Archiv der Kategorie: Kulturelles

Recycling Medea PHOTOS

Maria Kousouni & Mikis Theodorakis during MEDEA ballet rehearsal 2012      (photo © by Asteris Kutulas)

Asteris Kutulas during the German premiere of Recycling Medea at the Gasteig Cinema, Munich 2013

Nina & Wanja Hof & Sofia Pintzou, world premiere of Recycling Medea     (photo © by Asteris Kutulas)

Recycling Medea at the EPOS Israel International Art Film Festival,             Tel Aviv 2014 (photo © by Ina Kutulas)

Asteris Kutulas, Bella Oelmann & Velissarios Kossivakis, cinema premiere of Recycling Medea, Athens 2013 (photo © by Mike Geranios)

Film directors Nikos Tzimas & Asteris Kutulas before screening of Recycling Medea at the Goethe-Institute Athens, 2015

Mikis Theodorakis & Renato Zanella, Athens 2012                                     (photo © by Asteris Kutulas)

Bella Oelmann during the shootings of Recycling Medea, Berlin 2012             (photo © by James Chressanthis)

Alexander Kutulas & Maria Kousouni, world premiere of Recycling Medea, Athens 2013 (photo by © Wassilis Aswestopoulos)

Renato Zanella & Danilo Zeka, world premiere of Recycling Medea, Athens 2013 (photo by © Wassilis Aswestopoulos)

André Hennicke & Bella Oelmann during the shootings of Recycling Medea, Berlin 2012 (photo © by Ina Kutulas)

Danilo Zeka, Mikis Theodorakis & Renato Zanella during the rehearsals of MEDEA ballet, Athens 2012 (photo © by Asteris Kutulas)

Danilo Zeka, Maria Kousouni & Sofia Pintzou, world premiere of Recycling Medea, Athens 2013 (photo by © Wassilis Aswestopoulos)

Filmstill by Stefanos Vidalis for the film Recycling Medea, Athens 2011        

Bella Oelmann during the shootings of Recycling Medea, Berlin 2012     (photo © by Asteris Kutulas)

Danilo Zeka, Maria Kousouni & Mikis Theodorakis during MEDEA ballet rehearsal, Athens 2012 (photo © by Asteris Kutulas)

André Hennicke during the shootings of Recycling Medea, Berlin 2012 (photo © by Asteris Kutulas)

Mikis Theodorakis & cinematographer James Chressanthis in Athens, 2014                       (photo © by Asteris Kutulas)

Bella Oelmann during the shootings of Recycling Medea, Berlin 2012             (photo © by Klaus Salge)

DANCE FIGHT LOVE DIE – The Satellite Clips II

 

Dance Fight Love Die – With Mikis on the Road: The Satellite Clips (Trailer)

Two new SATELLITE CLIPS from the „Unused Material“ of the film DANCE FIGHT LOVE DIE.

The Satellite Clips: SANDRA
With Sandra von Ruffin by Asteris Kutulas

Mikis Theodorakis‘ Opernmusik „Antigone“ und die Sichtweise des Kameramanns (DOP) Mike Geranios inspirierten Asteris Kutulas zu diesem Satellite Clip, den er seiner Hauptdarstellerin Sandra von Ruffin widmet. Die Vision einer Antigone, deren Aufbegehren vergeblich ist und sinnlos erscheint. Untermalt von einer düsteren Musik, die keine Hoffnung erlaubt.

The Satellite Clips: GEORGE
Filmed by George Theodorakis
With Mikis Theodorakis, Lakis Karnezis, Kostas Papadopoulos a.o. by Asteris Kutulas & Dimitris Argyriou

George Theodorakis filmte im Juli und August 1988 mit einer Video8-Kamera die Premieren-Produktion des „Zorbas-Ballett“ in der Choreographie von Lorca Massine und mit der Musik seines Vaters Mikis Theodorakis. Insgesamt 40 Stunden Videomaterial von Proben, Aufführungen, Backstagemomenten. Asteris Kutulas und Dimitris Argyriou schnitten daraus einen Satellite-Clip zusammen. Zu hören ist ein Ausschnitt aus der wohl berühmtesten Musik von Mikis Theodorakis.

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SANDRA και GEORGE τιτλοφορούνται τα δύο νέα ανέκδοτα satellite clips που εντάσσονται στο φιλμικό τρίπτυχο του Αστέρη Κούτουλα, με τίτλο «Ταξιδεύοντας με τον Μίκη». Τα «δορυφορικά κλιπ» περιφέρονται γύρω στην κεντρική ταινία «DANCE FIGHT LOVE DIE» σαν να είναι ο πλανήτης τους. Φέρουν ως τίτλους τα ονόματα στενών συνεργατών που εργάστηκαν για αυτά, των φίλων και συνοδοιπόρων του δημιουργού στο μακρύ ταξίδι του με τον Μίκη, και είναι αφιερωμένα σε αυτούς.

Το clip SANDRA εμπνεύστηκε ο σκηνοθέτης από μια μουσική φράση της λυρικής τραγωδίας «Αντιγόνη» του Θεοδωράκη και τις εικόνες του οπερατέρ Μηχάλη Γερανιού. Η επανάστασή της Αντιγόνης μάταιη και τραγική. Η μουσική χωρίς καμιά ελπίδα. Η στωική, εικαστική, σχεδόν, οπτασία χρησιμοποιεί την φιγούρα της ηθοποιού Σάντρα φον Ρουφίν. Το γυμνό κορμί, η σωματικότητα σαν σύμβολα με μια στιγμιαία εναλλαγή του προσώπου του Μίκη συνθέτουν 40 δυνατά δευτερόλεπτα.

Το GEORGE είναι φτιαγμένο από υλικό που γύρισε ο γιος του Μίκη Θεοδωράκη, Γιώργος: πρόκειται για λήψεις περίπου 40 ωρών με Video-8 μηχανή τον Ιούλιο και τον Αύγουστο του 1998, οπότε παρουσιάστηκε το «Ζορμπάς Μπαλέτο» σε χορογραφία Λόρκα Μασίν. Πρόβες, παρασκήνια, ανέκδοτες στιγμές από αυτό το μεγάλο γεγονός συνθέτουν το μικρό αυτό κλιπ που κοσμείται από διάσημα μουσικά θέματα του συνθέτη.

