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Meine Apassionata-Story, Teil 3 (Riesa-Tagebuch 2018)

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 20. Oktober
Produktion „Apassionata – Der magische Traum“ von Holger Ehlers

Mittags: Pferde lügen nicht

Die Welt der Pferde und der Reiter ist eine ganz eigene, mir bis heute fremd gebliebene Welt, obwohl ich seit zehn Jahren mit der Apassionata beruflich so sehr verbunden bin. Kerstin Brein zum Beispiel war in meiner Vorstellung immer unsere „Pferdeflüsterin“ – bis zum heutigen Tag jedenfalls. Als ich Kerstin beim Mittagessen fragte, wie sie das macht mit dem „Flüstern“, bekam ich die für mich erstaunliche Antwort: „Wieso … Ich sage nichts zu den Pferden. Ich flüstere ihnen auch nicht zu. Ich höre sie nur.“ Die „Pferdeflüsterin“, die also gar keine ist, sagte das mit so einer mich verblüffenden Selbstverständlichkeit, dass ich gleich noch mal nachfragen musste: „Und wie kommunizierst du mit ihnen?“ Jetzt schaute mich Kerstin sehr verständnisvoll an, als würde sie gleich beruhigend meine Hand in ihre Hände nehmen. Dann erklärte sie mir: „Wenn ich zum Beispiel ein Pferd auffordere, nach vorn zu gehen, höre ich es sofort antworten. Zum Beispiel: Also jetzt hab ich gar keine Lust dazu! Oder das Pferd sagt zu mir: Endlich geht es los! Oder: Kannst du mich das vielleicht in fünf Minuten nochmal fragen? … Ich höre das einfach.“
Ich konnte mir die Frage nicht verkneifen: „Du verstehst die Pferde, als wären sie Menschen?“ – „Weißt du“, erwiderte Kerstin, „Menschen sind meistens skrupellos, aber Pferde lügen nie.“
Ich zeigte auf eines ihrer Pferde: „Was sagt dir der da?“ – „Ach, der Schimmel steigt sehr gern während der Show. Er liebt das!“ – „Und der da?“, wollte ich wissen. „Das Pony? Na ja, das Pony ist gerade unzufrieden mit seiner Situation und sagt zu mir: Das ist nicht mein Ding! Also lass ich es in Ruhe und frage es morgen noch mal …“ – „Und was ist mit dem da?“ Kerstin lächelte: „Der Fuchs verbeugt sich super und möchte das immer wieder tun.“ – „Und sie?“ – „Die Stute mag ihre Kollegen gerade nicht und beschwert sich bei mir über sie.“ Eine Frage musste ich noch loswerden: „Gibt es zwischen dir und den Pferden Reibereien?“ Und Kerstin antwortete mir geradeheraus: „Asteris, weißt du, was bei den Pferden so toll ist? Sie lügen nicht, und sie sind auch überhaupt nicht nachtragend. Auch untereinander nicht.“

„Hans, das Pferd“ schaute kurz zur Tür herein, durch die man aus dem Hof in’s Catering kommt, schüttelte wie besessen seine Mähne und trabte dann davon, völlig uninteressiert an unserem Gespräch.

Nachmittags: Das „Games of Thrones“ der Apassionata

2009 war ich zum ersten Mal mit Apassionata in Riesa. Dieses Jahr bin ich zum zehnten Mal hier. Zehn Premieren habe ich bereits in Riesa erlebt. Eine Art Jubiläum. Heute gab es während einer nachmittäglichen Kaffeepause mit langjährigen Apa-Weggefährten eine Unterhaltung über diese letzten zehn Jahre. In der Runde auch Klaus, ein Freund, den ich schon seit 1999, also seit meiner frühen Gert-Hof-Zeit kenne. Klaus ist Produktionschef bei einem großen Veranstaltungsbüro.

„Erinnerst du dich noch … 2009 …?“, fragte mich eine Reiterin. „Was war das damals für eine Zäsur für die Apassionata! Genau wie heute.“ Ich sah die Situation noch vor mir und stimmte ihr zu: „Ja. 2009 … Das war – nach dem Gert-Hof-Desaster im Jahr davor und erstmals mit Holger Ehlers als Kreativ-Direktor – so etwas wie ein Neubeginn. Jetzt, 2018, ist die Apassionata-Show für mich noch mal eine „Wiedergeburt“, ein „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“. Denn eigentlich hatte ich Peter Massine schon ganz ohne Chance gegen seinen Bankiers-Freund Thomas Bone-Winkel und dessen mächtigen chinesischen Investor gesehen. Ich habe ja gewettet, dass Peter Massine dieses „Spiel“ verliert …“ Klaus warf ein: „Aber wie es aussieht, wirst stattdessen du die Wette verlieren. Obwohl … Noch ist nichts endgültig entschieden in diesem Game-of-Thrones-Kampf zwischen Massine und den Bone-Winkel-Chinesen. 15 Jahre war die Apassionata eine feste Größe des europäischen Family-Entertainments. Inzwischen sehe ich nur noch ein verwüstetes Schlachtfeld, auf dem weiterhin der Krieg tobt, mit unsicherem Ausgang.“ – „Das stimmt“, pflichtete ich ihm bei. „Der Krieg um die Apassionata ist noch voll im Gange. Ein denkwürdiger Vorgang, der den deutschen Family-Entertainment-Markt ziemlich durcheinandergewirbelt hat. Denn es gibt jetzt neben der Apassionata eine weitere Pferdeshow, die verkündet, die „neue Apassionata“ zu sein …“ Die Reiterin warf ein: „Ja, hier Holger Ehlers’ Apassionata-Original und zur selben Zeit der Apassionata-Abklatsch, wo versucht wird, die Original-Apassionata nachzuahmen …“ – „Weißt du“, unterbrach ich sie, „jede der beiden Seiten hat „ihre“ Geschichte zu erzählen. Aber machen wir uns nichts vor … Es ging und es geht bei diesem Apassionata-Krieg nur um’s Geld. Um nichts anderes.“

Klaus holte ein Schlüsselbund aus der Jackentasche. „Klar“, meinte er. „Es gibt auch keinen anderen Grund dafür, dass sich Thomas Bone-Winkel mit einer Apassionata beschäftigt oder Johannes Mock-O’Hara mit einer Apassionata beschäftigt. Nur den: Kohle machen. Und die beiden sind sehr erfolgreich darin … Prost!“ Klaus hielt mir die Kaffeetasse hin, um mit mir anzustoßen. Ich griff nach meiner Tasse, zögerte aber einen Moment. „Ich denke, moralische Implikationen sind hier fehl am Platz. Die beiden wollen Geld verdienen. Ist doch okay. Weißt du, was für mich von Belang ist …? Die Apassionata hatte und hat einen „abgefahrenen“, genialischen Künstler, nämlich Holger Ehlers, der die Show macht, ja, sie regelrecht „lebt“, und die Apassionata hatte einen „durchgeknallten“ (und irgendwie bemitleidenswerten) Visionär wie Peter Massine. Deren Gegenspieler Bone-Winkel und Mock-O’Hara, die jetzt eine neue konkurrierende Pferde-Show produzieren, haben stattdessen nur Euro-Zeichen in den Augen und interessieren sich nicht für „Kunst“ oder „Künstler“, und ich glaube, nicht mal für das Publikum oder für die Reiterdynastien, die – manche von ihnen seit Jahrhunderten – Showpferde ausbilden und von dieser Kunst leben …“
Klaus schaute mich aus dem Augenwinkel an: „Und darum sind Massine und Ehlers quasi bankrott, an Schönheit gestorben, und Mock-O’Hara und Bone-Winkel sind reich geworden. Also geschäftlich gesehen …“ – „Ja, eine völlig schräge Geschichte.“

