Apasssionata Der Traum – Tag Vier nach der Premiere

ÜBER DIE APASSIONATA-FRAUEN

Apassionata-Tagebuch, Berlin, 2. November 2017 – von Ina Kutulas
Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Apassionata – Hausherrin oder Dame des Hauses …
Der Legende nach existierte Apassionata einst als Frauensperson. Hört man davon, klingt das beinahe so, wie es im Werbeslogan für ein Kraftfahrzeug heißt: “Mercedes war eine Frau”. Mercedes war eine Frau, und auch Apassionata soll eine Frau gewesen sein. Welches Leben hat sie geführt? Mercedes: der Name der Tochter eines Geschäftsmannes, der sogar die Erlaubnis erhielt, sich Jellinek-Mercedes zu nennen. Ein Mann, der den Namen seiner Tochter annahm. Diese Tochter wurde nicht sehr alt. Und Apassionata … Kann man sie sich vorstellen als Hausfrau, kinderlos oder mit einem, zwei oder mehr Kindern, die eine Kräuterspirale angelegt hat, zur Wassergymnastik geht, Patchworkarbeiten fertigt und diese manchmal in Gemeinschaftsausstellungen zeigt, die das Einwecken beherrscht, auf Senfwickel schwört und die als Vorsitzende des örtlichen Vereins der Neophytenbeobachter von den einen belächelt, von den anderen geachtet wird, als weiblicher Kassenwart aber von allen anerkannt wäre? Ist Frau Apassionata Mikrobiologin mit Migrationshintergrund? Moderatorin? Architektin? Malerin? Hat sie eine Führungsposition inne? Ist sie beruflich ständig unterwegs, verlässt sie die Wohnung fast immer geschminkt, verbringt sie die Nächte allein oder zu dritt, kleidet sie sich klassisch sportlich, hat sie eine Haushaltshilfe, macht sie Dehnungsübungen, kommt sie ohne Navigationssystem aus, weiß sie genau, was sie will? Kann Apassionata überhaupt dem Klischee einer Frau entsprechen?

Die Nomadin
Apassionata könnte eine Frau sein, eine exotische Nomadin, die sich ausgefallen kleidet, schminkt und frisiert, die umherzieht mit ihren Tieren und ihrem Zelt, mit ihren Peitschen, Vorräten und Futtersäcken, eine Nomadin, die vor sich hinsummt und wachsam ist, die alte Wege aufspürt, sich an schwer lesbaren Zeichen orientierend, die das Feuer zu entfachen versteht, die Schamanen konsultiert und zuständige Beamte. Dreimal kann man raten, ob diese Nomadin zuerst die einen oder die anderen aufsucht, bevor sie ihr Zelt aufbaut. Die Nomadin Apassionata hat aus uralten Zeiten eine tragbaren Schrein übernommen, den sie stets mit sich führt. Unter anderem befinden sich darin Waschpulver, Salbe und ein wenig Kitsch. Denn Kitsch ist das einzige Mittel, das hilft gegen Schutzlosigkeit, Überdruss und tiervertreibendes Unwetter. Kitsch bringt ein starkes Funkeln in die Welt. Und Apassionata, die Nomadin, hat ein Funkeln im Blick. In den großen Städten wirkt sie lasziv, in den mittelgroßen Städten kameradschaftlich, in kleineren Städten bodenständig. Doch tatsächlich ist sie immer alles zugleich. Ihre Anpassungsfähigkeit lässt sie überleben. Sie verliert sich nie. Sie wohnt im Unwohnlichen. Dieser uralte Schrein ist ihre einzige Bürde. Er wiegt so viel wie ein ganzes Stück Welt.

Der Apassionata-Himmel
Apassionata – das sind Männer und das sind etliche Frauen. So, wie die Karyatiden das Dach des Erechthion-Tempels auf dem Akropolis-Hügel in Athen tragen, so tragen die Apassionata-Frauen den Himmel der Apassionata, der immer mit der Show wandert und in dem über die Show entschieden wird. Der Himmel über Apassionata ist wechselwettrig, und es bedarf eines Overstage-Passes, um in besonderer Angelegenheit dort vorsprechen zu können. “Chef” ist hier nicht zuhause. Der Organismus “Chef” residiert in der Vielverortung. Der Apassionata-Himmel verengt und weitet sich, er verschiebt seine Etagen und Trennwände und variiert die Deckenhöhen. Es ist ein Himmel, der von vielen Armen getragen werden muss. Der Apassionata-Himmel ist kein Erechthion-Tempel. Dem Apassionata-Himmel würden fünf oder sechs Frauen als Stützen nicht genügen. Im Apassionata-Himmel stauen sich hin und wieder die Gebete. Dann macht er eine Metamorphose durch; er wird federleicht, so dass ein Windstoß ihn fortfegen könnte, wären da nicht die Apassionata-Frauen, die darauf achten, dass dieser Himmel nicht abhebt.