Υπεύθυνη Επικοινωνίας και Τύπου
Σοφία Σταυριανίδου, sofia.stavrianidou@gmail.com

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SATELLITEN UMKREISEN THEODORAKIS’ PLANETEN
Über ein Langzeit-Filmprojekt von Asteris Kutulas
Von Sofia Stavrianidou

30 Jahre. 40 Länder. 4 Kontinente.
600 Stunden Film. 54.000.000 Frames.
Der in Deutschland lebende Publizist, Produzent und Filmemacher Asteris Kutulas hat den griechischen Komponisten Mikis Theodorakis zwischen 1987 und 2017 ungezählte Male besucht; er begleitete Theodorakis auf Tourneen und ließ dabei seine Videokamera laufen. Kutulas filmte Theodorakis bei Konzerten, während diverser Proben mit Orchestern, Solisten, Bands, on Stage und Backstage, bei CD-Aufnahmen in Studios, bei Opern- und Ballett-Produktionen, in Hotellobbys und auf Hotelzimmern, in Bussen und Lokalen, auf Ausflügen und während privater Treffen.
Das zwischen 1987 und 2017 gefilmte Material bildet einen umfangreichen Fundus von etwa 600 Stunden. Aufgenommen wurde es in Berlin, Athen, St. Petersburg, Verona, Santiago de Chile, Sydney, Tel Aviv, Budapest, Wien, Kopenhagen, Malmö, Pretoria, Çeşme, Amsterdam, Montreal, London, Brüssel, Luxemburg, Barcelona, Zürich, Oslo, Paris, auf den griechischen Inseln Chios, Kreta und Syros usw. usf.

SATELLITE CLIPS – Das ungenutzte Filmmaterial (Die Trailer)
Die „Satellite Clips“ umkreisen den Hauptfilm DANCE FIGHT LOVE DIE, der ihnen als Heimatplanet gilt. Die Formel lautet: Satellite-Clips = aus dem für den Hauptfilm nicht genutzter 600-Stunden-mit-Mikis-Fundus + Fiction- und Making-of-Material, das während der Shootings mit den Schauspielern und den jungen Musikern zwischen 2014 und 2017 entstanden ist.
Diese Clips, die als Trailer für den Hauptfilm fungieren, werden in den nächsten Monaten bis zur Premiere des Hauptfilms nach und nach im Internet veröffentlicht. Sie tragen den Namen des an der Entstehung des jeweiligen Clips maßgeblich beteiligten Künstlers bzw. Mitarbeiters des Regisseur.

DANCE FIGHT LOVE DIE – With Mikis On The Road (Der Film)
Docufiction von Asteris Kutulas – mit Mikis Theodorakis, Sandra von Ruffin, Stathis Papadopoulos und vielen anderen (in Postproduktion, Fertigstellung: voraussichtlich Ende 2017)

Aus dem während dreier Jahrzehnte entstandenen Fundus mit mehr als 600 Stunden unveröffentlichten Film-Materials wird ein 90minütiger hybrider Film-Essay, der den Zuschauer spannende, überraschende, skurrile, mysteriöse, aber auch sehr typische Augenblicke aus dem On-the-Road-Leben eines unverwechselbaren und charismatischen Künstlers miterleben lässt. Augenblicke, die einen umfassenden und originären Einblick in die „Agenda des geistigen Anarchisten“ Theodorakis erlauben. Kutulas verschmilzt in seinem Film sehr persönliche Momente mit historischem Material, dokumentarische Aufnahmen mit humorvoll-grotesker, teilweise verstörender Fiktion, und er macht erlebbar, welchen Widerhall Theodorakis’ Musik in den Arrangements junger Künstler findet – u.a. als Rock-, Klassik-, Electro- oder Rap-Version. Im fiktionalen Parallel-Universum des Films (inspiriert vom autobiographischen Roman des Komponisten „Die Wege des Erzengels“) erscheint die „Liebe“ als Chimäre, der „Tanz“ als Verzweiflungstat, der „Tod“ als Kontrastprogramm, der „Kampf“ als verführerischer Widergänger, der uns immer aufs Neue gegenübertritt und prüft.

Sofia Stavrianidou

Gert Hof: Regisseur, Lichtarchitekt, Künstler

 

On the road with a friend (1998 bis 2012)

Als ich Gert 1998 bei einem Theodorakis-Projekt in Berlin kennenlernte, schien er mir irgendwie abgehoben und gleichermaßen bodenständig, arrogant, ein Arbeiter vor dem Herrn, unfreundlich, einnehmend, sehr konkret in seinen Vorstellungen, divenhaft, genialisch.

Photo © Asteris Kutulas

Mich beeindruckten jedenfalls seine unachahmliche Art und seine konsequenten Denkstrukturen, und wir beschlossen, weiter zusammenzuarbeiten. Gert entpuppte sich als Kontrollfreak, als Seismograph für menschliche Verhaltensmuster. Egal, ob es um Verhandlungen mit unseren verschiedenen Partnern ging oder um die Planung eines nächsten Events – er lehrte mich, das Panoptikum menschlicher Unzulänglichkeiten klar zu erkennen. Seine bohrenden und gnadenlosen Fragen über jedes Detail, sein Analytikerhirn, brachten nach kürzester Zeit die wahren Fähigkeiten – und vor allem Unfähigkeiten – vieler unserer Partner zutage. Ich hasste ihn für diese offenbarende Art, gewöhnte mich aber schnell daran, mich in der Arbeit einsam zu fühlen. Die Luft in der Liga, in der wir zu arbeiten begannen, das merkte ich bald, war sehr dünn. Ich musste, durch Gert dazu getrieben, viele Entscheidungen treffen, die mein Leben veränderten. In den ersten Monaten unserer Zusammenarbeit dachte ich oft, Gert sei größenwahnsinnig, bis ich mich seinem Größenwahn anschloss.

Denn Gert hatte mir, gleich als wir uns kennenlernten, sein Konzept einer gigantischen Lichtschow erläutert. Ich begriff, dass tatsächlich weltweit noch keine Eventform existierte – außer der des Feuerwerks -, die von Hunderttausenden oder gar Millionen live miterlebt werden konnte. Es gab zwar Mega-Konzerte, bei denen Laser und Licht eingesetzt wurden, aber keine Show, die die Möglichkeit bot, eine ganze Stadt einzubeziehen und zu entertainen. Monate später, nach unseren Events in Berlin, Athen, Budapest und Peking, konnten dann alle, die das erlebt hatten, feststellen, dass selbst die größten Musikshows winzig wirkten im Vergleich zu dem, was wir inzwischen realisiert hatten.