Kaum hatte ich gesagt: „eine schräge Geschichte“, wurde mir klar, dass ich für mich einen Filmstoff entdeckt hatte. „Das ist es!“ Ich schaute meine Kollegen rings am Kaffeetisch einen nach dem anderen an, um gleich darauf auszuholen: „Diese Story würde ich für ein Film-Drehbuch so auf den Punkt bringen: Der Apassionata-Krieg. Titel: Menschen sind skrupellos & Pferde lügen nicht. Oder sowas in der Art.“
Ich begann, ein imaginäres Drehbuch zusammenzuspinnen: „Story: Geschasster Bankier will eine Menge Geld verdienen und sucht eine neue Kuh, die er melken kann. Er findet einen alten Freund wie z.B. Peter Massine als neuen Arbeitgeber und nimmt ihn aus. Dann verwickelt geschasster Bankier seinen nächsten Arbeitgeber, z.B. eine chinesische Firma, und Peter Massine in einen Krieg um die Apassionata. Geschasster Bankier zieht dabei die Fäden. Devise: Möge dieser Krieg lange dauern! Denn solange dieser Krieg dauert, der beide Seiten Millionen kostet, verdienen einst geschasster Bankier und seine Anwälte Geld. Die ganze Zeit. Immer mehr … Dazu noch ein bisschen Sex und Crime. Fertig ist der Plot für einen RTL-Wirtschaftskrimi!“ Klaus war sichtlich nervös und platzte heraus: „Aber, sag mal Asteris, Drehbuchschreiber, das klingt ja so, als würden alle Arbeitgeber des geschassten Bankers verlieren und geschasster Banker als Einziger gewinnen.“ – „Na ja“, meinte die Reiterin, „die Bank gewinnt doch immer.“ Ich: „Nur bei Haus des Geldes nicht!“ Sofort sang Alex, ein Reiter aus dem Allgäu, der italienische Wurzeln hat, lauthals los: „E questo è il fiore del partigiano / morto per la libertà! / o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!“ Erstaunlich, dass durch die spanische Serie „Haus des Geldes“ ein altes italienisches Partisanenlied zum Welthit 2018 werden konnte.

Ich entwickelte meine Film-Idee surrealistisch weiter: „Reiterinnen und Reiter in Aufruhr, Mobbing, Pferde gehen durch, Unfälle, vielleicht auch ein Mord, Hacking, Show 1 gegen Show 2, diese Stadt, jene Stadt, das Publikum, ein Kind geht verloren, Esel vergiftet, Technik fällt aus, jemand hat versucht, die Kabel durchzuschneiden, Treppensturz eines Hallenwarts, Caterer verschwindet, an Halloween Chaos in der Kostümschneiderei, Beziehungskrise, Plakate werden zu Hunderten falschrum geklebt oder überklebt, diese Halle, jene Halle, diese Villa, jene Villa, ein Garten, Feuer in der Garderobe, Ticket-Klau, Anschlag auf das Heizkraftwerk, Börse, Aktien, Flughafen in Peking, Flughafen in Deutschland, die Chinesische Mauer, Justiz, Tänzer festgeklebt, Pferde gestohlen oder todkrank, Truck umgekippt, das Pony, der Fuchs, der Schimmel, die Friesen, Koch in Nöten, Heißwasserboiler explodiert, Screen fällt aus, Musik fällt aus, Gras und andere Drogen, Mephisto zu Besuch, Holger Ehlers mit Akkordeon, in der anderen Show einer mit Akkordeon …“ Ich war selbst amüsiert ob meiner Assoziationen: „Der Stoff taugt definitiv für eine Fernsehserie!“

„Mal im Ernst …“, Klaus unterbrach meinen Redeschwall: „Innerhalb von nur zwei Jahren verliert Massine seine Firma „Apassionata World GmbH“ und das Apa-Park-Projekt in München an die Chinesen, seine Marke „Apassionata“ wird von Thomas Bone-Winkel durch etliche Gerichtsprozesse in Frage gestellt, und Massine selbst ist „bankrott“ und hoch verschuldet, nachdem er alles verkaufen musste, was er besaß, um zum Beispiel die immensen Anwaltskosten begleichen zu können.“ Damit hatte mich Klaus aus meiner Film-Vision gerissen und zurück in die Realität geholt. Er fuhr fort: „Ist doch Wahnsinn! Alles aus dem Ruder gelaufen … Alles.“ Klaus fasste sich an den Kopf. „Massine hat fast alles verloren, die chinesische Seite steht aber irgendwie auch mit leeren Händen da, weil nichts mehr richtig läuft. Deren Tour-Show ist kalte Soße, die – soweit ich weiß – keiner sehen will … Und das Park-Projekt … nach meinen Informationen: der absolute Flop. Thomas Bone-Winkel aber … der strahlende Gewinner! Und die Haupt-Verantwortung für diesen ganzen Schlamassel liegt bei Peter Massine selbst. Denn der hat das alles zugelassen und ab irgendeinem Punkt nicht mehr in den Griff gekriegt.“ Die Reiterin hob ihr Wasserglas: „Na prima, Leute! Hunderttausende Menschen verlieren ihre geliebten Pferde-Shows vielleicht ganz und gar. Und das nur, damit Herr Bone-Winkel seine Millionen einsacken und allen eine lange Nase drehen kann.“ Klaus bestätigte: „So wird das jedenfalls schon einige Zeit in diversen Veranstalter- und Insider-Kreisen gesehen und kolportiert. Aber, wie gesagt … Die „Show“ geht weiter, und in der Sache, denke ich, ist noch nichts endgültig entschieden.“ Eine Selters kippte um, das Wasser ergoss sich zischend. Woppi bellte. Eine Tänzerin und ein Reiter überprüften weiter hinten den Sitz ihrer Kostüme mit skeptischer Miene. Dann machten sie zufriedene Gesichter. Orangen, Papaya, Lotosfrüchte wurden gebracht und der Serviettenspender aufgefüllt.

