist, mit seiner Kalligraphie für Mikis Theodorakis

Ich musste an die vorgestrige Eröffnung des DMZ-Forums denken. Das Theodorakis-Lied „Der Zug fährt um acht“ ist hier in einer koreanischen Cover-Version ein Megahit. Alle kennen es. Die meisten wissen nicht, dass der Komponist Mikis Theodorakis ist. Als Maria das Lied in der griechischen Originalversion mit Klavierbegleitung zu singen begann, änderte sich sofort die Stimmung; das Publikum hielt den Atem an – der Beginn einer Reise … Einer der Direktoren des Art Centers flüsterte mir ins Ohr: „Ich muss weinen.“

Reunification Town. Demilitarized Zone. Between South and North Korea. (Infiltration Tunnel)

Gestern in der abgesperrten, demilitarisierten Zone. Am Check Point gutaussehende, modisch gestylte, bis an die Zähne bewaffnete Soldaten mit sehr coolen Sonnenbrillen: „No photos!“ Unsere Pässe wurden eingesammelt. Stacheldraht. Wachtürme. Die Regierungsvertreterin, die uns die „Visas“ besorgte und vom Einfahrtstor abholte – eine energische Schönheit um die 50. Sie erklärte uns, wie es sich hier leben lässt, in dieser „verbotenen“ Zone, die mich an die Tarkowski-„Stalker“-Atmosphäre erinnerte und zugleich an DDR-Grenzschutzanlagen. Wir fuhren los. Ingwer-Felder. Ein Fluss schlängelte sich durch die Hügellandschaft. Bussarde. Ein Naturreservat wie aus dem Bilderbuch.

„Haben Sie keine Angst, so dicht an Nordkorea zu leben?“, fragte Menas. „Absolut nicht. Falls etwas passieren sollte, ist es gut, dass wir eigentlich zu nah dran sind … und deshalb weder von taktischem noch von strategischem Interesse.“ Es ging in ein Dorf mit malerischen Häusern. „In der Zone gibt es drei „Dörfer“: unseres mit 60 Familien, ein anderes mit 40 Familien, wo Militärangehörige wohnen, und das größte mit 150 Familien. Da ist auch die Schule. Früher, während der Kriegshandlungen hatten zunächst alle die Zone verlassen müssen. Nach einer langwierigen Auseinandersetzung mit der Regierung konnten diejenigen zurückkehren, die hier geboren worden waren, Landeigentum besaßen und genügend Geld zum Hausbau hatten. Die Regierung übernahm die Kosten für die gesamte Infrastruktur, für die Verlegung von Strom- und Wasserleitungen etc.“ Mich interessierte: „Wie ist das, hier zu wohnen?“ Sie: „Sehr schön. Ruhig. Alles sicher. Alle sind hier sehr glücklich.“ Ich hatte meine Zweifel: „Trotz des Stacheldrahts?“ Sie lächelte: „Wir sind ja frei.“

© Asteris Kutulas, Seoul, 21.9.2019

(Photos by Asteris Kutulas)

Hektik und Slowmo unter diesem schrecklich schönen Himmel – Südkorea-Tagebuch (20.9.19)

Wir steigen in unseren kleinen Bus, um in die demilitarisierte Zone in der Gyeonggi Provinz zu fahren. Der Begriff „Totalstau“ fällt mir ein als Bezeichnung für das, was dann folgt. Sehr sehr langsam ziehen die Hochhäuser, Shopping Malls und Bürotürme vorüber, obwohl sie doch pulsiert, diese Stadt. Ich habe den Eindruck, dass es keine Bauten gibt, die älter als zwanzig Jahre sind. Fast nur junge Leute in den Straßen. Und sehr viele Kinder.

Seoul Centre

Plötzlich Hektik auf dem Beifahrersitz. Unser südkoreanischer Begleiter klebt regelrecht am Telefon. Ein Taifun hat sich aus Okinawa nach Südkorea aufgemacht und die Pläne der Organisatoren für eine Open-Air-Veranstaltung durchkreuzt. Jetzt soll das große Konzert übermorgen in einem Konzerthaus in einer ganz anderen Stadt stattfinden.

Ich habe eine Eingebung, suche in meinem Computer, und es erklingt Johann Sebastian Bachs „Prelude in B Minor“, von Alexander Siloti für Klavier arrangiert. Gespielt vom göttlichen Emil Gilels. Jetzt wird die Fahrt durch Seoul für mich zu einem Film. Seoul in Slowmo. „Kein einziger dicker Mensch auf der Straße“, platzt John, der aus Los Angeles zum DMZ-Festival gekommen ist, in meine melancholische Stimmung. „Einen habe ich gestern gesehen, aber der war Europäer … Und ich natürlich. Wie machen die das?“ Henning weiß Bescheid: „Das ist das Essen. Reis und Gemüse.“ John teilt uns seine nächste Beobachtung mit: „Die Männer sehen alle so nichtssagend aus – ganz im Gegensatz zu den Frauen, die irgendwie „leuchten“, sehr „schön“ und offen sind und die sehr selbstbewusst auftreten.“

