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Apassionata DER TRAUM – Tag Drei nach Show-Start

Apassionata-Tagebuch, Berlin, 1. November 2017
Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Die Tonmänner
Behauptung: Es gab noch keine Apassionata, bei der die Tonmänner so weit gekommen waren. Den Tonmännern ist der Klang nie gut genug, nie perfekt genug, die Tonmänner sind nie ganz zufrieden. Ihr freundlicher Unmut ist eine der Zutaten einer Apassionata-Show. Die Apassionata lebt aus der Unvollkommenheit, die die Tonmänner erkennen, die sie abermals ausfindig machen, nach tausend Stunden Arbeit noch immer. Eine Unvollkommenheit, die die Tonmänner aufhorchen und die sie die Ohren steifhalten und die Löffel aufstellen lässt. Die Tonmänner sind dafür geboren. Bei dieser Apassionata gibt es Momente der Stille, in die hinein man eine Stecknadel fallen lassen könnte, und sie würde in kein Trommelfell stechen. Der Ton des Aufpralls dieser Stecknadel auf dem Boden der Empfindsamkeit der Apassionata-Createure würde ebenfalls zu Material für die Tonmänner, aus denen sie Verschwiegenheit machen und Spannung, das Verlangen nach dem Erlauschen-Können. Apassionata, das ist die Musik mit ihren Pausen, das ist die erzählte Geschichte mit ihren Unterbrechungen und Fortsetzungen, das ist die Stimme des Sprechers, das ist das Werk der Tonmänner, die den Klang in Bewegung halten, damit er nicht abstürzt und die Pferde erschlägt. Der Klang bleibt immer in der Schwebe. Er trägt das Luftschiff. Farben werden in den Klang gemischt.

Klang, Licht und Lautlosigkeit
Die Tonmänner verpaaren diesen Klang mit Licht. Und so, wie bei dieser Apassionata das Licht gekonnter als je zuvor eingesetzt wurde, weil sein Einsatz immer neu hinterfragt werden wollte, so war der Klang ebenfalls ein Ergebnis ständiger Hinterfragung, ständigen Hin- und Hineinhörens, Wiederhörens und Widerhörens. Die Tonmänner verbringen die meiste Zeit im Dunkel, nimmer müde, nimmer ausfällig. Die Lautsprecher folgen ihnen aufs Wort. Doch niemals hetzen die Tonmänner diese hörigen Lautsprecher auf irgendein Geschöpf in der Arena. Die Tonmänner sind friedfertige Wesen. Sie ernähren sich tagsüber vorwiegend von Lautlosigkeit. Nach Mitternacht sind die Träume ihr Catering, von dem sie versorgt werden mit Bildern, ohne die Ton nicht machbar ist. Vormittags oder kurz nach Mittag treten die Tonmänner aus der Halle in die Helle und lassen sich vom Licht des Tages einfangen. Das Licht des Tages befördert vielleicht ein Gespräch. Das Licht des Tages ist ein unmächtiger Herrscher, der die Tonmänner alsbald wieder freigeben muss. Sie kehren schnell zurück in die Halle.

Die Raubtiere und die Republic Apassionata
Bei Gewitter kommt erst der Blitz, und darauf folgt der Donner. Diese Apassionata hat etwas von einem Wetterphänomen. Die Premiere ereignete sich, als passiere das in Synchronität mit den Vorboten des Orkans, der Deutschlands Topoi aufscheuchte. Eigentlich hätte man wissen können, dass “sowas” kommt, aber dass es tatsächlich kam … Wer hatte mit dieser Show wirklich gerechnet? Die Tonmänner selbstverständlich! Die Lichtspezialisten in vorderster Linie!, möchte man frohgestimmt rufen. Die Tonmänner wittern vieles. Die Tonmänner sind wortkarge Burschen, die den Kopf voll wohlklingender Ideen haben. Obendrein sind sie demütig und erfüllen Wünsche. Ihre Kopfhörer sind das Stethoskop der Show. Die Tonmänner gehören einer ganz speziellen Art Mensch an, die ihren eigenen Kopf hat, diesen aber nicht voranschiebt, wenn sie kommuniziert. Die Spezies Tonmann hat so etwas Gewisses wie die blonden Fraun, von denen Hollaenders Lied erzählte, das Lola Lola frischfrech darbot. Man kann es aber auch als Blues singen, dieses “Nimm dich in acht!” Dann kommt man in die Gestimmtheit der Tonmänner von Apassionata. Und es klingt einem im inneren Ohr: Ein kleines Blickgeplänkel sei erlaubt dir, doch immer habe Achtung vor dem Raubtier. “Doch immer denke: Achtung vor dem Raubtier!”, so muss es richtig heißen, eigentlich. Eigentlich aber sollte man Achtung haben vor den Tonmänner-Raubtieren. Sie stehlen mit ihren Klangwerken der Vernunft den Schlaf, weil den Schlaf der Vernunft ansonsten Ungeheuer ausnutzen würden, um heranwachsen zu können. Monströse Ungeheuer, die diese ganze Show als nicht existent erscheinen lassen könnten, indem sie eine Show-Attrappe darüberschieben und eine weitere Show-Attrappe davorschieben, die als die eigentliche Apassionata gelten sollen. Die Tonmänner kommen solchen Ungeheuern bei. Hört die Signale!, singen die Tonmänner, wenn sie durch die Flure gehen, wenn sie die Arena durchqueren, wenn sie sich an ihre Konsolen begeben, wenn sie im Hintergrund verschwinden, in kreativer Finsternis, da, wo nur das Pferd Pegasus landen kann. Im F O H. Front of House. Dort findet sich die Bastion der Tonmänner, die die verschiedensten Signalwörter sichtbar mit sich umhertragen, auf ihrer Brust. Wenn auch in sehr dezenten Farben. Zum Beispiel dieses: Republic. Die Tonmänner machen die Ereignisse der Republic Apassionata hörbar. Sie operieren wesentlich in und mit der Stille, um die Magie des Klangs durchdringend zu machen.

