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Meine Apassionata-Story, Teil 2 (Riesa-Tagebuch 2018)

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 15. Oktober (im Morgengrauen)
Produktion „Apassionata – Der magische Traum“ von Holger Ehlers

Leo ist jung, cool, und er spricht sechs Sprachen. Im Gegensatz zu mir versteht er auch die Pferde. Leo ist der Stage-Manager und sowas wie der vibrierende Mittelpunkt unserer Mannschaft. Er macht das so locker, als würde er Samba tanzen, was damit zu tun haben könnte, dass seine Mutter Brasilianerin ist. Leo schaut immer ernst drein; immerhin hat er in bestimmten Augenblicken auch die größte Verantwortung für die gesamte Produktion der Show. Wenn er „Go!“ sagt, dann bewegt sich die Show-Maschinerie: Das Licht geht an, die Tänzer pirouieren herein, die Pferde im Trab, die Tore öffnen und schließen sich, und natürlich beginnt die Musik „bei Null“. Das alles durch Leos „Go!“ Wir hängen an seinen Lippen. Und Leo hängt an den Lippen von Holger Ehlers, unserem Kreativdirektor, der ganz lässig in seinem Drehstuhl sitzt und (meistens) wohlwollend nach links und rechts schaut. Ein Nicken zu Leo, der haucht in’s Mikro: „Go!“ Sofort Magie.

Holger hat alles im Kopf … und dazu das, was man einfach „Bauchgefühl“ nennt. Jedenfalls möchte ich nicht in Holgers Haut stecken. Immerzu diese Verantwortung. Damit am Schluss ALLES stimmt, damit alles zusammenkommt, alles ein harmonisches Ganzes ergibt, dass es ein Gesamtkunstwerk wird, dass Hunderttausende Zuschauer live und Millionen durch TV- und Internet-Beiträge berührt werden und dass nicht wenige Menschen sogar begeistert sind. Das immer wieder erreichen zu müssen und zu wollen (!), ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Es ist allerdings auch eine Bürde. Eine Last, die man schultern und in’s Ziel bringen muss. Es bedeutet immer ein hohes Risiko. Jeder Künstler hat keine andere Wahl, als dieses Risiko einzugehen, diese Aufgabe anzunehmen und den Weg vom Beginn eines Projekts bis zum Schluss durchzustehen. Einige bekommen Angst und haben früher oder später Depressionen, bei anderen steigt der Adrenalinspiegel und sie hyperventilieren, andere nehmen es gelassen und nichts scheint sie aus der Ruhe bringen zu können. Holger sei ein „Baum-Mensch“, hatte es letztes Jahr geheißen. Ich denke, weil er geerdet ist und Saison für Saison einen neuen Jahresring, also eine neue, zusätzliche Haut bekommt, werden seine Shows von Jahr zu Jahr reifer, künstlerischer und zugleich publikumsaffiner. Und Holger selbst erlebe ich immer ruhiger. Die Show „fühlt sich immer besser an“.

Was für eine Entwicklung! 2009 begann ich, als freier Berater für die Apassionata zu arbeiten. Wie ich in meinem ersten Blog-Beitrag schon schrieb, war Peter Massine, als Produzent der Show, bereits 2006 der Meinung, dass „Apassionata“ als traditionelle Pferde-Nummerngala ein Auslaufmodell und nicht mehr zukunftsfähig sei. Auch ich sah das so. Aus diesem Grund engagierte Peter für die „Sehnsucht“-Show 2008 Gert Hof. Allerdings war Gert Hofs Inszenierung für das traditionelle Apassionata-Publikum zu diesem Zeitpunkt zu „revolutionär“. Gert, der die Kinder für die besten Kritiker seiner Lichtinszenierungen hielt, hatte ein grandioses Märchen herbeigezaubert und nicht damit gerechnet, dass die Kinder bei diesem Kampf auf Leben und Tod, der um den gestohlenen Mond geführt wurde, tatsächlich Angst bekamen. Sie rannten aus der Show und mit ihnen die Eltern.
Peter hatte eine schwierige Erfahrung gemacht, die er aber nie bereute. Holger hatte sich das Ganze sehr aufmerksam angeschaut und erlebte diese Lektion aus der „Schule Gert Hof“ wohl als eine höchst interessante Lehrstunde. So oder so, die „Sehnsucht“-Show von Gert bedeutete den großen Umbruch bei der Apassionata. Von da an gab es hier nie wieder ein „Nummernprogramm“.

In meiner Berater-Funktion führte ich im Auftrag von Peter 2009 eine Analyse der Apassionata und ihrer Entstehungsgeschichte durch. Ich bezog in diese Betrachtung auch Entwicklungen anderer Entertainment-Bereiche mit ein und kam zu dem Schluss, dass der „künstlerische“ Weg, den Peter mit Gert eingeschlagen hatte, grundsätzlich der richtige war, dass dieser Weg aber „evolutionärer“ und mit einem Grundverständnis für das Apassionata-Publikum gegangen werden musste. Auf jeden Fall weg von einer Reitkunst-Veranstaltung, hin zu einer vollkommen neuen „wahren“ Apassionata-Showproduktion.

Bei meinem Rückblick auf die Apassionata-Entwicklung stellte ich damals auch fest, dass sich diverse Regisseure aus unterschiedlichen Bereichen (TV, Ballett, Theater, Event) an der Apassionata versucht hatten, die aber genauso wie Gert – wenn auch aus völlig anderen Gründen – schließlich passen mussten, weil ihre Show „irgendwie nicht funktionierte“. Holger war dann immer derjenige, der diese Inszenierungen „ausbesserte“ (was ich 2008, 2009 und 2010 miterlebte), zumal er als Komponist mit seiner Musik die Grundstruktur einer jeden Show regelrecht vorgab, also dafür prädestiniert war. Nach dem Scheitern der Inszenierung des Choreographen M.K. im Jahre 2009 und nachdem 2010 nacheinander drei (!) Regisseure mit ihrem jeweiligen Inszenierungsansatz scheiterten, schlug ich Peter vor, fortan auf externe Regisseure zu verzichten und konsequent auf Holger als Kreativdirektor zu setzen, der bereits 2009 nicht nur der Komponist der Apassionata war, sondern sich zum ersten Mal auch als Autor und Regisseur bewiesen hatte. Da ich zur selben Zeit Executive Producer der Apassionata wurde, also auch die organisatorische und finanzielle Verantwortung für die Show-Produktion übernahm, willigte Peter ein und unterstütze von da an diese Transformation – auch gegen alle, vor allem internen, Widerstände. Zugleich bedeutete diese Entscheidung, dass Peter die Grundlage für eine äußerst erfolgreiche Zukunft der Apassionata legte, wie sich in den folgenden Jahren herausstellen sollte.