Photo © Asteris Kutulas

Und ich erkannte, dass nicht das gewaltige Equipment diese Schows so außerordentlich machte, sondern der Umstand, daß wir es hier mit einer INSZENIERUNG zu tun hatten, die mehrere Elemente (u.a. Musik, Pyrotechnik, Neonarchitektur, Feuerwerk, Licht, Heliumballons, Statisten) vereinte. Viel wichtiger als die Hardware waren also das kreative Potenzial im migränegeplagten Kopflabor von Gert, seine 25jährige Theater-Erfahrung, seine über 20jährige Arbeit im Musik- und Filmgeschäft, seine architektonischen Visionen.


Photo © Asteris Kutulas

Denn es gab in der vor-hofschen Ära keine ausgeprägte „Ästhetik des Lichts“ – jedenfalls nicht in dieser Dimension und schon gar nicht im Outdoor-Event-Bereich -, vor 1999 interessierte sich keiner für dieses Phänomen, außer in Gesprächen über Dritte-Reich-Symbolik. Das „Licht“ führte ein Nischendasein. Gert hat es davon befreit, er befreite es auch aus der speerschen-nationalsozialistischen Umarmung, er machte es „hof“fähig für die moderne Kunst, fürs Entertainment, verlieh ihm die visionäre Kraft einer „Architektur am Himmel“, er schuf in gewisser Weise ein neues Kunstgenre, und er brachte es in die Feuilletons. Das ist vielleicht Gerts größtes Verdienst – er hat den Weg frei gemacht.

Well done, my friend, well done …

© Asteris Kutulas, 2012

Das Phänomen Theodorakis


Maria & Mikis, Photo by © Asteris Kutulas

Mikis Theodorakis, der Komponist, der Weltbürger, der kompromisslose Demokrat war Zeit seines Lebens ein Vollblutmusiker, der unaufhörlich komponierte, dirigierte, produzierte – Songs und Sinfonien, Ballette und Opern, Filmmusiken und Kammermusik. Sein musikalisches Schaffen und sein gesellschaftliches Engagement führten häufig zu extremen Gegenpositionen, er selbst galt stets als gedanklicher Extremist. Für die Linken ein Rechter, für die Rechten ein Linker. Für akademische Musikkritiker ein Popmusiker, für die Popmusiker ein klassischer Komponist. Er richtete sich auf keinem dieser Plätze ein. Er war und blieb ein Anarchiker. Ein weltoffener Geist, mit einem minutiösen Gedächtnis, rhetorisch versiert, gebildet, sensibel, voller Humor, umgeben von einer pulsierenden Aura, äußerst diszipliniert, ein begnadeter Geschichtenerzähler, sehr ernsthaft, spontan, lesehungrig – „ein deutscher Komponist, der im Raum der Ägäis geboren wurde“, wie er selbst sagt, „und ein kretischer Liedermacher, der in Paris gelebt hat“.
Eine Umfrage außerhalb Griechenlands ergab, dass Theodorakis der berühmteste Grieche im Ausland ist. Er hat weltweit mehr als 70 Millionen Platten und CDs – mit „griechischer Musik“ – verkauft. In Griechenland selbst kennt ihn jedes Kind. Für die Griechen ist er „Mikis“. Sie haben ihn geliebt und gehasst, ihn gehört und ihn verboten. Er musste mehrmals ins Gefängnis, und er wurde weltweit gefeiert. Für viele ist er der Inbegriff Griechenlands.

Die Gründe, die Ursachen für dieses einmalige Phänomen sind für Nicht-Griechen wahrscheinlich kaum nachvollziehbar. Es entstand, als Theodorakis ab 1960 die hohe Dichtung seines Landes (Elytis, Ritsos, Seferis, Gatsos etc.) „in den Blutkreislauf der breiten Masse einzuspeisen begann“. Der Brite Ron Hall brachte es wie folgt auf den Punkt: „Es war, als hätte Benjamin Britten Verse von Auden vertont, und die Platte, besungen vom Erzbischof von Canterbury, hätte die Beatles aus den Hitlisten verdrängt“. Oder, um das für Deutschland zu übersetzen: Man stelle sich vor, Hans Werner Henze würde Gedichte von Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Erich Fried und Hans Magnus Enzensberger vertonen und die damit veröffentlichten Platten, besungen von Hermann van Veen, würden sich fünf Jahre lang durchschnittlich 12 Millionen mal verkaufen. Genau das geschah mit Theodorakis’ Liedkompositionen in Griechenland zwischen 1961 und 1966. Allein die Single von „Am Strand“ (mit dem gleichnamigen Text von George Seferis) verkaufte sich 1964 mehr als 400.000 mal, bei einer Bevölkerungzahl von 7 Millionen Griechen. 1963 bekam George Seferis den Literatur-Nobelpreis – auch für den Zyklus, den Theodorakis bereits 1961 vertont hatte. Und für das Werk „Axion Esti“, auf dessen Grundlage Theodorakis 1960 sein gleichnamiges Oratorium komponierte, wurde Odysseas Elytis 1979 der Literatur-Nobelpreis verliehen. Es gibt selbst heute kaum einen Griechen, der diese Lieder nicht kennen und singen könnte, der also nicht durch Theodorakis‘ Musik die hohe Dichtung inhaliert hätte.

Der zweite Grund für die Existenz des Phänomens „Theodorakis“, eng verzahnt mit dem eben beschriebenen, bestand im kulturpolitischen Impetus, den seine Musik umgab. Theodorakis verband Anfang der sechziger Jahre seine Kunst sehr bewusst mit einem emanzipatorischen Anspruch: mit dem Gedanken an die Freiheit des Individuums. Im monarchistischen und polizeistaatlich geführten Griechenland zu Beginn der sechziger Jahre entwickelte diese Kombination von Dichtung, Musik und individuellem Freiheitsanspruch eine unglaubliche Dynamik. Und es verwundert nicht, dass viele seiner Lieder damals nicht nur vom Staatlichen Rundfunk – wegen „Aufhetzung gegen die herrschende Ordnung“ (gemeint waren Liebeslieder) – verboten, sondern auch von der kommunistischen Linken stark kritisiert und zum Teil unter Verdikt gestellt wurden (wie die Revue „Lied des toten Bruders“).

