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Gert Hof gedenkend, 1 Jahr danach

Das war die schlimmste Nachricht des Jahres 2012: Unser Freund, Meister seines Faches, inspirierender Geist, Visionär – Gert Hof starb in der Nacht vom 23. zum 24. Januar 2012. Viel zu früh. Sein Genie zündete den Funken, dessen wir bedurften, um Träume auf Erden wahr werden zu lassen, deren Bilder er an den Himmel zeichnete. Seinen größten Feind nannte er das Mittelmaß, seine Freundin die Unikalität. Immer ging er auf’s Ganze, traf in’s Schwarze, versuchte das Unmögliche. Er bescherte uns Augenblicke, die uns die Welt vergessen ließen, entrückte uns auf das hyperreale Feld eines Kampfes auf Leben und Tod. Von dort hat Gert sich verabschiedet. Er hat den Platz eingenommen, den er sich Augenblick für Augenblick erkämpft hat, dort, eine Handbreit über dem Himmel, von wo der Sonnensturm weht. Alle Sterne seien mit dir, Gert!

(Meine Grabrede widmete ich Nina und Wanja.)

DER LETZTE BRIEF
Für Nina & Wanja

Kamerad Gert,

das ist mein letzter Brief an dich. Die nächsten Briefe werde ich dir nicht mehr schreiben müssen, weil du gleich zurückkommen und dann immer bei mir sein wirst. Jetzt bist du nur kurz raus gegangen, um Zigaretten zu holen. Es ist eiskalt draußen. Nachher wirst du dich wie immer auf dein Corbusier-Sofa setzen, mich anschaun, genauer gesagt: mich sehr erwartungsvoll anschaun. Entweder du hast mich tatsächlich erwartungsvoll angeschaut oder ich bildete es mir immer nur ein. Zwölf kurze Jahre lang. Kurz wie Monate. Dein Blick sagte immer: ‚Ich hab Großes vor, Asteris, lass es mich tun!’ Ab und zu sprang dieser Blick zur Uhr und du wurdest ungeduldig.
Überhaupt – die Uhr, die Zeit, die Erwartung. So lernten wir uns kennen. Ich produzierte gerade in der Passionskirche das Werk „Sonne und Zeit“ von Mikis Theodorakis mit Maria Farantouri und Rainer Kirchmann. Letzterer kannte dich von deiner Zusammenarbeit mit „Pankow“, und er sagte zu mir: „Gert Hof. Der wär genau der Richtige für das, was du vorhast. Das ist ein toller Regisseur. Und der kann super mit Licht umgehn.“ So verabredeten wir uns im „Schwarzen Raben“. „14 Uhr“, sagtest du am Telefon. Was ich nicht voraus gesehen hatte, war der Mangel an Parkmöglichkeiten in der Gegend nahe den Hackeschen Höfen. Und so verspätete ich mich etwa 15 Minuten. Der erste Satz, den du zu mir sagtest, nachdem du kurz auf die Uhr geschaut hattest: „Nicht mit mir.“ Dieses grandiose „nicht mit mir“ reichte immerhin für eine zwölfjährige Beziehung, die teilweise die Dimension – Nina verzeih! – eines Eheverhältnisses annahm.
Was für ein symbolisches Zusammentreffen: Mikis Theodorakis, Gert Hof und das Werk „Sonne und Zeit“! Als Theodorakis im September 1967 in der Isolationshaft des Bouboulina-Gefängnisses, ausgesetzt unsagbarer psychischer Folterung, diese Texte schrieb, saßest du 15jährig im Stasigefängnis von Leipzig. Während der Arbeit an dieser Sonne-und-Zeit-Show … (entschuldige, es war ja keine „Show“) … sprachst du davon, dass diese Tage für dich wie eine Rückreise in einen Albtraum seien, dessen Wunden vernarbt gewesen waren und nun wieder aufrissen. Dich bewohnten viele Albträume mit vernarbten Häuten, die keiner sah, die keiner sehen sollte, die viele nicht sehen wollten.
Für unsere Zusammenarbeit war es ein gutes Vorzeichen, dass sie so existenzialistisch anfing – mit diesem geschundenen, schlecht verheilten Traum, der plötzlich aus dem Koma erwachte und gigantisch wurde wie ein 8.000er. In diesem Werk „Sonne und Zeit“ war vieles von dem, was du erlebt hattest und was auch ich erlebt hatte. Zwei Kinder zwischen den Systemen, zwischen den Welten, zwischen den Leben. Zwei Liebende. Du hast immer die Nacht gesucht und fühltest dich doch pudelwohl unter der grellen hellen griechischen Sonne. Theodorakis hatte immer das Licht gebraucht, und er bekam es von dir für das Dunkel geschenkt.
Mit Theodorakis’ Musik haben wir die meisten unserer Events gemacht. Unter ihnen zwei mit besonderer Bedeutung. Einer davon war im Jahr 1999 die Aufführung der „Mauthausen-Kantate“ von Theodorakis im Washington Holocaust-Museum. Zur gleichen Zeit bereiteten wir einen anderen großen Event vor, nicht nur mit Theodorakis’ Musik, sondern mit ihm selbst am Dirigentenpult: den Millennium-Event auf der Akropolis. In Washington wolltest du kein künstliches Licht haben. Du sagtest mir: „Besorg 1.000 Kerzen. 1.000 Kerzen auf die Bühne für die Seelen der Ermordeten. Kein künstliches Licht.“ Maria sang an diesem Ort im Schein der 1.000 Kerzen, es war überwältigend, es war angemessen.
Sechs Wochen später der Akropolis-Event, und eigentlich wussten wir beide, dass wir es geschafft hatten, gleich zu Beginn unseres gemeinsamen Weges – wie sagtest du so schön: „Mehr geht nicht.“ Zum ersten Mal (und seitdem bisher nie wieder) durfte ein Künstler am Parthenon einen Event machen. Und das zu einer Musik von Theodorakis, von der du sagtest: „Sie ist kongenial.“ Und eben: „Mehr geht nicht.“ Du breitetest die Arme aus.
Es folgten zwischen 1999 und 2010 Dutzende von Events und Konzerten überall auf der Welt. Du warst dabei immer die treibende Kraft. Du hast es oder ES hat dich danach verlangt. Es gab unglaublich schöne Augenblicke, große Enttäuschungen, eine Unzahl euphorischer Momente, viele Zwischenzeiten der Nachdenklichkeit und Stille, außerordentliche Streitgespräche, philosophische Exkurse, Kampf, Niederlagen, Versöhnung. Du hattest wahrscheinlich die Zukunft schon im Auge, dem erblindeten; kein Zufall, dass du mir zu Beginn unserer Freundschaft „Die Kunst des Krieges“ von Sunzi schenktest. „Man sollte niemals in die Schlacht ziehen, wenn man sich nicht sicher sein kann, dass man sie gewinnt.“ Und obwohl das eine deiner Maximen sein mochte, bedeutete dir das „In-den-Krieg-Ziehen“ und zu kämpfen letztendlich mehr als der Sieg. Allerdings … einem Don Quichote glichest du absolut nicht. Dazu warst du zu sehr verbunden mit dem Panzerkreuzer Potemkin, mit Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee“, mit Hans Eislers „Kuhle Wampe“, mit Bernard-Marie Koltés’ „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“, mit Berthold Brechts „Mutter Courage“. Und mit Rammstein.
Du hast zweifellos ein Doppelleben geführt. Auf der einen Seite „die griechische Sandale“, ich, auf der anderen Seite die – so schien es mir – „gnadenlose Maschinerie“ des Rammstein-Imperiums. Zwei Seelen wohnten ach! in deiner Brust, und du hast sie scharf voneinander getrennt. Ich war ich. Rammstein war deine Family. Die Shows von Rammstein – eine direkte Entäußerung deiner Ästhetik. Ohne Wenn und Aber. Ihr habt zusammen gepasst wie die Faust auf’s Auge.
Zu einer der wichtigsten und unbekannteren, dir und Till zu verdankenden Errungenschaften der Jahrtausendwende gehört die als eine solche zu interpretierende Übernahme des Zwickauer Zoos, dem ihr die leicht überhand nehmende Tristesse zu entreißen verstandet. Ihr habt tatsächlich den Zwickauer Zoo gerettet! Ein gehöriges Maß an Zeit habt ihr investiert in die Vergabe menschlicher Vornamen an alle Tiere. Frei variierend habt ihr die offenbar an zu wenig Beachtung leidenden tierischen Kreaturen des Zwickauer Zoos getauft, freigiebig Menschennamen mit Worten malend, sie klanglich überführend in die Ohren dieser Tier-Wesen, sie kreatürlich somit gewissermaßen erhöhend. Till soll sogar da und dort singend Namen vergeben haben, was die Tiere zu Ohrenspitzen, Flattern oder Schwanzwedeln ermunterte. Dein Lächeln wiederum verursachte ihnen Freude, sie sprangen auf und wälzten sich, sie tauchten oder begannen zu klettern. Du wusstest umzugehen mit darbenden Seelen, im kleinen wie im größeren Rahmen.
Auch bei unseren Events begegneten wir immer anderen Extremst-Seelen, die irgendwie unerlöst schienen. In Gallipoli, auf der türkischen Halbinsel im Marmara-Meer hatten wir es mit australischen Beamten zu tun, die sich mehr für das Hotel ihres Ministerpräsidenten interessierten als für das Memorial für die Tausenden im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten, deren Todestag sich zum 90. Mal jährte. In Athen ging es der Archäologischen Gesellschaft darum, die Nachtruhe der beiden Eulen, die auf dem Akropolis-Hügel wohnten, nicht zu stören. In Oman ging es darum, dass der grüne Laserstrahl nicht auf die Iris des Auges des Sultans treffen dürfe. Auf dem Roten Platz ging es darum, dass wir der Wachmannschaft des Kreml genug Wodka zur Verfügung stellen sollten. Auf Malta musstest du bei deinem Antrittsbesuch beim letzten auf der Burg lebenden Ordensritter der Johanniter die Genehmigung für den Event einholen, die die Maltesische Regierung nicht bekommen hatte. Und dann kam Reinhold Messner. Du warst fasziniert von einem Menschen, der ohne Sauerstoffmaske alle 8.000er der Welt bezwungen hat. Als er dich bat, aus der Burg Sigmundskron in Bozen einen Vulkan zu machen und den ganzen Berg verschwinden zu lassen, drehtest du dich zu mir um und sagtest: „Hier bin ich zuhause.“
Du hast den Berg in der Nacht verschwinden lassen, andernorts für Sekunden die Semperoper, die Siegessäule, die Kathedrale von Vilnius. Erst jetzt sehe ich diesen Dualismus klar und deutlich: Da, wo ich meinte, du hättest stets etwas sichtbar gemacht im Dunkel, da erkenne ich jetzt, dass du Noch-Sichtbares hast verschwinden lassen, für Momente, die atemberaubend waren. Du hast uns bewusst gemacht, wie es ist, wenn etwas urplötzlich nicht mehr da ist, wenn das fehlt, was man eben noch gewahr werden konnte.
Die 8.000er bezwingen ohne Sauerstoffmaske … Es war für dich ein passendes Symbol für das, was du mit Leben meintest. Dieses Leben am Limit, das war dein Traum vom Dasein. Bei einem Gespräch mit Messner wurde die Idee geboren, einen Event zu diesem Ideal zu machen – einen Event am Nordpol. Der Nordpol war (abgesehen von der Akropolis) die für dich interessanteste Location. Kälte, Eis, Tod durch Erfrieren. An der Verwirklichung dieses Traums haben wir bis zuletzt gearbeitet. Der Nordpol-Event sollte im September 2012 die Krönung unserer Zusammenarbeit und dein Meisterwerk werden. Wir waren deswegen 2011 nach Island geflogen. Wir kamen dort an zur Zeit des Vulkanausbruchs. Du wolltest nur eins: in die Aschewolke hinein fahren. Um den Wagen herum dichter schwarzer, bald undurchsichtiger Nebel. Du sagtest: „Haltet an hier, haltet an.“ Und dann zu mir: „Hinaus! Raus hier!“ Die Asche flog uns ins Gesicht, drang uns in die Augen. Alles schmerzte. Und du schriest hinein in diesen Ausbruch der Naturgewalt: „Herrlich – nicht?!!“ Ich aber hielt es nicht sehr lange aus, rannte zurück zum Wagen, stieg ein. Unser Fahrer verunsichert. Du bliebst draußen, versuchtest Windschatten zu finden und ein Streichholz anzureißen. Du bliebst stehen in diesem wogenden tiefen Schwarz. Du, der Schwarze Mann. Du rauchtest deine Zigarette zuende. Dann stiegst du ein, glücklich. Wir fuhren zum Gletscher, den du für deine Show ausgewählt hattest. Reinhold Messner und allen Göttern am Limit war es ein Vergnügen.
Wobei ich sagen muss, dass unser tatsächlich letzter gemeinsamer Event auf dieser Erde symbolträchtiger nicht hätte sein können. Bereits 1999 im Washington Holocaust-Museum hatten wir den Gedanken, auch in Europa ein Lichtzeichen zu setzen für die ermordeten Juden in den Gaskammern des Dritten Reichs. Wir fuhren nach Auschwitz, mehrmals. Du entwickeltest ein Konzept, das vom Internationalen Auschwitz-Komitee angenommen wurde. Aber selbst mit dessen Unterstützung konnten wir es nicht umsetzen. Und so blieb es etwas wie ein Versprechen. Das lösten wir dann mit unserem letzten gemeinsamen Event 2010 in Jerusalem ein, beim Abschlusskonzert des Israel Musikfestivals, das zugleich Auftaktevent des Jerusalem Lichtfestivals war. An antiker Stätte, im Schatten der historischen Mauer von Jerusalem. Mit einem großen Davidstern setztest du ein Zeichen gegen das Vergessen. Wie ein Kaddisch aus Licht.
Überhaupt die Musik. Du sagtest immer: „Musik ist die Mutter.“ Das war nicht so dahingesagt. Wie viele Stunden und Tage verbrachtest du mit den Komponisten, von denen die Musik zu deinen Events kam. Christian Steinhäuser blutete wochenlang für die Oman-Show. Mit Westbam und Klaus Jankuhn hast du über Monate zusammengesessen für den AIDA-Event in Hamburg. Du ließest nicht locker, bis Roger Waters dir die Änderungen für den Welcome Europe Event in Malta schickte. Und ich werde nie die von dir immer und immer wieder abgelehnten Musikfassungen für den Millennium-Event in Berlin vergessen, die von Mike Oldfield kamen, den du quasi zwangst, dir immer neue Versionen zu schreiben, bis du damit zufrieden warst. Und nicht zu vergessen Klaus Schulze, der nach vielen gemeinsamen Nächten, die du mit ihm in seinem Dorf bei Hannover verbracht hattest, die Musik für den chinesischen Millennium-Event komponierte. Eingebettet in seine elektronischen Klänge: Volkslieder und Hymnen aus der Mao-Zeit. Es war ein Wunder, dass diese Musik von über einer Milliarde Chinesen während der Live-Fernsehübertragung unseres Events gehört werden konnte. Klaus Schulze flog damals nicht mit, weil er es länger als zwei Stunden ohne Zigarette nicht aushielt. Und mit dem Zug, meinte er, würde die Hin- und Rückreise zu lange dauern. Die Musik war nicht nur deine Welt, die Musik war tatsächlich dein Leben, mehr als alles andere. Ich bin keinem anderen Menschen begegnet, der fast jeden Song von Frank Sinatra, den Einstürzenden Neubauten, den Beatles, aber auch die Arie einer jeden klassischen Oper, der jedes Bachkonzert und jede Einspielung von Glen Gould kannte.
Mir schriebst du: „Let’s Rock!“ Und ich schreib dir heute: On the rocks. Über die Eisberge, an den Vulkanen vorbei, zu den Meeren, bis zum See, auf dem, in einem Boot – wie du sagtest – es am schönsten sei, wenn man auf’s Wasser schaut und zusammen schweigen kann. Ich war für dich der Freund, der, wie du der Welt verrietest, selbstgestrickte Unterwäsche bevorzugte. Zwölf Jahre habe ich mit dem Nadelspiel hantiert und den roten Wollfaden durch die Finger gleiten lassen, damit ich heute diese gestrickte Unterwäsche tragen kann. Ich hab sie bitternötig an diesem eiskalten Tag. Morgen ist Brechts Geburtstag. Er erwartet dich bereits.
Überhaupt – die Literatur. Wo hast du bloß die Zeit hergenommen, um neben dem vielen Musikhören noch so viele Filme zu sehen, dich mit so viel Architektur zu beschäftigen und so viele Bücher zu lesen! Zu unseren Lieblingsbeschäftigungen gehörte, uns apokryphe Satzfetzen aus diversen Romanen und Theaterstücken zuzuwerfen, die kaum ein Dritter deuten konnte. Fichtes Über-Ich, Schopenhauers Farbenlehre, Benno Pludras „“Insel der Schwäne““, Majakowskis Ruf: „“Nach vorn! Stürmt Ozeane! Oder ist im Hafen der Sporn der Panzerschiffe vermodert?““ Und nicht zu vergessen das für viele geheimnisvolle: „„Sprich, Genosse Mauser!““
Ich sprach vorhin über dein Doppelleben. Daneben oder besser: darüber schwebend gab es ein drittes, vermutlich dein wahres Leben. Ob es als das falsche im richtigen oder das richtige im falschen gelten mag – diese Frage, die du immer wieder gestellt hast, werde ich dir viel später bei einem Glas Wodka beantworten können. Jedenfalls war es das, in dem nur zwei Menschen außer dir Platz hatten: Wanja und Nina. Du wolltest sie immer dabei haben, du wolltest sie immer bei dir haben, bei jedem deiner Events. Als wären sie die eigentlichen Augen, die eigentlichen Ohren gewesen, nur diese beiden, abgesehen von dir, der du sowieso, kaum dass etwas vorbei war, es bereits vergessen hattest und nach vorne schautest, immerzu nach vorne. Aber diese beiden, sie nahmen alles in sich auf, bewahrten es, machten für dich etwas Bleibendes daraus. Sie waren deine engsten Dialogpartner, die im täglichen Leben dein Leben am Limit auszuhalten hatten, die alles mitgemacht haben und es genießen durften. „Wie viel Trauer braucht man, um glücklich zu sein?“, das fragtest du in einem deiner Texte. Unsagbar viel, und darum bin ich hier und unsagbar glücklich. Du hast uns dein Gesicht zugewendet. Jetzt erblicken wir dich in unseren Traumgesichten. Mit großen Schritten sehen wir dich gehen, mit ausgreifenden Schritten, so, wie wir uns wünschen, im Dunkel geradewegs auf ein Licht zugehen zu können und im Licht das Dunkel anzunehmen. Auf so vielen Rückreisen waren wir zusammen. Manche Hinreisen hast du allein gemacht. So auch diese.
Wenn ich von Asche sprach, vorhin, dann sprach ich auch von Grau und von Feuer. Die Kerze des Malers Gerhard Richter, sie brennt auch für dich, heute an diesem Tag, an dem Richter seinen 80. feiert und an dem wir dich vor dem Auge unserer Seele haben als den, der mit seiner Kunst immer auch Malerei betrieb, sich berufend auf Kandinskys Blau, Caravaggios Licht-Schatten-Dramatik, Goyas Schwarze Bilder, Malevichs Schwarzes und Rotes Quadrat. Gerhard Richters Grau mochte dir ebenso vertraut sein, wie dessen Landschaften. Musik, Literatur, Malerei, Architektur, Film – sie sind Teil deiner ungeheuer großen Welt – und du für uns Teil einer Welt, die wir lieben. Lass es brennen, Gert! Das Eis ist da. Die Kälte ist da. Das Licht frisst sich vor.