„Wahrscheinlich nicht“, meinte ich. „Ob man irgendwann in fünf Jahren von einer never ending story sprechen wird … Keine Ahnung. Allerdings hat mich von Anfang an mit am meisten interessiert, wie sich die großen deutschen Veranstalter bei diesem Machtkampf positionieren würden. Vor allem, ob die beiden Hauptakteure des deutschen Marktes, CTS Eventim und Live Nation, es zulassen, dass sich ein chinesischer Großkonzern auf ihrem Markt etabliert. Durch die feindliche Übernahme der Apassionata. Unter der Führung eines deutschen Bankers und eines Ex-Stage-Geschäftsführers. Ich war sehr gespannt, ob CTS Eventim und Live Nation dieses strategische Risiko eingehen würden. Was ja bedeutet hätte, einen zukünftigen chinesischen Mit-Wettbewerber, ein Milliardenunternehmen aus der Investment- und Bau-Branche, ständig auf den Fersen zu haben. Offensichtlich wollten CTS und Live Nation das nicht. Live Nation, immerhin der weltweit größte Veranstalter, hat sich entschieden, Massines Apassionata zu vermarkten, und CTS Eventim, immerhin der größte Ticketer Europas, macht dafür den Kartenverkauf.“ Klaus wiegte seinen Kopf hin und her: „Na, mal sehen, wer diesen Krieg gewinnt. Sie oder der chinesische Konzern …“ – „Mein Gott, ist das spannend! Massine ist quasi raus aus dieser Sache – er spielt keine Rolle mehr. Und jetzt geht der Kampf so: Live Nation mit Unterstützung von CTS gegen den chinesischen Investor mit den Feldherren Thomas Bone-Winkel und Johannes Mock-O’Hara. Wir werden wohl noch einiges erleben. Also für den Film stell ich mir das so vor: Da …“
Ich wollte ausholen, denn der Drehbuchschreiber in mir hatte Blut geleckt, und ich wollte meine Filmidee weiter ausbauen. Aber wir mussten das Gespräch über diese abenteuerliche Causa beenden … Die Probe ging weiter, alle brachen auf zur Arena, und auch „Hans, das Pferd“ kam angetrabt. Woppi bellte und wedelte mit dem Schwanz.

Abends: Die Dramaturgie der Melancholie

Die Probe ist vorbei, tiefe Stille im Hotelzimmer, langsam komme ich zu mir. Probenzeit ist Adrenalin-Zeit. Alles in der Show muss ineinandergreifen, alles muss sich „vollenden“. Außerdem ist es die Zeit, in der die Nerven blank liegen, die Zeit der Gefühlsaufwallungen und Krisen. 100 Menschen stehen unter Druck, viele haben Stress, manche kommen klar mit der Situation, andere nicht. Es ist wichtig zu vermitteln, zu beruhigen, Mut zu machen und zuversichtlich zu sein. „Alles wird gut.“

Für mich persönlich sind die Probentage in Riesa eine schöpferisch sehr konstruktive Zeit. Seit fünf Jahren produziere ich – neben der Probenarbeit und wenn ich Zeit habe – meine „Video-Blinks“. Das ist ein Konzeptkunst-Projekt, eine Art Video-Tagebuch – mein subjektiver Blick auf Details der Show, die für mich besonders emotional, besonders spannend, besonders künstlerisch und besonders „schön“ sind. Ich „erschaffe“ mir meine Ideal-Show in kleinen kaleidoskopartigen „Schnipseln“, die später zu einer Collage in einer Ausstellung zusammengefügt werden sollen. Für mich ist jeder Video-Blink wie der Vers eines Gedichts – ein Gedicht voller Melancholie … und darum voller Freude, Stärke, Sehnsucht und Dynamik.

Die „Video-Blinks“ wie auch die „Satellite Clips“ zu meinem Film „Dance Fight Love Die“ (2018) gehören für mich zu meinem „Manifest der Emotion“ gegen das Kalte und Abstrakte der meisten Bühnen-Produktionen in Deutschland. Hier, bei den Apassionata-Proben schaue ich in die Gesichter der Tänzerinnen und Tänzer, der Reiterinnen und Reiter. Ich habe atmende Menschen vor der Kamera, die nicht nur „funktionieren“, sondern deren Individualität ich durch das Objektiv umso deutlicher sehe. Der tagelange Prozess, bei dem diese Menschen nicht von der ersten Stunde an ihre Show-Kostüme tragen, sondern deren Körper anfangs ganz anders eins sind mit den Körpern der Pferde und mit dem „Körper“ der Show, mit der Musik. Die Luft, die aufgeladen ist, das Licht, das alles mit seiner Kraft verwandelt, der Augenblick der Transformation, wenn die Requisiten und Kostüme alles zu einer Geschichte machen – diese tagelange Entwicklung von morgens bis nachts nicht nur zu begleiten und mitzugestalten, sondern sie ab und zu mit der Kamera einzufangen, bedeutet auch für mich selbst Verwandlung.

Die Video-Blinks offenbaren, wie ich als Dramaturg die Apassionata-Show seit fünf Jahren sehe, also seit wir sie – meiner Meinung nach – zu einem eigenständigen „Genre“ gemacht haben.
Meine Aufgabe als Dramaturg bestand darin, als Sparring-Partner den Künstler Holger Ehlers jedes Jahr auf’s Neue auf dem Weg zur jeweils neuen Show zu begleiten und den intensiven, monatelangen, schöpferischen Prozess zu unterstützen. Ich brachte mich in die kreativen Auseinandersetzungen ein, die nötig wurden, um den Video-Content „filmischer“ und interaktiver zu machen. Es war mir wichtig, Holger in seiner Überzeugung zu unterstützen, nach der die Reiter als „Darsteller“ gesehen werden mussten. Mit den Jahren wurde die Arbeit an deren Körperhaltung und an ihrem Gesichtsausdruck immer intensiver, das Licht wurde emotionaler und „bühnen-gemäßer“ eingesetzt, dem Tanz, also der Choreographie wurde eine immer wichtigere Rolle zugewiesen und der von Holger entwickelten Storyline eine immer größere Tiefe gegeben, das ging sogar bis zum Einsatz recht anspruchsvoller literarischer Texte, die spezifisch für unsere Show und unser Publikum entwickelt und geschrieben wurden und die Holgers Ästhetik folgten:

… Ich träum, wie die Welt das Leben erträumt
Ich weiß von der Liebe, denn ich weiß von den Bäumen
Lass mich mit dir vom Erblühen träumen
Es ist keinen Tag für das Leben zu spät
Ich weiß von den Bäumen: Jeder Winter geht
gibt die Erde ihr Schwarz den Lichtstrahlen preis
Ich sag dir, was ich vom Leben weiß
Liebe – ein Wort, und es bricht dunkles Eis.

Was den TANZ anbelangt, sind wir so weit gegangen, dass wir ab 2017 mit Katherina Markowskaja und Maxim Chashchegorov zwei Solisten von Weltrang engagierten, die vom Bayerischen Staatsballett kamen, und erstmalig setzten wir einen „Tanzboden“ ein, um diesen Höhepunkt der Tanzkunst in unserer Show zeigen zu können. Plötzlich war es möglich, dass in einer Arena auf Spitzen getanzt und sogar klassisches Ballett aufgeführt werden konnte. Eine kleine Sensation.

Die strategische Frage, die Peter Massine mir 2009 gestellt hatte, und die ich damals als Berater beantworten musste, lautete: Jedes Jahr zeigen dieselben Pferde dieselben Dressuren, mit minimalen Variationen in der Darbietung. Wie können wir erreichen, dass die Menschen mehrmals zur Show kommen, ohne sich irgendwann fürchterlich zu langweilen? Und wie kann so eine Show auch für diejenigen zum Erlebnis werden, die keine Pferde- oder Tierliebhaber sind?

Ich entwickelte die Strategie für eine Apassionata 2.0 – also eine Show, die 1) für ein großes (nicht nur Pferde-affines) Publikum bestimmt war, die 2) zugleich immer auf der Höhe der Zeit sein sollte und die 3) so unikal sein musste, dass kein Konkurrent sie kopieren konnte. Nur dadurch konnte das Überleben der Apassionata langfristig gesichert werden. Der Kern dieser Strategie bestand darin, einen Künstler zu finden, der sie umsetzen und damit der Show seinen Stempel aufdrücken konnte, wie es Guy Laliberté mit dem Cirque du Soleil getan hatte.
Wie ich bereits in meinem vorherigen Tagebucheintrag schrieb, war dieser Künstler für mich der Komponist Holger Ehlers, ein „Prol“ unter den Show-Machern, ein „Underdog der Szene“, ein authentischer, spontan-emotionaler Künstler, ein Naturtalent, der ein sehr feines Gespür für das Publikum hat.