Dabei beschäftigte sich Theodorakis bis 1960 ausschließlich mit der sogenannten ernsten Musik. Seine Ballette, Klaviersonaten und sinfonischen Werke wurden in London, Paris, Rom, Athen und Stuttgart etc. aufgeführt. Er hatte bei Olivier Messiaen sein Zusatzstudium absolviert und erhielt für sein sinfonisches Schaffen Ende der fünfziger Jahre von Kollegen wie Kodály, Casals, Eisler, Schostakowitch und Milhaud eine Reihe von hochdotierten Preisen und Ehrungen. Das Ballett „Antigone“ (1959) wurde in der Choreographie von John Cranko vom Royal Ballet mehr als 150 mal in Covent Garden aufgeführt.

Theodorakis‘ Rückkehr nach Griechenland 1960 und seine Besinnung auf das Lied geschahen aus der Erkenntnis heraus, dass er zu seinen Landsleuten gehörte – zu ihnen, mit denen zusammen er Anfang der vierziger Jahre gegen die Deutschen und Italiener gekämpft, mit denen er den Bürgerkrieg durchlitten und die schweren Jahre nach 1950 durchgemacht hatte. Diese „unterirdische“ – biografisch-seelische – Verbundenheit mit seinen Landsleuten war für ihn die Basis, um seine Kunst-Lieder (die wie „Volkslieder“ funktionierten) schreiben zu können und sie den Menschen zu geben. Theodorakis „musste“ 1960 das akademische London und das mondäne Paris verlassen, und er musste sich mit dem „Bouzouki“ die Hände dreckig machen. Er tat es für sich und seine Landsleute, die ihn dafür umjubelt und gleichzeitig verdammt haben. Und nach weiteren 20 Jahren Beschäftigung mit dem Lied und seiner „Metasinfonik“, kehrte er 1980 nach Paris zurück, komponierte bis 2001 seine großen Sinfonien und schuf mit seinen Opern „Medea“, „Antigone“ und „Elektra“ eine „neugriechische Opernform“, die er „lyrische Tragödie“ nannte. Theodorakis hat uns Griechen einfach „zu viel“ gegeben, und wir tun uns schwer damit, ihm das jemals zu verzeihen.

© Asteris Kutulas, 2010/2017

Costa-Gavras, Sandra von Ruffin und New Visions…

 

Hellas Filmbox Berlin, Second Edition: 18.1.-22.1.2017, Babylon
60 Filme, 30 Slots, 20 Q&As, 6 Nebenveranstaltungen, 1 Ausstellung
Webseite: www.hellasfilmbox.de
Facebook: www.facebook.com/hellasfilmbox

Griechenland Aktuell sprach mit Asteris Kutulas, dem Filmregisseur, Gründer der Deutsch-Griechischen Kulturassoziation e.V., Festivaldirektor des 1. Festivals und Übersetzer griechischer Literatur, über das Festival HELLAS FILMBOX BERLIN, über Costa-Gavras, über die deutsch-griechischen Beziehungen und die aktuelle Situation in Griechenland.

graktuell.gr: HELLAS FILMBOX BERLIN ist ein griechisches Filmfestival. Es wurde im Frühjahr 2015 gegründet, um das hochaktuelle und künstlerisch äußerst spannende Filmschaffen Griechenlands in den Fokus des deutschen Publikums zu rücken. Möchten Sie uns von Ihrer Initiative als Gründer und auch als Direktor des Festivals erzählen?

Asteris Kutulas: Die Gründung des Festivals HELLAS FILMBOX BERLIN durch Ina und mich und dann offiziell durch die Deutsch-Griechische Kulturassoziation e.V. bedeutete 2015 ein künstlerisches Statement in einer für die Beziehungen beider Länder sehr schwierigen Zeit. Die waren seit dem Zweiten Weltkrieg nicht so schlecht wie zwischen 2010 und 2015. Wir glaubten, dass Anfang 2015 der richtige Moment gekommen war, den deutsch-griechischen Dialog in Gang zu halten und zu beförden. Bei unserem 1. Festival waren die dort gezeigten 71 Filme etwas wie das Aufleuchten eines sehr reichen Kosmos. Jetzt, beim 2. Festival, wird das nicht anders sein. 60 Filme in fünf Tagen.
Das Medium Film ist unserer Ansicht nach ideal geeignet, Menschen aus Deutschland und Griechenland immer neu miteinander ins Gespräch kommen zu lassen, aber auch, um die Qualität der Filme für sich bzw. für das hohe Niveau des griechischen Filmschaffens und die Kompetenz der griechischen Filmemacher sprechen zu lassen. Besonders diese Künstler sind Seismographen und visuelle Chronisten der Geschehnisse in ihrem Land.
Festivaldirektor war ich beim 1. Mal, als das HELLAS FILMBOX BERLIN Projekt angeschoben war. Mein Ziel war, diese Funktion dann abzugeben. Mit Sandra von Ruffin hat das Festival ab 2016 eine Direktorin bekommen, die Herausforderungen zu begegnen weiß. Und was sie nicht weiß, das bringt sie in Erfahrung. Es ist spannend mitzuerleben, was da zustande kommt und wie das Festival tatsächlich jung bleibt.

graktuell.gr: Costa Gavras ist dieses Jahr der Ehrengast des Filmfestivals. Wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen?

Asteris Kutulas: Dass Costa-Gavras kommt, ist eine große Ehre für uns. Er hat – zusammen mit Michalis Cacojannis, Nikos Koundouros und einigen anderen – in den Sechzigerjahren den internationalen Durchbruch für den Neuen griechischen Film erzielt und konnte beides gewinnen: die Kritik und ein internationales Publikum. Bei HELLAS FILMBOX BERLIN lag der Fokus vor allem darauf, die Sicht griechischer Filmemacher auf die Krisensituation ihres Landes erfahrbar zu machen. Deshalb wurden hauptsächlich Filme gezeigt, die in jüngster Zeit entstanden sind, sehr aktuelle Filme. Trotzdem sahen wir von Anfang an, dass die filmische Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen den aktuellen Filmen Werke zugesellt, die Rückblicke ermöglichen und das Jetzt mit dem Vorher verbinden. Griechische Geschichte wird präsent und steht in unmittelbarem Zusammenhang mit heutigen Ereignissen und Erscheinungen. Erst so kann die aktuelle Situation des Landes in ihrer Vielschichtigkeit erfahren werden. Man wird Griechenland nicht verstehen, wenn man die Kriegsereignisse, den Bürgerkrieg oder die Junta-Zeit außen vorlässt, wenn man die Diaspora nicht mitbetrachtet. Costa-Gavras ist ein bis heute höchst aufgeschlossener Filmemacher. Wenn so jemand zu HELLAS FILMBOX kommt, dann muss man keinen Roten Teppich ausrollen und keine Orden parat halten, sondern dann ist jemand dabei, der viele Zeiten vereint und deshalb einen einzigen Moment zu etwas Großem und Besonderem werden lässt. Costa-Gavras steht für Vieles, was Griechenland eben auch ausmacht – Internationalität, kritischer Geist, Dialog, Flexibilität, Interesse, Durchhaltevermögen. Es wird in Deutschland etliche Filmemacher geben, für die Costa-Gavras ein Kollege ist, mit dem man sehr gern einen Film zusammen drehen würde. Costa-Gavras bringt diese Energie mit, die sich in Berlin-Mitte sicher wunderbar verbreiten wird. Dass er überhaupt die Zeit gefunden hat … Jedenfalls ist es großartig, dass diese Regisseur-Legende zu unserem Festival kommt.

