Meine Apassionata-Story, Teil 2 (Riesa-Tagebuch 2018)

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 15. Oktober (im Morgengrauen)
Produktion „Apassionata – Der magische Traum“ von Holger Ehlers

Leo ist jung, cool, und er spricht sechs Sprachen. Im Gegensatz zu mir versteht er auch die Pferde. Leo ist der Stage-Manager und sowas wie der vibrierende Mittelpunkt unserer Mannschaft. Er macht das so locker, als würde er Samba tanzen, was damit zu tun haben könnte, dass seine Mutter Brasilianerin ist. Leo schaut immer ernst drein; immerhin hat er in bestimmten Augenblicken auch die größte Verantwortung für die gesamte Produktion der Show. Wenn er „Go!“ sagt, dann bewegt sich die Show-Maschinerie: Das Licht geht an, die Tänzer pirouieren herein, die Pferde im Trab, die Tore öffnen und schließen sich, und natürlich beginnt die Musik „bei Null“. Das alles durch Leos „Go!“ Wir hängen an seinen Lippen. Und Leo hängt an den Lippen von Holger Ehlers, unserem Kreativdirektor, der ganz lässig in seinem Drehstuhl sitzt und (meistens) wohlwollend nach links und rechts schaut. Ein Nicken zu Leo, der haucht in’s Mikro: „Go!“ Sofort Magie.

Holger hat alles im Kopf … und dazu das, was man einfach „Bauchgefühl“ nennt. Jedenfalls möchte ich nicht in Holgers Haut stecken. Immerzu diese Verantwortung. Damit am Schluss ALLES stimmt, damit alles zusammenkommt, alles ein harmonisches Ganzes ergibt, dass es ein Gesamtkunstwerk wird, dass Hunderttausende Zuschauer live und Millionen durch TV- und Internet-Beiträge berührt werden und dass nicht wenige Menschen sogar begeistert sind. Das immer wieder erreichen zu müssen und zu wollen (!), ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Es ist allerdings auch eine Bürde. Eine Last, die man schultern und in’s Ziel bringen muss. Es bedeutet immer ein hohes Risiko. Jeder Künstler hat keine andere Wahl, als dieses Risiko einzugehen, diese Aufgabe anzunehmen und den Weg vom Beginn eines Projekts bis zum Schluss durchzustehen. Einige bekommen Angst und haben früher oder später Depressionen, bei anderen steigt der Adrenalinspiegel und sie hyperventilieren, andere nehmen es gelassen und nichts scheint sie aus der Ruhe bringen zu können. Holger sei ein „Baum-Mensch“, hatte es letztes Jahr geheißen. Ich denke, weil er geerdet ist und Saison für Saison einen neuen Jahresring, also eine neue, zusätzliche Haut bekommt, werden seine Shows von Jahr zu Jahr reifer, künstlerischer und zugleich publikumsaffiner. Und Holger selbst erlebe ich immer ruhiger. Die Show „fühlt sich immer besser an“.

Was für eine Entwicklung! 2009 begann ich, als freier Berater für die Apassionata zu arbeiten. Wie ich in meinem ersten Blog-Beitrag schon schrieb, war Peter Massine, als Produzent der Show, bereits 2006 der Meinung, dass „Apassionata“ als traditionelle Pferde-Nummerngala ein Auslaufmodell und nicht mehr zukunftsfähig sei. Auch ich sah das so. Aus diesem Grund engagierte Peter für die „Sehnsucht“-Show 2008 Gert Hof. Allerdings war Gert Hofs Inszenierung für das traditionelle Apassionata-Publikum zu diesem Zeitpunkt zu „revolutionär“. Gert, der die Kinder für die besten Kritiker seiner Lichtinszenierungen hielt, hatte ein grandioses Märchen herbeigezaubert und nicht damit gerechnet, dass die Kinder bei diesem Kampf auf Leben und Tod, der um den gestohlenen Mond geführt wurde, tatsächlich Angst bekamen. Sie rannten aus der Show und mit ihnen die Eltern.
Peter hatte eine schwierige Erfahrung gemacht, die er aber nie bereute. Holger hatte sich das Ganze sehr aufmerksam angeschaut und erlebte diese Lektion aus der „Schule Gert Hof“ wohl als eine höchst interessante Lehrstunde. So oder so, die „Sehnsucht“-Show von Gert bedeutete den großen Umbruch bei der Apassionata. Von da an gab es hier nie wieder ein „Nummernprogramm“.

