»Werft kein Tränengas mehr. Wir weinen auch so.«

Vorwort zu:

DIE HOREN (Nr. 249), I/2013
»Sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt…«
Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land

Herausgegeben von Asteris und Ina Kutulas

Zu diesem Band – von Asteris Kutulas

Im November 2012 sagte Jazra Khaleed bei einer Begegnung am Syndagma-Platz in Athen, interessanterweise führe die jetzt herrschende gesellschaftliche Situation in Griechenland nicht nur zu einem Zustand der Lethargie, Ungewissheit und Depression, sondern sie führe vereinzelt sogar zu Situationen, die er, Jazra, in den Jahren zuvor so noch nicht erlebt habe. Einige von ihm mitorganisierte Lesungen hatten in den letzten Monaten enormen Zulauf gehabt und das Interesse für Lyrik zum Beispiel sei immerhin so stark gewesen, dass man über die Gründung neuer, kleiner Verlage und über alternative Veranstaltungsformen nachzudenken und diese umzusetzen beginne. Man könne es selbst kaum glauben. Hin und wieder ist davon zu lesen und zu hören, dass sich in der Bevölkerung Formen von Solidarität zu entwickeln begonnen hätten, die es zuvor in dem Maße nicht gegeben hat, und zwar „sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt …“

Es gibt es also, das „andere Griechenland“, das nicht „bankrott“ und „korrupt“, das nicht von Faulenzern, Schmarotzern, Betrügern bewohnt und nicht von „2000 Jahren Niedergang“ gekennzeichnet ist – tatsächlich ist „dieses Griechenland“ eine Chimäre im ursprünglichen Sinn des Wortes. In vorliegender Anthologie kommt nicht das Land der „Pleite-Griechen“ – die Bild-Zeitung soll diese Bezeichnung zwischen 2010 und 2012 in 127 Ausgaben benutzt haben – zu Wort, sondern es äußern sich Autoren, die in einer Sprache schreiben, die seit der Antike ununterbrochen gesprochen wird. Giorgos Seferis brachte diese Tatsache in seiner Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises 1963 wie folgt zum Ausdruck: „Unser Land ist klein, verfügt aber über eine gewaltige Tradition, die ungebrochen bis in unsere Zeit weiterwirkt. Griechisch ist zu allen Zeiten gesprochen worden. Unsere Sprache hat sich verändert, wie sich alles Lebendige ändert, aber Brüche sind ihr erspart geblieben.“ So haben wir versucht, in dieser horen-Ausgabe aufzuzeigen, wie dieses „Ungebrochene“ in einem heute scheinbar so sehr verlorenen Land aussieht. Entstanden ist eine nach sehr subjektiven Gesichtspunkten zusammengestellte Textsammlung ohne jeden Anspruch auf irgend eine Vollständigkeit oder literaturhistorische Relevanz. Nach einiger Zeit entdeckten wir allerdings doch ein – quasi unsichtbares – Kriterium, das uns offensichtlich leitete, unsere Schwerpunkte diktierte und das sich umschreiben ließe mit dem Begriff „Widerstand“. Bei näherem Hinsehen mussten wir erkennen, dass das Begriffspaar „Literatur und Widerstand““ – wobei es dabei schon um Leben und Tod geht – Griechenland offenbar „adoptiert“ zu haben scheint. Denn die Geschichte der neugriechischen Nation des 20. Jahrhunderts war geprägt von deren schrittweiser territorialer Konstituierung seit der Unabhängigkeit eines Rumpf-Griechenlands 1830 (hinzu kamen: die Ionischen Inseln 1864, Thessalien 1881, Kreta 1908, die meisten Inseln, Epirus und Makedonien mit Thessaloniki 1913), einer extremen politischen Polarisierung (zwischen Republikanern und Monarchisten, zwischen Rechts und Links), mehreren Kriegen und einem Bürgerkrieg. Tatsächlich enden die kriegerischen Auseinandersetzungen der Griechen mit dem Osmanischen Reich bzw. später mit der Türkei erst 1922. Im darauf folgenden Jahr kommt es zu einem Bevölkerungsaustausch. 1,5 Millionen in der kleinasiatischen Türkei lebende Griechen werden nach Griechenland und 500.000 in Griechenland lebende Türken in die Türkei zwangsumgesiedelt.