graktuell.gr: Ein besonderes Anliegen der HELLAS FILMBOX BERLIN ist, mit Sparten wie „Neue Visionen“ außergewöhnliche und neuartige Filme aus den Bereichen Kunst, Animation und Experimental zu zeigen und zu fördern. Was planen Sie noch, und wie reagiert das Berliner Publikum auf das Filmfestival?

Asteris Kutulas: Wir wollten gern Filme einladen, die bei vielen Festivals gar nicht eingereicht werden können, weil sie weder Spielfilm noch Dokumentarfilm sind, also in keiner Sparte verortet werden können. Mit „New Vision“ ist eine Kategorie geschaffen, die Künstlern die Möglichkeit gibt, freiere Formen zu präsentieren. Das wird unserer Meinung nach der Tatsache gerecht, dass Film ein Spiegel des Weltgeschehens ist. In dieser Welt ist inzwischen so vieles miteinander verflochten, in der Kunst und anderswo geht es ständig Cross Over, die Sprachen vermischen sich, neue Medien entstehen, selbst die museale Welt verändert sich usw. usf. Wir fanden es unerlässlich, darauf zu reagieren und Filme zu präsentieren, die um neue Ästhetiken ringen, weil sie die Auseinandersetzung mit sich verändernden Inhalten wagen. Was nirgendwo gezeigt werden könnte, kann bei „New Vision“ zu sehen sein.
Das Publikum hat vom ersten Augenblick an unser Festival angenommen. Es waren beim 1. Festival packende, dramatische und informative Filme zu erleben. Ich glaube übrigens auch, dass gerade „New Vision“ zu Griechenland gut passt. Da zeigt sich etwas, wovon sonst kaum die Rede ist – ein kreativer Geist, der das Publikum sucht, als Dialogpartner, offen für Gegenpositionen, für das Experiment. Eine ganz wesentliche Seite meines Heimatlandes: der Mut zum Risiko, die Neugier, der Funke Hoffnung. Den hat es in Griechenland immer wieder gegeben. Costa-Gavras ist übrigens auch in dieser Hinsicht von Bedeutung. Ebenso ein gestandener Filmemacher wie Pantelis Voulgaris. Das sind Regisseure der älteren Generation, die dann mit im Publikum sitzen und sich Filme anschauen, die bei „New Vision“ laufen. Ich glaube, das macht die Atmosphäre von HELLAS FILMBOX mit aus, die das Publikum sucht und begeistert. Man kann mit den Filmemachern ins Gespräch kommen, man erlebt so viele Regisseure. Mitten in Berlin ist man mit einem Bein in Griechenland und selbst eine Brücke.
Wir wollten von Anfang an innovativ sein. Deshalb haben wir für die Gewinnerfilme eine Road Show organisiert, die mehrere Filme auch in andere deutsche Städte brachte. Das ist eine großartige Sache. Noch mehr Menschen können aktuelles griechisches Kino erleben. Die Road Show, die nach dem 1. Festival einmal ihre Tour gemacht hat, war ebenfalls gut besucht, also eine gute Idee.
Ich könnte mir vorstellen, dass HELLAS FILMBOX BERLIN noch viel künstlerischer werden könnte. Dass man sich mit einzelnen Regisseurinnen und Regisseuren, mit Schauspielern und Drehbuchschreibern weitergehend beschäftigt – das hat ja gerade erst begonnen. HELLAS FILMBOX ist ein großartiger Rahmen, der sich immer wieder verändert und verändern wird. Zum einen kann man in der Programmgestaltung flexibel bleiben, zum anderen kann man immer wieder neue Räume finden für Side-Events, man kann im Prinzip das ganze Festival auch einfach „auf den Kopf stellen“, neu erfinden, verkleinern, den Charakter ändern und inhaltlich immer wieder andere Schwerpunkte setzen. Also, es macht Spaß. Und darauf kommt es an. Man hat so etwas wie einen Baukasten, und was der enthält, wird immer wieder ausgekippt.

graktuell.gr: Wie sehen heute die deutsch-griechischen Beziehungen aus, nachdem sie während der sogenannten Finanzkrise so gelitten haben?