In meiner Berater-Funktion führte ich im Auftrag von Peter 2009 eine Analyse der Apassionata und ihrer Entstehungsgeschichte durch. Ich bezog in diese Betrachtung auch Entwicklungen anderer Entertainment-Bereiche mit ein und kam zu dem Schluss, dass der „künstlerische“ Weg, den Peter mit Gert eingeschlagen hatte, grundsätzlich der richtige war, dass dieser Weg aber „evolutionärer“ und mit einem Grundverständnis für das Apassionata-Publikum gegangen werden musste. Auf jeden Fall weg von einer Reitkunst-Veranstaltung, hin zu einer vollkommen neuen „wahren“ Apassionata-Showproduktion.

Bei meinem Rückblick auf die Apassionata-Entwicklung stellte ich damals auch fest, dass sich diverse Regisseure aus unterschiedlichen Bereichen (TV, Ballett, Theater, Event) an der Apassionata versucht hatten, die aber genauso wie Gert – wenn auch aus völlig anderen Gründen – schließlich passen mussten, weil ihre Show „irgendwie nicht funktionierte“. Holger war dann immer derjenige, der diese Inszenierungen „ausbesserte“ (was ich 2008, 2009 und 2010 miterlebte), zumal er als Komponist mit seiner Musik die Grundstruktur einer jeden Show regelrecht vorgab, also dafür prädestiniert war. Nach dem Scheitern der Inszenierung des Choreographen M.K. im Jahre 2009 und nachdem 2010 nacheinander drei (!) Regisseure mit ihrem jeweiligen Inszenierungsansatz scheiterten, schlug ich Peter vor, fortan auf externe Regisseure zu verzichten und konsequent auf Holger als Kreativdirektor zu setzen, der bereits 2009 nicht nur der Komponist der Apassionata war, sondern sich zum ersten Mal auch als Autor und Regisseur bewiesen hatte. Da ich zur selben Zeit Executive Producer der Apassionata wurde, also auch die organisatorische und finanzielle Verantwortung für die Show-Produktion übernahm, willigte Peter ein und unterstütze von da an diese Transformation – auch gegen alle, vor allem internen, Widerstände. Zugleich bedeutete diese Entscheidung, dass Peter die Grundlage für eine äußerst erfolgreiche Zukunft der Apassionata legte, wie sich in den folgenden Jahren herausstellen sollte.

Um die Show zu professionalisieren und von Dilettantismus zu befreien, sorgte ich als Executive Producer dafür, dass Holger nach und nach (bis 2014) den Einsatz aller Gewerke im Grundsatz bestimmte, damit ein Gesamtkunstwerk aus einer Hand entstehen konnte. So wurde aus dem Komponisten Holger Ehlers mit den Jahren auch der versierte Autor und der noch versiertere Regisseur, der also nicht nur die Musik, die Story und die Inszenierung kreierte, sondern auch Anmutung, Farbigkeit und Charakter der Kostüme als auch die Props, den Videocontent und die Gesamt-Choreographie festlegte.

Um die Gesamtkunstwerk-Strategie für die Apassionata umzusetzen, beschlossen Holger und ich 2011 einen „Fünfjahresplan“, der später verlängert wurde, um nach und nach aus der Nummern-Revue eine Show von Weltformat zu produzieren – für ein breites Publikum, das nicht nur aus Pferde-Liebhabern bestehen würde. Folgende inhaltliche Schwerpunkte legten wir fest, um sie auf eine neue qualitative Stufe zu heben, und diese Vorhaben realisierten wir dann tatsächlich genau so:

2011 Primat der Musik & der Dramaturgie
2012 Show-Buch
2013 Neue Licht-Ästhetik
2014 Professioneller (filmischer) Videocontent
2015 Dramaturgische „Pferdechoreographie“ (Mix-Bilder)
2015 Kostüme & Props
2016 Weiterentwicklung des Storytellings (Gewichtung auf Off-Texte)
2017 Tanzchoreographie & Einführung eines Tanzbodens
2017 Zweite Ebene des Bühnenraums (Decken-Bespielung)
2018 Einbeziehung des gesamten Bodens in die Bühnenästhetik