Die Entscheidung für dieses Konzept mit Holger als Kreativ-Direktor, das ich Peter damals vorschlug und das er letztendlich mittrug, hatte zur Folge, dass Holger mit meiner Unterstützung die gesamte Show seit 2009 auf Wirkung und auf Emotion hin ausrichtete. Dadurch wurde die Show im Laufe der letzten 10 Jahre im Hinblick auf die Publikumsresonanz immer erfolgreicher, und auch die Presse bewertete die Apassionata immer positiver. „Im Bann des Spiegels“, „Cinema of Dreams“ und „Der magische Traum“ waren die Höhepunkte. Holger hat sowohl die Vision dieses neuen Genre entwickelt als auch – vor allem durch seine Kompositionen – das ganz spezifische „Apassionata-Feeling“ kreiert, das neben der Musik durch Holgers Bildwelt, seine Kostümvorgaben, sein Regiekonzept und seine Philosophie – die Pferde als „emotionale Props“ einzusetzen – definiert wird.

Wie ich bereits schrieb, bin ich davon überzeugt, dass wir 2013 ein neues Genre kreiert haben, indem wir ein Gleichgewicht zwischen Mainstream und künstlerischem Anspruch herstellten, um unser Publikum zu erreichen, zu begeistern und die Besucherzahlen zu erhöhen. Uns ist das gelungen, weil wir schrittweise folgende Elemente der Show ausgebaut bzw. neu in die Show eingebracht haben:

1) eine sehr ausgefeilte, auf die Pferde und das Apassionata-Publikum abgestimmte Musik-Komposition von Holger Ehlers und seinem Team
2) eine dramaturgische Linie, die immer perfekter wurde und durch Straffung und Abwechslungsreichtum dazu angetan war, den Spannungsbogen zu halten und weiter zu erhöhen
3) Mix-Bilder unterschiedlicher Pferde-Rassen wurden generiert, die es bis dahin in noch keiner anderen Pferdeshow gegeben hatte
4) eigenständige, Show-affine Pferde-„Bilder“ wurden von uns entwickelt, die zuvor in keiner anderen Show zu sehen gewesen waren
5) ein immer „filmischerer“ Video-Content wurde kreiert, der immer „interaktiver“ und publikumswirksamer eingesetzt werden konnte
6) durch das Konzept für eine neue Licht-Ästhetik und einfache Innovationen im Bereich der Bühnenkonstruktion konnte die Arena-Bühne intimer und „theatralischer“ gestaltet werden
7) es erfolgte eine absolute Aufwertung der Tanzeinlagen und der Choreographie, die nicht Lückenfüller blieben, sondern die zu eigenständigen Show-Elementen wurden und seitdem sowohl als Solo-Nummern als auch in Korrespondenz mit den Pferde-Choreografien funktionieren etc. etc.

All diese Elemente, die heute Selbstverständlichkeit sind, mussten ab 2009 schrittweise und gegen große Widerstände des „Apassionata-Establishments“ durchgesetzt werden. Das hing u.a. damit zusammen, dass sowohl die Equipe-Chefs als auch die Apassionata-„Bürokratie“ (die noch unter dem Schock der Gert-Hof-Produktion von 2008 standen) keine Veränderungen wollten. Es gab 2009 noch etliche Dogmen: Wir hatten u.a. zu kämpfen mit erheblichen Restriktionen im Hinblick auf die Reiter-Kostüme. Es durfte während der Pferde-Auftritte kein bewegtes Licht in der Arena und überhaupt kein Licht auf dem Arena-Boden eingesetzt werden. Es gab keine Verschmelzung von Tanz- und Pferde-Nummern. Und wie lang eine jede Dressur-Nummer war, das lag im Ermessen des jeweiligen Reiters etc. etc. etc.

Die Equipen wurden hofiert und gehätschelt und eben nicht wie normale „Darsteller“ behandelt, die den Regeln und Anforderungen des Kunstbetriebs zu folgen hatten. Bis 2009 standen nicht die SHOW und auch nicht die PFERDE im Mittelpunkt, sondern die jeweiligen Equipe-Chefs mit ihren Traditionen und Befindlichkeiten. Zudem „gehörte“ die damalige Apassionata-Revue – durch die Aussparung bzw. Nivellierung des künstlerischen Elements – ALLEN, die „irgendwie“ mitmachten. Alle, vom Pförtner bis zum Buchhalter, durften ihre Meinung sagen und sich „einbringen“. Der Herrschaft des Mittel- und des Zehntel-Maßes war Tür und Tor geöffnet. Bekanntlich ist Kunst aber eine „diktatorische“ Angelegenheit. Oder um es anders auszudrücken: Kunst muss immer den Fingerabdruck eines Künstlers haben.

Gert Hofs Inszenierung von 2008 hatte das absolut, deshalb machten wir, was die künstlerische Seite anbelangte, enorm wichtige Erfahrungen. Aber Gerts Show scheiterte unter anderem an einem – damals scheinbar peripheren und deshalb von etlichen unterschätzten – Detail, das Holger Ehlers zwei Jahre später grundsätzlich veränderte: Das Primat der Musik mit einer vom Autor und Komponisten der Show festgelegten Länge war 2008 noch nicht gegeben, so dass Gert seine Inszenierung dramaturgisch nicht wirklich hatte „planen“ und umsetzen können. Die Inszenierung war zu jener Zeit letztendlich noch immer der Willkür der variierenden Pferdenummern-Länge unterworfen.

2010 setzte Holger erstmals durch, dass die Show sekundengenau auf die vorgegebene Musik programmiert wurde, von Anfang bis Ende – und alle Equipen hatten sich daran zu halten. Das war die Revolution, unsere „kopernikanische Wende“, wie ich es nannte. Von da an konnte man die Show kontrollieren und dramaturgisch-künstlerisch ausgestalten, und erst ab da war es möglich, in „Bildern“ zu denken und wie auf einer Theater- oder Opernbühne zu inszenieren! Natürlich gibt es Riesenunterschiede zwischen einer Theaterbühne und einer Arena-Situation, wie man sie bei Apassionata hat. Trotzdem war es erforderlich, Bühnenästhetik-Erfahrungen zu nutzen, um ein neues Konzept für eine Apassionata zu entwickeln, von der sich nicht alsbald das Publikum verabschieden sollte, weil es schon x-mal das Gleiche gesehen hatte. Denn Apassionata war bis dahin eine einfache Pferde-Nummern-Show. Und Pferde-Nummern-Shows – das konnte nicht nur Apassionata.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich stehen die „Pferde“ weiterhin im Mittelpunkt der Apassionata. Allerdings überwiegt der „künstlerische Aspekt“ inzwischen sowohl akustisch als auch optisch und vor allem in der Gesamtwahrnehmung. Seit 2009 nutzt Holger das emotionale Element der „Melancholie“ in seinen Inszenierungen und befreit dadurch die Pferde davon, „nur als Vorzeigeobjekte benutzt“ zu werden. Er bettet die Pferde-Dressuren ein in einen sie kontrapunktisch umhüllenden musikalischen Kontext, wobei die spezifische Ausgestaltung von Melodik, Harmonik und Rhythmus entscheidend ist.

