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Athener Tagebuch, 29.7.2015

Mikis Theodorakis wird 90

Heute hat Mikis Geburtstag. Ich bekam vormittags die Nachricht, dass es ihm nicht gut geht und er darum alle Verabredungen abgesagt hat. Kaum ein Fernseh- und Rundfunk-Sender, kaum eine Zeitung oder Zeitschrift ohne eine große Würdigung. Konzerte im ganzen Land. Selbst in Deutschland ein Tsunami von Veröffentlichungen in den Medien. Fast alle Zeitungen widmen Theodorakis halbe oder ganze Seiten. Süddeutsche, Welt, Tagesspiegel etc., mehr als 100 Publikationen am heutigen Tag allein in Deutschland. Kurz vor 18 Uhr überraschend der Anruf. Mikis ließ anfragen, wo ich denn bleibe, ich solle vorbeikommen.
Ich wollte schon immer mal wissen, wie große Komponisten ihren 90. Geburtstag feiern. Nun hab ich es erfahren: Mikis, leicht aufgerichtet in seinem Liegesessel, verfolgt im Fernsehen das Basketballspiel Litauen-Türkei. Weiter hinten der Parthenon und darüber der weite Himmel.
Mikis: „Da bist du ja. Ich wollte dich noch mal sehen, bevor du morgen nach Deutschland zurückfliegst.“ Er setzt die Sonnenbrille ab und zeigt auf sein rechtes Auge: „Siehst du“, sagt er. „Das Melanom verblasst langsam.“ Ein riesengroßer Bluterguss, seit Tagen auf seiner rechten Gesichtshälfte. „Deswegen hab ich die ganze Zeit die Sonnenbrille auf. Ich bin ja sonst nicht vorzeigbar.“ Ich frage ihn: „Wie ist denn das passiert?“ Er setzt die Sonnenbrille wieder auf: „Das, was mit Griechenland passiert, hat auf mich psychosomatische Auswirkungen …“ Er lächelt und schiebt die Fernbedienung ein Stück zur Seite. „Weißt du was … Diese Werke, die ich nicht geschrieben habe, die stören meinen Schlaf, immerzu …“ – „Na, dann schreib doch einfach noch was auf davon“, erwidere ich. Mikis führt seinen Zeigefinger zum Kopf und rollt mit den Augen: „Die Musik hat ihre eigenen Vorstellungen davon, wann sie aufgeschrieben werden will. Jedenfalls – diese ungeschriebenen Werke rebellieren. Sie lassen mich nicht schlafen.“
Ich sage: „Schade, dass du heute nicht zum Konzert kommst. Alle erwarten dich dort. Mein Freund Jaka ist nur deshalb aus Berlin gekommen. Er hat vor zwei Jahren mit seiner Cinema for Peace Foundation unseren „Recycling-Medea“-Film unterstützt.“ Mikis greift nach rechts und hält die neueste CD mit seiner Musik in der Hand, ECHOWAND. „Johanna Krumin singt das so, dass man zuhören muss. Näher kann man mir als Musiker nicht sein.“ Mikis signiert die CD und sagt: „Zu seinem 90. Geburtstag schenkt Mikis Theodorakis Herrn Jaka die CD ECHOWAND.“ Er dreht den Kopf zum Fernseher. „Ich muss jetzt gehen“, sage ich. „Das Konzert fängt bald an.“
Am Fahrstuhl passt R. mich ab. „Nein nein nein nein …, du kannst noch nicht gehen. Jetzt kommt die Geburtstagsparty.“ – „Was!?“, frage ich. R. drückt mir die Torte in die Hand. In der Mitte steckt eine brennende Kerze. Auf der Torte steht: „Mikis Theodorakis zum 90. Geburtstag“. R. schiebt mich vor sich her. Ich wieder zurück durch die Tür, mit der Torte in den Händen, dann R., ihr folgen Mikis’ Krankenschwester und zwei seiner Mitarbeiter. Mikis pustet freudig die Kerze aus, lehnt sich zurück und sagt mit breitem Lächeln: „Was für eine schöne Geburtstagsparty … Jetzt lasst mich aber weiter das Spiel Türkei gegen Litauen sehen.“

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 28.7.2015

Bei einem Gespräch mit meinem Freund Makis kommen wir auf die schwülen und sehr heissen Nächte zu sprechen. Er erzählt mir über sein Air-condition-Gerät, das die Temperatur konstant auf 25 Grad hält; es schaltet sich automatisch ein und aus. Die Maschine macht draußen über der Balkontür Lärm, so dass die Nachbarin keine Ruhe findet. Makis hätte eigentlich ein herrlich temperiertes Zimmer, nachts, so dass er leicht in den Schlaf kommen könnte, aber zur gleichen Zeit würde seine Nachbarin nicht schlafen können, weil das Gerät zu laut ist. Also kein Air-condition; es ist wieder wie früher, kein Abkühl-Komfort. Das Ergebnis: Beide, sowohl Makis als auch die Nachbarin, können nicht schlafen, weil es in den Zimmern zu warm ist. Makis: „Wir üben Wachliege-Solidarität. Im ganzen Land übt jeder irgendeine Form von Solidarität. Es gibt hunderte neue Formen von Solidarität. Auch solche: gemeinschaftliches Nicht-in-den-Schlaf-Kommen. Uns mangelt’s nicht an Phantasie.“