Nach den Balkankriegen 1912/13, der Beteiligung Griechenlands am Ersten Weltkrieg 1916 bis 1918, nach dem Griechisch-Türkischen Krieg 1922, nach der faschistischen Metaxas-Diktatur 1936 bis 1940, nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 sowie dem sich anschließenden Bestehen eines Militärstaates mit Notstandsgesetzgebung (der bis Anfang der 60er Jahre existierte), begann in Griechenland erst gegen Ende der 50er Jahre eine Normalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich Anfang der 60er Jahre langsam stabilisierten. Allerdings bedeutete der Militärputsch im April 1967 ein jähes Ende dieser so kurzen und vor allem ersten (!) halbwegs demokratischen Phase in der Geschichte der jungen griechischen Nation – mit verheerenden Folgen für die weitere gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung. Griechenland ist ein Sonderfall: Es war das einzige westeuropäische Land, in dem 1967, also zwei Jahrzehnte nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, eine Militärdiktatur installiert wurde, die immerhin sieben Jahre lang, bis 1974 währte. Weder die NATO-, noch die westlichen europäischen Partner Griechenlands, noch seine USA-Verbündeten waren bereit, einen Beitrag zu leisten, damit das Obristenregime so schnell wie möglich wieder verschwindet, sondern sie alle richteten sich mit der Diktatur ein, die ein Volk traf, das – zum ersten Mal in seiner neueren Geschichte – einen Hauch von Demokratie hatte erleben dürfen. Die neugriechische Literatur entstand in einem Umfeld, in welchem permanent Krieg, Krise, politische Unruhe und menschliche Not herrschten. Die Autoren reagierten darauf ganz unterschiedlich.

Konstantin Kavafis wählte, um seine „politischen Botschaften“ übermitteln zu können, den „Umweg“ über das hellenistische Zeitalter und verbarg sein Privatleben und insbesondere seine Homosexualität mit einer höchst beeindruckenden Konsequenz, die uns offenbart, welcher existentiellen Bedrohung er sich ausgesetzt sah – selbst als „griechischer Dichter“ im fernen Alexandrien in Ägypten. Kostas Karyotakis, der in den zwanziger Jahren nicht nur als Dichter berühmt wurde, sondern sich gesellschaftlich in der Gewerkschaftsbewegung engagierte, nahm sich das Leben, weil er als Beamter aus politischen Gründen in ein Provinznest zwangsversetzt wurde, wo er nicht mehr „atmen“ konnte. Maria Poliduri engagierte sich für den Feminismus und die Frauenfrage und gehörte in den zwanziger Jahren zu den „Aussätzigen“ der griechischen Gesellschaft. Die Tuberkulose, die die noch sehr junge Dichterin dahinraffte, war eine Krankheit der Armen; den Aufenthalt im letzten Sanatorium ermöglichten Bekannte – allerdings unter einem Vorwand, denn Maria Poliduri hätte diese finanzielle Unterstützung niemals akzeptiert.

Odysseas Elytis wurde der Literatur-Nobelpreis für die poetische Kodierung des Leidens des Griechentums vor allem während des 2.Weltkriegs in seinem Epos „Axion esti“ verliehen.

Jannis Ritsos, Mikis Theodorakis, Tassos Livaditis und fast alle anderen hier im Band vereinten Autoren, die in den ersten 40 Jahren des letzten Jahrhunderts geboren wurden, machten Gefängnis, Verbannungslager und Folter durch, ihre Bücher waren zum Teil für Jahrzehnte verboten, einige dieser Autoren mussten emigrieren oder waren beruflichen oder persönlichen Schikanen der Staatsmacht ausgesetzt.

