Meine Apassionata-Story, Teil 1 (Riesa-Tagebuch 2018)

Apassionata-Tagebuch, Riesa, 12. Oktober (abends)
Produktion „Apassionata – Der magische Traum“ von Holger Ehlers

Gestern in Riesa angekommen. Apassionata-Proben. Momentan noch völlig entspannte Atmosphäre. Die Welt hier atmet outdoor Altweibersommer. In der Halle atmen wir Apassionata. Am aufgeregtesten sind wohl die Pferde, die sich langsam an die Musik, an die neue Umgebung, an das Showlicht gewöhnen müssen. Ich habe Respekt vor den Vierbeinern. Obwohl ich sie nicht verstehe. Ein mächtiger schwarzer Friese schaut mich an aus seinen großen runden Augen. In diesen schwarzen Spiegeln sehe ich mein Abbild und bin sofort auf mich zurückgeworfen. Um mich herum ein Gewirr von Stimmen und Sprachen. Techniker, Reiter, Künstler. Heike kommt aus der Kostümbildnerei, schiebt mich sanft beiseite und geht – bepackt mit zahlreichen Steam-Punk-Outfits – die vier Waschmaschinen anschmeißen.



Für mich ist es das zehnte Mal: Apassionata in der Sportstadt Riesa (die sich den Sport inzwischen nicht mehr leisten kann), in einer Stadt, die zu DDR-Zeiten berühmt war wegen der VEB Zündwarenwerke. Alle Streichhölzer der DDR wurden im sächsischen Riesa produziert. Auf allen Streichholzschachteln stand: Riesa. Heute hat Holger Ehlers hier, in der Sachsenarena, das Sagen. Der Kreativdirektor der Apassionata zeigt auf einige Reiter mit ihren Pferden und prophezeit: „Das wird eine tolle Show“. Er muss es ja wissen. Bis jetzt hat es jedenfalls immer gestimmt. Holger hat die Entwicklung der Apassionata von Anfang an mitgemacht. Und zwar seit 2009 mit stetig wachsendem Erfolg. Damals übernahm er diesen Job des Apassionata-Regisseurs und -Autors. Die Musik kam ohnehin schon seit der ersten Show fast immer von ihm.

„Hans, das Pferd“ taucht auf in diesem Moment, schaut sich um und trabt weiter. „Hans, das Pferd“ reagiert immer äußerst sensibel auf die Musik. „Hans, das Pferd“ ist everybodys Darling, denn es hat die Aufgabe übernommen, die Kreatur zu sein, die Schuld hat an großen und an kleinen Übeln. Von einigen wird „Hans, das Pferd“ aber auch als Glücksbringer gesehen. Heike drückt auf die Start-Knöpfe aller vier Waschmaschinen.

Peter Massine ist heute da, der Gründer und Produzent der Apassionata. Er beehrt uns im Riesaer „Probenlager“. Peter ist nachdenklicher geworden, „philosophischer“. Und trotz des lästigen Umstandes, dass ihm (noch immer) ein übermächtiger Gegner Kontra gibt, scheint Peter vor Kraft zu strotzen und insgesamt sehr glücklich. Er sagte vorhin zu mir: „Ich saß eben noch im Auto. Ich fuhr die Strecke Berlin-Riesa und konnte nicht glauben, dass wir es tatsächlich geschafft haben. Dass ich überlebt habe. Dass Apassionata überlebt hat. Wahnsinn!“ Hinter Peter liegen zwei schwierige Jahre. Er hat gerade als Hauptakteur (und Haupt-Opfer) eine der spektakulärsten Schlachten der deutschen Entertainment-Branche (irgendwie) überstanden. Jetzt ist es ihm gelungen, eine zukunftsträchtige Basis für seine Apassionata zu schaffen – mit Hilfe seines Kreativdirektors Holger Ehlers, der in den letzten beiden Jahren die Produktion am Leben und zusammengehalten hat, und vor allem mit Hilfe seines neuen strategischen Partners „Live Nation“, weltweit größter Veranstalter.

Die Schlacht um die „Apassionata“ war knallhart und gnadenlos. Sie nahm zuweilen skurrile Züge an und war bestimmt von Gier, Verrat und Hybris. Die multiplen Auseinandersetzungen zwischen Peter und seinen früheren Partnern und (ehemaligen) Freunden Thomas Bone-Winkel und Johannes Mock-O’Hara, die ab irgendeinem Zeitpunkt im Sold einer mächtigen chinesischen Immobilienfirma standen, erreichten in der Saison 2017/18 ihren Höhepunkt, als zwei Apassionata-Shows zugleich on Tour waren. Die Apassionata von Peter Massine und die Apassionata der Chinesen. So etwas hat es, meines Wissens nach, noch nie in der deutschen Entertainment-Industrie gegeben. Statt zu sagen: „Ich glaub, ich bin im falschen Film“, mussten viele in der letzten Saison sagen: „Ich glaub, ich bin in der falschen Apassionata.“ Für das Apassionata-Publikum konnte die Sache verwirrender nicht sein.