Die Apassionata-Shows „Im Bann des Spiegels“, „Cinema of Dreams“ und „Der magische Traum“ sind – als Höhepunkte der oben beschriebenen Entwicklung – jede für sich einzigartig, jede ein künstlerischer Fingerabdruck des Autors, Komponisten und Regisseurs Holger Ehlers.

Nachts: Vision „Freiheit“

Es ist inzwischen spät in der Nacht. Ich erinnere mich an mein mittägliches Gespräch mit unserer „Pferdeflüsterin“ Kerstin Brein. Ihre letzte Frage an mich lautete: „Asteris, welche ist denn deine Vision von einer idealen Apassionata-Show?“ Worauf ich wie aus der Pistole geschossen antwortete: „Eine Show wie im „Theater“. Bestehend nur aus „Freiheits-Nummern“. Also eine Show nur mit „Pferdeflüsterern“ und ihren Pferden. Auch mit Trickreiten, Comedy-Nummern und sogar mit klassischen Dressuren – alles ohne Zaumzeug. Und vor allem nicht nur mit Pferden, die nicht lügen, sondern auch mit Menschen, die frei und nicht skrupellos sind.“ Kerstin wurde still und nachdenklich, und ich merkte ihr an, dass sie meinen Gedanken gut fand. Wir gingen lächelnd unserer Wege – sie zu ihren Pferden, ich zu meinem Laptop. Die Apassionata wie ein großes Gedicht. „Schreibe ich deinen Namen … „. Paul Éluard kam mir plötzlich in den Sinn. „Freiheit … “

© Asteris Kutulas
Riesa, 18.-20.10.2018

Meine Apassionata-Story, Teil 2 (Riesa-Tagebuch 2018)

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 15. Oktober (im Morgengrauen)
Produktion „Apassionata – Der magische Traum“ von Holger Ehlers

Leo ist jung, cool, und er spricht sechs Sprachen. Im Gegensatz zu mir versteht er auch die Pferde. Leo ist der Stage-Manager und sowas wie der vibrierende Mittelpunkt unserer Mannschaft. Er macht das so locker, als würde er Samba tanzen, was damit zu tun haben könnte, dass seine Mutter Brasilianerin ist. Leo schaut immer ernst drein; immerhin hat er in bestimmten Augenblicken auch die größte Verantwortung für die gesamte Produktion der Show. Wenn er „Go!“ sagt, dann bewegt sich die Show-Maschinerie: Das Licht geht an, die Tänzer pirouieren herein, die Pferde im Trab, die Tore öffnen und schließen sich, und natürlich beginnt die Musik „bei Null“. Das alles durch Leos „Go!“ Wir hängen an seinen Lippen. Und Leo hängt an den Lippen von Holger Ehlers, unserem Kreativdirektor, der ganz lässig in seinem Drehstuhl sitzt und (meistens) wohlwollend nach links und rechts schaut. Ein Nicken zu Leo, der haucht in’s Mikro: „Go!“ Sofort Magie.

Holger hat alles im Kopf … und dazu das, was man einfach „Bauchgefühl“ nennt. Jedenfalls möchte ich nicht in Holgers Haut stecken. Immerzu diese Verantwortung. Damit am Schluss ALLES stimmt, damit alles zusammenkommt, alles ein harmonisches Ganzes ergibt, dass es ein Gesamtkunstwerk wird, dass Hunderttausende Zuschauer live und Millionen durch TV- und Internet-Beiträge berührt werden und dass nicht wenige Menschen sogar begeistert sind. Das immer wieder erreichen zu müssen und zu wollen (!), ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Es ist allerdings auch eine Bürde. Eine Last, die man schultern und in’s Ziel bringen muss. Es bedeutet immer ein hohes Risiko. Jeder Künstler hat keine andere Wahl, als dieses Risiko einzugehen, diese Aufgabe anzunehmen und den Weg vom Beginn eines Projekts bis zum Schluss durchzustehen. Einige bekommen Angst und haben früher oder später Depressionen, bei anderen steigt der Adrenalinspiegel und sie hyperventilieren, andere nehmen es gelassen und nichts scheint sie aus der Ruhe bringen zu können. Holger sei ein „Baum-Mensch“, hatte es letztes Jahr geheißen. Ich denke, weil er geerdet ist und Saison für Saison einen neuen Jahresring, also eine neue, zusätzliche Haut bekommt, werden seine Shows von Jahr zu Jahr reifer, künstlerischer und zugleich publikumsaffiner. Und Holger selbst erlebe ich immer ruhiger. Die Show „fühlt sich immer besser an“.

Was für eine Entwicklung! 2009 begann ich, als freier Berater für die Apassionata zu arbeiten. Wie ich in meinem ersten Blog-Beitrag schon schrieb, war Peter Massine, als Produzent der Show, bereits 2006 der Meinung, dass „Apassionata“ als traditionelle Pferde-Nummerngala ein Auslaufmodell und nicht mehr zukunftsfähig sei. Auch ich sah das so. Aus diesem Grund engagierte Peter für die „Sehnsucht“-Show 2008 Gert Hof. Allerdings war Gert Hofs Inszenierung für das traditionelle Apassionata-Publikum zu diesem Zeitpunkt zu „revolutionär“. Gert, der die Kinder für die besten Kritiker seiner Lichtinszenierungen hielt, hatte ein grandioses Märchen herbeigezaubert und nicht damit gerechnet, dass die Kinder bei diesem Kampf auf Leben und Tod, der um den gestohlenen Mond geführt wurde, tatsächlich Angst bekamen. Sie rannten aus der Show und mit ihnen die Eltern.
Peter hatte eine schwierige Erfahrung gemacht, die er aber nie bereute. Holger hatte sich das Ganze sehr aufmerksam angeschaut und erlebte diese Lektion aus der „Schule Gert Hof“ wohl als eine höchst interessante Lehrstunde. So oder so, die „Sehnsucht“-Show von Gert bedeutete den großen Umbruch bei der Apassionata. Von da an gab es hier nie wieder ein „Nummernprogramm“.

In meiner Berater-Funktion führte ich im Auftrag von Peter 2009 eine Analyse der Apassionata und ihrer Entstehungsgeschichte durch. Ich bezog in diese Betrachtung auch Entwicklungen anderer Entertainment-Bereiche mit ein und kam zu dem Schluss, dass der „künstlerische“ Weg, den Peter mit Gert eingeschlagen hatte, grundsätzlich der richtige war, dass dieser Weg aber „evolutionärer“ und mit einem Grundverständnis für das Apassionata-Publikum gegangen werden musste. Auf jeden Fall weg von einer Reitkunst-Veranstaltung, hin zu einer vollkommen neuen „wahren“ Apassionata-Showproduktion.