Asteris Kutulas: Im Moment erfährt man in Deutschland darüber wenig. Um Griechenland ist es fast erschreckend still geworden. Mir persönlich kommt es so vor, als ginge es vielen wie nach einer Magenverstimmung. In Griechenland gab es sicher eine fürchterliche Enttäuschung darüber, dass an „den Griechen“ kein gutes Haar mehr gelassen wurde und viele in Deutschland sich an nichts mehr zu erinnern schienen, was ihnen an Griechenland eigentlich doch lieb gewesen war. Beim Geld hörte die Freundschaft sprichwörtlich auf. Das war tatsächlich ein Schock. Dass ein ganzes Volk so einfach über einen Kamm zu scheren war – man hätte nicht annehmen können, dass das in Deutschland möglich wäre. „Die faulen Griechen“, „die gerissenen Griechen“. Dass mit der Nazi-Keule zurückgeschlagen wurde, war kaum verwunderlich. Das führte auch in Deutschland zu Enttäuschungen. Ich glaube, der Varoufakis-Stinkefinger-Skandal, den Jan Böhmermann mit seinem Fake-Video ausgelöst hatte, brachte eine wichtige Wende. Das warf Fragen danach auf, wie sicher man sich sein konnte, durch die Medien nicht manipuliert zu werden. Wie sehr man selbst in Klischeedenken verfallen war und und und … Erst das verursachte bei vielen ein Innehalten. Auf einmal wurde die Berichterstattung über Griechenland zunehmend kritisch betrachtet. Einige werden es bedauert haben, eine Zeitlang auch davon überzeugt gewesen zu sein, dass „die Griechen“ faul sind, eigentlich, nichts zustande bringen, von Feta und Fakelakia leben und andere „am Nasenring durch die Manege führen“ zu wollen, wie es die Bundeskanzlerin formulierte. Die Leute sind wieder gern nach Griechenland in den Urlaub gefahren. Allerdings landeten sie in einer noch stärker veränderten Situation. Zehntausende Flüchtlinge, die über das Mittelmeer gekommen sind und in Griechenland festhängen – das wirkt sich aus. In den Filmen der griechischen Filmemacher ist das ein großes Thema. Es verbindet beide Länder, obwohl in ganz Europa die Grenzen dicht gemacht werden. Und nicht zu vergessen: Die Troika-Institutionen sind noch immer in Griechenland. Wer fragt eigentlich danach? Die Situation vieler Menschen hat sich weiter verschlechtert. Noch immer verlassen Zehntausende jedes Jahr ihre Heimat. Vielleicht sieht man inzwischen, dass Griechenland nicht Deutschlands großes Problem ist. Ich jedenfalls denke, dass das Berliner Publikum u.a. deshalb zum Festival kam und kommt. Letztes Jahr, um eine andere Sicht auf das Land haben zu können als die, die die Medien boten. Dieses Jahr möglicherweise, um mit Griechenland in Kontakt zu bleiben und sich seiner Lebendigkeit zu versichern.

© Asteris Kutulas, 12. Januar 2017

„IM BANN DES SPIEGELS“ Show

 

Rehearsal Video Blinks „Im Bann des Spiegels“ Show

Film blinks / my view of some rehearsal moments of the Apassionata show in Riesa (October 2015). This show was created, composed and directed by Holger Ehlers. I was involved as dramaturg and artistic consultant. I have shot these blinks with my iPhone during our rehearsals. With Lana, Olena, Joazi, Andreas, Laurent, Giulia, Gilberdan, Maia, Michal, Angelina, Iury and all others from this phantastic team.

Asteris Kutulas

Holger Ehlers, Show Creator (Interview)

An interview film by Asteris Kutulas (Deutsch/English subtitles)

Bei „Apassionata“ arbeitete ich als Executive Producer und als Dramaturg ab 2010 zusammen mit dem Show-Creator Holger Ehlers, der seitdem alle „Apassionata“-Produktionen als künstlerischer Direktor (Buch, Komposition, Regie) verantwortet. Die ständige Weiterentwicklung, die die „Apassionata“ in den letzten Jahren durch Holger Ehlers erfahren hat – nämlich von einer Pferde-Nummern-Revue hin zu einer phantasmagorischen Family-Entertainment-Show von Weltformat –, machte sie zu einer immer ausgefeilteren und komplexeren Aufführungsform, die zugleich – und das ist das Beachtliche daran – immer publikumsaffiner wurde.
Parallel dazu kreierte Holger Ehlers mit seinem Team zwischen 2014 und 2016 für ein Theater-Projekt eine kongeniale Show und gab ihr den Titel DER TRAUM. Diese Show ist wie dafür geschaffen, mein seit über zehn Jahren entwickeltes Konzept des „Liquiden Bühnenbilds“ (Liquid Staging) in einem Theater konkrete Gestalt annehmen zu lassen.
Im Stück DER TRAUM erzeugen Musik und Sound als Klangerlebnis ein „emotionales Grundrauschen“, das ergänzt wird vom – wie ich es nennen würde – „Storyboard eines modernen Grimmschen Märchens“. Holger Ehlers benutzt als drittes Element seine eigene spezifische Bildwelt, um jene Wärme eines Zuhause zu erzeugen, in dem er seine Geschichten erzählen kann. Mein Konzept des „Liquiden Bühnenbilds“ vermag es schließlich, jenen emotionalen Raum der Illusion zu erschaffen, den dieses neue Genre braucht, um sich in idealer Art und Weise zu präsentieren.

Asteris Kutulas

Hellas Filmbox Berlin – Strategie und Konzept

 

Interview mit Festivaldirektor Asteris Kutulas
Von Maria Brand (November 2015)

Hellas Filmbox Berlin, First Edition: 21.1.-24.1.2016, Babylon
71 Filme, 36 Slots, 25 Q&As, 10 Nebenveranstaltungen
Webseite: www.hellasfilmbox.de
Facebook: www.facebook.com/hellasfilmbox

Maria Brand: Welche sind die wichtigsten Faktoren, die man Ihrer Meinung nach beachten muss, wenn man vorhat, ein Besucherfilmfestival auf die Beine zu stellen?

Asteris Kutulas: Es gibt wunderbare Festivals, die es sich leisten können, den rein künstlerischen (oder „avantgardistischen“) Aspekt in den Mittelpunkt zu rücken. Andere Festivals wollen eher ein breites Publikum erreichen, und das gelingt vor allem thematisch. Und dann gibt es die großen Festivals, die beides vereinen können.
Aber bei einem so genannten Publikumsfestival, wie wir es vorhaben, geht es immer darum, eine „Zielgruppe“ zu erreichen und um „Vermarktung“. Und natürlich darum, und vor allem darum, dass die Filme und das Publikum irgendwie „zusammenkommen“ sollten. Das muss man als Festival-Macher im Auge haben und ein strategisches Konzept dafür entwickeln. Es ist also nicht so sehr ein „künstlerischer“, sondern eher ein „kultur-politischer“ Fokus notwendig. Das kann man auch mit „Marketing“-Relevanz umschreiben oder damit, dass man dem Festival einen „Event-Charakter“ (was immer das heißen mag) geben muss.
Es ist wichtig zu begreifen, was das bedeutet: dass es in einer Stadt wie Berlin (und das gilt für andere Metropolen noch mehr) hunderte von Festivals gibt. Denn das wirft sofort die Frage auf: Warum noch eins mehr? Was muss man unternehmen, damit die Presse und das Publikum überhaupt auf dieses eigene, neue Festival reagieren? Von Bedeutung sind bereits im Vorfeld Gespräche mit Pressevertretern, Kulturpolitikern und eventuellen Sponsoren, um von vornherein Entscheidungen treffen und eine Struktur aufbauen zu können, die „Öffentlichkeit“ und Finanzierbarkeit überhaupt realistisch erscheinen lassen.
Und schließlich sollte man ein Team haben – verrückt genug, viel Zeit und Energie in das Projekt zu stecken – und das alles ohne Geld. Voraussetzung dafür ist, dass das Projekt den Machern Spaß macht, dass sie zu 100% hinter dem Projekt stehen und es unbedingt realisieren wollen. Durch diese Energie, das Durchhaltevermögen und zugleich die notwendige Professionalität bekommt das Ganze dann auch eine „Aura“ und eine „Message“ und dadurch wiederum jene Ausstrahlung, die es braucht, um Filmemacher, Journalisten und ein Publikum zu interessieren und schließlich zu begeistern.