Flüsternde Friedenspfeife
Im Front of House ist viel Stille. Die Tonmänner stimmen sich auf die Stille ein, die nicht zu tief und nicht zu flach sein darf; andernfalls kommen die Pferde aus dem Tritt und die Tänzer aus dem Schritt, andernfalls nehmen Gesang, gesprochenes Wort und lautmalerische Klangteppiche keinen mit, andernfalls gibt’s keine Show, keinen Mittagsschlaf, kein erstauntes Erwachen aus dem Gleichmaß des Alltags, aus dem Grundrauschen der Wirklichkeit. Diese Show existiert. Behauptung: Sie behauptet sich auch akustisch. Die Tonmänner an sich hört man so wenig wie man den Lichtmann sieht. Die Show ist sicht- und hörbar. Tonmänner und Lichtmann existieren. Sie folgen den Anweisungen von “Chef”. “Chef” ließ sich eines Abends von der Hebebühne her aus seiner erhöhten Position vernehmen: “Mach du da unten mal dein Programm.” Es bestand Einvernehmlichkeit zwischen “Chef”, Lichtmann und Tonmännern. Noch nie wurde so viel Friedenspfeife geraucht. In der Republic der Klangmacher sind die Kräfte ausgeglichen. “Hier feiert man keine Siege, sondern Erfolge”, flüstert es manchmal. Behauptung: Apassionata beruht auf einer variantenreichen Einvernehmlichkeit, die im Friedenspfeiferauchen ihre Ursache hat. Das ergibt Apassionata 2017 / 2018. Die Tonmänner erweitern die Koppel Apassionata um ein schwebendes Feld der Stille. Das Luftschiff folgt seiner eigenen Karte und überquert Grenzen. Der Wind steht gut. Das Licht ist stark. Der Klang keine Sache für sich. Ein Reiter steht zwischen zwei Pferden, er legt seinen Mantel ab, er ruft einem anderen Reiter etwas zu und lässt aus dem Zurufen ein spanisches Lied werden. Die Tonmänner nehmen diesen Klang auf in die Werkzeugkiste in ihrem Brustkorb. Nichts kommt aus den Lautsprechern, das nicht gemacht wäre aus Pulsschlag, Gedankenkraft und nachhallender Stille.

© Ina Kutulas

Apassionata – DER TRAUM: Video-Diary/Tagebuch

Rehearsal Video Blinks „Apassionata – DER TRAUM“ Show

Four video blinks I have shot with my iPhone 6s during the rehearsals of the Apassionata show „Cinema of Dreams“ in Riesa (October 2017). This show was created and directed by Holger Ehlers. I was involved as a dramaturg and an artistic consultant.

Riesa, 23.10.2017

 

Riesa, 26.10.2017

 

Riesa, 27.10.2017

 

Riesa, 28.10.2017

 

Apassionata – Der Traum: Vom Essen und Trinken und von Gefasstheit

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 22. Oktober (fast Mitternacht)
Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Bei Apassionata heißt jeder Raum: SaniTATsraum. Denn bei Apassionata ist die TAT immer eine Gute Tat, eine Nützliche Tat, eine Rettende Tat, und am heutigen Sonntag ist dieses Tun als Sonntagsgebet zu verstehen. “Wir müssen dankbar sein.” Unser tägliches Brot rhythmisiert seine Krumen zusammen mit Lampes Lichtern, mit den Waschmaschinen, die im Schleudergang singen, mit dem Kurzschluss, der einen feuerlosen Blitz auslöste und nachfolgend blitzschnelle Handlungen an der Tafel, auf der die Teller bereitstehn. Ob es mittags warmes Essen geben wird, ist keine Frage. Den Cateringbereich fasst das sanfte Schwingen der Vorhänge ein. Ist eine Plastik farbig bemalt, heißt es auch, sie sei “farbig gefasst”.