Bei meinem Rückblick auf die Apassionata-Entwicklung stellte ich damals auch fest, dass sich diverse Regisseure aus unterschiedlichen Bereichen (TV, Ballett, Theater, Event) an der Apassionata versucht hatten, die aber genauso wie Gert – wenn auch aus völlig anderen Gründen – schließlich passen mussten, weil ihre Show „irgendwie nicht funktionierte“. Holger war dann immer derjenige, der diese Inszenierungen „ausbesserte“ (was ich 2008, 2009 und 2010 miterlebte), zumal er als Komponist mit seiner Musik die Grundstruktur einer jeden Show regelrecht vorgab, also dafür prädestiniert war. Nach dem Scheitern der Inszenierung des Choreographen M.K. im Jahre 2009 und nachdem 2010 nacheinander drei (!) Regisseure mit ihrem jeweiligen Inszenierungsansatz scheiterten, schlug ich Peter vor, fortan auf externe Regisseure zu verzichten und konsequent auf Holger als Kreativdirektor zu setzen, der bereits 2009 nicht nur der Komponist der Apassionata war, sondern sich zum ersten Mal auch als Autor und Regisseur bewiesen hatte. Da ich zur selben Zeit Executive Producer der Apassionata wurde, also auch die organisatorische und finanzielle Verantwortung für die Show-Produktion übernahm, willigte Peter ein und unterstütze von da an diese Transformation – auch gegen alle, vor allem internen, Widerstände. Zugleich bedeutete diese Entscheidung, dass Peter die Grundlage für eine äußerst erfolgreiche Zukunft der Apassionata legte, wie sich in den folgenden Jahren herausstellen sollte.

Um die Show zu professionalisieren und von Dilettantismus zu befreien, sorgte ich als Executive Producer dafür, dass Holger nach und nach (bis 2014) den Einsatz aller Gewerke im Grundsatz bestimmte, damit ein Gesamtkunstwerk aus einer Hand entstehen konnte. So wurde aus dem Komponisten Holger Ehlers mit den Jahren auch der versierte Autor und der noch versiertere Regisseur, der also nicht nur die Musik, die Story und die Inszenierung kreierte, sondern auch Anmutung, Farbigkeit und Charakter der Kostüme als auch die Props, den Videocontent und die Gesamt-Choreographie festlegte.

Um die Gesamtkunstwerk-Strategie für die Apassionata umzusetzen, beschlossen Holger und ich 2011 einen „Fünfjahresplan“, der später verlängert wurde, um nach und nach aus der Nummern-Revue eine Show von Weltformat zu produzieren – für ein breites Publikum, das nicht nur aus Pferde-Liebhabern bestehen würde. Folgende inhaltliche Schwerpunkte legten wir fest, um sie auf eine neue qualitative Stufe zu heben, und diese Vorhaben realisierten wir dann tatsächlich genau so:

2011 Primat der Musik & der Dramaturgie
2012 Show-Buch
2013 Neue Licht-Ästhetik
2014 Professioneller (filmischer) Videocontent
2015 Dramaturgische „Pferdechoreographie“ (Mix-Bilder)
2015 Kostüme & Props
2016 Weiterentwicklung des Storytellings (Gewichtung auf Off-Texte)
2017 Tanzchoreographie & Einführung eines Tanzbodens
2017 Zweite Ebene des Bühnenraums (Decken-Bespielung)
2018 Einbeziehung des gesamten Bodens in die Bühnenästhetik

Die Jahreszahlen markieren die qualitativen Wendepunkte, die letztendlich in der Summe zur heutigen – künstlerisch einzigartigen – Apassionata-Show geführt haben. Das Resultat war nicht nur eine spezifische „Holger-Ehlers-Show“ und seit etwa 2013 ein neues, eigenständiges Genre, sondern eben dieses von uns angestrebte Gesamtkunstwerk, in dem alles aufeinander abgestimmt und in dessen Ablauf keine Sekunde zufällig ist. So wurde aus der „abstrakten“ Apassionata-Show – über die Jahre – ein emotionales, „familiäres“ und sehr artifizielles Holger-Ehlers-Opus, ein Konglomerat aus Opern-, Theater- und Pop-Ästhetik, wobei die Pferde immer mehr „eingebettet“ wurden in eine optisch-akustische Kunst-Landschaft, häufig voller Melancholie. Alles wurde zu Kunst und damit EMOTIONAL. Das Publikum liebte es … mehr und mehr.

Und das kam auch der ehemals „kalten“ Marke APASSIONATA zugute, die einen immer „wärmeren“ Nimbus erhielt durch diesen neuen, künstlerischen Charakter der Show.

Hier in Riesa, wo immer alles beginnt (und nichts endet), ging mir das heute nochmal durch den Kopf. Anlass dafür war ein Gespräch mit meinem Freund Heinz aus Dresden, der mich auf einen Kaffee besuchen kam. Wir waren zusammen vor vielen Jahren Gymnasiasten an der berühmten Kreuzschule gewesen. Er im Kreuzchor, ich nicht. Wir nahmen unsere Kaffee-Monk-Pappbecher in die Hand und gingen vor der Halle auf und ab. Reiter, Pferde, ein paar Raucher, Hufeklappern, Wolken, Kühle.
„Was ist los mit eurer Apassionata?“, fragte Heinz. „Ich hab so viel darüber gelesen, im Spiegel und so …“
„Heinz, aus meiner Sicht, die sich aus der Lektüre diverser Presseveröffentlichungen und Interviews ergibt, ist es ganz einfach: Zwei langjährige Freunde und Partner von Peter Massine haben – mit Hilfe einer chinesischen Immobilienfirma – versucht, Massines Apassionata-Unternehmen „feindlich“ zu übernehmen. Ich verurteile das nicht moralisch; wir haben nun mal eine kapitalistische freie Marktwirtschaft, und sowas ist an der Tagesordnung, wenn man nicht aufpasst. Peter hat nicht aufgepasst. Aber auch Thomas Bone-Winkel und Johannes Mock-O’Hara – die in der Entertainment-Industrie inzwischen „die Chinesen“ genannt werden, weil sie sich mit dem Hongkun-Konzern zusammengetan haben –, haben offenbar nicht aufgepasst und Peter unterschätzt. Sie dachten womöglich – in chinesischem Geld schwimmend –, Massine, den Inhaber dieses Familienunternehmens, finanziell sehr schnell in die Knie zwingen und ihm nicht nur das Unternehmen, die Apassionata World GmbH, sondern auch die MARKE „Apassionata“ wegnehmen zu können. Eigentlich ging’s ihnen um diese MARKE, glaube ich.“
Wir waren stehengeblieben. Heinz schaute mich an und fragte etwas verdutzt: „Und was ist mit der Show?“
„Ja, was ist mit der Show … Das ist des Pudels Kern. Das ist DIE Frage, die eigentlich gestellt werden musste: VERKAUFT DIE „MARKE“ AN SICH MITTELFRISTIG, EGAL, WIE DIE SHOW AUSSIEHT UND EGAL, WER DIE SHOW MACHT? Diese Frage haben sich „die Chinesen“ offensichtlich überhaupt nicht gestellt. Vielleicht aus Ahnungslosigkeit, vielleicht aus Arroganz … Ich weiß es nicht.“
„Vielleicht ist das auch nur das „chinesische Denken“: dass man alles kopieren kann“, meinte Heinz. Neben uns war es unruhig geworden. Wir entfernten uns ein Stück von der Halle.
Ich sagte: „Vielleicht … Jedenfalls war genau das ihr Fehler: Sie haben zwar die Firma übernehmen können, aber nicht die Marke – darum wird noch gekämpft – und auch nicht den Künstler Holger Ehlers. An den Content, also an die Show an sich, haben sie nämlich gar nicht gedacht. Sie haben sich die Hülle gekrallt, aber nicht den Inhalt. Man stellt sich das möglicherweise ganz einfach vor: Man übernimmt die erfolgreiche Holger-Ehlers-Mechanik, beauftragt einen anderen Künstler, dieses Modell „deckungsgleich“ mit neuem Inhalt zu füllen, und automatisch produziert man so eine erfolgreiche Show.“ Aber so funktioniert nun mal das Ganze nicht.
Heinz stellte sich vor mir auf. Er erinnerte mich jetzt sehr an den Kreuzschüler von vor 41 Jahren. „Na gut …“, meinte er und machte ein schlaues Gesicht, „aber … Also wenn diese „Chinesen“ die Marke nicht kriegen, allerdings das Unternehmen mit dem ganzen Know-How übernommen haben … Warum machen die denn dann nicht ihre eigene Show unter einer eigenen Marke? Warum klammern die sich so sehr an das Apassionata-Modell von Holger Ehlers?“ Der frühere Kreuzchor-Sänger sah mich gespannt an.
„Die eigene Show – das ist eben nicht so einfach, wir bewegen uns ja im Bereich der Kunst. Wie sagte Friedrich Schiller: Entweder man hat’s oder man hat’s nicht. Die „Chinesen“ brauchen ja nicht nur die Mechanik, sondern sie brauchen auch einen Künstler, der für so eine Show „geboren“ wurde, der die „Mechanik“ mit Emotion füllt, der einfach SEIN eigenes Ding macht. Sonst kommt wahrscheinlich nur kalte, langweilige, formalistische Bombast-Soße raus. Das kennt man ja. „Die Chinesen“ sind quasi am Punkt Null. Wie Peter 2007 mit der Apassionata, als er deswegen Gert Hof reinholte und es anschließend mit fünf verschiedenen Regisseuren innerhalb von zwei Jahren versuchte, die alle scheiterten.“
„Der Gert Hof …“, setzte Heinz an. In diesem Augenblick kreuzte Leo kurz auf, und ohne, dass ich sein „Go!“ hörte, wusste ich, das bedeutet: „Go!“ Heinz und ich brachen die Unterhaltung ab. Heinz beschäftigte noch etwas, doch er schüttelte den Kopf: „Fragen über Fragen … Wir müssen uns wiedersehn! Spannendes Thema!“ Ein kurz angedeutetes Winken noch, und wir gingen auseinander.