Inwiefern kann Ihrer Meinung nach ein Filmfestival des zeitgenössischen griechischen Kinos in der deutschen Gesellschaft ein Umdenken und eine veränderte Auffassung über den „faulen und korrupten Griechen“ bewirken?

Für viele ist das Medium Film ein zugänglicheres und leichter zu konsumierendes Medium als das Buch, das Gedicht, die Bildende Kunst, das Theater oder anspruchsvollere Musik. Immerhin können an einem Wochenende Tausende von Menschen direkt (und weitere Zehntausende über Presse und Social Media) mit den Welten griechischer (verfilmter) Realität in Kontakt kommen. Unabhängig davon, ob diese als Komödie, Dokfilm, Krimi, Thriller oder Short auf der Bildfläche erscheint, ist diese filmische Realität doch immer ein sehr spezifischer Ausdruck griechischer Lebensweise, Denkungsart, aber auch des Alltags – und sei es, dass sie als eine vollkommen überspitzte Realität zu sehen ist. Das alles hat jedenfalls tatsächlich mit Griechenland und „den Griechen“ zu tun, und nichts mit deutschem Tagesjournalismus.

Sie sprechen über die anti-griechischen Kampagnen in der deutschen Presse?

Die Medien haben fünf Jahre lang ein Griechenlandbild vorgegeben, wie wenn man auf Griechenland durch einen sehr kleinen Rahmen schaut. Beim Fotografieren wäre das der Sucher, der einen begrenzten Bildausschnitt festlegt. Man hat sich auf das Negative konzentriert und das in den Fokus gerückt. HELLAS FILMBOX BERLIN macht den Rahmen des Suchers und damit den Bildausschnitt viel größer. Bei der „Bild“ z.B. heißt es: „Bild dir deine Meinung“. Es geht also interessanterweise tatsächlich um Bilder: Was haben wir vor dem Inneren Auge? Was haben wir im Blick, wenn wir an Griechenland denken? Ein Bild von etwas macht man sich. Das ist also etwas ganz Aktives. Wenn ich einerseits die Medien in Deutschland sehe, die einseitige Vor-Bilder geliefert haben, dann ist es andererseits die Sache von HELLAS FILMBOX BERLIN, mehr und andere Bilder anzubieten. Und wenn ich vorhin sagte, das Projekt muss den Machern Spaß machen, dann sind die vielen anderen Griechenland-Bilder, die wir zur Verfügung haben, genau das, was dem Team diesen Spaß beschert: ein reicher Fundus statt dieser beschränkte Bild-Ausschnitt.

Ist ein solches Projekt mit öffentlicher Förderung finanzierbar?

Wenn das Projekt aktuell „wichtig“ und ganz offensichtlich in irgendeiner Weise Ausdruck des „Zeitgeists“ ist, und wenn es von einem guten Team konzipiert und gemanagt wird, dann kann es sich auch finanziell über kurz oder lang „durchsetzen“. Egal, ob das mit öffentlicher Förderung, Sponsoring oder über den Ticketverkauf und/oder durch Selbstausbeutung erreicht wird.
Das Interessante an unserem HELLAS FILMBOX BERLIN-Projekt ist, dass wir sowohl sehr künstlerisch als auch sehr „politisch“-aktivistisch daherkommen, was eine Finanzierbarkeit sehr schwierig macht. Wir haben kein Geld und auch keinen Glamour, HELLAS FILMBOX BERLIN ist kein „Roter-Teppich-Event“, sondern ein „Schwarzer-Teppich-Event“.

Was muss ein Kulturmanager mitbringen, der so ein Projekt auf die Beine stellen will?

Ein Filmfestival kann eigentlich „jeder“ machen – oder eben nur ganz wenige … Je nachdem, wie man’s nimmt. Es ist ganz einfach: Man braucht „nur“ etwas Geld, man sucht sich ein Thema, ein Motto, man lässt sich ein paar Filme schicken, schaut sie sich an, stellt eine Auswahl zusammen, mietet für ein Wochenende ein Kino, verschickt eine Presserklärung und wartet ab, was passiert. So ungefähr – sehr überspitzt gesagt – werden viele Festivals „gemacht“. Das ist keine Negativ-Bewertung meinerseits, sondern ich will damit sagen: Jede „Liebhaberei“ entspringt einer Passion; und von einer Idee dahin zu kommen, dass das Festival tatsächlich stattfindet – das ist immer mit viel Arbeit und Energieaufwand verbunden. Ich habe davor in jedem Fall Respekt.
Neben solchen eher „privat“ motivierten Projekten gibt es die großen kommerziellen Festivals, quasi das Marketing-Instrument der (vor allem US-amerikanischen) Filmindustrie: Sundance, Cannes, Berlinale, Venedig etc. Dazu gehören ein Millionenbudget, große Namen und viel Glamour. Zwischen diesen beiden Polen gibt es Dutzende Arten von Festivals …
Ich denke, die Aufgabe eines Kulturmanagers besteht zuerst darin, seinem Projekt „Leben“ einzuhauchen, ihm ein „Herz“, einen „Puls“ zu geben. Dafür brauchst du eine „Message“, die allerdings eine essentielle und nicht nur eine „behauptete“ ist – und die du gut „verkaufen“ kannst. Zweitens muss ein Kuturmanager eine organisatorisch und finanziell stimmige Strategie erarbeiten und drittens ein gutes, motiviertes Team zusammenstellen können. Viertens braucht er das „Glück“ auf seiner Seite, das man mit viel Arbeit bis zu einem gewissen Grad durchaus heraufbeschwören kann.

Könnten Sie sich vorstellen, dass dieses Festival mit einem ähnlichen – auf dem gleichen Charakter basierenden – Festival zusammenwachsen kann? In einer Art Fusion, die die einzelnen Kräfte zu einem Katalysator der Schöpfungskraft und Kreativität zusammenführt? Unter welchen Voraussetzungen?