Asteris Kutulas, 9.2.2012

Nach den Wahlen: vor den Wahlen … ad infinitum

Wie sich Griechenlands Schicksal entscheidet

Für C.S.

Bei den Wahlen vom 6. Mai 2012 haben die Griechen fundamental anders gewählt als die Spanier, Portugiesen oder Iren. Während diese der jeweiligen größten Oppositionspartei wieder zur Macht verhalfen, also nichts am überlieferten politischen Tableau änderten und somit im Rahmen der „europäischen Ordnung“ blieben, verweigerten sich in Griechenland die Bürger dem gesamten seit Jahrzehnten etablierten politischen System und erschufen eine völlig neue Parteienlandschaft. Sie wählten nicht wie im Europa der letzten Jahrzehnte üblich zwischen sozialistisch / sozialdemokratisch und rechts / konservativ, sondern sie negierten die korrupte, klientelistische und desaströse Politik sowohl der sozialistischen PASOK-Partei als auch der konservativen Nea Demokratia (ND) und entschieden sich für etwas Neues, allerdings Unbekanntes. Die Griechen haben im Hinblick auf die bisherige Politik mit NEIN gestimmt, ohne bereits eine wirkliche Alternative vor Augen zu haben, aber es musste endlich ein Schlussstrich gezogen werden. Das Ausmaß dieses Votums wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die beiden Herrschaftsparteien ND und PASOK seit 1981 zusammen immer etwa 80% der Wählerstimmen bekommen hatten; am 6.5.2012 waren es nur noch 34%. Es ist mehr ein Zufall der Geschichte – vor allem weil sich die Kommunistische Partei auf die Position einer selbstverliebten Außenseiterin mit einem starken Hang zur Selbstzerstörung versteift hat -, dass über Nacht eine linke 4%-Splitterbewegung zur zweitstärksten Partei wurde. SYRIZA mit dem weichgespülten und halbwegs charismatischen, so genannten „radikalen“ Tsipras an der Spitze bekam völlig unerwartet 17% der Stimmen, und war damit die einzig konkrete Alternative zum Alten System.

