Hektik und Slowmo unter diesem schrecklich schönen Himmel – Südkorea-Tagebuch (20.9.19)

Wir steigen in unseren kleinen Bus, um in die demilitarisierte Zone in der Gyeonggi Provinz zu fahren. Der Begriff „Totalstau“ fällt mir ein als Bezeichnung für das, was dann folgt. Sehr sehr langsam ziehen die Hochhäuser, Shopping Malls und Bürotürme vorüber, obwohl sie doch pulsiert, diese Stadt. Ich habe den Eindruck, dass es keine Bauten gibt, die älter als zwanzig Jahre sind. Fast nur junge Leute in den Straßen. Und sehr viele Kinder.

Seoul Centre

Plötzlich Hektik auf dem Beifahrersitz. Unser südkoreanischer Begleiter klebt regelrecht am Telefon. Ein Taifun hat sich aus Okinawa nach Südkorea aufgemacht und die Pläne der Organisatoren für eine Open-Air-Veranstaltung durchkreuzt. Jetzt soll das große Konzert übermorgen in einem Konzerthaus in einer ganz anderen Stadt stattfinden.

Ich habe eine Eingebung, suche in meinem Computer, und es erklingt Johann Sebastian Bachs „Prelude in B Minor“, von Alexander Siloti für Klavier arrangiert. Gespielt vom göttlichen Emil Gilels. Jetzt wird die Fahrt durch Seoul für mich zu einem Film. Seoul in Slowmo. „Kein einziger dicker Mensch auf der Straße“, platzt John, der aus Los Angeles zum DMZ-Festival gekommen ist, in meine melancholische Stimmung. „Einen habe ich gestern gesehen, aber der war Europäer … Und ich natürlich. Wie machen die das?“ Henning weiß Bescheid: „Das ist das Essen. Reis und Gemüse.“ John teilt uns seine nächste Beobachtung mit: „Die Männer sehen alle so nichtssagend aus – ganz im Gegensatz zu den Frauen, die irgendwie „leuchten“, sehr „schön“ und offen sind und die sehr selbstbewusst auftreten.“

Mit Kim Phúc aus Vietnam

Im Kintac-Center dann das DMZ-Forum. Plötzlich steht in einem schwarzen Kleid Kim Phúc vor mir. Eine glückliche, stets lächelnde, beeindruckende Frau. Das Foto, auf dem sie als Neunjährige 1972 während des Vietnamkriegs zu sehen war, nackt, vor dem Bombenhagel von Trảng Bàng fliegend, ging um die Welt. Es trug dazu bei, diesen Krieg zu beenden. Sie sagt zu mir mit einem entwaffnenden Lächeln: „Wir hatten die Teilung zwischen Süd- und Nordvietnam. Jetzt bin ich hier, um über Hoffnung zu sprechen. Und auch darüber, dass manches sich sehr schnell ändern kann.“

Kim & Moon

 

Dann eine Unterhaltung mit dem Direktor des Art Centers der Gyeonggi Provinz. Er: „Seit der amerikanische Präsident den symbolischen Schritt über die Grenzlinie gemacht hat, hoffen wir, dass eine Wiedervereinigung mit Nord-Korea möglich wird.“ Ich: „Ich kenne nicht sehr viele, die Donald Trump so viel Sympathie entgegenbringen wie ihr hier in Südkorea.“ Er nickt: „Wir wollen zeigen, dass die demilitarisierte Zone von einem Symbol des Kalten Krieges zu einem des Friedens werden kann.“ Und: „Der schöne Himmel, der jetzt über uns leuchtet, soll auch über Nordkorea leuchten. Wir hoffen, dass wir das DMZ-Forum nächstes Jahr in Nordkorea abhalten können … The sky is sadly beautiful.“ So sieht‘s aus.

© Asteris Kutulas, Seoul, 20.9.2019

(Photos by Asteris Kutulas)