Morgen wird gewählt

Wahl-Tagebuch, Athen, 6.7.2019

Morgen wird gewählt. Ich habe in den letzten Tagen bei Freunden, Bekannten oder bei zufälligen Begegnungen keine Hoffnung gespürt, habe nichts Positives erfahren – selbst, wenn mein Gegenüber vom besten aller möglichen Wahl-Ergebnisse seiner jeweils präferierten Partei ausging. Bei Neue-Demokratie-Anhängern, die einen großen Sieg erwarten, überwiegt eher die Freude darüber, dass SYRIZA verliert, als dass sie davon überzeugt wären, dass durch den Sieg ihrer Partei eine „bessere Zukunft“ bevorsteht. Manchmal hatte ich das Gefühl, eher fürchten sie sich vor den kommenden Entscheidungen ihrer Partei. Bei SYRIZA-Anhängern überwiegt das Argument, dass mit der Neuen Demokratie die Rechtsradikalen an die Macht kommen. „Koulis“ (so wird Mitsotakis hier mit pejorativem Unterton gerufen), heißt es, hätte Vertreter von LAOS und aus dem Umfeld der „Goldenen Morgenröte“ in den letzten Jahren mit ins Boot geholt, um dieser faschistischen Partei das Wasser abzugraben, die tatsächlich über die Hälfte ihrer Anhänger einbüßte.

Dabei sind die Programme – vor allem die der beiden großen Parteien – voll mit Wahlversprechen. Große Unterschiede gibt es nicht. Mein Freund Konstantinos sagte heute: „Egal, wer gewinnt, ob Tsipras oder Mitsotakis, glaubst du wirklich, einer dieser beiden wird es wagen, das oligarchische System in Griechenland anzugreifen, die Grundlage von Korruption, Steuerhinterziehung und die eigentliche Ursache für die Krise?“ Wir sitzen im „Diplo“, einem wunderbaren Café auf dem Exarchia-Platz. Es ist heiß, ein Hund liegt in der Sonne, wie im tiefsten Frieden. Im Gegensatz zu gestern heute Wind. Konstantinos erklärt: „Frag doch mal, wie viele der 2.000 Namen aus der Lagarde-Liste mit vermuteten griechischen Steuerflüchtlingen in der Schweiz bislang überprüft wurden, seit die Liste vor sieben Jahren aufgetaucht ist! Bestimmt nicht mehr als 100. Die französische oder die deutsche Regierung haben im selben Zeitraum Tausende überprüft und sich Milliarden Steuergelder zurückgeholt. Und dabei ist diese Liste hier bereits durch die Hände eines ND-, eines PASOK- und eines SYRIZA-Finanzministers gegangen.“

Ein älterer Herr vom Nebentisch, der gehört hatte, dass wir uns über Tsipras unterhalten, mischt sich ein, ziemlich erbost: „Ich jedenfalls glaube Tsipras kein Wort mehr! Er hat uns versprochen, den Mindestlohn von 350 auf 750 Euro anzuheben. Und was hat Tsipras gemacht? Der Mindestlohn, den ich kriege, ist jetzt nur bei 550 Euro. Ich werde dieses Mal Mitsotakis wählen; der hat angekündigt, den Mindestlohn sogar abzusenken, wenn es sein muss, und Mitsotakis hält, was er verspricht. Ich lass mich nicht länger von Tsipras verarschen. Der hat versprochen, versprochen und nichts gehalten.“ Ich dachte, der Mann hätte gescherzt, merke allerdings sehr schnell, dass er das ernst meint. Auf meinen Einwand, dass der Mindestlohn inzwischen auf 650 Euro angehoben wurde und er im Fall einer Absenkung weniger Geld in der Tasche haben würde, schlägt der Mann erbost mit der Faust auf den Tisch: „Mein Junge, ich lass mich nicht von diesem Lügner verarschen, verstehst du?“ Konstantinos zuckt mit der Schulter: „Asteris, willkommen im griechischen Wahlkampf 2019! Die Leute sind einfach durcheinander. Und nach inzwischen fast zehn Jahren Krise müde.“

Dann deutet Konstantinos auf einen Mann, Mitvierziger, und sagt: „Da hast du dein positives Beispiel. Das ist Castro“. Er erzählt, dass Castro ein syrischer Flüchtling der ersten Stunde ist, ein Aktivist und Organisationstalent. „Castro hat in Athen Strukturen geschaffen, die Flüchtlingen, aber auch Griechen helfen, sich autark zu organisieren und Überlebensstrategien zu entwickeln, wo der Staat versagt. Castro hat Spenden gesammelt, außerhalb von Athen billig Land gekauft, das bewirtschaftet wird, hat Arbeitsplätze geschaffen und jetzt hier am Exarchia-Platz einen Falafel-Laden eröffnet, wo man mit jeweils so viel zahlt, wie man gerade geben kann. Eine funktionierende, selbst organisierte Parallelwelt, die den Menschen Hoffnung gibt und Mut macht. Solche funktionierenden Parallelwelten gibt es inzwischen einige in Griechenland. Auch viele griechische Jugendliche gehen diesen Weg, verlassen Athen und bauen Kommunen im ganzen Land auf. Parallelwelten, die sich schützen und nicht vereinnahmt werden wollen.“

Wir verabschieden uns. Konstantinos umarmt mich und gibt mir das mit auf den Weg: „Wenn du morgen wählst …“ Ich unterbreche ihn: „… wähle ich das kleinere Übel!“ Er lacht, und ich gehe zur Metro-Station Omonia-Platz.

© Asteris Kutulas

Text-Redaktion & © Photos: Ina Kutulas