Von den Bouzouki-Kneipen, von denen es vor wenigen Jahren in Athen noch sehr viele gab, können sich nur noch wenige gerade so über Wasser halten, sagte Fotis, nachdem ich ihn danach gefragt hatte. Ich hatte geglaubt, diese „Schuppen“ würden niemals schließen. Auf diese Art der Unterhaltung würde man nicht verzichten. Whisky trinken, Teller zerschmeißen, Nelken auf die Bühne werfen, Tanzen, eines der griechischen Klischees bestätigen, weil einem „einfach danach ist“. Irrtum. Es gibt inzwischen Orte, wo alle Sitzplätze bei einem Abend mit klassischer Musik besetzt sind, weil sonst kulturell nichts mehr stattfindet und man nirgendwo sonst ein Konzert erleben kann, und dieser eine Pianist …, wahrscheinlich verzichtet er auf die Gage. Vor hundert Jahren sangen die Rembeten in den Lokalen zusammen: „Emis tha sissoume kai na imaste ftochi – Leben werden wir, auch wenn wir arm sind.“ Offenbar war man in Athen vor hundert Jahren wohl irgendwie reicher als jetzt. Seferis’ Roman „Sechs Nächte auf der Akropolis“ erzählt von dieser Zeit. Vor einigen Jahren wurde beschlossen, wieder, wie zu der Zeit, in der die Romanhandlung spielt, die Akropolis in Vollmondnächten für Besucher zu öffnen. Eine Gruppe von Freunden würde sich, dessen bin ich sicher, auch jetzt finden können, um sich dem Mondlicht in solchen Nächten auszusetzen und damit ein Experiment zu wagen. Wird allerdings die Quatroika nicht darauf bestehen, umgehend eine Steuer auf das Mondlicht zu erheben?

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 27.7.2015

Unbeantwortete Fragen

Gestern eine Reihe „erregter“ Unterhaltungen gehabt. Ich werde als in Deutschland lebender Grieche stets in „Haftung“ genommen. Ich hatte auf Fragen keine Antwort, auf die ich selbst gern eine hätte, wie:

1) Die Troika und die deutsche Regierung haben seit 5 Jahren quasi die Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik Griechenlands vorgegeben und jedes diesbezügliche Gesetz „vorgeschrieben“. Sie haben jede neue Tranche eines jeden „Rettungspakets“ von Fortschritten abhängig gemacht, z.B. davon, ob die MwSt. auf Diesel für Bauern 13% oder 23% betragen soll, was ein paar Milliönchen einbringt etc. Warum hat weder die Troika noch die deutsche Regierung jemals zur Bedingung für weitere Zahlungen an Griechenland gemacht, dass Gesetze verabschiedet und bilaterale Abkommen mit der Schweiz, Luxemburg, Großbritannien, Lichtenstein etc. getroffen werden, die zur Offenlegung von Schwarzgeldkonten und zur Steuerfluchtbekämpfung geführt hätten? Dafür wäre jeder griechische Bürger und jeder deutscher Steuerzahler der Troika und der deutschen Regierung dankbar gewesen. Martin Schulz behauptete immerhin, allein schon in der Schweiz lägen bis zu 200 Milliarden unversteuertes Griechen-Geld. Da geht es nicht um Millionen, sondern um „richtig Kohle“. (Und warum wurde diese einfache Frage der deutschen Regierung in keiner deutschen Talk-Show und in keinem Zeitungsartikel gestellt?)

2) Warum lässt „Europa“ zu, dass aufgrund einer finanziellen Krise innerhalb der EU täglich Menschen sterben? Warum wird dieses „Europa“, indem es durch aufgezwungene Austeritätsprogramme ganz bewusst z.B. zur Schließung von Krankenhäusern und zum Kollaps aller Sozialsysteme führt, selbst zum „Mörder“? Wieso schweigt die „europäische Familie“ zu diesem alltäglichen Sterben im „Hause ihrer griechischen Verwandten“? Warum verlangt man noch mehr menschlichen Blutzoll, um Banken zu retten und politische Macht ausüben zu können?

Auf diese und andere solcher Fragen kann ich einfach nicht antworten. Sie lassen einen mit der depremierenden Gewissheit zurück, dass es mit dem Kapitalismus nicht mehr so rund läuft und dass unsere Welt aus den Fugen geraten ist. Und dass Griechenland deshalb so schnell wie möglich DIESES Europa verlassen sollte, wenn es irgendwie als eigenständiges, demokratisches Land überleben will.

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 26.7.2015

 

Kuckucksuhr und Eulen

Dimosthenis, ein 33-jähriger Bekannter aus Berlin, läuft mir am Syndagmaplatz über den Weg. Hat gerade Urlaub und ist vor drei Wochen nach Athen gekommen. Beim Wort „Urlaub“ hebt er die Arme und krallt mit den Fingern Gänsefüßchen-Zeichen in die Luft. Dimosthenis macht keine Scherze mehr, aus einem fröhlichen, sanftmütigen jungen Mann ist ein Getriebener geworden, „in dessen Kopf Mühlsteine zu mahlen begonnen haben“, wie er es formuliert. „Keine Ahnung, was ich noch machen soll. Ich bin jetzt drei Wochen hier und blank. Es hat sich alles verschärft. Wen auch immer ich treffe oder besuche, ob Freunde, frühere Mitschüler, Bekannte … Es gibt fast niemanden mehr, der mich nicht fragt, ob ich irgendwie helfen kann, ob ich ein paar Euro habe. Und niemand von denen will das. Allen steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Von mir aus geb ich ihnen alles, das ist nicht der Punkt, aber mein Geld ist alle. Hab schon über 2.500 Euro für Freunde und Familie ausgegeben.“