Eigentlich müssten die Regierungen und die Menschen in Europa diesen Wahlausgang sehr begrüßen, haben doch die Griechen genau die Politiker endlich abgestraft, die dafür verantwortlich sind, dass Griechenland aufgrund gefälschter Zahlen in die Euro-Zone aufgenommen wurde, und die ebenso die katastrophale wirtschaftliche und politische Lage zu verantworten haben, die ganz Europa an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Politiker, die – was verheerend ist – die Bildung staatlicher und parastaatlicher Strukturen beförderten (z.B. im Steuersystem, im Wahlverhalten und in der Justiz), welche zur Zerstörung der demokratischen Basis der Gesellschaft führten.

In Deutschland genügte – zu Recht – eine nicht ordnungsgemäße Quellenangabe in einer zehn Jahre alten Dissertation, um den damals beliebtesten deutschen Politiker, den Verteidigungsminister der Bundesrepublik, zu seinem Rücktritt zu veranlassen, und zwar von allen politischen Ämtern. Ebenso genügte ein empfindlicher Stimmenverlust (keine Niederlage!) bei der letzten NRW-Wahl, dass der Spitzenkandidat der CDU in NRW noch am Wahlabend von seinem Amt als NRW-Parteivorsitzender der CDU zurücktrat und einen Tag später auch seinen Ministerposten verlor. Der deutsche Bundespräsident verlor seinen Job wegen seiner Kontakte zu diversen Wirtschaftsbossen. Und derzeit werden bereits Rücktrittsforderungen im Hinblick auf den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wegen einer so genannten „Teppich-Affäre“ laut.
Im Gegensatz dazu beharrten –- allen demokratischen Gepflogenheiten zum Trotz –- die alteingesessenen Politiker in Griechenland auf ihrem Machtanspruch und klammerten sich weiter an ihre Posten. Politiker, die zu verantworten haben, dass das Land bankrott ist, dass die Arbeitslosigkeit auf 22 % gestiegen ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit inzwischen bei 55 % liegt, dass laut OECD-Angaben Griechenland in fast allen Kategorien, die über die Qualität der Arbeit des Staatsapparats Auskunft geben, europaweit das Schlusslicht bildet. Sowohl Antonis Samaras (ND) als auch Evangelos Venizelos (PASOK) oder Dora Bakojanni (ND) sind seit den achtziger Jahren führende Politiker ihrer Parteien, bekleideten wichtige Regierungsämter seit Anfang der Neunziger und sind direkt mit verantwortlich für den heutigen Zustand Griechenlands. Aber weder sie noch die anderen Spitzenpolitiker der beiden Herrschaftsparteien haben die Verantwortung für die desaströse Lage, in die sie Griechenland und ganz Europa gebracht haben, übernommen oder gar die Konsequenzen gezogen und sich aus der Politik verabschiedet. Selbst nach dem historischen Wahldebakel vom 6. Mai, als zum Beispiel die PASOK von 44% bei der Wahl von 2009 auf schlappe 14% absackte und quasi aufhörte, als Volkspartei zu existieren, lachte Evangelos Venizelos, der Parteivorsitzenden, in die Kameras und sagte, er sei der Garant für eine umfassende Reform seiner Partei und kenne den Weg, Griechenland aus der Krise zu führen – und zwar innerhalb von drei Jahren! Von Samaras, der es kaum fassen konnte, nicht Ministerpräsident geworden zu sein – denn entsprechend der Gewohnheit wäre er ja „an der Reihe“ gewesen -, ganz zu schweigen.

Zwei Hauptkritikpunkte wurden in den deutschen Massenmedien immer wieder geäußert -– nachdem „Focus“ und „Bild“-Zeitung 2010 im Stile eines Paukenschlags den Auftakt dazu gaben:

– Der erste Punkt betraf die griechischen Regierungen und den griechischen Staat der letzten Jahrzehnte, die schonungslos und zu Recht der Vetternwirtschaft, des Klientelismus, der Korruption und Unfähigkeit bezichtigt wurden.

– Der zweite Punkt betraf das griechischen Volk, das als insgesamt mitschuldig an der katastrophalen Situation des Landes stigmatisiert wurde – bis über die Grenzen eines latenten Rassismus hinaus -, weil es diese Politiker immer wieder gewählt hatte. Der wie ein Mantra ins Feld geführte Satz: „“Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient““ machte die Runde an den Stammtischen und in unzähligen Talkrunden der öffentlichen wie der privaten Anstalten.

Nun haben sich die Griechen bei der Wahl am 6.5.2012 quasi emanzipiert und schließlich das einzig Richtige getan (wie es „Bild“, „Focus“ und so viele andere verlangt hatten): sie haben diesen Politikern das Vertrauen entzogen und ihnen millionenfach die Wahlstimme verweigert.

Interessant ist, dass man in der deutschen Presse– – nach zwei Jahren Hohn (allein die Bild-Zeitung benutzte innerhalb der letzten zwei Jahren in 125 Ausgaben den stigmatisierenden Begriff „Pleite-Griechen“), permanenter Kritik und der immer wieder geäußerten Aufforderung, es endlich zu begreifen und diese Politiker nicht abermals zu wählen -– keinerlei Zustimmung für diesen Wahlausgang findet. Ganz im Gegenteil. Jetzt werden diejenigen kritisiert, die nicht länger bereit sind, jenen Politikern wieder ihre Stimme zu geben, die das Land in unverantwortlicher Weise regierten und es als ihre persönliche Beute betrachteten; und das Volk, das sich mehrheitlich von den bekannten Raubrittern verabschiedet hat, wird jetzt aufgefordert, diesen abermals den Steigbügel zu halten.

Wie auch immer die Wahl vom 17.6.2012 ausfallen wird, das Wählervotum vom 6. Mai hat das Land nachhaltig wie folgt verändert:

1. Das bisherige bipolare politische System (ND-PASOK) -– die Grundlage für Korruption und Vetternwirtschaft -– existiert nicht mehr.

2. Das Einparteien-System hat ausgedient, was eine neue politische Kultur –Neuland für Griechenland – zwingend notwendig macht.

3. Die in Griechenland schon lange latent existierende faschistische Gesinnung (die sich z.B. äußert in Antisemitismus und Rassismus) ist offenbar geworden und hat jetzt „Gesichter bekommen“, was insofern klärend wirkt, als dass sich die Gesellschaft mit dieser nicht zu übersehenden, nicht zu verdrängenden und nicht mehr wegzuredenden Tatsache auseinander setzen und das bekämpfen muss, worum sie bis jetzt einen Bogen gemacht hat. Der ungeheure Zulauf und die hunderttausenden Sympathiebekundungen, die die rechtsextreme Partei in Griechenland in den letzten Monaten erhielt, sind keine Phänomene, die urplötzlich erst kurz vor der Wahl zu bemerken waren. Es sei daran erinnert, dass die Briten 1944 mit Nazi-Kollaborateuren zusammen gearbeitet haben und diese infolge dessen in die Bildung fast aller Nachkriegsregierungen Griechenlands involviert und im Staatsapparat fest verankert waren, was entscheidend dazu beigetragen hat, dass es 1967 zu einem Militärputsch kam und dass die Faschisten bis 1974, also mehr als sieben Jahre an der Macht bleiben konnten. Bis heute überlebte eine faschistoide Gesinnung in den staatlichen militärischen Organen, was sich bei den Wahlen vom 6.5.2012 z.B. darin gezeigt hat, dass z.B. die Polizeikräfte in Athen mehrheitlich den Neonazis ihre Stimme gaben.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass am 17. Juni in Griechenland wieder das alte korrupte und unfähige System in Griechenland an die Macht kommt. Zu groß ist der Druck, der von der internationalen und der nationalen Nomenklatura auf die zum Teil verunsicherte, verängstigte und desorientierte griechische Bevölkerung ausgeübt wird. Wir sind Zeugen der massivsten internationalen Einmischung in nationale Wahlen in der europäischen Nachkriegsgeschichte. Frau Lagarde vom IWF, Angela Merkel, Mario Monti, Herr Draghi, Herr Rico, Herr Schäuble, Herr Schulz, der Bundesbankpräsident, Herr Westerwelle, sie alle „empfehlen“ den Griechen „richtig“ zu wählen, nämlich die alte Politikerkaste.

Verständlicherweise, denn es geht der deutschen Regierung um deutsche Interessen. Die Bundeskanzlerin mag vielleicht einen guten Job für Deutschland machen. Dazu gehört aber eben auch, dass sie die Griechen „zwingen“ will, wieder die Politiker zu wählen, die nur aus einem einzigen Grund und um jeden Preis an der Macht bleiben wollen: um nicht ins Gefängnis gehen zu müssen. Überspitzt gesagt: Die deutsche Regierung verlangt von den griechischen Bürgern, dass sie die bekannten Betrüger, Diebe, Verbrecher, Lügner und Bankrotteure wieder wählen sollen, weil diese die einzigen sind, die jetzt das durchzusetzen versprechen, was die deutsche Regierung einfordert. Und sie versprechen das, was die deutsche Regierung einfordert, um nicht ins Gefängnis zu müssen.

Einer von ihnen (nur ein einziger bislang!) musste jetzt in Untersuchungshaft: der ehemalige stellvertretende PASOK-Vorsitzende Akis Tsochatzopoulos, der als Verteidigungsminister 2001 Schmiergelder in Millionenhöhe von der deutschen Waffenfirma Ferrostaal erhalten hat (die dafür übrigens vom Kammergericht München vor zwei Monaten zu 140 Millionen Strafe verurteilt wurde), damit Griechenland deutsche U-Boote im Wert von 2,8 Milliarden Euro kauft. Ferrostaal hat griechische und portugiesische Politiker für insgesamt 62 Millionen geschmiert. In dem Zusammenhang ist die Aussage des Chefs des nationalen griechischen Finanzamts von vor einigen Tagen sehr erhellend: dass nämlich ein Antrag auf Einsicht in die Konten von 500 griechischen Politikern wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung seit über einem Jahr nicht bearbeitet wird.

