„Was macht man mit jungen wilden Pferden, die sich nicht zähmen lassen? – Man erschiesst sie!“

30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer

Eine fünfundsechzigjährige aufgeweckte Frau erzählt einigen Schülern vom Berliner Theresien-Gymnasium, dass ihr Sohn Chris in der Nacht des 5. Februar 1989 beim Versuch, die Berliner Mauer zu überwinden, erschossen wurde. Die Frau spricht mit ruhiger Stimme, mehr als zwanzig Jahre später, im Oktober 2009 – wie im Zeitraffer schmilzt die Zeit zusammen, und etliche der 18jährigen Schüler beginnen sich allmählich zu fragen, was es heißt, vor solch einem Dilemma zu stehen: zu fliehen oder zu bleiben, zu schweigen oder zu schreien, zu schießen oder nicht zu schießen, etwas zu riskieren oder stillzuhalten.

Karin Gueffroy, die Mutter, reiste an jenem 5. Februar 1989 von Rostock zurück nach Berlin; mit ihrem Sohn war sie für den nächsten Morgen zum Frühstück verabredet. Als sie sich schlafen legte, hörte sie – wie schon seit Jahren immer wieder – von der nahe gelegenen Grenzanlage am Baumschulenweg Schüsse herüber hallen. Karin Gueffroy wusste nicht, dass ihr einundzwanzigjähriger Sohn in diesem Augenblick von zehn Kugeln getroffen worden war.

Die Frage, was „Unrecht“ bedeutete zu DDR-Zeiten, was die Menschen damals als „Unrecht“ empfanden, schwingt immer mit, wenn Karin Gueffroy von der „Grobheit des Staates“ spricht, der sie nach diesem „Zwischenfall“ ausgesetzt war. Die schließlich dazu führte, dass junge Stasi-Beamte sie, die Mutter, Verständnis heischend, fragten: „Und was macht man mit jungen wilden Pferden, die sich nicht zähmen lassen, Frau Gueffroy? … Man erschießt sie.“

„Der Sozialismus ist menschlicher, gerechter und freiheitlicher als der Kapitalismus“

Man lebte in der DDR in einer „gerechten Gesellschaft“, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beendet worden war. In der „Geld keine existenzielle Rolle spielte“, in der die soziale Grundversorgung des Menschen – wie das Bildungs- und das Gesundheitssystem – garantiert wurde. In der es kein Privateigentum an Produktionsmitteln und keine Arbeitslosigkeit mehr gab und man „gemeinsam“ als „Volk“ siegesgewiss in die Zukunft blicken konnte. Lebte man in der DDR, stand man auf der „guten Seite“. Das „Böse“, das „Reaktionäre“, der Kapitalismus, war „drüben“, längst überholt, er gehörte zum alten Eisen der Geschichte. Etwas fehlte allerdings. Dieses Milligramm, das mehr und mehr Menschen vermissten, hieß „Freiheit“: Redefreiheit, Reisefreiheit, Konsumfreiheit – was auch immer … Es trug entscheidend dazu bei, dass letztendlich sehr viele DDR-Bürger im Kapitalismus die erstrebenswertere Gesellschaft sahen. Das Erlebnis „Mauer“ spielte bei dieser Sicht auf die Dinge eine entscheidende Rolle: der „antifaschistische Schutzwall“, ein Bollwerk, von dem es hieß, es sei gegen den äußeren Feind gerichtet, errichtet gegen die Bedrohung aus dem Westen, gegen Kriegstreiber, Menschenhändler, Kriminelle; ein Bollwerk, das vor allem aber dazu diente, die Menschen auf der Seite der Mauer, wo die Sonne aufging, vor sich selbst zu schützen, vor ihren eigenen Gedanken, Ideen, Worten, Begehrlichkeiten. Die DDR-Bürger wussten das – und viele nahmen das in Kauf, eine Zeitlang. Eine „Diktatur unter humanem Deckmantel war das“, bemerkte Karin Gueffroy und wusste sofort, dass es schwer werden würde, den jungen Menschen, die ihr jetzt, 2009 zuhörten, die doppelte Dimension dieses Satzes begreiflich zu machen.