Das bringt mich auf eine Idee: Eigentlich sollte man Spree-Athen umtaufen in Spree-Berlin. Die Hauptstadt Deutschlands käme dann zu sich selbst und Griechenland vielleicht auch. Der Griechenland-Beauftragte Hans-Joachim Fuchtel war vor etwa zwei Jahren nach Griechenland gekommen und hatte dem damaligen griechischen Innenminister eine Schwarzwälder Kuckucksuhr mitgebracht. „Das ist etwas anderes, als Eulen nach Athen zu tragen“, sagte damals mein Bruder. Ich erinnerte ihn gestern daran. Er balancierte auf einer Gabel einige Melonenkerne von seinem Mund zum Teller und sagte lachend, die Melonenkerne nicht aus dem Blick lassend: „Ne Eulenuhr wär dann vielleicht doch besser gewesen. Die Kuckucksuhr hat nicht viel geholfen.“ – „Doch“, meinte meine Mutter trocken, „bald danach kam Syriza.“ Und dabei hieß es doch früher: Hüte dich vor Griechen, die mit Geschenken kommen.

Der Sytagma-Platz ist fast leer, die Athener verlassen die griechische Hauptstadt über den Sommer in ihre Dörfer und die, die es sich leisten können, machen noch irgendwie Urlaub. Dimosthenes erzählt weiter: „Einer meiner Mitschüler von damals, Christos, 33 wie ich, ist vor fünf Wochen an einem Herzinfarkt gestorben wegen des Stress’. Der war Sportler, der hatte Kondition, nicht geraucht, nicht getrunken, einen Gesünderen kannst du dir nicht vorstellen. Und das Mädchen, mit dem ich vor sechs Jahren noch zusammen war, hat inzwischen Krebs. Und mein Vater, der verzweifelt jetzt, weil er nicht weiß, wie helfen kann. Ich stehe da … Vor zwei Jahren, da trugen wir noch lustige T-Shirts: „Ich brauch keinen Sex mehr. Die Regierung fickt mich jeden Tag.“ Wir konnten noch scherzen damals.“

Ja, und sicher ist auch: Die Troika bleibt Griechenland treu. Wie Siegfried dem Roy, reimte gestern mein Bruder. Tsipras und Varoufakis waren jedenfalls die einzige (zumindest die erste) realistische Chance für die EU und insbesondere Deutschland, ihr Geld wiederzukriegen, jedenfalls einen grossen Teil des Geldes. Warum Herr Schäuble und die deutsche Regierung das nicht erkannt haben, bleibt ein Rätsel der Geschichte. (Wahrscheinlich hatten „höhere Ziele“ Priorität.)

Dimosthenis setzt zu seinem Schlussplädoyer an: „Mein Kollege Matthias in Berlin hat jeden Tag Angst vor Hartz 4, der sagt: „Grieche, sei froh, dass wir hier überhaupt noch was verdienen und erzähl mir nix von deinem Stress da in der Heimat.“ Für den da bin ich einer, der jammert, für die Leute hier in Griechenland bin ich einer, der vielleicht noch helfen kann… Ich bin der, der vor dir steht und dir erzählt, dass sein Konto leer ist und sich genauso beschissen fühlt wie alle anderen, die mir das gesagt haben.“ – Da mir gerade nichts Tröstendes einfällt erwidere ich: „Den Letzten beißen die Hunde, Dimostheni! So ist das nun mal, ob hier oder in Deutschland…“

© Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 25.7.2015

Das ist kein Leben mehr…

Meine Mutter versucht immer wieder, mich in die Pflicht zu nehmen, als wäre ich verantwortlich für die Krise in den deutsch-griechischen Beziehungen: „Warum ziehen die deutschen Medien und Politiker dauernd diese Vergleiche zwischen den Griechen und den Bulgaren oder den Rumänen! In Bulgarien und Rumänien, da haben sie keine EU-Preise, keine 60% Jugendarbeitslosigkeit, das Gesundheitssystem ist dort nicht zusammengebrochen. In Griechenland sieht’s ganz anders aus. Die sozialen Systeme funktionieren nicht mehr. Man kann doch die Situation der drei Länder nicht gleichsetzen! Bei Lidl und im Media-Markt müssen wir deutsche Preise zahlen, haben aber nicht die Gehälter wie in Deutschland. Bei den Mieten sieht’s genauso aus. Meine Freundin hat einen 31-jährigen Sohn, arbeitslos; die 24-jährige Tochter studiert. Ihr Mann ist gestorben. Die leben zu dritt von 500 Euro und zahlen allein für die Miete einer winzigen Wohnung 250 Euro. Das ist ja kein Leben mehr. Und dann stellen deutsche Politiker diese Vergleiche an, als seien Menschen wie meine Freundin und ihre Kinder Idioten, die nicht kapieren würden, dass es ihnen blendend geht, im Vergleich zu den Menschen in Bulgarien oder Rumänien.“

Wenn ich meine Mutter so sprechen höre, dann fällt mir ein großer Unterschied in der Betrachtungsweise auf: Wenn Griechen sich über „die Deutschen“ kritisch äußern und manchmal auch ausflippen und fluchen, meinen sie niemals das deutsche Volk, sondern immer die Regierenden. Wenn Deutsche über die „Griechen“ urteilen, meinen sie zumeist – sehr stigmatisierend – die gesamte Bevölkerung und fast niemals die Regierung. Bis die Tsipras-Regierung an die Macht kam, schien es mir fast so, als würde die deutsche Öffentlichkeit das griechische Volk für das kriminelle Fehlverhalten seiner ehemaligen Regierungen verantwortlich machen.

