Hellas Filmbox Berlin – Ein Statement

[Ich muss zunächst vorausschicken, dass ich weder Ahnung habe vom griechischen Film noch jemals daran interessiert war, Festivaldirektor zu werden – darum blieb ich es nur für ein Jahr (2015/16), dann übergab ich an Sandra von Ruffin, die im ersten Jahr Vize-Festivaldirektorin war. Ich blieb weiterhin als Berater von Hellas Filmbox tätig und war von 2016 bis 2019 Creative Director des Festivals.] 

Plakat Hellas Filmbox 2017 mit Stathis Papadopoulos, fotografiert von DomQuichotte, Creative Director Asteris Kutulas, Art Director Achilleas Gatsopoulos

Als Ina Kutulas und ich Anfang 2014 den Gedanken hatten, ein griechisches Filmfestival zu gründen, geschah das aus dem Impuls heraus, zu reagieren auf eine für uns unerträgliche, hysterische Situation in Deutschland. Zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg wurde sowohl von einem Großteil der Medien als auch von Politiker und Regierungsmitglieder nicht die Politik eines Landes, wurden nicht bestimmte politische Entscheidungen oder Parteien kritisiert, sondern ein Volk insgesamt stigmatisiert. Dieser Zustand der Herabsetzung und Verteufelung „der Griechen“ dauerte von 2010 bis 2015. Wenn man sich die Verlautbarungen der Medien und der Politik aus diesen fünf Jahren ansieht, wird man erschlagen vom Tonfall, aber auch von der Denkungsart, die sich mit dieser „Griechen-Kritik“ offenbart.

Wir wollten 2014 mit unseren Mitteln als Künstler darauf reagieren und dem etwas entgegensetzen. Wir beschlossen, das Bild eines „realen“ Griechenland – gesehen durch die Augen griechischer Filmemacher – in der deutschen Hauptstadt zu präsentieren. Ein Jahr später, Anfang 2015, war es soweit: Gemeinsam mit einigen Partnern, Kollegen und Freunden gründeten wir zusammen die Deutsch-Griechische Kulturassoziation e.V. – und Ina Kutulas fand den Namen für das Festival: HELLAS FILMBOX BERLIN. Nach fast einem Jahr Vorbereitungszeit fand dann im Januar 2016 die erste Edition von Hellas Filmbox Berlin statt. Auf dem Höhepunkt des Griechenland-Bashings machten wir eine klare Aussage: „Die Griechen kommen!“ Und noch ein Slogan, der es in sich hatte: „71 Filme in 4 Tagen – Soviel Griechenland hast du noch nie gesehen“! 

Ich schreibe das, um kenntlich zu machen, warum die Voraussetzungen dieses Festivals im Vergleich zu denen der meisten anderen Festivals so unikal sind und weil das erklärt, warum unser Festival so geworden ist, wie es ist.

Um unser Ziel zu erreichen, mussten wir unseren Fokus erstens auf die deutsche Presse und zweitens auf das deutsche Publikum richten. Es würde zu weit führen, hier die Kampagne zu umschreiben, die uns zum Ziel führte, ausserdem habe ich das bereits im Artworking Hellas Filmbox-Text umrissen.

Und die andere wichtige Komponente war, dass wir von vornherein die Vermarktungsstrategie des Festivals als Event und eben nicht als ein traditionelles Filmfestival anlegten. Diese Herangehensweise hatte mehrere Konsequenzen:

1. Um das deutsche Publikum und die deutsche Presse überhaupt ansprechbar für uns zu machen, mussten wir die Filme deutsch untertiteln. So bekamen von den 132 Filmen, die wir bei den ersten beiden Festivals gezeigt haben, 65 Filme deutsche Untertitel. Wer etwas Einblick hat in den Prozess des Übersetzens und des Untertitelns, ahnt, was das für eine Mammutarbeit und was das für eine kulturelle Leistung war (auch für die deutsch-griechischen Beziehungen).

2. Wir mussten Ideen für Home-Stories, Bilder und Slogans entwickeln, die eine Chance hatten, von der deutschen Presse als Text und Bild überhaupt wahrgenommen und veröffentlicht zu werden. Auf diesem Feld waren wir so sehr erfolgreich, dass wir schon durch die ca. 250 Presse-Veröffentlichungen bei jedem Festival der ersten drei Jahre zum größten kulturellen Ereignis außerhalb Griechenlands geworden sind. Zusätzlich haben wir tatsächlich erreicht, das negative Image Griechenlands auszugleichen dadurch, dass wir das positive und kreative Griechenland wieder erfahrbar machen konnten, weil wir diesem Griechenland eine starke Präsenz in Deutschland verschaffen konnten. Wir schafften es – vor allem mit Hilfe von Sandra von Ruffin –, dass in der „Bild“, der damals mit 10 Millionen Lesern auflagenstärksten Zeitung Europas, in der Neujahrsausgabe 2015/16 über HELLAS FILMBOX BERLIN geschrieben wurde. Das war die erste positive Berichterstattung über Griechenland in der „Bild“ seit 2010. Es folgten Veröffentlichungen in „Stern“, „Focus“, „Süddeutsche Zeitung“, „Tagesspiegel“, „TAZ“ und anderen Printmedien sowie in vielen Fernseh- und Radio-Sender, bis hin zu einer ganzen Seite in der „Zeit“ unter der Überschrift „Die kleine griechische Berlinale“. Wer von Werbung eine Ahnung hat, weiß, dass wir hier einen Werbe-Effekt für Griechenland und auch für dessen Filmkunst erzielen konnten, der einem mehreren Millionen-Wert entspricht.

