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Gert Hof: Regisseur, Lichtarchitekt, Künstler

 

On the road with a friend (1998 bis 2012)

Als ich Gert 1998 bei einem Theodorakis-Projekt in Berlin kennenlernte, schien er mir irgendwie abgehoben und gleichermaßen bodenständig, arrogant, ein Arbeiter vor dem Herrn, unfreundlich, einnehmend, sehr konkret in seinen Vorstellungen, divenhaft, genialisch.

Photo © Asteris Kutulas

Mich beeindruckten jedenfalls seine unachahmliche Art und seine konsequenten Denkstrukturen, und wir beschlossen, weiter zusammenzuarbeiten. Gert entpuppte sich als Kontrollfreak, als Seismograph für menschliche Verhaltensmuster. Egal, ob es um Verhandlungen mit unseren verschiedenen Partnern ging oder um die Planung eines nächsten Events – er lehrte mich, das Panoptikum menschlicher Unzulänglichkeiten klar zu erkennen. Seine bohrenden und gnadenlosen Fragen über jedes Detail, sein Analytikerhirn, brachten nach kürzester Zeit die wahren Fähigkeiten – und vor allem Unfähigkeiten – vieler unserer Partner zutage. Ich hasste ihn für diese offenbarende Art, gewöhnte mich aber schnell daran, mich in der Arbeit einsam zu fühlen. Die Luft in der Liga, in der wir zu arbeiten begannen, das merkte ich bald, war sehr dünn. Ich musste, durch Gert dazu getrieben, viele Entscheidungen treffen, die mein Leben veränderten. In den ersten Monaten unserer Zusammenarbeit dachte ich oft, Gert sei größenwahnsinnig, bis ich mich seinem Größenwahn anschloss.

Denn Gert hatte mir, gleich als wir uns kennenlernten, sein Konzept einer gigantischen Lichtschow erläutert. Ich begriff, dass tatsächlich weltweit noch keine Eventform existierte – außer der des Feuerwerks -, die von Hunderttausenden oder gar Millionen live miterlebt werden konnte. Es gab zwar Mega-Konzerte, bei denen Laser und Licht eingesetzt wurden, aber keine Show, die die Möglichkeit bot, eine ganze Stadt einzubeziehen und zu entertainen. Monate später, nach unseren Events in Berlin, Athen, Budapest und Peking, konnten dann alle, die das erlebt hatten, feststellen, dass selbst die größten Musikshows winzig wirkten im Vergleich zu dem, was wir inzwischen realisiert hatten.


Photo © Asteris Kutulas

Und ich erkannte, dass nicht das gewaltige Equipment diese Schows so außerordentlich machte, sondern der Umstand, daß wir es hier mit einer INSZENIERUNG zu tun hatten, die mehrere Elemente (u.a. Musik, Pyrotechnik, Neonarchitektur, Feuerwerk, Licht, Heliumballons, Statisten) vereinte. Viel wichtiger als die Hardware waren also das kreative Potenzial im migränegeplagten Kopflabor von Gert, seine 25jährige Theater-Erfahrung, seine über 20jährige Arbeit im Musik- und Filmgeschäft, seine architektonischen Visionen.


Photo © Asteris Kutulas

Denn es gab in der vor-hofschen Ära keine ausgeprägte „Ästhetik des Lichts“ – jedenfalls nicht in dieser Dimension und schon gar nicht im Outdoor-Event-Bereich -, vor 1999 interessierte sich keiner für dieses Phänomen, außer in Gesprächen über Dritte-Reich-Symbolik. Das „Licht“ führte ein Nischendasein. Gert hat es davon befreit, er befreite es auch aus der speerschen-nationalsozialistischen Umarmung, er machte es „hof“fähig für die moderne Kunst, fürs Entertainment, verlieh ihm die visionäre Kraft einer „Architektur am Himmel“, er schuf in gewisser Weise ein neues Kunstgenre, und er brachte es in die Feuilletons. Das ist vielleicht Gerts größtes Verdienst – er hat den Weg frei gemacht.