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 24.7.2015

Die Zeit läuft ab…

Die Menschen wollen sprechen. Es gibt ein existenzielles Bedürfnis nach Kommunikation. Neben mir sitzt ein älterer Straßenbahnfahrer, der gerade Feierabend hat und mit der Metro nach Hause fährt. Er entpuppt sich als glühender Syriza-Anhänger. „Wir sind stolz darauf, diesen Kampf gegen die Troika geführt zu haben. Wir haben dadurch nicht nur Griechenland geändert, sondern auch Europa.“ Und obwohl ich nichts sage, insistiert er: „Glaub mir, mein Junge, sie haben einen Pyrrhussieg errungen.“

Viel Angst, gepaart mit Pathos, macht sich breit in Griechenland. Und auch die Gewissheit, dass Tsipras am Ende ist, noch bevor er überhaupt etwas beginnen konnte. Ihm bleiben vielleicht noch ein, zwei Monate, dann ist seine Zeit abgelaufen, dann gehört auch er zum griechischen Establishment, zum „System Griechenland“, das das Land ruiniert hat. In seiner Rede vor dem Parlament hieß es vorgestern: „Dieser Kampf wird nicht umsonst gewesen sein. Nur diejenigen Kämpfe sind umsonst, die nicht geführt werden.“ Das klingt sehr melancholisch, nach Endspiel. Seine Partei bricht gerade auseinander, der geteilte Himmel über Athen bleibt geteilt, Griechenland bleibt eine Wunde. Im September wird es Neuwahlen geben; die nächste Tragödie steht uns bevor.

Athener Tagebuch, 22.7.2015

Nebenwirkung: Amoklauf

23.20 Uhr. In Berlin, so erzählt mir Sebastian am Telefon, strömender Regen, Blitz und Donner – das hätte ich hier auch gern. Meine Mutter stellt Melone auf den Tisch, meint aber im selben Augenblick, ich solle endlich schlafen gehen. Wer kann hier schlafen. Es ist heiß. Die Kakerlaken vermehren sich vermutlich schnell. Und im Fernsehen läuft der Thriller „Parlamentsdebatte“.

War tagsüber im Studio bei Jannis gewesen, einem bekannten Dokumentarfilm-Regisseur. Er hat vor ein paar Jahren einen Film gemacht über Menschen, die durchdrehn und medikamentös behandelt werden. Als wir uns über seinen Film unterhielten, meinte er: “Naja, inzwischen sind hier alle irre geworden, total irre. Mir kommt es so vor, als hätte der deutsche Arzt versucht, seinen griechischen Patienten von einer Erkältung zu kurieren, verpasste ihm aber eine falsche Spritze, so dass der wegen der Nebenwirkungen Amok läuft.” Stefanos’ Blick ging ins Weite. “Du kannst die Irren hier nicht mehr kontrollieren. Jetzt laufen in Griechenland Millionen von Irren herum. Europa hat sein Irrenhaus, so ist das nun mal, wir ticken nicht mehr richtig. Der Arzt will seinen Kunstfehler nicht eingestehen und duckt sich weg. Wie auch immer – wir sind alle irre hier, jeder auf seine Weise.”

Im Fernsehen die Debatte zum zweiten Gesetzespaket, das zusammen mit dem von letzter Woche als Voraussetzung dient, damit Griechenland mit den europäischen Institutionen (die übrigens jetzt wieder Troika heißen) ein neues Memorandum verhandeln darf. Varoufakis erklärte dem CNN-Sender gestern: “Das neue „Rettungspaket“ wird der größte Misserfolg der Wirtschaftsgeschichte. Und es ist klar, dass das Ding nach hinten losgeht.”
Im Bestiarium des griechischen Parlaments ereignet sich derweil Unerhörtes. Regierungsmitglieder und auch die Parlamentspräsidentin bringen Gesetzesvorlagen ein und sagen im selben Augenblick: “Wir tun das, um Griechenland zu retten, aber wir wissen, dass es nicht das Richtige ist für Griechenland.” Ich glaube, sowas hat es in keinem Land bislang gegeben. Da kommt eine Gesetzesvorlage, und der Justizminister sagt: “Ok., ich bring die hier mal ein, aber es ist eine schlechte Gesetzesvorlage. Ich bring sie ein, weil ich sie einbringen muss.”
Was alle SYRIZA-Politiker damit meinen: Europa hält Griechenland die Pistole an die Schläfe und sagt: Unterschreibt einfach! Irgendwas werden wir schon aus euch machen. Hauptsache, ihr unterschreibt erstmal. Klar, da muss man ja irre werden.

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 15.7.2015

Die Jüngeren sind total abgeschrieben

Kurz vor der Parlamentsdebatte zum neuen Austeritätsprogramm der »Troika«. In der Innenstadt Demos. Molotowcocktails. Der Schwarze Block in Rage. Athen bleibt Athen.

In der Galerie Beton7 treffe ich Poppy. Erstaunlich, wie hartnäckig Kunst in Griechenland in diesen Zeiten der Verarmung und Hoffnungslosigkeit hervorgebracht wird. Ausstellungen, Installationen, Theaterstücke, Filme. Ohne Finanzierung, mit viel Energie und teilweise auf einem unglaublich hohen künstlerischen Niveau. Was die griechischen Autoren der letzten hundert Jahre anbelangt, so ist mir das vertraut. Einige stellten das Schreiben selbst mit erfrorenen Fingern nicht ein. Das Land hat eine Tradition in Kunstproduktion unter widrigsten Bedingungen. Diese formte sich in Zeiten von Okkupation, Krieg, Junta und Verfolgung und war jedesmal gelebter Widerstand. Auf Bedrohungen reagiert der Mensch hier oft mit Kunst.

