Der Himmel ist immer noch geteilt, Südkorea-Tagebuch (19.9.19)

Mitten in der „Altstadt“ von Seoul. Wolkenkratzer, moderne Architektur, Hügellandschaft, unzählige Autos, die in der Sonne grell orangefarbenen Taxis, höfliche Männer, selbstbewusste Frauen, bunte LED-Wände mit viel Reklame für Altersheime (glaube ich), der mächtige und still dahinfließende Hangang-Fluss. Geruhsamkeit. Für einen Berliner wie mich eine seltsam nicht-nervöse Stimmung. Eigenartig, denn ich befinde mich in der viertgrößten Wirtschaftsregion der Welt. Die „Altstadt“ ist eigentlich eine „Neustadt“ geworden, ein Neapoli; diese Neustadt wird vielleicht schon jetzt wieder als eine zukünftige „Altstadt“ gedacht und deshalb so genannt. „Was alt war, wird wieder alt sein, eines jungen Tages“, so verheißt es eine Plakatwand.

Zen-Meister Subul (rechts) und Menas Kafatos in Seoul

Zu Abend gegessen mit Zen-Meister Subul Sunim, einem der bedeutendsten buddhistischen Mönche des Landes. Cathy flüstert mir ins Ohr: „Man muss normalerweise sechs Jahre auf einen Termin mit ihm warten, aber wir sind eng mit ihm befreundet, und immer, wenn wir aus Los Angeles hierherkommen, treffen wir uns.“ Während der Unterhaltung sagt Meister Subul, dass der Mensch Regeln braucht, um sich beschränken und in Harmonie mit den anderen und mit sich leben zu können. „Regeln machen frei.“ Ich widerspreche und stelle fest, dass mich die neuere europäische Geschichte leider gelehrt hat, dass der Mensch jede Regel zerstört und nicht bereit ist, in Harmonie mit den anderen zu leben. Meister Subul: „Schau nicht auf die Dunkelheit, sonst wirst auch du dunkel.“ Dann faltet er die Hände, sieht mir in die Augen und fragt mich, ob ich an Gott glaube. Meine Antwort scheint ihn nicht zu verblüffen: „Nein, ich glaube nicht an Gott, ich glaube nicht mal an den Menschen.“ Dann ist es an mir, ihm die Frage zu stellen: „Do you believe in god?“ Er bejaht und spricht den unglaublichen Satz aus: „God was created for an purpose.“ Ich versichere ihm, dass ich mich für ihn freue, dass er diesen Glauben an Gott hat und dass mir das sehr tröstlich erscheint. Meister Subul hebt den Finger: „Ein alter chinesischer Zen-Meister sagte mal: ‚Wenn du Buddha auf der Straße triffst, dann töte ihn.‘ Er hat damit gemeint, dass du selbst Buddha bist, nicht irgend jemand, den du auf der Straße treffen kannst.“ Sein gütiger Blick trifft den meinen. „Gott ist in dir“, insistiert er, „du selbst bist Gott“.

Kurz nach dieser Unterhaltung im Kintex-Center die erste Probe für das bevorstehende Konzert. Marias Stimme erfüllt diese nüchterne Halle ganz.

Kim & Moon

 

Nachts laufe ich durch ein leeres Seoul. Ab und zu ein Auto. Mir fällt auf, dass ich den ganzen Tag nicht einen einzigen Menschen mit einem Hund gesehen habe. Die bunten Werbetafeln schicken ihre Botschaften ins Nichts und erhellen den asiatischen Himmel über einem geteilten Land. 1981 schrieb ich über den Zustand in Deutschland: „Der Himmel ist immer noch geteilt, und die Hoffnung fiel in die Spalte zwischen den Hälften.“ Ich hoffe sehr, dass die unnatürliche Teilung Koreas bald überwunden werden wird. Die Menschen hier wünschen es sich von Herzen. 

© Asteris Kutulas, Seoul, 19.9.2019

(Photos von Asteris Kutulas)