Gefasstheit – darauf schwört Steffen, der Produktionsleiter. Gefasstheit – darauf schwört Matze, der Stage-Manager. Gefasstheit – darauf ist das große Portal eingeschworen, das die Projektionen einrahmt. Im Cateringbereich erneuert sich die Gefasstheit der Crew. Das weite Weiß – die Farbe des Friedens, gepaart mit Blau. Das weite Weiß hat sich seinen Einflussbereich geschaffen. Das Blau in den Ecken. So, wie das Luftschiff die Briefe in die Ecken der Welt trägt, von wo Rettung für die Erde nahen wird, so bildet das Blau hier Raumecken, aus denen sich ausgleichende Stimmung speist. Ein wahrer Speise-Raum also. Schöner als je zuvor.

Der weiße Flanell macht sich gut. Diese unangestrengte Feng-Shui-Energie besänftigt das Große Ganze. Dreimal am Tag. Die Wirkung bleibt nicht aus. Scharfe Kanten fehlen. Scharfe Worte fallen nicht. Scharfe Zungen schweigen. Scharfe Gedanken zur richtigen Zeit. Das Gulasch hat die nötige Schärfe. Der Basilikumtopf wird mit Wasser bedacht. Hund Woppi kämpft um nichts und bekommt seinen Wiesenspaziergang. Hannah begegnet Mascha. Die Küche gibt alles und wechselnde Musik mit Prophezeiungen. Gestern hieß es: “Diese Welt geht endlich unter”. Heute ist heute und Sonntag, heute geht die Sonntagswelt auf, Gott will Blues hören, und des Himmels Geschenk ist diese neue Welt unter der Sonne und in der Halle.

Ina Kutulas

Kleider machen Leute – Heikes Reich

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 22. Oktober (abends)
Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

In der Requisite liegen Zollstock und Papierrolle. Akkurate Linienzeichnungen. Der Goldene Fleck auf dem Eimerdeckel gibt einige Ionen frei, die diesen Sonntag womöglich zusammenhalten, mit Kurzschlussblindblitz und einem Reiter, den es vom Pferd fliegen ließ. Reiter haben das Wieder-Aufstehen in den Genen wie Holger, der Komponist, die Musik.

Durch die Kostümabteilung wird ein Kleid mit Karomuster getragen und aus dieser Abteilung hinaus ins Herbstliche. Ein Kleid mit Karomuster, in das die Apassionata-Zahlen eingetragen werden können, in die sich alles auflösen und aus denen sich alles erschaffen ließe. Im Karomuster entstünde so die Ordnung eines Magischen Quadrats. Neben dem Magischen Quadrat Melancholia.

Dürers Melancholia ist hier vor Ort nicht melancholisch. Sie hat sich das Bandmaß als befriedete Schlange umgelegt. Melancholia hat ehrlichen Schlamm an den Schuhen, sie hat ehrliche Fusseln am Kleide. Duftendes Wiesengras, Brombeerblätter und Hagebuttenschalen hat sie geatmet. Montag ist alles wieder wie neu. “Wir müssen dankbar sein”, wiederholt Sándor. Ohhhhmmmmmm … Die unmelancholische Melancholia senkt und hebt das Haupt, sie dankt den Wassern und Waschmaschinen. Sie dankt den Nadeln und Nähmaschinen. Ungeheure Mengen an Kostümen lassen Freude werden im Reich der Paletten und Pailletten. Es glitzert. Es blinkt. Es öffnen und schließen sich die Tore der Tage. Der Herbst in Riesa ist bunt. Der Sonntag in der Kostümbildnerei ist panchromatisch.

Ab und an wird das Gold mächtig. Dunkle Wolken wollen es regnen lassen, draußen, auf die Halle und auf die dunkle Erde, die gesund ist, wie man sich in Riesa sagt. Tiefe Schatten ändern die Farbe der Welt, drinnen. Sándor ruft: “Dancers … On your position … Boys … from the beginning … Music please …” Auch an diesem Sonntag gibt es ein Tagesziel. Wenn die Nacht kommt, glänzt das Fell der Pferde wie Seide. An einem einzigen seidenen Faden hängt nichts bei Apassionata. Der Montag kommt.

Ina Kutulas

“Lampe”, der Herr der Apassionata-Lichter

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 22. Oktober (nachmittags)
Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Sonntag mit dunkler, feuchter Erde und Sonne. Die Sonne heißt immer Sonne, draußen. Lampe heißt fast immer Lampe, drinnen. Lampes Sonnen sind viele, und er, ihr Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eine fehlet an der ganzen großen Zahl. Lampe kann es Nacht werden lassen. Tiefe Nacht. Taghelle Nacht. Von Flüstern durchdrungene Nacht. Grausige Nacht. Nachtblumen-Nacht. Kosmische Nacht. Gala-Nacht. Nacht der Panther und Nacht der Skorpione. Nachttischlampen-Nacht. Fuchsnacht. Polarnacht. Schattennacht. Sommernacht. Liebesnacht.