Poppy sagt: »Was uns fehlt, sind Visionen.« Und dann: »Wir Jüngeren sind total abgeschrieben. Ist dir schon mal aufgefallen, dass im griechischen Fernsehen keine Menschen aus der Altersgruppe der Unterdreißigjährigen zu sehen sind? Wir gehören nicht zur griechischen Gesellschaft. Die da oben machen keine Politik für die Zukunft; wir sind nicht auf ihrem Radar, wir existieren gar nicht. Wir dürfen gehen. Hast du einen Job für mich in Berlin?« – »Wovon lebst du?« frage ich. Ein schnelles Schulterzucken: »Alle Vorstellungen des Nationaltheaters sind abgesagt worden. Unterrichten kann ich auch nicht mehr, weil niemand mehr Geld hat. Es verdient ja kaum einer noch was.«

Ich blinzele und frage dann grinsend: »Gibst du mir einen Kaffee aus?« Sie: »Meinem deutschen Freund immer.« Poppy bestellt an der Bar einen doppelten Espresso. Dann fährt sie fort: »Weißt du, es ist doch egal, was Frau Merkel und Herr Schäuble vorhaben. Das Problem ist, was wir tun oder was wir nicht tun, hier in Griechenland. Warum kommt kein Politiker und sagt: Passt auf, wir machen jetzt ein gerechtes Steuersystem. Alle müssen bezahlen. Nicht nur die unteren Einkommensschichten, weil die keine andere Wahl haben, sondern auch der Rechtsanwalt, der Arzt und natürlich die Großen. Das muss jetzt endlich jemand durchsetzen. So geht es nicht weiter … Stell dir vor, ein Ministerpräsident würde sagen: Wir starten ein nationales Aufbauprogramm und beginnen damit, Griechenland unabhängig zu machen von Erdöl und Erdgas und langfristig sogar erneuerbare Energie zu exportieren. Stell dir vor, was das für Auswirkungen hätte! Arbeitsplätze, Klimaschutz. Das ist Hoffnung. Unabhängigkeit.«

Asteris Kutulas

Athener Tagebuch, 14.7.2015

Die Zukunft verschwindet…

Wenige Wolken heute, große Hitze, blendendes Licht. Fast nicht zu glauben, dass sich uns etwas erhält von dem, das immer dagewesen war, in dieser Zeit der Auflösung. Wie sagte gestern mein Dichter-Freund Alexandros: „Die Zukunft verschwindet, und sie nimmt die Vergangenheit mit. Uns Griechen bleibt dieses Jetzt, in dem die Tage sich vereinzeln und voneinander isolieren wie Kapitel eines Buchs, das auseinanderfällt.“
Überall, wo ich heute unterwegs war, die lärmenden Zikaden. Eine Klangrealität Griechenlands, Sommer für Sommer, ein von Insekten erzeugtes, sehr lautes Geräusch, das es trotz aller Oleander- und Olivenbaumkübel in Berlin nicht gibt. Man kann also nicht alles kaufen.

Ausgerechnet heute – obwohl mein Bruder, der rechts von mir saß, behauptete: „Das ist kein Zufall.“ –, ausgerechnet mitten in dieser Woche des Zorns, des Aufruhrs, der Niedergeschlagenheit, der herbeigesehnten Hoffnung: plötzlich dieses Konzert in Athen. Gestern, kurz nach meiner Ankunft, rief D. mich an und fragte: „Kommst du morgen mit? Im Herodes-Attikus spielt das Staatsorchester Mikis’ Erste Sinfonie und Axion Esti.“ Mir war völlig klar, dass nur wenige Zeit, Lust und das Geld haben würden, um in diesen Tagen in so ein Konzert zu gehen, zumal fast alle Kulturveranstaltungen abgesagt worden sind. Ich hab mich unglaublich geirrt. Innerhalb von drei Tagen waren die fünfeinhalbtausend Tickets ausverkauft. Hunderte Menschen versuchten vergeblich, irgendwie in das Theater unterhalb der Akropolis zu kommen. In den Sitzreihen ältere Leute neben sehr jungen, sehr viele Dreißig- und Vierzigjährige und eine Menge Touristen, die sich irgendwie eine Karte besorgen konnten. Dann kam er. Theodorakis, der in zehn Tagen 90 Jahre alt wird, im Rollstuhl langsam hereingeschoben in dieses Theater unter freiem Himmel, weißes Haar, blaues Hemd, eine große dunkle Sonnenbrille. Die Menschen riss es hoch, sie empfingen ihn. Der Klang des Jubels, der aus dem Gemurmel hervorschoss wie eine Fontäne. Das sollte an diesem Abend mehrmals passieren.
In der aufgewühlten Stimmung dieser Tage ausgerechnet diese beiden Werke. Die Musik offenbarte sich als eine kathartische Antwort auf das Gezischel beim Gipfeltreffen der europäischen Staatsoberhäupter in Brüssel und auf alles, was darauf folgte. Zu Beginn die Erste Sinfonie. Ein Mensch gegen den andern – so klingt das. Griechenland ist seit seiner Gründung ein Bürgerkriegsland. Im 19. Jahrhundert die Anhänger der Russischen Partei gegen die Anhänger der Französischen Partei. Die Anhänger des Katharevusa-Griechisch gegen die Anhänger der Volkssprache Dimotiki. Später die Monarchisten gegen die Venizelisten/Republikaner. Die Nationalisten gegen die Kommunisten im Bürgerkrieg. Die Sozialisten der Zentrums-Union gegen die Konservative ERE-Partei. Die PASOK-Anhänger gegen die Neue-Demokratie-Anhänger. Wenige entzogen sich dieser Entweder-Oder-Bürgerkriegsideologie. Hauptvertreter dieser Wenigen war Theodorakis. Die Erste Sinfonie, 1948/49 mitten im Bürgerkrieg komponiert, ist zweien seiner Freunde gewidmet, die in den unterschiedlichen Lagern gekämpft hatten und zu Tode kamen.
Im bipolaren Herrschaftssystem Griechenlands waren solche Sätze wie „Wir alle sind Griechen.“ und „Wir sollten uns nicht gegenseitig zerfleischen.“ außerordentlich rar und suspekt. Thedorakis, weil er so sprach und weil ihn „Parteigrenzen“ nie interessierten, war suspekt.
Seine Musik heute Abend für fünfeinhalbtausend Menschen die Katharsis. Es ist ihre eigene Musik, eine Offensive, eine poetische Befreiung aus dem Würgegriff „Brüssels“ und der „griechischen Politik“. Nimm dem Menschen die Luft – er wird darum ringen. In der Pause sagte einer feixend: „Ha! Wir hier drinnen gehören zu den Begnadeten. Wir sind die Fünfeinhalbtausend, die das einatmen dürfen, während die andern vor den Fernsehern sitzen und sich anhören müssen, was Tsipras zu sagen hat nach seiner Kreuzigung.“
Dann „Axion esti“ (Lobgepriesen sei), das Oratorium auf der Grundlage einer Gedichtkomposition, für die der Dichter Odysseas Elytis 1979 den Literaturnobelpreis erhalten hat – eine ganz andere Art von „Nationalhymne“. Loukas Karytinos dirigiert, George Dalaras singt. Die Menschen auf den Rängen mit sich eins.