So findet sich fast die gesamte linke Intelligenz Ende der vierziger Jahre auf der Todes- und Folterinsel Makronisos wieder, auf der das riesige Lager mit Hilfe der englischen und später der amerikanischen Regierungen aufgebaut wurde und bis 1950 bestehen bleiben konnte. Das geschah während des griechischen Bürgerkriegs, der im Dezember 1944 nach dem militärischen Eingreifen britischer Truppen gegen die linke Befreiungsbewegung EAM ausbrach. Eine europäische Demokratie – nämlich Großbritannien – arbeitete also Hand in Hand mit ehemaligen faschistischen Nazikollaborateuren, um eine demokratische Regierungsübernahme durch die enorm starke griechische Linke gewaltsam zu verhindern. Großbritannien setzte seine Machtinteressen in Griechenland berechnend und ohne demokratische Legitimation durch: angefangen mit der Wiedereinführung der Glücksburg-Monarchie -– also eines dänischen Königs, der in Griechenland zum Staatsoberhaupt gemacht wurde -–, bis hin zur gezielten Provokation eines Bürgerkriegs (auf Befehl von Winston Churchill) und damit auch zur Eröffnung von Konzentrationslagern, in die zehntausende Linke deportiert und in denen systematisch gefoltert und gemordet wurde. Als Großbritannien in Griechenland schließlich nicht mehr Herr der Situation war, zog es sich zurück und ließ die USA das „Werk“ vollenden. Diese durch anhaltenden Terror und Einschüchterung sowie das Mittel der Bevorzugung und Zurücksetzung erzwungene „“unnatürliche Entzweiung““ (Theodorakis) des griechischen Volkes und die jahrzehntelange Unterdrückung bescherte der griechischen Nation ein bleibendes Trauma, das ein tief im Bewusstsein einiger Generationen von Griechen verankertes antiwestliches Ressentiment zur Folge hatte.

Die sogenannte „Generation der Niederlage“ eines Manolis Anagnostakis, Michalis Katsaros, Takis Sinopoulos etc. durchlebte nicht nur gnadenlose Verfolgung und Diskriminierung in den vierziger Jahren, sondern auch die desillusionierende und von völliger Hoffnungslosigkeit durchdrungene, nachfolgende Dekade der 50er Jahre, die Gefühlswelt und Schreibstil dieser Autoren prägte.

Die permanent kriegerischen Zustände und instabilen politischen Verhältnisse seit der Konstituierung des neugriechischen Staates 1830 führten dazu, dass die nationale Identität Griechenlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in erster Linie über die kulturelle Identität des „Griechentums“ definiert wurde, und es ist bezeichnend, dass in den 60er Jahren, während einer äußerst kurzen demokratischen „Atempause“ von etwa sieben, acht Jahren, eine Kultur aufblühte, die enorme internationale Ausstrahlung hatte und die das künstlerische sowie ästhetische Selbstverständnis der meisten griechischen Kulturschaffenden bis in die 90er Jahre hinein prägte. In breiten Bevölkerungsschichten fand diese Kultur einen phänomenalen Anklang. Und nicht nur das. „Griechentum“ bedeutete nicht mehr nur die immer wieder neu aufwallende Schwärmerei für das Altertum, sondern es war eine moderne Kultur auf hohem Niveau entstanden. Griechische Künstler machten international Karriere und erlangten Weltruhm. Es war, als hätte Griechenland urplötzlich die Zeit seit der europäischen Renaissance in rasantem Tempo aufgeholt. Diese kulturelle Bewegung konnte sich von der siebenjährigen Unterbrechung durch die Diktatur (1967 bis 1974) nur sehr schwer erholen, und mit Beginn der neunziger Jahre ging diese Ära schließlich ganz zu Ende. Sie wurde in einem schleichenden Prozess abgelöst von einer kosmopolitischen, zumeist indifferenten Kulturlandschaft, die ihre nationalen Charakteristika immer mehr einbüßte. Großartige Kunst von griechischen Künstlern entsteht seitdem vor allem in der griechischen Diaspora in den USA, in Australien und Europa, wo genauso viele Griechen leben wie im Heimatland selbst. Jeffrey Eugenides, Alexander Paine und Aris Fioretos seien hier als Beispiele genannt.