Well done, my friend, well done …

© Asteris Kutulas, 2012

Gert Hof gedenkend, 1 Jahr danach

Das war die schlimmste Nachricht des Jahres 2012: Unser Freund, Meister seines Faches, inspirierender Geist, Visionär – Gert Hof starb in der Nacht vom 23. zum 24. Januar 2012. Viel zu früh. Sein Genie zündete den Funken, dessen wir bedurften, um Träume auf Erden wahr werden zu lassen, deren Bilder er an den Himmel zeichnete. Seinen größten Feind nannte er das Mittelmaß, seine Freundin die Unikalität. Immer ging er auf’s Ganze, traf in’s Schwarze, versuchte das Unmögliche. Er bescherte uns Augenblicke, die uns die Welt vergessen ließen, entrückte uns auf das hyperreale Feld eines Kampfes auf Leben und Tod. Von dort hat Gert sich verabschiedet. Er hat den Platz eingenommen, den er sich Augenblick für Augenblick erkämpft hat, dort, eine Handbreit über dem Himmel, von wo der Sonnensturm weht. Alle Sterne seien mit dir, Gert!

(Meine Grabrede widmete ich Nina und Wanja.)

DER LETZTE BRIEF
Für Nina & Wanja

Kamerad Gert,

das ist mein letzter Brief an dich. Die nächsten Briefe werde ich dir nicht mehr schreiben müssen, weil du gleich zurückkommen und dann immer bei mir sein wirst. Jetzt bist du nur kurz raus gegangen, um Zigaretten zu holen. Es ist eiskalt draußen. Nachher wirst du dich wie immer auf dein Corbusier-Sofa setzen, mich anschaun, genauer gesagt: mich sehr erwartungsvoll anschaun. Entweder du hast mich tatsächlich erwartungsvoll angeschaut oder ich bildete es mir immer nur ein. Zwölf kurze Jahre lang. Kurz wie Monate. Dein Blick sagte immer: ‚Ich hab Großes vor, Asteris, lass es mich tun!’ Ab und zu sprang dieser Blick zur Uhr und du wurdest ungeduldig.
Überhaupt – die Uhr, die Zeit, die Erwartung. So lernten wir uns kennen. Ich produzierte gerade in der Passionskirche das Werk „Sonne und Zeit“ von Mikis Theodorakis mit Maria Farantouri und Rainer Kirchmann. Letzterer kannte dich von deiner Zusammenarbeit mit „Pankow“, und er sagte zu mir: „Gert Hof. Der wär genau der Richtige für das, was du vorhast. Das ist ein toller Regisseur. Und der kann super mit Licht umgehn.“ So verabredeten wir uns im „Schwarzen Raben“. „14 Uhr“, sagtest du am Telefon. Was ich nicht voraus gesehen hatte, war der Mangel an Parkmöglichkeiten in der Gegend nahe den Hackeschen Höfen. Und so verspätete ich mich etwa 15 Minuten. Der erste Satz, den du zu mir sagtest, nachdem du kurz auf die Uhr geschaut hattest: „Nicht mit mir.“ Dieses grandiose „nicht mit mir“ reichte immerhin für eine zwölfjährige Beziehung, die teilweise die Dimension – Nina verzeih! – eines Eheverhältnisses annahm.
Was für ein symbolisches Zusammentreffen: Mikis Theodorakis, Gert Hof und das Werk „Sonne und Zeit“! Als Theodorakis im September 1967 in der Isolationshaft des Bouboulina-Gefängnisses, ausgesetzt unsagbarer psychischer Folterung, diese Texte schrieb, saßest du 15jährig im Stasigefängnis von Leipzig. Während der Arbeit an dieser Sonne-und-Zeit-Show … (entschuldige, es war ja keine „Show“) … sprachst du davon, dass diese Tage für dich wie eine Rückreise in einen Albtraum seien, dessen Wunden vernarbt gewesen waren und nun wieder aufrissen. Dich bewohnten viele Albträume mit vernarbten Häuten, die keiner sah, die keiner sehen sollte, die viele nicht sehen wollten.
Für unsere Zusammenarbeit war es ein gutes Vorzeichen, dass sie so existenzialistisch anfing – mit diesem geschundenen, schlecht verheilten Traum, der plötzlich aus dem Koma erwachte und gigantisch wurde wie ein 8.000er. In diesem Werk „Sonne und Zeit“ war vieles von dem, was du erlebt hattest und was auch ich erlebt hatte. Zwei Kinder zwischen den Systemen, zwischen den Welten, zwischen den Leben. Zwei Liebende. Du hast immer die Nacht gesucht und fühltest dich doch pudelwohl unter der grellen hellen griechischen Sonne. Theodorakis hatte immer das Licht gebraucht, und er bekam es von dir für das Dunkel geschenkt.
Mit Theodorakis’ Musik haben wir die meisten unserer Events gemacht. Unter ihnen zwei mit besonderer Bedeutung. Einer davon war im Jahr 1999 die Aufführung der „Mauthausen-Kantate“ von Theodorakis im Washington Holocaust-Museum. Zur gleichen Zeit bereiteten wir einen anderen großen Event vor, nicht nur mit Theodorakis’ Musik, sondern mit ihm selbst am Dirigentenpult: den Millennium-Event auf der Akropolis. In Washington wolltest du kein künstliches Licht haben. Du sagtest mir: „Besorg 1.000 Kerzen. 1.000 Kerzen auf die Bühne für die Seelen der Ermordeten. Kein künstliches Licht.“ Maria sang an diesem Ort im Schein der 1.000 Kerzen, es war überwältigend, es war angemessen.