Es gibt jemanden, der mir nachsagt, ich hätte einen Der-kleine-Prinz-Reflex. Der kleine Prinz verzichtete nie auf eine einmal gestellte Frage, und ich lasse angeblich keine Frage unbeantwortet, wenn sie einmal gestellt wurde. Hier also schriftlich der zweite Teil der Antwort, Heinz.
Die letzten sieben Jahre haben bewiesen, dass das Holger-Ehlers-Konzept funktioniert, vor allem seine Musik „holt“ sich das Publikum – und ist die halbe Miete. Dazu kommen seine von der deutschen Romantik und Jules Verne inspirierten Story Lines, seine grandiosen Bild-Ideen für den Videocontent und seine sehr eigene Inszenierungsphilosophie etc. Ich habe Peter in den letzten Jahren immer wieder gesagt: „Sei weise wie Marlene Dietrich, wenn’s um’s Gugelhupf-Backen ging. Man soll nichts ändern, was sich bewährt hat.“ So jedenfalls agierte Marlene Dietrich manchmal, die normalerweise dauernd etwas änderte. Holger hat sein „Rezept“ – das ist sein Geheimnis. Das einzige, was ich von Holger, dem „Baum-Menschen“, mit Sicherheit sagen kann, ist, dass er natürlich Baumkuchen backen würde. Und du, lieber Heinz, würdest jetzt im Hinblick auf die andere Show vielleicht fragen: Wie wär’s denn mit Dresdner Stollen? Tja, Baumkuchen oder Dresdner Stollen oder Gugelhupf – Marlene Dietrich gab’s nur einmal.

Genug geschrieben, ich muss schnurstracks wieder in die Arena, es gibt noch einen Durchgang.
Reiter, Pferde, Tänzer … Der Schluss der Show soll verändert werden. Ich warte, dass es losgeht, dass Holger gleich Leo zunickt und dass Leo in’s Mikrophon sagt: „Go!“

© Asteris Kutulas
Riesa, 15.10.2018

Meine Apassionata-Story, Teil 1 (Riesa-Tagebuch 2018)

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 12. Oktober (abends)
Produktion „Apassionata – Der magische Traum“ von Holger Ehlers

Gestern in Riesa angekommen. Apassionata-Proben. Momentan noch völlig entspannte Atmosphäre. Die Welt hier atmet outdoor Altweibersommer. In der Halle atmen wir Apassionata. Am aufgeregtesten sind wohl die Pferde, die sich langsam an die Musik, an die neue Umgebung, an das Showlicht gewöhnen müssen. Ich habe Respekt vor den Vierbeinern. Obwohl ich sie nicht verstehe. Ein mächtiger schwarzer Friese schaut mich an aus seinen großen runden Augen. In diesen schwarzen Spiegeln sehe ich mein Abbild und bin sofort auf mich zurückgeworfen. Um mich herum ein Gewirr von Stimmen und Sprachen. Techniker, Reiter, Künstler. Heike kommt aus der Kostümbildnerei, schiebt mich sanft beiseite und geht – bepackt mit zahlreichen Steam-Punk-Outfits – die vier Waschmaschinen anschmeißen.



Für mich ist es das zehnte Mal: Apassionata in der Sportstadt Riesa (die sich den Sport inzwischen nicht mehr leisten kann), in einer Stadt, die zu DDR-Zeiten berühmt war wegen der VEB Zündwarenwerke. Alle Streichhölzer der DDR wurden im sächsischen Riesa produziert. Auf allen Streichholzschachteln stand: Riesa. Heute hat Holger Ehlers hier, in der Sachsenarena, das Sagen. Der Kreativdirektor der Apassionata zeigt auf einige Reiter mit ihren Pferden und prophezeit: „Das wird eine tolle Show“. Er muss es ja wissen. Bis jetzt hat es jedenfalls immer gestimmt. Holger hat die Entwicklung der Apassionata von Anfang an mitgemacht. Und zwar seit 2009 mit stetig wachsendem Erfolg. Damals übernahm er diesen Job des Apassionata-Regisseurs und -Autors. Die Musik kam ohnehin schon seit der ersten Show fast immer von ihm.

„Hans, das Pferd“ taucht auf in diesem Moment, schaut sich um und trabt weiter. „Hans, das Pferd“ reagiert immer äußerst sensibel auf die Musik. „Hans, das Pferd“ ist everybodys Darling, denn es hat die Aufgabe übernommen, die Kreatur zu sein, die Schuld hat an großen und an kleinen Übeln. Von einigen wird „Hans, das Pferd“ aber auch als Glücksbringer gesehen. Heike drückt auf die Start-Knöpfe aller vier Waschmaschinen.