Beim – wie ich es nennen würde – „Neuen Goldenen Zeitalter“, den „Golden Sixties der griechischen Kultur“ haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das auf allen künstlerischen Gebieten zu beobachten war – in der Literatur, der Musik, der Bildenden Kunst, auf dem Gebiet des Filmschaffens. Einen Höhepunkt markierte zweifellos die Verleihung des Literaturnobelpreises an Giorgos Seferis 1963. Zugleich gewannen auch die Lyrik von Odysseas Elytis (der 1979 den Literaturnobelpreis erhielt) und Jannis Ritsos immer mehr an internationaler Bedeutung. Die neue griechische Literatur – zuvörderst international repräsentiert durch Nikos Kazantzakis’ Romane – wurde bald schon in vielen Ländern wahrgenommen und in etliche Sprachen übersetzt. Auf musikalischem Gebiet erlangte Manos Chatzidakis 1960, als ihm der Oscar für die Filmmusik verliehen wurde, einen enorm hohen Bekanntheitsgrad. Weit reichende internationale Popularität wurde Mikis Theodorakis’ sinfonischen Werken aus den 50ern als auch seinem späteren Liedschaffen zuteil. Auf dem Gebiet des Filmschaffens kam es in den 50er und 60er Jahren zur Verleihung einiger Oscars und anderer Preise in Los Angeles, Cannes, Berlin, Paris, London etc. an Künstler wie Michalis Cacojannis, Nikos Koundouros, Vassilis Photopoulos etc. Allein in den 60er Jahren gab es 16 Oscar-Nominierungen für einen griechischen Film oder Schauspieler, so viele, wie in keinem Jahrzehnt davor oder danach. Werke der Bildenden Kunst – wie z.B. die von Jannis Zarouchis – fanden Aufnahme in Sammlungen des Pariser Louvre und in die Bestände anderer namhafter Sammlungen und Museen. Mehrere griechische Künstler standen am Beginn ihrer bald schon international anerkannten Karriere (Constantin Costa-Gavras, Theodoros Angelopoulos, Jannis Kounellis, Vangelis, Olympia Doukaki, Petros Markaris). Allseits bekannte und gefeierte Persönlichkeiten waren zu dieser Zeit bereits Maria Callas, Melina Merkouri, Dimitris Mitropoulos, Jannis Xenakis, Irini Pappas, Katina Paxinou, Nana Mouskouri und nicht zu vergessen John Cassavetes, Elia Kazan – beide griechisch-stämmig –, um einige Beispiele zu nennen.

Die kulturelle Blüte, zu der es im modernen Griechenland der 60er Jahre kam, bahnte sich bereits in den 50er Jahren an. Interessanterweise lassen sich sowohl für die desillusionierte und traumatisierte linke Intelligenz als auch die sogenannten bürgerlichen Künstler drei gemeinsame ästhetische Bezugspunkte festmachen: die neuere griechische Kunst seit dem 19. Jahrhundert (z. B. über die „Entdeckung“ der Erinnerungen von Makrijannis, der naiven Malereien von Theofilos, des Karagiosis-Puppenspiels und der „alternativen“ Rembetiko-Musik), die europäische Moderne (z. B. zur als revolutionär empfundenen Tradition des sowjetischen Romans, des französischen Surrealismus, des modernen Balletts und der Neuen Musik) und – natürlich – die Antike (z.B. ästhetisch vermittelt zum einen durch den lakonischen Konstantinos Kavafis, zum andern durch den hymnischen Angelos Sikelianos, der die „Delphische Kultur“ wieder auferstehen lassen wollte).