Als ich nach Hause komme, läuft der Fernseher. Stamatia, die Freundin meiner Mutter, die gerade zu Besuch ist, sagt den Satz: „Er hat sich mehrmals entschuldigt.“ Tsipras hat im griechischen Fernsehen gerade die erste Pressekonferenz nach der Einigung mit der EU gegeben. „Er hat sich mehrmals dafür entschuldigt, dass er nicht einhalten konnte, was er versprochen hatte; er hat gesagt, dass es für Griechenland ein schlechtes Abkommen ist – und für Europa. Dass ihm aber keine andere Wahl gelassen wurde, als das so zu akzeptieren. Und er hat es schweren Herzens akzeptiert.“ – „Und was sagst du jetzt dazu?“, frage ich. Meine Mutter dreht sich abrupt zu mir, sieht mich an und meint: „Es hat sich noch nie ein Premierminister bei uns entschuldigt. Noch nie. Die andern hätten hundertmal mehr Grund dazu gehabt. Weißt du was: Der sollte Ministerpräsident bleiben. Der ist der Einzige und der Erste, der den Oligarchen wirklich an den Kragen könnte.“

In den Nachrichten überschlagen sich die Kommentatoren.

Asteris Kutulas

Raus aus dem Euro!

Liebeserklärung an die älteste Währung Europas

VeganResistanceKL

Ich war (und bin weiterhin) der Meinung, dass jedes Mal, wenn Deutschland bzw. Frau Merkel oder Herr Schäuble von den Griechen als Verursacher der Krise in Griechenland kritisiert und – noch schlimmer – beschimpft wurden/werden, es einmal zu viel war/ist, weil es von den wahren Verantwortlichen, nämlich von den bislang über 40 Jahre Regierenden ablenkte und ablenken sollte. Abgesehen davon, dass es zum Teil sehr beschämend ist, sollten wir Griechen uns um unsere eigenen Politiker und unsere eigene (nicht vorhandene) Zivilgesellschaft kümmern.

Das Makabre an diesen Schuldzuweisungen gegenüber Deutschland bestand darin, dass auch die Anhänger der bisherigen Regierungsparteien (ND & PASOK) – die ja mit Deutschland sehr „freundschaftlich“ verbunden waren – dies bei jeder Gelegenheit hinter vorgehaltener Hand taten, um damit deutlich zu machen: „Wir können nichts dafür. Deutschland zwingt uns zu dieser furchtbaren Austeritäts-Politik!“ Aber nicht Deutschland ist verantwortlich für die griechische Krise, sondern das griechische politische und ökonomische Establishment der letzten 40 Jahre. Und genau das ist endlich abgewählt worden bei den letzten Wahlen im Januar 2015.

Dafür sollten die Deutschen dem griechischen Volk – für dessen Mut und Entschlossenheit – Anerkennung entgegen bringen. Einen Tag nach diesen Wahlen war die Luft in Athen anders, ein wenig wie am Tag nach dem Mauerfall in Berlin. Vor allem die Ost-Deutschen werden das nachvollziehen können, denke ich. Es ging vielen Griechen am 26. Januar ungefähr so, wie vielen Bürgern der DDR, als sie sich ein Leben mit Mielke und Honecker in der Regierung nicht mehr vorstellen mussten.

Jedenfalls ist es eine Kapriole der Geschichte, dass sich in meiner Heimat jetzt ausgerechnet eine Linkspartei anschickt, den Kapitalismus in Griechenland zu reparieren und ihn endlich auf einen „westeuropäischen Stand“ zu bringen.