Da mich das „Filmfestival“ als eine Institution an sich nicht besonders interessiert und ich persönlich das Ganze „nur“ aus aktivistischen Gründen mache, kann ich diese Frage mit NEIN beantworten. Aber abgesehen davon, würde ich niemals etwas gründen, was von einem anderen bereits gegründet wurde oder was etwas anderem so ähnlich ist, dass man mit diesem anderen fusionieren könnte. Warum sollte ich das tun?

Was macht bei HELLAS FILMBOX BERLIN die Besonderheit aus, die konkreten Unterschiede? Und welche – würden Sie zusammenfassend sagen – sind die Voraussetzungen für ein individuelles Festival?

Am Anfang stand nicht die Idee, ein künstlerisches oder ein kommerzielles Festival zu machen, sondern hier gab es eine negative, hochproblematische Situation in der Gesellschaft, einen Fanatismus, die Stigmatisierung eines ganzen Volkes – und wir beschlossen, darauf zu reagieren.
Es gab also aktivistische Gründe: Griechenland und seine Menschen wurden in absolut negativer Art und Weise dargestellt. Dialog und Austausch – darum ging es nicht mehr. Darum geht’s aber bei Kunst.
Wo sozusagen alles danach rief, Griechenland den Rücken zu kehren, sich abzuwenden, hatten die Festivalinitiatoren eine andere Intention: hinschauen, sehen, was es gibt, es zu präsentieren, gerade das zu zeigen, was keine Rolle mehr spielte. Im Grunde genommen hatte man den Idealfall: ein Tabu. Und gerade die Jüngeren sind damit aufgewachsen: dass Medien das zum Thema machen, was Tabu ist. Es soll gerade über das intensiv kommuniziert und diskutiert werden, was verschwiegen wird. Und das kreative Leben der Menschen in Griechenland ist genau so etwas.
Mit Griechenland ist hier in Deutschland inzwischen etwas sehr Merkwürdiges passiert: Es ist zu einem plötzlich größtenteils wieder unbekannten, unsichtbaren Land geworden, ein kulturelles No-Go-Areal, das – wie nach einem Vulkanausbruch – unter einer dicken Ascheschicht begraben liegt; und nun geht eine Expeditionsteam daran, es freizulegen. Man entdeckt die Wandmalereien von „Pompej“ wieder. Und nicht nur das. Es stellt sich heraus, an diesem Ort passiert was. Die Vulkanasche ist fruchtbar. Manche Teile sind ganz und gar versunken, wie bei der Insel Santorini, bei der man sich sogar fragt, ob das vielleicht das sagenhafte Atlantis war, also ein verlorener Sehnsuchtsort. Interessanterweise kann man Sehnsuchtsorte mittels seiner Vorstellungskraft rekonstruieren.

Maria Brand, November 2015
(für diablog.eu)

Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern

 

Soeben ist unser neues Buch Asteris Kutulas: Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern beim Schott Verlag erschienen:

Unser Anliegen war es, mit diesem Buch durch eine Vielzahl von Bildern, die begleitet werden von Selbstreflexionen des Komponisten, eine visuelle Annäherung, eine Reise, eine Blickachse hinüber zum Leben des Komponisten Mikis Theodorakis zu ermöglichen – zu einem Leben, das in mehrfacher Hinsicht exemplarisch zwischen zwei Polen verläuft: dem Pol der griechischen und dem der europäischen Musik, dem Pol der populären und dem der sinfonischen Tradition, zwischen dem der Peripherie und dem des Zentrums, zwischen Athen und Paris, zwischen künstlerischer Avant-garde und dem Bewusstsein ursprünglicher Herkunft.
Aus dieser Lebensführung ergab sich in gewisser Weise ein Paradoxon. Theodorakis’ apollinischer Verstand strebte der absoluten Musik zu, seine dionysische Seele spürte der Volksmusik nach. Sein Lebensweg gestaltete sich zu etwas wie dem unermüdlichen Versuch, eine Verbindung zwischen jeweils entgegengesetzten Polen herzustellen, um scheinbare oder tat-sächliche Gegensätze miteinander in Einklang zu bringen.
So dokumentiert dieses Buch – nicht nur in hunderten zum Teil sehr selte-nen Fotos, sondern auch in bislang unveröffentlichten Aussagen sowohl des Künstlers Theodorakis als auch vieler seiner Wegbegleiter – eine in der Kultur- und Musikgeschichte beispiellose Biografie und ein unikales Werk.
Wir hoffen, es wird euch gefallen. Jedenfalls ist dieses Buch nicht nur einfach als ein Fotobuch von uns konzipiert worden, und andererseits nicht nur einfach als ein Foto-Text-Buch, sondern dadurch, dass durch diesen Musiker griechische und europäische Geschichte „hindurchgeflossen“ ist, offenbart es einen speziellen – vom „Aussterben“ bedrohten – Künstlertypus. Wir haben versucht, ein spannendes Buch zu machen: einen aus 80 Doppelseiten-Szenen bestehenden „Spielfilm“, der sich aus Abbildung, Text, Geschichte und Gefühl speist. Viel Spass damit.

P.S. (Danksagung)
Von den insgesamt mehr als 17.000 Fotos, die wir zusammen für dieses Buch gesichtet haben, stammte der überwiegende Teil aus dem Archiv von Myrto und Mikis Theodorakis. Der andere Teil stammt aus den Archiven von Margarita Theodorakis, Anna Drouza (Archiv Niki Tipaldou), Petros Pandis, Nikos Moraitis sowie dem des Ehepaars Sgourakis. Ihnen allen gilt unser aufrichtiger und tief empfundener Dank. In nicht minderem Maße sind wir auch der Musikbibliothek Lilian Voudouri – wo inzwischen das Gesamtwerk von Theodorakis betreut wird – und seiner Direktorin Stephanie Merakos zu Dank für die tatkräftige Unterstützung unserer Arbeit verpflichtet. Für die Originaltextbeiträge danke ich Michalis Cacoyannis, Konstantin Costa-Gavras, Louis de Bernieres, Klaus Hoffmann, Jack Lang, Zubin Mehta, Henning Schmiedt, Herman van Veen, Roger Willemsen, Guy Wagner und Martin Walser. Unser Dank gebührt ebenso Axel Dielmann, ohne den es die beiden Interviews in dieser Form nicht geben würde, sowie Rena Parmenidou, Guy Wagner und natürlich Peter Hanser-Strecker.

Asteris und Ina Kutulas