Um die Show zu professionalisieren und von Dilettantismus zu befreien, sorgte ich als Executive Producer dafür, dass Holger nach und nach (bis 2014) den Einsatz aller Gewerke im Grundsatz bestimmte, damit ein Gesamtkunstwerk aus einer Hand entstehen konnte. So wurde aus dem Komponisten Holger Ehlers mit den Jahren auch der versierte Autor und der noch versiertere Regisseur, der also nicht nur die Musik, die Story und die Inszenierung kreierte, sondern auch Anmutung, Farbigkeit und Charakter der Kostüme als auch die Props, den Videocontent und die Gesamt-Choreographie festlegte.

Um die Gesamtkunstwerk-Strategie für die Apassionata umzusetzen, beschlossen Holger und ich 2011 einen „Fünfjahresplan“, der später verlängert wurde, um nach und nach aus der Nummern-Revue eine Show von Weltformat zu produzieren – für ein breites Publikum, das nicht nur aus Pferde-Liebhabern bestehen würde. Folgende inhaltliche Schwerpunkte legten wir fest, um sie auf eine neue qualitative Stufe zu heben, und diese Vorhaben realisierten wir dann tatsächlich genau so:

2011 Primat der Musik & der Dramaturgie
2012 Show-Buch
2013 Neue Licht-Ästhetik
2014 Professioneller (filmischer) Videocontent
2015 Dramaturgische „Pferdechoreographie“ (Mix-Bilder)
2015 Kostüme & Props
2016 Weiterentwicklung des Storytellings (Gewichtung auf Off-Texte)
2017 Tanzchoreographie & Einführung eines Tanzbodens
2017 Zweite Ebene des Bühnenraums (Decken-Bespielung)
2018 Einbeziehung des gesamten Bodens in die Bühnenästhetik

Die Jahreszahlen markieren die qualitativen Wendepunkte, die letztendlich in der Summe zur heutigen – künstlerisch einzigartigen – Apassionata-Show geführt haben. Das Resultat war nicht nur eine spezifische „Holger-Ehlers-Show“ und seit etwa 2013 ein neues, eigenständiges Genre, sondern eben dieses von uns angestrebte Gesamtkunstwerk, in dem alles aufeinander abgestimmt und in dessen Ablauf keine Sekunde zufällig ist. So wurde aus der „abstrakten“ Apassionata-Show – über die Jahre – ein emotionales, „familiäres“ und sehr artifizielles Holger-Ehlers-Opus, ein Konglomerat aus Opern-, Theater- und Pop-Ästhetik, wobei die Pferde immer mehr „eingebettet“ wurden in eine optisch-akustische Kunst-Landschaft, häufig voller Melancholie. Alles wurde zu Kunst und damit EMOTIONAL. Das Publikum liebte es … mehr und mehr.

Und das kam auch der ehemals „kalten“ Marke APASSIONATA zugute, die einen immer „wärmeren“ Nimbus erhielt durch diesen neuen, künstlerischen Charakter der Show.

Hier in Riesa, wo immer alles beginnt (und nichts endet), ging mir das heute nochmal durch den Kopf. Anlass dafür war ein Gespräch mit meinem Freund Heinz aus Dresden, der mich auf einen Kaffee besuchen kam. Wir waren zusammen vor vielen Jahren Gymnasiasten an der berühmten Kreuzschule gewesen. Er im Kreuzchor, ich nicht. Wir nahmen unsere Kaffee-Monk-Pappbecher in die Hand und gingen vor der Halle auf und ab. Reiter, Pferde, ein paar Raucher, Hufeklappern, Wolken, Kühle.
„Was ist los mit eurer Apassionata?“, fragte Heinz. „Ich hab so viel darüber gelesen, im Spiegel und so …“
„Heinz, aus meiner Sicht, die sich aus der Lektüre diverser Presseveröffentlichungen und Interviews ergibt, ist es ganz einfach: Zwei langjährige Freunde und Partner von Peter Massine haben – mit Hilfe einer chinesischen Immobilienfirma – versucht, Massines Apassionata-Unternehmen „feindlich“ zu übernehmen. Ich verurteile das nicht moralisch; wir haben nun mal eine kapitalistische freie Marktwirtschaft, und sowas ist an der Tagesordnung, wenn man nicht aufpasst. Peter hat nicht aufgepasst. Aber auch Thomas Bone-Winkel und Johannes Mock-O’Hara – die in der Entertainment-Industrie inzwischen „die Chinesen“ genannt werden, weil sie sich mit dem Hongkun-Konzern zusammengetan haben –, haben offenbar nicht aufgepasst und Peter unterschätzt. Sie dachten womöglich – in chinesischem Geld schwimmend –, Massine, den Inhaber dieses Familienunternehmens, finanziell sehr schnell in die Knie zwingen und ihm nicht nur das Unternehmen, die Apassionata World GmbH, sondern auch die MARKE „Apassionata“ wegnehmen zu können. Eigentlich ging’s ihnen um diese MARKE, glaube ich.“
Wir waren stehengeblieben. Heinz schaute mich an und fragte etwas verdutzt: „Und was ist mit der Show?“
„Ja, was ist mit der Show … Das ist des Pudels Kern. Das ist DIE Frage, die eigentlich gestellt werden musste: VERKAUFT DIE „MARKE“ AN SICH MITTELFRISTIG, EGAL, WIE DIE SHOW AUSSIEHT UND EGAL, WER DIE SHOW MACHT? Diese Frage haben sich „die Chinesen“ offensichtlich überhaupt nicht gestellt. Vielleicht aus Ahnungslosigkeit, vielleicht aus Arroganz … Ich weiß es nicht.“
„Vielleicht ist das auch nur das „chinesische Denken“: dass man alles kopieren kann“, meinte Heinz. Neben uns war es unruhig geworden. Wir entfernten uns ein Stück von der Halle.
Ich sagte: „Vielleicht … Jedenfalls war genau das ihr Fehler: Sie haben zwar die Firma übernehmen können, aber nicht die Marke – darum wird noch gekämpft – und auch nicht den Künstler Holger Ehlers. An den Content, also an die Show an sich, haben sie nämlich gar nicht gedacht. Sie haben sich die Hülle gekrallt, aber nicht den Inhalt. Man stellt sich das möglicherweise ganz einfach vor: Man übernimmt die erfolgreiche Holger-Ehlers-Mechanik, beauftragt einen anderen Künstler, dieses Modell „deckungsgleich“ mit neuem Inhalt zu füllen, und automatisch produziert man so eine erfolgreiche Show.“ Aber so funktioniert nun mal das Ganze nicht.
Heinz stellte sich vor mir auf. Er erinnerte mich jetzt sehr an den Kreuzschüler von vor 41 Jahren. „Na gut …“, meinte er und machte ein schlaues Gesicht, „aber … Also wenn diese „Chinesen“ die Marke nicht kriegen, allerdings das Unternehmen mit dem ganzen Know-How übernommen haben … Warum machen die denn dann nicht ihre eigene Show unter einer eigenen Marke? Warum klammern die sich so sehr an das Apassionata-Modell von Holger Ehlers?“ Der frühere Kreuzchor-Sänger sah mich gespannt an.
„Die eigene Show – das ist eben nicht so einfach, wir bewegen uns ja im Bereich der Kunst. Wie sagte Friedrich Schiller: Entweder man hat’s oder man hat’s nicht. Die „Chinesen“ brauchen ja nicht nur die Mechanik, sondern sie brauchen auch einen Künstler, der für so eine Show „geboren“ wurde, der die „Mechanik“ mit Emotion füllt, der einfach SEIN eigenes Ding macht. Sonst kommt wahrscheinlich nur kalte, langweilige, formalistische Bombast-Soße raus. Das kennt man ja. „Die Chinesen“ sind quasi am Punkt Null. Wie Peter 2007 mit der Apassionata, als er deswegen Gert Hof reinholte und es anschließend mit fünf verschiedenen Regisseuren innerhalb von zwei Jahren versuchte, die alle scheiterten.“
„Der Gert Hof …“, setzte Heinz an. In diesem Augenblick kreuzte Leo kurz auf, und ohne, dass ich sein „Go!“ hörte, wusste ich, das bedeutet: „Go!“ Heinz und ich brachen die Unterhaltung ab. Heinz beschäftigte noch etwas, doch er schüttelte den Kopf: „Fragen über Fragen … Wir müssen uns wiedersehn! Spannendes Thema!“ Ein kurz angedeutetes Winken noch, und wir gingen auseinander.