Auch Tag kann Lampe werden lassen, jederzeit, gemäß den Regie-Vorgaben von Holger. Der Herr der Lichter ist zugleich Herr des hellen Mittagslichts, das gebraucht wird, wenn in der Prärie ein Reiter allein seiner Mission folgt. Ohne Akku, Feuerzeug, Proviant und Sanitäter. Der Reiter in der Prärie muss durchhalten. Die Hufschläge der Riders on the Storm geben seinem Herzschlag das Tempo. Der nur als Idee existierende Reiter in der Prärie ist so verlassen wie kaum jemand bei Apassionata.

Lampe lässt Licht werden. Alles Licht, nach dem die Show hungert und dürstet. “Schritt für Schritt”, sagt Lampe. Seine Bemühungen haben epische Ausmaße angenommen. Das Luftschiff will beruhigt schweben können. Es riecht das Licht.

“Ich kann nicht hexen”, sagt “Chef”. “Chef” glaubt man das sofort. Lampe würde das niemand glauben. Wobei Lampe eher Zauberer ist, statt Hexer sein zu wollen. Eine Baba Jaga ist bei Apassionata momentan nicht gefragt. Also braucht es auch keinen Hexer.

Ina & Asteris Kutulas

„Apassionata – Der Traum“, Sándor & griechische Größen

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 21. Oktober (nachmittags)
Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Sándor, der Choreograph, steht aufrecht, unweit vom Halleneingang. Seine Hand weist zum Himmel, der lange bedeckt war, inzwischen aber wieder das reinste Blau sehen lässt. “Perfekt organisiert”, sagt Sándor. Auch seine Jacke ist blau. Manchmal ruft er die Tänzerinnen zu sich. Eine markante Stimme. Sein “Girls … Ladies … please come to me, I’m here” könnte zu Beginn einer Rockballade erklingen.

Sándor Román bezieht sich vornehmlich auf die griechische Antike. Seine Umsetzung des Bildes eines trampenden Saloongirls ist direkt von Homer inspiriert, beteuert Sandor. Griechisch blauer Himmel über Riesa. Greek Western bei Apassionata. Der Esel ist dabei, das Catering bietet Feta und Oliven. Alle haben’s gut bei Apassionata. Jeder findet hier seine Welt, jeder auf seine Weise. Auch das macht den Apassionata-Blick aus. Er enthält einen Funken dunkle Glut.

Sándor studiert mit den Tänzern betörende Schrittfolgen. Solche Odysseischen Listen sind erlaubt, vorausgesetzt, sie dienen der Kunst. Die Musen haben geschmeidige Körper und treten auf den Plan. Selten wurde eine Rose mit mehr Grazie gehalten als hier von der Primaballerina Katherina Markowskaja. Die Halle möchte fast bersten bei dieser hohen Konzentration von Charme. Es werden Türen aufgehalten, der Stage-Manager ist Stunde um Stunde unterwegs. Wieder und wieder erscheint er und verleiht jeder Szene die Idee vom ruhelosen Läufer, vom Rutengänger und Wegesucher, der als Gefährte des tanzenden Träumers die Poesie der Show ausbalanciert. Es braucht auch ganz pragmatische Entscheidungen. Nicht nur ein Tanz kann ein Leben verändern. Auch ein Leben einen Tanz.

Ina & Asteris Kutulas

Apassionata, 15 Jahre ein „Traum“

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 21. Oktober
Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Heute wurde der Kaffeeautomat abgelöst von einem Kaffee-Geber. Die Wolken des Apassionata-Himmels sind Entwürfe: neue Kontinente für friedliche Bewohner eines friedlichen Planeten. Das Luftschiff fliegt zu den fernen Ecken der Welt. Die Tänzer tragen Pistolengürtel. Aus Ernst wird hier Spaß.

“Es geht immer um alles.” So das streng gehütete Geheimnis der Apassionata seit fünfzehn Jahren. Fröhlich will es ausgeplaudert werden. Munter will es wieder zum Geheimnis werden. An bewegten Wassern laben sich die Erlen. Wenn das Pferd im Schritt geht, wird der Große Wagen gezogen. Die Sterne wiegen leicht. Ein frischer Mond kommt in seine Bahn. Das Iglu steht im kalten Licht. Winter. Dieser Winter hat seine Temperatur noch nicht gefunden. Der Himmel über Apassionata sucht jeden Tag seine Farbe. Abend.