Peter Massine ist heute da, der Gründer und Produzent der Apassionata. Er beehrt uns im Riesaer „Probenlager“. Peter ist nachdenklicher geworden, „philosophischer“. Und trotz des lästigen Umstandes, dass ihm (noch immer) ein übermächtiger Gegner Kontra gibt, scheint Peter vor Kraft zu strotzen und insgesamt sehr glücklich. Er sagte vorhin zu mir: „Ich saß eben noch im Auto. Ich fuhr die Strecke Berlin-Riesa und konnte nicht glauben, dass wir es tatsächlich geschafft haben. Dass ich überlebt habe. Dass Apassionata überlebt hat. Wahnsinn!“ Hinter Peter liegen zwei schwierige Jahre. Er hat gerade als Hauptakteur (und Haupt-Opfer) eine der spektakulärsten Schlachten der deutschen Entertainment-Branche (irgendwie) überstanden. Jetzt ist es ihm gelungen, eine zukunftsträchtige Basis für seine Apassionata zu schaffen – mit Hilfe seines Kreativdirektors Holger Ehlers, der in den letzten beiden Jahren die Produktion am Leben und zusammengehalten hat, und vor allem mit Hilfe seines neuen strategischen Partners „Live Nation“, weltweit größter Veranstalter.

Die Schlacht um die „Apassionata“ war knallhart und gnadenlos. Sie nahm zuweilen skurrile Züge an und war bestimmt von Gier, Verrat und Hybris. Die multiplen Auseinandersetzungen zwischen Peter und seinen früheren Partnern und (ehemaligen) Freunden Thomas Bone-Winkel und Johannes Mock-O’Hara, die ab irgendeinem Zeitpunkt im Sold einer mächtigen chinesischen Immobilienfirma standen, erreichten in der Saison 2017/18 ihren Höhepunkt, als zwei Apassionata-Shows zugleich on Tour waren. Die Apassionata von Peter Massine und die Apassionata der Chinesen. So etwas hat es, meines Wissens nach, noch nie in der deutschen Entertainment-Industrie gegeben. Statt zu sagen: „Ich glaub, ich bin im falschen Film“, mussten viele in der letzten Saison sagen: „Ich glaub, ich bin in der falschen Apassionata.“ Für das Apassionata-Publikum konnte die Sache verwirrender nicht sein.

Für mich sah es so aus, dass die chinesische Hongkun International Holdings Limited – mit Hilfe seiner deutschen Erfüllungsgehilfen und möglicherweise von diesen dazu verleitet – versucht hat, ein kleines deutsches Familienunternehmen zu „schlucken“. Also business as usual, ein sehr kapitalistisches Unterfangen. Dass sie damit sehr weit gekommen sind, hat sicherlich damit zu tun, dass Peter in der Vergangenheit sowohl falsche Personalentscheidungen getroffen als auch unternehmerisch fatale Fehler gemacht hat. Ich meinte heute: „Klar, dafür musstest du büßen. Aber sicher hätte es nicht so sein müssen, auf diese Art und Weise …“. Peter lächelte und fragte mich: „Erinnerst du dich daran, wie unsere Apassionata-Zusammenarbeit begonnen hat?“


(Plakatentwurf zu Gert Hof’s „Sehnsucht“-Inszenierung von 2008)

Ja, ich erinnere mich. Als ich mit dem Regisseur und Lichtkünstler Gert Hof zusammenarbeitete, haben wir ab 1999 mit Peter bei diversen Gert-Hof-Events kooperiert. 2006 konfrontierte Peter mich zum ersten Mal mit seinen Sorgen hinsichtlich der Apassionata-Show. Er glaubte – im Gegensatz zu seinem damaligen Partner – an eine Zukunft der Show, war aber zu der Erkenntnis gekommen, dass „Apassionata“ als traditionelle Pferde-Nummern-Gala ein auslaufendes Modell ist. Ein neues Konzept wurde gebraucht. Wir einigten uns 2007, Gert Hof mit einer Apassionata-Produktion zu beauftragen, um der Show eine neue Richtung und Qualität zu geben. Gert Hof konnte eins perfekt: großartig inszenieren. Das sah man bei den Licht-Events. Das sah man bei der Rammstein-Bühnenshow.

Zwischen 1998 und 2010 war ich Partner, Manager und Produzent von Gert Hof, mit dem zusammen ich in dieser Zeit mehr als 40 Events weltweit produzierte. Gert hielt die Musik für die eigentliche Basis seiner Shows. Jedes Mal investierte er sehr viel Zeit in diese „Basis“. Er sagte immer: „Asteris, die Musik ist die Mutter!“ Die Zusammenarbeit mit den Komponisten und Musikern unserer Events war immer aufregend und äußerst inspirierend: im Waldhaus des Tangerine-Dream-Komponisten Klaus Schulze, bei Mike Oldfield außerhalb Londons, im Berliner Aufnahme-Studio von Westbam und Klaus Jankuhn etc. etc.


(Mike Oldfield & Gert Hof, Photo © by Asteris Kutulas)


(Westbam & Klaus Jankuhn, Photo © by Asteris Kutulas)


(Udo Lindenberg & Gert Hof, Photo © by Asteris Kutulas)

So lernte ich bei mehreren Sessions im Tonstudio – während der Apassionata-Produktion „Sehnsucht“ im Jahr 2008 – Holger Ehlers kennen, der für diese Show die Musik nach den Wünschen von Gert komponierte und produzierte. Dieser Prozess dauerte – wie bei Gert üblich – mehrere Monate. Es wurde an jeder Sekunde gefeilt. Die inszenatorische Leistung von Gert (der auch das Buch schrieb, Licht, Choreographie und Kostüme bestimmte und natürlich Regie führte) war einmalig für eine Arena-Show und kann nur mit „grandiosem Theater“ umschrieben werden.

ABER: Gert Hof war zu Apassionata 2008 wie aus dem finsteren Nichts des Alls gekommen, war wie ein Komet in die bis dahin friedlich-schöne Apassionata-Welt eingeschlagen, und seine Inszenierung hatte eine „Schneise der Verwüstung“ hinterlassen. Diese „Rammstein-Inszenierung für Kinder“ war phänomenal, das Beste, was ich auf einer Arena-„Bühne“ je gesehen hatte, aber für die Apassionata-Kinder ein Schock. Sie nahmen scharenweise Reißaus. Sogar „Hans, das Pferd“ wurde manisch melancholisch. Nach Gerts Apassionata-Geschichte brauchte die Menschheit jedenfalls erstmal eine gehörige Portion „Herr der Ringe“, für längere Zeit, ehe es sich an finstere Szenen gewöhnt hatte und schwarze Reiter und böse Frauen und andere ungute Zeichen furchtlos erwartete, ja, sogar auf diese gefasst war. Die dunkle Gert-Hof-Apassionata-Inszenierung von 2008 hatte nichts mit dem bis dahin traditionellen Apassionata-Publikum zu tun gehabt, so dass die Show – im laufenden Tour-Betrieb – uminszeniert werden musste, um das Überleben des Apassionata-Unternehmens zu sichern und damit die Kinder nicht mehr weinend die Flucht ergriffen, was die Hauptsache war. Diese Aufgabe übernahmen im Herbst 2008 Marcus Gerlach und Holger Ehlers, und sie retteten damit nicht nur die Apassionata, sondern auch … „Hans, das Pferd“.

Peter ist vor einer Weile vom Tisch aufgestanden und hat gesagt: „Lass uns in die Arena gehn, die Proben laufen.“ Tatsächlich, der Catering-Raum ist inzwischen leer, alle sind auf ihren Posten. Die vier Waschmaschinen surren leise vor sich hin, die Steam-Punk-Kostüme drehen sich im Uhrzeigersinn, und Hund Woppi scharwenzelt um meine Füße und will gekrault werden.

Zweifellos, it’s Riesa Apassionata Time. Auch für „Hans, das Pferd“. Morgen geht’s weiter.

© Asteris Kutulas, 12.10.2018