Plakatentwurf von Achilleas Gatsopoulos für das erste Hellas Filmbox Berlin im Januar 2016

3. Voraussetzung dafür, dass wir unser Ziel erreichen konnten, viele Menschen ins Kino zu holen und den griechischen Film für ein deutsches Publikum attraktiv zu machen, war es, HELLAS FILMBOX BERLIN nicht als Filmfestival, sondern als ein Event zu vermarkten. HELLAS FILMBOX BERLIN – das war 2016 und 2017 ein kulturpolitisches Statement; wenn man so will: eine „kulturelle Unabhängigkeitserklärung von der Tagespolitik“. In der aufgeheizten Atmosphäre und in Anbetracht des sehr gespannten zwischenstaatlichen Verhältnisses von 2015 lautete der Slogan für das erste HELLAS FILMBOX Festival: „71 griechische Filme an 4 Tagen“. Das war eine klare kulturpolitische Message, die Eindruck machte. Denn über „die Griechen“ wurde damals sehr viel gerichtet, ohne dass sie selbst zu Wort kommen konnten. Das kreative Griechenland existierte nicht mehr in der deutschen Berichterstattung. Dieses kreative Griechenland brachten wir durch HELLAS FILMBOX BERLIN in die deutsche Hauptstadt (zurück).

Das Projekt HELLAS FILMBOX BERLIN war so erfolgreich, dass im Januar 2018 unser Partnerkino in Berlin, das „Babylon“, als „Warm up“ zu unserem Festival 30 griechische Filme in 70 Screenings gezeigt hat, also einige Filme mehrmals. Das lässt deutlich werden, dass HELLAS FILMBOX BERLIN den griechischen Film so wettbewerbsfähig in Berlin gemacht hat, dass eine deutsche kulturelle Einrichtung auf eigenes Risiko zahlreiche griechische Filme zeigt. So etwas hat es, meines Wissens nach, in diesem Umfang nirgendwo anders gegeben – vor allem, wenn man bedenkt, dass sich dieser Prozess auf der Grundlage des Interesses eines nicht-griechischen Publikums vollzog.

Basis dieses Erfolgs war und ist das Engagement eines passionierten Teams – und zwar eines Teams, das jahrelang ehrenamtlich und ohne finanzielle Einnahmen gearbeitet hat. Das, was an „Honoraren“ gezahlt werden konnte, waren höchstens Unkostenpauschalen.

An dieser Stelle möchte ich zwei Institutionen und einem Konzern danken, ohne die es HELLAS FILMBOX BERLIN so nicht gegeben hätte. Wir haben natürlich – wie oben schon erwähnt – auch von einer Vielzahl anderer Personen, Firmen und staatlicher Stellen kleinere Beträge und Unterstützung unterschiedlicher Art bekommen, aber ohne die Zuwendungen der Niarchos Foundation, der Bundeszentrale für politische Bildung (für die Übersetzungen) und von Audi City Berlin hätte das Festival nicht als ein Kultur-Event durchgeführt werden können, das überhaupt irgendeine nennenswerte Aufmerksamkeit erzielt hätte. So aber konnte auf dem Gebiet der Kunst ein deutliches Zeichen für die Verständigung der Menschen aus beiden Ländern gesetzt werden. Allerdings … selbst mit dieser Unterstützung durch die Niarchos Foundation, die Bundeszentrale für politische Bildung, Audi etc.  würde das HELLAS FILMBOX BERLIN Festival nicht bestehen, ohne das Kernteam von zwanzig Engagierten – größtenteils Griechen und einige Deutsche –, ein Team, das Herz und Seele dieses Festivals war und ist. Ihnen gilt mein Dank und mein Respekt.

Asteris Kutulas, 27.1.2018

(Asteris Kutulas gründete zusammen mit  Ina Kutulas das Filmfestival Hellas Filmbox Berlin und war Festivaldirektor der 1. Edition im Januar 2016 sowie von 2015 bis 2019 Creative Director des Festivals)

 

Artwork Hellas Filmbox 2018, mit Sandra von Ruffin & Friedrich Liechtenstein, fotografiert von DomQuichotte & Achilleas Gatsopoulos, Kostüme Heike Hartmann & Annabell Johannes, Art Director Achilleas Gatsopoulos, Creative Director Asteris Kutulas