Die Jahreszahlen markieren die qualitativen Wendepunkte, die letztendlich in der Summe zur heutigen – künstlerisch einzigartigen – Apassionata-Show geführt haben. Das Resultat war nicht nur eine spezifische „Holger-Ehlers-Show“ und seit etwa 2013 ein neues, eigenständiges Genre, sondern eben dieses von uns angestrebte Gesamtkunstwerk, in dem alles aufeinander abgestimmt und in dessen Ablauf keine Sekunde zufällig ist. So wurde aus der „abstrakten“ Apassionata-Show – über die Jahre – ein emotionales, „familiäres“ und sehr artifizielles Holger-Ehlers-Opus, ein Konglomerat aus Opern-, Theater- und Pop-Ästhetik, wobei die Pferde immer mehr „eingebettet“ wurden in eine optisch-akustische Kunst-Landschaft, häufig voller Melancholie. Alles wurde zu Kunst und damit EMOTIONAL. Das Publikum liebte es … mehr und mehr.

Und das kam auch der ehemals „kalten“ Marke APASSIONATA zugute, die einen immer „wärmeren“ Nimbus erhielt durch diesen neuen, künstlerischen Charakter der Show.

Hier in Riesa, wo immer alles beginnt (und nichts endet), ging mir das heute nochmal durch den Kopf. Anlass dafür war ein Gespräch mit meinem Freund Heinz aus Dresden, der mich auf einen Kaffee besuchen kam. Wir waren zusammen vor vielen Jahren Gymnasiasten an der berühmten Kreuzschule gewesen. Er im Kreuzchor, ich nicht. Wir nahmen unsere Kaffee-Monk-Pappbecher in die Hand und gingen vor der Halle auf und ab. Reiter, Pferde, ein paar Raucher, Hufeklappern, Wolken, Kühle.
„Was ist los mit eurer Apassionata?“, fragte Heinz. „Ich hab so viel darüber gelesen, im Spiegel und so …“
„Heinz, aus meiner Sicht, die sich aus der Lektüre diverser Presseveröffentlichungen und Interviews ergibt, ist es ganz einfach: Zwei langjährige Freunde und Partner von Peter Massine haben – mit Hilfe einer chinesischen Immobilienfirma – versucht, Massines Apassionata-Unternehmen „feindlich“ zu übernehmen. Ich verurteile das nicht moralisch; wir haben nun mal eine kapitalistische freie Marktwirtschaft, und sowas ist an der Tagesordnung, wenn man nicht aufpasst. Peter hat nicht aufgepasst. Aber auch Thomas Bone-Winkel und Johannes Mock-O’Hara – die in der Entertainment-Industrie inzwischen „die Chinesen“ genannt werden, weil sie sich mit dem Hongkun-Konzern zusammengetan haben –, haben offenbar nicht aufgepasst und Peter unterschätzt. Sie dachten womöglich – in chinesischem Geld schwimmend –, Massine, den Inhaber dieses Familienunternehmens, finanziell sehr schnell in die Knie zwingen und ihm nicht nur das Unternehmen, die Apassionata World GmbH, sondern auch die MARKE „Apassionata“ wegnehmen zu können. Eigentlich ging’s ihnen um diese MARKE, glaube ich.“
Wir waren stehengeblieben. Heinz schaute mich an und fragte etwas verdutzt: „Und was ist mit der Show?“
„Ja, was ist mit der Show … Das ist des Pudels Kern. Das ist DIE Frage, die eigentlich gestellt werden musste: VERKAUFT DIE „MARKE“ AN SICH MITTELFRISTIG, EGAL, WIE DIE SHOW AUSSIEHT UND EGAL, WER DIE SHOW MACHT? Diese Frage haben sich „die Chinesen“ offensichtlich überhaupt nicht gestellt. Vielleicht aus Ahnungslosigkeit, vielleicht aus Arroganz … Ich weiß es nicht.“
„Vielleicht ist das auch nur das „chinesische Denken“: dass man alles kopieren kann“, meinte Heinz. Neben uns war es unruhig geworden. Wir entfernten uns ein Stück von der Halle.
Ich sagte: „Vielleicht … Jedenfalls war genau das ihr Fehler: Sie haben zwar die Firma übernehmen können, aber nicht die Marke – darum wird noch gekämpft – und auch nicht den Künstler Holger Ehlers. An den Content, also an die Show an sich, haben sie nämlich gar nicht gedacht. Sie haben sich die Hülle gekrallt, aber nicht den Inhalt. Man stellt sich das möglicherweise ganz einfach vor: Man übernimmt die erfolgreiche Holger-Ehlers-Mechanik, beauftragt einen anderen Künstler, dieses Modell „deckungsgleich“ mit neuem Inhalt zu füllen, und automatisch produziert man so eine erfolgreiche Show.“ Aber so funktioniert nun mal das Ganze nicht.
Heinz stellte sich vor mir auf. Er erinnerte mich jetzt sehr an den Kreuzschüler von vor 41 Jahren. „Na gut …“, meinte er und machte ein schlaues Gesicht, „aber … Also wenn diese „Chinesen“ die Marke nicht kriegen, allerdings das Unternehmen mit dem ganzen Know-How übernommen haben … Warum machen die denn dann nicht ihre eigene Show unter einer eigenen Marke? Warum klammern die sich so sehr an das Apassionata-Modell von Holger Ehlers?“ Der frühere Kreuzchor-Sänger sah mich gespannt an.
„Die eigene Show – das ist eben nicht so einfach, wir bewegen uns ja im Bereich der Kunst. Wie sagte Friedrich Schiller: Entweder man hat’s oder man hat’s nicht. Die „Chinesen“ brauchen ja nicht nur die Mechanik, sondern sie brauchen auch einen Künstler, der für so eine Show „geboren“ wurde, der die „Mechanik“ mit Emotion füllt, der einfach SEIN eigenes Ding macht. Sonst kommt wahrscheinlich nur kalte, langweilige, formalistische Bombast-Soße raus. Das kennt man ja. „Die Chinesen“ sind quasi am Punkt Null. Wie Peter 2007 mit der Apassionata, als er deswegen Gert Hof reinholte und es anschließend mit fünf verschiedenen Regisseuren innerhalb von zwei Jahren versuchte, die alle scheiterten.“
„Der Gert Hof …“, setzte Heinz an. In diesem Augenblick kreuzte Leo kurz auf, und ohne, dass ich sein „Go!“ hörte, wusste ich, das bedeutet: „Go!“ Heinz und ich brachen die Unterhaltung ab. Heinz beschäftigte noch etwas, doch er schüttelte den Kopf: „Fragen über Fragen … Wir müssen uns wiedersehn! Spannendes Thema!“ Ein kurz angedeutetes Winken noch, und wir gingen auseinander.