Für mich sah es so aus, dass die chinesische Hongkun International Holdings Limited – mit Hilfe seiner deutschen Erfüllungsgehilfen und möglicherweise von diesen dazu verleitet – versucht hat, ein kleines deutsches Familienunternehmen zu „schlucken“. Also business as usual, ein sehr kapitalistisches Unterfangen. Dass sie damit sehr weit gekommen sind, hat sicherlich damit zu tun, dass Peter in der Vergangenheit sowohl falsche Personalentscheidungen getroffen als auch unternehmerisch fatale Fehler gemacht hat. Ich meinte heute: „Klar, dafür musstest du büßen. Aber sicher hätte es nicht so sein müssen, auf diese Art und Weise …“. Peter lächelte und fragte mich: „Erinnerst du dich daran, wie unsere Apassionata-Zusammenarbeit begonnen hat?“


(Plakatentwurf zu Gert Hof’s „Sehnsucht“-Inszenierung von 2008)

Ja, ich erinnere mich. Als ich mit dem Regisseur und Lichtkünstler Gert Hof zusammenarbeitete, haben wir ab 1999 mit Peter bei diversen Gert-Hof-Events kooperiert. 2006 konfrontierte Peter mich zum ersten Mal mit seinen Sorgen hinsichtlich der Apassionata-Show. Er glaubte – im Gegensatz zu seinem damaligen Partner – an eine Zukunft der Show, war aber zu der Erkenntnis gekommen, dass „Apassionata“ als traditionelle Pferde-Nummern-Gala ein auslaufendes Modell ist. Ein neues Konzept wurde gebraucht. Wir einigten uns 2007, Gert Hof mit einer Apassionata-Produktion zu beauftragen, um der Show eine neue Richtung und Qualität zu geben. Gert Hof konnte eins perfekt: großartig inszenieren. Das sah man bei den Licht-Events. Das sah man bei der Rammstein-Bühnenshow.

Zwischen 1998 und 2010 war ich Partner, Manager und Produzent von Gert Hof, mit dem zusammen ich in dieser Zeit mehr als 40 Events weltweit produzierte. Gert hielt die Musik für die eigentliche Basis seiner Shows. Jedes Mal investierte er sehr viel Zeit in diese „Basis“. Er sagte immer: „Asteris, die Musik ist die Mutter!“ Die Zusammenarbeit mit den Komponisten und Musikern unserer Events war immer aufregend und äußerst inspirierend: im Waldhaus des Tangerine-Dream-Komponisten Klaus Schulze, bei Mike Oldfield außerhalb Londons, im Berliner Aufnahme-Studio von Westbam und Klaus Jankuhn etc. etc.


(Mike Oldfield & Gert Hof, Photo © by Asteris Kutulas)


(Westbam & Klaus Jankuhn, Photo © by Asteris Kutulas)


(Udo Lindenberg & Gert Hof, Photo © by Asteris Kutulas)

So lernte ich bei mehreren Sessions im Tonstudio – während der Apassionata-Produktion „Sehnsucht“ im Jahr 2008 – Holger Ehlers kennen, der für diese Show die Musik nach den Wünschen von Gert komponierte und produzierte. Dieser Prozess dauerte – wie bei Gert üblich – mehrere Monate. Es wurde an jeder Sekunde gefeilt. Die inszenatorische Leistung von Gert (der auch das Buch schrieb, Licht, Choreographie und Kostüme bestimmte und natürlich Regie führte) war einmalig für eine Arena-Show und kann nur mit „grandiosem Theater“ umschrieben werden.

ABER: Gert Hof war zu Apassionata 2008 wie aus dem finsteren Nichts des Alls gekommen, war wie ein Komet in die bis dahin friedlich-schöne Apassionata-Welt eingeschlagen, und seine Inszenierung hatte eine „Schneise der Verwüstung“ hinterlassen. Diese „Rammstein-Inszenierung für Kinder“ war phänomenal, das Beste, was ich auf einer Arena-„Bühne“ je gesehen hatte, aber für die Apassionata-Kinder ein Schock. Sie nahmen scharenweise Reißaus. Sogar „Hans, das Pferd“ wurde manisch melancholisch. Nach Gerts Apassionata-Geschichte brauchte die Menschheit jedenfalls erstmal eine gehörige Portion „Herr der Ringe“, für längere Zeit, ehe es sich an finstere Szenen gewöhnt hatte und schwarze Reiter und böse Frauen und andere ungute Zeichen furchtlos erwartete, ja, sogar auf diese gefasst war. Die dunkle Gert-Hof-Apassionata-Inszenierung von 2008 hatte nichts mit dem bis dahin traditionellen Apassionata-Publikum zu tun gehabt, so dass die Show – im laufenden Tour-Betrieb – uminszeniert werden musste, um das Überleben des Apassionata-Unternehmens zu sichern und damit die Kinder nicht mehr weinend die Flucht ergriffen, was die Hauptsache war. Diese Aufgabe übernahmen im Herbst 2008 Marcus Gerlach und Holger Ehlers, und sie retteten damit nicht nur die Apassionata, sondern auch … „Hans, das Pferd“.

Peter ist vor einer Weile vom Tisch aufgestanden und hat gesagt: „Lass uns in die Arena gehn, die Proben laufen.“ Tatsächlich, der Catering-Raum ist inzwischen leer, alle sind auf ihren Posten. Die vier Waschmaschinen surren leise vor sich hin, die Steam-Punk-Kostüme drehen sich im Uhrzeigersinn, und Hund Woppi scharwenzelt um meine Füße und will gekrault werden.

Zweifellos, it’s Riesa Apassionata Time. Auch für „Hans, das Pferd“. Morgen geht’s weiter.

© Asteris Kutulas, 12.10.2018