Apassionata DER TRAUM – Ein großes Publikum sucht eine Show

Apassionata-Tagebuch von Ina Kutulas, Riesa, 28. Oktober
Produktion „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Ein großes Publikum sucht eine Show
Alle rotieren. Die Säule der Apassionata ist zur Abwechslung das gestreckte Bein der Primaballerina, deren Zehen durch den Wolkenhimmel von Riesa reichen und das Luftschiff der Sonne entgegenheben. “Crew” ist immerwach und mit dem Luftschiff in Kontakt. “Crew” bummelt nicht. “Crew” rennt und rennt. “Crew” besinnt sich. “Crew” muss vor dem “Go” schon am Start sein. “Crew” ist ein Gesamtorganismus mit vielen Gesichtern, zumeist mit Objekten beschäftigt, die bewegt und platziert und wieder bewegt und wieder platziert werden müssen. “Crew” ist keine Maschine. “Crew” verändert. “Crew” löst die Probleme händisch. Ein großes Publikum wird eine Show bekommen.

Victors Wilderness and the dancing Riders
Die Kreisbewegung ist typisch für eine Apassionata, die sich nicht im Kreis drehen kann. Was sich im Kreis nur um sich selbst dreht, das stirbt. Was den Kreis ausschreitet und durchmisst, lebt. Wer den Kreis erfasst, macht ihn zum Reifen, zur Kugel, und die Kugel lässt sich balancieren. Die Tänzer balancieren das Licht in zerbrechlichen Kugeln. Die Show schickt ihre Leuchtkugeln ins Rund. Die Show ist nicht der König, der seine Soldaten in andere Gebiete entsendet. Die Show hat keine Soldaten, sie hat die Serpentinen-Tänzerinnen. Die Show ist die elegante Kurve, die das Luftschiff nimmt durch schwere Luft. Dem verlorenen Kämpfer wird das Atmen schwer. Dem Sänger, dem Tänzer, dem Reiter wird die Luft leicht. Ein großes Publikum findet hier zu seiner Show. Zu Tänzern werden die Reiter. Victor beherrscht vor allem den wilden Ritt. Die Horde muss sich austoben, die ungezügelten Wesen suchen ihren Ausdruck in Wildheit. Die Stunde der Horde ist da. Die Brandschutztür hält. Das Ungestüme drängt. Es gibt keine Situation, die nicht Tanz werden kann.

Der Kuss
Maxim kann fliegen. Er schraubt durch die Luft wie draußen die Samen des Götterbaums, um sich dann erst wieder der Anziehungskraft der Erde zu erinnern. Ein wilder Baum, der Götterbaum. Ein disziplinierter Tänzer, Maxim. Weder Victor, der Reiter, noch Maxim, der Tänzer, dürfen die Kontrolle über den Körper verlieren. Und “Chef” kann sie nicht abgeben. “Chef” ist zuständig, unwiderruflich, jederzeit. “Chef” versteckt sich nie; trotzdem bekommt man ihn nur zu sehen, wenn man mit dem Luftschiff aufsteigt und von hoch oben einen Blick auf die Situation wirft. Das Luftschiff sucht seinen Hafen. Maxim wird zu Hermes und durchdringt die Zeit mit einem gigantischen Sprung. Er landet. Schließlich der Kuss. Eine große goldene Ikone aus der jüngeren Malereigeschichte taucht vor dem Auge der Erinnerung auf. Gustav Klimts “Kuss” lässt das Paar vor dem Abgrund stehen. Das liebende Paar gegen die Endlichkeit allen Seins. Ein einziger wahrhaftiger Kuss gegen die unerbittliche Maschinerie, gegen Zahnräder und Walzen, Riemen und Getriebe, gegen die Uhr, nicht gegen die Zeit. Ein Kuss, der eine Gegenwelt entwirft, die das letzte Wort hat. Weil sie schmerzt und empfindsam ist, weil sie pulsiert und sich verströmt. Weil sie wach ist. Weil sie Väter und Mütter hat. Weil die menschliche Seele für sie Größe besitzt. In diese Größe passen die Wilde Jagd wie auch das Gold des Käfers und die unsichtbaren Flügel, die Maxim tragen. Diese Flügel heißen “Ausdauer” und “Leidenschaft”. Der Produktionsleiter verweist auf das Magische Quadrat. Um diesen Raum schließt sich der Kreis. “Erst dann kann er sich wieder öffnen.”

Ein Go! für die Show
Apassionata feiert die Eleganz der Schöpfung. “Slowly slowly slowly …” Sandor weiß, wie die Ereignisse herbeizuführen sind. Holger lässt seine Hände sprechen, er sitzt selten, “Crew” sitzt nur zu den Mahlzeiten, in der Kostümbildnerei sorgen Stecknadeln und rasende Nähmaschinen dafür, dass jedes Gewand sitzt. Ein Samurai-Kämpfer verzieht keine Miene, und auch keine Naht darf verzogen sein. Die Serpentinen-Tänzerinnen hingegen umschwebt fließendes Weiß. Im Kegel aus Licht enthebt sich die Wirklichkeit der Zeit und gelangt auf eine andere Ebene. Dort fliegt das Luftschiff dahin, es findet von selbst seinen Weg, fast so wie die Nadel von Isas Nähmaschine. Für fünf Minuten heißt die Kostümbildnerei einmal “Näherei”. Wegen der Nähe. Die Atmosphäre dicht und hochkonzentriert. Selbst der Kaiser von China könnte hier eingekleidet werden. Selbst Kaisermäntel, die die Verbotene Stadt nötig hätte, würden hier angefertigt werden können. Apassionata ist eine spannende Alternative. Jeder Tag in der Kostümbildnerei garantiert die prachtvollen Augenblicke der Show. Woppi, der Hund, ist jeden Tag Kaiser, und noch mehr Kaiserliches ist enthalten in den Kaiserbrötchen und im Goldgelb des Spitzahorns draußen, bei Tageslicht. Erzählt wird eine Story, die das Hier und Jetzt erreicht. “Jedes Jahr eine Story”, so Holger. “Dieses Jahr waren die Bäume meine Inspiration. Denn wir sind Baummenschen. Bäume schauen in alle Zeiten. Und sie beherrschen das Augenzwinkern.” Es ist Freitag, und dieser Freitag will die Tür zum Samstag werden. Die irdischen Türen zum Samstag sind die Tore der Arena, das Portal und die Brandschutztür, die immer wieder geschlossen werden muss. Sie öffnen sich für Tänzer, Sandor und Lotti, Reiter, Pferde, Inspizient, Stallmeisterin, Pferdechefin, Globus, Messer, Feuer, “Crew”, “Chef”, Wächter1, Dramaturgen, die Kathrinischen Schutzpatroninnen dieses Projekts und die Abgesandten des Paten-Universums, die Sternenfrüchte bringen für die geduldigen Vier an den lenkbaren “Follow Spots”-Licht-Kanonen. Es gibt keine Situation, die nicht Tanz werden kann. Die Show macht sich bereit. Ein großes Publikum wird erwartet.

© Text & Photos Ina Kutulas