Fünfzehn Apassionata-Shows haben zum Ergebnis, dass niemand in der Halle stört. Geschwafel wäre eine Störung. Herumstehen wäre eine Störung. Den Meistern das Schachspiel erklären wollen, wäre so erwünscht wie sich der Esel einen Wolf zum Begleiter wünscht. Die Kriegsbeile der Geishas liegen in den Händen uralter Tempelgötter, die Tee trinken, wenn sie nicht streiten. Tiefschwarze Planen von der Rolle. “Linde”, ein Wort, das die Gasflaschen unter “Apassionata” verortet, denn diese Apassionata erzählt auch von den Bäumen. Was sagt “Chef” heute? “Chef” schweigt. Ein Zitat des Comedian Dieter Nuhr über einer Tür: “Wer keine Ahnung hat, einfach mal Klappe halten.”

Es regnet. Große schwarze Pferde mit roten Decken. Es regnet. Hannah, das Kind, wandert von Arm zu Arm. Es regnet. Zum Sand kommt das Wasser. Es regnet. In der Halle steigt der Nebel auf. Stunde Sechs nach Mittag. Das Iglu steht im kalten Licht. Holger ist ruhig und gelassen. Tag Sieben vor Show-Start. Der Kaffee-Geber ist weg, der Kaffeeautomat zurück. Es regnet. Am Abend lassen die Tänzer neongelbe Jojos tanzen. Das Stroh bei Apassionata ist noch immer goldenes Stroh. Es regnet aus dunklem Himmel.

Asteris & Ina Kutulas

Riesa – An welchem Ort könnte eine Apassionata-Tour besser vorbereitet werden?

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 21. Oktober
Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Der Herbst in Riesa ist bunt. Eichen- und Lindenblätter im Einklang, das Essigbaumrot flammt, der Wilde Wein hat seine Feuer entzündet. Das Wilde-Wein-Laub fällt. Keine Graffitis zu sehen. Zwischen der Riesaer Hauptstraße und der Sachsen-Arena liegt beinah eine andere Welt, in der etliche zu vermietende Räumlichkeiten und die unbekannte Größe “Zukunft” Platz haben. Das Wort “Glaube” begleitet denjenigen, der sich aufmacht zum Lutherplatz und dort beschließt, noch weiter zu gehen. Die Ampelübergänge trainieren die menschliche Empathie: “Bitte berühren”. An welchem Ort könnte eine Apassionata-Tour besser vorbereitet werden?

Ein Akkordeonspieler vor dem Schuh-Geschäft spielt seine eigene Hymne und verwandelt sich dem Rhythmus dieses Samstagsvormittags an. Niemand scheint niemandem fremd. Der Herbst in Riesa bleibt bunt. Sporthosen, Damentaschen, die Buchhandlung mit Liebesschmöker.

Der Baumarkt, das Haupteinkaufsziel einiger Apassionata-Mitarbeiter. Der Baumarkt wird an allen Wochentagen von ihnen aufgesucht, wann immer erforderlich. Wer Apassionata in sich trägt, erkennt einander allerdings auch auf der Hauptstraße, wo sich Post und Apotheke befinden; ein Gruß, ein langer Blick. Es ist ein wacher Blick, ein offener Blick, ein Blick, der morgens sagt: “Ein neuer Tag.” Abends sagt er: “Ein guter Tag.” Nachts sagt er: “Morgen wieder.” Die Rose der Apassionata ist dunkelrot.

Tagsüber wird der Apassionata-Blick auf der Riesaer Hauptstraße nicht verschenkt, denn tagsüber – auch samstags und sonntags – befinden sich alle Apassionata-Mitarbeiter in der Halle oder in unmittelbarer Nähe der Halle. In Riesa Stadt werden von den Bürgern an diesem Samstag Wochenendeinkäufe getätigt. Monsator existiert. Es herrscht Geruhsamkeit. Der Apassionata-Esel trainiert unterdessen die Rückenlage. Holger gibt seine Anweisungen. Gitarren zu Totempfahl, zu Saloons und rollenden Stachelbüschen.

Asteris & Ina Kutulas

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 20.10.2017

Ein Traum-Tagebuch von Ina Kutulas zur Show „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Auf dem Fußballfeld nebenan die Aufwärmphase. Dutzende Männer in Grün, Gelb, Violettblau. Der Vormittag findet seine Themen auf dem Boden der Realität und im Himmel. Eine Wolkenflotte ist aufgezogen. Sie nimmt inzwischen die Hälfte des Blaus ein. Ein weißes Pferd wird gewaschen, das Wasser lässt seinen Körper glänzen. Zwei Männer beschäftigen sich mit diesem sensiblen Geschöpf, das einen grünen Wasserschlauch akzeptiert. Großes Bild, umrahmt von der Nüchternheit des Bereichs vor der Halle, ein Bereich, der nichts weiter als seinen Zweck erfüllen muss.