Sechs Wochen später der Akropolis-Event, und eigentlich wussten wir beide, dass wir es geschafft hatten, gleich zu Beginn unseres gemeinsamen Weges – wie sagtest du so schön: „Mehr geht nicht.“ Zum ersten Mal (und seitdem bisher nie wieder) durfte ein Künstler am Parthenon einen Event machen. Und das zu einer Musik von Theodorakis, von der du sagtest: „Sie ist kongenial.“ Und eben: „Mehr geht nicht.“ Du breitetest die Arme aus.
Es folgten zwischen 1999 und 2010 Dutzende von Events und Konzerten überall auf der Welt. Du warst dabei immer die treibende Kraft. Du hast es oder ES hat dich danach verlangt. Es gab unglaublich schöne Augenblicke, große Enttäuschungen, eine Unzahl euphorischer Momente, viele Zwischenzeiten der Nachdenklichkeit und Stille, außerordentliche Streitgespräche, philosophische Exkurse, Kampf, Niederlagen, Versöhnung. Du hattest wahrscheinlich die Zukunft schon im Auge, dem erblindeten; kein Zufall, dass du mir zu Beginn unserer Freundschaft „Die Kunst des Krieges“ von Sunzi schenktest. „Man sollte niemals in die Schlacht ziehen, wenn man sich nicht sicher sein kann, dass man sie gewinnt.“ Und obwohl das eine deiner Maximen sein mochte, bedeutete dir das „In-den-Krieg-Ziehen“ und zu kämpfen letztendlich mehr als der Sieg. Allerdings … einem Don Quichote glichest du absolut nicht. Dazu warst du zu sehr verbunden mit dem Panzerkreuzer Potemkin, mit Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee“, mit Hans Eislers „Kuhle Wampe“, mit Bernard-Marie Koltés’ „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“, mit Berthold Brechts „Mutter Courage“. Und mit Rammstein.
Du hast zweifellos ein Doppelleben geführt. Auf der einen Seite „die griechische Sandale“, ich, auf der anderen Seite die – so schien es mir – „gnadenlose Maschinerie“ des Rammstein-Imperiums. Zwei Seelen wohnten ach! in deiner Brust, und du hast sie scharf voneinander getrennt. Ich war ich. Rammstein war deine Family. Die Shows von Rammstein – eine direkte Entäußerung deiner Ästhetik. Ohne Wenn und Aber. Ihr habt zusammen gepasst wie die Faust auf’s Auge.
Zu einer der wichtigsten und unbekannteren, dir und Till zu verdankenden Errungenschaften der Jahrtausendwende gehört die als eine solche zu interpretierende Übernahme des Zwickauer Zoos, dem ihr die leicht überhand nehmende Tristesse zu entreißen verstandet. Ihr habt tatsächlich den Zwickauer Zoo gerettet! Ein gehöriges Maß an Zeit habt ihr investiert in die Vergabe menschlicher Vornamen an alle Tiere. Frei variierend habt ihr die offenbar an zu wenig Beachtung leidenden tierischen Kreaturen des Zwickauer Zoos getauft, freigiebig Menschennamen mit Worten malend, sie klanglich überführend in die Ohren dieser Tier-Wesen, sie kreatürlich somit gewissermaßen erhöhend. Till soll sogar da und dort singend Namen vergeben haben, was die Tiere zu Ohrenspitzen, Flattern oder Schwanzwedeln ermunterte. Dein Lächeln wiederum verursachte ihnen Freude, sie sprangen auf und wälzten sich, sie tauchten oder begannen zu klettern. Du wusstest umzugehen mit darbenden Seelen, im kleinen wie im größeren Rahmen.
Auch bei unseren Events begegneten wir immer anderen Extremst-Seelen, die irgendwie unerlöst schienen. In Gallipoli, auf der türkischen Halbinsel im Marmara-Meer hatten wir es mit australischen Beamten zu tun, die sich mehr für das Hotel ihres Ministerpräsidenten interessierten als für das Memorial für die Tausenden im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten, deren Todestag sich zum 90. Mal jährte. In Athen ging es der Archäologischen Gesellschaft darum, die Nachtruhe der beiden Eulen, die auf dem Akropolis-Hügel wohnten, nicht zu stören. In Oman ging es darum, dass der grüne Laserstrahl nicht auf die Iris des Auges des Sultans treffen dürfe. Auf dem Roten Platz ging es darum, dass wir der Wachmannschaft des Kreml genug Wodka zur Verfügung stellen sollten. Auf Malta musstest du bei deinem Antrittsbesuch beim letzten auf der Burg lebenden Ordensritter der Johanniter die Genehmigung für den Event einholen, die die Maltesische Regierung nicht bekommen hatte. Und dann kam Reinhold Messner. Du warst fasziniert von einem Menschen, der ohne Sauerstoffmaske alle 8.000er der Welt bezwungen hat. Als er dich bat, aus der Burg Sigmundskron in Bozen einen Vulkan zu machen und den ganzen Berg verschwinden zu lassen, drehtest du dich zu mir um und sagtest: „Hier bin ich zuhause.“