Die Stärke der Apassionata-Frauen
Amelie versteht sich auf Anschlusskabel und die Hebebühne und auf das unmerkliche Einwirken der Dichtung des Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau auf die Realisierung der Apassionata-Show; Amelie versteht sich außerdem auf ein spezifisches Vokabular, das international beherrscht wird von Frauen und Männern mit Leuchten.
Liliana versteht sich auf komplexe Zusammenhänge und netzartige Strukturen in Verbindung mit Unendlichkeitsschleifen, Stoffwechselkreisläufen, Fahrplänen und wahrscheinlich auch Blüten-Teemischungen, wenn erforderlich.
Susanne versteht sich auf Farben, Verdünner, Schattenverläufe, auf das Höhen von Weiß, auf Pinsel und das Reparieren von Stoßstellen an Wolken.
Ondria versteht sich auf Bartreiniger und die Bedürfnisse von Dauerwellen-Kitty, außerdem aber auch auf seelisches Fieber, mit dem man, wie mit dem Feuer, nicht spielt.
Brigitte versteht sich auf Stroh und Stall, auf riesige Pferde und alle anderen Pferde jeglicher Größe und Schwere und auf die Beantwortung jeder Frage während der Stallführungen und zu allen Zeiten, da Fragen aufkommen.
Lotti versteht sich auf Geschichte, Koordination von Tänzerinnen, Tänzern, auf das Tragen eines Hütchens und den choreographierten Einsatz von Jojo-Bällen; vor allem weiß sie jegliches Stolpern in einen erstklassigen Wechselschritt zu verzaubern. Lotti ist der Spiegel, der in Erscheinung treten lässt, was sich zeigen soll.
Kerstin versteht sich auf die Große Freiheit, die Freiheit ihrer Tochter Hannah und auf der Freiheit besondere Unfreiheit, die sich in Freiheit wandeln will; Kerstin trägt ein Funkeln in die Arena, das die Nomadin Apassionata auszeichnet.

Anita versteht sich auf die Eigenwilligkeit der Zeiten, auf Pferde, die jung sind, Pferde, die sich verirren, Pferde, Pferde, Pferde, auf Vermittlung zwischen Pferd und Nichtpferd und auf die Liebe, die in alles hineingelegt werden muss, was ewig halten soll.
Heike, Isa, Laura, Dagmar, Alexandra verstehen sich auf das Anmessen der Gewänder, auf Taille und Bizeps, auf Woppi, den Apassionata kundigen Hund, und auf seine Bannkreise, sie verstehen sich auf das tiefe Schweigen, das in der Kostümbildnerei phasenweise vorherrschen muss, damit der richtige Reißverschluss für ein Kleid entdeckt werden kann, wenn er sich in einer riesigen Tüte vergraben hat.
Die Frauen vom Catering verstehen sich auf Ausdauer und ein feines Lächeln, auf den Kaffeeautomaten und seinen Beschützer, der obenauf steht und einen Helm trägt, sowie auf den Heißwasserbereiter und darauf, dass immer etwas zu essen da sein muss, und sie verstehen sich ebenso auf die Reinhaltung der kreisrunden weißen Tischplatten, die energetische Zentren bilden, gefüllt mit einer besonderen Himmelsmilchfarbe, die alle über ihre Tellerränder schauen lässt.
Die Reiterinnen verstehen sich darauf, stets sattelfest zu sein, in jeglicher Hinsicht, sie verstehen sich darauf, Prioritäten zu setzen, auf Pünktlichkeit und Improvisation und auf die Kommunikation mit den voneinander verschiedenen Reitern.
Die Drei Katharinen verstehen sich auf Gemütsfürsorge, auf das Mysterium des Universums und auf manches natürliche Mittel, um dieses Mysterium für die Apassionata wirksam werden zu lassen.
Die Apassionata-Frauen verstehen sich jede Einzelne und alle zusammen hervorragend auf Apassionata.

“Chefin”
Beide Frauen, Mercedes und Apassionata, haben mit Pferdestärken zu tun. Die eine Tochter eines Geschäftsmanns, die andere Nomadin, die ihr Zelt immer wieder abbaut und einpackt. Beide vom Unterwegssein verlockt. Mercedes ist jung gestorben; ihr Name lebt fort. Apassionata nimmt ihren Weg unter dem Apassionata-Himmel, emporgehoben von allen unerschrockenen Apassionata-Frauen als Trägerinnen dieses Himmels – kein Tempel aus urewiger Zeit. Wovon die Apassionata-Frauen träumen, das verwirklicht sich sichtbar in ihrem täglichen Tun, jetzt sogleich sofort. Von ihren Schwestern, den Karyatiden des Erechthion, unterscheiden sie sich. Die Apassionata-Frauen stehen nicht still. Doch auch sie setzen sich den Wettern aus, und wie ihre das Tempeldach tragenden, reglosen Schwestern wissen sie, die Regsamen, um die Hybris, die selbst den Stolzesten eines Tages tief stürzen lassen kann. “Chef” sieht alles, “Chef” kann alles, “Chef” weiß alles. Die Apassionata-Frauen sind “Chefin” und gehen zusammen mit “Chef” die Wege der Nomaden. Den Apassionata-Himmel führen sie mit sich. So weit ihre Zügel reichen. Bis hin zu den Gefilden der Luftschiff-Flüsterer.

Text & Fotos © Ina Kutulas