Die Pferdemajestäten bringen Erhabenheit in die Alltagssituation. Dazu müssen sie beschäftigt werden. Sonst erleiden sie die Qual der Langeweile. Würde ein Pferd hier die Langeweile plagen, dann liefe etwas schlecht bei Apassionata. Das Kind Hannah im Pullover mit großem Leopardenmuster-Herz auf der Brust hebt schwere Früchte, fast größer als seine Hand, und sorgt dafür, dass es gut läuft.

Es ist windstill draußen. Jeder an seinem Platz. Der Tischler an seiner Bank, Tag für Tag; lange, schmale Kästen werden gebaut. Das Luftschiff hat sich in Luft aufgelöst. Nachts werden in den Kästen viele Luftschiffe schlafen, und sie werden verschwunden sein, wie von etwas Übermächtigem verschluckt, bevor der Tischler wieder zurückkommt, des morgens. Das große Luftschiff hat seine eigene Flotte wie der Himmel die Wolken. Die Kästen werden zu Bänken, die Bänke zu Schränken, der Himmel zur Küche, die Küche zur Arena, das Wasser kocht, die Proben laufen, die Tänzer sind zahlreich, ein junger Nurejew ist dabei.

Von Kabeln und Leitungen ist dieser Tag durchzogen. Amelie hat ein System aufgebaut. Wasser und Strom fließen. Die Elemente versuchen einander. Luft verbindet Luftschiff und atmende Körper, frei, allein für sich im Raum oder aufeinander eingespielt. Alles atmet und hört, wie die Uhr tickt, immer. Die Zeitfenster sind begrenzt – auch die für Kontroverse und Symbiose. Die Unermüdlichen, die man kaum sieht, haben wenig Schlaf, die Geister der Apassionata, die das Werden der Show vorantreiben, im Hintergrud, der jetzt der Vordergrund ist. Wenig Gelegenheit, Tageslicht an sich heranzulassen. Vierzig Stunden in vierundzwanzig.

Nur Pferde und Bäume schlafen im Stehen. Die Worte folgen dicht auf dicht. Die Schweigsamen müssen reden, und die Erzähler sich in Geduld fassen, sonst ecken sie an. Stoßstellen schmerzen. Dieser Schmerz wirkt sich aus auf den Tonfall, auf Farben, Schrittmaß, auf die Menge an Gold oder Rot in den Szenenbildern und auf Freundschaften, alte und neue.

Ina Kutulas

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 19.10.2017

Apassionata-Tagebuch
Riesa, 19. Oktober, mittags

Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Robert Schumann gibt der Stunde Zehn eine elegische Note. Der Reiter versucht, sein Pferd zu wecken. Die Schulglocke gibt das Zeichen.
In der Frühe lagen Nebel über den Feldern und riefen die Serpentinen-Tänzerinnen aus dem Nichts hinein in den beginnenden Tag. Der Apassionata-Erdball begann sich schneller zu drehen, umspielt vom Atemhauch der Pferde, der Reiter, der Tänzer. Der Tag wärmte die Gemüter auf. Die Sonne stieg langsam höher. In Riesa das Licht, in Riesa der Stoff; die Luft, die noch kalt ist, füllt sich mit Geräuschen.

Eine Zeitkapsel wird jeden Tag aus der Böschung der Ereignisse gegraben. Pferde laufen ab und zu im Kreis, als folgten sie einer Uhrenbewegung. Die Uhren müssen hier funktionieren, damit das Träumerische sich verwirklicht, letztendlich und jeden Moment.

Riesa ist keine große Stadt, aber es hat diese große Halle, in der es einige große Augenblicke geben wird. Das Luftschiff in der Schwebe, seine große Geruhsamkeit versorgt das Geschehen. Ein fünftes Element, die Liebe, ist enthalten in den Plänen für Fehler und Pannen. Ohne die Liebe, die sich jeden Tag einmischt in die Planungsabläufe, läuft letztendlich doch nichts.

Jede Nacht geht Wächter1 der Show zum Speziellen Kleinen Kasten, entriegelt die darin enthaltene Box, gibt den Code ein, lässt den Deckel hochschnellen, bewegt den Schieber, bis der graue Knopf mit dem Buchstaben L freiliegt. L steht für Liebe. Wächter1 der Show drückt Punkt 02:55 Uhr diesen Knopf L. Dann ist aller Zwist gelöscht und fort aus der Welt. Rein die Luft. Was laut wurde, wird still. Lavendel und Kamille verströmen ihr Aroma. Alles klingt nach Schuhmann. Zwei, drei Stunden später springt in der Küche der Hip Hop über die Topfdeckel. Dann ist wieder eine Nacht vorbei, die nicht von allen durchschlafen wurde.