Der Putsch von 1967 kam nicht nur, um einen erwarteten phänomenalen Wahlerfolg der liberalen Zentrumsunion (Enossi Kentrou) zu verhindern, die kaum als eine das herrschende System bedrohende Kraft angesehen werden konnte, sondern der Putsch war vor allem eine Reaktion auf diese kulturelle Revolution, die von breiten Bevölkerungsschichten und insbesondere von der Jugend mitgetragen wurde und die einen linken libertaristischen und zugleich aufklärerischen Ansatz hatte. Die Kulturtradition dieser „Golden Sixties“ wirkte zwar nach bis in die neunziger Jahre, wurde aber, wie bereits erwähnt, durch die siebenjährige Juntazeit brutal unterdrückt und anschließend ab 1974 von den Regierenden und – ob des dieser kulturellen Bewegung innewohnenden Freiheitspostulats – teilweise auch von der Kommunistischen Partei bekämpft.

Ab Anfang der neunziger Jahre führte die neoliberale Ausrichtung der Politik die griechische Gesellschaft dann in die „“transzendentale Obdachlosigkeit““ (um einen Begriff des jungen Georg Lukács zu benutzen), denn das politisch-wirtschaftliche Streben nach Europäisierung und Globalisierung der Märkte brachte es mit sich, dass nationale und ethnische Besonderheiten immer mehr zurückgedrängt wurden. Das neue finanzgesteuerte Gesellschaftsmodell postulierte sie als Hemmschuhe des Fortschritts. Es brauchte keine eigensinnigen Griechen, sondern „gesichtslose“ Konsumenten, bevorzugt unkritische, die bei ihrer Eitelkeit zu packen waren, wenn es darum ging, sich als Weltbürger zu empfinden und als solche zu beweisen. So gab es, parallel zur griechischen ökonomischen Krise, seit 2009 starke Tendenzen – ausgehend sowohl von einigen intellektuellen Kreisen als auch von offiziellen Regierungsstellen, vor allem vom Bildungsministerium –, die neugriechische Geschichte von 1821 an, beginnend mit dem Ausbruch des Aufstandes gegen die Osmanische Herrschaft, neu zu „schreiben“. Viele bislang tradierte nationale Ereignisse in der neugriechischen Geschichte wurden von offizieller Seite plötzlich neu definiert. Das griechische Volk begann seine Helden, seine Ideale, seine Geschichte zu verlieren, seine nationale Identität wurde in Frage gestellt. Diese Diskussion über das rigorose Uminterpretieren und Umschreiben der Geschichte, bis in die Schulbücher hinein, löste in Griechenland einen Kulturkampf aus, der zum Teil brachial und sehr emotional geführt wurde. Kostas Georgasopoulos, einer der bedeutendsten griechischen Publizisten und Repräsentant der „Golden Sixties“, schrieb auf dem Höhepunkt dieser Auseinandersetzung einen Artikel mit dem Titel Über Fahnenkunde, in dem u.a. folgendes zu lesen ist: „“Viele Jahre nach der Phase der Aufstände (zur Erlangung der Unabhängigkeit Griechenlands, A.K.) bezeichneten Universitätsprofessoren und diverse andere Intellektuelle in öffentlichen Verlautbarungen die Fahnen, die die Menschen auf der Straße getragen hatten, als ‚Lappen‘, als ‚nationalistische Symbole‘, als ‚Idole der Götzenanbetung‘. Dieselben ‚Theoretiker‘ wollen uns nun weismachen, dass die Nationen ‚Konstrukte‘ seien, die Staaten ‚Gewaltmaschinen‘ und die Geschichte unseres Volkes ein Szenarium für eine nachmittägliche Seifenopern-Serie im Fernsehen. Diese Meinungen werden jetzt tatsächlich in den Vorlesungssälen vertreten, sie sind in den Schulbüchern zu lesen, und zu großen Teilen wird die Bevölkerung ruhig gestellt mit Kulturgütern aus Staaten, die im Niedergang sind, Staaten, die die Kultur des Tauschhandels einführten an der Weltbörse der Rauschmittel, der seichten Unterhaltung, der Monotonie, des Schweigens und des Geschreis, der armseligen Sexspiele …““