Du hast den Berg in der Nacht verschwinden lassen, andernorts für Sekunden die Semperoper, die Siegessäule, die Kathedrale von Vilnius. Erst jetzt sehe ich diesen Dualismus klar und deutlich: Da, wo ich meinte, du hättest stets etwas sichtbar gemacht im Dunkel, da erkenne ich jetzt, dass du Noch-Sichtbares hast verschwinden lassen, für Momente, die atemberaubend waren. Du hast uns bewusst gemacht, wie es ist, wenn etwas urplötzlich nicht mehr da ist, wenn das fehlt, was man eben noch gewahr werden konnte.
Die 8.000er bezwingen ohne Sauerstoffmaske … Es war für dich ein passendes Symbol für das, was du mit Leben meintest. Dieses Leben am Limit, das war dein Traum vom Dasein. Bei einem Gespräch mit Messner wurde die Idee geboren, einen Event zu diesem Ideal zu machen – einen Event am Nordpol. Der Nordpol war (abgesehen von der Akropolis) die für dich interessanteste Location. Kälte, Eis, Tod durch Erfrieren. An der Verwirklichung dieses Traums haben wir bis zuletzt gearbeitet. Der Nordpol-Event sollte im September 2012 die Krönung unserer Zusammenarbeit und dein Meisterwerk werden. Wir waren deswegen 2011 nach Island geflogen. Wir kamen dort an zur Zeit des Vulkanausbruchs. Du wolltest nur eins: in die Aschewolke hinein fahren. Um den Wagen herum dichter schwarzer, bald undurchsichtiger Nebel. Du sagtest: „Haltet an hier, haltet an.“ Und dann zu mir: „Hinaus! Raus hier!“ Die Asche flog uns ins Gesicht, drang uns in die Augen. Alles schmerzte. Und du schriest hinein in diesen Ausbruch der Naturgewalt: „Herrlich – nicht?!!“ Ich aber hielt es nicht sehr lange aus, rannte zurück zum Wagen, stieg ein. Unser Fahrer verunsichert. Du bliebst draußen, versuchtest Windschatten zu finden und ein Streichholz anzureißen. Du bliebst stehen in diesem wogenden tiefen Schwarz. Du, der Schwarze Mann. Du rauchtest deine Zigarette zuende. Dann stiegst du ein, glücklich. Wir fuhren zum Gletscher, den du für deine Show ausgewählt hattest. Reinhold Messner und allen Göttern am Limit war es ein Vergnügen.
Wobei ich sagen muss, dass unser tatsächlich letzter gemeinsamer Event auf dieser Erde symbolträchtiger nicht hätte sein können. Bereits 1999 im Washington Holocaust-Museum hatten wir den Gedanken, auch in Europa ein Lichtzeichen zu setzen für die ermordeten Juden in den Gaskammern des Dritten Reichs. Wir fuhren nach Auschwitz, mehrmals. Du entwickeltest ein Konzept, das vom Internationalen Auschwitz-Komitee angenommen wurde. Aber selbst mit dessen Unterstützung konnten wir es nicht umsetzen. Und so blieb es etwas wie ein Versprechen. Das lösten wir dann mit unserem letzten gemeinsamen Event 2010 in Jerusalem ein, beim Abschlusskonzert des Israel Musikfestivals, das zugleich Auftaktevent des Jerusalem Lichtfestivals war. An antiker Stätte, im Schatten der historischen Mauer von Jerusalem. Mit einem großen Davidstern setztest du ein Zeichen gegen das Vergessen. Wie ein Kaddisch aus Licht.
Überhaupt die Musik. Du sagtest immer: „Musik ist die Mutter.“ Das war nicht so dahingesagt. Wie viele Stunden und Tage verbrachtest du mit den Komponisten, von denen die Musik zu deinen Events kam. Christian Steinhäuser blutete wochenlang für die Oman-Show. Mit Westbam und Klaus Jankuhn hast du über Monate zusammengesessen für den AIDA-Event in Hamburg. Du ließest nicht locker, bis Roger Waters dir die Änderungen für den Welcome Europe Event in Malta schickte. Und ich werde nie die von dir immer und immer wieder abgelehnten Musikfassungen für den Millennium-Event in Berlin vergessen, die von Mike Oldfield kamen, den du quasi zwangst, dir immer neue Versionen zu schreiben, bis du damit zufrieden warst. Und nicht zu vergessen Klaus Schulze, der nach vielen gemeinsamen Nächten, die du mit ihm in seinem Dorf bei Hannover verbracht hattest, die Musik für den chinesischen Millennium-Event komponierte. Eingebettet