Die Griechen wollen all diese Leute nicht zurück. Aber Griechenland wird genau diese Politiker wieder bekommen, weil sie derzeit die einzigen sind, die den europäischen (deutschen) Interessen in Griechenland zu dienen versprechen – und das Problem ist, dass der griechischen Nation solches schon einige Male passiert ist. Die Briten z.B. gingen, wie oben bereits erwähnt, während des Zweiten Weltkriegs so weit, dass sie mit den griechischen Nazi-Kollaborateuren (Tagmata X) zusammengearbeitet haben, um eine eventuelle, wie auch immer geartete linke Regierung, die vorher ihrer Entwaffnung zugestimmt und sie durchgeführt hatte, prophylaktisch zu verhindern…

Ich will das als griechischer Bürger nicht: Ich will nicht, dass die alten Verbrecher noch einmal an die Macht kommen und ich ihre grinsenden Gesichter sehen muss. Und ich will keine internationale Einmischung in den Wahlkampf meiner Heimat, eine Einmischung, die nur eine Richtung und Aussage kennt: Wählt ja das alte Politikersyndikat, sonst lassen wir das Chaos über Euch kommen! Sonst werden wir ein Exempel an Euch statuieren! Mit dem Damoklesschwert der Apokalypse über dem Kopf ist schwer Demokratie zu leben.

Was ich will ist eine KATHARSIS und eine neue Chance auf Zukunft. Ob diese Tsipras heißt, weiß ich nicht, aber was ich weiß, ist: Venizelos oder Samaras heißt sie nicht. Diese Loser sind weder die Politiker, die Griechenland reformieren können, noch sind es die richtigen Partner für die Bundesrepublik oder für die Europäische Gemeinschaft…

Asteris Kutulas
(drei Tage vor der Wahl, die nichts entscheiden wird, 14.6.2012)

Unbewiesene Fakten aus meiner Heimat

152FotoClip-065Sowohl Theodoros Pangalos als auch Evangelos Venizelos, aber auch Giorgos Papandreou, Konstantin Karamanlis, Dora Bakojanni oder Antonis Samaras, sie alle stammen aus Politikerfamilien, die teilweise seit 100 Jahren das gesellschaftliche System Griechenlands beherrschen. Sie symbolisieren das alteingesessene, korrupte, kriminelle, reformresistente Establishment von Vetternwirtschaft und Klientelismus, sie haben es beständig weiter gestärkt und gefestigt und damit in Griechenland quasi die Demokratie in ihrem ursprünglichen Sinn abgeschafft. Sie alle gehören zu den wenigen „Herrscherfamilien“, die neben einer Handvoll Oligarchen – den eigentlichen Machthabern in Griechenland – die politische, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung des Landes bestimmten. Etwa 400 Menschen treffen in Griechenland seit dem Ende der Militärdiktatur 1974 alle ökonomischen und politischen Entscheidungen, und viele von ihnen bereicherten sich auf Kosten der Allgemeinheit auf die eine oder andere Art und Weise, wobei sie sich dabei auch an EU-Geldern in Form von Provisionen, Kick-Backs, auf dem Umweg über Scheinfirmen und sogar durch unverhohlenen Betrug bedienten. Dieses extrem parasitäre Establishment konnte sich an der Macht halten, weil es unentwegt dafür sorgte, sich eine politikhörige und untertänige Staatsanwaltschaft sowie eine durch und durch korrupte Finanz- und Steuerbehörde heranzuzüchten und diese am Leben zu erhalten, was jeglichen Ausbruch aus dem bestehenden „System“ unmöglich machte. Zudem stützte sich dieses System auf eine durch die geduldete Steuerhinterziehung und andere Privilegien gehätschelte parasitäre „Oberschicht“, bestehend aus Kommunalpolitikern, Top-Rechtsanwälten, Gewerkschaftsbossen, „Star-Journalisten“, Ärzten, auserwählten Unternehmern und vielen Landwirten. „Freie Wahlen“ waren zugelassen, aber viele Stimmen wurden gegen Vergünstigungen (rousfeti) jeglicher Art gehandelt, was hauptsächlich die Verbeamtung einer Anzahl von „treuen Wählern“ oder deren Familienangehörigen bedeutete.

Dadurch wurde nicht nur ein Teil der Bevölkerung „korrumpiert“ und „politisch fanatisiert“, sondern auch „mitschuldig“ gemacht am Verfall der Werte und des sozialen Gefüges. Mikis Theodorakis brachte das bereits 1991 auf den Punkt: „Sie haben die Kassen geleert, sie haben die Herzen geleert, sie haben die Gehirne geleert“. Im Laufe der letzten 40 Jahre änderte sich dadurch das soziale Verantwortungsgefühl vieler Griechen noch einmal nachdrücklich. Es setzte sich immer mehr ein grenzenloser Egoismus durch, der von den herrschenden Machteliten befördert und zum obersten Prinzip der neoliberalen griechischen Gesellschaft erhoben wurde. Wer sich darauf nicht einlassen wollte, hatte kaum Anstellungs- und Aufstiegschancen. Vom Ausmaß der Korruption zeugen an der Spitze des Eisbergs der Koskotas-, der Siemens-, der Ferrostaal- und der Protonbank-Skandal, das Vathopedi-Desaster, die dubiosen Waffengeschäfte griechischer Politiker und Beamter sowie Hunderte nicht verfolgter und nicht aufgeklärter Skandale.
Hinzu kommt, dass die seit 1974 herrschende Politikerkaste den fast unbegrenzten Einfluss ausländischer und ungezügelter nationaler wirtschaftlicher Interessen zugelassen und darauf ihre Macht gestützt hat, ohne jemals auch nur ansatzweise eine eigenständige nationale griechische Politik zu verfolgen. Die Ergebnisse sind schockierend. Das Land befindet sich seit 2008 in einem rasanten Niedergang – nicht nur in finanzieller und struktureller, sondern auch in moralischer und kultureller Hinsicht. Vierzig Jahre PASOK/Nea Demokratia-Regierungen führten 2011 zu folgenden Ergebnissen, die außer Zweifel stehen:

1) Griechenland ist bankrott.

2) Der Staatsapparat verharrt in einem desolaten Zustand– – es besteht keine Steuergerechtigkeit, das Gesundheitswesen ist marode, das Bildungswesen gehört zu den weltweit schlechtesten, das Rechtswesen ist unzureichend entwickelt, die Verwaltung arbeitet absolut ineffizient.

3) Griechenland hat keine Perspektive, so dass Zehntausende junge Griechen ihr Land verlassen, um sich im „Westen“ eine neue Zukunft aufzubauen.

4) Griechenland ist im Resultat der Politik der letzten 40 Jahre zur „Zwangversteigerung“ gezwungen, es muss also sein gesamtes Staatseigentum zu einem Bruchteil des Wertes an Privatpersonen, Konzerne und Investoren aus dem Ausland verkaufen.

5) Griechenland betreibt seit vielen Jahren keine unabhängige, national selbstbewusste Außen- und Sicherheitspolitik und steht darum vor etlichen ungelösten Problemen mit seinen Nachbarländern (Türkei, Albanien, Mazedonien/FYROM) und mit der NATO.

6) Das internationale Ansehen Griechenlands ist fundamental und nachhaltig beschädigt, was sich in der negativen Presse widerspiegelt, die die griechischen Verhältnisse reflektiert und die Griechen im Allgemeinen „verurteilt“. Dieses Misstrauen gegenüber Griechenland wirkt sich verheerend auch auf den Export aus, was der stark angeschlagenen Wirtschaft noch weiter das Wasser abgräbt.

Die seit Jahrzehnten in Griechenland herrschende Politikerkaste hat nicht nur dazu beigetragen, dass sich die Mentalität und die Wertevorstellungen der griechischen Gesellschaft und besonders der jeweils jungen Generation innerhalb der letzten 40 Jahre immer mehr zugunsten eines ausgeprägten – kreditgetriebenen – Konsum- und Wohlstandsdenkens veränderten, sondern sie hat vor allem wirtschaftlichen und ausländischen Interessen gedient, anstatt eigene strategische Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, die Griechenlands Wirtschaft und seinen Dienstleistungssektor schrittweise hätten stärken können.

Obwohl der hier beschriebene Zustand in den ersten Jahren der Krise für jeden sichtbar zutage trat, übernahm kein einziger griechischer Politiker auch nur ansatzweise eine Mitschuld und eine grundsätzliche Verantwortung für diesen desaströsen Zustand des Landes. Ganz im Gegenteil, die Politiker zelebrierten selbst in den letzten Monaten des absoluten Niedergangs den Machterhalt als oberstes Prinzip des politischen Lebens und als persönliches Allheilmittel gegen die Krise.
Da Griechenland zum einen –– so klein es auch sein mag –– „to big to fail“ ist (genauso wie die großen europäischen Banken), und zum andern auch keine systemimmanente Destabilisierung zugelassen werden darf, können sich unsere korrupten und gescheiterten Politiker auf die Unterstützung ihrer europäischen Kollegen verlassen. Abgesehen von dieser System-erhaltenden Solidarität der europäischen Politiker für ihre griechischen Kollegen, muss jeder vernünftig denkende Mensch zu dem Schluss kommen, dass es mit den bisher herrschenden Machthabern, inklusive den jetzt gewählten Abgeordneten (also auch der gesamten Opposition), keinen Wandel in Griechenland geben kann –– sie alle sind Teil des Problems und nicht nur de facto unfähig, es zu lösen, sondern sie sind auch nicht willens dazu.

(Wäre ich gläubig, würde ich mit dem Satz enden: Gott stehe uns bei!)

Dionisis Karatzas – Selbstmord des Reservemonats

In Holger Wendlands „Edition Raute“ erschienen im Sommer unsere Übersetzungen der Gedichte von Dionisis Karatzas.

Als ich zum ersten Mal Gedichte von Dionisis Karatzas las, dachte ich, mit dieser, seiner poetischen Welt hätte die meine nichts zu tun. Zu weit entfernt schien mir die erfrischende Meeresbrise seiner Patras-Landschaft von meinem wolkenverhangenen Prenzlauer Berg. Nicht, dass mich seine Lyrik nicht berührt hätte, aber ich nahm sie nicht wahr als „Kunstwelt“. Bis ich herausfand, dass Karatzas es damit ernst meinte: Für ihn war es nicht nur eine Kunstwelt, sondern ein von ihm gelebter „Kosmos“. Diese Erkenntnis offenbarte mir schlagartig neue Einzelheiten, bis dahin wie hinter einem Berg, vielleicht dem Prenzlauer Berg, verborgene, über den ich erst hatte steigen müssen, mich hinwegsetzen über meine literarischen Vorlieben. Trotz ihrer blendenden Helle nahm ich mit einem Mal die Tiefe seiner Bilder wahr, sah ich den Dichter hinabtauchen zum Grund der menschlichen Seele.

DIE BITTERKEIT DER KONSONANTEN

Bedacht sprachst du aus was du entschieden
mit Lippenlauten voller Empörung, mit nasalen Lauten der Verweigerung
und gaumenfeuchten Abschiedsworten.
Auf welche Zähne reduzierst du
mein wäßriges Schweigen?
Du hörst immer auf beim Sigma
auf das Lichtes und Winterliches enden.

Du verschärfst die Trennlaute und übersetzt
die Lippenunmöglichkeiten in solche der Nase, das fürcht ich
und gaumenfeucht will ich dich.
Meine speichelnasses Zischen
unterscheidest du von welchem deiner Symptome für Zahnschmerz?
Du hörst immer auf beim Sigma
auf das Lichtes und Winterliches enden.