Schafgarbe und Berufkraut stehen auf zwanzig Tischen. Hundert Stühle sind noch kalt. Trainierte Reiter, Security, Crew und “The Crusher”. Nicht lange und jeder Stuhl ist heiß geworden und bald schon wieder verlassen. Frühstück dauert nur so lange, wie Essen und Trinken brauchen. Das Kind Hannah erklärt alles mit einem Ei und einer Banane, den Zutaten zum Morgenglück. Die Kaffeemaschine stottert manchmal, dann bekommt sie Bohnen. In der Halle der große granatrote Vorhang, auf den sich ein Lichtkegel gelegt hat. Das Tor öffnet und schließt. Die Vorbereitungen laufen von Zeit zu Zeit in einem eigentümlichen Anachronismus – Handys melden sich, Klingeln und Rufen, Alarmsignale, Warntöne, hektisches Schlagen des Pulses, eingeschlossen in die Natur einer übergeordneten Großen Stille, die all das in sich verwandelt in Genähtes und Gezimmertes, Abgestimmtes und Beantwortetes, in ein alles durchdringendes Ruhebewahren bei voller Aktion.

Aus der diesjährigen Apassionata Story hat sich heute der Indianische Totemgeist herausgelöst, um die Kontrolle zu übernehmen. Stunde Zwei nach Mittag wird ein kleines weißes Pferd mit langer weißer Mähne seine Wege geführt. Das Luftschiff hält sich im Hintergrund.

Es kommt Kerstin, die Pferdeflüsterin, und geht mit drei Tieren über die Sandfläche der Arena nach einem Muster, das geheimen uralten Verabredungen gleichkommt. Ab und zu verständigen sich die Vier, wie Glenn Gould sich mit den Klaviertasten verständigt haben mag. Der Pianist Glenn Gould sang immer wieder mit, wenn er spielte. Das kam in der Musikwelt nicht oft vor. Die Große Freiheit kommt in der Welt auch nicht oft vor. In Riesa beginnt die Große Freiheit in Erscheinung zu treten und sich in den Prozess ihrer diesjährigen Verwirklichung zu begeben. Die Große Freiheit einmal im Jahr für alle. Hannah, das Kind, jetzt neben dem Catwalk, mit seinen Antworten zur Welt.

Asteris & Ina Kutulas

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 18.10.2017

Apassionata-Tagebuch
Riesa, 18. Oktober, später Nachmittag

Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Alle Tage dieses Wetter – wie im tiefsten Frieden. Sonne. Ein Himmel, der hoch über der Halle steht, blau, mit hingewischten Wolkenstrichen. Drinnen ist die Halle so weit wie draußen der Himmel.

Aufbau für die Apassionata-Show „Der Traum“. Konstruieren und montieren. Zaubern und verteidigen. Von überall her Geräusche – aus der Küche, aus der Halle die Sprecherstimme, Musik, das Mahlen der Kaffeemaschine im Catering-Bereich, Ventilatoren, Schritte, Teller … Stete Betriebsamkeit. Keine Spur von Nervosität.

Das Apassionata-Schwarz mit dem goldenen Schriftzug darauf. Requisiten wie große Spielzeuge für Königskinder. Der Sand muss vorbereitet werden. Das Portal steht. Ein großer tiefroter Vorhang. „Bolschoi“, sagt jemand im Vorbeigehen. Pracht. Man steht davor und dann zwischen schwarzen Stühlen, Kisten und Körben, und man fühlt sich, als sei man mitten in eine Geschichte geraten, die sich noch nicht verraten will, die aber schon lockt und einen ein bisschen auf die Folter spannt, bevor sie sich erzählen lässt. Als dürfe man noch nicht ins Weihnachtszimmer. Zeit der Vorfreude.

Für diejenigen, die hier alles zusammenbringen sollen, ist es vermutlich manches Mal eher die Zeit des Problemelösens. Viele Kisten auf Rollen. Technik-Equipment, Beschriftungen, Besen, ein Helm, Flaschen, Kartons, wechselndes farbiges Licht, blinkende Lampen, Wasserstrahlen … Und weiterhin Hip-Hop-Musik aus der Küche: „Was für eine Zeit! Was für eine Zeit! Was für eine Zeit! Was für eine Zeit!“ Eine schwarze Stopp-Hand bedeutet dort an der Tür, dass dieser Bereich tabu ist. Eine Stimme: „Soooooo … Die letzten Hackbällchen …“

Dampf, und eine magische Dampfmaschine steht hinten in der Halle noch an der Seite, die die Arena später wohl verzaubern wird. Die ersten Reiter sind eingetroffen. Ein Fahrzeug mit allem, was die Kostüm-Crew braucht, eine Überraschungs-“Kiste“. Ein schwebendes Objekt, das gravitätisch in der Luft hängt, als könnte es das Omen sein für diese Show.