Es gibt jemanden, der mir nachsagt, ich hätte einen Der-kleine-Prinz-Reflex. Der kleine Prinz verzichtete nie auf eine einmal gestellte Frage, und ich lasse angeblich keine Frage unbeantwortet, wenn sie einmal gestellt wurde. Hier also schriftlich der zweite Teil der Antwort, Heinz.
Die letzten sieben Jahre haben bewiesen, dass das Holger-Ehlers-Konzept funktioniert, vor allem seine Musik „holt“ sich das Publikum – und ist die halbe Miete. Dazu kommen seine von der deutschen Romantik und Jules Verne inspirierten Story Lines, seine grandiosen Bild-Ideen für den Videocontent und seine sehr eigene Inszenierungsphilosophie etc. Ich habe Peter in den letzten Jahren immer wieder gesagt: „Sei weise wie Marlene Dietrich, wenn’s um’s Gugelhupf-Backen ging. Man soll nichts ändern, was sich bewährt hat.“ So jedenfalls agierte Marlene Dietrich manchmal, die normalerweise dauernd etwas änderte. Holger hat sein „Rezept“ – das ist sein Geheimnis. Das einzige, was ich von Holger, dem „Baum-Menschen“, mit Sicherheit sagen kann, ist, dass er natürlich Baumkuchen backen würde. Und du, lieber Heinz, würdest jetzt im Hinblick auf die andere Show vielleicht fragen: Wie wär’s denn mit Dresdner Stollen? Tja, Baumkuchen oder Dresdner Stollen oder Gugelhupf – Marlene Dietrich gab’s nur einmal.

Genug geschrieben, ich muss schnurstracks wieder in die Arena, es gibt noch einen Durchgang.
Reiter, Pferde, Tänzer … Der Schluss der Show soll verändert werden. Ich warte, dass es losgeht, dass Holger gleich Leo zunickt und dass Leo in’s Mikrophon sagt: „Go!“

© Asteris Kutulas
Riesa, 15.10.2018

Meine Apassionata-Story, Teil 1 (Riesa-Tagebuch 2018)

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 12. Oktober (abends)
Produktion „Apassionata – Der magische Traum“ von Holger Ehlers

Gestern in Riesa angekommen. Apassionata-Proben. Momentan noch völlig entspannte Atmosphäre. Die Welt hier atmet outdoor Altweibersommer. In der Halle atmen wir Apassionata. Am aufgeregtesten sind wohl die Pferde, die sich langsam an die Musik, an die neue Umgebung, an das Showlicht gewöhnen müssen. Ich habe Respekt vor den Vierbeinern. Obwohl ich sie nicht verstehe. Ein mächtiger schwarzer Friese schaut mich an aus seinen großen runden Augen. In diesen schwarzen Spiegeln sehe ich mein Abbild und bin sofort auf mich zurückgeworfen. Um mich herum ein Gewirr von Stimmen und Sprachen. Techniker, Reiter, Künstler. Heike kommt aus der Kostümbildnerei, schiebt mich sanft beiseite und geht – bepackt mit zahlreichen Steam-Punk-Outfits – die vier Waschmaschinen anschmeißen.



Für mich ist es das zehnte Mal: Apassionata in der Sportstadt Riesa (die sich den Sport inzwischen nicht mehr leisten kann), in einer Stadt, die zu DDR-Zeiten berühmt war wegen der VEB Zündwarenwerke. Alle Streichhölzer der DDR wurden im sächsischen Riesa produziert. Auf allen Streichholzschachteln stand: Riesa. Heute hat Holger Ehlers hier, in der Sachsenarena, das Sagen. Der Kreativdirektor der Apassionata zeigt auf einige Reiter mit ihren Pferden und prophezeit: „Das wird eine tolle Show“. Er muss es ja wissen. Bis jetzt hat es jedenfalls immer gestimmt. Holger hat die Entwicklung der Apassionata von Anfang an mitgemacht. Und zwar seit 2009 mit stetig wachsendem Erfolg. Damals übernahm er diesen Job des Apassionata-Regisseurs und -Autors. Die Musik kam ohnehin schon seit der ersten Show fast immer von ihm.

„Hans, das Pferd“ taucht auf in diesem Moment, schaut sich um und trabt weiter. „Hans, das Pferd“ reagiert immer äußerst sensibel auf die Musik. „Hans, das Pferd“ ist everybodys Darling, denn es hat die Aufgabe übernommen, die Kreatur zu sein, die Schuld hat an großen und an kleinen Übeln. Von einigen wird „Hans, das Pferd“ aber auch als Glücksbringer gesehen. Heike drückt auf die Start-Knöpfe aller vier Waschmaschinen.