Dieser Angriff auf allen Ebenen des sozialen Lebens als auch auf das „Geschichtsbewusstsein“ und die „Integrität“ der Griechen löste eine noch nicht dagewesene Identitätskrise des sich bislang als selbstbewusst empfindenden griechischen Volkes aus. Es war zugleich ein innerer Krieg zwischen einer sich der Globalisierung verschreibenden, also „anti-griechisch“ neoliberal agierenden Regierung und der älteren, noch mit Krieg, Bürgerkrieg und der Junta konfrontierten Generation, die ihre Kraft und ihre Zuversicht stets aus den nicht nationalistisch verstandenen Begriffen „Griechenland“, „Heimat“, „Freiheit“ sowie aus der griechischen Geschichte und Kultur schöpften. Ihr ganzes Leben und ihre Ideale sollten einer neuen „kosmopolitischen“ Weltanschauung geopfert werden. Somit wurde das Volk insgesamt für die Regierenden zum Feind, es musste kampfunfähig gemacht werden. Dazu gehörte auch, den Wert seiner kulturellen Traditionen mit Geringschätzigkeit zu bemessen und das Nationalbewusstsein der Griechen zu untergraben und zu zerstören. Also ihre gemeinschaftliche Erinnerung und Kultur auszulöschen. All das bekam das Etikett „Nationalismus“ aufgedrückt.

Der vorliegende Band ist unter anderem das Zeugnis einer permanenten Literatur im Widerstand. Darum beginnt und endet unsere Auswahl mit aktuelleren Texten, dazwischengeschoben ist ein „historischer Exkurs“ mit einigen Klassikern der modernen griechischen Literatur.

Sowohl Amanda Michalopoulou, Christos Chryssopoulos und Jazra Khaleed wie auch der Grafiker Ilan Manouach oder Michalis Michailidis und Petros Markaris reagieren unmittelbar auf den „neuen Kriegszustand“, auf die „neue Junta-Zeit“, als die die letzten fünf Jahre von vielen in Griechenland empfunden und beschrieben werden. In den Texten bzw. Aussagen dieser Autoren wird deutlich, dass bereits lange vor dem ökonomisch-wirtschaftlichen der gesellschaftliche Niedergang Griechenlands deutlich zu erkennen war. Dessen Ausmaß wurde schlagartig offenbar, als es im Dezember 2008, ein Jahr vor Ausbruch der Krise, zu einem gewaltsamen Aufstand der Jugend kam. Die innere Unzufriedenheit mit dem Status Quo der Elterngeneration, der Frust über die soziale Kälte des Staates und insbesondere die als existenzielle Bedrohung empfundene Perspektivlosigkeit entluden sich in einer bisher noch nicht dagewesenen explosionsartigen Protestwelle – das Land hatte sich in ein Pulverfass verwandelt. Das geschah zu einem Zeitpunkt, da die gesamte Generation der 17- bis 30jährigen Griechenland als ein Land ohne Zukunft wahrnahm, ein Land, das im Hinblick auf seinen Wohlstand, seine Kultur, seine soziale Entwicklung dem Untergang geweiht war.

Anlass dieses Aufstandes war der Tod des 15jährigen Alexis Grigoropoulos am 6.12.2008, der nach Zeugenaussagen von einem Polizisten kaltblütig erschossen, nach Angaben der Polizei allerdings durch den Querschläger aus der Waffe eines Polizeibeamten tödlich getroffen wurde. Wie auch immer, Alexis Grigoropoulos wurde zur Symbolfigur einer ausgestoßenen Generation. Kein Kind einer Verkäuferin im Supermarkt, sondern eines Juweliers. Der Zerfall des staatlichen Systems begann auch diejenigen in den Abgrund zu reißen, die bis dahin als ökonomisch abgesichert galten. Niemand konnte sich mehr in der Sicherheit wiegen, durch irgendeinen glücklichen biographischen Umstand vor der trostlosen Realität beschützt zu bleiben. Ein emphatisches Dokument dieser Sinnkrise und Ausdruck des Protestes gegen eine vollkommen kommerzialisierte Alltagskultur ist der folgende Brief von Alexis’ Freunden, den sie bei seiner Beerdigung verteilten:

„“Wir wollen eine bessere Welt! Helft uns! Wir sind keine Terroristen, Vermummten … WIR SIND EURE KINDER! … Wir haben Träume – Tötet sie nicht. ERINNERT EUCH! Ihr wart auch mal jung. Und jetzt rennt ihr nur noch Eurem Geld hinterher, interessiert Euch nur noch für Äußerlichkeiten, seid fett geworden und glatzköpfig, habt VERGESSEN! Wir dachten, ihr würdet uns unterstützen; wir dachten, es würde euch kümmern, dachten, dass auch ihr uns mal stolz machen würdet. VERGEBENS! Ihr lebt ein falsches Leben, lasst den Kopf hängen, habt die Hosen runtergelassen und wartet auf den Tag, an dem ihr sterbt. Ihr fantasiert nicht mehr, verliebt euch nicht mehr, kreiert nicht mehr. Nur kaufen und verkaufen könnt ihr noch. ÜBERALL NUR MATERIELLES. NIRGENDWO LIEBE – NIRGENDWO WAHRHEIT. Wo sind die Eltern? Wo sind die Künstler? Wieso treten sie nicht hervor, uns zu schützen? MAN TÖTET UNS! HELFT UNS!

DIE KINDER
PS: Werft kein Tränengas mehr. Wir weinen auch so.“

Wochenlang gingen zehntausende Schüler und Studenten auf die Straße, besetzten Schulen und Universitäten. Dabei handelte es sich nicht um vereinzelte Proteste, das war ein wütender Aufstand der Jugend, der sich auf das ganze Land ausweitete. Schlagartig wurden der tiefe Generationskonflikt und der Unmut der jungen Griechen im Hinblick auf die sozialen Zustände des Landes sichtbar. Die Ursache für den damaligen Jugendaufstand lag darin, dass diese so genannte „700-Euro-Generation“ (und die „400-Euro-Generation“ im Jahr 2013) schon zu diesem Zeitpunkt keine gesellschaftliche Perspektive mehr hatte. Selbst für die zumeist gut ausgebildeten Absolventen von Fachhochschulen und Universitäten gab es kaum Arbeitsplätze, und wenn, dann waren diese schlecht bezahlt und oft bestanden keinerlei Aufstiegschancen. Die Jugend erlebte tagtäglich, dass sie nicht „gebraucht“ wurde, egal wie viel Zeit, Kraft und Geld sie und ihre Familien in ihre Ausbildung investiert hatten. Für sie war kein Platz mehr in einem Land, das bis 2007 mit die höchsten Entwicklungsraten in der EU aufwies. Die jungen Erwachsenen waren gezwungen, bei ihren Eltern wohnen zu bleiben – im Ausland oft belächelt als diejenigen, die scheinbar nicht imstande waren, sich aus dem „Hotel Mama“ zu verabschieden. Tatsächlich aber konnten die meisten von ihrem geringen Gehalt nicht mal die Miete für eine 1-Raum-Wohnung bezahlen. Offenbar hatte das Griechenland ihrer Eltern sie abgeschrieben, sie waren lediglich geduldete Gäste und empfanden sich als „heimatlose“ Griechen in einem dem Verfall preisgegebenen Land. Bereits ein Jahr später brach die größte ökonomische Krise der letzten 50 Jahre aus. Wiederholt wurde in den Jahren nach 2009 in Griechenland davon gesprochen, dass das Land „zurückgebombt wird auf das Niveau der 60er Jahre“. In den 60er Jahren waren Hunderttausende Griechen wegen des noch immer sehr niedrigen ökonomischen und sozialen Niveaus des Landes gezwungen, dieses als Gastarbeiter zu verlassen, um der Armut und einem weiterhin instabilen politischen System zu entkommen. Seit 2010 tendiert die Situation wieder in dieselbe Richtung. Die Menschen dürfen/sollen scheinbar nur wählen können zwischen völliger Verarmung, „Chaos“ und der Drachme oder völliger Verarmung, „europäischer Ordnung“ und dem Euro. Erstere Möglichkeit ist eine hypothetische, die zweite inzwischen Realität. Tausende, vor allem junge Griechen flohen und fliehen aus ihrer Heimat. Dieser Aderlass an kreativem Potenzial und an Fachkräften besiegelt über kurz oder lang den Zukunftsverlust des Landes. Für eine Gesellschaft, in der die elterliche Fürsorge traditionell einen hohen Stellenwert hat, sind das tragische Zustände, zumal die Eltern-Generation der heute 40- bis 60jährigen sich außerdem dem Vorwurf ausgesetzt sieht, ihre Kinder einer traumatischen Perspektivlosigkeit ausgeliefert zu haben.