Immer mehr Leute, die zur CREW gehören. Manche sind das erste Mal dabei, andere schon etliche Jahre. Es liegt etwas von einem ganz großen Erlebnis in der Luft, das bereits nach den Leuten greift und sie in seinen Plan einbezieht. Eine spannende Zeit, wenn alles, was bisher anderswo vorbereitet wurde, hier zusammenkommt, wenn aufgebaut wird und davor und dahinter gehängt, gerichtet, verbunden, zum Leuchten gebracht, bereits begleitet von der Geschichte, die jedes Jahr eine andere ist und jedes Jahr andere Bilder entstehen lässt.

Diese Vorbereitungsphase hat ihre eigene „Natur“, wenn all die Technik eine vermittelnde „Ebene“ bildet: eine Mittlerebene zwischen der Idee für diese Show, den Skizzen, Entwürfen und den Stimmen, Klängen, Farben, Materialien, die später erst dazukommen, eine „Mittlerebene“ zwischen den Rollen, blanken Metallen, geraden Linien und den kräftigen Pferdeleibern, Stimmungen, Anmut, Eleganz, Schönheit, Poesie.

Rationale Berechnungen und Kalkulationen, die jetzt noch präsent sind, sichtbar wie eine Wirbelsäule, ein funktionaler Apparat – aber „irgendwo“ schlägt ein unsichtbares Herz, von dem etwas Anziehendes ausgeht, so dass man vom Geschehen eingefangen und berührt wird.

Auch die Menschen tragen ihre Geschichten mit sich – in Tätowierungen, Frisuren, in ihren Namen, die ihnen gegeben wurden und die man erfährt, wenn man sich begrüßt, in all den Dingen, die ihre Arbeitsinstrumente sind oder ihre Entwürfe, ihre Pläne.
Viele hier haben schon viel gesehen, manche haben längst so etwas wie ein ganzes Leben gelebt, mit vielen Herausforderungen, mit kritischen Erfahrungen und Erlebnissen, die das Leben veränderten.

Draußen ist es nicht mehr hell. Abendstimmung. Die Musik, die aus der Küche kommt, ist sphärischer geworden. Unterhaltungen an Tischen, Wartezeiten. Jetzt bräuchte nur noch jemand aufkreuzen, der die Windlichter und Lampions verteilt und anzündet. Hier ist aber noch lange nicht Schluss. „Ich mach jetzt weiter“, sagt einer nach dem anderen und verschwindet.

Asteris & Ina Kutulas

„IM BANN DES SPIEGELS“ Show

 

Rehearsal Video Blinks „Im Bann des Spiegels“ Show

Film blinks / my view of some rehearsal moments of the Apassionata show in Riesa (October 2015). This show was created, composed and directed by Holger Ehlers. I was involved as dramaturg and artistic consultant. I have shot these blinks with my iPhone during our rehearsals. With Lana, Olena, Joazi, Andreas, Laurent, Giulia, Gilberdan, Maia, Michal, Angelina, Iury and all others from this phantastic team.

Asteris Kutulas

Holger Ehlers, Show Creator (Interview)

An interview film by Asteris Kutulas (Deutsch/English subtitles)

Bei „Apassionata“ arbeitete ich als Executive Producer und als Dramaturg ab 2010 zusammen mit dem Show-Creator Holger Ehlers, der seitdem alle „Apassionata“-Produktionen als künstlerischer Direktor (Buch, Komposition, Regie) verantwortet. Die ständige Weiterentwicklung, die die „Apassionata“ in den letzten Jahren durch Holger Ehlers erfahren hat – nämlich von einer Pferde-Nummern-Revue hin zu einer phantasmagorischen Family-Entertainment-Show von Weltformat –, machte sie zu einer immer ausgefeilteren und komplexeren Aufführungsform, die zugleich – und das ist das Beachtliche daran – immer publikumsaffiner wurde.
Parallel dazu kreierte Holger Ehlers mit seinem Team zwischen 2014 und 2016 für ein Theater-Projekt eine kongeniale Show und gab ihr den Titel MONDWIND. Diese Show ist wie dafür geschaffen, mein seit über zehn Jahren entwickeltes Konzept des „Liquiden Bühnenbilds“ (Liquid Staging) in einem Theater konkrete Gestalt annehmen zu lassen.
Im Stück MONDWIND erzeugen Musik und Sound als Klangerlebnis ein „emotionales Grundrauschen“, das ergänzt wird vom – wie ich es nennen würde – „Storyboard eines modernen Grimmschen Märchens“. Holger Ehlers benutzt als drittes Element seine eigene spezifische Bildwelt, um jene Wärme eines Zuhause zu erzeugen, in dem er seine Geschichten erzählen kann. Mein Konzept des „Liquiden Bühnenbilds“ vermag es schließlich, jenen emotionalen Raum der Illusion zu erschaffen, den dieses neue Genre braucht, um sich in idealer Art und Weise zu präsentieren.

Asteris Kutulas