„Im Osten geht die Sonne auf – im Westen geht sie unter“, das war klar gestellt und die Mauer eine Bruchstelle zwischen zwei Gesellschaftssystemen. Diese unnatürliche Entzweiung eines Volks sollte über kurz oder lang unerwünschte Folgen haben, als das Wünschen schon nicht mehr viel half: Die „Diktatur des Proletariats“ verlor die Schlacht gegen die „Diktatur des Kapitals“, einfach weil letztere dem Einzelnen mehr Möglichkeiten zum Konsum und mehr Freiheit bieten konnte – dem hatte die „Diktatur des Proletariats“ offenbar nichts entgegenzusetzen. Im Osten wurde versucht, ab 1973 den „Konsum“ als neue Staatsdoktrin zu installieren, den Kapitalismus auf eigenem Terrain zu schlagen, und die Losung ausgegeben: „Ich leiste was, ich leiste mir was.“ Aber den Kapitalismus überholen, ohne ihn einzuholen, wie es die DDR-Führung in totaler Verkennung der Lage verlangt hatte – das war nicht zu schaffen. Man hechelte ihm wie einer Fata Morgana hinterher, spielte ihm somit in die Hände und schlug sich dabei à la Erich Honecker heldenhaft auf die Brust: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ In welchem Lauf und wohin, das wusste selbst Honecker schon längst nicht mehr.

Die DDR-Führung war schlichtweg unfähig, das vielgepriesene Volkseigentum effektiv zu verwalten und zu mehren; die Wirtschaft nach vierzig Jahren DDR völlig marode, sie brach zusehends in sich zusammen. „Meine Hand für mein Produkt“, so hieß es auf Plakaten – und die Menschen im ganzen Lande spöttelten: „Dann hätte so mancher schon keinen Arm mehr“. Satt hatte man schließlich dieses ganze System mit seinen „Aktivisten“ und seinen „Verbesserungsvorschlägen, die dazu dienen sollten, den West-Kaffee und die West-Jeans nachzuahmen, abzukopieren, neu zu erfinden. Die Menschen entschieden sich letztendlich für das Original. Der Himmel war geteilt und die Hoffnung schon lange in den Spalt zwischen den Hälften gefallen. Schließlich fiel 1989 auch die Mauer – unter anderem und vor allem, weil die Ost-Bürger die Westmark haben wollten, mit all ihren Verheißungen … Es war die Bankrotterklärung des „real existierenden Sozialismus“.

Dieser scheiterte, weil er ökonomisch nicht überlebensfähig war, er scheiterte jedoch auch als „Utopie“ – aber nicht wegen der Probleme, die es im Sozialismus zuhauf gegeben hat, sondern wegen der Art, wie mit ihnen ideologisch und politisch umgegangen wurde. Eines dieser Probleme bestand darin, eine bestimmte Realität um sich herum zu haben und in den sozialistischen Massenmedien diese Realität niemals widergespiegelt zu finden. Ein anderes, dass eine Handvoll von vergreisten, bis auf die Knochen kleinbürgerlichen Herren der Parteielite sich das Recht nahm, „ihrem“ Volk vorzuschreiben, wie es zu denken, was es zu lesen und wie es zu leben hatte. Ein weiteres Problem war, dass auch „der sozialistische Alltag“ durch diese Führungsriege reguliert wurde, die seit Jahrzehnten jeden Kontakt zu eben diesem Alltag verloren hatte. Aber auch, dass man nicht auf das System oder auf „Honecker“ fluchen konnte, ohne Angst zu haben und Konsequenzen fürchten zu müssen – dafür sorgten 91.000 hauptamtliche Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) sowie über 100.000 sogenannte Inoffizielle Stasi-Mitarbeiter, die ihr familiäres Umfeld und den Freundeskreis ausspionierten. Das scheinen alles vielleicht „Bagatellen“ zu sein, ich weiß, aber diese „Details“, mit denen die DDR-Bürger tagtäglich zu tun hatten, entschieden letztendlich den Kampf der Systeme.