Griechenland hat – infolge der Regierungspolitik der letzten vierzig Jahre und der Auswirkungen einiger wirksamer Bestrebungen ausländischer politischer und wirtschaftlicher Einflussnahme – seine junge Generation verloren und damit seine Zukunft. Seine Geschichte wird umgeschrieben; somit verliert das Land seine Vergangenheit. Seine nationale Identität ist infrage gestellt. Es hat die Fähigkeit eingebüßt, sich in der Gegenwart behaupten zu können. Das wirft nicht nur die Frage auf, ob es „Griechenland“ überhaupt noch gibt, sondern vor allem auch, ob es sich überhaupt noch einmal neu erfinden kann.

Dieser Band offenbart zumindest, dass Griechenland sich seit jeher im „Kriegszustand“ befunden hat und dass bis heute Menschen mit Worten und Taten darauf reagieren und Widerstand leisten. Menschen vor allem, die sich auf ihr „inneres Griechenland“ berufen und Mittler sind zwischen diesem und allen Orten „draußen“, an denen es sich wiederfindet.

Bei der Entstehung dieser Anthologie konnte ich mich auf die Unterstützung der Autoren und Übersetzer verlassen – in diesen Zeiten eine überaus erfreuliche Tatsache, insbesondere sei Ina Kutulas (auch für ihre Mitarbeit an der Auswahl und Zusammenstellung dieses Bandes), Michaela Prinzinger und Theo Votsos ausdrücklich gedankt: Efcharisto poly.

© Asteris Kutulas

DIE HOREN 249

Griechische Literatur (1901 bis 2013) in deutschen Erstübersetzungen

Jazra Khaleed | Panagiotis Mpotikis | Amanda Michalopoulou | Petros Markaris | Michalis Michailidis | Lila Konomara | Christos Chryssopoulos | Agoritsa Bakodimou | Konstantin Kavafis | Mikis Theodorakis | Maria Poliduri | Kostas Karyotakis | Giorgos Seferis | Jannis Ritsos | Menelaos Ludemis | Tasos Livaditis | Takis Sinopoulos | Jakovos Kambanellis | Manolis Anagnostakis | Rena Chatzidaki | Titos Patrikios | Nikos Engonopoulos | Odysseas Elytis | Aris Fioretos | Dionisis Karatzas | Sakis Serefas | Lefteris Poulios | Antonis Fostieris | Thanassis Lambrou | Kiki Dimoula

Essays

Asteris und Ina Kutulas | Michaela Prinzinger | Theo Votsos | Gregor Kunz | Horst Möller | Mikis Theodorakis | Peter Geist | Grigoris Katsakoulis | Volker Sielaff | Niki Eideneier

Zeichnungen

Ilan Manouach

Redaktion

Jürgen Krätzer