Oberflächlich betrachtet hat Frau Merkel einen guten Job gemacht: Deutschland profitierte gewaltig vom Euro und steht – ökonomisch gesehen – ganz gut da. Aber Griechenland ist nicht nur durch die Politik seiner bisherigen korrupten, reformresistenten und klientelistischen Regierungen und Machteliten, sondern auch durch den Euro bankrott gegangen. Denn die Kriterien, die die EU aufgestellt hatte, damit ein Land in die Euro-Zone aufgenommen werden kann, waren sinnvoll und an sich ein gutes Instrumentarium, um von vornherein ein Land vor einer wirtschaftlichen Katastrophe zu bewahren.

Griechenland hatte zu keinem Zeitpunkt die Maastricht-Kriterien erfüllt und ist also nur durch einen „Schwindel“ (der von der bis vor kurzem regierenden Politikerkaste zu verantworten war und über den andere Regierungen „großzügig“ hinweggesehen haben) in die Euro-Zone aufgenommen worden. So passierte genau das, was passieren musste: Die griechische Wirtschaft erwies sich als nicht konkurrenzfähig und ging zugrunde. Die Exporte nahmen immer mehr ab, weil diese durch die Einführung des Euro zu teuer wurden und Griechenland stattdessen (durch die sehr günstigen Euro-Kredite) zum Absatzmarkt für Mercedes, BMW etc. geworden war – einen Luxus, den viele Menschen in Griechenland sich wohl hätten kaum leisten dürfen. In Griechenland gibt es heute durch die Segnungen des Euro Lidl, Media Markt, Edeka etc., dafür gingen bislang 200.000 Klein- und mittelständische Unternehmen zugrunde. Für Deutschland, Frankreich etc. war/ist das gut, für Griechenland war/ist es schlecht. Die EU-Maastricht-Kriterien haben sich jedenfalls am Beispiel Griechenland als absolut richtig erwiesen.

Der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone hätte demnach nichts zu tun mit einer „D-Mark-Nostalgie“ – zumal Deutschland der große Gewinner des Euro ist, Griechenland der größte Verlierer –, sondern damit, dass Griechenland niemals befugt und befähigt gewesen ist, dem Euro beizutreten. Daran hat sich nichts geändert, ganz im Gegenteil. Wir konnten und können uns den Euro als Land (noch) nicht leisten – das ist die Wahrheit. Also, raus aus dem Euro, damit wir wieder eine Chance haben, nicht auf ewig eine „Bananen-Republik“ zu bleiben. Immerhin hat die sogenannte „Euro-Krise“ in Hellas – für die die griechischen Machteliten und Oligarchen verantwortlich sind – zur einer Beschädigung der Demokratie, zu einer humanitären Katastrophe und zum Verlust der nationalen Souveränität geführt.

Es gibt sehr viele kluge, fähige und verantwortungsvolle Griechen im In- und Ausland, die sich sofort für ein neues demokratisches Griechenland engagieren würden, wissend, dass Veränderung oder gar ein Wandel nur durch harte Schnitte zu erreichen wären, die weiterhin einen Gang durch das Tal der Tränen bedeuten, zumindest wüssten die Betroffenen dann aber, warum sie das durchmachen. Was wir in meiner Heimat brauchen, sind unsere eigenen Visionen für die Zukunft und eine Zukunft für unsere Kinder. Das ist mit dem Euro nicht zu haben.

Glücklicherweise ist ein erster Schritt getan: Die alten Machteliten sind Ende Januar 2015 abgewählt worden, jetzt muss sich Griechenland „nur noch“ des Euros entledigen, um endlich unabhängig zu werden – was als Aussage symbolisch gemeint ist. Dafür habe ich seit 2010 plädiert, und heute bin ich um so mehr davon überzeugt. Ob die neue Regierung den von uns erhofften Anfang einer souveränen griechischen und zutiefst demokratischen Zukunft einläuten wird, ist sehr zweifelhaft – aber wer hätte überhaupt gedacht, dass die Griechen so standhaft sein und so viel Zivilcourage aufbringen würden? Ich nicht.

Athen, Tag eins nach der Wahl (26.1.15)

Eine Kolumne aus dem griechischen Niemandsland

Am Sonnabend hatte es geregnet in Athen. Am Sonntag gingen die Griechen (und ich auch) wählen, und heute, am Montag, ist das Land, das unter der Krise wie kaum ein anderes in Europa gelitten hat, nicht wiederzuerkennen. Ein spürbares ungläubiges Aufatmen liegt in der Luft. Eine Leichtigkeit des Seins ist zu spüren, und die Menschen sind irgendwie freundlicher und relaxter. Vielleicht ist das alles aber auch nur Einbildung. Jedenfalls sagen Taxifahrer Sätze wie: „Samaras konnte in den letzten zweieinhalb Jahren nicht einmal die Reformen, die ihm Merkel & Co. aufgetragen haben, umsetzen. Der hat zu nichts getaugt.“