Mit Kim Phúc aus Vietnam

Im Kintac-Center dann das DMZ-Forum. Plötzlich steht in einem schwarzen Kleid Kim Phúc vor mir. Eine glückliche, stets lächelnde, beeindruckende Frau. Das Foto, auf dem sie als Neunjährige 1972 während des Vietnamkriegs zu sehen war, nackt, vor dem Bombenhagel von Trảng Bàng fliegend, ging um die Welt. Es trug dazu bei, diesen Krieg zu beenden. Sie sagt zu mir mit einem entwaffnenden Lächeln: „Wir hatten die Teilung zwischen Süd- und Nordvietnam. Jetzt bin ich hier, um über Hoffnung zu sprechen. Und auch darüber, dass manches sich sehr schnell ändern kann.“

Kim & Moon

 

Dann eine Unterhaltung mit dem Direktor des Art Centers der Gyeonggi Provinz. Er: „Seit der amerikanische Präsident den symbolischen Schritt über die Grenzlinie gemacht hat, hoffen wir, dass eine Wiedervereinigung mit Nord-Korea möglich wird.“ Ich: „Ich kenne nicht sehr viele, die Donald Trump so viel Sympathie entgegenbringen wie ihr hier in Südkorea.“ Er nickt: „Wir wollen zeigen, dass die demilitarisierte Zone von einem Symbol des Kalten Krieges zu einem des Friedens werden kann.“ Und: „Der schöne Himmel, der jetzt über uns leuchtet, soll auch über Nordkorea leuchten. Wir hoffen, dass wir das DMZ-Forum nächstes Jahr in Nordkorea abhalten können … The sky is sadly beautiful.“ So sieht‘s aus.

© Asteris Kutulas, Seoul, 20.9.2019

(Photos by Asteris Kutulas)

 

Der Himmel ist immer noch geteilt, Südkorea-Tagebuch (19.9.19)

Mitten in der „Altstadt“ von Seoul. Wolkenkratzer, moderne Architektur, Hügellandschaft, unzählige Autos, die in der Sonne grell orangefarbenen Taxis, höfliche Männer, selbstbewusste Frauen, bunte LED-Wände mit viel Reklame für Altersheime (glaube ich), der mächtige und still dahinfließende Hangang-Fluss. Geruhsamkeit. Für einen Berliner wie mich eine seltsam nicht-nervöse Stimmung. Eigenartig, denn ich befinde mich in der viertgrößten Wirtschaftsregion der Welt. Die „Altstadt“ ist eigentlich eine „Neustadt“ geworden, ein Neapoli; diese Neustadt wird vielleicht schon jetzt wieder als eine zukünftige „Altstadt“ gedacht und deshalb so genannt. „Was alt war, wird wieder alt sein, eines jungen Tages“, so verheißt es eine Plakatwand.

Zen-Meister Subul (rechts) und Menas Kafatos in Seoul

Zu Abend gegessen mit Zen-Meister Subul Sunim, einem der bedeutendsten buddhistischen Mönche des Landes. Cathy flüstert mir ins Ohr: „Man muss normalerweise sechs Jahre auf einen Termin mit ihm warten, aber wir sind eng mit ihm befreundet, und immer, wenn wir aus Los Angeles hierherkommen, treffen wir uns.“ Während der Unterhaltung sagt Meister Subul, dass der Mensch Regeln braucht, um sich beschränken und in Harmonie mit den anderen und mit sich leben zu können. „Regeln machen frei.“ Ich widerspreche und stelle fest, dass mich die neuere europäische Geschichte leider gelehrt hat, dass der Mensch jede Regel zerstört und nicht bereit ist, in Harmonie mit den anderen zu leben. Meister Subul: „Schau nicht auf die Dunkelheit, sonst wirst auch du dunkel.“ Dann faltet er die Hände, sieht mir in die Augen und fragt mich, ob ich an Gott glaube. Meine Antwort scheint ihn nicht zu verblüffen: „Nein, ich glaube nicht an Gott, ich glaube nicht mal an den Menschen.“ Dann ist es an mir, ihm die Frage zu stellen: „Do you believe in god?“ Er bejaht und spricht den unglaublichen Satz aus: „God was created for an purpose.“ Ich versichere ihm, dass ich mich für ihn freue, dass er diesen Glauben an Gott hat und dass mir das sehr tröstlich erscheint. Meister Subul hebt den Finger: „Ein alter chinesischer Zen-Meister sagte mal: ‚Wenn du Buddha auf der Straße triffst, dann töte ihn.‘ Er hat damit gemeint, dass du selbst Buddha bist, nicht irgend jemand, den du auf der Straße treffen kannst.“ Sein gütiger Blick trifft den meinen. „Gott ist in dir“, insistiert er, „du selbst bist Gott“.

Kurz nach dieser Unterhaltung im Kintex-Center die erste Probe für das bevorstehende Konzert. Marias Stimme erfüllt diese nüchterne Halle ganz.