in seine elektronischen Klänge: Volkslieder und Hymnen aus der Mao-Zeit. Es war ein Wunder, dass diese Musik von über einer Milliarde Chinesen während der Live-Fernsehübertragung unseres Events gehört werden konnte. Klaus Schulze flog damals nicht mit, weil er es länger als zwei Stunden ohne Zigarette nicht aushielt. Und mit dem Zug, meinte er, würde die Hin- und Rückreise zu lange dauern. Die Musik war nicht nur deine Welt, die Musik war tatsächlich dein Leben, mehr als alles andere. Ich bin keinem anderen Menschen begegnet, der fast jeden Song von Frank Sinatra, den Einstürzenden Neubauten, den Beatles, aber auch die Arie einer jeden klassischen Oper, der jedes Bachkonzert und jede Einspielung von Glen Gould kannte.
Mir schriebst du: „Let’s Rock!“ Und ich schreib dir heute: On the rocks. Über die Eisberge, an den Vulkanen vorbei, zu den Meeren, bis zum See, auf dem, in einem Boot – wie du sagtest – es am schönsten sei, wenn man auf’s Wasser schaut und zusammen schweigen kann. Ich war für dich der Freund, der, wie du der Welt verrietest, selbstgestrickte Unterwäsche bevorzugte. Zwölf Jahre habe ich mit dem Nadelspiel hantiert und den roten Wollfaden durch die Finger gleiten lassen, damit ich heute diese gestrickte Unterwäsche tragen kann. Ich hab sie bitternötig an diesem eiskalten Tag. Morgen ist Brechts Geburtstag. Er erwartet dich bereits.
Überhaupt – die Literatur. Wo hast du bloß die Zeit hergenommen, um neben dem vielen Musikhören noch so viele Filme zu sehen, dich mit so viel Architektur zu beschäftigen und so viele Bücher zu lesen! Zu unseren Lieblingsbeschäftigungen gehörte, uns apokryphe Satzfetzen aus diversen Romanen und Theaterstücken zuzuwerfen, die kaum ein Dritter deuten konnte. Fichtes Über-Ich, Schopenhauers Farbenlehre, Benno Pludras „“Insel der Schwäne““, Majakowskis Ruf: „“Nach vorn! Stürmt Ozeane! Oder ist im Hafen der Sporn der Panzerschiffe vermodert?““ Und nicht zu vergessen das für viele geheimnisvolle: „„Sprich, Genosse Mauser!““
Ich sprach vorhin über dein Doppelleben. Daneben oder besser: darüber schwebend gab es ein drittes, vermutlich dein wahres Leben. Ob es als das falsche im richtigen oder das richtige im falschen gelten mag – diese Frage, die du immer wieder gestellt hast, werde ich dir viel später bei einem Glas Wodka beantworten können. Jedenfalls war es das, in dem nur zwei Menschen außer dir Platz hatten: Wanja und Nina. Du wolltest sie immer dabei haben, du wolltest sie immer bei dir haben, bei jedem deiner Events. Als wären sie die eigentlichen Augen, die eigentlichen Ohren gewesen, nur diese beiden, abgesehen von dir, der du sowieso, kaum dass etwas vorbei war, es bereits vergessen hattest und nach vorne schautest, immerzu nach vorne. Aber diese beiden, sie nahmen alles in sich auf, bewahrten es, machten für dich etwas Bleibendes daraus. Sie waren deine engsten Dialogpartner, die im täglichen Leben dein Leben am Limit auszuhalten hatten, die alles mitgemacht haben und es genießen durften. „Wie viel Trauer braucht man, um glücklich zu sein?“, das fragtest du in einem deiner Texte. Unsagbar viel, und darum bin ich hier und unsagbar glücklich. Du hast uns dein Gesicht zugewendet. Jetzt erblicken wir dich in unseren Traumgesichten. Mit großen Schritten sehen wir dich gehen, mit ausgreifenden Schritten, so, wie wir uns wünschen, im Dunkel geradewegs auf ein Licht zugehen zu können und im Licht das Dunkel anzunehmen. Auf so vielen Rückreisen waren wir zusammen. Manche Hinreisen hast du allein gemacht. So auch diese.
Wenn ich von Asche sprach, vorhin, dann sprach ich auch von Grau und von Feuer. Die Kerze des Malers Gerhard Richter, sie brennt auch für dich, heute an diesem Tag, an dem Richter seinen 80. feiert und an dem wir dich vor dem Auge unserer Seele haben als den, der mit seiner Kunst immer auch Malerei betrieb, sich berufend auf Kandinskys Blau, Caravaggios Licht-Schatten-Dramatik, Goyas Schwarze Bilder, Malevichs Schwarzes und Rotes Quadrat. Gerhard Richters Grau mochte dir ebenso vertraut sein, wie dessen Landschaften. Musik, Literatur, Malerei, Architektur, Film – sie sind Teil deiner ungeheuer großen Welt – und du für uns Teil einer Welt, die wir lieben. Lass es brennen, Gert! Das Eis ist da. Die Kälte ist da. Das Licht frisst sich vor.