Peter Massine ist heute da, der Gründer und Produzent der Apassionata. Er beehrt uns im Riesaer „Probenlager“. Peter ist nachdenklicher geworden, „philosophischer“. Und trotz des lästigen Umstandes, dass ihm (noch immer) ein übermächtiger Gegner Kontra gibt, scheint Peter vor Kraft zu strotzen und insgesamt sehr glücklich. Er sagte vorhin zu mir: „Ich saß eben noch im Auto. Ich fuhr die Strecke Berlin-Riesa und konnte nicht glauben, dass wir es tatsächlich geschafft haben. Dass ich überlebt habe. Dass Apassionata überlebt hat. Wahnsinn!“ Hinter Peter liegen zwei schwierige Jahre. Er hat gerade als Hauptakteur (und Haupt-Opfer) eine der spektakulärsten Schlachten der deutschen Entertainment-Branche (irgendwie) überstanden. Jetzt ist es ihm gelungen, eine zukunftsträchtige Basis für seine Apassionata zu schaffen – mit Hilfe seines Kreativdirektors Holger Ehlers, der in den letzten beiden Jahren die Produktion am Leben und zusammengehalten hat, und vor allem mit Hilfe seines neuen strategischen Partners „Live Nation“, weltweit größter Veranstalter.

Die Schlacht um die „Apassionata“ war knallhart und gnadenlos. Sie nahm zuweilen skurrile Züge an und war bestimmt von Gier, Verrat und Hybris. Die multiplen Auseinandersetzungen zwischen Peter und seinen früheren Partnern und (ehemaligen) Freunden Thomas Bone-Winkel und Johannes Mock-O’Hara, die ab irgendeinem Zeitpunkt im Sold einer mächtigen chinesischen Immobilienfirma standen, erreichten in der Saison 2017/18 ihren Höhepunkt, als zwei Apassionata-Shows zugleich on Tour waren. Die Apassionata von Peter Massine und die Apassionata der Chinesen. So etwas hat es, meines Wissens nach, noch nie in der deutschen Entertainment-Industrie gegeben. Statt zu sagen: „Ich glaub, ich bin im falschen Film“, mussten viele in der letzten Saison sagen: „Ich glaub, ich bin in der falschen Apassionata.“ Für das Apassionata-Publikum konnte die Sache verwirrender nicht sein.

Für mich sah es so aus, dass die chinesische Hongkun International Holdings Limited – mit Hilfe seiner deutschen Erfüllungsgehilfen und möglicherweise von diesen dazu verleitet – versucht hat, ein kleines deutsches Familienunternehmen zu „schlucken“. Also business as usual, ein sehr kapitalistisches Unterfangen. Dass sie damit sehr weit gekommen sind, hat sicherlich damit zu tun, dass Peter in der Vergangenheit sowohl falsche Personalentscheidungen getroffen als auch unternehmerisch fatale Fehler gemacht hat. Ich meinte heute: „Klar, dafür musstest du büßen. Aber sicher hätte es nicht so sein müssen, auf diese Art und Weise …“. Peter lächelte und fragte mich: „Erinnerst du dich daran, wie unsere Apassionata-Zusammenarbeit begonnen hat?“


(Plakatentwurf zu Gert Hof’s „Sehnsucht“-Inszenierung von 2008)

Ja, ich erinnere mich. Als ich mit dem Regisseur und Lichtkünstler Gert Hof zusammenarbeitete, haben wir ab 1999 mit Peter bei diversen Gert-Hof-Events kooperiert. 2006 konfrontierte Peter mich zum ersten Mal mit seinen Sorgen hinsichtlich der Apassionata-Show. Er glaubte – im Gegensatz zu seinem damaligen Partner – an eine Zukunft der Show, war aber zu der Erkenntnis gekommen, dass „Apassionata“ als traditionelle Pferde-Nummern-Gala ein auslaufendes Modell ist. Ein neues Konzept wurde gebraucht. Wir einigten uns 2007, Gert Hof mit einer Apassionata-Produktion zu beauftragen, um der Show eine neue Richtung und Qualität zu geben. Gert Hof konnte eins perfekt: großartig inszenieren. Das sah man bei den Licht-Events. Das sah man bei der Rammstein-Bühnenshow.

Zwischen 1998 und 2010 war ich Partner, Manager und Produzent von Gert Hof, mit dem zusammen ich in dieser Zeit mehr als 40 Events weltweit produzierte. Gert hielt die Musik für die eigentliche Basis seiner Shows. Jedes Mal investierte er sehr viel Zeit in diese „Basis“. Er sagte immer: „Asteris, die Musik ist die Mutter!“ Die Zusammenarbeit mit den Komponisten und Musikern unserer Events war immer aufregend und äußerst inspirierend: im Waldhaus des Tangerine-Dream-Komponisten Klaus Schulze, bei Mike Oldfield außerhalb Londons, im Berliner Aufnahme-Studio von Westbam und Klaus Jankuhn etc. etc.


(Mike Oldfield & Gert Hof, Photo © by Asteris Kutulas)


(Westbam & Klaus Jankuhn, Photo © by Asteris Kutulas)


(Udo Lindenberg & Gert Hof, Photo © by Asteris Kutulas)

So lernte ich bei mehreren Sessions im Tonstudio – während der Apassionata-Produktion „Sehnsucht“ im Jahr 2008 – Holger Ehlers kennen, der für diese Show die Musik nach den Wünschen von Gert komponierte und produzierte. Dieser Prozess dauerte – wie bei Gert üblich – mehrere Monate. Es wurde an jeder Sekunde gefeilt. Die inszenatorische Leistung von Gert (der auch das Buch schrieb, Licht, Choreographie und Kostüme bestimmte und natürlich Regie führte) war einmalig für eine Arena-Show und kann nur mit „grandiosem Theater“ umschrieben werden.

ABER: Gert Hof war zu Apassionata 2008 wie aus dem finsteren Nichts des Alls gekommen, war wie ein Komet in die bis dahin friedlich-schöne Apassionata-Welt eingeschlagen, und seine Inszenierung hatte eine „Schneise der Verwüstung“ hinterlassen. Diese „Rammstein-Inszenierung für Kinder“ war phänomenal, das Beste, was ich auf einer Arena-„Bühne“ je gesehen hatte, aber für die Apassionata-Kinder ein Schock. Sie nahmen scharenweise Reißaus. Sogar „Hans, das Pferd“ wurde manisch melancholisch. Nach Gerts Apassionata-Geschichte brauchte die Menschheit jedenfalls erstmal eine gehörige Portion „Herr der Ringe“, für längere Zeit, ehe es sich an finstere Szenen gewöhnt hatte und schwarze Reiter und böse Frauen und andere ungute Zeichen furchtlos erwartete, ja, sogar auf diese gefasst war. Die dunkle Gert-Hof-Apassionata-Inszenierung von 2008 hatte nichts mit dem bis dahin traditionellen Apassionata-Publikum zu tun gehabt, so dass die Show – im laufenden Tour-Betrieb – uminszeniert werden musste, um das Überleben des Apassionata-Unternehmens zu sichern und damit die Kinder nicht mehr weinend die Flucht ergriffen, was die Hauptsache war. Diese Aufgabe übernahmen im Herbst 2008 Marcus Gerlach und Holger Ehlers, und sie retteten damit nicht nur die Apassionata, sondern auch … „Hans, das Pferd“.