„Schüsse im Winter waren besonders laut“

Karin Gueffroy war zu DDR-Zeiten ein „unpolitischer“ Mensch, lebte „unbescholten“ im sozialistischen Brutkasten, bis ihr der Tod des Sohnes widerfuhr. Diese Tragödie veränderte ihr Leben und rüttelte sie auf, verlangte nach einer Reaktion der DDR-Bürgerin und Mutter. Die Stasi-Leute sagten, ihr Sohn habe eine militärische Anlage angegriffen und sei dabei unglücklicherweise ums Leben gekommen. Sie brauche sich allerdings keine Vorwürfe machen, denn schuld an dieser misslichen Situation sei allein der Sohn. Dessen Leichnam wurde zwei Tage nach seinem Tod heimlich und ohne Wissen der Mutter um 00:45 nachts in einem Krematorium eingeäschert. Wenn man Karin Gueffroys Ausführungen folgt, begreift man die Leipziger zu Zeiten der Montagsdemonstrationen im September/Oktober 1989, die bebend vor Angst Plakate hochhielten mit der Aufschrift: „Wir haben keine Angst“.

Ein Schüler reagiert betroffen auf Karin Gueffroys Ausführungen und bedauert, dass in der Schule kaum die vor allem in manchem Familienkreis inzwischen schon wieder verklärte DDR behandelt wird. Karin Gueffroy wirkt in diesen Momenten etwas hilflos: Sie hat ihre ganz private Geschichte zu erzählen, und obwohl die Frau emotional beherrscht wirkt, erkennt man ab und an, dass Wut in ihr hochkommt.

Tatsächlich ist es unbegreiflich, wie Erich Honecker, der zu DDR-Zeiten im für keinen Normalsterblichen zugänglichen Wandlitz seine West-Pornos guckte und nach dem Fall der Mauer die demokratischen Errungenschaften der Bundesrepublik ganz selbstverständlich und ohne Scham in Anspruch nahm, seine Ausreise nach Chile 1993 mit den Worten begründete: „Es ist doch das Normalste dieser Welt, dass der Vater zu seiner Tochter reist“. Genau dieses Recht hatte er jahrzehntelang den DDR-Bürgern vorenthalten und auf alle, die sich dieses Recht nehmen wollten, schießen lassen. Aber auch Pornos waren in der DDR verboten – sie waren mit der „sozialistischen Moralauffassung“ nicht zu vereinbaren. Im Nachhinein wirkt es ziemlich kurios, ja wie eine Marotte der Geschichte, dass sich die Altherrenriege, die die DDR regierte – die Honeckers, Sindermanns und Mielkes –, über Jahrzehnte als Inkarnation der sozialistischen Revolution und als Sachwalter des kommunistischen Ideals präsentierte – und, in diesem pervertierten Glauben gefangen, von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt war. Als Grieche, der in der DDR gelebt hat, fragte ich mich damals ständig, was ein Jannis Ritsos, ein Mikis Theodorakis, mein Vater und viele andere griechische Kommunisten und Linke mit solch einem System zu tun hatten. Es war tröstlich zu wissen, dass die Antwort stets lautete: gar nichts.

 

Karin Gueffroys eigene Geschichte erzählt von einem tragischen Einzelschicksal, an dem das Menschenverachtende des DDR-Systems besonders deutlich wird. Und an dem sich zeigt, wohin eine Gesellschaft driftet, die sich nicht auf die Herzen und den Verstand vieler Millionen Menschen verlässt – die zum Teil mit Hoffnung und Zuversicht in den fünfziger Jahren zum „Sozialismus“ aufgebrochen waren –, sondern im kleinbürgerlichen Morast einer Handvoll machtbesessener und rücksichtsloser Potentaten versinkt. Und die alle Kritik mit dem Argument des „Antikommunismus“ mundtot machten.

Karin Gueffroy erwähnte nebenbei, sich an die Nacht vom 5. zum 6.2.1989 erinnernd, als ihr Sohn erschossen wurde: „Schüsse im Winter waren besonders laut“ – eine Feststellung, die schlaglichtartig das Leben eines Landes und ein ganzes System erhellt, das vor dreißig Jahren untergehen musste. Chris Gueffroy war das letzte Todesopfer an der Berliner Mauer, das durch Waffeneinsatz ums Leben kam.

Asteris Kutulas, 2009/19