Apassionata DER TRAUM – Tag Drei nach Show-Start

Apassionata-Tagebuch, Berlin, 1. November 2017
Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Die Tonmänner
Behauptung: Es gab noch keine Apassionata, bei der die Tonmänner so weit gekommen waren. Den Tonmännern ist der Klang nie gut genug, nie perfekt genug, die Tonmänner sind nie ganz zufrieden. Ihr freundlicher Unmut ist eine der Zutaten einer Apassionata-Show. Die Apassionata lebt aus der Unvollkommenheit, die die Tonmänner erkennen, die sie abermals ausfindig machen, nach tausend Stunden Arbeit noch immer. Eine Unvollkommenheit, die die Tonmänner aufhorchen und die sie die Ohren steifhalten und die Löffel aufstellen lässt. Die Tonmänner sind dafür geboren. Bei dieser Apassionata gibt es Momente der Stille, in die hinein man eine Stecknadel fallen lassen könnte, und sie würde in kein Trommelfell stechen. Der Ton des Aufpralls dieser Stecknadel auf dem Boden der Empfindsamkeit der Apassionata-Createure würde ebenfalls zu Material für die Tonmänner, aus denen sie Verschwiegenheit machen und Spannung, das Verlangen nach dem Erlauschen-Können. Apassionata, das ist die Musik mit ihren Pausen, das ist die erzählte Geschichte mit ihren Unterbrechungen und Fortsetzungen, das ist die Stimme des Sprechers, das ist das Werk der Tonmänner, die den Klang in Bewegung halten, damit er nicht abstürzt und die Pferde erschlägt. Der Klang bleibt immer in der Schwebe. Er trägt das Luftschiff. Farben werden in den Klang gemischt.

Klang, Licht und Lautlosigkeit
Die Tonmänner verpaaren diesen Klang mit Licht. Und so, wie bei dieser Apassionata das Licht gekonnter als je zuvor eingesetzt wurde, weil sein Einsatz immer neu hinterfragt werden wollte, so war der Klang ebenfalls ein Ergebnis ständiger Hinterfragung, ständigen Hin- und Hineinhörens, Wiederhörens und Widerhörens. Die Tonmänner verbringen die meiste Zeit im Dunkel, nimmer müde, nimmer ausfällig. Die Lautsprecher folgen ihnen aufs Wort. Doch niemals hetzen die Tonmänner diese hörigen Lautsprecher auf irgendein Geschöpf in der Arena. Die Tonmänner sind friedfertige Wesen. Sie ernähren sich tagsüber vorwiegend von Lautlosigkeit. Nach Mitternacht sind die Träume ihr Catering, von dem sie versorgt werden mit Bildern, ohne die Ton nicht machbar ist. Vormittags oder kurz nach Mittag treten die Tonmänner aus der Halle in die Helle und lassen sich vom Licht des Tages einfangen. Das Licht des Tages befördert vielleicht ein Gespräch. Das Licht des Tages ist ein unmächtiger Herrscher, der die Tonmänner alsbald wieder freigeben muss. Sie kehren schnell zurück in die Halle.