Peter ist vor einer Weile vom Tisch aufgestanden und hat gesagt: „Lass uns in die Arena gehn, die Proben laufen.“ Tatsächlich, der Catering-Raum ist inzwischen leer, alle sind auf ihren Posten. Die vier Waschmaschinen surren leise vor sich hin, die Steam-Punk-Kostüme drehen sich im Uhrzeigersinn, und Hund Woppi scharwenzelt um meine Füße und will gekrault werden.

Zweifellos, it’s Riesa Apassionata Time. Auch für „Hans, das Pferd“. Morgen geht’s weiter.

© Asteris Kutulas, 12.10.2018

Gert Hof: Regisseur, Lichtarchitekt, Künstler

 

On the road with a friend (1998 bis 2012)

Als ich Gert 1998 bei einem Theodorakis-Projekt in Berlin kennenlernte, schien er mir irgendwie abgehoben und gleichermaßen bodenständig, arrogant, ein Arbeiter vor dem Herrn, unfreundlich, einnehmend, sehr konkret in seinen Vorstellungen, divenhaft, genialisch.

Photo © Asteris Kutulas

Mich beeindruckten jedenfalls seine unachahmliche Art und seine konsequenten Denkstrukturen, und wir beschlossen, weiter zusammenzuarbeiten. Gert entpuppte sich als Kontrollfreak, als Seismograph für menschliche Verhaltensmuster. Egal, ob es um Verhandlungen mit unseren verschiedenen Partnern ging oder um die Planung eines nächsten Events – er lehrte mich, das Panoptikum menschlicher Unzulänglichkeiten klar zu erkennen. Seine bohrenden und gnadenlosen Fragen über jedes Detail, sein Analytikerhirn, brachten nach kürzester Zeit die wahren Fähigkeiten – und vor allem Unfähigkeiten – vieler unserer Partner zutage. Ich hasste ihn für diese offenbarende Art, gewöhnte mich aber schnell daran, mich in der Arbeit einsam zu fühlen. Die Luft in der Liga, in der wir zu arbeiten begannen, das merkte ich bald, war sehr dünn. Ich musste, durch Gert dazu getrieben, viele Entscheidungen treffen, die mein Leben veränderten. In den ersten Monaten unserer Zusammenarbeit dachte ich oft, Gert sei größenwahnsinnig, bis ich mich seinem Größenwahn anschloss.

Denn Gert hatte mir, gleich als wir uns kennenlernten, sein Konzept einer gigantischen Lichtschow erläutert. Ich begriff, dass tatsächlich weltweit noch keine Eventform existierte – außer der des Feuerwerks -, die von Hunderttausenden oder gar Millionen live miterlebt werden konnte. Es gab zwar Mega-Konzerte, bei denen Laser und Licht eingesetzt wurden, aber keine Show, die die Möglichkeit bot, eine ganze Stadt einzubeziehen und zu entertainen. Monate später, nach unseren Events in Berlin, Athen, Budapest und Peking, konnten dann alle, die das erlebt hatten, feststellen, dass selbst die größten Musikshows winzig wirkten im Vergleich zu dem, was wir inzwischen realisiert hatten.


Photo © Asteris Kutulas

Und ich erkannte, dass nicht das gewaltige Equipment diese Schows so außerordentlich machte, sondern der Umstand, daß wir es hier mit einer INSZENIERUNG zu tun hatten, die mehrere Elemente (u.a. Musik, Pyrotechnik, Neonarchitektur, Feuerwerk, Licht, Heliumballons, Statisten) vereinte. Viel wichtiger als die Hardware waren also das kreative Potenzial im migränegeplagten Kopflabor von Gert, seine 25jährige Theater-Erfahrung, seine über 20jährige Arbeit im Musik- und Filmgeschäft, seine architektonischen Visionen.


Photo © Asteris Kutulas

Denn es gab in der vor-hofschen Ära keine ausgeprägte „Ästhetik des Lichts“ – jedenfalls nicht in dieser Dimension und schon gar nicht im Outdoor-Event-Bereich -, vor 1999 interessierte sich keiner für dieses Phänomen, außer in Gesprächen über Dritte-Reich-Symbolik. Das „Licht“ führte ein Nischendasein. Gert hat es davon befreit, er befreite es auch aus der speerschen-nationalsozialistischen Umarmung, er machte es „hof“fähig für die moderne Kunst, fürs Entertainment, verlieh ihm die visionäre Kraft einer „Architektur am Himmel“, er schuf in gewisser Weise ein neues Kunstgenre, und er brachte es in die Feuilletons. Das ist vielleicht Gerts größtes Verdienst – er hat den Weg frei gemacht.

Well done, my friend, well done …

© Asteris Kutulas, 2012

Gert Hof gedenkend, 1 Jahr danach

Das war die schlimmste Nachricht des Jahres 2012: Unser Freund, Meister seines Faches, inspirierender Geist, Visionär – Gert Hof starb in der Nacht vom 23. zum 24. Januar 2012. Viel zu früh. Sein Genie zündete den Funken, dessen wir bedurften, um Träume auf Erden wahr werden zu lassen, deren Bilder er an den Himmel zeichnete. Seinen größten Feind nannte er das Mittelmaß, seine Freundin die Unikalität. Immer ging er auf’s Ganze, traf in’s Schwarze, versuchte das Unmögliche. Er bescherte uns Augenblicke, die uns die Welt vergessen ließen, entrückte uns auf das hyperreale Feld eines Kampfes auf Leben und Tod. Von dort hat Gert sich verabschiedet. Er hat den Platz eingenommen, den er sich Augenblick für Augenblick erkämpft hat, dort, eine Handbreit über dem Himmel, von wo der Sonnensturm weht. Alle Sterne seien mit dir, Gert!

(Meine Grabrede widmete ich Nina und Wanja.)

