Seouls Temperaturkurve der Aromen, Südkorea-Tagebuch (18.9.19)

Kurz bevor ich das Flugzeug verließ, erinnerte ich mich plötzlich an Goshas Worte von vor 30 Jahren: „Immer, wenn ich irgendwo ankomme, will ich wissen, wie es riecht. Sobald ich draußen bin, atme ich ganz tief ein.“ In Seoul ist die Luft ein bisschen wie in Athen. Süd-Korea … Süd-Koriander, das Eine und das Andere – ineinander. Das würde vielleicht das Thema dieses Aufenthalts werden.

Mitten in der „Altstadt“. Erste Impressionen: Wolkenkratzer, moderne Architektur, Hügellandschaft, unzählige Autos, die in der Sonne grell orangefarbenen Taxis, höfliche Männer, selbstbewusste Frauen, der mächtige und still dahinfließende Hangang-Fluss, eine seltsam nicht-nervöse Stimmung – und das schreibe ich als Berliner. Geruhsamkeit. Eigenartig, denn ich befinde mich in der viertgrößten Wirtschaftsregion der Welt.

Ich habe auf dem Flug hierher zwei scheinbar gegensätzliche Meinungen über Südkorea gehört. In der Frankfurter Lufthansa-Lounge begegnete ich plötzlich einem alten Freund, der in Dubai lebt und zuvor in Berlin einen Zwischenaufenthalt hatte, um dann nach London weiterzufliegen. Er meinte: „Wird dir dort sehr gut gefallen, Südkorea ist das Deutschland Asiens.“ Als ich das später Henning, mit dem zusammen ich gereist bin, erzählte, war dieser anderer Meinung: „Nein, Japan ist das Deutschland Asiens“. Jedenfalls bestand ein koreanischer Geschäftsmann, der Uhren produziert und der im Flugzeug neben mir saß – nachdem er erfahren hatte, was ich für ein Landsmann bin – darauf, dass Südkorea das „Griechenland Asiens“ sei. Der eine bezog sich wohl auf die koreanische Gastfreundlichkeit und der andere auf die koreanische Arbeitsmoral. Klingt nach einem „idealen Land“. Seit Jahrzehnten höre ich immer wieder mal, dass es perfekt wäre, könnten die positiven „Dinge“ Griechenlands und Deutschlands vereint werden. Sagen wir also: Südkorea. Seeluft in der Luft.

Das Skurrile an dieser Geschichte ist, dass das erste Gespräch, das ich in Seoul mit meiner koreanischen Freundin Susan führte, in der Auskunft mündete, dass es zwischen Südkorea und Japan gewaltige Auseinandersetzung gibt und zwar in einer Causa, weswegen es auch zwischen Griechenland und Deutschland mächtig kracht.

Es geht um die Reparationszahlungen Japans an Südkorea, die bereits erfolgt waren, bzw. um die, die noch ausstehen, nachdem das Oberste Gericht Südkoreas kürzlich die bis zu diesem Zeitpunkt gültigen Abmachungen zwischen Südkorea und Japan als illegal und unzureichend charakterisiert hat. (Abmachungen, die 1965 getroffen worden waren, während der Zeit der südkoreanischen Militär-Diktatur.) Japan hat daraufhin beschlossen, Südkorea nur noch eingeschränkt mit Rohstoffen zu beliefern, so dass Samsung & Co. Ende September ihre Produktion drosseln müssen und ihre Kunden nicht mehr ausreichend werden beliefern können. Das ist hier in Südkorea Gesprächsstoff Nummer 1. Neben dem Handelskrieg USA-China gibt es also auch den zwischen Japan und Südkorea.

 

Meine Reise hierher hat mit der Teilung Koreas zu tun: Seit 1953 ist Korea gespalten. Eine Demarkationslinien-Koexistenz. Jetzt ist wohl die Zeit der Wiedervereinigung gekommen. Wir fahren morgen in die Provinz der demilitarisierten Zone, nach Gyeonggi, um beim DMZ-Festival dabei zu sein. Künstler und Persönlichkeiten aus der ganzen Welt wollen helfen, Brücken zu schlagen und Konzepte zu entwickeln, damit eine Wiedervereinigung eines Tages Realität wird. Susan sagte: „Hier lieben alle Donald Trump, weil er es durch seine Politik ermöglicht hat, an eine Wiedervereinigung zu denken und sie für realistisch zu halten.“ Die Temperaturkurve der Aromen steigt an.

© Asteris Kutulas, Seoul, 18.9.2019

(Photos by Asteris Kutulas)