Die griechische Krise und meine Liebe zu Deutschland

 

5 JAHRE GEGENSEITIGES DEUTSCH-GRIECHISCHES BASHING SIND GENUG!

Ich schätze das Leben in Deutschland sehr, und ich schätze die Deutschen und ihre funktionierende Zivilgesellschaft – etwas, das wir in Griechenland nicht haben (eines unserer größten Probleme). Meine Seele ist zwar „griechisch“ durch und durch, aber mein Geist ist „deutsch“, und der liebt Bach und Mahler, Schubert, den Dresdner Kreuzchor, Schopenhauer, Hölderlin, Immanuel Kant, Hermann Hesse, Thomas Mann, Caspar David Friedrich, Gerhard Richter, Max Beckmann, Hannah Höch, Siegmar Polke, Joseph Beuys, Käthe Kollwitz, August Sander, Paul Celan, Martin Walser, Heiner Müller, Volker Braun, Christa Wolf, Wim Wenders, Adolf Endler, Hans Magnus Enzensberger, Bertold Brecht, Marlene Dietrich, Ernst Bloch, Hanns Eisler, Udo Lindenberg, Klaus Kinsky, Konstantin Wecker, Peter Stein, Pina Bausch, Wolf Biermann, Hannah Arendt, Rainer Werner Fassbinder usw. usf. – und ich liebe all meine zur Zeit etwas „diffusen“ deutschen Freunde.

Egal, was die Regierenden machen und wie sich einzelne Politiker und Journalisten verhalten, egal, wie zum Teil menschenverachtend die Bild-Zeitung gegen uns „gierige Griechen“ hetzt und uns in ihren Veröffentlichungen zu Bürgern Zweiter oder gar Dritter Klasse degradiert – denkt daran: Diese Journalisten sind nicht „Deutschland“. Viele Menschen in Deutschland schätzen uns Griechen, genauso wie wir Griechen Deutschland lieben. Vergeltet also nicht Gleiches mit Gleichem, selbst nicht in diesen Augenblicken „höchster Not“. Wir Griechen in Deutschland sind „Botschafter“ und „Über-Setzer“ zwischen den beiden Nationen; und gerade jetzt, da die deutsch-griechischen Beziehungen auf einem solchen Tiefpunkt angekommen sind, wie wir es seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie erlebt haben, sollten wir dementsprechend handeln und für Ausgleich sorgen… Kritisieren – ja, streiten – ja, parodieren – ja, aber nicht beleidigen, nicht herabsetzen, nicht entwürdigen. Wir sollten die Möglichkeiten des Dialogs und der Streitkultur ausschöpfen, sie aber niemals zerstören (auch wenn das schwer fällt).

Gert Hof, ein guter Freund, der leider vor ein paar Jahren den Kampf gegen den Krebs verloren hat, sagte immer: „Asteris, egal, was passiert ist, such den Fehler erst einmal bei dir.“ Darum sollten wir Griechen bei uns selbst anfangen – eine Prämisse, die mir so wichtig ist, dass ich mich gern selbst zitiere: Das derzeit für mich Erschreckende ist nämlich, dass ich beim Disput zwischen uns Griechen (sowohl in Griechenland als auch in der Diaspora) erlebe, welcher Dogmatismus herrscht, welche verbalen Erniedrigungen einander zugefügt werden, welcher Starrsinn noch immer besteht, welches Beharren darauf, dass die Ansichten eines anderen nichts wert sind, Schwachsinn oder Gedanken eines „Feindes“ oder gar „Verräters“. Die Zeiten des Bürgerkriegs und der „unnatürlichen Entzweiung“ sind längst vorbei, dachte ich, und vieles sei inzwischen anders, besser, offener. Dass es inzwischen selbstverständlich sein müsste, einander zuzuhören und tolerant zu sein. Dass inzwischen klar geworden sei, dass die politische und die emotionale Entzweiung der Griechen das Immunsystem des Landes geschwächt und zu zerstören begonnen haben. Dass dieser Prozess nicht weitergetrieben werden sollte. Dass jeder Einzelne sich dem verweigern müsste.

Ich hätte nie gedacht, dass nach so viel Auseinandersetzung in den letzten Jahrzehnten, nach so viel Zeit, in der wir nicht unter Gewehrfeuerbeschuss waren, in der keine Bomben fielen, in der Freunde, Bekannte, Kollegen oder Nachbarn nicht auf Nimmerwiedersehen verschwanden, nach so viel Zeit, die uns gegeben war, um Abstand zu gewinnen, in uns zu gehen, tiefer zu sehen, unsere Ansichten auszutauschen, … dass nach so viel Zeit trotzdem so viel gegenseitige Verachtung, Abschätzigkeit und Hass herrschen und das Haar in der Suppe gesucht wird, während unser Land, Griechenland, das Land, das wir alle so nötig haben, den schlimmsten Niedergang seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt und damit ein Verlust von Heimat stattfindet, der vor allem einen Verlust unserer kulturellen Identität und zugleich unserer „Menschlichkeit“ bedeutet. Griechenland wird nicht in einen politischen Dialog mit anderen Ländern kommen können, solange uns Griechen das nicht einmal im eigenen Sprachraum gelingt.

Unsere Freunde hier in Deutschland, unsere Kollegen und Nachbarn sind uns verbunden, weil sie uns als Philanthropen kennen und neben unserem Humor auch unsere Ernsthaftigkeit mögen (glaube ich jedenfalls). Wenn ich eingangs von der deutschen Zivilgesellschaft schrieb, die ich so sehr schätze, dann vor allem wegen der hier gelebten Meinungsfreiheit, die es ermöglicht, Kontroversen zu führen, einander zu kritisieren, ohne dass damit unweigerlich abgrundtiefe Verachtung, nicht endende Feindschaft und ein nicht enden wollendes Einander-Schlechtmachen oder so etwas wie „politische Sippenhaft“ einhergehen. Es ist mir in Deutschland wohl nie passiert, dass jemand an jemandem Kritik äußerte und im gleichen Atemzug erwähnte, aus welcher Familie der von ihm Kritisierte kommt, welcher Partei der Vater nahe steht, der Bruder usw. usf. Ich habe es leider aber sehr sehr oft erlebt, dass wir Griechen das sehr stark thematisieren und dass daraus niemals etwas Konstruktives resultierte. Wie viele wunderbare Projekte sind daran gescheitert … Für mich ist das die Fortsetzung des Bürgerkriegs – denn das war im Interesse der Machteliten unseres Landes auch in den letzten 40 Jahren -, der dadurch nie aufgehört hat, sondern unser Denken offensichtlich weiter bestimmt. Die Debatten in Deutschland empfinde ich dagegen oft als eine Wohltat, denn hier gibt es eine Welt auch neben und unter jener der „kalten Machtpolitik“. Lasst uns dort ansetzen und mit friedensfördernden Maßnahmen beginnen… Wir müssen die Trümmer des Krieges beiseite räumen – vielleicht endet er dadurch schneller.

Gottfried Bräunling: Nicht seehen, nicht hören, nicht sprechen
Gottfried Bräunling: Nicht sehen, nicht hören, nicht sprechen