DER LETZTE BRIEF
Für Nina & Wanja

Kamerad Gert,

das ist mein letzter Brief an dich. Die nächsten Briefe werde ich dir nicht mehr schreiben müssen, weil du gleich zurückkommen und dann immer bei mir sein wirst. Jetzt bist du nur kurz raus gegangen, um Zigaretten zu holen. Es ist eiskalt draußen. Nachher wirst du dich wie immer auf dein Corbusier-Sofa setzen, mich anschaun, genauer gesagt: mich sehr erwartungsvoll anschaun. Entweder du hast mich tatsächlich erwartungsvoll angeschaut oder ich bildete es mir immer nur ein. Zwölf kurze Jahre lang. Kurz wie Monate. Dein Blick sagte immer: ‚Ich hab Großes vor, Asteris, lass es mich tun!’ Ab und zu sprang dieser Blick zur Uhr und du wurdest ungeduldig.
Überhaupt – die Uhr, die Zeit, die Erwartung. So lernten wir uns kennen. Ich produzierte gerade in der Passionskirche das Werk „Sonne und Zeit“ von Mikis Theodorakis mit Maria Farantouri und Rainer Kirchmann. Letzterer kannte dich von deiner Zusammenarbeit mit „Pankow“, und er sagte zu mir: „Gert Hof. Der wär genau der Richtige für das, was du vorhast. Das ist ein toller Regisseur. Und der kann super mit Licht umgehn.“ So verabredeten wir uns im „Schwarzen Raben“. „14 Uhr“, sagtest du am Telefon. Was ich nicht voraus gesehen hatte, war der Mangel an Parkmöglichkeiten in der Gegend nahe den Hackeschen Höfen. Und so verspätete ich mich etwa 15 Minuten. Der erste Satz, den du zu mir sagtest, nachdem du kurz auf die Uhr geschaut hattest: „Nicht mit mir.“ Dieses grandiose „nicht mit mir“ reichte immerhin für eine zwölfjährige Beziehung, die teilweise die Dimension – Nina verzeih! – eines Eheverhältnisses annahm.
Was für ein symbolisches Zusammentreffen: Mikis Theodorakis, Gert Hof und das Werk „Sonne und Zeit“! Als Theodorakis im September 1967 in der Isolationshaft des Bouboulina-Gefängnisses, ausgesetzt unsagbarer psychischer Folterung, diese Texte schrieb, saßest du 15jährig im Stasigefängnis von Leipzig. Während der Arbeit an dieser Sonne-und-Zeit-Show … (entschuldige, es war ja keine „Show“) … sprachst du davon, dass diese Tage für dich wie eine Rückreise in einen Albtraum seien, dessen Wunden vernarbt gewesen waren und nun wieder aufrissen. Dich bewohnten viele Albträume mit vernarbten Häuten, die keiner sah, die keiner sehen sollte, die viele nicht sehen wollten.
Für unsere Zusammenarbeit war es ein gutes Vorzeichen, dass sie so existenzialistisch anfing – mit diesem geschundenen, schlecht verheilten Traum, der plötzlich aus dem Koma erwachte und gigantisch wurde wie ein 8.000er. In diesem Werk „Sonne und Zeit“ war vieles von dem, was du erlebt hattest und was auch ich erlebt hatte. Zwei Kinder zwischen den Systemen, zwischen den Welten, zwischen den Leben. Zwei Liebende. Du hast immer die Nacht gesucht und fühltest dich doch pudelwohl unter der grellen hellen griechischen Sonne. Theodorakis hatte immer das Licht gebraucht, und er bekam es von dir für das Dunkel geschenkt.
Mit Theodorakis’ Musik haben wir die meisten unserer Events gemacht. Unter ihnen zwei mit besonderer Bedeutung. Einer davon war im Jahr 1999 die Aufführung der „Mauthausen-Kantate“ von Theodorakis im Washington Holocaust-Museum. Zur gleichen Zeit bereiteten wir einen anderen großen Event vor, nicht nur mit Theodorakis’ Musik, sondern mit ihm selbst am Dirigentenpult: den Millennium-Event auf der Akropolis. In Washington wolltest du kein künstliches Licht haben. Du sagtest mir: „Besorg 1.000 Kerzen. 1.000 Kerzen auf die Bühne für die Seelen der Ermordeten. Kein künstliches Licht.“ Maria sang an diesem Ort im Schein der 1.000 Kerzen, es war überwältigend, es war angemessen.
Sechs Wochen später der Akropolis-Event, und eigentlich wussten wir beide, dass wir es geschafft hatten, gleich zu Beginn unseres gemeinsamen Weges – wie sagtest du so schön: „Mehr geht nicht.“ Zum ersten Mal (und seitdem bisher nie wieder) durfte ein Künstler am Parthenon einen Event machen. Und das zu einer Musik von Theodorakis, von der du sagtest: „Sie ist kongenial.“ Und eben: „Mehr geht nicht.“ Du breitetest die Arme aus.
Es folgten zwischen 1999 und 2010 Dutzende von Events und Konzerten überall auf der Welt. Du warst dabei immer die treibende Kraft. Du hast es oder ES hat dich danach verlangt. Es gab unglaublich schöne Augenblicke, große Enttäuschungen, eine Unzahl euphorischer Momente, viele Zwischenzeiten der Nachdenklichkeit und Stille, außerordentliche Streitgespräche, philosophische Exkurse, Kampf, Niederlagen, Versöhnung. Du hattest wahrscheinlich die Zukunft schon im Auge, dem erblindeten; kein Zufall, dass du mir zu Beginn unserer Freundschaft „Die Kunst des Krieges“ von Sunzi schenktest. „Man sollte niemals in die Schlacht ziehen, wenn man sich nicht sicher sein kann, dass man sie gewinnt.“ Und obwohl das eine deiner Maximen sein mochte, bedeutete dir das „In-den-Krieg-Ziehen“ und zu kämpfen letztendlich mehr als der Sieg. Allerdings … einem Don Quichote glichest du absolut nicht. Dazu warst du zu sehr verbunden mit dem Panzerkreuzer Potemkin, mit Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee“, mit Hans Eislers „Kuhle Wampe“, mit Bernard-Marie Koltés’ „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“, mit Berthold Brechts „Mutter Courage“. Und mit Rammstein.
Du hast zweifellos ein Doppelleben geführt. Auf der einen Seite „die griechische Sandale“, ich, auf der anderen Seite die – so schien es mir – „gnadenlose Maschinerie“ des Rammstein-Imperiums. Zwei Seelen wohnten ach! in deiner Brust, und du hast sie scharf voneinander getrennt. Ich war ich. Rammstein war deine Family. Die Shows von Rammstein – eine direkte Entäußerung deiner Ästhetik. Ohne Wenn und Aber. Ihr habt zusammen gepasst wie die Faust auf’s Auge.
Zu einer der wichtigsten und unbekannteren, dir und Till zu verdankenden Errungenschaften der Jahrtausendwende gehört die als eine solche zu interpretierende Übernahme des Zwickauer Zoos, dem ihr die leicht überhand nehmende Tristesse zu entreißen verstandet. Ihr habt tatsächlich den Zwickauer Zoo gerettet! Ein gehöriges Maß an Zeit habt ihr investiert in die Vergabe menschlicher Vornamen an alle Tiere. Frei variierend habt ihr die offenbar an zu wenig Beachtung leidenden tierischen Kreaturen des Zwickauer Zoos getauft, freigiebig Menschennamen mit Worten malend, sie klanglich überführend in die Ohren dieser Tier-Wesen, sie kreatürlich somit gewissermaßen erhöhend. Till soll sogar da und dort singend Namen vergeben haben, was die Tiere zu Ohrenspitzen, Flattern oder Schwanzwedeln ermunterte. Dein Lächeln wiederum verursachte ihnen Freude, sie sprangen auf und wälzten sich, sie tauchten oder begannen zu klettern. Du wusstest umzugehen mit darbenden Seelen, im kleinen wie im größeren Rahmen.
Auch bei unseren Events begegneten wir immer anderen Extremst-Seelen, die irgendwie unerlöst schienen. In Gallipoli, auf der türkischen Halbinsel im Marmara-Meer hatten wir es mit australischen Beamten zu tun, die sich mehr für das Hotel ihres Ministerpräsidenten interessierten als für das Memorial für die Tausenden im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten, deren Todestag sich zum 90. Mal jährte. In Athen ging es der Archäologischen Gesellschaft darum, die Nachtruhe der beiden Eulen, die auf dem Akropolis-Hügel wohnten, nicht zu stören. In Oman ging es darum, dass der grüne Laserstrahl nicht auf die Iris des Auges des Sultans treffen dürfe. Auf dem Roten Platz ging es darum, dass wir der Wachmannschaft des Kreml genug Wodka zur Verfügung stellen sollten. Auf Malta musstest du bei deinem Antrittsbesuch beim letzten auf der Burg lebenden Ordensritter der Johanniter die Genehmigung für den Event einholen, die die Maltesische Regierung nicht bekommen hatte. Und dann kam Reinhold Messner. Du warst fasziniert von einem Menschen, der ohne Sauerstoffmaske alle 8.000er der Welt bezwungen hat. Als er dich bat, aus der Burg Sigmundskron in Bozen einen Vulkan zu machen und den ganzen Berg verschwinden zu lassen, drehtest du dich zu mir um und sagtest: „Hier bin ich zuhause.“
