„Wir sind alle umzingelt“ – Südkorea-Tagebuch (22.9.19)

Seltsam, in Südkorea zu sein, wenn man aus dem ehemals geteilten Deutschland „kommt“. Noch einen Tag oder auch nur Stunden vor dem „Mauerfall“ war nicht daran zu denken, dass Deutschland bereits ein Jahr später vereint sein würde. Hier dagegen sprechen alle von der Wiedervereinigung, wollen alle (mehr oder weniger) die Wiedervereinigung, suchen nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit. In der demilitarisierten Zone werden Wirtschaftsbetriebe gegründet. Arbeiter aus Süd und Nord arbeiten dort zusammen, eine Bahnlinie zwischen beiden Ländern wird gebaut, die aber (noch) keine bilaterale Verbindung ist, sondern der Zug bringt die Arbeiter vorerst nur in die „Zone“. Und dieser Tage kommen beim DMZ-Forum Experten zusammen, um über alle Aspekte des Wiedervereinigungsprozesses zu diskutieren und Lösungen zu finden. Politisch, wirtschaftlich, kulturell, ökologisch, psychologisch.

Ich habe das Gefühl, dass an der „Basis“ alles bereit ist für die nationale Familienzusammenführung und dass es nur noch des Drei-plus-Zwei-Abkommens bedarf: USA, China, Russland, Nord- und Südkorea müssen sich gegenseitig die Sicherheiten gewähren, die alle brauchen, um die Teilung zu beenden.

Der Taifun aus Okinawa hat Südkorea erreicht. Bei strömendem Regen fahren wir zum neuen Event-Ort. Die Veranstaltung musste von Open-Air nach Indoor und noch dazu in eine ganz andere Stadt verlegt werden. Man rechnet deshalb mit viel weniger Zuschauern, aber das scheint die Organisatoren nicht weiter zu stören. Das Kulturereignis wird live im Internet und später im Fernsehen übertragen.

Die südkoreanische Regierung ehrt den 94-jährigen Mikis Theodorakis. Dessen 3. Sinfonie ist das Highlight des Abends. Sieben seiner Lieder als Kontrastprogramm dazu, gesungen von Maria Farantouri. Zwei musikalische Seiten eines Komponisten, dessen Werke hier anlässlich des DMZ-Festivals aufgeführt werden und der in seiner berührenden Videobotschaft mit brüchiger Stimme von einer „Wunde der Teilung“ spricht, die geschlossen werden muss. Wie eine prophetische Mahnung während des 3. Satzes der 3. Sinfonie der auf Konstantinos Kavafis‘ Versen beruhende Text: „Wir sind alle umzingelt. / Es gibt kein Schiff zu dir, / keine Straße. /So sehr hast du dein Leben zerstört – es verfolgt dich, /wohin du auch gehst.“

Conductor Nara Jung rehearsing with the Kyonggi Philharmonic Orchestra, the WiJeongbu City Chorus, the Grand Opera Chorus and soprano Seo Sun Young

Ein südkoreanischer Orchestermusiker kommt später zu mir: „Ich wusste gar nicht, dass es so eine Musik gibt – die ist wirklich einzigartig. Klassisch und modern zugleich, und sehr energetisch und emotional. Grüßen Sie Herrn Theodorakis von mir. Seine Sinfonie wird in Südkorea großen Anklang finden.“

Übermorgen geht es zurück nach Berlin, in das seit fast 30 Jahren wieder-vereinte und irgendwie wieder-„geteilte“ Deutschland. Vielleicht werden es die vom Buddhismus beseelten Südkoreaner besser machen als die Deutschen, zwischen denen in den letzten Jahren wieder das Gift des Hasses verspritzt wird. Hier gibt es Meister Subul, der weiß: „Schau nicht auf die Dunkelheit, sonst wirst auch du dunkel.“

© Asteris Kutulas, Seoul, 22.9.2019

(Photos by Asteris Kutulas)