Apassionata-Tagebuch, Riesa, 20.10.2017

Ein Traum-Tagebuch von Ina Kutulas zur Show „Apassionata – Der Traum“ von Holger Ehlers

Auf dem Fußballfeld nebenan die Aufwärmphase. Dutzende Männer in Grün, Gelb, Violettblau. Der Vormittag findet seine Themen auf dem Boden der Realität und im Himmel. Eine Wolkenflotte ist aufgezogen. Sie nimmt inzwischen die Hälfte des Blaus ein. Ein weißes Pferd wird gewaschen, das Wasser lässt seinen Körper glänzen. Zwei Männer beschäftigen sich mit diesem sensiblen Geschöpf, das einen grünen Wasserschlauch akzeptiert. Großes Bild, umrahmt von der Nüchternheit des Bereichs vor der Halle, ein Bereich, der nichts weiter als seinen Zweck erfüllen muss.

Die Pferdemajestäten bringen Erhabenheit in die Alltagssituation. Dazu müssen sie beschäftigt werden. Sonst erleiden sie die Qual der Langeweile. Würde ein Pferd hier die Langeweile plagen, dann liefe etwas schlecht bei Apassionata. Das Kind Hannah im Pullover mit großem Leopardenmuster-Herz auf der Brust hebt schwere Früchte, fast größer als seine Hand, und sorgt dafür, dass es gut läuft.

Es ist windstill draußen. Jeder an seinem Platz. Der Tischler an seiner Bank, Tag für Tag; lange, schmale Kästen werden gebaut. Das Luftschiff hat sich in Luft aufgelöst. Nachts werden in den Kästen viele Luftschiffe schlafen, und sie werden verschwunden sein, wie von etwas Übermächtigem verschluckt, bevor der Tischler wieder zurückkommt, des morgens. Das große Luftschiff hat seine eigene Flotte wie der Himmel die Wolken. Die Kästen werden zu Bänken, die Bänke zu Schränken, der Himmel zur Küche, die Küche zur Arena, das Wasser kocht, die Proben laufen, die Tänzer sind zahlreich, ein junger Nurejew ist dabei.

Von Kabeln und Leitungen ist dieser Tag durchzogen. Amelie hat ein System aufgebaut. Wasser und Strom fließen. Die Elemente versuchen einander. Luft verbindet Luftschiff und atmende Körper, frei, allein für sich im Raum oder aufeinander eingespielt. Alles atmet und hört, wie die Uhr tickt, immer. Die Zeitfenster sind begrenzt – auch die für Kontroverse und Symbiose. Die Unermüdlichen, die man kaum sieht, haben wenig Schlaf, die Geister der Apassionata, die das Werden der Show vorantreiben, im Hintergrud, der jetzt der Vordergrund ist. Wenig Gelegenheit, Tageslicht an sich heranzulassen. Vierzig Stunden in vierundzwanzig.

Nur Pferde und Bäume schlafen im Stehen. Die Worte folgen dicht auf dicht. Die Schweigsamen müssen reden, und die Erzähler sich in Geduld fassen, sonst ecken sie an. Stoßstellen schmerzen. Dieser Schmerz wirkt sich aus auf den Tonfall, auf Farben, Schrittmaß, auf die Menge an Gold oder Rot in den Szenenbildern und auf Freundschaften, alte und neue.

Ina Kutulas