Dionisis Karatzas: Selbstmord des Reservemonats. Gedichte, Ausgewählt und herausgegeben von Asteris Kutulas, Aus dem Griechischen von Ina und Asteris Kutulas, Zeichnungen von Trak Wendisch, Edition Raute, Görlitz 2010, ISBN 978-3-933777-20-1

Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern

 

Soeben ist unser neues Buch Asteris Kutulas: Mikis Theodorakis – Ein Leben in Bildern beim Schott Verlag erschienen:

Unser Anliegen war es, mit diesem Buch durch eine Vielzahl von Bildern, die begleitet werden von Selbstreflexionen des Komponisten, eine visuelle Annäherung, eine Reise, eine Blickachse hinüber zum Leben des Komponisten Mikis Theodorakis zu ermöglichen – zu einem Leben, das in mehrfacher Hinsicht exemplarisch zwischen zwei Polen verläuft: dem Pol der griechischen und dem der europäischen Musik, dem Pol der populären und dem der sinfonischen Tradition, zwischen dem der Peripherie und dem des Zentrums, zwischen Athen und Paris, zwischen künstlerischer Avant-garde und dem Bewusstsein ursprünglicher Herkunft.
Aus dieser Lebensführung ergab sich in gewisser Weise ein Paradoxon. Theodorakis’ apollinischer Verstand strebte der absoluten Musik zu, seine dionysische Seele spürte der Volksmusik nach. Sein Lebensweg gestaltete sich zu etwas wie dem unermüdlichen Versuch, eine Verbindung zwischen jeweils entgegengesetzten Polen herzustellen, um scheinbare oder tat-sächliche Gegensätze miteinander in Einklang zu bringen.
So dokumentiert dieses Buch – nicht nur in hunderten zum Teil sehr selte-nen Fotos, sondern auch in bislang unveröffentlichten Aussagen sowohl des Künstlers Theodorakis als auch vieler seiner Wegbegleiter – eine in der Kultur- und Musikgeschichte beispiellose Biografie und ein unikales Werk.
Wir hoffen, es wird euch gefallen. Jedenfalls ist dieses Buch nicht nur einfach als ein Fotobuch von uns konzipiert worden, und andererseits nicht nur einfach als ein Foto-Text-Buch, sondern dadurch, dass durch diesen Musiker griechische und europäische Geschichte „hindurchgeflossen“ ist, offenbart es einen speziellen – vom „Aussterben“ bedrohten – Künstlertypus. Wir haben versucht, ein spannendes Buch zu machen: einen aus 80 Doppelseiten-Szenen bestehenden „Spielfilm“, der sich aus Abbildung, Text, Geschichte und Gefühl speist. Viel Spass damit.

P.S. (Danksagung)
Von den insgesamt mehr als 17.000 Fotos, die wir zusammen für dieses Buch gesichtet haben, stammte der überwiegende Teil aus dem Archiv von Myrto und Mikis Theodorakis. Der andere Teil stammt aus den Archiven von Margarita Theodorakis, Anna Drouza (Archiv Niki Tipaldou), Petros Pandis, Nikos Moraitis sowie dem des Ehepaars Sgourakis. Ihnen allen gilt unser aufrichtiger und tief empfundener Dank. In nicht minderem Maße sind wir auch der Musikbibliothek Lilian Voudouri – wo inzwischen das Gesamtwerk von Theodorakis betreut wird – und seiner Direktorin Stephanie Merakos zu Dank für die tatkräftige Unterstützung unserer Arbeit verpflichtet. Für die Originaltextbeiträge danke ich Michalis Cacoyannis, Konstantin Costa-Gavras, Louis de Bernieres, Klaus Hoffmann, Jack Lang, Zubin Mehta, Henning Schmiedt, Herman van Veen, Roger Willemsen, Guy Wagner und Martin Walser. Unser Dank gebührt ebenso Axel Dielmann, ohne den es die beiden Interviews in dieser Form nicht geben würde, sowie Rena Parmenidou, Guy Wagner und natürlich Peter Hanser-Strecker.

Asteris und Ina Kutulas

In memoriam Christian Hauschild

Christian Hauschild war nicht nur ein unglaublich inspirierender Musiklehrer – er war auch ein Mensch mit einer „wundervollen Seele“, wie wir Griechen sagen. Ich habe nach meiner Kreuzschulzeit öfter mit ihm zusammenarbeiten dürfen, u.a. 1984 bei der großartigen Uraufführung der 7.Sinfonie von Mikis Theodorakis im Kulturpalast Dresden, der nicht nur Mikis, sondern auch Jannis Ritsos beiwohnten. Als Christian Hauschild dieses Werk dirigierte und beim Finale, dem 4.Satz, angekommen war, erwuchs aus den von ihm beschworenen Klängen – so habe ich es noch heute in lebendiger Erinnerung – das ganze „Griechentum“, ganz Byzanz, und die 1946 von Ritsos geschriebenen Verse erklangen:

Wieviel Blütenstaub sammelt sich im Mund der Biene für den Honig
wieviel Stille in deinem Herzen für das Lied …


Mit Mikis Theodorakis und Christian Hauschild (rechts) in Dresden, 1985

Die Nachricht von Christian Hauschilds Tod ist mir eindringlicher Anlass zum Innehalten, denn sie ruft mir unvergessliche Augenblicke mit ihm als Pädagogen und Dirigenten ins Gedächtnis und „entrückt“ mich gleichsam für Momente in eine „Sphäre der Musik““, die er mir bereits Mitte der siebziger Jahre auf wundervolle Art und Weise eröffnet hatte. Es war vor allem aber auch eine Ahnung von Kunst und vom allumfassenden menschlichen Schicksal. Und das macht mir bewusst, was wir solchen Lehrern zu verdanken haben, derer es, weiß Gott, nur sehr wenige gibt. Mittler wie sie beweisen einen solchen Scharfsinn im Hinblick auf das, was den Sinn des Lebens ausmacht, dass es ihnen gelingt, ihre Schüler in dessen Bann zu ziehen, damit diese es wagen können, darin Verwirklichung zu finden. Dresden in den Siebzigern. Die Kreuzschule. Viele Freunde – bis heute. Johann Sebastian Bach. Eine Empfindung von Kunst. Die Kreuzkirche. Die Stille, das Lied und der Honig. Danke C.H.

… und morgen fressen wir die Mauer auf

Im Osten geht die Sonne auf … (Von Ina Kutulas)

Es kannten alle das Märchen vom Land hinter dem Riesengebirge aus Puddingbrei, in dem einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, die Würste und Brezeln von den Bäumen hängen und wo in den Bächen Cola und Limonade fließen. Das Interessanteste an diesem Märchen war allerdings nicht, was hinter und vor dem Puddingbrei-Riesengebirge lag, sondern war dieses Gebirge an sich, das man erst einmal zu überwinden hatte, bevor man von der einen auf die andere Seite gelangte.

Die Mauer war tatsächlich so etwas wie dieses merkwürdige Gebirge. Der Matschpudding das eigentümliche Phänomen, mit dem wir es immer wieder aufnahmen beim Match der Matschos. Mit den Jahren wurde der Brei nicht weniger, sondern eher mehr. Eine süßliche, wabernde Masse, die einem schon morgens das Maul und die Ohren zu stopfen drohte. Freiheit des Wortes. Die hatten wir zu verteidigen gegen das Sandmännchen, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, den Schokomohr, Mao, Maoam, Haribo, Hari Krishna, Baumwollbatist, Batista, Mars, Venus, Guevara, Guarana, Nesquick und Nesslow, die Waschmittelmatrone, gegen Stalin und Winnetou, gegen das Neue Deutschland und die Hörzu.

Wer behauptet, wir seien im Osten gewesen, hat keine Ahnung. Wer meint, wir seien im Westen gewesen, irrt. Wir waren weder hüben noch drüben, denn für uns gab es kein Hüben und Drüben. Wir waren in der Mauer, im Gebirge, im Puddinghaufen und wussten: Die Weisheit, sie ist mit Löffeln nicht zu fressen. Zu jedem Topf gibt’s auch den falschen Deckel, zum Brei den Wolfshunger, Wissenshunger. Ein Wunder, dass wir nicht erstickt sind. Wir waren … was heißt: wir waren … Wir sind. Der mit dem Hunger tanzt.

Ina Kutulas, vielen Dank für diesen Text …

Gert Hof & Asteris Koutoulas, 11 Jahre

Liebe Partner, Kollegen & Freunde,

ich möchte Euch hiermit mitteilen, dass Gert und ich nicht mehr im Managementverhältnis zueinander stehen. Wir haben uns im guten Einvernehmen geeinigt, stattdessen projektgebunden zu kooperieren.

Wir möchten Euch für das jahrelange Vertrauen in unsere Zusammenarbeit danken.

Asteris Koutoulas, 22.9.2009

P.S. Was uns beiden jedenfalls bleibt, nach 11 rasanten Jahren, ist die unglaubliche Story einer unglaublichen Beziehung und eines unglaublichen Werdegangs. Hier die short-Variante:

Nach so viel gemeinsam verlebter Zeit ist es also nicht verwunderlich, dass auch ein Grossteil meiner Homepage Meister Gert gewidmet ist, seinen/ unseren gemeinsamen Unternehmungen der letzten zehn Jahre. Da ist einiges zusammengekommen. Wir haben die halbe Welt umrundet und einige Licht-Zeichen gesetzt. Viel gelernt und viel gelacht. Und unsäglich viel Stress gehabt. „Der Schmerz ist dein Freund.“ Das Leben, wie es ist und wie es sein soll in der besten aller möglichen Welten. Das falsche im richtigen Leben oder umgekehrt, das ist die Frage. Halte aus. Halte durch. Bleib nicht stehen. Salute, capitano Gert!

Und noch ein Dankes-Wort an Meister Gert

Ich habe sehr, sehr viel von Gert gelernt. Die Weiterentwicklung einer Idee habe ich besonders ihm zu verdanken, obwohl ich mich nur einmal mit ihm darüber unterhalten habe. Bereits 1999 – als Gert eine neue Art der multimedialen Licht-Show kreierte und ich außerdem bei der Dionysos-Opernproduktion als Dramaturg und Regieassistent arbeitete –, entwickelte ich die Idee eines „liquiden Bühnenbildes“, das dem Medium Film eine neue Rolle in einer entsprechend gestalteten „Theaterbühne“ geben und eine neue Art von Show-Produktion ermöglichen würde. Der Grundgedanke dieses „Liquid Staging“-Konzepts besteht darin, dass man einen „FILM“ für die Bühne produziert, also nicht das Medium Film benutzt, um ein bereits bestehendes Stück oder eine bereits bestehende Show-Produktion damit – wie auch immer – „zu vervollständigen“. 