Asteris Kutulas, 9.2.2012

Gert Hof & Asteris Koutoulas, 11 Jahre

Liebe Partner, Kollegen & Freunde,

ich möchte Euch hiermit mitteilen, dass Gert und ich nicht mehr im Managementverhältnis zueinander stehen. Wir haben uns im guten Einvernehmen geeinigt, stattdessen projektgebunden zu kooperieren.

Wir möchten Euch für das jahrelange Vertrauen in unsere Zusammenarbeit danken.

Asteris Koutoulas, 22.9.2009

P.S. Was uns beiden jedenfalls bleibt, nach 11 rasanten Jahren, ist die unglaubliche Story einer unglaublichen Beziehung und eines unglaublichen Werdegangs. Hier die short-Variante:

Nach so viel gemeinsam verlebter Zeit ist es also nicht verwunderlich, dass auch ein Grossteil meiner Homepage Meister Gert gewidmet ist, seinen/ unseren gemeinsamen Unternehmungen der letzten zehn Jahre. Da ist einiges zusammengekommen. Wir haben die halbe Welt umrundet und einige Licht-Zeichen gesetzt. Viel gelernt und viel gelacht. Und unsäglich viel Stress gehabt. „Der Schmerz ist dein Freund.“ Das Leben, wie es ist und wie es sein soll in der besten aller möglichen Welten. Das falsche im richtigen Leben oder umgekehrt, das ist die Frage. Halte aus. Halte durch. Bleib nicht stehen. Salute, capitano Gert!