Mir ist ein wenig so wie damals, als die Mauer fiel. Nicht ganz so schön, aber fast… Das jedenfalls, was viele heute hier in Athen denken, kommt dem nah, was wir im November 1989 gespürt haben. Zum Beispiel, dass diese Wahl in Griechenland die Demokratie wiederhergestellt hat. Bis 2012 verfügte das herrschende politische System der beiden Parteien Neue Demokratie und PASOK fast vierzig Jahre lang konstant über 80% der Stimmen. 2012 stürzten diese beiden Parteien auf etwas über 30% ab. Es gab in der westeuropäischen Nachkriegsgeschichte keine deutlichere „Abwahl“ einer Politikerkaste, aber nicht nur, dass diese beiden Parteien – mit „Unterstützung Europas“ – weiter herrschten, auch ihre korrupten und klientelistisch strukturierten Führungen machten weiter, als wäre nichts passiert. Samaras, Papandreou, Venizelos, Bakojanni, Karamanlis, Kefalojannis etc. etc. – die alten Politikerfamilien, die zum Teil seit 100 Jahren Griechenland in ihren Besitz genommen hatten, dachten gar nicht daran, von der Macht zu lassen. Dadurch wurde die konservative Rechte und die Sozialdemokratie völlig diskreditiert und es offenbarte sich, dass PASOK und Neue Demokratie keine demokratischen Parteien, sondern hierarchisch strukturierte „Familienclans“ sind… Das zeigt sich sehr extrem am Beispiel der PASOK, die von 44% im Jahr 2009 auf jetzt 4% abgesackt ist, und deren Vorsitzender Venizelos (der noch amtierende Außenminister) vorhin im Fernsehen erklärt hat, dass er weitermachen will. Immerhin ist dadurch, dass die neue Partei von Giorgos Papandreou an der 3%-Hürde scheiterte, zum ersten Mal seit 92 Jahren keiner aus der Papandreou-Dynastie mehr im griechischen Parlament vertreten.

Diese Wahl hat aber in den Augen vieler Griechen nicht nur die Demokratie, sondern auch die Souveränität Griechenlands wieder hergestellt. Samaras & Co., die verantwortlich waren für diese größte Krise in der griechischen Nachkriegsgeschichte, hatten in den letzten Jahren nicht nur ihre politische Handlungsfähigkeit verloren – was immer offenbarer wurde –, sondern auch die Glaubwürdigkeit in jeder Hinsicht, vor allem aber ihre Fähigkeit, eine „griechische Politik“ für Griechenland zu gestalten. Das führte dazu, dass die „Troika“ für die Griechen zum Hassobjekt wurde, und die Samaras-Regierung erschien vielen als deren Handlanger, die es zuließen, dass Griechenland einerseits wie eine Bananenrepublik behandelt und andererseits die griechischen Bürger mit dem härtesten europäischen Austeritätsprogramm aller Zeiten für etwas bestraft wurden, wofür sie nicht verantwortlich waren.

Schließlich denken viele Griechen, unabhängig davon, ob sie rechts oder links sind, dass sie durch die Wahl von Tsipras ihre Würde wieder erlangt haben. Das ist vor allem als emotionale Reaktion auf ein noch nie dagewesenes Griechenland-Bashing in Europa vor allem in den Jahren 2010 bis 2012 anzusehen, angeheizt durch die Regierenden daheim. Und jetzt schicken die Griechen jene „Kollaborateure Europas“ in den Ruhestand, die keine einzige wirkliche Reform umgesetzt, sondern nur sozialen Kollateralschaden angerichtet, hunderte von Skandalen unter den Tisch gekehrt und täglich neue angehäuft haben.

Ich persönlich weiß nicht, ob die weichgespülten Linken der SYRIZA-Partei überhaupt etwas zustande bringen, zumal sie ein System zum Gegner haben, das sie nicht kennen und dem sie möglicherweise nicht gewachsen sind. Auf jeden Fall ist Herr Tsipras ein besserer Partner für die EU und auch für die Bundeskanzlerin, denn er will – im Gegensatz zu Herrn Samaras und seinen Vorgängern – tatsächlich etwas an diesem korrupten und heruntergewirtschaftetem „System Griechenland“ verändern. Und dies wäre endlich an der Zeit und völlig im Sinne Griechenlands und vor allem Europas.

Es ist kalt an diesem Montagabend in Athen, selbst im Restaurant „Tee“. Am Nebentisch sagt ein Mann zu seiner Frau, dass wir einen „historischen Tag“ erlebt und dass wir die erste linke Regierung in Europa haben. „Stell Dir vor“, sagt er, „ein kommunistischer Politiker verteilt Ministerposten. Unglaublich!“ Er zieht an seiner Zigarette, obwohl ein Schild ihm gegenüber anzeigt, dass hier Rauchen verboten ist. Dieses „unglaublich“ erinnert mich an die ersten beiden Anrufe von Tsipras gestern Abend, noch vor der Veröffentlichung der ersten offiziellen Hochrechnung, unmittelbar nach Bekanntgabe der exit polls. Sie gingen an den Chef der griechischen Polizei und den Oberbefehlshaber der Armee. Der Putsch von 1968 und die nachfolgende siebenjährige Diktatur steckt allen Griechen noch in den Knochen. Und Samaras hatte oft genug in seinen Wahlkampf die „kommunistische Gefahr“ heraufbeschworen. Einer seiner Minister hatte zwei Tage vor den Wahlen ausgesagt, dass er „alles notwendige“ unternehmen würde, um eine kommunistische Machtübernahme zu verhindern. Auch aus diesem Grund ist die Entscheidung, mit den Rechtspopulisten von ANEL ein Regierungskoalition zu bilden, vielleicht die strategisch weiseste innenpolitische Entscheidung von Tsipras: damit beendet er den 1944 bego097FotoClip-0003nnenen Bürgerkrieg.

Auf dem Nachhauseweg fliegen mir die Wahlplakate diverser Parteien entgegen, eines mit dem Slogan der Neuen Demokratie: „Wir sagen die Wahrheit“, eine Aussage die bereits heute, einen Tag nach der Wahl, sehr schräg und unwahr klingt. Und gleich danach kreuzt ein zerfetztes Plakat von SYRIZA meinen Weg: „Die Hoffnung kommt“, etwas, was die Griechen, offensichtlich sehr ungläubig, „hoffen“ wollen.

Asteris Kutulas, 26.1.2015