Und im Gegensatz zu Gerts Ästhetik, die von Brecht beeinflusst und auf dem deutschen Bauhaus-Prinzip beruhte, also mehr „abstrakter Natur“ war, folgte meine Idee dem Weg des „Einfühlens“, entsprechend der US-amerikanischen Film-Tradition. Schon 1991, während meines Studiums, hatte ich „Abstraktion und Einfühlung“ – Wilhelm Worringers Dissertation von 1907 – gelesen und fühlte mich dem antiken klassischen „Einssein mit der Welt“ (Einfühlung) mehr verbunden als der „dualistischen Trennung von Geist und Materie“ (Abstraktion).

Ich habe inzwischen dieses Konzept entwickelt für ein Theaterbau-Projekt, und ich hoffe, dass eine erste konzeptionelle architektonische Umsetzung bald umgesetzt werden wird. Gert, danke für die inspirative Zeit mit Dir!

Asteris Kutulas, 22.9.2009

(Photo with Gert Hof & Asteris Kutulas 2008, Philharmonie Berlin by © Anja Pietsch)

www.asteris-koutoulas.de – Release 1.0

Liebe Freunde & Kollegen,

nach fast 18monatiger Arbeit gebe ich „offiziell“ die Veröffentlichung meiner Homepage

bekannt. In den letzten zwei Monaten konnte ich viele Lücken schließen und einen Großteil der bereits vorhandenen Lemmata („Buttons“) überarbeiten. Es bleiben nur noch wenige Stichpunkte, die einer Ausarbeitung bedürfen, aber auch alle anderen werden ständig weiterentwickelt.
In dieser Schmöker-Website werdet Ihr neben einigen „Perlen der Dichtkunst“ auch viel Skurriles, Bruchstückhaftes, Nebensächliches sowie total Überflüssiges finden, also das „Kompendium meines Ego“: Personen, geistige Landschaften, Projekte, Bücher, Briefwechsel, Events, Orte meines Lebens, Transzendentales, Familiengeschichten, Sachen (die ich getan und gedacht habe) sowie Dinge, die ich noch machen will – vielleicht …
Diese Homepage ist zweifellos vor allem drei Menschen gewidmet, mit denen ich seit ungefähr 1980 mein Leben und mein Tun geteilt habe: Jannis Ritsos, Mikis Theodorakis und Gert Hof. Die meisten Stichpunkte meiner Homepage lassen sich ihnen zuordnen. Daneben spielen meine Arbeit als Publizist, Produzent und Übersetzer sowie einige Sackgassen & „Germanistisches“ keine unwesentliche Rolle.
Auf jeden Fall haben ALLE Lemmata mit mir zu tun – sei es, weil ich jeweils den Text geschrieben, den Film gedreht oder das Foto gemacht habe, sei es, weil das jeweils Geschriebene oder Abgebildete mit Ereignissen verbunden ist, an denen ich als Produzent, Autor, Herausgeber oder Künstler beteiligt war.
Gewiss, zuallererst erfülle ich mir mit dem Erstellen dieser Website einen ganz persönlichen Wunsch: meinen Kosmos sichtbar machen und selbst darin herumspazieren zu können. Selbstverständlich freue ich mich allerdings genauso über Eure Besuche in meinem „Firmament“, über Euer Feedback und Eure Beiträge.

In diesem Sinne: take care!

Asteris Kutulas, September 2009

In memoriam Adolf Endler

„Ich schreibe wie jemand, der sich die Pulsadern aufschneidet“, notierte der Dichter Giorgos Seferis am 7.9.1926 in seinem Tagebuch – was zumindest eine pathetische Umschreibung für den „existentiellen“ Wert der Dichtung in seinem Leben war. Adolf Endler hat genauso geschrieben, gefühlt und gelebt. Er war „Dichter“, durch und durch. Eine Mischung aus Transportarbeiter des Worts, belgischem Bohemien, antifaschistischem Eremiten und „böhmischem Zigeunergeiger“. Er erschien mir immer wie ein pulsierendes Intellektum, ein energiegeladenes Bündel.
Ich „entdeckte“ Endler 1979 über seine wunderbaren Nachdichtungen der Gedichte des Alexandriners Konstantin Kavafis, die mir in gewisser Weise Vorbild waren für meine spätere eigene Arbeit:

Ihr Plätze und ihr Viertel, Gegend, wo ich wohne,
Die ich vor Augen habe und durchmesse, Tag für Tag:
Ich war’s, der euch erfand in größtem Glück und tiefster Traurigkeit,
Die vielen Episoden, mannigfachen Wesen –
Jetzt ganz und gar voll Leben und Gefühl, sei’s nur für mich…
usw.usf.

Endler war für mich eine ernste Angelegenheit, sein Alter Ego Bubi Blazezak ein polternder universeller Geist. Endler gewann eine knisternde Klarheit in seinen ausschweifenden Texten, und zugleich durchdrang ihn ein entwaffnender Humor, den er mehrfach in diversen Samistad-Drucken, z.B. in den „Bizarren Städten“, kucken ließ. Denn von Endler wurde kaum was veröffentlicht zu DDR-Zeiten, dafür konnte man ihn oft im kleinen Kreis erleben, lesen hören, und ab und an schwang er auch sehr gekonnt außer-literarische Fahnen.
Adolf Endlers Existenz war einer der Gründe, warum man es als Intellektueller noch in der DDR aushielt. Ich empfand es jedenfalls damals so. Er war der Tarzan des „Prenzlauer Bergs“, ich war der Neger in Pankow. Endler bedeutete für mich eine Art Heimat in der transzendentalen DDR-Obdachlosigkeit – und seine Texte, frei schwebend, ein Quell reiner Leselust.

Asteris Kutulas

www.asteris-koutoulas.de Upgrade 9.8.2009

Neu hinzugekommen:

Ich werde hier nach und nach meine Korrespondenz mit Heiner Müller aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts veröffentlichen. Die Briefe an ihn entstanden in einem „hybrisartigen“ Zustand. Ich glaubte, dem großen Meister nur auf diese Art und Weise begegnen zu können. In diesen Briefen verbindet sich eine imaginäre Geschichte, die sich damals in meinem Kopf abspielte, mit Furcht einflößenden Begebenheiten, die sich tatsächlich ereigneten und über die zu sprechen ich bis jetzt nicht in der Lage war. Die Übergänge vom einen zum anderen sind fließend, wobei die Realität einen größeren Stellenwert einnimmt, als man das heute vermuten würde. (Weitere Briefe werden folgen.)

www.asteris-koutoulas.de – K(o)ut(o)ulas

Nachdem mich einige diesbezügliche Fragen erreichten, hier die Erklärung: Da es im griechischen keinen eigenständigen Buchstaben für U gibt, wird er aus einem O und einem Y gebildet, was z.B. im lateinischen als OU transliteriert wird. (Wieso? Keine Ahnung.) Die Behörden meiner Kindheit in Rumänien und der DDR, aber auch die griechischen Beamten, die mir meinen ersten griechischen Pass ausstellten, machten eigentlich alles richtig, als sie in meinen Pass schrieben: KUTULAS. Ab Mitte der achtziger Jahre bürgerte sich dann allerdings die Schreibweise KOUTOULAS ein … Ich „entnahm“ dem Schlamassel eine Programmatik, indem ich seitdem all meine künstlerischen Hervorbringungen mit KUTULAS unterschreibe und all meine Management-Produzenten-Arbeiten mit KOUTOULAS. Warum ich das getan habe und weiterhin tue, weiß ich nicht, und ob’s was bringt weiß ich auch nicht, aber was soll’s… Das dazu.

www.asteris-koutoulas.de Update 13.5.2009

Überarbeitet:

Die beiden Artikel „verdanke“ ich Gert. Ohne ihn hätte ich weder die kauderwelschende Empfindung „Rammstein“ erlebt, noch das Phänomen Lindemann erfahren. Das ganze hat für mich zu tun mit Sehnsucht, Revolution, Leben auf dem Dorfe, Einsatz für die Tierwelt, Naivität, dem Kampf des Negers gegen die Hunde, Neugier, Amnesty International, Staunen ohne Ende …

www.asteris-koutoulas.de – Jannis Ritsos

Zu Jannis Ritsos 100. Geburtstag 2009 …

habe ich alle meine Ritsos-Buttons überarbeitet, die da wären:

Ich bin mir nicht sicher, warum Ritsos so beliebt bei den griechischen und europäischen Linken war, aber mir kommt es so vor, als habe es ihm als Dichter mehr geschadet als genutzt. Denn seine Dichtung kannten und kennen die wenigsten: seine existentialistische „Mondscheinsonate“, seine genialen Antike-Monologe („Die Rückkehr der Iphigenie“, „Agamemnon“ etc.), seine Liebesgedichte, seine einzigartige Autobiographie „Das ungeheure Meisterwerk“. Mir scheint, er ist in Vergessenheit geraten, dieser kleine schmächtige Mann, der uns ein gewaltiges Oevre hinterlassen hat, in dem einige der schönsten Perlen der Dichtkunst des 20.Jahrhunderts zu finden sind. Jedoch nichts Abgehobenes, sondern mehr Elementares, Alltägliches, das er verdichtet und festgehalten hat. Und das man gebrauchen kann wie einen Erste-Hilfe-Kasten für die Seele.

www.asteris-koutoulas.de Update 3.12.2008

Neu hinzugefügt:

  • Lviv-Event (Ukraine)
  • China Making Of (Peking)
  • Oman-Event (Sultans Palast in Muscat)
  • Malta-Event (Fort St. Angelo)

Diese (zusammenfassenden) Film-Clips dokumentieren diverse Gert-Hof-Events der letzten Jahre, an denen ich beteiligt war. Unterschiedliche Locations, unterschiedliche Länder und Sitten … Streunende Tiere. Viel Stress, Ärger und Kampf, wenig Freude, ziemliche Erfolge … Irgendwie lief alles so ab: Ende gut, alles gut. Ce la vie. Danke dir, Gert …

www.asteris-koutoulas.de Update 2.12.2008

Neu hinzugefügt:

Ich nenne diese drei Filme, die ich Mitte der neunziger Jahre gefilmt habe, POETRY IN MOTION, weil ich sie nicht wegen der Musik festgehalten habe, sondern weil ich es schon immer faszinierend fand, wie Mikis dirigierte. (Abgesehen davon, sind auch die Musiken wunderbar, vor allem die frühe sinfonische Ode „Oedipus Tyranos“, die Theodorakis 1946 komponierte, aber auch das Klavierkonzert, das während seines Studium bei Oliver Messiaen 1956 in Paris entstand.) Aber wichtiger waren mir hier die Bewegung der Hände und des Körpers. Darum auch die schwarz-weiss Konzentration allein darauf …

www.asteris-koutoulas.de Update 16.9.2008

Neu hinzugefügt:

  • Philosophie

Ich konnte neben meinem Germanistik-Studium Anfang der achtziger Jahre auch zwei Jahre lang Geschichte der Philosophie studieren. Unvergessen Prof. Seidels Antike-Vorlesungen.  Dann die Entdeckung Schopenhauers und des jungen Georg Lukacs. Philosophie als Lebensform. Existentialismus als persönliche Lebensphilosophie. Alles oder Nichts. Der bittere Geschmack der Wahrheit. Auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Politik und Anspruch. Udos Gang nach Canossa, Uwes Entdeckung des Nahen Ostens.

www.asteris-koutoulas.de Update 24.6.2008

Neu hinzugefügt:

George ist ein cooler, abgefährlich abgefahrner Typ. Das Leben hat ihn verloren. Er ist ein Reisender, ein verkanntes musikalisches Genie und zugleich ein Rätsel aufgebendes Geschöpf. Sowas wie ein Rainald Götz der Musik. Ich hatte die historische Gelegenheit, mit ihm arbeiten zu dürfen – und es war, als hätte ich zugleich mit zehn Unikaten gekämpft, sowas in der Art jedenfalls. Sauerstoff kontra LSD.

www.asteris-koutoulas.de Update 23.6.2008 (Classified!)