Kim & Moon

 

Nachts laufe ich durch ein leeres Seoul. Ab und zu ein Auto. Mir fällt auf, dass ich den ganzen Tag nicht einen einzigen Menschen mit einem Hund gesehen habe. Die bunten Werbetafeln schicken ihre Botschaften ins Nichts und erhellen den asiatischen Himmel über einem geteilten Land. 1981 schrieb ich über den Zustand in Deutschland: „Der Himmel ist immer noch geteilt, und die Hoffnung fiel in die Spalte zwischen den Hälften.“ Ich hoffe sehr, dass die unnatürliche Teilung Koreas bald überwunden werden wird. Die Menschen hier wünschen es sich von Herzen. 

© Asteris Kutulas, Seoul, 19.9.2019

(Photos von Asteris Kutulas)

 

Seouls Temperaturkurve der Aromen, Südkorea-Tagebuch (18.9.19)

Kurz bevor ich das Flugzeug verließ, erinnerte ich mich plötzlich an Goshas Worte von vor 30 Jahren: „Immer, wenn ich irgendwo ankomme, will ich wissen, wie es riecht. Sobald ich draußen bin, atme ich ganz tief ein.“ In Seoul ist die Luft ein bisschen wie in Athen. Süd-Korea … Süd-Koriander, das Eine und das Andere – ineinander. Das würde vielleicht das Thema dieses Aufenthalts werden.

Mitten in der „Altstadt“. Erste Impressionen: Wolkenkratzer, moderne Architektur, Hügellandschaft, unzählige Autos, die in der Sonne grell orangefarbenen Taxis, höfliche Männer, selbstbewusste Frauen, der mächtige und still dahinfließende Hangang-Fluss, eine seltsam nicht-nervöse Stimmung – und das schreibe ich als Berliner. Geruhsamkeit. Eigenartig, denn ich befinde mich in der viertgrößten Wirtschaftsregion der Welt.

Ich habe auf dem Flug hierher zwei scheinbar gegensätzliche Meinungen über Südkorea gehört. In der Frankfurter Lufthansa-Lounge begegnete ich plötzlich einem alten Freund, der in Dubai lebt und zuvor in Berlin einen Zwischenaufenthalt hatte, um dann nach London weiterzufliegen. Er meinte: „Wird dir dort sehr gut gefallen, Südkorea ist das Deutschland Asiens.“ Als ich das später Henning, mit dem zusammen ich gereist bin, erzählte, war dieser anderer Meinung: „Nein, Japan ist das Deutschland Asiens“. Jedenfalls bestand ein koreanischer Geschäftsmann, der Uhren produziert und der im Flugzeug neben mir saß – nachdem er erfahren hatte, was ich für ein Landsmann bin – darauf, dass Südkorea das „Griechenland Asiens“ sei. Der eine bezog sich wohl auf die koreanische Gastfreundlichkeit und der andere auf die koreanische Arbeitsmoral. Klingt nach einem „idealen Land“. Seit Jahrzehnten höre ich immer wieder mal, dass es perfekt wäre, könnten die positiven „Dinge“ Griechenlands und Deutschlands vereint werden. Sagen wir also: Südkorea. Seeluft in der Luft.

Das Skurrile an dieser Geschichte ist, dass das erste Gespräch, das ich in Seoul mit meiner koreanischen Freundin Susan führte, in der Auskunft mündete, dass es zwischen Südkorea und Japan gewaltige Auseinandersetzung gibt und zwar in einer Causa, weswegen es auch zwischen Griechenland und Deutschland mächtig kracht.

Es geht um die Reparationszahlungen Japans an Südkorea, die bereits erfolgt waren, bzw. um die, die noch ausstehen, nachdem das Oberste Gericht Südkoreas kürzlich die bis zu diesem Zeitpunkt gültigen Abmachungen zwischen Südkorea und Japan als illegal und unzureichend charakterisiert hat. (Abmachungen, die 1965 getroffen worden waren, während der Zeit der südkoreanischen Militär-Diktatur.) Japan hat daraufhin beschlossen, Südkorea nur noch eingeschränkt mit Rohstoffen zu beliefern, so dass Samsung & Co. Ende September ihre Produktion drosseln müssen und ihre Kunden nicht mehr ausreichend werden beliefern können. Das ist hier in Südkorea Gesprächsstoff Nummer 1. Neben dem Handelskrieg USA-China gibt es also auch den zwischen Japan und Südkorea.

 

Meine Reise hierher hat mit der Teilung Koreas zu tun: Seit 1953 ist Korea gespalten. Eine Demarkationslinien-Koexistenz. Jetzt ist wohl die Zeit der Wiedervereinigung gekommen. Wir fahren morgen in die Provinz der demilitarisierten Zone, nach Gyeonggi, um beim DMZ-Festival dabei zu sein. Künstler und Persönlichkeiten aus der ganzen Welt wollen helfen, Brücken zu schlagen und Konzepte zu entwickeln, damit eine Wiedervereinigung eines Tages Realität wird. Susan sagte: „Hier lieben alle Donald Trump, weil er es durch seine Politik ermöglicht hat, an eine Wiedervereinigung zu denken und sie für realistisch zu halten.“ Die Temperaturkurve der Aromen steigt an.

© Asteris Kutulas, Seoul, 18.9.2019

(Photos by Asteris Kutulas)