Es gibt jemanden, der mir nachsagt, ich hätte einen Der-kleine-Prinz-Reflex. Der kleine Prinz verzichtete nie auf eine einmal gestellte Frage, und ich lasse angeblich keine Frage unbeantwortet, wenn sie einmal gestellt wurde. Hier also schriftlich der zweite Teil der Antwort, Heinz.
Die letzten sieben Jahre haben bewiesen, dass das Holger-Ehlers-Konzept funktioniert, vor allem seine Musik „holt“ sich das Publikum – und ist die halbe Miete. Dazu kommen seine von der deutschen Romantik und Jules Verne inspirierten Story Lines, seine grandiosen Bild-Ideen für den Videocontent und seine sehr eigene Inszenierungsphilosophie etc. Ich habe Peter in den letzten Jahren immer wieder gesagt: „Sei weise wie Marlene Dietrich, wenn’s um’s Gugelhupf-Backen ging. Man soll nichts ändern, was sich bewährt hat.“ So jedenfalls agierte Marlene Dietrich manchmal, die normalerweise dauernd etwas änderte. Holger hat sein „Rezept“ – das ist sein Geheimnis. Das einzige, was ich von Holger, dem „Baum-Menschen“, mit Sicherheit sagen kann, ist, dass er natürlich Baumkuchen backen würde. Und du, lieber Heinz, würdest jetzt im Hinblick auf die andere Show vielleicht fragen: Wie wär’s denn mit Dresdner Stollen? Tja, Baumkuchen oder Dresdner Stollen oder Gugelhupf – Marlene Dietrich gab’s nur einmal.

Genug geschrieben, ich muss schnurstracks wieder in die Arena, es gibt noch einen Durchgang.
Reiter, Pferde, Tänzer … Der Schluss der Show soll verändert werden. Ich warte, dass es losgeht, dass Holger gleich Leo zunickt und dass Leo in’s Mikrophon sagt: „Go!“

© Asteris Kutulas
Riesa, 15.10.2018