Grundsätzliche Veränderungen… Meine anfängliche Idee war es, meine Homepage zu einem „Zettelkasten meines Ego“ zu machen. Ich merke jedoch, wie sie sich ganz langsam – und „unbemerkt“ – zu etwas anderem entwickelt, nämlich zu einer Art „Kompendium meines Ego“. Inzwischen verbirgt sich hinter einigen Buttons der Stoff für ganze Artikel, denn ich verspüre mit der Zeit immer mehr das Bedürfnis, zu vielen der in der Homepage angerissenen Themen so umfassend wie nur möglich zu schreiben. Darum habe ich auch angefangen, meine ganzen Seiten intern miteinander zu verlinken, so dass der Kosmos die Anarchie etwas bändigt und die existierenden Bezüglichkeiten offenbart:

www.asteris-koutoulas.de Update 16.5.2008

Hinzugefügt:

Ein Tagebuch-Bericht über mein Germanistik-Studium in Leipzig zwischen 1979 und 1984. Vergebliches Suchen draussen. Verharren im Drinnen. Viel Rotwein und das Auf-Und-Ab einer bebenden Befindlichkeit. Viel nackte Haut und blanke Nerven. Ständiges Fliehen in Geistigkeit. Uwes Katze. Deutsche Bücherei und Moritzbastei. Bärbel und das Leben. Ina und der Tod. Umherirren des nachts.

www.asteris-koutoulas.de Update 14.5.2008

Vervollständigt:

Irgendwie entdeckte ich den „jungen Lukacs“. Seine extrem idealische Lebensphilosophie um 1900 entsprach sehr meiner damaligen seelischen Verfassung in Leipzig und Dresden Anfang der achtziger Jahre. Die Seele und die Formen eben. Geistigkeit als Fluchtpunkt. Und der Glaube, im Idealischen irgendwie doch Freiheit und Erfüllung einer transzendentalen Sehnsucht zu finden.

Update 22.7.2008: Ich habe meinem Funkessay einen Nachtrag angehängt, der den phänomenalen Augenblick des Wandels des jungen Lukacs vom Idealisten zum Materialisten, vom Freigeist zum Kommunisten zu skizzieren versucht.

www.asteris-koutoulas.de Update 29.4.2008 (Christa Wolf)

Vervollständigt:

Die für mich interessanteste und spannendste Schriftstellerin der DDR, diesem Land der Ferne und des gebrochenen Worts. Sie hat mich lange verfolgt, noch vehementer dann als „Kassandra“. Ein Flirren zwischen Heimat und  Lifestyle. Rockmusik in meiner Seele. In meinem Kopf ein Widerhall von Gesprächsfetzen bei ihr zu Hause und einmal auch in Tübingen. Das Blubbern des Bluts in den Adern. Und sie verhalf mir zu meiner damaligen realsozialistischen Einsicht Ende der siebziger Jahre: Der Himmel ist immer noch geteilt, aber die Freiheit fiel in die Spalte zwischen den Hälften…

www.asteris-koutoulas.de Update 21.4.2008

Vervollständigt:

Der Orakelort der Antike ist nicht nur eine Art geistige Heimat, es ist auch eine geographische, zumal Sernikaki, das Heimatdorf meines Vaters, nur wenige Kilometer weiter weg mitten im Tal von Amfissa liegt – umgeben von einem riesigen Olivenhain, unweit der kleinen Hafenstadt Itea. Im Sommer das laute Zirpen der Zikaden wie ein moderner Klangteppich. Flirrende Luft unter einer brennenden Sonne. Karge Landschaft, ausgetrocknete Erde. Nicht umsonst ist der Sonnengott Apollo der Herrscher über Delfi gewesen.

www.asteris-koutoulas.de Update 8.4.2008

Neu hinzugekommen:

Zu Johannes Jansen wird mir bestimmt noch einiges einfallen. In meiner Homepage veröffentliche ich ein Gedichtfragment von ihm, das aus dem ersten Jahr unserer Bekanntschaft stammt … die freie Nachdichtung eines Bruchstücks der Gedichtkomposition „Das ungeheure Meisterwerk“ von Jannis Ritsos. Ritsos passte irgendwie überhaupt nicht zu Johannes, aber irgendwie dann doch … Später entwickelten wir eine echte Zuneigung und haben viel miteinander gemacht, noch später verloren sich unsere Wege. Ihm verdanke ich nicht nur das Gedicht „Das bizarre Städtchen“ von Nezval, die Begegnung mit Frank Lanzendörfer, mit Peter Wawerzinek und mit vielen anderen, und nicht nur seine eigene faszinierend-mystische dunkle Welt …

Update, 21.5.2008: Habe einige mich sehr bewegende Briefe von Johannes, die er mir während seiner Armeezeit schrieb, zu einer kleinen Collage einer „DDR-Armee-Befindlichkeit“ zusammengestellt und veröffentliche sie nun hier.

www.asteris-koutoulas.de Update 20.3.2008 (Bizarre Städte)

 

Auf die Idee, eine „unabhängige“ Zeitschriftenedition in eigener Regie zu produzieren, kamen wir mit Johannes Jansen irgendwann mal im Frühjahr 1987. Von ihm kam auch der Titelvorschlag in Anlehnung an das Gedicht „Bizarres Städtchen“ von Vítezslav Nezval. Das ganze war eine Art gelebter Utopie an diesem „Kein Ort. Nirgends“, der damals für uns Pankow hieß. Der erste Band erschien 1987, der letzte 1989, kurz nach dem Mauerfall. Im Nachhinein betrachtet, war es schon irgendwie Selbstbetrug, eine große Portion Feigheit, gepaart mit einer kleinen Portion Mut. Ein winziger Strohhalm in einem stürmischen Meer. Wir waren jedenfalls nicht ganz Herr der Lage.

Zeichnung von Trak Wendisch
Einband BS 3, Zeichnung von Trak Wendisch

Alphabetische Reihenfolge aller Autoren, Maler, Fotografen oder Musiker, die in BIZARRE STÄDTE veröffentlicht haben (Texte, Collagen, Grafiken, Fotos, Musik):

Adler, Leonore
Adloff, Gerd
Barth, Lothar
Bauer, Annemirl
Bischoff, Thomas
Böthig, Peter
Bolz, Mathias
Bonnard, Roger
Braun, Volker
Bräunling, Gottfried
Brinkmann, Hans
Burchert, Ulrich
Czechowski, Heinz
Dietrich, Therese
Döring, Stefan
Elytis, Odysseas
Endler, Adolf
Faktor, Jan
Fiedler, Janet
Fischer, Steffen
Flanzendörfer
Fleischer, Lutz
Flügge, Matthias
Fries, Fritz Rudolf
Gallasch, Harald
Giebe, Hubertus
Görß, Rainer
Gröschner, Annett
Grünbein, Durs
Hage-Ali, Uwe
Hampel, Angela
Haufe, Thomas
Hein, Christoph
Heisig, Johannes
Hensel, Kerstin
Herrmann, Frank
Holst, Matthias „Baader“
Hübner, Uwe
Hussel, Horst
Jackisch, Holger
Janowski, Bernd
Jansen, Elmar
Jansen, Johannes
Jirgl, Reinhard
Koch, Jurij
Köhler, Barbara
Köhler, Thilo
Kolbe, Uwe
Koutoulas, Ina
Koziol, Andres
Kronenberger, Bertram
Kunz, Gregor
Kutulas, Asteris
Laabs, Klaus
Lanzendörfer, Frank
Legler, Freymuth
Lummitsch, Uwe
Mensching, Steffen
Mohr, Harry
Müller, Christiane
Müller, Heiner
Nagel, Maja
Nicolai, Carsten
Nicolai, Olaf
Niebelschütz, Jörg
Opitz, Detlef
Opitz, Wolfgang
Papenfuß-Gorek, Bert
Persch, Mario
Ritsos, Jannis
Rösner, Ulrike
Rosenlöcher, Thomas
Sachse, Cornelia
Sandner, Reinhard
Schade, Simon
Schedlinski, Rainer
Schubert, Helga
Seferis, Giorgos
Schmidt, Kathrin
Schwarz, Klaus-Peter
Sobeslavsky, Erich
Stürmer-Alex, Erika
Teschke, Holger
Theilmann, Bernhard
Theodorakis, Mikis
Thies-Böttner, Inge
Trendafilov, Gudrun
Trolle, Lothar
Walsdorf, Lothar
Wawerzinek, Peter
Wellemeyer, Tobias
Wendisch, Trakia
Wendland, Holger
Wenzel, Hans-Eckardt
Werner, Klaus
Wesuls, Elisabeth
Wiemer, Manfred
Winkler, Ralf
Winterberg, Yuri
Wolf, Jörg
Wüstefeld, Michael
Ziegler, Doris
Ziemer, Gudula

www.asteris-koutoulas.de Update 10.3.2008 (Heinz Czechowski)

Vervollständigt:

Czecho habe ich in Leipzig während meines Germanistik-Studiums kennengelernt, und wir haben uns angefreundet. Ich kannte seine wunderbare Nachdichtung des Epitaph-Poems von Jannis Ritsos; er bewies damit, dass auch ein – meiner Meinung nach –  „unübersetzbares“ Gedicht ins Deutsche souverän übertragbar ist. Aber vor allem gefielen mir seine unprätentiösen Gedichte in Zyklen wie „Ich, beispielsweise“, „Was mich betrifft“ oder „Ich und die Folgen“. Existenzialistische sächsische Dichterschule, DDR-zerrissen.

www.asteris-koutoulas.de Update 1.3.2008

Neu hinzugekommen:

„Ich schaue Menschheitwesen in Wesen nach Orwesenheit, Antwesentheit, Mälwesenheit, Omwesenheit, nach Organzheit, Antganzheit, Mälganzheit, Omganzheit, nach Orselbheit, Antselbheit, Mälselbheit, Omselbheit, nach Orselbmälganzheit, Antselbmälganzheit, Mälselbmälganzheit, Omselb-mälganzheit…“ Der Verfasser heißt Karl Christian Friedrich Krause, doch wer kennt ihn schon? Und wozu: in diesen enttrösteten Welten?

www.asteris-koutoulas.de Update 27.2.2008 (Konstantin Kavafis)

Vervollständigt:

Kavafis und kein Ende … Darüber habe ich oft nachgedacht in den letzten zwanzig Jahren, über dessen scheinbar unerschöpfliche Modernität, wobei dieser Ausdruck nicht genau das trifft, was ich meine. Macht nichts, die Ungenauigkeit beschreibt letztendlich vielleicht besser den Kern. Jedenfalls unglaublich und ein Phänomen, dass Kavafis mit seinem spröden und kargen poetischen Stil noch so viele Leute anspricht. Unerwartete Begegnungen mit seinen Gedichten oder Gedichtfetzen zu den verrückstesten Gelegenheiten. Ein Rätsel für mich auch, wie er als homosexueller Dichter innerhalb der griechischen Gemeinde Alexandriens so gut überleben konnte, scheinbar entrückt in eine eigene Realität, gemacht aus Worten …

www.asteris-koutoulas.de Update 13.2.2008 (Jannis Ritsos)

Hinzugefügt:

Das war die Überschrift eines Gedichts von Jannis Ritsos aus dem Jahre 1972. Ich musste während der aufwühlenden Monate zwischen November 1989 und Ende 1990 ständig daran denken – der Untergang des Sozialismus vorweggenommen in einem krassen poetischen Bild. Und alle privaten und verinnerlichten Deformierungen führten unweigerlich in die Katastrophe bzw. die Erlösung, je nachdem welcher Denkungsart man war. Einige Texte, die ich als Glossen ansah, dokumentieren eine sehr subjektive Sicht auf jene galoppierende Zeit.

www.asteris-koutoulas.de Update 2.2.2008 (A.R. Penck)

Vervollständigt:

Ich kann mich noch ganz gut an seine Erscheinung erinnern Mitte der siebziger Jahre in Dresden: er kam mir vor wie ein vagabundierender sächsischer Anarchist. Er paßte überhaupt nicht zur DDR und war doch ganz klar ihr Kind. Ich hatte damals natürlich keine Ahnung um seine Bedeutung als Maler, oder besser gesagt als Konzeptkünstler. Aber er war ein ziemlich straighter Typ. Mir kam er immer etwas heruntergewirtschaftet vor, abgesehen davon, dass ich mit seiner Malerei oder seinen Filmen – die ich ohnehin nur sehr brüchstückhaft kannte – nichts anfangen konnte. Eine poetische Gestalt in einer kulturell verdurstenden Landschaft – das allerdings war mir instinktiv damals schon klar, und nicht nur wegen der verrückten Geschichten, die sich um seine Person rankten.

www.asteris-koutoulas.de Update 22.1.2008 (lanzendörfer)

Ergänzt:

Lanzendörfer war nicht mehr zu helfen. Er nahm sich das Leben und hinterließ uns mehrere Fragen, auf die er uns die Antworten schuldig blieb. Er hatte sich verloren zwischen Anspruch, Wirklichkeit, transzendierenden Wahn-Vorstellungen und Experimenten an Geist und Körper. Eine flüchtige Gestalt in einer eher realitätsverhafteten, surrealismusfeindlichen DDR.

www.asteris-koutoulas.de Update 21.1.2008 (Claudia Gehrke)

Neu hinzugekommen:

Claudia Gehrke ist eine interessante Frau … (Und das nicht nur als Chefin des tübinger Konkursbuchverlags.) Sie hat es sehr geschickt und klug verstanden, Kunst, Erotik und Rebellion zu einer neuen Art von Lebensphilosophie zu verschmelzen.

Claudia hat durch ihre zahllosen anti-sexistischen und frauen-freiheitlichen Publikationen vielen Denkmustern und Denkansätzen, die heutzutage durch Texte wie „Feuchtgebiete“ ins Bewußtsein einer breiten Masse tropfen, den Weg bereitet. Wo wäre die deutsche Kultur-Welt ohne ihren feministisch-revolutionären Konkursbuchverlag mit dem „Heimlichen Auge“ und Autorinnen wie die hardcorige Krista Beinstein?

www.asteris-koutoulas.de Update 19.1.2008

Neu hinzugekommen:

Das ist eine Auflistung der CDs, bei denen ich mitgearbeitet bzw. die ich selbst produziert habe. Die meisten entstanden in Deutschland, einige produzierten wir aber auch in Russland, Griechenland, Österreich, Holland und Ungarn. Die meisten sind von und mit Mikis Theodorakis, einige habe ich für Maria Farantouri produziert. Dabei ging es mir auch darum in gewissem Sinne „Lücken“ zu füllen. Ich arbeitete vor allem mit Intuition Records (jetzt: Wergo) zusammen, aber auch mit Tropical Records sowie mit Peregrina, Buschfunk und Pläne in Deutschland, sowie mit einigen griechischen Plattenlabels. Ergänzt wird das Ganze durch die Auflistung einiger DVDs, an denen ich mitgemacht bzw. die ich mit-produziert habe. Bei diesen Projekten (Liedplatten, Opernproduktionen, Sinfonik, Kammermusik etc.) arbeitete ich mit diversen Sinfonie-Orchestern, Chören, Dirigenten sowie Solisten – wie z.B. Zülfü Livaneli, George Theodorakis, Dimitra Galani, Rainer Kirchmann, Henning Schmiedt, Jannis Zotos, Petros Pandis, Konstantin Wecker etc. – zusammen.

www.asteris-koutoulas.de Update 13.1.2008 (Griechische Literatur)

Neu hinzugekommen bzw. vervollständigt:

Dieses Gespräch mit Axel Dielmann entstand aus Anlaß der Frankfurter Buchmesse 2001, als Griechenland Schwerpunkt der Buchmesse war.  Mir war vor diesem Gespräch aufgefallen, dass es noch keine generalisierende Analyse der griechischen Literatur in Deutschland gab, jedenfalls war mir keine bekannt. Deshalb versuchte ich, die für mich wichtigsten diesbezüglichen Koordinaten aufzuzeigen, und zugleich auf die Ost-West-Problematik aufmerksam zu machen, die es ja einige Jahrzehnte lang bis 1989 gegeben hatte.

www.asteris-koutoulas.de Update 12.1.2008 (Goethe)

Neu hinzugekommen:

Dieser Text über Goethes Iphigenie entstand während meiner Beschäftigung mit der Mythos-Rezeption Anfang der achtziger Jahre: die Iphigenie-Gestalt bei J.W.Goethe, Gerhart Hauptmann und Euripides. Darüber schrieb ich meine Diplomarbeit während meines Germanistik-Studiums. Außerdem beschäftigen wir uns intellektuelle Griechen, quasi „a priori“, mit diesen Themen wie „Mythologie und Gegenwart“. Und Goethe war zweifellos einer der ersten deutschen Philhellenen des modernen Griechentums.

www.asteris-koutoulas.de Update 9.1.2008 (Baader & Wawerzinek)

Neu hinzugekommen:

Ein Gespräch, das ich mit „Baader“, einem sehr eigenwilligen und höchst talentierten Verrückten, und Peter Wawerzinek, einem anderen eigenwilligen und höchst talentierten Verrückten über die DDR, Rockmusik und Lyrik während der Wende-Zeit geführt hatte. Baader starb wie er gelebt hatte: er wurde einige Wochen nach diesem Gespräch im Morgengrauen eines feuchten Junitages in Pankow von einer Straßenbahn erfasst und erlag wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

www.asteris-koutoulas.de Update 6.1.2008 (DDR)

Neu hinzugekommen:

Die DDR war meine „dritte“ Heimat. Inzwischen lebe ich in meiner „vierten“, der Bundesrepublik Deutschland. Über die DDR haben wir viel nachgedacht, als wir in der DDR lebten, später kaum noch. Es war allen klar, was passiert war, und es war in Ordnung so. Meine „dritte Heimat“ hatte in ihrer realsozialistischen Gestalt keine Daseinsberechtigung. Die Dilemmas waren einfach zu groß. Und ein Ausweg nicht möglich; weder waren die Eliten des Landes willens zu Reformen, noch in der Lage – die DDR-Führungsriege war dermaßen überfordert durch ihre „historische Misssion“, den Sozialismus aufzubauen, dass ihr nur der kleinste gemeinsame Nenner blieb: Machterhalt um jeden Preis. Der wurde dann durch Gorbatshow und seine Perestroika dermassen nach unten gedrückt, dass schließlich das DDR-Volk in Leipzig und anderswo ihn kurzerhand bezahlte und dem Spuk ein Ende bereitete.

Update: Habe dem Text „AUS DER DDR…“ noch ein Gespräch mit Wolfgang Kempe vorangestellt, das ein Jahr vor dem Fall der Mauer stattfand, am 27. November 1988, in Eggersdorf-Süd bei Ost-Berlin.

AUS DER DDR..: Nun ja, ich wollte meine damalige Reflektionen hier festhalten, die zwar ungelenk, unfertig und unerheblich erscheinen, aber von einem gewissen tragischen Impetus durchwirkt waren, und in dem Bewußtsein verfaßt wurden, dass zumindest irgendwas nicht stimmte zwischen dem Anspruch des real Existierenden und der wirklichen Wirklichkeit. Dazwischen blieben so viele Fragen offen, dass Antworten keine Chance hatten. Was wollten wir nur? Wonach suchten wir, verloren in der Zeit des kalten Krieges? Keine Ahnung.

www.asteris-koutoulas.de Update 2.1.2008

Neu hinzugekommen:

Hortensia Bussi-Allende lernte ich 1993 in Santiago de Chile kennen. Daher stammt auch dieses Foto. Es war eine verrückte Situation in Chile, da Pinochet noch Präsident war, aber die Regierung und der Ministerpräsident bereits frei gewählt wurden. Eine merkwürdige Zwittergesellschaft, über der noch der Modergeruch der Diktatur schwebte.

In „Berlin Jotwede“ sagte mein damaliger Freund und Theaterregisseur Tom Bischoff: „Ich will mal sagen, was ein Berliner ist. Wenn ich mir die Kröte anhöre, die hier neben mir redet und quatscht, daß mir das Grüne aus den Ohren läuft, will ich Dir mal sagen, was ein Berliner ist: Wenn Du ein Berliner bist, dann bin ich sonst was …“ – Und Dimitris, der nichts dafür konnte, aß einfach weiter. (Es war die Zeit, als noch alles möglich schien und viele Türen offen standen.)