Kaputtgespielt

Wahl-Tagebuch, Athen, 5.7.2019

Athen ist ruhig, seltsam still, unaufgeregt. Null Wahlkampfstimmung. Die Menschen bereiten sich auf die Sommerferien vor. Ich habe das Gefühl, wenn nicht auf den Fernsehbildschirmen in Restaurants oder Kafenions die diversen Politikerköpfe auftauchen würden und wenn es nicht ein paar zentrale Wahlveranstaltungen der Parteien gäbe, würde man vom Wahlkampf gar nichts merken.

Mein alter Freund Dionissis meint desillusioniert: „Es geht bei diesen Wahlen um nichts, glaub mir.“ Ich nehme einen Schluck griechischen Kaffee „me oligin“, mit wenig Zucker, und erwidere: „Tsipras hat gestern gesagt, es geht um UNSER LEBEN.“ Dionissis schüttelt den Kopf: „Alles Floskeln. Kuck sie dir an, diese traurigen, machtgeilen Gestalten: Konstantinos Mitsotakis von der Neuen Demokratie, Alexis Tsipras von SYRIZA, Fofi Genimata von der Ex-PASOK-Bewegung KINAL, Nikos Koutsoumbas von den Kommunisten … Und dazwischen auch noch der gescheiterte Ex-Finanzminister Varoufakis mit seiner neuen Partei Mera25 – irgendwie alles „greise“ Politiker von gestern. Kein Visionär darunter, keine inspirierende Persönlichkeit, nichts, alles Luftnummern. Wir sind wirklich verloren.“ Er nimmt einen Schluck Bier, schaut sich um und krempelt seine Ärmel hoch. Es ist sehr heiß in Athen.

Liebe! Hoffe!
Liebe! Hoffe!

2012 war Dionissis noch Mitglied der Hackergruppe Anonymus. Ende Januar 2012 schickte Anonymus eine Botschaft an die damalige griechische Regierung, in der es hieß, das Volk solle keine Angst haben vor seiner Regierung, sondern die Regierung solle Angst haben vor dem Volk. Ich erinnere ihn daran. Dionissis will nichts mehr davon wissen: „Das ist Schnee von gestern. Außerdem ist ja durch SYRIZA das Volk an die Macht gekommen … oder?“ Er lacht selbst laut über diesen billigen Witz und klopft mir auf die Schulter. „Asteris, weißt du, was mich wirklich wütend macht?“ Er schaut mir direkt in die Augen. „Mich macht wütend, dass die Faschos von der Goldenen Morgenröte und der „Griechischen Lösung“ insgesamt bestimmt auf 7% kommen. Wie kann man nur solche furchtbaren und gefährlichen Typen wählen? Es gibt keine Hoffnung, mein Bruder. Es geht nur noch um das EIGENE Leben. Ich werde mit meiner Familie Griechenland verlassen. Wir ziehen zu meinem Cousin nach Perth. Ich kriege dort einen sehr guten Job in der Perlen-Produktion.“

Diesen „Schlussstrich“ haben in den Jahren der Krise inzwischen mehr als 600.000 vor allem jüngere Griechen gezogen. Griechenland verliert seine Zukunft. Sehr viele meiner Landsleute sind total ernüchtert, müde und kaputtgespielt. Solche resignierten Aussagen habe ich gestern und heute zuhauf gehört: Die griechischen Politiker haben das Land „verkauft“ und „verraten“, die EU hat Griechenland herabgewürdigt und abgestoßen, und aus der Hoffnung und „System“-Alternative SYRIZA wurde ein Stabilisator des „Systems“. Auch Dionissis bringt es auf diesen Punkt: „Nach vier Jahren SYRIZA-Regierung hat uns das „System“ eine klare Botschaft geschickt: Keiner kann dem System was anhaben. Das System hat ohne große Mühe selbst die „Radikalen Linken“ von SYRIZA absorbiert und sich untertan gemacht.“

Dionissis wechselt das Thema: „Wie findest du es in dieser Location? Ich dachte, dir als deutschem Griechen wird es gefallen, dass wir uns in einer der besten Bierbars Athens treffen.“ – „Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss. Ich trinke keinen Alkohol. Ich bleibe bei meinem Kaffee.“ Dionissis schaut mich ungläubig an. „Ich sollte auch keinen Alkohol trinken. Das Bier kostet hier 5 Euro, und ich kann mir das eigentlich nicht leisten.“

© Asteris Kutulas

Text-Redaktion & © Photos: Ina Kutulas

Veröffentlichung in der Tageszeitung „junge Welt“