Die Raubtiere und die Republic Apassionata
Bei Gewitter kommt erst der Blitz, und darauf folgt der Donner. Diese Apassionata hat etwas von einem Wetterphänomen. Die Premiere ereignete sich, als passiere das in Synchronität mit den Vorboten des Orkans, der Deutschlands Topoi aufscheuchte. Eigentlich hätte man wissen können, dass “sowas” kommt, aber dass es tatsächlich kam … Wer hatte mit dieser Show wirklich gerechnet? Die Tonmänner selbstverständlich! Die Lichtspezialisten in vorderster Linie!, möchte man frohgestimmt rufen. Die Tonmänner wittern vieles. Die Tonmänner sind wortkarge Burschen, die den Kopf voll wohlklingender Ideen haben. Obendrein sind sie demütig und erfüllen Wünsche. Ihre Kopfhörer sind das Stethoskop der Show. Die Tonmänner gehören einer ganz speziellen Art Mensch an, die ihren eigenen Kopf hat, diesen aber nicht voranschiebt, wenn sie kommuniziert. Die Spezies Tonmann hat so etwas Gewisses wie die blonden Fraun, von denen Hollaenders Lied erzählte, das Lola Lola frischfrech darbot. Man kann es aber auch als Blues singen, dieses “Nimm dich in acht!” Dann kommt man in die Gestimmtheit der Tonmänner von Apassionata. Und es klingt einem im inneren Ohr: Ein kleines Blickgeplänkel sei erlaubt dir, doch immer habe Achtung vor dem Raubtier. “Doch immer denke: Achtung vor dem Raubtier!”, so muss es richtig heißen, eigentlich. Eigentlich aber sollte man Achtung haben vor den Tonmänner-Raubtieren. Sie stehlen mit ihren Klangwerken der Vernunft den Schlaf, weil den Schlaf der Vernunft ansonsten Ungeheuer ausnutzen würden, um heranwachsen zu können. Monströse Ungeheuer, die diese ganze Show als nicht existent erscheinen lassen könnten, indem sie eine Show-Attrappe darüberschieben und eine weitere Show-Attrappe davorschieben, die als die eigentliche Apassionata gelten sollen. Die Tonmänner kommen solchen Ungeheuern bei. Hört die Signale!, singen die Tonmänner, wenn sie durch die Flure gehen, wenn sie die Arena durchqueren, wenn sie sich an ihre Konsolen begeben, wenn sie im Hintergrund verschwinden, in kreativer Finsternis, da, wo nur das Pferd Pegasus landen kann. Im F O H. Front of House. Dort findet sich die Bastion der Tonmänner, die die verschiedensten Signalwörter sichtbar mit sich umhertragen, auf ihrer Brust. Wenn auch in sehr dezenten Farben. Zum Beispiel dieses: Republic. Die Tonmänner machen die Ereignisse der Republic Apassionata hörbar. Sie operieren wesentlich in und mit der Stille, um die Magie des Klangs durchdringend zu machen.

Flüsternde Friedenspfeife
Im Front of House ist viel Stille. Die Tonmänner stimmen sich auf die Stille ein, die nicht zu tief und nicht zu flach sein darf; andernfalls kommen die Pferde aus dem Tritt und die Tänzer aus dem Schritt, andernfalls nehmen Gesang, gesprochenes Wort und lautmalerische Klangteppiche keinen mit, andernfalls gibt’s keine Show, keinen Mittagsschlaf, kein erstauntes Erwachen aus dem Gleichmaß des Alltags, aus dem Grundrauschen der Wirklichkeit. Diese Show existiert. Behauptung: Sie behauptet sich auch akustisch. Die Tonmänner an sich hört man so wenig wie man den Lichtmann sieht. Die Show ist sicht- und hörbar. Tonmänner und Lichtmann existieren. Sie folgen den Anweisungen von “Chef”. “Chef” ließ sich eines Abends von der Hebebühne her aus seiner erhöhten Position vernehmen: “Mach du da unten mal dein Programm.” Es bestand Einvernehmlichkeit zwischen “Chef”, Lichtmann und Tonmännern. Noch nie wurde so viel Friedenspfeife geraucht. In der Republic der Klangmacher sind die Kräfte ausgeglichen. “Hier feiert man keine Siege, sondern Erfolge”, flüstert es manchmal. Behauptung: Apassionata beruht auf einer variantenreichen Einvernehmlichkeit, die im Friedenspfeiferauchen ihre Ursache hat. Das ergibt Apassionata 2017 / 2018. Die Tonmänner erweitern die Koppel Apassionata um ein schwebendes Feld der Stille. Das Luftschiff folgt seiner eigenen Karte und überquert Grenzen. Der Wind steht gut. Das Licht ist stark. Der Klang keine Sache für sich. Ein Reiter steht zwischen zwei Pferden, er legt seinen Mantel ab, er ruft einem anderen Reiter etwas zu und lässt aus dem Zurufen ein spanisches Lied werden. Die Tonmänner nehmen diesen Klang auf in die Werkzeugkiste in ihrem Brustkorb. Nichts kommt aus den Lautsprechern, das nicht gemacht wäre aus Pulsschlag, Gedankenkraft und nachhallender Stille.

© Ina Kutulas