Du hast den Berg in der Nacht verschwinden lassen, andernorts für Sekunden die Semperoper, die Siegessäule, die Kathedrale von Vilnius. Erst jetzt sehe ich diesen Dualismus klar und deutlich: Da, wo ich meinte, du hättest stets etwas sichtbar gemacht im Dunkel, da erkenne ich jetzt, dass du Noch-Sichtbares hast verschwinden lassen, für Momente, die atemberaubend waren. Du hast uns bewusst gemacht, wie es ist, wenn etwas urplötzlich nicht mehr da ist, wenn das fehlt, was man eben noch gewahr werden konnte.
Die 8.000er bezwingen ohne Sauerstoffmaske … Es war für dich ein passendes Symbol für das, was du mit Leben meintest. Dieses Leben am Limit, das war dein Traum vom Dasein. Bei einem Gespräch mit Messner wurde die Idee geboren, einen Event zu diesem Ideal zu machen – einen Event am Nordpol. Der Nordpol war (abgesehen von der Akropolis) die für dich interessanteste Location. Kälte, Eis, Tod durch Erfrieren. An der Verwirklichung dieses Traums haben wir bis zuletzt gearbeitet. Der Nordpol-Event sollte im September 2012 die Krönung unserer Zusammenarbeit und dein Meisterwerk werden. Wir waren deswegen 2011 nach Island geflogen. Wir kamen dort an zur Zeit des Vulkanausbruchs. Du wolltest nur eins: in die Aschewolke hinein fahren. Um den Wagen herum dichter schwarzer, bald undurchsichtiger Nebel. Du sagtest: „Haltet an hier, haltet an.“ Und dann zu mir: „Hinaus! Raus hier!“ Die Asche flog uns ins Gesicht, drang uns in die Augen. Alles schmerzte. Und du schriest hinein in diesen Ausbruch der Naturgewalt: „Herrlich – nicht?!!“ Ich aber hielt es nicht sehr lange aus, rannte zurück zum Wagen, stieg ein. Unser Fahrer verunsichert. Du bliebst draußen, versuchtest Windschatten zu finden und ein Streichholz anzureißen. Du bliebst stehen in diesem wogenden tiefen Schwarz. Du, der Schwarze Mann. Du rauchtest deine Zigarette zuende. Dann stiegst du ein, glücklich. Wir fuhren zum Gletscher, den du für deine Show ausgewählt hattest. Reinhold Messner und allen Göttern am Limit war es ein Vergnügen.
Wobei ich sagen muss, dass unser tatsächlich letzter gemeinsamer Event auf dieser Erde symbolträchtiger nicht hätte sein können. Bereits 1999 im Washington Holocaust-Museum hatten wir den Gedanken, auch in Europa ein Lichtzeichen zu setzen für die ermordeten Juden in den Gaskammern des Dritten Reichs. Wir fuhren nach Auschwitz, mehrmals. Du entwickeltest ein Konzept, das vom Internationalen Auschwitz-Komitee angenommen wurde. Aber selbst mit dessen Unterstützung konnten wir es nicht umsetzen. Und so blieb es etwas wie ein Versprechen. Das lösten wir dann mit unserem letzten gemeinsamen Event 2010 in Jerusalem ein, beim Abschlusskonzert des Israel Musikfestivals, das zugleich Auftaktevent des Jerusalem Lichtfestivals war. An antiker Stätte, im Schatten der historischen Mauer von Jerusalem. Mit einem großen Davidstern setztest du ein Zeichen gegen das Vergessen. Wie ein Kaddisch aus Licht.
Überhaupt die Musik. Du sagtest immer: „Musik ist die Mutter.“ Das war nicht so dahingesagt. Wie viele Stunden und Tage verbrachtest du mit den Komponisten, von denen die Musik zu deinen Events kam. Christian Steinhäuser blutete wochenlang für die Oman-Show. Mit Westbam und Klaus Jankuhn hast du über Monate zusammengesessen für den AIDA-Event in Hamburg. Du ließest nicht locker, bis Roger Waters dir die Änderungen für den Welcome Europe Event in Malta schickte. Und ich werde nie die von dir immer und immer wieder abgelehnten Musikfassungen für den Millennium-Event in Berlin vergessen, die von Mike Oldfield kamen, den du quasi zwangst, dir immer neue Versionen zu schreiben, bis du damit zufrieden warst. Und nicht zu vergessen Klaus Schulze, der nach vielen gemeinsamen Nächten, die du mit ihm in seinem Dorf bei Hannover verbracht hattest, die Musik für den chinesischen Millennium-Event komponierte. Eingebettet in seine elektronischen Klänge: Volkslieder und Hymnen aus der Mao-Zeit. Es war ein Wunder, dass diese Musik von über einer Milliarde Chinesen während der Live-Fernsehübertragung unseres Events gehört werden konnte. Klaus Schulze flog damals nicht mit, weil er es länger als zwei Stunden ohne Zigarette nicht aushielt. Und mit dem Zug, meinte er, würde die Hin- und Rückreise zu lange dauern. Die Musik war nicht nur deine Welt, die Musik war tatsächlich dein Leben, mehr als alles andere. Ich bin keinem anderen Menschen begegnet, der fast jeden Song von Frank Sinatra, den Einstürzenden Neubauten, den Beatles, aber auch die Arie einer jeden klassischen Oper, der jedes Bachkonzert und jede Einspielung von Glen Gould kannte.
Mir schriebst du: „Let’s Rock!“ Und ich schreib dir heute: On the rocks. Über die Eisberge, an den Vulkanen vorbei, zu den Meeren, bis zum See, auf dem, in einem Boot – wie du sagtest – es am schönsten sei, wenn man auf’s Wasser schaut und zusammen schweigen kann. Ich war für dich der Freund, der, wie du der Welt verrietest, selbstgestrickte Unterwäsche bevorzugte. Zwölf Jahre habe ich mit dem Nadelspiel hantiert und den roten Wollfaden durch die Finger gleiten lassen, damit ich heute diese gestrickte Unterwäsche tragen kann. Ich hab sie bitternötig an diesem eiskalten Tag. Morgen ist Brechts Geburtstag. Er erwartet dich bereits.
Überhaupt – die Literatur. Wo hast du bloß die Zeit hergenommen, um neben dem vielen Musikhören noch so viele Filme zu sehen, dich mit so viel Architektur zu beschäftigen und so viele Bücher zu lesen! Zu unseren Lieblingsbeschäftigungen gehörte, uns apokryphe Satzfetzen aus diversen Romanen und Theaterstücken zuzuwerfen, die kaum ein Dritter deuten konnte. Fichtes Über-Ich, Schopenhauers Farbenlehre, Benno Pludras „“Insel der Schwäne““, Majakowskis Ruf: „“Nach vorn! Stürmt Ozeane! Oder ist im Hafen der Sporn der Panzerschiffe vermodert?““ Und nicht zu vergessen das für viele geheimnisvolle: „„Sprich, Genosse Mauser!““
Ich sprach vorhin über dein Doppelleben. Daneben oder besser: darüber schwebend gab es ein drittes, vermutlich dein wahres Leben. Ob es als das falsche im richtigen oder das richtige im falschen gelten mag – diese Frage, die du immer wieder gestellt hast, werde ich dir viel später bei einem Glas Wodka beantworten können. Jedenfalls war es das, in dem nur zwei Menschen außer dir Platz hatten: Wanja und Nina. Du wolltest sie immer dabei haben, du wolltest sie immer bei dir haben, bei jedem deiner Events. Als wären sie die eigentlichen Augen, die eigentlichen Ohren gewesen, nur diese beiden, abgesehen von dir, der du sowieso, kaum dass etwas vorbei war, es bereits vergessen hattest und nach vorne schautest, immerzu nach vorne. Aber diese beiden, sie nahmen alles in sich auf, bewahrten es, machten für dich etwas Bleibendes daraus. Sie waren deine engsten Dialogpartner, die im täglichen Leben dein Leben am Limit auszuhalten hatten, die alles mitgemacht haben und es genießen durften. „Wie viel Trauer braucht man, um glücklich zu sein?“, das fragtest du in einem deiner Texte. Unsagbar viel, und darum bin ich hier und unsagbar glücklich. Du hast uns dein Gesicht zugewendet. Jetzt erblicken wir dich in unseren Traumgesichten. Mit großen Schritten sehen wir dich gehen, mit ausgreifenden Schritten, so, wie wir uns wünschen, im Dunkel geradewegs auf ein Licht zugehen zu können und im Licht das Dunkel anzunehmen. Auf so vielen Rückreisen waren wir zusammen. Manche Hinreisen hast du allein gemacht. So auch diese.
Wenn ich von Asche sprach, vorhin, dann sprach ich auch von Grau und von Feuer. Die Kerze des Malers Gerhard Richter, sie brennt auch für dich, heute an diesem Tag, an dem Richter seinen 80. feiert und an dem wir dich vor dem Auge unserer Seele haben als den, der mit seiner Kunst immer auch Malerei betrieb, sich berufend auf Kandinskys Blau, Caravaggios Licht-Schatten-Dramatik, Goyas Schwarze Bilder, Malevichs Schwarzes und Rotes Quadrat. Gerhard Richters Grau mochte dir ebenso vertraut sein, wie dessen Landschaften. Musik, Literatur, Malerei, Architektur, Film – sie sind Teil deiner ungeheuer großen Welt – und du für uns Teil einer Welt, die wir lieben. Lass es brennen, Gert! Das Eis ist da. Die Kälte ist da. Das Licht frisst sich vor.

Asteris Kutulas, 9.2.2012

Gert Hof & Asteris Koutoulas, 11 Jahre

Liebe Partner, Kollegen & Freunde,

ich möchte Euch hiermit mitteilen, dass Gert und ich nicht mehr im Managementverhältnis zueinander stehen. Wir haben uns im guten Einvernehmen geeinigt, stattdessen projektgebunden zu kooperieren.

Wir möchten Euch für das jahrelange Vertrauen in unsere Zusammenarbeit danken.

Asteris Koutoulas, 22.9.2009

P.S. Was uns beiden jedenfalls bleibt, nach 11 rasanten Jahren, ist die unglaubliche Story einer unglaublichen Beziehung und eines unglaublichen Werdegangs. Hier die short-Variante:

Nach so viel gemeinsam verlebter Zeit ist es also nicht verwunderlich, dass auch ein Grossteil meiner Homepage Meister Gert gewidmet ist, seinen/ unseren gemeinsamen Unternehmungen der letzten zehn Jahre. Da ist einiges zusammengekommen. Wir haben die halbe Welt umrundet und einige Licht-Zeichen gesetzt. Viel gelernt und viel gelacht. Und unsäglich viel Stress gehabt. „Der Schmerz ist dein Freund.“ Das Leben, wie es ist und wie es sein soll in der besten aller möglichen Welten. Das falsche im richtigen Leben oder umgekehrt, das ist die Frage. Halte aus. Halte durch. Bleib nicht stehen. Salute, capitano Gert!